Was bisher geschah: Zwei Tage lang habe ich große
Schmerzen im rechten Unterschenkel, wenn ich gehe. Am dritten Tag rufe ich den ärztlichen
Notdienst an, nach einer halben Stunde ist der Arzt da. Nach seiner
Untersuchung vermutet er, ich hätte eine Thrombose und ruft einen Krankenwagen.
Man
bringt mich ins Sankt-Getrauden-Krankenhaus, ein riesiger Moloch mit tausend
Mitarbeitern. Mein erster Krankenhausaufenthalt seit 1980, damals war Helmut
Schmidt noch Bundeskanzler. Die gute Nachricht: Es ist keine Thrombose, sondern
nur ein Ödem („Wasser im Bein“).
Ich
komme in ein Vier-Bett-Zimmer mit drei alten Menschen, die das Bett nicht mehr
allein verlassen können aka „bettlägerig“ sind, Windeln tragen und in
Urinflaschen pinkeln. Immerhin habe ich das gemeinsame Bad exklusiv. Meine neue
Heimat für zwei Wochen.
In der
folgenden Zeit macht man Unmengen an Untersuchungen. Jeden Tag bekomme ich Blut
abgenommen und vier Flaschen Penicillin als Infusion verabreicht. Ultraschall
sämtlicher Organe, dazu ein CT, eine Magenspiegelung und eine Darmspiegelung.
Es ist wie beim TÜV, alles wird gecheckt. Ergebnis: Blutarmut (ich habe nur
halb so viel Hämoglobin wie ein normaler Mensch, daher vermutlich meine
Antriebs- und Kraftlosigkeit), Gastritis (Entzündung der Magenschleimhaut) und
Lebezirrhose. Aber immerhin kein Darmkrebs. Es ist meine alte Obsession, dass
ich einmal an Darmkrebs sterbe.
Thema
Leberzirrhose: In der zweiten Woche liegt ein obdachloser Alkoholiker aus Polen
neben mir. Ich höre das Gespräch mit der Ärztin, das von einer App übersetzt
wird, da er weder Deutsch noch Englisch spricht. Er trinkt zwei Flaschen Wodka
am Tag, dazu ein paar Liter Bier. Und mir kommen sie hier dumm? Waisenknabe.
Mehr sage ich nicht.
Thema
Blutarmut: Ich bekomme zum ersten Mal im Leben Bluttransfusionen. Fremdes Blut
in meinen Adern. Merkwürdige Vorstellung. Wer von Ihnen, liebe Lesende, ist
Blutspender und hat B -? Vielleicht sind Sie jetzt Teil der ewigen Literaturlegende
Bonetti?
Nach
zwei Wochen verlasse ich das Krankenhaus. Folgendes Triptychon bleibt mir in
Erinnerung. Links steht ein Mann und pinkelt in seine Urinflasche, rechts sitzt
ein Mann auf einem Stuhl mit Loch und presst unter pornomäßigem Stöhnen seinen
Darminhalt heraus („Stuhlgang“), in der Mitte über beiden ist der Fernseher,
ich habe Kopfhörer auf und hoffe, dass ich hier bald wieder herauskomme.
Leider
hat man nach all den Tests nie die Ursache des Ödems finden können, sondern
behandelt nur die Symptome. Auch meine Frage, warum nur das rechte Bein
betroffen ist, bleibt unbeantwortet. Ich bekomme nach meiner Entlassung noch
drei Wochen Bandagen von einem Pflegedienst. Und dann? Sollen Stützstrümpfe
helfen. Wir werden sehen.
Schlusspointe:
Am Tag meiner Entlassung möchte man mich in eine neue Abteilung verlegen – zur
Behandlung meiner Leberzirrhose. Ich lehne ab und lasse mich gegen die
Zustimmung der Ärzte aus dem Krankenhaus entlassen. Nach zwei gesunden Wochen gönne
ich mir zuhause eine Flasche Wein.
PS:
Vor zwei Jahren sollte das Krankenhaus geschlossen werden, dann hat es ein
privater Investor (Alexianer) übernommen, daraus eine GmbH gemacht und
gnadenlos auf Profit getrimmt. Die alten Mitarbeiter, die übernommen wurden,
werden noch nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt, die neuen
Mitarbeiter nach dem Haustarif, der deutlich niedriger ist. Hier kommt Profit
vor Patient, deswegen immer neue Untersuchungen und Therapien. Man wollte eine
CT vom meinem Kopf machen und in den letzten Tagen habe ich auch noch eine
Atemtherapie gemacht – wegen meiner Probleme im rechten Unterschenkel.

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