Donnerstag, 25. Dezember 2014

Das Leben ist ein Traum der Hölle

Heute Nacht hatte ich einen spektakulären Traum. Ich bin Reporter in Berlin. Es hat einen Todesfall gegeben. An einer S-Bahn-Strecke, die durch ein Kiefernwäldchen führt, liegt die Leiche eines Mannes, der offenbar brisante Informationen zu Betrügereien in der Formel 1 hatte. Diese Informationen stehen auf zusammengerollten Blättern, die in einer Mineralwasserflasche stecken, die das Opfer im Rektum hatte! Ich bin am Tatort und mache später auch ein Interview mit Formel 1-Weltmeister Lewis Hamilton, der mit seiner Entourage in der Stadt ist. Wir fragen uns, alle, was an diesen Informationen dran sein könnte und wie er die Flasche in seinen Hintern bekommen hat. Norbert kommt kurze Zeit später als Pressefotograf an den Tatort und macht Fotos, wir kennen uns (auch in diesem Traum) schon lange und ich erzähle ihm die Hintergründe. Beim Abendessen im noblen Restaurant, wo Hamilton abgestiegen ist, spreche ich mit einem Vertreter des britischen Geheimdienstes, die einen ähnlichen Fall untersuchen, den es vor einigen Wochen in England gegeben hat.
Als ich nach Hause in meine Wohnung komme, werde ich überfallen. Ein Mann versucht, mich umzubringen. Es kommt zu einem Zweikampf und ich töte den Mann. Anschließend gehe ich ins Bett. Am nächsten Morgen stehe ich auf und fange an, den Artikel zu schreiben, denn um neun Uhr muss der fertige Text in der Redaktion sein. Während ich schreibe, lasse ich Badewasser ein. Dann fällt mir der Tote wieder ein und ich gehe ins Gästezimmer, um nachzuschauen, um er immer noch dort liegt. Er ist noch da. Ich wage nicht, ihn anzufassen, sondern rufe nur einige Male „Hallo“, aber er bewegt sich nicht. Ich rufe meine Kollegin in der Redaktion an, damit wir eine exklusive Story aus diesem Mordanschlag machen können. Während ich auf sie warte, bade ich kurz und esse eine Kleinigkeit in der Küche. Als sie kommt, macht sie Fotos von der Leiche, und ich arbeite an meinem Text weiter. Ich erzähle ihr, dass der Leichenfund den Wiederverkaufswert meiner Eigentumswohnung schmälern würde. Es ist übrigens Wibke, meine Kollegin aus Kiezschreiberzeiten. Erst danach rufe ich die Polizei.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Frohe Weihnachten

1
Sie: „Was meinst du, wie viel es ist?“
Er: „Schätze mal, so um die fünftausend.“
Sie: „Mehr nicht? Der Typ sah verdammt reich aus.“
Er: „Er war fett. Unglaublich fett. Aber hast du dir mal seinen Anzug angesehen?“
Sie: „Was war mit seinem Anzug?“
Er: „Der hat schon bessere Tage gesehen. Verstehst du, was ich meine? Und richtig reiche Leute tragen heutzutage teure Freizeitklamotten und sehen aus wie Gangsta-Rapper.“
Sie: „Was machen wir mit der Kohle?“
Er: „Erst mal raus aus dieser Scheiß-Kälte. Was hältst du von Spanien?“
Sie: „Ich war noch nie da. Klingt aber nicht übel. Aber mit fünftausend Steinen kommen wir nicht über den ganzen Winter.“
Er: „Da unten gibt’s doch auch reiche Leute.“
Sie: „Kennst du dich denn mit spanischen Panzerschränken aus?“
Er: „Na klar, mach dir keine Sorgen.“
Sie: „Schade, dass kein Schmuck in dem Tresor war. Ich hätte mich über ein Weihnachtsgeschenk aus Gold und Diamanten gefreut.“
Er: „So … fertig.“
Sie: „Das war’s schon? Was ist mit mir?“
Er: „Nerv hier nicht rum, Baby. Wir müssen verschwinden.“
2
Ein unglaublich dicker Mann kam ächzend die Treppe herauf. Er hatte noch etwas in seinem Büro vergessen. Die Steuererklärung von seinem Mandanten konnte er schließlich auch an den Weihnachtsfeiertagen erledigen. Er würde ohnehin nur alleine zu Hause rumsitzen. Im Treppenhaus des Bürogebäudes kamen ihm ein Mann in einem Nikolauskostüm und eine junge Frau entgegen. Sie quetschten sich an ihm vorbei und sprangen lachend die Stufen hinunter.
Als er in sein Büro am Ende eines langen stillen Korridors kam, sah er sofort die offene Tresortür. Scheiße! Das ganze Geld war weg. Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Irgendjemand hatte seine Papiere zur Seite geschoben. Auf der ledernen Schreibunterlage waren zwei feuchte halbmondförmige Abdrücke. Es sah aus, als hätte sich jemand mit seinem nackten Hintern auf den Tisch gesetzt. Links und rechts davon waren zwei schwarze Handabdrücke auf der Tischplatte zu sehen. Es roch nach Schweiß und … irgendwas anderem. Er hatte den Geruch schon lange nicht mehr in der Nase gehabt.
Er setzte sich erst einmal hin und dachte nach. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf und rief die Polizei an.
Voodoo Glow Skulls - Feliz Navidad. https://www.youtube.com/watch?v=KUgZOf5mjYw
P.S.: Als ich 18 war, hatte mir meine Mom einen Kasten Bitburger und eine Stange Camel unter den Weihnachtsbaum gelegt. Davon schwärmen meine Kumpels heute noch!

Dienstag, 23. Dezember 2014

Randy Bonettis „Bird House“

Die Arbeiten des Underground-Filmers Randy Bonetti sind auch auf Youtube zu sehen. Ein Renner sind die Kurzfilme aus der Serie „Da Bird House“, die er vom Fenster der Shadow Factory gedreht hat. Sie zeigen ein Vogelhäuschen im Garten hinter dem weltbekannten Künstlertreffpunkt in Frankfurt-Sachsenhausen, das Randy regelmäßig mit Vogelfutter bestückt. Die Aufnahmen der Vögel sind mit fiktiven Dialogen unterlegt. Hier ein Beispiel:
- Wir sehen zwei Kohlmeisen, die von verschiedenen Seiten ins Vogelhäuschen fliegen –
A: Yo, Alter, was geht ab?
B: Ist voll kalt geworden. Echt kalt, Mann.
A: Lass uns ein paar Kröner reinziehen.
B: Yo ... (futtert lautstark) … und Erdnüsse sind auch dabei. Meine Eltern haben mir erzählt, früher hätte es hier keine Erdnüsse gegeben.
A: Voll krass, ey!
- Eine Amsel kommt ins Vogelhäuschen –
B: Kuck ma! Macht sich hier total breit, Mann.
A: Voll die Bitch, Alter. Geht ja gar nicht.
B: Die ist so fett – ich glaub’s nicht. Echt nicht.
A: Komm, wir fliegen rüber zu dem Meisenknödel. Da können wir chillen.
B: Yo, Mann. Lass uns abhauen.
- Sie fliegen zum Meisenknödel und hängen an ihm von beiden Seiten –
A: Hast du schon gehört, was mit dem Nistkasten hinter der Garage passiert ist?
B: Nee, Alter. Was geht hinter der Garage ab?
A: Da wohnen jetzt Spatzen drin. Voll die Spatzen, ey Mann, ey.
B: Da haben doch letzten Sommer noch Kohlmeisen drin gewohnt.
A: Voll krass, oder?
B: Total. Spatzen sind so frech. Geht echt nicht.
A: Mit denen rede ich schon lange nicht mehr.
B: Man müsste im Winter abhauen können. Wie die Störche.
A: Yo, Mann. Die Großen haben’s gut. Die verbringen den Winter schön in der Sonne.
B: Und wir können uns hier den Arsch abfrieren, Digger.
A: Es ist immer das gleiche.
B: Was für ’ne krasse Scheiße.
A: Aber echt, ey.
P.S.: Pro tausend Klicks auf Youtube bekommt Randy Bonetti einen Euro. Das reicht für eine Flasche Jack Daniel’s pro Woche.
Kraftklub - Schüsse in die Luft. https://www.youtube.com/watch?v=Dx0MGYe4jR4

Montag, 22. Dezember 2014

Bodo von Buckelschreck - die Fortsetzung

Manfred wachte im Krankenhaus auf. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Aber die anderen „Drachenreiter“ erzählten ihm, was sich zugetragen hatte. Und wem sie die böse Geschichte zu verdanken hatten. Bodo war in der Band noch nie beliebt gewesen, zu oft hatte er gute Ratschläge für die Selbstdarstellung und das Marketing der „Drachenreiter“ gegeben. Er hatte die Homepage der Band gestaltet, es war viel Lila dabei, denn mit ihren Cover-Versionen von Modern Talking- und Backstreet Boys-Hits zogen sie eine Menge weiblicher Fans an. Damit hatte Manfred sich schon auf vielen Baustellen den Spott der anderen Handwerker zugezogen und auch der Gitarrist, ein Lkw-Fahrer, berichtete von höhnischen Kommentaren der Kollegen. Nach dem Vorfall blieben Anfragen von Veranstaltern zunächst aus, auch die Gage vom Volksfest konnte nicht eingetrieben werden, da sie nur fünfzehn Minuten gespielt hatten. Noch im Krankenzimmer beschlossen sie, Bodo aus der Band zu schmeißen.
In Runkel war man über den Vorfall zu Recht entsetzt. Ein Krankenwagen und die Polizei mussten geholt werden. Während des ganzen Festes sprachen die Einheimischen und ihre Gäste aus der Umgebung über das beschämende Ereignis. Natürlich sprach sich die Sache in Windeseile im ganzen Lahntal herum, die Lokalzeitungen berichteten über die Gewalttat. Mareks Freunde waren längst im Gewühl verschwunden und hatten den Festplatz verlassen, als die Polizei aus Limburg endlich eingetroffen war. Wie standen die Bürger von Runkel jetzt da? Dieser hochnäsige Professor Bodo von Buckelschreck, dieser zugereiste Parvenü mit seinen Büchern und Interviews, gehörte doch eigentlich gar nicht zu ihnen. Im Stadtrat wurde lebhaft darüber diskutiert und man erinnerte sich wieder daran, dass dieser ewige Besserwisser doch nur ein Zugereister aus der Landeshauptstadt Wiesbaden war. Die feinen Herren in der Landeshauptstadt, so ereiferte man sich, die uns redliche Bürger auf dem Land verachten und nichts Besseres zu tun haben, als unsere sauer verdienten Steuergroschen zu verprassen. Und von den Ratsherren sprang die Verachtung auf das ganze Volk über.
Bodo wurde auf der Straße nun geflissentlich ignoriert, hinter seinem Rücken spotteten die Menschen und machten sich über seinen Manierismus lustig. Über seine italienischen Lederschuhe, sein teures Rennrad, seine Nordic Walking-Stöcke, die edlen Jacketts oder die quietschbunten Sportklamotten. Man klopfte sich auf die Schenkel, sobald er ein Geschäft verließ, und breitete genüsslich die Geschichte seiner Liebschaft aus. Drei Kinder müsse er in seinem Haus großziehen und keines sei von ihm. Bald gäbe es wohl ein viertes und man müsse raten, welcher durchreisende Schelm ihm Hörner aufgesetzt hätte. Seine Frau käme aus Polen oder Rumänien, man kenne solches Volk ja zur Genüge. Setzten sich ins gemachte Nest, ließen sich vom Sozialamt den Fernseher und die Zahnarztrechnungen bezahlen, nur um bald darauf die gesamte Sippschaft aus der Fremde ins schöne Runkel zu holen. Im Kollegenkreis beschränkte man sich auf gelegentliche Anspielungen. Man forderte ihn auf, doch einmal etwas von Metallica zu spielen, oder kam im Metallica-Shirt zu den Sitzungen des Fachbereichs.
Bodo, trotzdem er sich immer tiefer in seine Arbeit verkroch, spürte diesen Meinungswandel sehr wohl. Er sah das höhnische Grinsen der Kassiererinnen, hörte das alberne Getuschel seiner Studenten, bemerkte die sich abwendenden Gesichter der ehrbaren alteingesessenen Bürger, die ihn zuvor noch freundlich gegrüßt hatten. So konnte es nicht mehr weiter gehen. Und nicht nur die Kälte seiner Umgebung machte ihm zu schaffen. Sarahs Zauber war längst erloschen. Sie jammerte, dass mit seinem geringen Beamtensold keine anständige Hauswirtschaft für fünf Personen zu führen sei. Offenbar kannte sie nicht die bescheidenen Einkünfte eines jungen Professors an einer Fachhochschule, die nur wenig über dem Lohn eines Fließbandarbeiters bei Opel in Rüsselsheim lagen. 3500 Euro im Monat – ein Witz. Sie hatte gedacht, sie könnte ihre Halbtagsstelle als Tierarzthelferin aufgeben, sich Schmuck und schöne Kleider, ein eigenes Auto und Fernreisen leisten. Sie hatte gehofft, er würde sie heiraten, aber sie lebten in wilder Ehe zusammen. Sie hatte geglaubt, das Haus gehöre ihm. Aber sie waren Mieter und die Hausbesitzerin, eine mürrische alte Apothekerwitwe, achtete genau darauf, ob die Straße vor dem Haus gekehrt, der Garten gepflegt und die Fenster geputzt waren.
Ich muss hier raus, dachte Bodo. Es war nicht nur das ewige Gezeter und Genörgel seiner „Elbenprinzessin“, wie er sie einst genannt hatte. Sie war kalt geworden wie die Wintersonne. Außerdem hatte sie sich zu seinem stillen Entsetzen als Buddhistin und Kifferin entpuppt. Und mit ihren buddhistischen Kifferfreunden veranstaltete sie regelmäßig „Meditationsabende“ in seinem Wohnzimmer. Auch ihre Legasthenie und ihre Abneigung gegen Bücher störten den erfolgreichen Autor von Fachbüchern. Zudem hatte er in relativ kurzer Zeit gemerkt, dass er mit Kindern nichts anfangen konnte und er sie eigentlich auch nicht mochte. Bodo hatte sich immer einen Hund gewünscht, aber ihm fehlte die Zeit für ein Haustier. Amelia war sechs Jahre alt und spielte am liebsten mit ihren Puppen, denen sie ständig neue Kleider anzog. Nicht sein Ding. Thorben-Linus war vier Jahre alt, schoss mit seinem Fußball alles von den Tischen und Regalen, was nicht angeschraubt oder aus Blei war, heulte bei jeder Kleinigkeit und ließ sich von Bodo gar nichts sagen, „weil du nicht mein Papa bist“. Nova-Klara-Mareike war noch ein Baby und erwartete vor allem Milch, Windeln und eine nächtliche Runde auf seinem Arm durch das ganze Haus. Und dann saß auch noch jedes Wochenende ein anderer Verwandter von Sarah auf dem Sofa.
Am Abend, die Kinder lagen in ihren Betten, wagte er, das Thema anzusprechen. Er habe das Familienleben in all seinen Konsequenzen unterschätzt. Er hätte niemals gedacht, dass es ihm so viel Zeit und Energie rauben würde. Seine Arbeit würde unter der Belastung leiden, er fühle sich in seiner gewohnten Freiheit eingeschränkt. Sie müsse Verständnis für seine Situation aufbringen. Zorn loderte in Sarah auf, sie spürte die Hitze in ihrem Körper und in ihrem Gesicht aufsteigen. Sie war wütend, sie schimpfte, sie verspottete ihn. Kalte Wellen der Verachtung wechselten sich mit glutheißer Wut ab. Sie kämpfte um ihr Leben und die Zukunft ihrer Kinder. Sie warf ihm seinen Egoismus und seine Verlogenheit vor. Er wolle sie im Stich lassen. Keiner seiner Kollegen würde so viel arbeiten wie er, als Workaholic hätten sie ihn verspottet. Er würde sich nur hinter seiner Arbeit verstecken, seine Arbeit als Ausflucht benutzen, um sich vor der Verantwortung für andere Menschen zu drücken. Es war furchtbar, Bodo schwieg betreten. Nach diesem Abend geriet er endgültig in die Hölle. Fortan herrschte eisige Routine im Haus des Bodo von Buckelschreck.
Er begann, sich an anderen Fachhochschulen und Universitäten zu bewerben. Bodo war ein bekannter Buchautor und angesehener Vortragsredner, also rechnete er sich gute Chancen aus. Er bewarb sich in Jena, in Kiel, in Paderborn. Es blieb ihm nur eine Möglichkeit: Alles hinter sich zu lassen, die Arbeit, das Haus, die Familie. Irgendwo weit weg von Runkel ein neues Leben zu beginnen. Er war Experte für Text, Form und Selbstvermarktung. Ein schrieb perfekte Bewerbungen, stellte sich im besten Licht dar, war witzig, charmant und eloquent. Monat für Monat schrieb er Bewerbungen, während sein Leben ihm immer unerträglicher wurde. Es musste ihm gelingen, er war der Beste. Er war immer der Beste gewesen!
Falls Ihnen also jemals die Bewerbungsunterlagen eines Medienwissenschaftlers namens Bodo von Buckelschreck in die Hände fallen – retten Sie diesen Mann!
Jimi Hendrix. https://www.youtube.com/watch?v=a6meMBtTgKQ

Sonntag, 21. Dezember 2014

Demut und Glaube

Der Franziskanerorden wurde im Namen des heiligen Franz von Assisi gegründet und hat sich seit dem Mittelalter mit jedem Gelübde seiner Mitglieder der Armut verpflichtet. Aber auch die Franziskaner sind der modernen, um nicht zu sagen endzeitlichen Gier nach Besitz und dem Ruf des Goldes erlegen – nun sind sie pleite. Sie haben viel Geld in ein Hotel in Rom investiert, aber die Investition der Mönche war nicht rentabel. Es sei auch in Gesellschaften investiert worden, gegen die wegen Drogen- und Waffenhandels ermittelt wird. Umso rührender ist es, dass in Dresden und andernorts für die Rettung des christlichen Abendlands demonstriert wird. Gerade der Katholizismus verdient die bedingungslose Verteidigung auf den Marktplätzen. Die Kirchen werden derweil von syrisch-orthodoxen Christen gefüllt.

Bodo von Buckelschreck

Er hatte seine Freundin in einem Geschäft mit dem schönen Namen „Wurzelglück“ kennengelernt, in dem sich die Veganer seiner Kleinstadt trafen. Sie standen beide vor einem Regal voller Gläser mit Brotaufstrich, als sich ihre Blicke begegneten. Linsencreme, Olivenpaste und Hanfaufstrich mit Kräutern waren mit einem Mal vergessen. Bodo hatte noch nicht einmal die Größe eines Hobbits, aber Sarah musste zu ihm aufschauen. Sein schütterer Abiturientenbart und seine schwarzen Locken gaben ihm etwas Verwegenes, Piratenhaftes. Sie erinnerte ihn mit ihren wasserhellen Augen und dem langen Haar an eine Elbenprinzessin.
Sie sprachen ein wenig über ihre Einkäufe, über Kresse und Sojamilch, lobten das veganeske Lebensmittelgeschäft von Pauline und Friedemann Schober, dann gingen sie noch auf einen koffeinfreien, laktoselosen Latte Macchiato ins Bio-Café „Petersilienstübchen“. Bodo erzählte ihr von seiner Arbeit als Professor an der Fachhochschule Runkel. Wenn er nicht unterrichtete, saß er in seinem Arbeitszimmer, las Fachzeitschriften und arbeitete an seinen Publikationen. Frühmorgens und abends fuhr er mit dem Fahrrad durch den Taunus oder den Westerwald, er wanderte durch die nähere Umgebung und kannte jeden Feldweg im weiten Umkreis. Er trank nur selbstgemixte Smoothies und Früchtetee, Obst, Gemüse und selbstgebackenes Dinkelbrot bildeten den Grundstock seiner Ernährung. Er rauchte nicht, trank keinen Alkohol und hatte keinerlei Erfahrung mit Drogen.
Das alles gefiel Sarah Kurewka. Bodo war Mitte Dreißig, Beamter mit sicherem Einkommen und Pensionsberechtigung, lebte in seinem Elfenbeinturm und hatte keinerlei Erfahrung mit Frauen. Er war eine reife Frucht, die nur gepflückt werden musste. Sarah arbeitete halbtags als Arzthelferin in einer Tierarztpraxis und wohnte in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Nähe des Bahnhofs. Sie hatte drei Kinder von drei verschiedenen Vätern, die alle keinen Unterhalt zahlten. Einer reiste als Clown mit einem Wanderzirkus durch Bulgarien und Rumänien, einer war Hartz IV-Empfänger und einer wurde im vergangenen Jahr abgeschoben, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war. Bodo war die perfekte Ergänzung ihrer Familie. Sie hatte ihn am Haken, das spürte sie. Nun musste der Fang nur noch an Land gezogen werden.
Langsamkeit ist der Schlüssel zu erfolgreicher Folter. Chinesische Foltermeister können einen Tod bis zu sieben Tage hinauszögern. Lingchi – schleichender Tod. Sarah hatte diese Fähigkeit zur Vollkommenheit gebracht. So wie bei der Bambusfolter die Sprossen der Pflanze den Körper des Opfers allmählich durchdringen und lebenswichtige Organe durchbohren, arbeiteten sich ihre Einflüsterungen ins Bewusstsein des Professors vor. „Meine Freundin fand dein Rezept für Auberginenauflauf übrigens total super“. „Ich habe dein Buch gelesen“. „Du bist ein unglaublich sensibler Mann“. „In dem schwarzen Jackett hast du bei der Podiumsdiskussion echt klasse ausgesehen“. „Ich fahre so gerne Fahrrad, du musst mir unbedingt deine Lieblingsstrecke im Westerwald zeigen“. „Du kannst so toll mit Kindern umgehen“. „Lasst uns alle zusammen in die Hundertwasser-Ausstellung gehen“. „Du bist so zärtlich, ich fühle mich echt wohl bei dir“. „Ich möchte mit dir gemeinsam alt werden“. „Mit dir kann ich meine Träume verwirklichen.“ Er konnte diesen Sirenengesängen nicht lange widerstehen. Nach einem Jahr lebte sie mit ihren Kindern in seinem Haus.
Bodo merkte bald, dass er in der Falle saß. Er hatte sich auf seinen ökonomischen Sachverstand, auf seine Fähigkeit zu kühler Berechnung einiges eingebildet. Aber jetzt hatte er für eine ganze Familie zu sorgen, für Kinder, deren leibliche Väter – zumindest zwei von ihnen – gelegentlich vorbei kamen, und auch für die weitläufige Verwandtschaft von Sarah. Ihre beiden jüngeren Brüder hatten ihn Deutschland noch nicht recht Fuß gefasst und suchten Arbeit, der Rest der Familie lebte in Polen an der ukrainischen Grenze, im Marktflecken Brodawka. An Arbeit war in seinem Haus nicht zu denken und so blieb er oft länger in der Fachhochschule, um an seinen Fachaufsätzen und Büchern zu schreiben. Die Kollegen, die meistens nur an zwei oder drei Tagen in der Woche anwesend waren, begannen sich über ihn lustig zu machen. Aber in den Semesterferien wurde es schwierig, einen guten Grund zu finden, um das Haus zu verlassen. Sarah wurde eifersüchtig, weil sie eine Affäre hinter seiner Heimlichtuerei vermutete. Arbeiten konnte er schließlich auch zu Hause. Sie war misstrauisch, schließlich war sie bereits dreimal sitzen gelassen worden. Und wenn die Kinder in dieser Zeit Schulferien hatten, musste Bodo ohnehin zu Hause bleiben und auf sie aufpassen.
Der kleine Professor fand jedoch Trost in der Musik. Sie war, neben seiner Arbeit und dem Sport, seine dritte Leidenschaft. Bodo spielte Keyboard in einer Band, die sich auf Cover-Versionen von Bands wie Modern Talking oder den Backstreet Boys spezialisiert hatte. Aber sie spielten auch „Atemlos“ von Helene Fischer oder Sarahs Lieblingslied „Zombie“ von den Cranberries. Da er keinen Alkohol trank, musste er den Bandbus fahren. Da er Sport machte (Free-Climbing, Nordic Walking, Mountain-Biking), musste er beim Aufbau die schweren Teile des Equipments tragen. Da er Professor war, musste er sich um die Technik kümmern. Da er ein Klugscheißer war, kümmerte er sich auch um die Buchhaltung, machte die Auftrittstermine klar, sprach mit dem Veranstalter und war der Kassenwart. Chef der Band war ein drei Zentner schwerer Leadsänger namens Manfred, der eine Gerüstbaufirma hatte. Obwohl Bodo nur das Omegatierchen der Band war, machten ihn die Proben und Auftritte trotzdem glücklich.
Bis eines Tages ein Bruder von Sarah auf einem Konzert auftauchte. Es war das jährliche Volksfest von Runkel und die ganze Stadt war auf dem Festplatz und in den Weinzelten versammelt. Marek, ein grobschlächtiger unfrommer Geselle, hatte am Morgen erfahren, dass er nach seiner Probezeit als Hilfsarbeiter in einer Baustoffhandlung nicht übernommen werden würde. Bodo hatte seinem Schwippschwager bereits zwanzig Euro gegeben, als er mit seinen Kollegen von „Drachenreiter“ das Schlagzeug und die PA auf die Bühne geschleppt hatte.
Als Mareks Freunde auftauchten, spielte die Band schon und er hatte das Geld vollständig in Glühwein umgesetzt. Die ortsbekannten Rabauken lungerten meistens in einer Rockerkneipe namens „Bones & Pain“ herum. Sie hatten ein paar Flaschen Weinbrand dabei, stellten sich vor die Bühne und forderten laut grölend „Highway to Hell“ von AC/DC. Marek hatte ein breites pausbäckiges Gesicht mit einer platten fleischigen Nase und riesigen Lücken zwischen den grauen Zähnen. Bodo erkannte den betrunkenen Hünen mit der Eintracht-Frankfurt-Kutte in der Menge und zu seinem Entsetzen versuchte Marek nun, zu ihm auf die Bühne zu klettern.
Offenbar wollte er ihm seinen Musikwunsch persönlich mitteilen. Der Bassist stellte sich vor ihn an den Bühnenrand, aber Marek drückte ihn nur unwillig beiseite. Manfred kündigte derweil am Mikrophon ungerührt das nächste Lied an: „Cheri, Cheri Lady“. Da traf ihn eine Schnapsflasche am Kopf, er taumelte und kippte nach vorne ins Publikum, das jedoch in Sachen Stagediving ungeübt war und eilig Platz für den herabstürzenden Leib des Sängers machte. Schlagartig war es still auf der Bühne und auch auf dem Festplatz. Man hörte nur noch Mareks laute Stimme, als er zum Keyboarder sagte: „Bodo, du bist mein bester Freund. Mach doch mal was von Metallica!“
Fortsetzung folgt.
Ultravox – We came to dance. https://www.youtube.com/watch?v=jj5pcbDJClE

Samstag, 20. Dezember 2014

Fakten für Fans

Andy Bonetti hat einen Bruder. Er heißt Randy Bonetti und ist ein Underground-Filmstar, der mit anderen Mitgliedern der „Hessischen Primitiven“ in der Shadow Factory in Frankfurt-Sachsenhausen lebt. Berühmt wurde er durch seinen Film „Zu spät“, eine Schwarz-Weiß-Arbeit. Randy liegt eine Stunde lang in einem Schaumbad und wird aus dem Off von einer Frau beschimpft und beleidigt, ohne dass der Zuschauer den Grund erfährt. Ebenso bekannt ist „Lebst du schon?“, in dem dreißig Minuten nonstop Ikea-Möbel in die Luft gesprengt werden.
Randy ist mit Erna Breitkopf verheiratet. Sie leidet am Borderline-Syndrom mit allen Facetten dieser Krankheit. Sie beherbergt mehrere Persönlichkeiten, hat Bulimie und sie ritzt sich – bevorzugt die Fußsohlen, damit sie beim Laufen Schmerzen hat. Nach jeder Mahlzeit geht sie auf die Toilette, um sich geräuschvoll zu übergeben, auch in Restaurants. Zuvor verschlingt sie Unmengen und hat auch einen ganzen Wäschekorb voller Süßigkeiten in ihrer Küche stehen. Das einzige, was sie bei sich behält, ist der Alkohol. Weißwein, Eierlikör und Weizenbier in rauen Mengen. Bis vier Uhr morgens kann diese Frau trinken, es ist eine wahre Pracht. Erna ist von Zeugen Jehovas adoptiert worden, ihr tatsächlicher Vater lebt inzwischen in Bangkok. Ihre leibliche Mutter lebt getrennt von ihm auf Tahiti. Sie ist schizophren, drogenabhängig und überdies von adliger Geburt, was ihre Tochter eigentlich zu einer „Baroness von Elfenhaar“ macht. Randy behauptet, Erna ginge im Bett ab wie ein rotes Moped. Einmal hat sie versucht, Andy Bonetti zu erschießen, da er sich weigerte, ihr bei der Veröffentlichung ihres Buchmanuskripts „Männer sind Abschaum“ in seinem Hausverlag zu helfen. Glücklicherweise hatte Randy die echten Patronen gegen Platzpatronen ausgetauscht, da er selbst um sein Leben fürchtete.
Seine erste Million verdankt Andy Bonetti nicht seinen phänomenalen Büchern, sondern einer Erbschaft. Eines Tages erreichte ihn die Mail einer Hilda Moreno von einer Bank in Madrid. Sie hatte „eine schwimmende Fonds auf einem Konto“ entdeckt, das „einem toten Auslaender Herr Kenny, der im Jahr 2004 starb“ gehörte. Er hinterließ zwar weder eine Nachkommenschaft oder ein Testament, aber Frau Moreno hatte beschlossen, mit Bonetti die fünf Millionen Dollar zu teilen und ihm seinen Anteil zu überweisen. Das klappte auch umstandslos. Mit einem General aus Nigeria lief die Nummer ein Jahr später gleich noch einmal.
In jungen Jahren verkaufte Bonetti CD-Rohlinge mit selbstgestaltetem Cover unter dem Titel „Absolute Stille“ in Yoga-Studios und an Meditationsgruppen. Ein beigefügtes und selbstverständlich gefälschtes Echtheitszertifikat bestätigte dem Käufer, die CD sei mit einem Außenmikrophon auf der Raumstation Mir aufgenommen worden. Die zweite CD „Heilschweigen mit Andy“ war weniger erfolgreich.
Bonetti kam als Bewegungslegastheniker auf die Welt und kann bis heute nur mit einem Löffel essen. Er bevorzugt Schuhe mit Klettverschluss oder Slipper. Er kann Gegenstände nicht weiter als vierzig Zentimeter werfen und vorher keine Angaben über die Wurfrichtung machen. Er meidet Zebrastreifen, weil sie ihn beim Laufen völlig aus dem Konzept bringen.
Bonettis Trinkerepos „Lakonische Deskription nocturnaler Rudimente“ ist in Island ein Verkaufsschlager.
Bonetti ist der einzige Mensch, der bei Vollmond einen blauen Schatten wirft. Das rätselhafte Phänomen wird derzeit von Wissenschaftlern der Universität Tübingen untersucht.
Böse Zunge behaupten, Bonetti sei so reich, dass er extra jemanden eingestellt hätte, der sein Geld zählt. Das ist nicht wahr.
Bonetti kann mit Tieren sprechen. Aber sie verstehen kein Wort.
„Träume? Natürlich habe ich noch Träume. Ich träume zum Beispiel davon, dass Angela Merkel mein Auto im Bikini wäscht. Ich will Sigmar Gabriel sehen, wenn er in einem String-Tanga und auf Rollschuhen einen Hamburger an meinen Tisch bringt.“ (Andy Bonetti in einem Interview mit dem New Yorker)
Doctor and the Medics - Spirit in the Sky. http://www.youtube.com/watch?v=9X2fdGEWOhA