Mittwoch, 1. April 2026

Die sieben Folterkammern des Dr. Fu-Man-Chu

 

Gestern hatte ich meinen sechsten Zahnarztbesuch in diesem Jahr. Dabei wurde mir wieder ein Zahn gezogen, es war der dritte in diesem Jahr. Von den ursprünglich 32 Zähnen, die ich bei Anlieferung bekommen habe, sind noch 24 übrig. Aber ich wollte ohnehin nie wieder lachen. Dabei hieß es immer, ich hätte die besten Zähne in meiner Familie. Meine Schwester hatte schon mit 16 ihre oberen Schneidezähne verloren und meine Eltern und Großeltern haben sich nie die Zähne geputzt. Dabei sieht man schon auf meinen Kinderfotos die Karieslöcher in meinen Milchzähnen.

Ich bin in den siebziger Jahren auf dem Land aufgewachsen, nur das gehobene Bürgertum kannte so etwas wie Mundhygiene und besaß Zahnbürsten. Jeder Zahnarztbesuch war der blanke Horror. Ich saß als Kind mit meiner Mutter im Wartezimmer und hörte die fürchterlichen Schmerzensschreie aus dem Behandlungszimmer. Es ging zu wie auf einem Schlachthof. Wenn dann schließlich ein Opfer hinaustaumelte, wartete ich voller Angst, welcher Name als nächstes aufgerufen wurde. Was für eine Erleichterung, wenn ein fremder Name fiel. Man fürchtete sich vor dem Klang des eigenen Namens. Aber schließlich war es dann so weit. So müssen sich Menschen auf dem Weg zur Hinrichtung fühlen. Ich war wie in Trance, in einem Tunnel des Schreckens. Im Behandlungszimmer wartete kein Arzt und kein Behandlungsstuhl, sondern der Henker und die Guillotine. Der Zahnarzt war der Teufel in Menschengestalt, jeder Termin ein traumatisches Erlebnis.

1992: Ich habe eine Zyste an einem oberen Schneidezahn. Am Rosenmontag muss ich in die Mainzer Uni-Klinik, kein Witz. Die Eiterblase ist so groß, dass meine Nase schon zur Seite gedrückt wird. Im Behandlungsraum halten mich zwei Mann fest, während ein Dritter die Blase aufschneidet und den Eiter absaugt. Unfassbare Schmerzen, ich brülle den ganzen Laden zusammen. Mein Vater sitzt im Wartezimmer und erzählt mir später, zwei Drittel der Patienten wären geflohen, als ich anfing zu schreien. Eine Woche später wird in einer Operation der obere Teil der Wurzel gekappt. Ein Jahr später bricht ein kleines Stück Zahn ab, als ich in einem chinesischen Lokal in San Francisco auf einen Hühnerknochen beiße. Der Zahn wird dunkler, poröser und schließlich überkront. 2008 bricht die restliche Wurzel entzwei, als ich bei einem rustikalen Bierfrühstück in eine gekochte Fleischwurst (!) beiße. Danach habe ich mich sechs Jahre lang mit einer Maryland-Brücke herumgeschlagen, die immer wieder locker wurde. Seit 2014 habe ich eine Zahnlücke wie Alfred E. Neumann. Es folgten zwölf zahnarztfreie Jahre – bis neulich.

Gestern: Spritze, fünf Minuten warten, Zahn wird gezogen. Schmerzfrei. In zehn Minuten war ich wieder draußen. Nur noch 24 Besuche oder Gott nimmt mich in seiner unerforschlichen Gnade früher zu sich.   

Dienstag, 31. März 2026

Die Stunde der Affen

 

Die Villa, die sich in einem völlig verwilderten Garten verbarg, war von kleinen Giebeln und Erkern übersäht. Sie musste mindestens zweihundert Jahre als sein und war einst als Stadtsitz eines elbischen Adelsgeschlechts erbaut worden. Ich ging zur Tür, nahm den eisernen Ring, der im Maul eines Satyrs befestigt war, und klopfte an.

Ein buckliger Zwerg in einem Pagenkostüm öffnete mir und bat mich hinein. Während er vor mir zum Salon humpelte, betrachtete ich die dunklen Balken an der Decke und die Porträts an den Wänden. Natürlich gab es auch die unvermeidliche Ritterrüstung und die tischhohe Vase aus chinesischem Porzellan.

Im Salon empfing mich Fürst Leopold, ein hagerer Mann um die fünfzig, der auf seidenen Kissen saß und an einer langen Opiumpfeife sog. Die Wände waren mit Mahagoni getäfelt, der Wandschmuck war jedoch durchaus modern: Mandalas und abstrakte Gemälde. Der Fürst bat mich, Platz zu nehmen.

Über diesen Mann kursierten viele Geschichten in der Stadt, teils waren es Gerüchte, teils gab er sie bei gesellschaftlichen Anlässen selbst zum Besten. Man hatte ihm angeblich einen Nacktmull aus dem Enddarm entfernen müssen und er sprach gerne über die sexuellen Ausschweifungen mit einer vierarmigen Inderin in Rajasthan.

„Lieber Fürst“, begann ich. „Die Linken sind uns schon lange ein Dorn im Auge. Ihr seid bekannt für Euer Netzwerk aus Informanten. Es geht um die rote Heidi.“

Tatsächlich gab es dieses unsichtbare Netzwerk aus Dienstboten, Kellnern, Verkäuferinnen, Chauffeuren und Paketzustellern, das den Fürsten immer mit neuen Skandalen und Affären über die Reichen und Prominenten belieferte, die das Fußvolk, von dem sie täglich umgeben waren, nie wirklich wahrnahmen.

„Alfred!“ Der Zwerg tippelte ungelenk ins Zimmer. „Wir brauchen Informationen über Heidi Reichinnek.“ Dann wandte er sich wieder an mich. „Treffen wir uns morgen gegen 15 Uhr auf ein Glas Champagner, lieber Bonetti?“

Am nächsten Tag bekam ich mehr, als ich mir zu wünschen erhofft hatte. Nicht nur Informationen, sondern auch Fotos und aufgezeichnete Gespräche. Heidi bei einer Anprobe im Prada-Laden, Heidi in Lack und Leder mit ihrem Buhlknaben an der Hundeleine, Heidi bei geheimen Absprachen mit Söder.

Bonetti revanchierte sich mit Material aus seinem Bestand: Jens Spahn in einer Badewanne voller Masken, Kai Wegener am ersten Tag des Stromausfalls in der Sauna mit Uschi Glas, Thomas Gottschalk fasst Friedrich Merz ans Knie, Ayatollah Chamenei rittlings auf einer Atombombe.

Die erste Bombe, die Bonetti Media vier Wochen vor der Berlin-Wahl zündete, war jedoch Heidi Reichinnek mit Rüdiger Clooney, dem Bruder des Hollywood-Stars, oben ohne auf einer Yacht in Monte Carlo, während sie Erdbeeren mit Schlagsahne vom nackten Oberkörper eines nubischen Prinzen naschte.

The Chameleons - Up the Down Escalator

Montag, 30. März 2026

Blues, Schweiz und Venen

 Blogstuff 1300

Während die Bundesregierung Steuererhöhungen diskutiert, da die Rekordschulden zum Begleichen der anfallenden Rechnungen offenbar nicht reichen, wird das Publikum durch den „Krimi um Timmy“ abgelenkt, einen hässlichen Meeressäuger im Reihenhausformat, der offenbar zu blöd zum Schwimmen ist und im wieder an einer Sandbank hängenbleibt. Gib dem Tier einen Namen und du kannst das Mitgefühl des degenerierten Pöbels aus vollen Fässern zapfen wie Waltran. Ich erspare Ihnen und mir die Überschrift „Wahlkampf mal ganz anders“ und erzähle lieber von Timmy, dem Spanferkel, das ich letzten Sommer in meinem Garten auf dem Drehspieß gegrillt habe. Vor dem Grundstück skandierten die Tierschützer: „Timmy, für immer in unseren Herzen und Mägen“ und „Alle Spieße stehen still, wenn dein starker Arm es will“.

Merz und Klingbeil wollen zwar keine Vermögenssteuer oder höhere Erbschaftssteuer, aber eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, die selbst Obdachlose und Sozialhilfeempfänger trifft. Genau mein Humor, liebe „Arbeiterpartei“ SPD.

Andrea Kimi Antonelli gewinnt den Großen Preis von Japan und wird mit 19 Jahren der jüngste WM-Führende in der Geschichte der Formel 1. Als Fisichella am 19.3.2006 als letzter Italiener einen Grand Prix gewann, war Antonelli noch gar nicht auf der Welt. Während der Teenager zum Star in Italien wird, beißt sich die Scuderia Ferrari in den Arsch, die für viel Geld den 41jährigen Hamilton ins Team geholt hat, der immer noch sieglos ist.     

Donnerstag: 19.436 Klicks. Das waren sicher nicht alles Leser. Höchsten zehn Prozent. Marschieren hier gerade russische Bots ein – oder sind es die Mullahs, die dahinterstecken? Freitag: Nur noch 10.561 Klicks. Samstag: Absturz auf 10.017. Sonntag: 13.658. Hilfe!

Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ habe ich zum ersten Mal 1981 an der Neuen Wache gesehen. Dort stand jeweils ein Soldat links und rechts des Eingangs, die Wachablösung war ein bekanntes Motiv für Berlin-Touristen. Das Regiment war der bewaffnete Arm der Stasi, eine Elitetruppe nach Vorbild der sowjetischen Tscheka und bestand bei der Auflösung am 2.10.1990 aus über 11.000 Soldaten. Sie bewachten auch die DDR-Politprominenz in Wandlitz usw. Auf einer dreiwöchigen China-Rundreise 2007 habe ich ein ehemaliges Mitglied kennengelernt, der ein wenig aus dem Alltag von Honeckers Prätorianergarde erzählt hat. Sie wären bei der Eroberung West-Berlins ganz vorne mit dabei gewesen, natürlich unterstützt von der Roten Armee. Aber man ließ sie 1989 in den Kasernen, alles blieb friedlich. Chaos gab es genug in West-Berlin. Dauerstau auf allen Hauptstraßen und völlig überfüllte Geschäfte und Kneipen. Zum Glück gab man den Ostdeutschen nur hundert D-Mark Begrüßungsgeld und nicht tausend, sondern hätte man zur Versorgung der Bevölkerung eine neue Luftbrücke gebraucht. Wollte die Stasi damals mit der Maueröffnung West-Berlin destabilisieren?

Hätten Sie’s gewusst? Charles Hittler, der amtierende Bürgermeister von Arcis-sur-Aube, wurde wiedergewählt. Vive la France!

 

Samstag, 28. März 2026

AfD, erwache!

 

6. September: Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kommen nur die AfD, die CDU und die Linken in den Landtag. Obwohl die AfD nur vierzig Prozent der Stimmen bekommen hat (CDU 24 Prozent, Linke 13 Prozent), stellt sie die absolute Mehrheit der Abgeordneten.

10. September: Der AfD-Landesvorsitzende Martin Reichardt wird zum Ministerpräsidenten gewählt. Sämtliche Kabinettsmitglieder sind gesichert rechtsextrem und treten bei ihrer Vereidigung in den neuen feldgrauen Parteiuniformen mit Ordensspange, Säbel und Schulterstücken (drei goldene Sterne) auf.

11. September: Loyale Einheiten der Bundeswehr und der Bundespolizei schließen die Grenzen des Bundeslands. Flüchtlingsheime werden aufgelöst und die Insassen nach Westdeutschland abgeschoben.

13. September: Bürgerwehren patrouillieren in den Innenstädten. Dönerläden, Shisha-Bars, Pizzerien und China-Restaurants bleiben geschlossen. Die Migranten verlassen ihre Wohnungen nicht, einige machen sich auf den Weg nach Berlin und an andere sichere Orte. Ausreisen von Migranten sind erlaubt.

16. September: Der Landtag brennt! Reichardt ruft den regionalen Notstand aus und erlässt Notstandsgesetze. Führerbefehl Nr. 1: Politische Gegner in den freigewordenen Flüchtlingsheimen internieren und streng bewachen.

17. September: Wir gehen in den Untergrund.

***

Halle-Neustadt. Wir sitzen bei Eduard „Ede“ Schmagultzky, der nervös mit einer Stange Dynamit spielt, um den Wohnzimmertisch seiner Plattenbauwohnung.

„Wir müssen den Drecksnazi in die Luft sprengen.“

Ich versuche, ihn zu beruhigen. „Mensch, Ede. Erstens brauchen wir einen Plan und zweitens Waffen. Im Augenblick verhandelt Dobrindt mit Innenminister Kunibert von Schlauchmuffe. Außerdem sind diverse Verfassungsklagen eingereicht.“

„Es heißt, die Russen würden Reichardts Parteitruppen Drohnen, Waffen und Munition liefern. Woher haben die Bürgerwehren denn die AK-47 in rauen Mengen?“

Plötzlich klopft es an die Tür. Sandro wirft sich hinters Sofa und Maik versteckt sich im Schrank.

Ede geht seelenruhig zur Tür, die Makarow in der Hand.

Als er sie öffnet, steht Sascha vor der Tür. „Du kommst immer zu spät, was? Hast der Widerstandszelle eine Heidenangst eingejagt.“

„Dafür habe ich Wodka, Speck, Schwarzbrot und Gurken mitgebracht.“

Die ganze Truppe strahlt erleichtert. Wenig später beugen wir uns alle über einen Plan der Staatskanzlei, den Sandro organisiert hat.

Donnerstag, 26. März 2026

Örtliche Graupelgewitter


Blogstuff 1299

„USA geben Reisewarnung heraus – für die ganze Welt“ (t-online)

Der wunderbare und hochgeschätzte Kollege Chris Kurbjuhn ist gestorben. Eines der letzten Blogs, das ich noch gelesen habe, schließt seine Pforten für immer. Er wohnte nicht weit entfernt in Friedenau, leider habe ich ihn nie persönlich kennengelernt. Mein herzliches Beileid an seine Frau, seine Familie und seine Freunde.

Josef „Jupp“ Eisbrenner erblickte im Alter von drei Jahren das Licht der Welt. Vorher hatte er sein gesamtes Leben in einem Jutesack verbracht, der im Kellerschrank seiner Eltern hing. Seine Mutter war eine willenlose Heroinabhängige, sein Vater ein cholerischer Drogendealer, der im Haus herumbrüllte, bis Speichelfäden aus seinem Mund flogen wie bei einem wütenden Rottweiler. Das Jugendamt befreite ihn und brachte ihn in einer Pflegefamilie unter, wo er bis zu seinem 18. Geburtstag kein Wort sprach. Mit seinem Sonderschulabschluss wurde er in die Welt entlassen und ist heute Bundestagsabgeordneter für die SPD.

+++breaking news+++ Iran blockiert Spargelexport nach Deutschland. Kilopreis explodiert auf über zwanzig Euro. Wirtschaftsministerin Reiche empfiehlt Schwarzwurzeln als Ersatz. Plündernde Horden in Beelitz gesichtet.

Die „gute, alte Zeit“ ist einfach unsere Kindheit und sie war nicht besser als die Kindheit heute.

Beim Münchner Oktoberfest wird in diesem Jahr zum ersten Mal ein Grüner „O’zapft is“ rufen. Wird ein Smoothie aus dem Zapfhahn kommen?

Zwölf Jahre war ich nicht beim Zahnarzt. Dann habe ich mir im Januar zwei wackelige Weisheitszähne ziehen lassen und nächste Woche habe ich schon den sechsten Zahnarzttermin in diesem Jahr, zwei weitere folgen im April. Von den verbliebenen 25 Zähnen, hat der Arzt nach der Zahnreinigung am Mittwoch gesagt, seien sieben „nicht erhaltungswürdig“, einer wird am 31. März extrahiert, wie es bei uns in Wilmersdorf vornehm heißt. Keine sechzig und ich bin schon eine wandelnde Ruine. Ich sehe schon, wie ich abends mein Gebiss in ein Glas mit Corega-Tabs lege und mir beim Einschlafen mein neues Lächeln betrachte.

Ostermontag: Auf der Straße von Jerusalem nach Emmaus begegnen zwei Leser einem Fremden und erkennen ihn nicht. Erst als er an einer Tankstelle Wasser in Benzin verwandelt und eine Runde Duplo spendiert, erkennen sie Bonetti. So steht es geschrieben.   

In eigener Sache: Entgegen anderslautenden Meldungen kommen die in diesem Blog veröffentlichten Pointen nicht durch die Straße von Hormus in unsere Redaktion.

Roland der Furzer – Wikipedia




 

 

Mittwoch, 25. März 2026

Wie kann sich die Politik erneuern?


Georg Diez macht in seinem neuesten Essay „Schüchternheit als politische Kategorie“ einen Vorschlag, der seit Jahrzehnten im politischen Diskurs seine Runden dreht. Man müsse neben den etablierten Strukturen des Parteienstaats neue Strukturen der Bürgerbeteiligung schaffen, um die Legitimität des Systems wiederherzustellen. Per Losverfahren soll ein Gremium von z.B. hundert Menschen geschaffen werden, das Entscheidungen trifft.

Klingt im ersten Augenblick gut, führt aber zu drei Problemen:

1.    Wer legitimiert diese Auswahl an Personen? Niemand hat sie gewählt, niemand hat sich für sie entschieden. Wir überlassen die Demokratie dem Zufall, die Roulettekugel entscheidet über unsere Zukunft.

2.    Welche Fachkenntnisse haben diese hundert Personen? Was befähigt sie, Entscheidungen im Namen aller Bürger zu treffen? Nicht jeder Mensch wird mit der Intelligenz und dem Talent geboren, komplexe politische Probleme zu lösen.

3.    Diese Hundertschaft aus der Lostrommel ist nur auf dem Papier gleich. Es gibt Kluge und Dumme, Erfahrene und Ahnungslose, Aktive und Passive, Menschen mit Durchsetzungsvermögen und Mitläufer, Menschen, die die Fähigkeit haben, Gruppen zu bilden und zu führen, Menschen, die unsicher sind und denen das Selbstbewusstsein fehlt usw. Außerdem sind diese hundert Bürger keine unbeschriebenen Blätter. Sie haben politische Präferenzen, eigene Interessen und sind womöglich anfällig für Manipulationen von außen. Man kann sie nicht dauerhaft einschließen wie die Geschworenen in US-Justizdramen.

Es gibt diese Form der Beteiligung schon lange, man nennt es Bürgerräte. Den letzten bundesweiten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ gab es 2024. Ein Jahr später wurde die zuständige Stabsstelle von Frau Klöckner ebenso unbemerkt wie geräuschlos abgeräumt. Der empörte Aufschrei der Bevölkerung blieb aus. Von den konkreten Auswirkungen der Bürgerräte auf die Gesetzgebung ist nichts bekannt.

Es gäbe noch eine andere Möglichkeit: direkte Demokratie. Abstimmungen als Ergänzung zu Wahlen erlaubt das Grundgesetz ausdrücklich. In Berlin haben wir mit diesem Instrument jedoch schlechte Erfahrungen gemacht. Die Politik hat willkürlich entschieden, welche Abstimmungsergebnisse umgesetzt werden und welche nicht. Schlechte Nachrichten für das Thema Bürgerbeteiligung.

Der Parteienstaat wird sich die Macht nicht aus den Händen nehmen lassen. Der Zivilgesellschaft bleiben der folgenlose Diskurs und die Rolle als Reparaturbetrieb im kapitalistischen System (Armutsbekämpfung, Umweltschutz, Integration usw.).

P.S.: Insgesamt gab es von 1982 bis heute fünfzig bundesweite Bürgerräte, die auf dem Losverfahren basierten.

Dienstag, 24. März 2026

Fernandes / Ulmen

 

Wie viele Menschen war ich in der vergangenen Woche fassungslos und entsetzt, als ich erfuhr, wie lange Ulmen seine Frau gedemütigt und erniedrigt hat – durch virtuelle und körperliche Gewalt. Bevor ich zum Kern meiner Überlegungen komme, zunächst ein paar Vorbemerkungen:

1.    Ich finde es großartig und mutig, dass Frau Fernandes mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen ist und es hoffentlich auch zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird. Man kann diesen bitteren schwarzen Klumpen Dreck nicht ewig in der Seele tragen, ohne daran kaputtzugehen. So etwas vergisst man sein ganzes Leben lang nicht, also muss es raus. Auch wann man durch die Debatte in den Medien noch ein zweites Mal durch die Hölle geht.

2.    Ich kenne Herrn Ulmen natürlich nur oberflächlich in seinen Fernsehrollen. Ich dachte, ich hätte so etwas wie Lebenserfahrung, aber ich habe gelernt: Das harmlose und freundliche Gesicht war nur eine Fassade, hinter der sich ein Monster verbirgt. Ich habe mich jahrelang täuschen lassen.

3.    Die ganze Geschichte ist so bizarr, dass man es nicht glauben mag. Herr Ulmen hätte doch auch als Lieschen23 Sex-Chats mit anderen Männern haben können. Millionen Männer geben sich als sexy Busenwunder aus und sind in Wirklichkeit fette Lkw-Fahrer über fünfzig. Wie kann er seiner eigenen Frau, der Mutter seines Kinds, so etwas Widerwärtiges antun? Dieses Konglomerat an Ungeheuerlichkeiten machte mich im ersten Moment sprachlos.

Ich habe jeden Tag über diesen Fall nachgedacht und frage mich: Wie wird aus einem unschuldigen kleinen Jungen, der mit seinem Teddy spielt, das erwachsene Ungeheuer, das Ulmen offenbar ist? Selbstverständlich hat es viel mit Rollenvorbildern zu tun. Ich kenne seinen Vater nicht, aber andere Vorbilder kennt man aus den Medien, dem Sportverein und der Schule. Ulmen ist Jahrgang 1975. Der Typ einfühlsamer Frauenversteher, der ein guter Zuhörer und verständnisvoller Freund ist, gab es in der „guten, alten Zeit“ nicht oder man hielt ihn für schwul. Bewundert wurden der muskelbepackte Egomane mit Motorrad und Lederjacke in der Dorfdisco, der Mannschaftskapitän der Fußballmannschaft oder die Cowboys, Superhelden und harten Hunde im Fernsehen (Clint Eastwood, Charles Bronson, Bruce Lee – Männer, die man nie lachen sah).

Das Sahnehäubchen der Gegenwart: Soziale Medien geben noch dem erbärmlichsten hühnerbrüstigen Vorstadt-Django eine Plattform für seinen Größenwahn. Alles anonym, alles ungesühnt, jeder Rotz darf propagiert werden – solange man die Politprominenz nicht behelligt. Schließlich funktioniert auf diese Weise das Geschäftsmodell der Zuckerbergs und Musks der Internet-Welt.

Aber ganz offenbar enden nicht alle Männer in dieser toxischen Jauchegruppe ihrer Geschlechtsidentität. Und warum werden Frauen nicht so? Warum musste Ulmen seine Frau so lange quälen, anstatt die Scheidung einzureichen? Sadismus, Rachsucht? Es muss ihm klargewesen sein, dass es ihn irgendwann seine Karriere und seinen Freundeskreis kosten würde. Oder hat er sich wegen seines Erfolgs genauso unbesiegbar gefühlt wie die männlichen Vorbilder seiner Kindheit und Jugend? Eine Art Porno-J.R. oder Provinz-Trump? Mir ist klar, dass ich hier nur Vermutungen äußere – aber es beschäftigt mich dennoch jeden Tag, also schreibe ich darüber. Ich heiße nicht Spock, ich bin kein Stein, ich rege mich auf und ich beziehe Stellung.