So
hätte es ewig weitergehen können. Ich lebte wie ein Kind, das wegen Masern oder
Windpocken zuhause bleiben musste. Den ganzen Tag verbrachte ich lesend,
schreibend, Musik hörend und fernsehend im Bett. Um neun Uhr morgens zog ich
mir einen flauschigen Bademantel an und ging zur Küche, wo die Witwe Hagelmann
schon das Frühstück auf den Tisch gestellt hatte: Brot, Brötchen, Butter,
Marmelade, Honig, Schinken, Aufschnitt und Käse, dazu für jeden von uns ein
Frühstücksei.
Wir
waren drei Zimmerherren, die alle im Erdgeschoss lebten. Herbert, der
geschiedene Handwerker, Volker, der pensionierte Beamte und ich, der Bonvivant
alter Schule. Mein Zimmer lag auf der Gartenseite, es war ruhig und schattig. Volkers
Zimmer war auf der anderen Seite des Flurs, zur Straße lagen die Küche und Herberts
Zimmer. Wir teilten uns ein kleines Duschbad. Die Witwe wohnte im ersten Stock,
den wir aus Höflichkeit nie betraten.
Mittags
um eins stellte uns die Dame des Hauses die Mahlzeiten auf den Küchentisch, die
wir aus unserer Kindheit kannten. Rouladen mit Kartoffeln und Rotkraut, Schweinebraten
mit Klößen, Gulasch mit Nudeln, Rührei mit Kartoffelbrei und Spinat,
Pellkartoffeln mit Quark oder Linsensuppe mit Würstchen. Das kleine Glück am
Stadtrand kostete jeden von uns tausend Euro im Monat. Wir lebten im Paradies.
Eines
Morgens kamen wir in die Küche und der Tisch war leer. Wir waren ratlos und
ahnten nichts Gutes. Schließlich ging Herbert nach oben und fand die tote Witwe
in ihrem Bett. Was sollten wir tun? Das Leben in der Stadt war sehr teuer
geworden, keiner von uns hätte es sich allein leisten können. Da kam mir eine
Idee. Warum sollten wir nicht den Leichnam der Hausherrin in die Tiefkühltruhe
packen und weiterleben wie bisher? Die Nebenkosten für das Haus wurden weiter
von ihrem Konto abgebucht und wir sparten eine Menge Geld.
Wir
beschlossen, den Haushalt selbst zu führen. Eine Putzfrau würde uns
möglicherweise auf die Schliche kommen. In den ersten Tagen lebten wir von den
wenigen Nahrungsmittel, die wir von der Tiefkühltruhe in den Kühlschrank
geschafft hatten. Aus Gründen der Pietät betraten wir den ersten Stock und den
Keller nicht mehr, gemeinsam erstellten wir einen Putz- und einen Einkaufsplan.
Anfangs
lief es noch ganz gut, aber ich begann, die Bettwäsche nicht mehr zu wechseln
oder in meinem Zimmer Staub zu wischen. Dann verlotterten Bad und Küche. Kochen
konnte keiner von uns, also beschlossen wir, dass jeder selbst für seine
Versorgung zuständig war. Als ich feststellte, dass jemand meine Joghurts aß,
kaufte ich mir einen eigenen kleinen Kühlschrank und schloss fortan meine
Zimmertür ab.
Es
kam, wie es kommen musste. Stromausfall im Hochsommer, ausgerechnet
Freitagnachmittag. Bürgermeister auf dem Golfplatz, die Witwe taut auf. Wir
mieten einen Ford Transit und bringen die Leiche in einem Teppich in den Wagen.
Herbert soll sie in den Wald fahren, verliert die Nerven, fährt die Mühle in
den Graben, die Polizei kommt zufällig vorbei, Geständnis und plötzlich
klingelt es an der Haustür.
Ich
flüchte im Bademantel durch das Fenster in den Garten und klettere über den
Zaun auf das Nachbargrundstück. Zum Glück habe ich noch meine Brieftasche
mitgenommen. Seitdem bin ich in Filzpantoffeln und Goofy-Schlafanzug auf der
Flucht.

