Sonntag, 4. Januar 2026

Lagebericht Berlin

 

Linksterroristen haben mit einem Anschlag fünfzigtausend Haushalte lahmgelegt, die größtenteils nicht nur ohne Strom, sondern auch ohne Heizung sind. Am Samstagmorgen um sechs Uhr gingen im Südwesten Berlins die Lichter aus.

Die Terroristen dieser Welt, ob Linke, Rechte, Islamisten oder wer auch immer, machen jedes Mal den gleichen Fehler. Sie glauben, ihre Anschläge würden die Gesellschaft verändern. Das ist falsch. Die Menschen werden auch nach den Anschlägen so leben, wie sie es wollen – und nicht, wie die Terroristen es wollen. Sie lassen sich nicht den Willen von größenwahnsinnigen Gewalttätern aufzwingen.

Es heißt, am Donnerstag sei die Stromversorgung wieder hergestellt. Was machen die Menschen bis zu diesem Tag? Manche verharren tapfer in ihren Wohnungen, Hausbesitzer haben sich Generatoren besorgt, die in Berlin inzwischen fast ausverkauft sind. Andere sind zu Freunden und Verwandten gefahren. In der Not rückt man zusammen. Menschen werden zu Flüchtlingshelfern, die nie damit gerechnet haben. Gästezimmer, Sofa, Schlafsack, Isomatte – und außerhalb des Katastrophengebiets kann man ja immer noch in den Supermarkt oder ins Restaurant gehen. Montagmorgen geht’s zur Arbeit. Notfalls nimmt man sich ein Hotelzimmer.

Es heißt immer, unter dem dünnen Firniss der Zivilisation gäbe es nur Gewalt und Chaos. Aber es gibt auch Widerstandsgeist, Überlebenswillen und Solidarität. Berlin beweist es in diesen Tagen.

Die Flucht


Es war der erste Tag der Sommerferien. Ich war damals zehn oder elf Jahre alt und hatte ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause gebracht. Ich würde später einmal bei der Hofkolonne landen, sagte mein Vater. Er arbeitete in der nahen Fabrik und die Hofkolonne kehrte die Straßen zwischen den Fabrikgebäuden.

Da beschloss ich, von zuhause wegzulaufen. Ich zog meine Schuhe an, steckte eine Dose Fanta und zwei Schokoriegel in meine Jacke und verließ das Haus. Am Ende unserer Straße begann der Wald. Er war nicht groß, bald hatte ich ihn durchquert und kam auf eine Wiese. Weiter war ich allein noch nie gekommen. Auf der anderen Seite der Wiese kam ein Waldstück und dahinter musste das nächste Dorf sein.

Es war heiß. Ich setzte mich, trank die Fanta und aß die Schokoriegel. Dann legte ich mich ins Gras und betrachtete die Wolken über mir. Wie sollte es weitergehen? Ich wollte Matrose werden, aber bis zum Meer war es noch weit. Ich hatte nur fünfzehn Mark in Münzen dabei, die ich aus meinem Sparschwein genommen hatte. Ich dachte lange über meine Zukunft nach, schließlich schlief ich ein.

Als ich aufwachte, ging ich zurück durch den Wald. Es war gerade achtzehn Uhr, als ich zuhause ankam. Abendbrotzeit. Ich setzte mich an den Tisch. Alles war wie immer. Bis heute wissen meine Eltern nichts von meiner Flucht.

Tim Buckley - Song to the Siren

Samstag, 3. Januar 2026

Söder und Camorra

 

Blogstuff 1255

Alles, was ich über Feuer weiß, habe ich aus dem extrem spannenden und akribisch recherchierten Kriminalroman „Die Sprache des Feuers“ von Don Winslow gelernt. Die Hölle von Crans-Montana in der Silvesternacht. Zunächst brennen Dinge, die leicht entflammbar sind. Wer schon mal ein Lager- oder Kaminfeuer gemacht hat, fängt zunächst mal mit zerknülltem Papier an, dann kommen Zweige oder Holzspäne, schließlich die Holzscheite. Nehmen Sie ein Feuerzeug und halten Sie es an einen Holztisch oder einen Holzstuhl. Machen Sie es fünf Minuten. Die Möbel brennen nicht, das Resultat ist ein schwarz verkokelter Fleck. Erreicht das Feuer bei einem Zimmerbrand eine bestimmte Temperatur, kommt es zu einem Flashover, der in der Schweizer Bar eine Temperatur von 1200 Grad hatte. Dann brennen auch Möbel aus massivem Holz. Bei diesen Temperaturen werden im Krematorium Leichen verbrannt. Es bleibt also nur Asche übrig – daher kann niemand die genaue Zahl der Opfer nennen und es gibt auch keine DNS zur Analyse. Selbst Professor Boerne wäre ratlos. Aber es gibt leere Hotelbetten und Menschen, die am Neujahrstag nicht mit Familie und Freunden telefoniert haben. Opferzahl und Namen werden bald komplett bekannt sein.

Das Ausrauben von Schließfächern ist vor allem wegen Bargeld, Goldmünzen und -barren attraktiv. Für Schmuck braucht man einen Hehler, außerdem ist es in den seltensten Fällen reines Gold, sondern eine Legierung, schlimmstenfalls ist Omas Brosche nur vergoldet. Warum Bargeld im Schließfach, wo es keine Zinsen bringt und der Zugriff im Vergleich zum Abheben am Automat mühselig ist? Es handelt sich natürlich um Schwarzgeld, das nicht auf Kontoauszügen auftauchen soll. Das Geld gehört nicht nur Kriminellen, derlei finanzielle „Traditionen“ kennt man aus der Baubranche oder der Gastronomie. Man kann den Diebstahl also nicht der Versicherung melden. Es ist in diesem Fall eben einfach weg – und ich freue mich, dass die Steuerhinterzieher, Zuhälter und Drogenhändler leer ausgehen. Verbrecher beklauen Verbrecher. Genau mein Humor.      

Im neuen Tip-Restaurantführer “Speisekarte 2026“ steht ein sehr guter Artikel zum Thema scharfes Essen. Gelegentlich brauche ich es richtig hart. Wer Sichuan-Küche und indische Gerichte mag, kennt das Gefühl bei den ersten Bissen. Es ist kein Geschmack, es ist Schmerz. Die Schmerzrezeptoren an Zunge und Gaumen schütten einen Neurotransmitter namens Substanz F aus, der Gehirn und Rückenmark erreicht. Alarm: Schweißausbruch, der Kopf wird heiß. Wir sollten nicht weiteressen. Manchmal kommt auch ein Gefühl der Taubheit in Mund und Lippen dazu. Aber die Erfahrung sagt mir: Nach dieser ersten Hürde wird es gut, es ist nur ein kurzes Purgatorium. Dann überwiegt das Gefühl der Erleichterung, schließlich fühlen wir uns glücklich. Das Chili-High, vergleichbar mit dem Läufer-High. Endorphine durchfluten uns, ausgelöst durch Alkaloide wie Capsaicin u.a. Sie kommen in Chilis vor, Senf, Knoblauch, Pfeffer, Zwiebeln, Rettich (Wasabi) und anderen Lebensmitteln. In der Uhlandstraße in meiner Nähe komme ich im Tian Fu und in Chen’s Teehaus auf meine Kosten.

Nachtrag:

Blitzkriegartig hat Trump Venezuela überfallen und den Regierungschef gefangengenommen. So läuft's Business, Putin. Vier Stunden Krieg statt vier Jahre. Ich erwarte jetzt weitere Regime Changes in Teheran, Pjöngjang und Berlin.

 

Freitag, 2. Januar 2026

Gottsucher und Goldsucher

 

Blogstuff 1254

„Wir suchen Bars / Die es nicht gibt“ (Bonetti: Wunderland ist abgebrannt)

Berufskläffer Linnemann fordert schnelle Urteile bei Silvesterstraftätern. Diesen billigen Populismus kenne ich seit den achtziger Jahren. Leute wie er müssen zwanghaft ihr Strulli zu allem abgeben, es ist wie ein Pawlowscher Reflex. Die Politik gibt der Justiz gerne Handlungsanweisungen – umgekehrt passiert es übrigens nie. Die Juristen halten sich an die Regeln des Rechtsstaats, die für die Linnemanns dieser Welt offenbar ohne Bedeutung sind. Hauptsache, der Stammtisch brüllt Hurra.

Ich kann noch nicht mal Blockflöte, aber Luftgitarre – ganz groß.

Wie viele Menschen sterben eigentlich jedes Jahr durch Seelöwenangriffe?

Die Schönheit von Knut Seufers „Ballade vom letzten Pfannkuchen der Welt“ liegt in der verspielten und detailreichen Komplexität seiner Bildsprache. Bereits der erste Satz „Neulich bei Tschibo“ verzaubert den Leser mit seiner geradezu hypnotisierenden Eleganz. Seufers zugleich spektakuläre wie unaufdringliche Fähigkeit, den Kern einer Situation in wenige Worte zu fassen, gipfelt in Formulierungen wie „Der Zug hatte Verspätung“ oder „Tante Käthe haderte mit dem Streuselkuchen ihrer Nichte“. Berühmt ist der Autor auch für seine Detailverliebtheit („Der Esstisch war kreisrund“). Immer wieder, als ironischer Kontrapunkt, nutzt er den trashigen Charme der Alltagssprache wie „Scheiß doch die Wand an“. Lesen Sie das Buch, bevor es zu spät ist.

Wortspielhölle Berlin. Das Restaurant „Ramenhandlung“ in Kreuzberg hat sich auf japanische Nudelsuppen spezialisiert.

Es war schon spät, als ich in meiner Heimatstadt ankam. Ob es noch meine alte Stammkneipe gegenüber des Bahnhofs gab? Tatsächlich: Der „Rübenkeller“ hatte sogar offen. Ich ging hinein und war überrascht. Der Wirt sah noch so aus wie vor dreißig Jahren. „Großes Bier und ein Kirschwasser wie immer?“ begrüßte er mich. Ich nickte und setzte mich an die Bar. Es war alles wie früher. Es lief „Burning down the house“ von den Talking Heads und die Jungs neben mir trugen Schnurrbärte und Jeansjacken. An der Wand hing der Pirelli-Kalender von 1996. Zwei Stunden später klingelte ich bei einem alten Schulfreund, bei dem ich übernachten wollte. Ich erzählte ihm von meinem Besuch im „Rübenkeller“. Er sah mich ungläubig an und sagte, das Lokal hätte vor über zwanzig Jahren geschlossen. Gänsehaut. Poe hätte daraus eine richtig große Sache gemacht.

27.12.25: Ich sehe den ersten Fuchs in unserer Straße. Ganz ruhig trabt er an mir vorüber, als sei er auf dem Weg zur Arbeit.

„Deine Schulter ist eingegipst. Sportverletzung?“ – „Nein, ich bin auf der Toilette eingeschlafen und hingefallen.“

Hätten Sie’s gewusst? Das DDR-Telefonbuch hatte nur 127 Seiten.

Donnerstag, 1. Januar 2026

Das Elend der Politik – Fortsetzung 2026


Wer wird heute noch Politiker? Die guten Leute gehen in die Wirtschaft, wer es bequem haben möchte, in die öffentliche Verwaltung und den Parteien bleibt der Ausschuss jedes neuen Jahrgangs. Man muss sich nur den Kanzler und seine Minister anschauen. Selbst ganz oben gibt es niemanden mit Fachwissen. Ein Metzger wird Ernährungsminister, eine Rechtsanwältin Gesundheitsministerin und eine Gaslobbyistin Wirtschaftsministerin.

Da darf man sich nicht wundern, wenn nur noch hirnloser Schwachsinn auf Stammtischniveau erzählt wird. Beispiel Ernährung: Wir leben in einer Marktwirtschaft und die Menschen entscheiden sich frei, ob sie Schnitzel oder Gemüse essen. Der Broccolista nimmt dem Steakfriedhof nichts weg und zwingt ihm auch nichts auf, auch wenn rhetorische Rohrkrepierer wie der Bratwurstkasper Söder und die cholerische Weidel uns das einreden möchten. Ich weiß gar nicht, was der konstruierte Gegensatz überhaupt soll.

Carnivoren und Veganer konkurrieren noch nicht mal um dieselben Nahrungsmittel. Sie leben friedlich nebeneinander und lassen sich auch durch Hassreden („Zwangsveganisierung“) nicht gegeneinander aufhetzen. Mir hat noch nie jemand den Teller mit meinem Schnitzel weggerissen. Es gibt auch keine Mahnwachen vor den Metzgereien. Ich bin persönlich von den beiden Veganern in meinem Freundeskreis auch noch nie missioniert worden. Ich esse und trinke ja doch, was ich will. Wer mich kennt, weiß das.

Aber die Spaltung der Gesellschaft scheint zum Wesenskern der Politik zu gehören, man denke nur an die Rentendebatte, wo die Generationen einer Familie gegeneinander ausgespielt werden sollen. Deutsche Politik ist eine permanente Beleidigung unserer Intelligenz. #Fachkräftemangel

 

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Das Narrenschiff geht nicht unter

 

Wir taumeln ziellos durch Ruinen. Das Schicksal wird uns mit eiserner Faust zerschmettern. Keine Hoffnung, keine Gnade. Wir sind alle tragische Figuren eines Dramas, das Shakespeare würdig gewesen wäre. So sehen wir uns. Jede Frau eine Kassandra, jeder Mann ein Nostradamus. Voller Selbstmitleid, das nichts anderes ist als eine perverse Form der narzisstischen Selbstverliebtheit. Aber die Engel der Verzweiflung schweben über deinem Haupt, du borniertes Arschloch mit Reihenendhaus. Schon klar.

2025 war ein gutes Jahr. Denken wir nur an das Gottesgeschenk von Trumps zweiter Amtszeit. Ein geisteskranker Despot auf dem Thron des Westens. Solche Figuren hätten wir höchstens in Afrika oder dem Orient erwartet. Was waren Idi Amin oder Gaddafi, Ayatollah Khomeini oder Saddam Hussein gegen diesen irrlichternden Schwätzer mit Atomwaffen, der Flugzeugträger gegen Schmugglerboote einsetzt? 2026 wird noch besser. Versprochen. Neue Kriege, neuer Wahnsinn, vielleicht eine neue Pandemie.

Damit wünsche ich Ihnen, liebe Lebende draußen an den Empfangsgeräten, einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Stets Ihr

Andy Bonetti

Maria Callas O Mio Babbino Caro Giacomo Puccini

Dienstag, 30. Dezember 2025

Reiszeiten und Zeitreisen


Blogstuff 1253

Weihnachten 2025: Ist es Ihnen auch aufgefallen? Die blinkenden Scheißlichter gab es, zumindest in meinem Kiez, in diesem Jahr nicht mehr. Selbsterkenntnis oder schnödes Stromsparen?

Zwei Tage vor Silvester. Das Jahr geht gut zu Ende. Im Eingangsbereich unseres Hauses stand im Geschenke-Eck eine ungeöffnete Flasche Tequila. Danke, unbekannter Nachbar. Im Café finde ich einen Euro auf dem Fußboden, meine größter Fund in diesem Jahr. Ich schenke ihn dem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter am Nachbartisch sitzt. Bitte, unbekanntes Kind.

„Schwarzer Humor.“ Kannste heute ja nicht mehr sagen.

Sie: „Schatz, findest du, dass meine Augenbrauen zu groß sind?“ – Er: „Nein, überhaupt nicht. Ich nenne sie nur zum Spaß A-Hörnchen und B-Hörnchen.“

Fine Writing meets Fine Dining. Andy Bonetti eröffnet sein erstes Restaurant „Due Frascati avec die Ei obendrauf“ in Westerland auf Sylt. Jetzt schon Legende: der Maulwurf-Burrito mit rote Beete, Holzschimmelkäse und Südseekrabben, die flambierten Sattelrobbenbäckchen und die in Sanddorn-Nektar marinierte Möwenbrust. Sein Motto: Einfach mal out oft he box kochen. Aber in Deutschland gibt es ja bekanntlich nur Küchenbeamte, die dem darbenden Volk seit Jahrhunderten ausschließlich Schweinebraten und Kartoffeln vor die Füße werfen.

Steinzeitvolldeppen + moderne Technik = Gegenwart. Aussichtslos.

Liebe Inder! „Kichererbsen in einen bekannte soße“ ist eine Information, mit der ich nichts anfangen kann.

Rätselhafte chinesische Restaurantkarte: Bei Shaniu’s kommt nach der Nr. 737 die Nr. 114 und dann die S1.

Die Leute machen sich wegen Merz übers Sauerland lustig, aber südlich kommt der Westerwald und dann der Hintertaunus. Das ist dann die Extrem-Pampa. Da willst du nicht tot überm Zaun hängen, da macht auch keiner Urlaub. Mein Vater ist aus Katzenelnbogen, das sagt schon alles. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat als Kind den Krieg erlebt. 1939 kam die Wehrmacht und hat das Pferd beschlagnahmt, 1945 kamen kurz die Amerikaner vorbei und das war’s. Dazwischen ist nix passiert, weil die Alliierten auf so eine Drecksgegend keine einzige Bombe verschwendet haben.

Seit zwölf Jahren bin ich Stammgast in einem Lokal in meiner Nähe. Ich kenne sogar die Privatadresse des Wirts. Neulich stand ich um acht Uhr morgens vor seiner Wohnungstür und habe Sturm geklingelt. Als er mir endlich völlig verschlafen aufgemacht hat, habe ich ihn angeschrien: „Ich will Ochsenbäckchen! Jetzt!“ Ich bin der Ochsenbäckchen-Stalker.