„ … 7 … 6 … 5 … 4 … 3 … 2 … 1 …
Ignition … Lift off.“
Mit einer gewaltigen Explosion
hob die Raumfähre vom Boden ab und ließ das Weltraumzentrum Bad Nauheim hinter
sich. Andy Bonetti nickte seinem Piloten anerkennend zu. Heinz Äugelein, sein
treuer Chauffeur, hob den Daumen und lächelte. Er trug eine braune Lederhaube,
deren Kinnriemen er nicht geschlossen hatte. In wenigen Stunden würden sie an
der Raumstation „Nova Hassia“ (Neuhessen) andocken. Die beiden Antriebsraketen
vom Typ Roland wurden abgeworfen, ihre ausgebrannten Hüllen verglühten hinter
ihnen, als sie den Orbit erreichten.
Bonetti stand am Fenster seiner
Kabine und sah auf den zarten Flaum der Atmosphäre hinab, die den
wolkenverschleierten Erdball umgab. Ein paar kleine Schwäne, die er aus Papier
gefaltet hatte, schwebten um seinen Kopf. Immer, wenn Bonetti lange nachdenken
musste, beschäftigte er sich mit Origami. Der Fall war schwieriger, als er
angenommen hatte. Aber wenn es einfach gewesen wäre, hätte man ihn nicht auf
die Station hinaufgeschickt. Commander Friedemann Luft war zu diesem Zeitpunkt
schon vierundzwanzig Stunden tot.
Äugelein brachte den ersten
Astronauten zum Verhör in Bonettis Kabine. Alois Breitkopf war ein kleiner
breitschultriger Mann mit Stirnglatze und dunklen Augen, die tief in seinem
fleischigen Gesicht saßen. Äugelein gab ihm einen kleinen Schubs, so dass er
näher zu Bonetti schwebte, und verließ die Kabine.
„Was wissen Sie über den Mord an
Commander Luft?“ begann Bonetti.
„Der Commander war draußen, um
eins der Sonnensegel neu zu justieren, das sich verklemmt hatte. Er war nur mit
einem Schlauch mit der Station verbunden. Irgendjemand muss ihm den Sauerstoff
abgedreht haben. Ich habe den Commander sofort an Bord geholt, aber er war
schon tot. Dann habe ich die Erdleitstelle informiert.“
Breitkopf erschien Bonetti
übertrieben diensteifrig. Aus den Akten, die er über Breitkopf studiert hatte,
wusste er, dass der Astronaut sehr ehrgeizig war und sich Hoffnung auf die
Leitung der Mission gemacht hatte. „Sie sind der neue Commander?“ fragte er.
Breitkopf konnte ein Lächeln
nicht unterdrücken und nickte.
„Bitte halten Sie sich zu meiner
weiteren Verfügung bereit. Außerdem möchte ich mit Ihrer Erlaubnis nach den
Verhören die gesamte Raumstation und alle Mannschaftskabinen inspizieren.“
„Selbstverständlich, Mister
Bonetti.“
Das zweite Gespräch führte
Bonetti mit Tommy Hopperflap, einem kanadischen Austauschwissenschaftler, der
die Auswirkungen der kosmischen Strahlung auf das Wachstum von Braugerste
untersuchte. Zur Vorbereitung seines Aufenthalts auf der Raumstation hatte er
den hessischen Dialekt erlernt. Er war fast zwei Meter groß und hatte
weizenblonde Haare.
„Isch konn Ihne aach ned
weidähelfe, Härr Bonetti“, sagte er in breitestem Hessisch mit englischem
Akzent. „Als däs bassierd is, hunn isch miä grad in de Kisch wos zu esse
gemachd.“ Dann überlegte er einen Augenblick. „Awwä die Fraa, die wo hiä
schaffe duud, die hod gesdän Ohmd Schdraid midm Gommandä gehabd. Unn isch sachs
Ihne gons ehrlisch: Isch glaab, die hodde was middenanäh.“
Bonetti erging sich in
ausschweifenden Züchtigungsphantasien, während er Hopperflap zuhörte. Aus
seinen Unterlagen wusste er, dass die Wissenschaftlerin an Bord früher ein
Verhältnis mit Commander Luft gehabt hatte. Im vergangenen Jahr hatte er sie
verlassen, um eine Beziehung mit ihrer Schwester anzufangen.
Als nächstes wurde Monika
Hufnagel-Schreckenberger in Bonettis Kabine gebracht, die für die
wissenschaftlichen Versuche an Weinreben unter den Bedingungen der
Schwerelosigkeit zuständig war. Sie hatte kurze dunkelrote Haare, war muskulös
und ihre schwarzen Brauen bildeten einen durchgehenden Strich über ihren
herausfordernd blickenden Augen. Auch sie hatte nichts bemerkt und war erst von
Alois Breitkopf auf das Unglück aufmerksam gemacht worden.
„Ich werde Ihnen natürlich jede
erdenkliche Hilfe geben, um diesen schrecklichen Mord aufzuklären“, sagte sie
mit kaum verhohlenem Sarkasmus.
Auch dieses Gespräch brachte
Bonetti keine neuen Erkenntnisse. Als er wieder alleine war, sog er
nachdenklich an einer Plastikröhre und war enttäuscht. Auf einer Raumstation
hatte er leider keine Möglichkeit, den hochdekorierten Spätburgunder atmen zu
lassen. Er holte eine Tube aus seinem Gepäck und drückte mit geschlossenen
Augen die Paste in seinen Mund. Jägerschnitzel mit Pommes frites. Sein
Kammerdiener Johann war auf der Erde zurück geblieben, aber er hatte Bonettis
Leibspeisen in Tubenform gebracht und seinem Herrn mit auf die Reise gegeben.
Bonetti war bereit, vieles im Namen der Gerechtigkeit hinzunehmen, aber das
ging zu weit. Jägerschnitzel aus der Tube. Er musste diesen Fall schleunigst
abschließen, um dessen Klärung ihn die hessische Weltraumbehörde gebeten hatte.
Er untersuchte zunächst die
Kabine von Frau Hufnagel-Schreckenberger. Er fand in ihrem Spind diverse
Peitschen und eine Ledermaske mit Augenlöchern und Reißverschluss. Interessant,
dachte er. Aber wie funktionierte Flagellantismus in der Schwerelosigkeit? In
der Kabine von Herrn Breitkopf fand er unter der Matratze ein Dutzend Urkunden
von Bundesjugendspielen, bei denen Breitkopf immer den zweiten Platz belegt
hatte. Außerdem ein Notizbuch voller Zeichnungen, auf denen zu sehen war, wie
Commander Luft auf unterschiedliche Weisen umgebracht wurde. Bonetti nahm das
Buch an sich. Dann begab er sich in die Kabine des kanadischen
Wissenschaftlers.
Bonetti sah sich genau um, aber
er konnte nichts Verdächtiges finden. Plötzlich drang ein schwacher Geruch in
seine feine Nase. War das Käse? Konnte das sein? Vor ihm war nur das Gitter
eines Lüftungsschachts. Er suchte weiter, aber er fand die Quelle des Geruchs
nicht. Er schwebte zurück zum Lüftungsschacht und ließ sich von Äugelein einen
Schraubenzieher geben. Er entfernte das Gitter und fand einen kreisrunden
gelben Gegenstand.
„Äugelein. Bringen Sie mir bitte
etwas Kümmel und Äppelwoi aus der Bordküche.“
Äugelein schwebte davon. Handkäs
mit Musik, dachte Bonetti. Auch wenn es strenggenommen ein Handkäs ohne Musik
war, da die Zwiebeln fehlten. Obwohl es der strengen kulinarischen Tradition
seiner hessischen Heimat widersprach – er musste einfach hineinbeißen. Selbst
wenn Kümmel und Zwiebeln fehlten und der Apfelwein noch nicht bereitstand. Er
näherte den kleinen Käselaib langsam seinen vor freudiger Erwartung feuchten
Lippen, da wurde er hart an der Schulter gepackt.
„Des konnsde abhage unnä U wie
Uffschnid“, sagte eine Stimme hinter ihm. „Loss des Ding in Ruh!“
Bonetti wirbelte mit einem
Purzelbaum herum und stieß Hopperflap mit beiden Beinen davon. Der Kanadier
schwebte zur gegenüberliegenden Wand. Bonetti drückte geistesgegenwärtig den
Alarmknopf an seinem Raumanzug, während sein Angreifer ein Messer zog.
„Des daff niemand gabuddmache.
Des habbe mir von de Außerirdische.“
„Den Käse?“ fragte Bonetti.
„Des is kahn Käs, des is’n
Geräd. Des hod de Gommander vunn drauße midgebrung. Dodemit kammä Gondagd mid
onnere Zivilisatzione uffnehme. Des könne mir in Kanada guud gebrauche“, rief
Hopperflap und stieß sich von der Wand ab. Mit einem irrsinnigen Funkeln in den
Augen schwebte er auf Bonetti zu.
Bonetti stieß sich ebenfalls von
der Wand ab und schwebte zur Decke. Der Angriff ging ins Leere. Dann kamen
Breitkopf und Äugelein herein und entwaffneten Hopperflap. Es war vorbei.
Offensichtlich hatte der irrsinnige Kanadier den Commander ermordet, weil er
dessen Käsespezialität für ein extraterrestrisches Artefakt gehalten hatte.
Bonetti und Äugelein schwebten
im Shuttle „Manfred Kanther“ zur Erde zurück. Unter ihnen war schon die
hessische Weltraumbehörde in Wiesbaden zu erkennen, die in einem monströsen
Betonfurunkel am Rande der Stadt untergebracht war. Das letzte Abendrot verglomm
unter einer Ascheschicht von flachen Wolken.
„Ist es nicht verrückt, mein
lieber Äugelein“, sagte Bonetti. „Nur der Wahnsinnige ist in unserer heutigen
Zeit wirklich frei. Hopperflap hat einen Mord begangen, aber niemand kann ihn
zur Verantwortung ziehen. Er ist nicht schuldfähig, das Gericht wird ihn
freisprechen.“ Er lächelte. „Ein unschuldiger Mörder. Welche Ironie. Schade,
dass wir keinen Champagner an Bord haben. Man müsste auf den Irrsinn dieser
Welt anstoßen.“
In nächster Zeit erscheinen hier alte Kurzgeschichten aus den Jahren 2014ff.
