Freitag, 9. Dezember 2022

Schrödingers Hamster

 

Blogstuff 748

„Sei nicht sanftmütig, wenn jene Nacht anbricht.“ (Dylan Thomas)

Politiker kleben an ihren Sesseln, Klimaschützer kleben an der Straße. Von Siegern lernen.

Hätten Sie’s gewusst? Seit 1946 wird eine Fußball-Militärweltmeisterschaft ausgetragen. Deutschland holte 1975 im Endspiel gegen die Niederlande den Titel. 1987 nahm Oliver Bierhoff am Turnier teil, die BRD wurde Zweiter.

Kandidaten für die Bierhoff-Nachfolge: Kevin Großkreutz (Weltmeister), Yves Eigenrauch (Kultfigur), Lothar Matthäus (Universalgenie). Oder einfach mal einen völlig fachfremden Quereinsteiger wie Marcel Reif?

Ich habe der These, es wäre in Deutschland noch niemals so schlimm gewesen wie heute, noch nie getraut. Es wird nicht immer schlimmer, es war schon immer beschissen. Wir müssen uns mit rhetorischen Steigerungen keinen abbrechen. Nach dem Tiefpunkt kommt ein noch tieferer Tiefpunkt und immer so weiter. Bullshit. Es gab auch vor dreißig oder vierzig Jahren genug Gründe, sich über dieses Land aufzuregen. Nazis, Armut, Korruption, Bonzenherrschaft – es hat sich nichts geändert. Alles schon in unserer Kindheit dagewesen.

Preisfrage: Wer war die erste non-binäre Person auf dem Mount Everest?

Erst hatten die Argentinier Di Maria in der Mannschaft. Das fand ich schon lustig. Als Ergänzung kam dann De Paul dazu. Okay. Aber Dybala? Bei einer Fußballmannschaft? Nicht übertreiben, Leute.

Überall Marmelade.

Was macht eigentlich Heinz Pralinski? Er arbeitet an seinem Gedichtband „Nimm deinen Schatten mit, wenn du gehst“.

Warum kauft sich Elon Musk keine Fußball-WM?

Die Fachkräfte stimmen mit den Füßen über Deutschland als Ziel für Migration ab. Die Expats sehen in einem aktuellen Ranking mit fünfzig Städten Berlin auf Platz 31, Düsseldorf auf 33, München auf 38, Hamburg auf 45 und Frankfurt auf 49.

Machez oder lassez (spanisches Sprichwort).

Julius Cäsar und Jesus von Nazareth geraten zusammen in so ein Science-Fiction-Apparat und werden durcheinandergemischt. Heraus kommen ein pazifistischer Feldherr und ein militanter Friedensprediger. Wie wäre die Weltgeschichte wohl verlaufen?

Früher haben wir im Deutsch-Unterricht Erörterungen geschrieben. Das Pro und Contra einer Fragestellung wurde abgewogen, um zu einer Schlussfolgerung zu kommen. These, Antithese, Synthese. Solche Texte lese ich heute gar nicht mehr. Alle Internet-Texte sind Urteile in letzter Instanz.

Nazareth - Love Hurts (1976) - YouTube

Für den Preis von einem Big Mac bekommt man in Gensingen fünf daumendick belegte Fleischkäsebrötchen.

Donnerstag, 8. Dezember 2022

Von einem Prinzen wachgeküsst – Deutschland, ein Wintermärchen


„Staatsstreich, Klingelstreich - immer diese Lausbuben.“ (Andy Bonetti zur aktuellen Lage)

Ich habe es ja immer gewusst: Während linke Spinner sich selbst irgendwo festkleben und mit Suppe oder Kartoffelbrei um sich werfen, machen rechte Spinner Nägel mit Köpfen. Angeführt von einem Prinzen, vermutlich hoch zu Ross und mit güldenem Zepter, sollte Deutschland in eine Monarchie verwandelt werden. Deutschland, erwache! Wir brauchen wieder einen Kaiser.

Selbstverständlich liefern die Hüter des staatlichen Gewaltmonopols, Soldaten und Polizisten, die nötigen Waffen. Die Regierung wird auf einer mittelalterlichen Festung gefangen gehalten, Scholz in Ketten, Lauterbach geknebelt. Es gibt keine Ministerien und Zuständigkeitsbereiche mehr, sondern Fürstentümer. Söder wird König Markus I. von Bayern, Höcke wird König Bernd I. von Thüringen. Lasst Preußens Herrlichkeit wieder auferstehen. Wozu haben wir das Stadtschloss in Berlin denn wieder aufgebaut? Wegen irgendwelcher Negerkunst? Nein, für Heinrich XIII. Prinz Reuß (weder verwandt noch verschwägert mit dem Dortmunder Fußballprofi).

„Patriotische Union“, so der klingende Name der Reichsbürgerverschwörung gegen die links-grün-versiffte Demokratie. Union – da war doch was? Hätte der Geldadel, angeführt von Friedrich Merz, den Putsch gegen die unfähige Regierung Scholz/Habeck unterstützt? Wäre die Bundeswehr in ihren Kasernen geblieben oder wären Panzer vor dem Bundestag, dem Kanzleramt und den roten und grünen Parteizentralen aufgefahren? Wäre der neue Staat von Prinz Heinrich von einer Strandhaubitze herunter verkündet worden? Geplant war offenbar auch ein Bündnis mit Russland. Die Reichsgrenzen von 1871 sollten wieder gelten, liebe Nachbarn. So viele schöne Bilder, großes Kopfkino …

Der Wolf - Gibts doch gar nicht - YouTube

Mittwoch, 7. Dezember 2022

Ein geopolitisches Gedankenspiel


Antiamerikanismus gehört in linken und rechten Kreisen zum guten Ton. Die USA sind die Weltmacht Nr. 1, sie haben den mit Abstand größten Militärapparat und haben vor allem in Asien (Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan) Kriege geführt, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Es gibt viele Argumente gegen die amerikanische Außenpolitik.

An diesem Punkt beginne ich mein Gedankenspiel und entwerfe einen alternativen Geschichtsverlauf. Es ist reine Spekulation, mehr nicht. Meine Ausgangsfrage lautet: Was wäre passiert, wenn sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa zurückgezogen hätten, wie sie es nach dem Ersten Weltkrieg getan haben? Monroe-Doktrin reloaded. Die Vereinigten Staaten beschränken ihre Einflusssphäre auf den amerikanischen Kontinent.

Was wäre in Europa geschehen? Stalin hätte vermutlich seine Chance genutzt und ganz Deutschland besetzt. Die verbliebenen westlichen Alliierten Großbritannien und Frankreich hätten ihm militärisch nichts entgegenzusetzen gehabt. In Frankreich und Italien gab es damals starke kommunistische Bewegungen (Peppone!). Letztlich hätte Stalins Machtbereich ganz Europa, vielleicht mit Ausnahme der Randgebiete Britische Inseln, Skandinavien und Iberische Halbinsel, umfasst. Womöglich wären sie aber auch zu einem späteren Zeitpunkt Teil der sozialistischen Welt geworden.

Die französischen Kolonien in Afrika und Asien wären somit auch ein Teil von Stalins Reich gewesen. Überall auf diesen Kontinenten hätte sich, nach der Befreiung vom britischen, spanischen und portugiesischen Kolonialismus, die kommunistische Idee weiterverbreitet. Es wäre nie zum Kalten Krieg und zum Wettrüsten gekommen. China hätte als verlängerte Werkbank des kapitalistischen Westens seinen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht nicht geschafft. Die Sowjetunion gäbe es noch und sie wäre das mächtigste Land auf Erden. Der Konsum der Bevölkerung in ihrer Einflusssphäre wäre von staatlicher Seite auf das Notwendige beschränkt, es gäbe keinen Individualverkehr und keine Fernreisen. Es gäbe daher auch keinen Klimawandel.

Sie merken: Die Spekulation entfernt sich immer weiter von der Realität, die wir kennen. Wie würden wir heute leben? In einem totalitären Staat wie in China oder im Iran? Hätte sich der Sozialismus ohne den permanenten Kampf der Systeme reformiert? Orwell oder soziale Gerechtigkeit? Wäre die Welt ein friedlicher und sicherer Ort? Dürfte ich solche Texte schreiben? Gäbe es in Amerika angesichts einer überwiegend kommunistisch lebenden Weltbevölkerung eine soziale Marktwirtschaft statt Manchester-Kapitalismus oder eine Hardcore-Diktatur des Kapitals, in der die kommunistische Opposition unterdrückt wird? Viele offene Fragen und Raum für Gedankenspiele.

Gilbert Bécaud - Nathalie - YouTube

P.S.: Wer sich für die Folgen eines Rückzugs westlicher Truppen und die Reaktion der Sowjetunion auf diesen Schritt interessiert, sei an die Irankrise nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert, die zwei Jahre vor der Berlin-Blockade 1948 den eigentlichen Beginn des Kalten Kriegs markierte.

Irankrise – Wikipedia

 

Dienstag, 6. Dezember 2022

Äppelwoi statt AppleWatch

 

Blogstuff 747

„Dass man in der Wüste umherirrt, bedeutet noch lange nicht, dass irgendwo ein Gelobtes Land existiert.“ (Paul Auster: Die Erfindung der Einsamkeit)

Der Werbeslogan „Brot hat einen neuen Kumpel: Knäcke-Bro“ wurde leider von Wasa abgelehnt. Ebenso ging es mir mit „Winzer is coming“ für den
Deutschen Weinbauverband.

Google schreibt endlich auch mein Tagebuch: „Montag. Ein wunderschöner Morgen. Im Büro treffe ich nur glückliche Menschen, die mir zu meiner hervorragenden Arbeit gratulieren. In der Kantine gibt es zum Mittagessen eine herrliche Erbsensuppe. Beim nachmittäglichen Meeting wird viel gelacht. Handfeste Ergebnisse wecken die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Am Abend schöne Stunden im Internet.“

Wenn ich früher ins Kreuzberger Prinzenbad gefahren bin, habe ich in Badehosen und mit Badeschlappen und Badekappe das Haus verlassen. Mit dem Handtuch über der Schulter bin ich in die U-Bahn gestiegen, keiner hat etwas gesagt. Heute muss ich die dämlichen Blicke der Spießer zu ertragen.

Neunzig Grand Prix fuhr Vettel nach der Katastrophe von Hockenheim 2018 (Mühle ohne Not in den Acker gesetzt, WM-Führung und Mojo verloren). Nur zwei Rennen konnte er danach noch gewinnen.

Bekanntlich durchlaufen wir als Kind noch einmal die Entwicklungsstufen der Menschheit. Wir lernen den aufrechten Gang, die Sprache und wir durchleben eine Phase des Animismus. Alles ist belebt. Der Wind rauscht in den Baumkronen, also spricht der Baum. Die Heizung gluckert, das Haus knarrt und knackt – es lebt. Wer als Erwachsener noch Stephen King liest, hat sich diesen Kinderglauben erhalten. Ich beneide sie.

Hätten Sie’s gewusst? Ein Grindwal besteht zu weniger als zwanzig Prozent aus Grind.

Können Sie sich noch erinnern? Mit der Währungsunion 2002 entfiel der Währungsumtausch zwischen Deutschland und Bayern.

Aus Goethes Tagebuch, 18. April 1809: „Im Schreibwarengeschäft Hölderlin getroffen. Wo sonst? Er machte einen verwirrten Eindruck.“

Wegen der Energiekrise verzichten die türkischen Restaurants in diesem Jahr auf die Weihnachtsbeleuchtung.

Vergangenes: „verbindlichen Dank“, „geistesgegenwärtig“. In Berliner U-Bahnhöfen gab es in den 1980er Jahren Personenwaagen mit Münzeinwurf. Das Ergebnis wurde auf eine kleine Pappkarte gedruckt und konnte einem Auswurfschacht entnommen werden.

Seit zwanzig Jahren trainiere ich als Trockentaucher, aber jetzt bin ich bereit für den Ozean.

Lotte Kestner - True Faith | The Last of Us Part II - YouTube

Montag, 5. Dezember 2022

Ein Besuch bei Andy Bonetti

 

Ich versuche schon seit Jahren, ein Interview mit dem berühmten Andy Bonetti zu bekommen. Bekanntlich ist der große Meister ein scheuer und bescheidener Mensch, der sich nicht in den Mittelpunkt stellen möchte.

Heute ist es soweit. Ich gebe die Adresse ins Navi ein und fahre los. Es geht in ein kleines Dorf in der Nähe von Berlin. Es wundert mich, dass der Medientycoon die Konzernzentrale außerhalb der Stadt gebaut hat. Aber das Silicon Valley ist ja bekanntlich auch nicht in der Innenstadt von Los Angeles entstanden.

Als ich schließlich am Ziel ankomme, kann ich es nicht fassen. Ich überprüfe noch einmal die Adresse. Aber sie stimmt. Vor mir steht ein kleines Einfamilienhaus, das von wildem Gestrüpp umgeben ist. Und gehe zur Haustür und klingele. Es dauert eine Weile, bis die Tür geöffnet wird.

Vor mir steht eine uralte Frau, die sich auf einen Stock stützen muss.


„Wer sind Sie?“, fragt sie mürrisch.

 „Mein Name ist Hudson Haselreiter”, antworte ich. „Ich bin mit Andy Bonetti verabredet.“

Sie dreht sich um und ruft: „Andreas, du hast Besuch.“

Ich trete ein und höre, wie eine Kinderstimme aus dem Keller ruft: „Er kann runterkommen.“

Ich gehe die Treppe hinunter und betrete einen düsteren Kellerraum, der nur von einer Glühbirne beleuchtet wird. Drei Tische sind zu einem U zusammengestellt, auf ihm befinden sich drei große Monitore und ein Notebook. Die obligatorischen leeren Pizzakartons und Bierflaschen fehlen allerdings. Bonetti erhebt sich aus einem riesigen schwarzen Drehsessel. Er trägt ein orange-schwarz-gemustertes Dashiki-Hemd, khakifarbene Bermudashorts und Filzpantoffeln.

Der zwei Meter hohe Fleischberg reicht mir seine gewaltige Pranke. Sein Händedruck ist weich, warm und ein wenig feucht.

„Willkommen bei Bonetti Media.“

Ich bin verblüfft. „Ich hätte mir das Unternehmen größer vorgestellt. Wo sind Ihre Mitarbeiter? Wo ist Heinz Pralinski?“

„Den habe ich mir nur ausgedacht. Ich arbeite ganz allein.“

„Wozu dann die vielen Monitore?“

„Auf einem zocke ich, auf einem surfe ich durchs Netz und auf einem sehe ich Fernsehen. Auf dem Notebook schreibe ich meine Texte.“

„Sie wohnen noch bei Ihrer Mutter? Und was ist mit der Altbauwohnung in Wilmersdorf?“

„Die gibt es nicht. Drei- bis viermal im Jahr fahre ich mit der S-Bahn in die Stadt. Das ist alles.“

„Aber Sie müssten mit Ihrem Unternehmen doch Millionen verdienen.“

„Keine Kopeke. Meine Mutter bezahlt die Einkäufe und die Nebenkosten. Sie kocht auch für mich. Wollen Sie eine Cola?“

Die Story wird mir in der Redaktion keiner abkaufen.  



Sonntag, 4. Dezember 2022

Der britische Völkermord in Indien


Es ist wenig überraschend, dass das größte Kolonialreich der Geschichte auch für den größten Völkermord der Geschichte verantwortlich ist. Ich rede hier nicht von den Millionen Toten der Sklaverei, sondern von einem Völkermord, der einfach vergessen wurde. Einhundert Millionen Hungertote gab es zwischen 1880 und 1920 in Indien.

Die konkurrenzfähige indische Textilindustrie wurde zerschlagen, um für britische Produkte einen neuen Markt zu schaffen. Es wurden hohe Steuern erhoben, mit denen zum Nulltarif indische Rohstoffe gekauft wurden. Kurz und schlecht: Ausbeutung. Für den britischen Wohlstand verhungerten indische Kinder – wie zuvor die Iren (zwischen 1845 und 1849 verhungerten zwölf Prozent der irischen Bevölkerung).  

How British colonialism killed 100 million Indians in 40 years | History | Al Jazeera

Bilderwelten, Weltbilder 135