Samstag, 11. April 2026

Dirne Helene


Blogstuff 1304

„Skandal! Syrer versehentlich nach Sylt abgeschoben.“ (BILD, 11.4.2026)

Das All-day-hangout „Bonetti” (geöffnet von 10 bis 23 Uhr) hat schon jetzt das Zeug, zum Kiezkult in Wilmersdorf zu werden. An der Theke holt man sich die Zutaten, die man beliebig kombinieren kann: Schweinefleisch, Hühnerfleisch, Rindfleisch oder fangfrischer Tofu, dazu Spaghetti, Rigatoni oder Tagliatelle. Am Tisch finden Sie nach dem japanischen Teppanyaki-Prinzip zwei Herdplatten. In einem Topf kochen Sie die Nudeln nach Ihren Wünschen, in einer Pfanne braten Sie das Fleisch. Gerne können Sie sich Tomatensoße, Sahnesoße oder Rahmsoße zusätzlich holen. Viel Vergnügen!

Hätten Sie’s gewusst? Rosenkohl heißt auf Englisch Brussels sprouts, weil das Gemüse ursprünglich aus der belgischen Hauptstadt kommt. Die Bitterstoffe wurden seit den 1990er Jahre gezielt herausgezüchtet, so dass der fiese Geschmack, den wir aus unserer Kindheit kennen, verschwunden ist.

„… auf dem Lieblingsteller anrichten und genießen“, heißt es beim Mikrowellengericht „8 Kostbarkeiten“ in der letzten Zeile. Haben Sie einen Lieblingsteller? Ich schon. Wenn man alles brav aufgegessen hat, sieht man eine Sonne auf dem Tellerboden und morgen gibt es schönes Wetter.

Peppen Sie die Frikadelle als Gastgeber eines Abendessens auf, in dem Sie den amerikanischen Namen „Salisbury-Steak“ verwenden.

Die gute Nachricht: Taco Bell will endlich in Deutschland Filialen eröffnen, allein 15 in Bayern. Die schlechte Nachricht: Keine einzige im Osten oder Berlin. Was für eine Unverschämtheit! Ihr bohnenfressenden und jauchesaufenden Schweine könnt in eure Sombreros scheißen und anschließend an Arschkrebs sterben!!!

Ihm platzten die Hutschnur und der Kragen gleichzeitig, als sein Geduldsfaden riss.

Die Saudis und andere Araber zahlen jedes Jahr Milliarden Dollar Schutzgeld an die US-Mafia (für Waffen und Militärstützpunkte). Zum Dank hagelt es Raketen auf ihre Länder, während der Pate in Washington nichts zu befürchten hat. Kein Wunder, dass die Saudis jetzt ein Militärabkommen mit der Ukraine unterzeichnet hat. Dort weiß man, wie man eine Luftabwehr organisieren muss. Derweil jammert Trump, dass ihm die NATO im „Verteidigungsfall“ nicht beigesprungen ist. Was für ein Verteidigungsfall?

Bonetti lädt zum Energiepreisgipfel. Der Duracell-Hase und der Verivox haben bereits zugesagt.

+++breaking news+++ ATP Teheran Open abgesagt +++breaking news+++

Hiermit beantrage ich Titelschutz für „Die Straßenkinder von Hormus“ und „Der Straßenstrich von Hormus“.

Gimme Some Lovin Spencer Davis Group FULL SONG ReEdit TRUE 1966 STEREO HiQ Hybrid JARichardsFilm

 

Freitag, 10. April 2026

Ein literarischer Briefwechsel

 

Der nachfolgend wiedergegebene Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern und Büchnerpreisträgern Andy Bonetti und Johnny Malta stammt aus dem Jahre 2011 und soll im kommenden Herbst bei Suhrkamp in der Reihe „Dialoge der Weltgeschichte“ erscheinen.

„Lieber Andy, herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Roman ‚Die Pilger von Hanau‘. Ich habe das Buch gerade aus der Hand gelegt und bin noch ganz erschöpft von den vielen Eindrücken und Assoziationen. Der Text ist mit Anspielungen an die Weltliteratur geradezu gespickt. Die Figur des Pralinski ist der Erzählung ‚Eine dumme Geschichte‘ von Dostojewski entlehnt und der Bergomask ist eine Hommage an Thomas Pynchon und seinen Roman ‚V.‘, wenn ich mich recht entsinne. Die Szene am Schluss erinnert mich ein wenig an ‚Vom Winde verweht‘, aber es ist sehr kreativ, sie in Offenbach am Hauptbahnhof spielen zu lassen. Pralinski trägt seine Angebetete die Treppe zu den Toiletten hinunter und wir können nur ahnen, was als nächstes passiert. Genial! Anbei ein Vorab-Exemplar meines neuen Werks ‚Mein linker Zeigefinger‘. Ich bin gespannt auf dein Urteil. Herzlichst, dein Johnny“

„Lieber Johnny, vielen Dank für dein gütiges Urteil. Im Feuilleton der FAZ heißt es dazu ganz schlicht: ‚Ein großartiges Werk von bleibendem Wert‘. Ich habe schon ein wenig in dein Manuskript hineingelesen. Die Szene, wie dein linker Zeigefinger beim Kartenmischen mit den anderen harmoniert, ist ganz superb. Auch den faszinierenden Kern des Klavierspiels hast du gut herausgearbeitet. Die Hauptfigur in dieser Szene ist eine stumme Pianistin, die von einem Verehrer den rechten Zeigefinger mit einer Axt abgehackt bekommt. Irgendwie erinnert mich das an den Film ‚Das Piano‘. Sicherlich auch nur eine ‚Hommage‘. Kannst du dich noch an den herrlichen Abend erinnern, als wir auf Einladung des Frankfurter Kulturdezernenten die Premiere dieses Films in der Astor Film Lounge auf der Zeil gesehen haben und du am Buffet gestolpert bist? Du bist mit dem Ellbogen im Nudelsalat gelandet und hast dann zur Frau des Oberbürgermeisters gesagt: ‚Guck ned so blöd, du fette Sau!‘ Ein unvergesslicher Moment, den ich eines Tages sicherlich einmal literarisch verarbeiten werde. Ganz liebe Grüße, dein Andy“ 

„Lieber Andy, eine köstliche Geschichte. Das erinnert mich an den Empfang in der rumänischen Botschaft, als du so betrunken warst, dass du im Pelzmantel der dänischen Kronprinzessin nach Hause gehen wolltest. Ich habe die Szene in meinem Theaterstück ‚Ein Abend bei Mirko‘ verarbeitet und sie verleitet das Publikum bei jeder Aufführung zu wahren Lachstürmen. Ich kann dir die Arbeit am Theater nur wärmstens ans Herz legen. Man ist einfach näher dran am Publikum und kann aus den unmittelbaren Reaktionen der Zuschauer viel für das weitere künstlerische Schaffen lernen. Viele Grüße, dein Johnny“

„Lieber Johnny, das war mein Pelzmantel. Und wie kannst du dich überhaupt an die Szene erinnern, wenn du bereits lange vor Ende der Veranstaltung mit dem Krankenwagen in die Klinik gefahren wurdest, wo man dir den Magen ausgepumpt hat? Du hast damals im Vollrausch die minderjährige Tochter des Botschafters angebaggert. Erinnerst du dich wenigstens daran? Ich wusste gar nicht, dass deine Stücke noch aufgeführt werden. Ich hörte zuletzt, einzig und allein ‚Die Zwerge Roms‘ würde noch vom Schülertheater des Marburger John-Lennon-Gymnasiums gespielt. Aber ich kann mich auch täuschen. Schließlich beschäftige ich mich nicht mit dem Theater, sondern schreibe seit einem halben Jahr an meinen Memoiren, die ich unter dem Titel ‚Erkelenz, mon amour‘ zu veröffentlichen gedenke. Das Werk ist auf drei Bände im Schuber angelegt, die in Schweinsleder gebunden sein sollen. MfG, Andy“

„Lieber Andy, du willst mit deinen Lebenserinnerungen drei Bände füllen? Das ist mutig. Aber es gibt natürlich viele Anekdoten, die es verdienen, von dir erzählt zu werden. Da denke ich zum Beispiel an die Verleihung des Literaturpreises von Bad Nauheim, als dir bei der Verbeugung vor der Bürgermeisterin auf offener Bühne die Hose geplatzt ist. Und ich lache immer noch Tränen, wenn ich an deinen Talkshowauftritt bei Günther Jauch denke, als du ernsthaft behauptet hast, die Bücher von Boris Becker würden von der Literaturkritik systematisch unterschätzt. Aber da wäre natürlich noch die wunderbare Geschichte, wie du deine Frau beim Speed-Dating in Darmstadt kennengelernt hast. Wie romantisch! Johnny“

„Mein lieber Johnny, jetzt will ich dir mal eins sagen: Wer eine Frau hat, die er in einem drittklassigen Puff auf der Kaiserstraße kennengelernt hat, und wer einen Sohn hat, der gerade wegen Drogenhandels eine mehrjährige Haftstrafe absitzt, sollte die Klappe nicht allzu weit aufreißen. Ich bin dieses Jahr für den Grimme-Preis nominiert, weil ich mit dem Fernsehspiel ‚Dunkle Tage im Nichts‘ ganz neue Wege beschritten habe. Und du? Wenn ich nur an deine albernen Gedichte denke! ‚Schnee, Schnee, du bist so schee‘. Kein Wunder, dass unser Verleger immer nur den Kopf schüttelt, wenn jemand deinen Namen erwähnt.“

„Du weißt doch noch nicht mal, was ein Puff ist. Jeder in der Literaturszene weiß, dass du impotent bist. Wir fragen uns alle, wer die Väter deiner beiden hässlichen Töchter sein mögen. Und mein Gedichtband ‚Sonette für eine bessere Welt‘ ist gerade ins Koreanische übersetzt worden. Ich kann mich nicht erinnern, dass man von einem gewissen Herrn Bonetti irgendwas auf Koreanisch lesen kann. Und nur zu deiner Information: Ich habe gerade das Amt des Stadtschreibers von Fritzlar abgelehnt, das man an mich herangetragen hat. Und hör endlich auf, mich mit deinen Briefen zu belästigen! Ich bin Schriftsteller und habe zu arbeiten.“ 

 

Donnerstag, 9. April 2026

Bonetti beim Film

 

Andy Bonetti hat auch einige Drehbücher für bekannte Spielfilme geschrieben. Das ist ein Aspekt seiner Arbeit, der in der Öffentlichkeit wenig bekannt sein dürfte, weil er im Abspann nur unter seinem Pseudonym Fausto Bergomask genannt wird. Auch das Drehbuch von „Good Bye, Lenin!“ stammt von ihm, wenn auch einige unwesentliche Änderungen vorgenommen werden mussten.

Hier die Zusammenfassung der ursprünglichen Version von Bonetti:

Heinz Pralinski erwacht eines Morgens, nachdem er acht Monate im Koma gelegen hat. Was er nicht weiß: Er hat sich in dieser Zeit in einen Zwerg verwandelt. Da schon die kleinste Aufregung seine Genesung gefährden kann, beschließt die Familie, es ihm zu verheimlichen. In Pralinskis Zimmer stehen nur Möbel, die maßstabsgerecht verkleinert wurden. Das Pflegepersonal und die behandelnden Ärzte werden von Liliputanern gespielt, die von einem durchreisenden Wanderzirkus abgeworben wurden. Pralinskis Familienangehörige nähern sich dem Krankenbett nur auf Knien, an denen Schuhattrappen befestigt sind. Im Fernsehen laufen permanent Filme mit Danny DeVito und Woody Allen, in den Nachrichten ist ausschließlich Gregor Gysi zu sehen. Das Essen lässt man sich von einem Feinschmeckerrestaurant liefern, das für seine winzigen Portionen bekannt ist. Man serviert ihm alles auf Puppentellern und in Schnapsgläschen. Schwierig wird es, als es Pralinski immer besser geht und er einen Ausflug machen will. Mit verbundenen Augen fährt er mit seiner Frau und seinen Kindern nach Legoland, wo man ihm alle wichtigen Gebäude wie den Eiffelturm oder Schloss Neuschwanstein im Kleinformat vorführt – an einem Tag, an dem Pygmäen freien Eintritt haben.

Als Pralinski eines Abends sein Krankenbett verlässt, um in seinem Schrank nach der Flasche Bourbon zu suchen, die er dort zu nichtmedizinischen Zwecken immer bereit hält, findet er seine alten Lieblingsschuhe. Sie sind so groß, dass er sich bequem hineinsetzen kann. Wütend ruft er seine Familie ins Zimmer. Er brüllt seine Frau an und erklärt ihre Ehe für geschieden, die Kinder werden enterbt. In der folgenden Nacht brennt er mit einer Krankenschwester namens Lula durch und schließt sich einem durchreisenden Wanderzirkus an.

Für Cineasten sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass der Film in der ursprünglichen Fassung des Drehbuchs nicht in Berlin, sondern in Bad Harzburg spielt. Der Titel des Drehbuchs lautete: „Wild at Harz – Die Geschichte von Heinz und Lula.“    

Mittwoch, 8. April 2026

Killing in the name of Bonetti

 

Blogstuff 1303

„Manchmal muss man verrückt sein, um nicht wahnsinnig zu werden.“ (Jack Nicholson)

Preise für Vin-Diesel-DVDs auf neuem Rekordhoch.

An Ostern war in unserer Kirche mal wieder die Hölle los.

Die höchste Form des Bayern ist der Oberbayer.

Warum heißt es Privatdetektiv und nicht Beschattungsunternehmer?

Da kommt Bonetti mit seinem stylishen Out-of-Müllkippe-Look. Nur echt mit den 24 Zähnen.

„Bei Schrauben besteht statische Selbsthemmung, wenn der Steigungswinkel der Gewindeflanke kleiner als der Arcustangens der Gleitreibzahl der Materialpaarung Gewindebolzen und Gewindemutter ist.“ Deswegen bin ich kein Handwerker geworden.

„Pappardelle alla chef“: Bandnudeln mit Rinderfiletstücken, Pfifferlingen & Zwiebeln in Sahnesauce. Fünf Fleischstücke, ein (!) Pfifferling und keine Zwiebeln. Ihr miesen Halsabschneider könnt von mir aus in der Hölle brennen!

Habe heute Morgen einen Hunde angebellt, dessen Gekläffe mir auf die Nerven ging. Werde ich verrückt? Notiz: Acht-Uhr-Gin weglassen.

Endgegner Tonic-Water-Flasche. Obwohl ich schon oft mit Bud Spencer verglichen wurde, bekomme ich sie nicht auf. Vati holt die Rohrzange aus dem Werkzeugkasten. Wieder nix. Häuptling leeres Glas wird langsam sauer. Ich hole das Jagdmesser und klemme die Flasche zwischen die Füße. Wenn ich sie in der Hand halte und mit dem extrem scharfen Messer abrutsche, gibt es Notaufnahme statt Sportschau. Noch nicht mal ein Kratzer im Deckel. Ein kleines Loch hätte gereicht, um den Druck aus der Angelegenheit zu nehmen. Ich kenne es von Gurkengläsern, in deren Blechdeckel man mit Hammer und Schraubenzieher ein Loch macht. Zum ersten Mal bin ich ratlos. Schließlich setze ich das Feuerzeug ein. Nach einer Minute schießt ein dünner Strahl aus dem Plastikdeckel. Jetzt lässt sich die verdammte Flasche öffnen. Von Bonetti lernen heißt siegen lernen.

Bonetti Media distanziert sich ausdrücklich von folgenden Schmähversen, die im Netz kursieren:

Donny, alter Perserschreck

Wirfst erst Bomben und rennst weg

Doch der Terror holt dich ein

Hängen wirst du dummes Schwein

Dienstag, 7. April 2026

Das Jüngste Gericht

 

„Hier ist die Pizzeria Primavera. Wir möchten uns für die zweistündige Verspätung und die fehlende Salami bei der Lieferung am 21.7.2019 entschuldigen. Können Sie uns verzeihen?“

„Hier ist die Deutsche Bahn. Sie waren dreißig Jahre unser Kunde, bevor Sie Ihr Bahncard-Abo 2025 gekündigt haben. Wir möchten uns für 563 Verspätungen, kaputte Klos und geschlossene Bordbistros entschuldigen. Können Sie uns verzeihen?“

„Hier ist Frau Gottenbusch, Ihre Mathematiklehrerin in der neunten Klasse. Ich möchte mich für die 5 im Jahreszeugnis entschuldigen, wegen der Sie sitzengeblieben sind. Können Sie mir verzeihen?“

„Hier ist der Marktleiter von Aldi bei Ihnen um die Ecke. Ich möchte mich entschuldigen, dass wir immer erst eine zweite Kasse geöffnet haben, als es für Sie zu spät war. Können Sie mir verzeihen?“

„Hier ist Friedrich Merz. Ich möchte mich für meine miserable Politik und mein loses Mundwerk bei Ihnen entschuldigen. Können Sie mir verzeihen?“

„Hier ist Anonym. Ich möchte mich im Namen aller Kommentatoren für die kleinkarierte Kritik an Ihren Texten entschuldigen. Können Sie uns verzeihen?“

„Hier ist die ARD …“

„Hier ist Donald Trump …“

„Hier ist der Papst …“

„Hier ist Stefan Raab …“

„Hier ist deine Mutter …“

 

Montag, 6. April 2026

Das rote Herz der Finsternis


Ich hatte schon immer ein romantisches Interesse am Leben der armen Leute. Also beschloss ich eines Tages, dem Bettler vor unserem Einkaufszentrum nach Hause zu folgen.

Draußen vor der Stadt war eine kleine Siedlung. Der ekelhafte Geruch stieg einem schon von Weitem in die Nase. Der Bettler verschwand durch ein Loch in der Bretterwand, die dieses Ghetto umgab. Ich folgte ihm in gehörigem Abstand. Als ich auf den schmalen Fußweg trat, versanken meine frischgeputzten Budapester augenblicklich im Morast.

Ich sah Hütten aus Sperrholzpatten und Wellblech, manche Menschen schliefen in großen Pappkartons. Als erste entdeckte mich eine Schar kleiner Kinder, barfüßig, in Lumpen und dreckig. Zwar trug ich keine Markenklamotten mit auffälligen Logos wie die neureichen Proleten der Mittelschicht, aber die exquisiten Produkte, an denen sich wohlhabende Menschen gegenseitig erkennen. Kaschmirpullover bleibt Kaschmirpullover.

An einem Lagerfeuer brieten ein paar Männer Ratten an einem rostigen Spieß. Junge Mädchen, kaum fünfzehn, traten mit ihren Säuglingen vor ihre kläglichen Behausungen und gafften mich an. Abgemagerte Hunde durchwühlten einen Abfallhaufen, über dem die Fliegen tanzten. Der unerträgliche Gestank eines Pferdekadavers, aus dessen Bauch die Gedärme hingen und der gerade mit schartigen Messern zerlegt wurde, verpestete die Luft.

So also lebten die Wähler von Heidi Reichinnek.

Ein Greis, gestützt von zwei kräftigen, finster dreinblickenden Gesellen, kam heran.

„Wer seid ihr?“

„Mein Name ist Bonetti und ich komme in Frieden und Freundschaft“, antwortete ich.

„Ich bin Heinz, der Dorfälteste.“

„Wie alt bist du?“

„Vierzig.“

Die Bewohner versammelten sich um mich und kamen bedrohlich näher. Ich nahm eine Handvoll Kupfermünzen und warf sie in die Menge, um sie abzulenken. 

„Was willst du von uns?“, fragte der Alte.

„Ich wollte wissen, warum ihr nicht CDU wählt wie alle anderen anständigen Menschen auch.“

Mit Stöcken jagten sie mich aus der Siedlung und warfen Steine nach mir. Erst in einer Prada-Boutique war ich in Sicherheit.  

Sonntag, 5. April 2026

Das kleine Glück


So hätte es ewig weitergehen können. Ich lebte wie ein Kind, das wegen Masern oder Windpocken zuhause bleiben musste. Den ganzen Tag verbrachte ich lesend, schreibend, Musik hörend und fernsehend im Bett. Um neun Uhr morgens zog ich mir einen flauschigen Bademantel an und ging zur Küche, wo die Witwe Hagelmann schon das Frühstück auf den Tisch gestellt hatte: Brot, Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Schinken, Aufschnitt und Käse, dazu für jeden von uns ein Frühstücksei.

Wir waren drei Zimmerherren, die alle im Erdgeschoss lebten. Herbert, der geschiedene Handwerker, Volker, der pensionierte Beamte und ich, der Bonvivant alter Schule. Mein Zimmer lag auf der Gartenseite, es war ruhig und schattig. Volkers Zimmer war auf der anderen Seite des Flurs, zur Straße lagen die Küche und Herberts Zimmer. Wir teilten uns ein kleines Duschbad. Die Witwe wohnte im ersten Stock, den wir aus Höflichkeit nie betraten.

Mittags um eins stellte uns die Dame des Hauses die Mahlzeiten auf den Küchentisch, die wir aus unserer Kindheit kannten. Rouladen mit Kartoffeln und Rotkraut, Schweinebraten mit Klößen, Gulasch mit Nudeln, Rührei mit Kartoffelbrei und Spinat, Pellkartoffeln mit Quark oder Linsensuppe mit Würstchen. Das kleine Glück am Stadtrand kostete jeden von uns tausend Euro im Monat. Wir lebten im Paradies.

Eines Morgens kamen wir in die Küche und der Tisch war leer. Wir waren ratlos und ahnten nichts Gutes. Schließlich ging Herbert nach oben und fand die tote Witwe in ihrem Bett. Was sollten wir tun? Das Leben in der Stadt war sehr teuer geworden, keiner von uns hätte es sich allein leisten können. Da kam mir eine Idee. Warum sollten wir nicht den Leichnam der Hausherrin in die Tiefkühltruhe packen und weiterleben wie bisher? Die Nebenkosten für das Haus wurden weiter von ihrem Konto abgebucht und wir sparten eine Menge Geld.

Wir beschlossen, den Haushalt selbst zu führen. Eine Putzfrau würde uns möglicherweise auf die Schliche kommen. In den ersten Tagen lebten wir von den wenigen Nahrungsmittel, die wir von der Tiefkühltruhe in den Kühlschrank geschafft hatten. Aus Gründen der Pietät betraten wir den ersten Stock und den Keller nicht mehr, gemeinsam erstellten wir einen Putz- und einen Einkaufsplan.

Anfangs lief es noch ganz gut, aber ich begann, die Bettwäsche nicht mehr zu wechseln oder in meinem Zimmer Staub zu wischen. Dann verlotterten Bad und Küche. Kochen konnte keiner von uns, also beschlossen wir, dass jeder selbst für seine Versorgung zuständig war. Als ich feststellte, dass jemand meine Joghurts aß, kaufte ich mir einen eigenen kleinen Kühlschrank und schloss fortan meine Zimmertür ab.

Es kam, wie es kommen musste. Stromausfall im Hochsommer, ausgerechnet Freitagnachmittag. Bürgermeister auf dem Golfplatz, die Witwe taut auf. Wir mieten einen Ford Transit und bringen die Leiche in einem Teppich in den Wagen. Herbert soll sie in den Wald fahren, verliert die Nerven, fährt die Mühle in den Graben, die Polizei kommt zufällig vorbei, Geständnis und plötzlich klingelt es an der Haustür.

Ich flüchte im Bademantel durch das Fenster in den Garten und klettere über den Zaun auf das Nachbargrundstück. Zum Glück habe ich noch meine Brieftasche mitgenommen. Seitdem bin ich in Filzpantoffeln und Goofy-Schlafanzug auf der Flucht.