Montag, 31. Juli 2023

Zwischen Entweder und Oder – Brandenburg im Wandel

 

Blogstuff 830

„Mein Lieblingsessen ist Trinken.“ (Dirk Stermann)

Die neue Nr. 1 in den Holz-Charts: Walnuss.

Strombuch klingt besser als E-Book.

Er ist der Dr. Frankenstein der Tierwelt: Fritz Blitz. Er bringt ein Hühnerfrikassee wieder zum Fliegen. Lesen Sie die neue Folge „Der Möwenbändiger“. Jetzt an Ihrem Kiosk.

Es geht nichts über eine Kissenschlacht – wenn man das einzige Kissen hat.

Während ich meine Ochsenbäckchen mit Semmelknödel genieße, höre ich das Geplärre von drei Klageweibern am Nachbartisch. Es sind Fondmanager, einer von ihnen verwaltet 600 Millionen Euro Immobilienvermögen, die beiden anderen sind auf einem ähnlichen Level. Sie reden Klartext: Das Neukundengeschäft geht gegen null, laufende Bauprojekte werden noch abgeschlossen, aber keine neuen aufgelegt, die Sorgen sind groß. Am Ende der Litanei die große Frage: Werden die Zinsen wieder sinken? Die Zinsen sind ihr Hauptproblem. Das Ergebnis der Debatte: Die „alte Welt“ der Nullzinspolitik der Fed und der EZB kommt nicht mehr zurück, es bleibt die bange Hoffnung auf eine mittelfristige Erholung des Immobilienmarkts. Mein Gott, denke ich bei Käsekuchen und Espresso, ihr lebt in der gleichen Unsicherheit wie die Bauern, die vom Wetter abhängig sind.

Was mir aufgefallen ist: Unheimlich viele junge Leute haben ein Hörgerät.

Liebe und Hass machen blind. Die Leidenschaften verdüstern die Vernunft. Gerüchte statt Fakten, Hetze statt Aufklärung. Stürme der Entrüstung, Wellen der Empörung. Wer klug ist, hält sich vom Internet fern, liest Bücher und trifft Freunde.

Natürlich flattern die anderen Spatzen los, als sie den ersten Spatzen sehen, der plötzlich abhebt. Aber warum fliegt der erste Spatz weg? Was hat er gesehen? Weiß er mehr?

Wer sich um das „Erscheinungsbild“ Sorgen macht, will nicht wirklich etwas ändern. Es soll nur anders erscheinen.

Ich beobachte eine winzige Fliege, die in den Schraubverschluss der Rotweinflasche krabbelt, der auf meinem Schreibtisch liegt. Sie schnorchelt neugierig in einem Tröpfchen herum. Dann klettert sie wieder hinaus, kehrt aber sofort zurück. So geht es einige Male, dann verlässt sie – offenbar betrunken – den Schraubverschluss und läuft ziellos über den Tisch. Ich finde es gut, dass sie in diesem Zustand nicht mehr fliegt.

Am Ende einer kleinen Seitenstraße, dort wo die Stadt ins Land übergeht und hinter einer blühenden Wiese der Wald beginnt, ist ein Hutladen. Ich habe noch nie einen Kunden hineingehen sehen, aber eines Tages werde ich dort einen Borsalino kaufen.

Sonntag, 30. Juli 2023

Eine Mordgeschichte

 

Niemand suchte ihn. Aber dann wurde er doch gefunden. Die Polizei hatte eigentlich kein Interesse an dem Fall, aber leider handelte es sich um Mord. Man hatte ihn in der Saubucht gefunden, einer sumpfigen Ecke im Grunewald, nicht weit vom Aussichtsturm entfernt. Füchse, Krähen und Maden hatten ihm bereits arg zugesetzt.

Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass der Tote mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen wurde. Aber nicht an diesem Ort. Den Todeszeitpunkt konnte er natürlich nicht mehr exakt ermitteln. Die Leiche lag aber wohl seit etwa zehn Tagen an dieser Stelle.

Papiere hatte der Tote keine bei sich, niemand, auf den seine Beschreibung – 1,88 groß, weiß, männlich, untätowiert und ca. fünfzig Jahre alt – passte, wurde als vermisst gemeldet. Die Hose führte die Ermittler auf eine Spur: Größe 70 mit Gummizug.

Kommissar Sommerfeld fuhr zum Bekleidungsgeschäft für Übergrößen an der Karl-Liebknecht-Straße und sprach mit dem Geschäftsführer. Er sah in seiner Kundendatei nach und fand acht Personen, die Hosen in dieser Größe bestellt hatten. Drei Frauen schieden von vornherein aus. Sommerfeld notierte sich die Namen der fünf Männer und fuhr in die Keithstraße, Heimat des LKA 1, zurück.

Fünf Telefonanrufe später wusste er Bescheid. Vier Männer hatte er erreicht, einen nicht. Er besorgte sich einen Untersuchungsbeschluss und fuhr mit einer Streifenwagenbesatzung nach Kreuzberg in die Katzbachstraße. Als sie die Tür im vierten Stock geöffnet hatten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens.

Die Luft war stickig, alle Rollläden waren geschlossen. Überall stapelten sich Bücher und Zeitschriften, in der Spüle schimmelte das Geschirr still vor sich hin. Im Wohnzimmer hing ein riesiges Poster von Andy Bonetti, aus dem die Augen ausgeschnitten waren. Die Wände waren mit Bonetti-Interviews aller großen Tageszeitungen dieser Welt und weiteren Porträtfotos tapeziert.

Dazwischen hatte der Mieter, sein Name war Arco von Assmannshausen, mit einem roten Edding wüste Schmähungen gekrakelt:

„Verrecke, elender Saukrüppel!“

„Bonetti muss sterben, damit ich leben kann.“

„Du hast alles von mir geklaut! Auch Heinz Pralinski!!“

Hatte der Tote einen Mordanschlag geplant? Musste er deswegen sterben?

Lesen Sie mehr in der morgigen Fortsetzung, wenn Sie Andy Bonetti brüllen hören: „Bringt mir den Kopf von Arco von Assmannshausen!“

 

Samstag, 29. Juli 2023

Weiße Katze, schwarze Maus

 

Blogstuff 829

Meine früheste Erinnerung an eine Nachricht im Fernsehen ist die Unabhängigkeit Surinams 1975. Ich dachte damals, alle Länder und Grenzen seien in Stein gemeißelt. Plötzlich kommt ein neuer Staat auf die Welt. Heute blicke ich auf drei Länder zurück, die ich besucht habe und die nicht mehr existieren: DDR, CSSR. UdSSR.

Eine Frau verlässt die Bäckerei. Aus ihrer Umhängetasche lugt der Kopf eines Yorkshire-Terriers, dessen Zungenspitze aus dem Maul hängt. Man müsste es malen.

Eine Bahnhofstaube fliegt aufs Land.

Andere suchen nach dem Lichtschalter, er gewöhnte sich an die Dunkelheit.

In Sachen Bewegung ist die Wanderbaustelle mein großes Vorbild.

Die Ossis wollten die D-Mark, sie bekamen Kriminalität, Ausländer, Demokratie – und den Euro.

Idee für eine dufte ARD-Sommerkomödie: Ein Mann erfährt vormittags beim Arzt, er habe nur noch vier Wochen zu leben. Abends sieht er im Fernsehen, dass er eine Million Euro gewonnen hat. Am nächsten Morgen fliegt er erster Klasse nach New York. Er verjubelt das Geld in den besten Restaurants und Hotels in aller Welt. Nutten, Koks und Stretch-Limo. Am Ende verschenkt er den Rest seines Gelds an die Armen und wartet in Rio auf den Tod – der nicht kommt. Er lebt als Obdachloser und wird von einem Betrunkenen überfahren.

Lichtschwert gegen Lichtpistole. Skywalker vs. Kirk. Wer ist die Nr. 1 im Weltraum? 

Wie kommen die runden Saugroboter eigentlich in die Ecken? Pizza/Karton-Paradoxon.

Nichts fördert den Verkauf mehr als ein lebendiger Mensch im Schaufenster. Deswegen passten Matratzen-Schlotzke und ich zusammen wie Arsch und Eimer. Jeden Tag drängelten sich die Menschen vor dem Geschäft. Man hatte für mich ein prachtvolles Himmelbett aufgebaut, in dem ich jeden Morgen um neun Uhr, pünktlich zum Geschäftsbeginn, ein üppiges Frühstück serviert bekam. Den Vormittag verbrachte ich lesend und dösend. Dann kam das Mittagessen und eine Flasche Bier. Wenn ich zum ersten Schluck ansetzte, spendete mir die Menge spontan Applaus. Die Medien berichteten, der Umsatz stieg im fünfzig Prozent. Um 19 Uhr hatte ich Feierabend. Dann musste ich in den Kneipen und Restaurants, die ich besuchte, oft noch Autogramme schreiben oder Kopfkissen signieren.

A: Herr Bonetti, sind Sie übergewichtig?

B: Eigentlich nicht, aber seit die Kinder meinen Arsch als Hüpfburg benutzen, bin ich ein bisschen nachdenklich geworden.

The Oak Ridge Boys -- Elvira - YouTube

 

Freitag, 28. Juli 2023

Birkenthal

 

Als ich von der Arbeit nach Hause kam, saß er in meinem Wohnzimmer. Mit einer kurzen Handbewegung bot er mir einen Platz auf meinem Sofa an. Ich musste ihm keine Fragen stellen. Diesen Blick, dem man nicht lange standhalten kann, diese hochnäsige Selbstgerechtigkeit, lernt man nur in langen Jahren im Komitee für Aufklärung und Information, kurz KAI genannt.

„Sie arbeiten mit Birkenthal zusammen?“

„Ja, er sitzt mir direkt gegenüber.“

„Ab jetzt werden Sie jede Woche einen Bericht schreiben, den Sie an die Firma Möbel-Paul in der Rosenstraße 12 schicken. Wiederholen Sie meine Angaben!“

Ich tat es, er nickte und stand auf.

Am nächsten Montag saß ich mit Birkenthal im Büro. Ich war nervös, sprach über Fußball und das Wochenende. Unsere Plauderei war nur von kurzer Dauer. Offenbar hatten wir beide nichts unternommen. Sofa, Fernbedienung. In der Kantine setzte ich mich in Hörweite. Nichts als Büroklatsch und Belanglosigkeiten.

Als ich am Samstag meinen ersten Bericht schrieb, fiel mir nichts ein. Er war nur eine halbe Seite lang. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich den Briefumschlag in den Briefkasten warf.

Drei Tage später traf ich meinen Führungsoffizier auf dem Weg zur Bushaltestelle. Er sei enttäuscht, sagte er. Birkenthal sei ein Arbeitskraftzersetzer, ein Humanist unter Terrorismusverdacht, ein heimatloser Patriot. Jetzt wusste ich wenigstens, welche Auskünfte erwünscht waren.

Euphorisch schrieb ich meinen nächsten Bericht. Es gab so viel zu kritisieren, so viel, das mich selbst seit Jahren störte. Birkenthal habe über Ausbeutung gesprochen, über parasitäre Eliten, über die Unerträglichkeit der herrschenden Verhältnisse. Kurz darauf fand ich einen Gutschein über hundert Euro für Getränke-Meyer in meinem Briefkasten.

Der Wodka befeuerte meine proletarische Seele. Nun schrieb ich von bewaffnetem Kampf, von konspirativen Treffen, zu denen mich Birkenthal eingeladen habe. Eine Organisation namens „Die Bruderschaft“ sei in dezentralen Gruppen landesweit aktiv. Tausend Euro mit dem Vermerk „Bankirrtum zu Ihren Gunsten“ landeten auf meinem Konto.

Als ich über Waffenverstecke und einen konkreten Termin für den Sturz der Regierung schrieb, glaubte ich in meiner Begeisterung fast selbst daran.

In der folgenden Woche erschien Birkenthal nicht mehr an seinem Arbeitsplatz. Es hieß, man habe ihn verhaftet. Mir gegenüber sitzt nun ein Mann namens Kalahari. Ein Araber. Todsicher ein Islamist. Selbstmordattentäter. Ich werde einen Bericht über ihn schreiben.  

 

Donnerstag, 27. Juli 2023

Zwischen Sonnen- und Weltuntergang


Blogstuff 828

Früher hieß es, Bonetti sitze ich zur Rechten Gottes. Heute sagt man, Gott sitze zur Rechten Bonettis.

Die jungen Nazis in Ostdeutschland sind die Kinder der Nazis der neunziger Jahre.

Es heißt immer, Männer würden sich zu wenig für Frauen interessieren. Dabei sprechen wir, wenn wir unter uns sind, sehr häufig über Frauen. Die Brüste von Pamela Anderson haben eine ganze Generation von Männern durch die kompletten Neunziger gebracht. Wie wäre meine Jugend ohne Bo Derek und Victoria Principal gewesen? Das Thema Auto ist rückläufig. E-Autos und autonomes Fahren sind direkte Angriffe auf unser Geschlecht und wecken tiefsitzende Kastrationsängste. Auch der deutsche Fußball verunsichert uns.

Wozu mit Snowflakes diskutieren? Wer nicht zu einhundert Prozent ihrer Meinung ist, verletzt ihre Gefühle. Die Konfrontation mit Fakten empfinden sie als Aggression.

Die einen wollen das alte Segelboot restaurieren, die anderen wollen ein Motorboot bauen.

Eine halbe Stunde dichtes Schneetreiben hatte die Stadt verwandelt. Ich ging wie auf Watte durch diese heilige Stille. Die wenigen Autos tasteten sich in Schrittgeschwindigkeit voran. Von solchen Wintern träume ich.

Ein Paar betrachtet Arm in Arm den Sonnenuntergang. Sie: „Ich könnte hier ewig mit dir sitzen.“ Er: „Naja, irgendwann bekommt einer von uns Hunger oder muss aufs Klo.“

Was ist der Unterschied zwischen Brandenburg und dem Hunsrück? In Brandenburg willste nicht tot überm Zaun hängen, im Hunsrück gibt’s noch nicht mal den Zaun.

Gibt es noch Ideen und Gedanken, die dem Staat gefährlich werden können?

Wenn man sich „einen Schluck genehmigt“, ist es nie Wasser.

Ich habe nichts gegen homosexuelle Negerwärmepumpen, aber …

Bonetti Media präsentiert: „House of Kimchi”, eine Serie über die koreanische Mafia in Wichtelbach.

Die Tage werden immer kürzer. Ist es schon Herbst? Nein, es ist das Alter. Die Zeit der langen Tage ist für immer vorbei.

Wenn man dem Staat Geld gibt, schmeißen es die Dilettanten zum Fenster raus. Wenn man den Unternehmen Geld gibt, stecken es sich die Bonzen in die Taschen. Und alle anderen? Sind die Vollidioten, die das alles bezahlen müssen.

Über den Schnee von gestern ist längst Gras gewachsen.

Gestern im Alter von 56 Jahren gestorben: Sinéad O'Connor Nothing Compares 2U Official Video - YouTube

Mittwoch, 26. Juli 2023

Protestformen des Bürgerlichen

 

Am Morgen des 6.7.2023 erwachte ich aus einem Traum. Ich hatte gerade einen Text mit der hier verwendeten Überschrift begonnen, in dem es um den Aufstand privilegierter weißer Männer gegen ihre imaginäre Unterdrückung und die Verwendung bewährter Protestpraktiken von Minderheiten geht, als ich erwachte. Ich stand auf, ging zu meinem Schreibtisch und begann, die Ideen des Traums zu formulieren:

Alles begann mit dem Anschlag auf Valentin Wagner. Er stand mit seinem Audi A8 an einer roten Ampel, als er von einer Horde fremdländisch aussehender Jugendlicher attackiert wurde. Erst rissen sie ihm das Handelsblatt aus den Händen, in denen er gerade die Börsenkurse studierte, dann zerrten sie ihn aus dem Wagen und schlugen ihn zusammen. Wagner verlor drei teure Zahnimplantate und seine Rolex, der Armani-Anzug war zerrissen und seine handgenähten Lederschuhe waren völlig ruiniert. Als der Rettungswagen eintraf, fanden die Sanitäter ein Opfer, das mit Blutergüssen, blauen Flecken und Schürfwunden übersäht war.

Eine Stunde später kursierte in den sozialen Medien ein Video, das ein Rentner am Tatort aufgenommen hatte. Zwei Stunden später trendete das Hashtag #whyme auf Twitter und der Shitstorm begann. Alte weiße Männer berichteten über ihre Diskriminierung. Am Arbeitsplatz wurden Frauen und andere Minderheiten bevorzugt. Die Türen der angesagten Clubs blieben für sie verschlossen. Keine Backstage-Pässe für die Ü60-Generation. In Restaurants wurde man ungefragt auf Seniorenteller hingewiesen.

„Uns gehört mehr als die Hälfte des Himmels“, brachte es Rosenzüchter99 auf den Punkt. „Wir holen uns unser Land zurück“, schrieb Hermann G. auf Facebook. „Harald Juhnke hätte sich das nicht gefallen lassen“ (Gardasee-Ripper). Die Medien griffen den Skandal begierig auf. Nach der ersten Demo in Berlin, zu der fünftausend alte weiße Männer mit und ohne Rollatoren kamen, machte Markus Lanz eine Sendung zum Thema. Die Gäste: Kubicki, Stoiber, Schäuble und Hallervorden.

Zwei Tage später kam es zum Aufstand. Shisha-Bars und Frauen-Cafés wurden zerstört, Lastenfahrräder angezündet und Tschibo-Läden geplündert. Die schweigende Mehrheit war erwacht und verlangte, die Geriatrie-Ghettos zu schließen und die alten weißen Männer endlich an der Macht und an der Gesellschaft zu beteiligen. Die Welt hatte sich verändert.

 

Dienstag, 25. Juli 2023

Goethes letztes Telefonat

 

Blogstuff 827

„Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, dass wir uns ändern.“ (Erich Kästner: Fabian)

Es ist seit über dreißig Jahren dasselbe Muster: Die sogenannte „bürgerliche Mitte“ regt sich über den Zustrom von Flüchtlingen auf, Politiker debattieren und die Medien greifen das Thema auf; junge Männer nehmen das alles für bare Münze, zünden Flüchtlingsheime an und ermorden Menschen, worüber sich dann wieder die bürgerliche Mitte empört.

Ich habe nicht nur ein Doppelkinn, sondern auch zwei Doppelknie.

Anlageberater gab’s in meiner Jugend nur im Musikfachgeschäft.

Wenn die CIA Menschen mit Foltermethoden verhört, nennt man das „fesselnde Unterhaltung“.

Im März und jetzt im Juli waren meine Züge bei der Fahrt nach Berlin und zurück immer auf die Minute pünktlich. Leider kann ich beim Thema Bahn-Chaos nicht mitreden.

„Netanjahu für Herzschrittmacher-OP im Krankenhaus“, lautet die FAZ-Schlagzeile. Ich bin auch dafür. Machen Sie solche Operationen nie in der Küche!

Habe jetzt Nordic Sitting für mich entdeckt. Geht sogar ohne Stöcke.

Swingweste, Pfandkuchen, Kettenredaktion, Bratenzahlung – ich sehe überall Wortspiele.

Bonetti entgeht nichts. Jeder kann die Wölfe heulen hören, Bonetti hört sie atmen.

Hätten Sie’s gewusst? Bis 1995 nannte man E-Mails „drahtlose Telegrafie“. Und das Taxi hieß einmal „Kraftdroschke mit Verbrennungsmotor“.

Die wahren Sozialschmarotzer sind die Beamten und Subventionsritter.

1933 gab es in Deutschland Millionen Kommunisten, hunderttausende von ihnen in Berlin. Warum hat die Arbeiterbewegung in diesem historischen Augenblick so kläglich versagt? Warum gab es keinen Widerstand, keinen Generalstreik? Nach der Ermordung Rathenaus 1922 brachte eine von der SPD und der KPD organisierte Demonstration noch 700.000 Menschen vor der Gedächtniskirche zusammen.

Ich muss mich nicht mit einem Staat emotional identifizieren. Es reicht, wenn ich seine Notwendigkeit und seine Funktion, z.B. als Sozialstaat, akzeptiere.

Dass mir Helmut Schmidt testamentarisch nur seinen Aschenbecher vermacht hat, obwohl er wusste, dass ich Nichtraucher bin, werde ich ihm nie verzeihen.

Der Unterricht von Lehrer Bock bestand hauptsächlich aus größenwahnsinnigen Monologen, der zwergwüchsige Waldschrat war stets übellaunig und litt an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Montag, 24. Juli 2023

Berliner Gedanken

 

Stadtmauern hat es in der Geschichte schon viele gegeben, aber nur eine Mauerstadt.

„Berlins völlige Verwahrlosung“ (Wolf Jobst Siedler), Schmutz, Gewalt, Graffiti, organisierte Kriminalität. Ich lese gerade ein Buch aus den Neunzigern (Bodo Morshäuser: Liebeserklärung an eine hässliche Stadt), in dem der Autor sich über die Untergangsphantasien der Konservativen lustig macht, die 2023 noch genauso klingen.

Früher hieß es immer Ost-Berlin und West-Berlin. Über Nord-Berlin und Süd-Berlin hat niemand gesprochen.

In Marzahn gibt es eine Allee der Arbeitslosen.

Nur noch zwanzig Prozent der Berliner gehören einer christlichen Kirche an.

Wenn ich wissen will, was der Osten denkt, gehe ich in den Rentnertreff „Prager Hopfenstuben“ an der Karl-Marx-Allee. Wie zu DDR-Zeiten hakt es an allen Ecken und Enden, die Kühlung der Zapfanlage funktioniert nicht (der Hochsommer ist der ideale Zeitpunkt für einen solchen Defekt) und nicht alle Biersorten sind vorhanden. Ich bestelle zum Bauernteller ein Pilsner Urquell mit Eiswürfeln. Am Nachbartisch machen renitente Zonis einen auf dicke Hose. Man hätte jedem erwachsenen DDR-Bürger nach der Wende 100.000 Mark geben müssen, schwadroniert einer. Dann hätte sich jeder „freischwimmen“ können. „Die“ haben doch genug Geld. In meinem folgenden Tagtraum schlendere ich zum Nachbartisch und ziehe den Wortführer an den Nasenlöchern, in denen Mittel- und Zeigefinger meiner linken Hand stecken, in die Höhe. Wieso ich als Westdeutscher, damals 23 und Student, nicht auch ein Anrecht auf die gleiche Summe hätte? Was er als Gegenleistung zu tun gedenke? Dann befördere ich ihn mit einem Obelix-Fausthieb aufs Dach.

Am Anfang ist der Ku’damm ein Star, belagert von seinen Fans, den Touristen aus aller Welt. Hier pulsiert das Leben bei Tag und Nacht. An seinem Ende ist er ein kleiner Angestellter, dessen Namen niemand kennt.

Berlin in den Neunzigern: Der Vietkong hat alle Eingänge zur U-Bahn besetzt und jeder von ihnen hat eine Stange Fake-Marlboro im Anschlag.

Es ist Sommer und ich trage mein Kreuzberger Hawaiihemd: schwarze Blumen vor schwarzem Hintergrund.

1901: Die Technische Hochschule Charlottenburg lehnt die Bewerbung Albert Einsteins ab.

Man lernt nie aus. Seit 32 Jahren lebe ich in Berlin, die letzten zehn Jahre in Teilzeit. Erst jetzt erfahre ich aus dem Buch „Einstein in Berlin“ von Hubert Goenner, dass der breite Streifen zwischen den Fahrspuren „Unter den Linden“ der private Reitweg des Kaisers und seiner Entourage war. Vom Schloss ging’s hinaus in den Tiergarten, die Bürger lüpften artig den Hut, die Damen machten einen Knicks, wenn er vorbeiritt. Ich wette, selbst alteingesessene Berliner wissen das nicht.

Die Ukraine erinnert mich an West-Berlin vor der Wiedervereinigung. Die Stadt war ohne westliche Subventionen nicht lebensfähig, aber das Überleben der Frontstadt inmitten des sozialistischen Feindeslands war politisch erwünscht. Geld gibt es im Kapitalismus genug, die kleine Mauerinsel überlebte die DDR und die UdSSR. Auch die Russen werden eines Tages merken, dass man Geld nicht besiegen kann. Es ist die ultimative Waffe.

Möbel-Hübner macht jetzt in Berlin Werbung mit dem Begriff „Lebensraum“. Dem Führer hätte es gefallen.

Potemkin, Viktoria-Luise-Platz. Sensationell gutes Boeuf Stroganoff mit Bratkartoffeln. Auf dem Rückweg komme ich an meinem Stammchinesen vorbei. Der Wirt steht vor dem offenen Kofferraum seines Wagens. Und was holt er heraus? Zwei Pizzakartons und eine Tüte von McDonald’s. Ich klopfe ihm von hinten auf die Schulter und sage: "Du weißt auch, was wirklich gut ist.“ Er nimmt es mit Humor.

Als ich eines Sonntagmorgens die Wohnungstür öffne, um frühstücken zu gehen, finde ich ein kleines Päckchen auf der Fußmatte, auf das eine lächelnde Sonne gemalt ist. Ich öffne es und entdecke ein Schälchen mit Heidelbeeren. Welche nette Nachbarin hat an mich gedacht? Es kann nur von einer Frau sein, Männer machen so etwas nicht.   

Sonntag, 23. Juli 2023

Resignation, Entropie, Dekadenz

 

Blogstuff 826

„Jeder hat recht in einem Drama, sonst ist es kein Drama.“ (Heiner Müller)

Die „Mitte“ ist wütend, weil man sie in ihrer dummbräsigen Trägheit stört.

Ich glaube, dass Vogelgezwitscher zu 99 Prozent leeres Geschwätz ist. Genau wie bei uns.

In meinen Träumen bewege ich mich mehr als in meinem Leben.

Beim Einchecken ins Hotel habe ich früher auf dem Anmeldeformular bei Beruf immer „Blade Runner“ eingetragen.

Geteiltes Leid halbiert sich nicht.

Nur weil du in irgendwas besser bist als ich, bist du nicht besser.

Der perfekte Job bei einer Filmproduktion wäre die Rolles eines Komapatienten. Ich kann mir keinen Text merken und liege gerne.

Die Bonetti-Liegestütze: Stellen Sie sich vor eine Wand und legen Sie die Hände flach auf die Tapete, Dann stoßen Sie sich alle zehn Sekunden leicht weg. 100 Liegestützen = 70 Kalorien Energieverbrauch. Ich nenne es Killer-Workout.

In den besten Momenten des Lebens wird nicht gesprochen.

In Berlin läuft ein Löwe frei herum. Endlich haben wir ein Sommerloch-Thema. Erinnern Sie sich noch an das Mini-Krokodil im Baggersee? Ganz Deutschland hat sich vier Wochen lang nicht gewaschen. Die Story war leider viel zu schnell vorbei. Die Schotten vermarkten Nessie schon seit Jahrzehnten. Enttäuscht reise ich aus Berlin ab.

Die Menschen können in Trümmern und in Villen leben. Sie passen sich an und entwickeln nach einiger Zeit neue Gleichgültigkeiten.

Man kann aus dem Schlaf erwachen, aus der Ohnmacht oder aus dem Koma.

Hesse schreibt 1927 im Steppenwolf von der „zerstörten und von Aktiengesellschaften ausgesogenen Erde.“

Die Türschwelle ist die klar definierte Grenze zwischen der bürgerlichen Ordnung des stets sauberen Treppenhauses mit den roten Sisalmatten und meiner dunklen unaufgeräumten Wohnung voller Bücher, leeren Weinflaschen, Notizzetteln und herumliegenden Klamotten.

Früher war es ein beliebter Zeitvertreib, mit seinen Händen verschiedene Schatten, z.B. einen Hasen, an die Wand zu werfen. Scheiß-Medien.

Es gibt kein Zurück zur Natur, zur kindlichen Unschuld, zur vorkapitalistischen Dorfidylle ohne Geld und Gier. Wie viele leben in diesem Irrglauben?

 

Samstag, 22. Juli 2023

Das Leben in sieben Zeilen

 

Mit zwanzig begeistert

Mit dreißig beschäftigt

Mit vierzig gleichgültig

Mit fünfzig willenlos

Mit sechzig erschöpft

Er hat bis heute

Noch keinen Pflasterstein geworfen

Montag, 3. Juli 2023

Sommerpause

 

„Arbeiter und Soldaten! Seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst. Nichts darf geschehen, was der Bloggerbewegung zur Unehre gereicht! Seid einig, treu und pflichtbewusst! Es lebe Bonetti Media!“


Erst eine Art Kapp-Putsch in Russland, dann Revolution in Frankreich. Danton trägt gerade ein Notebook aus einem geplünderten Geschäft. Es gab mal so was wie ein Sommerloch, in dem man über Westentaschenkrokodile in Baggerseen und über Malle als 17. Bundesland sprach. Ich werde mich itzo in selbiges verabschieden und an einem unbekannten, extrem ruhigen Ort endlich mal meine Base chillen. Im hektischen, hysterischen Hunsrück kommt man ja zu nix!

Jetzt geht’s lo-hos!


Ob ich lebend durch Thüringen kommen werde?


Daddy is coming home.


Vier Würstchen und ein Halleluja. Werden sie Reichskanzler Höcke durch eine Koalition „entzaubern“, wenn ich wieder zurückkomme?

 

Sonntag, 2. Juli 2023

Der Russe kommt

 

Harald Kohlrausch war nicht nur enttäuscht, er war wütend. Als leitender Angestellter der Mepp & Kaul Bank (im Volksmund Nepp & Klau genannt) hatte er sich für teuer Geld einen Bunker im Hintertaunus gekauft, aber alle Ausfallstraßen waren inzwischen verstopft. Die „Gruppe Wagner“ stand kurz vor Frankfurt. Für einen Hubschrauber war Kohlrausch zu unbedeutend.

Da klingelte das Telefon. „Karin“, rief er. Wo bist du?“

„Zuhause. Wo sonst? Der Russe ist da.“

„Ich weiß. Hier im Haus ist alles auf der Flucht. Keiner weiß, wohin.“

„Ich bin auch am packen, Harald. Was soll ich mitnehmen?“

Er zupfte sich nervös am Windsorknoten. „Auf jeden Fall den Schmuck. Klamotten nur das Nötigste. Ich gebe dir jetzt mal den Code für den Tresor durch.“

„Was für ein Tresor? Davon hast du mir nie was erzählt.“

„Weil es dich nix angeht. Die Aktien habe ich sowieso schon in die Schweiz transferiert. Also! Es ist ganz einfach. Gib mein Geburtsdatum ein.“

„Woher soll ich das denn wissen?“

„28. September 1961. Der Tresor ist hinter dem Gemälde in meinem Arbeitszimmer.“

„Und wo treffen wir uns?“

„Fahr nach Westen und sieh zu, dass du über den Rhein kommst. Wenn in Russland Invasion war, haben sie die Sache auch immer totlaufen lassen. Weites Land, verstehst du? Napoleon, Hitler, Prigoschin.“

„Aber Deutschland ist klein.“

„Deswegen fährst du am besten bis Portugal. Lass dein Handy an. Ich komme nach.“

„Ist gut, Schatz.“

 

Samstag, 1. Juli 2023

Vom Supermarkt zur Supermacht – die Aldi-Story


Blogstuff 825

„Ein Dunst liegt über Dakota,

Und über Nevada liegt Rauch

Und Qualm über Minnesota.

Am Ende liege ich auch.“

(Ror Wolf)

Zwanzig Prozent wählen die rechtsextreme AfD. Gute Nachricht. Nazis glauben, durch Wahlen etwas verändern zu können. Lassen wir sie noch eine Weile in dem Glauben. Sie werden von selbst draufkommen. Einen Staatsstreich werden sie sowieso nicht hinbekommen, geschweige denn eine Revolution.

Ich lasse immer die leeren Shampoo-Flaschen in der Dusche stehen, um jedes Mal wieder rausfinden zu müssen, welche die volle ist.

Kunstunterricht 10. Klasse. Klassenarbeit. Der Lehrer sagt: „Zieht alle euren linken Schuh aus, stellt ihn vor euch auf den Tisch und zeichnet ihn.“ Fast alle tragen Turnschuhe, es ist Sommer und die Fenster sind geschlossen …

Kartoffelchips aus einer Schüssel essen, nicht aus der Tüte. Fernsehen, ohne lästiges Geknister und Gefummel. Das unterscheidet uns von den Tieren.

Mit jedem Schwein, das auf unserem Grill landet, kämpfen wir aktiv gegen den Klimawandel, ihr links-grün-versifften Wärmepumpenveganer!

Ingelheim ist das Dubai von Rheinhessen. Die Stadt hat keine Schulden, sondern 280 Millionen Euro Rücklagen. Fast zehntausend Euro pro Einwohner. 91 Prozent der kommunalen Steuereinnahmen kommen von Boehringer Ingelheim. Zebrastreifen werden nicht mehr auf die Straße gemalt, sondern mit Carrara-Marmor in den Asphalt gelassen.

Wenn vor drei Jahren Nutella aus den Regalen verschwunden wäre statt Klopapier, hätten die Leute die Supermärkte niedergebrannt.

Tipp gegen Einbrecher in der Urlaubszeit: Legen Sie dreißig Schlüssel unter die Fußmatte, von denen keiner passt.

Laut Supreme Court werden Menschen mit abweichender Hautfarbe an den US-Unis nicht mehr bevorzugt. Recht so. Sie waren ja auch vorher noch nie benachteiligt.

Immer dieses Junkie-Deutsch in der Presse: „Ukraine erhält weitere Finanzspritze“. Die kommen nie mehr runter von der Nadel.

Jeder Mann verpasst seinen ersten Orgasmus. Verschämt wird die verkrustete Schlafanzughose in die Waschmaschine gestopft und wir hoffen, dass es keine peinlichen Fragen gibt.

Sommer auf dem Campingplatz: I love the smell of Luftmatratze in the morning.