Mittwoch, 1. April 2026

Die sieben Folterkammern des Dr. Fu-Man-Chu

 

Gestern hatte ich meinen sechsten Zahnarztbesuch in diesem Jahr. Dabei wurde mir wieder ein Zahn gezogen, es war der dritte in diesem Jahr. Von den ursprünglich 32 Zähnen, die ich bei Anlieferung bekommen habe, sind noch 24 übrig. Aber ich wollte ohnehin nie wieder lachen. Dabei hieß es immer, ich hätte die besten Zähne in meiner Familie. Meine Schwester hatte schon mit 16 ihre oberen Schneidezähne verloren und meine Eltern und Großeltern haben sich nie die Zähne geputzt. Dabei sieht man schon auf meinen Kinderfotos die Karieslöcher in meinen Milchzähnen.

Ich bin in den siebziger Jahren auf dem Land aufgewachsen, nur das gehobene Bürgertum kannte so etwas wie Mundhygiene und besaß Zahnbürsten. Jeder Zahnarztbesuch war der blanke Horror. Ich saß als Kind mit meiner Mutter im Wartezimmer und hörte die fürchterlichen Schmerzensschreie aus dem Behandlungszimmer. Es ging zu wie auf einem Schlachthof. Wenn dann schließlich ein Opfer hinaustaumelte, wartete ich voller Angst, welcher Name als nächstes aufgerufen wurde. Was für eine Erleichterung, wenn ein fremder Name fiel. Man fürchtete sich vor dem Klang des eigenen Namens. Aber schließlich war es dann so weit. So müssen sich Menschen auf dem Weg zur Hinrichtung fühlen. Ich war wie in Trance, in einem Tunnel des Schreckens. Im Behandlungszimmer wartete kein Arzt und kein Behandlungsstuhl, sondern der Henker und die Guillotine. Der Zahnarzt war der Teufel in Menschengestalt, jeder Termin ein traumatisches Erlebnis.

1992: Ich habe eine Zyste an einem oberen Schneidezahn. Am Rosenmontag muss ich in die Mainzer Uni-Klinik, kein Witz. Die Eiterblase ist so groß, dass meine Nase schon zur Seite gedrückt wird. Im Behandlungsraum halten mich zwei Mann fest, während ein Dritter die Blase aufschneidet und den Eiter absaugt. Unfassbare Schmerzen, ich brülle den ganzen Laden zusammen. Mein Vater sitzt im Wartezimmer und erzählt mir später, zwei Drittel der Patienten wären geflohen, als ich anfing zu schreien. Eine Woche später wird in einer Operation der obere Teil der Wurzel gekappt. Ein Jahr später bricht ein kleines Stück Zahn ab, als ich in einem chinesischen Lokal in San Francisco auf einen Hühnerknochen beiße. Der Zahn wird dunkler, poröser und schließlich überkront. 2008 bricht die restliche Wurzel entzwei, als ich bei einem rustikalen Bierfrühstück in eine gekochte Fleischwurst (!) beiße. Danach habe ich mich sechs Jahre lang mit einer Maryland-Brücke herumgeschlagen, die immer wieder locker wurde. Seit 2014 habe ich eine Zahnlücke wie Alfred E. Neumann. Es folgten zwölf zahnarztfreie Jahre – bis neulich.

Gestern: Spritze, fünf Minuten warten, Zahn wird gezogen. Schmerzfrei. In zehn Minuten war ich wieder draußen. Nur noch 24 Besuche oder Gott nimmt mich in seiner unerforschlichen Gnade früher zu sich.   

Dienstag, 31. März 2026

Die Stunde der Affen

 

Die Villa, die sich in einem völlig verwilderten Garten verbarg, war von kleinen Giebeln und Erkern übersäht. Sie musste mindestens zweihundert Jahre als sein und war einst als Stadtsitz eines elbischen Adelsgeschlechts erbaut worden. Ich ging zur Tür, nahm den eisernen Ring, der im Maul eines Satyrs befestigt war, und klopfte an.

Ein buckliger Zwerg in einem Pagenkostüm öffnete mir und bat mich hinein. Während er vor mir zum Salon humpelte, betrachtete ich die dunklen Balken an der Decke und die Porträts an den Wänden. Natürlich gab es auch die unvermeidliche Ritterrüstung und die tischhohe Vase aus chinesischem Porzellan.

Im Salon empfing mich Fürst Leopold, ein hagerer Mann um die fünfzig, der auf seidenen Kissen saß und an einer langen Opiumpfeife sog. Die Wände waren mit Mahagoni getäfelt, der Wandschmuck war jedoch durchaus modern: Mandalas und abstrakte Gemälde. Der Fürst bat mich, Platz zu nehmen.

Über diesen Mann kursierten viele Geschichten in der Stadt, teils waren es Gerüchte, teils gab er sie bei gesellschaftlichen Anlässen selbst zum Besten. Man hatte ihm angeblich einen Nacktmull aus dem Enddarm entfernen müssen und er sprach gerne über die sexuellen Ausschweifungen mit einer vierarmigen Inderin in Rajasthan.

„Lieber Fürst“, begann ich. „Die Linken sind uns schon lange ein Dorn im Auge. Ihr seid bekannt für Euer Netzwerk aus Informanten. Es geht um die rote Heidi.“

Tatsächlich gab es dieses unsichtbare Netzwerk aus Dienstboten, Kellnern, Verkäuferinnen, Chauffeuren und Paketzustellern, das den Fürsten immer mit neuen Skandalen und Affären über die Reichen und Prominenten belieferte, die das Fußvolk, von dem sie täglich umgeben waren, nie wirklich wahrnahmen.

„Alfred!“ Der Zwerg tippelte ungelenk ins Zimmer. „Wir brauchen Informationen über Heidi Reichinnek.“ Dann wandte er sich wieder an mich. „Treffen wir uns morgen gegen 15 Uhr auf ein Glas Champagner, lieber Bonetti?“

Am nächsten Tag bekam ich mehr, als ich mir zu wünschen erhofft hatte. Nicht nur Informationen, sondern auch Fotos und aufgezeichnete Gespräche. Heidi bei einer Anprobe im Prada-Laden, Heidi in Lack und Leder mit ihrem Buhlknaben an der Hundeleine, Heidi bei geheimen Absprachen mit Söder.

Bonetti revanchierte sich mit Material aus seinem Bestand: Jens Spahn in einer Badewanne voller Masken, Kai Wegener am ersten Tag des Stromausfalls in der Sauna mit Uschi Glas, Thomas Gottschalk fasst Friedrich Merz ans Knie, Ayatollah Chamenei rittlings auf einer Atombombe.

Die erste Bombe, die Bonetti Media vier Wochen vor der Berlin-Wahl zündete, war jedoch Heidi Reichinnek mit Rüdiger Clooney, dem Bruder des Hollywood-Stars, oben ohne auf einer Yacht in Monte Carlo, während sie Erdbeeren mit Schlagsahne vom nackten Oberkörper eines nubischen Prinzen naschte.

The Chameleons - Up the Down Escalator

Montag, 30. März 2026

Blues, Schweiz und Venen

 Blogstuff 1300

Während die Bundesregierung Steuererhöhungen diskutiert, da die Rekordschulden zum Begleichen der anfallenden Rechnungen offenbar nicht reichen, wird das Publikum durch den „Krimi um Timmy“ abgelenkt, einen hässlichen Meeressäuger im Reihenhausformat, der offenbar zu blöd zum Schwimmen ist und im wieder an einer Sandbank hängenbleibt. Gib dem Tier einen Namen und du kannst das Mitgefühl des degenerierten Pöbels aus vollen Fässern zapfen wie Waltran. Ich erspare Ihnen und mir die Überschrift „Wahlkampf mal ganz anders“ und erzähle lieber von Timmy, dem Spanferkel, das ich letzten Sommer in meinem Garten auf dem Drehspieß gegrillt habe. Vor dem Grundstück skandierten die Tierschützer: „Timmy, für immer in unseren Herzen und Mägen“ und „Alle Spieße stehen still, wenn dein starker Arm es will“.

Merz und Klingbeil wollen zwar keine Vermögenssteuer oder höhere Erbschaftssteuer, aber eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, die selbst Obdachlose und Sozialhilfeempfänger trifft. Genau mein Humor, liebe „Arbeiterpartei“ SPD.

Andrea Kimi Antonelli gewinnt den Großen Preis von Japan und wird mit 19 Jahren der jüngste WM-Führende in der Geschichte der Formel 1. Als Fisichella am 19.3.2006 als letzter Italiener einen Grand Prix gewann, war Antonelli noch gar nicht auf der Welt. Während der Teenager zum Star in Italien wird, beißt sich die Scuderia Ferrari in den Arsch, die für viel Geld den 41jährigen Hamilton ins Team geholt hat, der immer noch sieglos ist.     

Donnerstag: 19.436 Klicks. Das waren sicher nicht alles Leser. Höchsten zehn Prozent. Marschieren hier gerade russische Bots ein – oder sind es die Mullahs, die dahinterstecken? Freitag: Nur noch 10.561 Klicks. Samstag: Absturz auf 10.017. Sonntag: 13.658. Hilfe!

Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ habe ich zum ersten Mal 1981 an der Neuen Wache gesehen. Dort stand jeweils ein Soldat links und rechts des Eingangs, die Wachablösung war ein bekanntes Motiv für Berlin-Touristen. Das Regiment war der bewaffnete Arm der Stasi, eine Elitetruppe nach Vorbild der sowjetischen Tscheka und bestand bei der Auflösung am 2.10.1990 aus über 11.000 Soldaten. Sie bewachten auch die DDR-Politprominenz in Wandlitz usw. Auf einer dreiwöchigen China-Rundreise 2007 habe ich ein ehemaliges Mitglied kennengelernt, der ein wenig aus dem Alltag von Honeckers Prätorianergarde erzählt hat. Sie wären bei der Eroberung West-Berlins ganz vorne mit dabei gewesen, natürlich unterstützt von der Roten Armee. Aber man ließ sie 1989 in den Kasernen, alles blieb friedlich. Chaos gab es genug in West-Berlin. Dauerstau auf allen Hauptstraßen und völlig überfüllte Geschäfte und Kneipen. Zum Glück gab man den Ostdeutschen nur hundert D-Mark Begrüßungsgeld und nicht tausend, sondern hätte man zur Versorgung der Bevölkerung eine neue Luftbrücke gebraucht. Wollte die Stasi damals mit der Maueröffnung West-Berlin destabilisieren?

Hätten Sie’s gewusst? Charles Hittler, der amtierende Bürgermeister von Arcis-sur-Aube, wurde wiedergewählt. Vive la France!

 

Samstag, 28. März 2026

AfD, erwache!

 

6. September: Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kommen nur die AfD, die CDU und die Linken in den Landtag. Obwohl die AfD nur vierzig Prozent der Stimmen bekommen hat (CDU 24 Prozent, Linke 13 Prozent), stellt sie die absolute Mehrheit der Abgeordneten.

10. September: Der AfD-Landesvorsitzende Martin Reichardt wird zum Ministerpräsidenten gewählt. Sämtliche Kabinettsmitglieder sind gesichert rechtsextrem und treten bei ihrer Vereidigung in den neuen feldgrauen Parteiuniformen mit Ordensspange, Säbel und Schulterstücken (drei goldene Sterne) auf.

11. September: Loyale Einheiten der Bundeswehr und der Bundespolizei schließen die Grenzen des Bundeslands. Flüchtlingsheime werden aufgelöst und die Insassen nach Westdeutschland abgeschoben.

13. September: Bürgerwehren patrouillieren in den Innenstädten. Dönerläden, Shisha-Bars, Pizzerien und China-Restaurants bleiben geschlossen. Die Migranten verlassen ihre Wohnungen nicht, einige machen sich auf den Weg nach Berlin und an andere sichere Orte. Ausreisen von Migranten sind erlaubt.

16. September: Der Landtag brennt! Reichardt ruft den regionalen Notstand aus und erlässt Notstandsgesetze. Führerbefehl Nr. 1: Politische Gegner in den freigewordenen Flüchtlingsheimen internieren und streng bewachen.

17. September: Wir gehen in den Untergrund.

***

Halle-Neustadt. Wir sitzen bei Eduard „Ede“ Schmagultzky, der nervös mit einer Stange Dynamit spielt, um den Wohnzimmertisch seiner Plattenbauwohnung.

„Wir müssen den Drecksnazi in die Luft sprengen.“

Ich versuche, ihn zu beruhigen. „Mensch, Ede. Erstens brauchen wir einen Plan und zweitens Waffen. Im Augenblick verhandelt Dobrindt mit Innenminister Kunibert von Schlauchmuffe. Außerdem sind diverse Verfassungsklagen eingereicht.“

„Es heißt, die Russen würden Reichardts Parteitruppen Drohnen, Waffen und Munition liefern. Woher haben die Bürgerwehren denn die AK-47 in rauen Mengen?“

Plötzlich klopft es an die Tür. Sandro wirft sich hinters Sofa und Maik versteckt sich im Schrank.

Ede geht seelenruhig zur Tür, die Makarow in der Hand.

Als er sie öffnet, steht Sascha vor der Tür. „Du kommst immer zu spät, was? Hast der Widerstandszelle eine Heidenangst eingejagt.“

„Dafür habe ich Wodka, Speck, Schwarzbrot und Gurken mitgebracht.“

Die ganze Truppe strahlt erleichtert. Wenig später beugen wir uns alle über einen Plan der Staatskanzlei, den Sandro organisiert hat.

Donnerstag, 26. März 2026

Örtliche Graupelgewitter


Blogstuff 1299

„USA geben Reisewarnung heraus – für die ganze Welt“ (t-online)

Der wunderbare und hochgeschätzte Kollege Chris Kurbjuhn ist gestorben. Eines der letzten Blogs, das ich noch gelesen habe, schließt seine Pforten für immer. Er wohnte nicht weit entfernt in Friedenau, leider habe ich ihn nie persönlich kennengelernt. Mein herzliches Beileid an seine Frau, seine Familie und seine Freunde.

Josef „Jupp“ Eisbrenner erblickte im Alter von drei Jahren das Licht der Welt. Vorher hatte er sein gesamtes Leben in einem Jutesack verbracht, der im Kellerschrank seiner Eltern hing. Seine Mutter war eine willenlose Heroinabhängige, sein Vater ein cholerischer Drogendealer, der im Haus herumbrüllte, bis Speichelfäden aus seinem Mund flogen wie bei einem wütenden Rottweiler. Das Jugendamt befreite ihn und brachte ihn in einer Pflegefamilie unter, wo er bis zu seinem 18. Geburtstag kein Wort sprach. Mit seinem Sonderschulabschluss wurde er in die Welt entlassen und ist heute Bundestagsabgeordneter für die SPD.

+++breaking news+++ Iran blockiert Spargelexport nach Deutschland. Kilopreis explodiert auf über zwanzig Euro. Wirtschaftsministerin Reiche empfiehlt Schwarzwurzeln als Ersatz. Plündernde Horden in Beelitz gesichtet.

Die „gute, alte Zeit“ ist einfach unsere Kindheit und sie war nicht besser als die Kindheit heute.

Beim Münchner Oktoberfest wird in diesem Jahr zum ersten Mal ein Grüner „O’zapft is“ rufen. Wird ein Smoothie aus dem Zapfhahn kommen?

Zwölf Jahre war ich nicht beim Zahnarzt. Dann habe ich mir im Januar zwei wackelige Weisheitszähne ziehen lassen und nächste Woche habe ich schon den sechsten Zahnarzttermin in diesem Jahr, zwei weitere folgen im April. Von den verbliebenen 25 Zähnen, hat der Arzt nach der Zahnreinigung am Mittwoch gesagt, seien sieben „nicht erhaltungswürdig“, einer wird am 31. März extrahiert, wie es bei uns in Wilmersdorf vornehm heißt. Keine sechzig und ich bin schon eine wandelnde Ruine. Ich sehe schon, wie ich abends mein Gebiss in ein Glas mit Corega-Tabs lege und mir beim Einschlafen mein neues Lächeln betrachte.

Ostermontag: Auf der Straße von Jerusalem nach Emmaus begegnen zwei Leser einem Fremden und erkennen ihn nicht. Erst als er an einer Tankstelle Wasser in Benzin verwandelt und eine Runde Duplo spendiert, erkennen sie Bonetti. So steht es geschrieben.   

In eigener Sache: Entgegen anderslautenden Meldungen kommen die in diesem Blog veröffentlichten Pointen nicht durch die Straße von Hormus in unsere Redaktion.

Roland der Furzer – Wikipedia




 

 

Mittwoch, 25. März 2026

Wie kann sich die Politik erneuern?


Georg Diez macht in seinem neuesten Essay „Schüchternheit als politische Kategorie“ einen Vorschlag, der seit Jahrzehnten im politischen Diskurs seine Runden dreht. Man müsse neben den etablierten Strukturen des Parteienstaats neue Strukturen der Bürgerbeteiligung schaffen, um die Legitimität des Systems wiederherzustellen. Per Losverfahren soll ein Gremium von z.B. hundert Menschen geschaffen werden, das Entscheidungen trifft.

Klingt im ersten Augenblick gut, führt aber zu drei Problemen:

1.    Wer legitimiert diese Auswahl an Personen? Niemand hat sie gewählt, niemand hat sich für sie entschieden. Wir überlassen die Demokratie dem Zufall, die Roulettekugel entscheidet über unsere Zukunft.

2.    Welche Fachkenntnisse haben diese hundert Personen? Was befähigt sie, Entscheidungen im Namen aller Bürger zu treffen? Nicht jeder Mensch wird mit der Intelligenz und dem Talent geboren, komplexe politische Probleme zu lösen.

3.    Diese Hundertschaft aus der Lostrommel ist nur auf dem Papier gleich. Es gibt Kluge und Dumme, Erfahrene und Ahnungslose, Aktive und Passive, Menschen mit Durchsetzungsvermögen und Mitläufer, Menschen, die die Fähigkeit haben, Gruppen zu bilden und zu führen, Menschen, die unsicher sind und denen das Selbstbewusstsein fehlt usw. Außerdem sind diese hundert Bürger keine unbeschriebenen Blätter. Sie haben politische Präferenzen, eigene Interessen und sind womöglich anfällig für Manipulationen von außen. Man kann sie nicht dauerhaft einschließen wie die Geschworenen in US-Justizdramen.

Es gibt diese Form der Beteiligung schon lange, man nennt es Bürgerräte. Den letzten bundesweiten Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ gab es 2024. Ein Jahr später wurde die zuständige Stabsstelle von Frau Klöckner ebenso unbemerkt wie geräuschlos abgeräumt. Der empörte Aufschrei der Bevölkerung blieb aus. Von den konkreten Auswirkungen der Bürgerräte auf die Gesetzgebung ist nichts bekannt.

Es gäbe noch eine andere Möglichkeit: direkte Demokratie. Abstimmungen als Ergänzung zu Wahlen erlaubt das Grundgesetz ausdrücklich. In Berlin haben wir mit diesem Instrument jedoch schlechte Erfahrungen gemacht. Die Politik hat willkürlich entschieden, welche Abstimmungsergebnisse umgesetzt werden und welche nicht. Schlechte Nachrichten für das Thema Bürgerbeteiligung.

Der Parteienstaat wird sich die Macht nicht aus den Händen nehmen lassen. Der Zivilgesellschaft bleiben der folgenlose Diskurs und die Rolle als Reparaturbetrieb im kapitalistischen System (Armutsbekämpfung, Umweltschutz, Integration usw.).

P.S.: Insgesamt gab es von 1982 bis heute fünfzig bundesweite Bürgerräte, die auf dem Losverfahren basierten.

Dienstag, 24. März 2026

Fernandes / Ulmen

 

Wie viele Menschen war ich in der vergangenen Woche fassungslos und entsetzt, als ich erfuhr, wie lange Ulmen seine Frau gedemütigt und erniedrigt hat – durch virtuelle und körperliche Gewalt. Bevor ich zum Kern meiner Überlegungen komme, zunächst ein paar Vorbemerkungen:

1.    Ich finde es großartig und mutig, dass Frau Fernandes mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen ist und es hoffentlich auch zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird. Man kann diesen bitteren schwarzen Klumpen Dreck nicht ewig in der Seele tragen, ohne daran kaputtzugehen. So etwas vergisst man sein ganzes Leben lang nicht, also muss es raus. Auch wann man durch die Debatte in den Medien noch ein zweites Mal durch die Hölle geht.

2.    Ich kenne Herrn Ulmen natürlich nur oberflächlich in seinen Fernsehrollen. Ich dachte, ich hätte so etwas wie Lebenserfahrung, aber ich habe gelernt: Das harmlose und freundliche Gesicht war nur eine Fassade, hinter der sich ein Monster verbirgt. Ich habe mich jahrelang täuschen lassen.

3.    Die ganze Geschichte ist so bizarr, dass man es nicht glauben mag. Herr Ulmen hätte doch auch als Lieschen23 Sex-Chats mit anderen Männern haben können. Millionen Männer geben sich als sexy Busenwunder aus und sind in Wirklichkeit fette Lkw-Fahrer über fünfzig. Wie kann er seiner eigenen Frau, der Mutter seines Kinds, so etwas Widerwärtiges antun? Dieses Konglomerat an Ungeheuerlichkeiten machte mich im ersten Moment sprachlos.

Ich habe jeden Tag über diesen Fall nachgedacht und frage mich: Wie wird aus einem unschuldigen kleinen Jungen, der mit seinem Teddy spielt, das erwachsene Ungeheuer, das Ulmen offenbar ist? Selbstverständlich hat es viel mit Rollenvorbildern zu tun. Ich kenne seinen Vater nicht, aber andere Vorbilder kennt man aus den Medien, dem Sportverein und der Schule. Ulmen ist Jahrgang 1975. Der Typ einfühlsamer Frauenversteher, der ein guter Zuhörer und verständnisvoller Freund ist, gab es in der „guten, alten Zeit“ nicht oder man hielt ihn für schwul. Bewundert wurden der muskelbepackte Egomane mit Motorrad und Lederjacke in der Dorfdisco, der Mannschaftskapitän der Fußballmannschaft oder die Cowboys, Superhelden und harten Hunde im Fernsehen (Clint Eastwood, Charles Bronson, Bruce Lee – Männer, die man nie lachen sah).

Das Sahnehäubchen der Gegenwart: Soziale Medien geben noch dem erbärmlichsten hühnerbrüstigen Vorstadt-Django eine Plattform für seinen Größenwahn. Alles anonym, alles ungesühnt, jeder Rotz darf propagiert werden – solange man die Politprominenz nicht behelligt. Schließlich funktioniert auf diese Weise das Geschäftsmodell der Zuckerbergs und Musks der Internet-Welt.

Aber ganz offenbar enden nicht alle Männer in dieser toxischen Jauchegruppe ihrer Geschlechtsidentität. Und warum werden Frauen nicht so? Warum musste Ulmen seine Frau so lange quälen, anstatt die Scheidung einzureichen? Sadismus, Rachsucht? Es muss ihm klargewesen sein, dass es ihn irgendwann seine Karriere und seinen Freundeskreis kosten würde. Oder hat er sich wegen seines Erfolgs genauso unbesiegbar gefühlt wie die männlichen Vorbilder seiner Kindheit und Jugend? Eine Art Porno-J.R. oder Provinz-Trump? Mir ist klar, dass ich hier nur Vermutungen äußere – aber es beschäftigt mich dennoch jeden Tag, also schreibe ich darüber. Ich heiße nicht Spock, ich bin kein Stein, ich rege mich auf und ich beziehe Stellung.

 

 

Montag, 23. März 2026

Mainz bleibt nicht mehr Mainz

 

Blogstuff 1298

Seit einem halben Jahr habe ich eine Lesebrille, heute habe ich zum ersten Mal meinen Schildkrötenhals bemerkt. Wenn ich demnächst ein Hämorrhoidenkissen ins Restaurant mitnehme, bin ich offiziell alt.  

Rheinland-Pfalz: Die letzte Ampel wird abgeschaltet. Als es den ersten Machtwechsel gab, 1991 von der CDU zur SPD, bin ich nach Berlin gezogen. Anders als in der Bundesregierung wird Gordon Schnieder mit seiner GroKo eine Zweidrittelmehrheit im Parlament haben. Not & Elend, wohin man blickt. Jetzt hat die Schnieder Family einen Bundesminister und einen Ministerpräsidenten. Was macht eigentlich die beiden anderen Geschwister?

Es würde die Integration erleichtern, wenn man ausländische Namen eindeutschen würde. Aus „Wang Tik-Tok“ würde dann „Jacke süß-sauer“, aus „Al-Medi“ würde „Altmaier“ und aus „Harry Kane“ würde „Harald Kahn“.

Ich verstehe gar nicht, warum man Woody Allens Frühwerk nicht mehr im Fernsehen zeigt. Meistens läuft „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“) oder neuere Filme. Also habe ich mir drei Filme aus den frühen Siebzigern bestellt. „Love and Death“ („Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“) ist so unglaublich witzig, ich konnte es gar nicht glauben. Vor vierzig Jahren habe ich den Film zum letzten Mal gesehen. Ich habe in den achtzig Minuten mehr gelacht als in einem Jahr deutscher Comedy-Shows – und ich lasse wirklich keine aus. Jetzt freue ich mich auf „Bananas“ heute Abend.

Jedes Jahr denke ich, es kann nicht weiter nach unten gehen. Und dann beginnt das neue Jahr und es ist noch schlimmer als das letzte. Gefühlt sind wir 2026 im 3. Untergeschoss und glauben, jetzt ruft jemand „Alles aussteigen!“, weil der Tiefpunkt erreicht ist. Aber vielleicht ist das alles kein Keller, sondern ein Bergwerk?

Bodentruppen? In Deutschland nennt man das Putzkolonne.

Es gibt Menschen, die ihr Leben in einer Einzelzelle verbringen und den ganzen Tag „ICH, ICH, ICH“ rufen. Und dann wundern sie sich, wenn sie einsam sterben.

Hätten Sie’s gewusst? „Muhammad ibn al-Hasan al-Mahdi ist nach der Lehre der Zwölfer-Schia der in der Verborgenheit lebende zwölfte Imam, dessen Rückkehr für die Endzeit erwartet wird. Er gilt den Zwölfer-Schiiten als der Mahdi im Sinne des Erlösers als messianische Gestalt.“ (Wikipedia). Der Mann spielt in einer Liga mit Jesus und Trump.

Ich war im Fußballverein, jede Woche im Schwimmbad, schlank, durchtrainiert, habe weder getrunken noch geraucht, gute Noten, keine Probleme mit den Eltern, Mädchen waren uninteressant – und dann kam ich in die Mittelstufe.

Fischer-Z - Marliese

Samstag, 21. März 2026

R.I.P. Chuck Norris

 

Blogstuff 1297

Trump ist schon ein Schlaumeier. Er fängt den Irankrieg an, um von Epstein abzulenken, und danach den Kubakrieg, um vom Irankrieg abzulenken.

Mit der profanen Form des Glaubens habe ich schon merkwürdige Erfahrungen gemacht. Jeder kennt den deutschen Aberglauben, man müsse an einem Automaten die Münze, die gerade durchgefallen ist, einfach am Metallgehäuse reiben – dann klappt‘s. Und es klappte tatsächlich oft. Zweites Beispiel: Mitte der Achtziger, ich sitze mit Freunden in unserer Stammkneipe. Wir trinken das billigste Bier: Henninger Export. Direkt aus der Flasche. Wir haben keine Lust, es einzuschenken, der Wirt hat keine Lust, die Gläser zu spülen. Nach der ersten Runde hält mir Björn eine Ein-Pfennig-Münze hin. Wenn ich sie in die Flasche werfen kann, gibt er mir das zweite Bier aus. Ich nehme die Münze, sehe mir den Flaschenhals an und denke mir: kein Problem. Einen Augenblick später klingelt der Pfennig in der Bierflasche. Alle schauen mich entsetzt an. Björn erklärt mir, dass es eigentlich nicht ginge. Die Münze sei zu groß für die Öffnung. Tatsächlich habe ich es danach nie wieder geschafft. Das Wissen hatte meinen Glauben zerstört.

Straße von Hormus: Merz will die Bundesmarine zur Sicherung des Seewegs schicken, wenn der Krieg vorbei ist. Comedy-Gold.

Vermutlich hat jeder schon mal den Gedanken gehabt: Was wäre, wenn ich mein Leben mit dem Wissen von heute noch einmal führen könnte? Nicht ab der Geburt, aber sagen wir mal, seit der Pubertät. Hunderte von Fehlern, Enttäuschungen, Verletzungen und falschen Entscheidungen wären uns erspart geblieben. Wer behauptet, er würde alles noch einmal genauso machen wie beim ersten Mal, hat entweder nicht nachgedacht oder leidet unter Größenwahn. Aber man wäre zu den richtigen Leuten freundlicher gewesen und hätte die miesen Schweine, die einen nur manipulieren wollten oder uns geschadet haben, früher aussortiert. Man hätte sich vielleicht für andere Jobs und Wohnorte entschieden. Ich war nicht permanent auf der Straße des Erfolgs unterwegs, aber auch nicht nur auf holprigen Nebenstraßen. Ich habe vor allem viel erlebt, es war keine langweilige Standardbiographie. Würde ich heute ein anderes Leben führen, wenn ich ein paar Entscheidungen anders getroffen hätte oder wenn es bestimmte Zufälle nicht gegeben hätte? Wahrscheinlich. Aber mein jetziges Leben könnte nicht besser sein. Ein sorgloses Leben ohne Verpflichtungen. Ich mache den ganzen Tag, wonach mir gerade ist. Per aspera ad Astrid (Danke, Autokorrektur!).

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Im engeren Sinne. Aber es geht weiter. Wir liegen in unseren Gräbern, von Gott und dem Teufel verlassen, und warten darauf, dass jemand an uns denkt oder ans Grab kommt. Vielleicht ein paar Blumen pflanzt. Darüber machen wir uns Notizen. Wer uns vergisst, dem können wir zwar nicht als Gespenst erscheinen, aber wir haben die Macht, den Lebenden Pech zu bringen. Denken Sie immer daran. Und bringen Sie Blumen mit!


Freitag, 20. März 2026

Zwischen Irrsinn und Entsetzen


Blogstuff 1296

Nach Öl und Gas: Jetzt werden auch noch Sonne und Wind teurer.

Meine Gerichtsverhandlung fand unter einem Galgen statt. Das hätte mich bereits stutzig machen müssen.

Warum bittet Trump nicht seine Freunde im „Friedensrat“ um militärische Unterstützung?

Der Berliner, der in Berlin bekanntlich Pfannkuchen heißt, wird auf dem Preisschild meines Bäckers als „aufgetaut“ beschrieben. Früher hieß es noch „frisch gebacken“. Vorbei.

Katholische Kirche beschließt: Preis für die letzte Ölung steigt um dreißig Prozent.

Es ist wie damals in der DDR: Alles läuft nach Plan.

Bei uns auf dem Land hat man Ehe vor dem Sex.

Würde Moses heute leben, wäre er bei Sandra Maischberger und Markus Lanz zu Gast, die Tafeln mit den zehn Geboten ließe er bei Sotheby’s versteigern und seinen Lebensabend verbrächte er in Florida.

Neulich im Café: Bonetti startet seine große Tortenbodenoffensive.

Trump überzieht seine NATO-Alliierten mit Zöllen, Beleidigungen und Drohungen – und bittet sie plötzlich um Hilfe in einem Krieg, den er selbst vom Zaun gebrochen hat. Genau mein Humor. Bei seinem Freund Putin, einem Verbündeten des Iran, lockert er die Sanktionen. Muss man das begreifen?

Warum ich so wenig Reichweite habe? Seit Jahren kämpfe ich gegen den Satirisch-Industriellen Komplex (SIK).

Wirtschaftskriminalität: Folge dem Geld. Beziehungstaten: Folge dem Sperma.

In Nagelsmanns 26er-Kader für die Freundschaftsspiele Ende des Monats sind zehn Schwarze, mit Musiala wären es elf gewesen. Wo sind die Asiaten mit deutschem Pass, die Syrer, Afghanen, Inder und Chinesen? Wo die Latinos und Europäer? Sehe nur ich diesen latenten Rassismus?

Diversifikation ist das Zauberwort für jedes erfolgreiche Unternehmen. Neue Produkte, neue Märkte, neue Zielgruppen. Deswegen baut Bonetti jetzt im Kongo eine Würgeschlangentrockenfutterfabrik. „Pythonic“ wird man in jedem Einkaufszentrum im Urwald kaufen können. In den Geschmacksrichtungen Affe, Antilope und Mensch erhältlich.

The Police - Canary In A Coalmine (1980) [magnums extended mix]

Donnerstag, 19. März 2026

Wagyu-Leberkäse

 

Blogstuff 1295

Ich meine, ob ich es befreie oder übernehme. Ich glaube, ich kann damit machen, was ich will.“ (Trump zum Thema Kuba am 16.3.26)

Eines muss man der deutschen Politik lassen: Alle sechs Parteien im Bundestag sind bis in höchste Ämter von Dilettanten durchsetzt, aber nicht von Bekloppten wie die US-Regierung. Die Ikonographie ist beeindruckend gewesen. Trump an seinem Schreibtisch, der von etwa zwanzig Pfarrern gesegnet wird. In den US-Kasernen wurden die Soldaten zusammengerufen, um ihnen zu erklären, der Krieg gegen den Iran sei ein heiliger Krieg (Muslime würden es Dschihad nennen, wir Kreuzzug), nach dessen siegreichem Ende Armageddon käme und der Erlöser erscheinen würde. Ich wette, noch in diesem Jahr wird Trump sich selbst zum Messias ausrufen. Schließlich habe Gott ihn seiner Meinung nach persönlich beim Attentat gerettet und ihm nun befohlen, die Ungläubigen mit dem Schwert zu richten.

Die Begründung am Anfang des Kriegs, verbreitet von einem Speichellecker aus Trumps Hofstaat, war auch nicht besser: Hätte man am Samstag den Krieg nicht begonnen, hätte der Iran am Montag die Atombombe gehabt.  

Israel hat den winzigen Gazastreifen zwei Jahre lang bombardiert, die Hamas gibt es immer noch. Wie lange will man ein großes Land wie Iran bombardieren? Zwanzig Jahre? So wird man die Theokratie nicht los. Man denke an den Zweiten Weltkrieg: Der Bombenkrieg gegen die deutschen Städte hat das Nazi-Regime nicht gefährdet. Erst die Bodentruppen beendeten Hitlers Herrschaft. US-Bodentruppen im Iran? Jeden Tag werden Leichensäcke nach Amerika geflogen werden. Good mooorning, Vietnam!

Könnte man es nicht Wachstumspause statt Rezession nennen? Klingt doch viel freundlicher.

Der Wirt meines Stammlokals berichtet mir von einem Ehepaar, das eine Weile Leitungswasser zum Essen bestellte. Da es ein gutes Restaurant ist, natürlich eine „Karaffe Leitungswasser“. Ich würde ja überhaupt nicht auf die Idee kommen. Wir bestellen immer eine Flasche Wein und eine Flasche Wasser. Bei der vierten Ablehnung hat es der Wirt dem Ehepaar auch erklärt. Die einzigen, die Leitungswasser bekommen, sind Hunde im Hochsommer.

Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die den Unterschied zwischen einer Ottomane, einer Récamiere und einem Diwan genau erklären können. Ich möchte Ihnen einfach mit meinem Fachwissen importieren.

Was fehlt: Mein ausführliches „Ich hab’s euch doch gleich gesagt“ zur Schuldenlüge der Regierung und zur Verwendung des „Sondervermögens“ für beliebige Zwecke und Haushaltslöcher. #Schwindelanfälle


Dienstag, 17. März 2026

Schmerzensgeld

 

Das schmale Backsteinhaus lag unter dem bleiernen Himmel, als hätte es Mühe, dem Druck standzuhalten. Ich zögerte einen Moment, dann betrat ich das Grundstück durch die verwitterte Gartentür und klingelte. Wie immer dauerte es eine Viertelstunde, bis die Tür endlich geöffnet wurde.

Frau Jacoby war eine zornige kleine Kreatur, die stets eine dunkelgraue Strickjacke trug und ihr schlohweißes Haar zu einem Dutt gebunden hatte. In ihren besten Tagen mag sie einsfünfzig groß gewesen sein, jetzt hatte sie einen Buckel und musste sich mit beiden Händen auf ihren Stock stützen, wenn sie zu mir aufsah.

„Was wollen Sie? Ich hatte mich gerade auf meine Ottomane gelegt.“

„Wir sind doch jeden Tag um diese Zeit verabredet.“

„Kommen Sie schon rein. Ich habe keine Lust, den Garten zu heizen.“

Sie konnte den ganzen Tag ihr Gift verspritzen, ohne jemals zu ermüden. Man hätte es für Schrulligkeit oder sogar für Ironie halten können, aber ihre sagenhaft schlechte Laune und ihre Verachtung für die gesamte Welt, womit nicht nur alle Lebewesen und Pflanzen, sondern selbst Meere, Berge und der Sternenhimmel gemeint waren, war nicht gespielt.

Ich folgte ihr in den düsteren Flur. Die Decken sämtlicher Räume des Hauses waren so niedrig, dass ich sie mit der Hand berühren konnte, ohne mich auf die Zehenspitzen zu stellen. Jedes Zimmer war so klein, man hätte meinen können, das Haus sei um sie herumgebaut worden. Ein Klaustrophobiker wäre schreiend davongelaufen.

Wir gingen ins Wohnzimmer, das diesen deprimierenden muffigen Geruch alter Leute ausdünstete, die seit Wochen vergessen hatten zu lüften. Auf dem Vertiko saß Johann, ihr Kater, der seiner Besitzerin an Boshaftigkeit in nichts nachstand und mich wütend anfauchte. Er schlug mit seiner Pfote nach mir, war aufgrund seiner Fettleibigkeit aber nicht imstande, mich anzuspringen.

Ich setzte mich auf das Sofa und nahm einen Schreibblock und einen Kugelschreiber aus meiner Aktentasche. Frau Jacoby setzte sich auf einen Sessel und fragte mich, wo wir beim letzten Mal stehengeblieben waren.

„1959.“

„Ich erinnere mich gut. Ich verbrachte den Sommer im Grand Hotel von Rimini. Die Playboys und Heiratsschwindler umschlichen das Gebäude wie Alligatoren. Eine wohlhabende und gutaussende Frau wie ich hatte es damals nicht leicht …“

Erfolgreiche Schriftsteller verbringen ein sorgloses Leben an ihrem Schreibtisch. Die Verleger reißen ihnen jedes Manuskript aus den Händen, weil es Erfolg und hohe Einnahmen verspricht. Mittelmäßige Schriftsteller haben oft einen Nebenjob als Germanistikdozent oder ihre Ehefrauen haben einen Beruf mit genügendem Einkommen. Schlechte Schriftsteller wie ich müssen die Memoiren von Menschen wie Frau Jacoby schreiben. Immerhin zahlt sie 1500 Euro im Monat. Es ist Schmerzensgeld. Hart verdientes Schmerzengeld.  

 

Montag, 16. März 2026

Söders große Obsession

 

Der bayerische Ministerpräsident ist von Atomkraft besessen. Erst wollte er verhindern, dass das letzte bayerische AKW abgeschaltet wird. Dann wollte der fränkische Wurstkönig erzwingen, dass es wieder eingeschaltet wird. Als Jurist sollte ihm eigentlich klar sein, wem das Kraftwerk gehört: der E.On AG. Die Abschaltung durch das Energieunternehmen erfolgte vertragsgemäß, die deutschen AKW-Betreiber haben nach Merkels Atomausstieg 2011 schließlich 2,4 Milliarden Euro Entschädigung für entgangene Einnahmen kassiert.  

Heute haben die ehemaligen AKW-Betreiber Vattenfall, RWE, EnBW und E.ON kein Interesse mehr am Neubau von AKW, denn Atomstrom – der im Falle eines privatwirtschaftlichen Betriebs nicht mehr im hohen Maße von Steuergeldern subventioniert wird – ist mit bis zu 49 Cent pro kWh die teuerste Energieform überhaupt. Sonnenenergie kostet weniger als zehn Cent. Dazu kommt fas immer noch ungelöste Problem der Entsorgung des anfallenden Atommülls (von EnBW geschätzte Kosten bis 2100: 170 Milliarden Euro).

Private Unternehmen sind gewinnorientiert und bestrebt, die Stromrechnungen ihrer Kunden so niedrig wie möglich zu halten. Produzieren sie teuren Atomstrom, müssten sie das auf die Rechnungen umlegen und verlieren dadurch natürlich Kunden an die kostengünstigere Konkurrenz. Das nennt man Wettbewerb oder auch Marktwirtschaft. Politiker wie Söder müssen sich um derlei Petitessen nicht scheren. Sie schmeißen das Geld der Steuerzahler mit beiden Händen zum Fenster raus. Das kann jeder Schimpanse.

Jetzt soll es also ein Mini-Atomkraftwerk für Bayern sein. In den USA wurde ein solches Projekt vor Kurzem gestoppt, als die Kosten von 5,3 auf 9,3 Milliarden Dollar gestiegen waren, darunter vier Milliarden Subventionen aus Steuergeldern. Die Kosten pro kWh liegen über den Kosten der großen AKW. Eine kommerzielle Nutzung der SMR, so der Fachbegriff, wird nicht vor 2030 erwartet – dann aber ganz bestimmt im schönen Freistaat. Ein großes AKW, wie es gerade in Frankreich nach 17 Jahren (!) Bauzeit in Betrieb genommen wurde (Flamanville 3), kostete mit 13 Milliarden Euro mehr als der bayerische Finanzausgleich an andere Bundesländer.

Für sein Großprojekt wünsche ich Pharao Markus I. viel Glück. Hoffentlich erlebt er noch die Inbetriebnahme.

 

Sonntag, 15. März 2026

Das Café

 

Das kleine einstöckige Haus an der Uferpromenade von Wilmington beherbergte eine Buchhandlung. Hinter dem Gebäude war ein Stück Rasen und ein Gartenhäuschen. Ein Zimmer mit einer Küchenecke, in dem man direkt stand, nachdem man die Tür geöffnet hatte, und ein Bad. Alles sollte zusammen 50.000 Pfund kosten.

Wilmington schrumpfte seit zehn Jahren, als die Fischkonservenfabrik dicht gemacht hatte. Die Familie waren auf der suche nach Arbeit weggezogen. Von 8.000 Einwohnern waren noch 3.500 übrig. Nach der Fabrik hatte der Supermarkt geschlossen, dann die Tankstelle, der Bäcker und schließlich der Pub. Niemand wusste, warum der alte Wurlitzer noch seine Buchhandlung geöffnet hatte. Sie warf sicherlich keinen Gewinn mehr ab. Vor zwei Wochen war er gestorben.

Peter arbeitete in einer Werbeagentur in Burningham, zehn Meilen entfernt. Jeden Tag fragte seine Frau ihn, wie die Arbeit war, wenn er von der Arbeit kam. In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte er noch in vollständigen Sätzen geantwortet. Jetzt grunzte er nur und zuckte mit den Schultern. Er fragte seine Frau nie, wie es zuhause gewesen war. Vermutlich hätte sie geseufzt und mit den Schultern gezuckt. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sie grunzte.

Er wollte diese Buchhandlung. Er hätte die Bücher der Stadtbibliothek von Burningham geschenkt und ein kleines nette Café eröffnet. Oder er hätte sie als Dekoration in den Regalen stehen lassen. Er würde sich scheiden lassen und wäre in das Gartenhäuschen gezogen. Er hatte genug Geld auf dem Konto, das Haus hätte er seiner Frau überlassen. Kinder gab es keine, Haustiere auch nicht.

Mit den Werbeslogans „Veterinol – und der Hund bleibt gesund“ und „Veterinol – und der Hund fühlt sich wohl“ gelang ihm der Durchbruch. Der Kunde war hochzufrieden und der Agenturchef zahlte ihm eine Prämie von 10.000 Pfund. Jetzt hatte er nicht nur genug Geld für die Buchhandlung, sondern auch für die Inneneinrichtung, einen Kaffeevollautomaten, einen Ofen für die Muffins und eine Geschirrspülmaschine. Er kündigte, zog zuhause aus und legte an der Uferpromenade los.

Drei Monate später. Gab es deine keine jungen Leute in dieser Stadt? Wo waren die Hipster mit Dutt, Hoodie und Notebook? Es sah im Café aus wie im Altersheim. Die Muffins hatte er aus dem Supermarkt und der lauwarme koffeinfreie Kaffee floss in Strömen. Er hatte sein Café „Roxanne“ getauft, nach dem alten Police-Song. Jetzt nannte er es „Café Rektum“, weil es ihm am Arsch vorbeiging. An Tisch 3 saß Pater McCarthy und trank einen Cappuccino. Als Kind hatte er eine Phase gehabt, in der er auch Priester werden wollte. Nur sonntags arbeiten und der Zölibat hielt einem die Weiber vom Leib.

Wenigstens hatte er im Gartenhaus seine Ruhe. Man erreichte es nur durch die Hintertür das Cafés. Keine Überraschungsbesuche, keine Vertreter und die hohen Mauern und Hecken verhinderten neugierige Blicke der Nachbarn. Hier war seine Oase des Friedens.

  

Samstag, 14. März 2026

Alte Männer auf roten Mofas


Blogstuff 1294

„Dir blase ich die Lichter aus.“ (Gips Melson in der Rolle als Ugly Joe, bevor er mit der Uzi auf seine Geburtstagstorte schießt)

Wir können unsere Vorfahren im Prinzip eine Million Jahre zurückverfolgen. Sonst wären wir ja nicht hier. Meine Ahnenforschung reicht etwa hunderttausend Jahre zurück – bis zu Uruk aus Höhle 47.

Die paarungswillige Saarländerin findet man an Autobahnraststätten und in Biker-Kneipen. Durch das weithin hörbare Brunftrülpsen alkoholisierter Saarländer wird das possierliche Weibchen angelockt. Nach der Empfängnis zieht es sich tief in den Wald zurück und baut eine Wurfhöhle. Neun Monate später kommen fünf bis sechs Saarländer auf die Welt.

„Volkswagen ist 2025 tief in die Gewinnkrise gerutscht. Das operative Ergebnis (…) halbierte sich auf 8,9 Milliarden Euro.“ (BILD, 10.3.26). Der einst stolze Automobilkonzern muss also in die Insolvenz. Alles geht den Bach runter, alles.

Warum muss eigentlich immer alles „gesund“ sein?

Warum gibt es in Wien keinen Habs-Burger?

Das Tao, das wir sehen, ist unsichtbar. Das Tao ist das Nicht-Tao. Alles weitere in meinem neuen Buch „Die Tao-Wurst“.

Ich finde es gut, dass Trump sein Verteidigungsministerium rechtzeitig in Kriegsministerium umbenannt hat. Dafür gab es zurecht den Friedenspreis der FIFA und den Second-Hand-Friedensnobelpreis von der Urwald-Trulla.

Frauen? Das Letzte, das ich erfolgreich angemacht habe, war die Heizung.

Jetzt neu! „Das große Promipacken“ auf RTL. Überflüssige Y-Promis ziehen nach Somalia.

Merz-Reformen? Das ist ja noch nicht mal ein Sturm im Wasserglas, das ist ein laues Lüftchen im Zahnputzbecher.

Was macht eigentlich Heinz Pralinski? Er ermittelt Undercover für seinen neuen Roman „Spielrausch“ im Halma- Milieu.

Wer sich Kochshows ansieht, hat die Kontrolle … - na, Sie wissen schon.

Bonetti hat die Finger tätowiert. Auf der rechten Hand steht W-U-R-S-T und auf der linken Hand steht F-I-N-G-E-R.

„Sie sind angeklagt wegen Ladendiebstahls. Wie heißen Sie?“ – „Klaudia.“ Genau mein Humor.

“America spent 20 years and trillions of dollars replacing the Taliban with the Taliban. But Trump managed to replace Ayatollah Khamenei with Ayatollah Khamenei in just 9 days! Most efficient President ever!“ (U.S. Democratic Socialists)

 

Freitag, 13. März 2026

Der Aufbruch

 

Frank stand hinter dem Tresen und blickte melancholisch über die wenigen Gäste seiner Kneipe. Da waren L & L, Lars und Lutz, zwei alte Schulfreunde, beide arbeitslos, die in der ersten Monatshälfte ihre Stütze bei ihm versoffen, bevor sie in der zweiten Monatshälfte auf Oettinger umstiegen. Dann der alte Wamsler, ein Rentner, der seine BILD-Zeitung mit der Aufmerksamkeit eines Bibliothekars studierte. In der Ecke ein aufgekratztes Damenkränzchen, das Wein und Likör bevorzugte. Den Fremden mit dem dunklen Anzug konnte er nicht einschätzen, vermutlich ein durchreisender Vertreter.

Die vergilbten Gardinen, in denen das Nikotin der letzten zwanzig Jahre konserviert war, ließ keinen Blick auf die Hauptstraße der Kleinstadt zu. Zum Glück. Direkt gegenüber hatte ein „Investor“ den pleitegegangenen Eisenwarenladen abgerissen, aber anschließend doch nicht neu gebaut. Ein Maschendrahtzaun trennte den Bürgersteig von dem verwilderten Grundstück, das sich allmählich mit Abfällen füllte. Auf der rechten Seite war früher ein Bekleidungsgeschäft gewesen, in das nach der Insolvenz ein KIK eingezogen war, der jedoch nach einem Jahr auch aufgegeben hatte. Auf der linken Seite war die langgezogene Backsteinwand einer ehemaligen Schuhfabrik. Schuhe kamen jetzt aus Asien. Sie waren billig, zerfielen aber nach einem Jahr. Das bemerkten die Käufer jedoch nicht, weil sie alle sechs Monate in ihrem Modewahn im Internet neue Schuhe bestellten.

Die ganze Stadt ging den Bach hinunter. Frank hatte die Kneipe vor zehn Jahren gekauft. Er dachte, es wäre ein gutes Geschäft. Er wohnte in einer Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock. Heute würde er für das Gebäude keinen roten Heller mehr bekommen. Er war gefangen. Er musste als Wirt weitermachen, er hatte kein Geld für eine Flucht und einen Neuanfang in weiter Ferne. Warme Mahlzeiten anbieten? Dann hätte er einen Koch anstellen müssen. Dafür hatte er kein Geld.  

Frank dachte an seine Kindheit zurück, als Smodritschka noch Stalinstadt hieß. Er lebte im Ortsteil Veloziped, wo jeden Samstag Subbotnik war, die Nachbarn sich gegenseitig die Fensterläden strichen und Blumenkästen bepflanzt wurden. Alle waren arm, keiner hatte Kaffee oder Bananen. Glückliche Zeiten.

Plötzlich stand der Fremde vor ihm und schob einen zusammengefalteten Zettel über den Tresen.

Frank nahm den Zettel. Eine Zahl.

„Wir möchten Ihr Haus kaufen, Herr Laumann.“

Es war nicht viel, aber für ein Wohnmobil würde es reichen. Davon hatte er immer geträumt. Seit zehn Jahren hatte er keinen Urlaub mehr gemacht. Damals Ostsee. Wohin auch sonst als Ostdeutscher? Aber jetzt lockte das Mittelmeer. Zusammen mit seiner Freundin Crazy Dawn. Manchmal nannte sie sich auch Dawn Crazy. Bipolar. Sie verstehen?

„Wozu brauchen Sie das Haus?“

„Als Kulisse für einen Hollywood-Blockbuster. Er spielt nach der Apokalypse. Im Anschluss wird das ein Gips-Melson-Erlebnispark.“

„Sie wollen mich verarschen?“

„Sehe ich so aus?“

Tat er nicht. Heute lebt Frank mit seiner Perle auf einem Campingplatz in Montpellier.




 

 

Donnerstag, 12. März 2026

Dekadenz, Unzucht und Poesie

 

Er wusste nicht, woher das Geld seiner Familie stammte. Vermutlich aus der legendären Gründerzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als im Deutschen Reich der Industrialisierungsturbo gezündet wurde und aus dem Land der Dichter und Denker das Land der Erfinder und Fabrikbesitzer wurde, bevor 1945 alles in Massenmord und Zerstörung endete.

Schon sein Urgroßvater, der als Großwildjäger in den deutschen Kolonien Kamerun und dem heutigen Tansania unterwegs war, machte sich vermutlich keine Gedanken darüber. Vor seiner Villa lagen zwei riesige Elefantenschädel auf dem Rasen, Anfang der 1940er Jahre erlag er der Malaria. Glücklicherweise hatte er das Vermögen hauptsächlich in Grundbesitz und Immobilien angelegt, so dass es den Zusammenbruch des Reichs und die Währungsreform 1948 überlebte.

Sein Großvater war ebenfalls passionierter Jäger. Der Familie gehörten fünfzig Quadratkilometer im Pfälzer Wald, er ließ sich nach dem Krieg ein Jagdhaus bauen und erlegte weniger exotische Tiere wie Hirsch und Wildschwein, die allerdings für veritable Festessen in der Familienvilla am Rhein verwendet werden konnten. Die Elefantenschädel verschwanden in der Remise. Er ließ mit staatlichen Fördermitteln ganze Siedlungen für Ostflüchtlinge bauen und lebte fürstlich von den Mieten.

Sein Vater war ein kunstsinniger Mensch und legte ein Gemäldesammlung an. Damals konnte man Werke von Picasso, Matisse und Richter noch für kleines Geld kaufen. Was seine Vorfahren sähten, konnte er nach dessen Tod ernten. Er verkaufte Immobilien und Grundstücke, ließ für die Gemälde ein Museum bauen und für sich selbst eine Villa in Südfrankreich.

Dort lebte er als Poet und Maler, wobei die Malerei nur ein Vorwand war, um schöne Frauen in sein Haus zu locken und unbekleidet posieren zu lassen. Er war völlig unbegabt und die Frauen auf seinen Bildern waren so klobig und deformiert wie bei Picasso. Aber mit Champagner, Kokain und fürstlichen Honoraren machte er sich die Dorfschönheiten der Umgebung gefügig.

Wie im Privatfernsehen gibt es vor dem Showdown einen sehr langen Werbeblock. HB - Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Jakobs Dröhnung. Raider heißt jetzt Twix. Like ice in the sunshine. Fruchtzwerge – So wertvoll wie ein kleines Steak. Sie baden gerade ihre Hände darin.

Dann lernte er Lilou kennen, die in Aix-en-Provence im Café „Les Fleurs Du Mal“ als Kellnerin arbeitete. Lange schwarze Haare, die in der Sonne glänzten, als wären sie frisch lackiert. Jeden Tag fuhr er in seinem knallroten Maserati-Cabrio vor, trank Milchkaffee und las Zeitung. Er verliebte sich rettungslos in die schöne Lilou und tatsächlich heiratete er sie im zarten Alter von 52 Jahren.

Sie gebar ihm einen Sohn und danach war es mit dem Savoir-vivre vorbei. Keine nackten Frauen, kein Koks, kein Champagner. Stattdessen Gymnastik, Gartenarbeit und Gemüse. Er war in die Falle gegangen – so wie alle Männer seiner Familie. Mit seinem Nachkommen würde der Fluch weitergehen. Sein letztes Gedicht hieß „An einem Dienstag in Pirmasens“ und wurde nie veröffentlicht.

Mittwoch, 11. März 2026

Bauern, Bomben und Buletten

 

Blogstuff 1293

Hat Trump sich genauso verzockt wie Putin vor vier Jahren? Der Russen-Mullah dachte ja auch, in ein paar Wochen hätte er in Kiew ein Marionettenregime installiert und hätte neben Belarus einen zweiten Satellitenstaat, der ihm hörig ist. Es ist immer einfach, einen Krieg zu beginnen. Dazu braucht man nur einen einzigen machtgierigen Bekloppten, siehe Hitler. Aber zur Beendigung des Krieges braucht man alle Beteiligten. Was passiert, wenn der Iran die Lage eskalieren lässt? Wenn der Ölpreis auf 200 $ steigt? Wenn die Fanatiker nicht kapitulieren wollen? Wenn islamistische Terroristen in den westlichen Ländern blutige Anschläge verüben? Die Hamas hat sich nicht ergeben, selbst als Gaza nur noch ein rauchender Trümmerhaufen war.

Positiv: eine Weltwirtschaftskrise wie in den frühen siebziger und in den frühen achtziger Jahren, beide durch stark steigende Ölpreise ausgelöst, würde Trump die Herbstwahlen verhageln. Rezession, Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, hohe Energie- und Lebensmittelpreise nehmen die Wähler traditionell den Regierungen übel und strafen sie ab.

Auch eine schöne Nebenfolge: Merz gilt als Rezessionskanzler, der nur mit Rekordschulden und hohlen Sprüchen in die Geschichtsbücher eingehen wird. Und die Bauern kommen wieder auf ihren Traktoren nach Berlin, um höhere Dieselsubventionen zu fordern.

Am Montag kostete das Barrel Rohöl etwa 100 Dollar. 1970 koste es noch einen Dollar. Der Preis war bis dahin im kompletten 20. Jahrhundert nahezu unverändert geblieben. Damals waren die Araber noch arm und auf Kamelen unterwegs. Sehen Sie sich Dubai, Riad, Abu Dhabi usw. heute an. Sehen Sie sich die Limousinen der Scheichs an. Die Araber haben sich komplett von den europäischen Kolonialreichen emanzipiert und begegnen ihnen heute auf Augenhöhe. Dasselbe geschah in China. 1970 noch ein Volk von Radfahrern, die wenigen Autos im Land gehörten der kommunistischen Partei. Heute ist „das rote Riesenreich“ Nummer 2 der Weltwirtschaft und ein mächtiger Player auf dem Weltmarkt. Es gibt inzwischen in China mehr Autos als in Europa oder den USA.

Ich bin zwanzig Jahre zur See gefahren, auf der Fähre Bingen-Rüdesheim.

Berlin-Rundfahrt auf dem Ausflugsdampfer bei herrlichem Sonnenschein. Eineinhalb Stunden, der „Westbesuch“ und ich sind bester Laune. Als wir uns das vierte Weizenbier servieren lassen, geht ein leises Raunen durch die Fahrgäste an Deck. Die Provinzspießer an den umliegenden Tischen starren uns fassungslos an. Warum trinken wir am frühen Nachmittag nicht Kaffee wie alle anderen auch? In den Blicken der Frauen: Verachtung. In den Blicken der Männer: Neid. Später werden sie sich natürlich gemeinsam mit ihren Gattinnen empören.

Ein anatolischer Ministerpräsident? Der kommt doch mit Schnurbart und Fez zur Vereidigung und am nächsten Tag werden Schweinefleisch und Bier verboten. Sieht das denn keiner außer mir?

 

Dienstag, 10. März 2026

Erich’s Broilerstübchen

 

Blogstuff 1292

Erinnert sich noch jemand an die Flugtaxis? Söder posierte mit einem Modell und versprach, so sähe die Zukunft aus. Dann das bayerische Weltraumprogramm Bavaria One mit seiner Hackfresse auf dem Logo. Davon hört man auch nichts mehr. Jetzt will Bayern den ersten Fusionsreaktor der Welt bauen. Sibylle Günter, Generaldirektorin des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, sagte, diese Technologie gäbe es „sicherlich nicht vor 2050“. In Frankreich bastelt man seit 2007 an einem Fusionsreaktor herum. Bierzeltschwätzer meets High Tech. Aber es gibt genug Idioten, die auf diesen Bauernfänger reinfallen.

Heinrich Burger: Springer-Reporter („Morgenpost“), später Sprecher der SPD-Berlin, Nahschach-Bundesligaspieler und nach seiner Enttarnung als Stasi-Spion immerhin noch Vizemeister im Fernschach, während er im Knast saß. Standesgemäß per Agententausch in die DDR transferiert – vom berühmten DDR-Anwalt Wolfgang Vogel, der sich am Freikauf politischer Gefangener durch die BRD dumm und dämlich verdient hat, persönlich im dicken Benz abgeholt. Kinder, die Siebziger waren noch voller Abenteuer. Toter Briefkasten in einem hohlen Baumstumpf in Schöneberg, als Kurier die Putzfrau Erna Nickel, Mini-Kamera wie bei James Bond. Verpfiffen von seiner Ex-Frau, die ebenfalls bei der Stasi war und lange Zeit hinter Gittern verbrachte.

Die SPD kommt bei der Wahl im Ländle auf 5,5 Prozent. Vorschau auf kommende Katastrophen. Geht sie den Weg der FDP? Wird sie in Rheinland-Pfalz nach 35 Jahren die Macht verlieren?

Wie süß. Hagel möchte nach der knappen Wahlniederlage das Amt des Ministerpräsidenten teilen. Plötzlich sind „linke“ Themen wie Job-Sharing, Work-Life-Balance und Lifestyle-Teilzeit bei der CDU schwer in Mode, wenn es einem mal zufällig in den Kram passt. Aber welche „Alternative“ hat er? Mit den Rechtsradikalen würde er buchstäblich sein blaues Wunder erleben.

Die wahren Opfer des Irankriegs sind doch deutsche Autofahrer und Aktienbesitzer.

In Amerika würde man König Charles einfach nur Charlie nennen, vielleicht auch Chuck, schlimmstenfalls Chucky – wie die Mörderpuppe.

Ein einziges Mal im Leben habe ich an einem Subbotnik teilgenommen, der von einer FDJ-Trine im Quartiersmanagement im Brunnenviertel organisiert wurde. Samstagnachmittag: vier Ostschrippen, der Westberliner Yogalehrer („Yoga auf dem Stuhl“ für Senioren) und ich, der Kiezschreiber, der einen Artikel über die Aktion verfassen soll. Was passiert? Die Zonen-Gabis bemalen ein drei Meter breites Stofftransparent mit Figuren auf Kindergartenniveau, wir Westmänner trinken ein Bier. Auf Geheiß der Chefin wird es von uns im lichtlosen Tunnel zwischen Brunnenviertel und Mauerpark aufgehängt. Nach einer Woche wurden wir vom Bezirk gebeten, es wieder abzuhängen. So hat man dem sozialen Brennpunkt im Wedding wirklich einen Dienst erwiesen. Die DDR ist mit solchen Schwachsinnsaktionen untergegangen, aber ihr Geist lebt in irgendwelchen Sozial- und Kulturtanten immer noch weiter.

 

Montag, 9. März 2026

Mit Übergangsjacke in die Wechseljahre

 

Blogstuff 1291

Hätten Sie’s gewusst? Fünf Bundesländer fangen mit dem Buchstaben B wie Bestechlichkeit an, gefolgt von vier Bundesländern mit einem S wie Steuerhinterziehung.

Söder fordert eine Stunde Mehrarbeit, Merz will die Maximalarbeitszeit von zehn Stunden pro Tag abschaffen. Die Union hat es mal wieder nicht begriffen. Es fehlt nicht an Arbeitsleistung, es fehlt an Arbeitsplätzen – sonst hätten wir ja keine drei Millionen Arbeitslose. Mehrarbeit wird in den Betrieben seit Jahrzehnten mit Überstunden geregelt, da braucht man keine Klugscheißer aus Berlin und München. Die Unternehmen brauchen mehr Aufträge = mehr Umsatz und Gewinn = Neueinstellungen. So ist es immer gewesen. Am besten hält sich die Politik aus Dingen heraus, von denen sie nichts versteht.

Pandora Koslowski nennt sich jetzt Flowermoon und bietet Yoghurt-Retreats im Allgäu an. Da lobe ich mir doch meinen Fußballtherapeuten Bruce Stiefelhagen.

Bonetti beschäftigt einen Samurai, der sein Frühstücksei mit einem Schwert von Hattori Hanzo köpft.

Trump wollte den Ukraine-Krieg in 24 Stunden beenden. Dauert wohl doch ein bisschen länger. Der Iran-Krieg sollte in vier Wochen dauern, jetzt ist von hundert Tagen die Rede. Eventuell geht es noch ein halbes Jahr bis September. Trump wollte ja eigentlich keine Kriege führen, das hat er immer wieder betont. Der letzte US-Präsident, der nicht in den Krieg gezogen ist, war Jimmy Carter.

Das Einzige, das man heute noch mit der Hand schreibt, ist der Einkaufszettel.

Bei Presseterminen mit Staatsgästen im Oval Office sitzen Trumps Buben Vance, Hegseth und Rubio immer brav auf dem Sofa und hören aufmerksam zu, was Opa zu erzählen hat. Ich nenne sie nur noch die drei Stooges.

Bier ist endlich billiger als Benzin.

Wie ich schon am 27. Januar schrieb, wird Kuba das nächste Opfer sein. Es wird fallen, wie Trump es gerade in einem Interview mit Politico ausdrückte. Er scheint im Uhrzeigersinn vorzugehen. Erst Kanada auf zwölf Uhr, dann Grönland auf ein Uhr, es folgte der Sprung auf sechs Uhr: Venezuela und demnächst Kuba. Nur der weit entfernte Iran passt nicht ins Bild – aber da ist er ja auch nur für seinen Kumpel Bibi am Start.

Jetzt haben die Grünen auch noch die Formel 1 kastriert! Nach dem neuen Reglement kommt die Hälfte der Antriebsenergie von einem E-Motor, aus dem Vollgas-Sport wurde eine Übung in Sachen Energiemanagement. Möglichst spät bremsen, möglichst früh Gas geben – vorbei. Danke, Habeck! Verstappen schimpft wie ein Rohrspatz und startet im ersten Rennen von Platz 20. Stürzt er ab wie Vettel 2014, als ein neues Reglement kam und Mercedes zum Seriensieger wurde?

 

Samstag, 7. März 2026

Miethaie zu Fischstäbchen

 

Blogstuff 1290

Es bringt eigentlich nie etwas, wenn ein deutscher Kanzler bei Staatsbesuchen, z.B. in China, oberlehrerhaft auf die Einhaltung der Menschenrechte pocht. Die selbstverliebten Moralmonopolisten von den Grünen weisen ja vor jeder Dienstreise eines Bundespolitikers gebetsmühlenartig darauf hin. Derlei Appelle verändern die Lage im Gastland nicht, sind aber eine Bürde für alle weiteren Gesprächsthemen. Ein Beispiel: Sie sind zu einer Grillparty eingeladen. Sie kommen in den Garten und der Gastgeber wendet gerade die Schweinenackensteaks und Bratwürste. Nach der Begrüßung sagen Sie: „Der Rasen müsste mal wieder gemäht werden. Außerdem habe ich viel Moos gesehen, jetzt im Frühling musst du den Rasen vertikutieren.“ Preisfrage: Werden Sie noch einmal eingeladen? Niemand mag Besserwisser, niemand bekommt gerne ungefragt gute Ratschläge. Warum machen wir es nicht wie in den siebziger und achtziger Jahren, als wir die politischen Gefangenen aus der DDR freigekauft haben? Die Sprache des Geldes wurde auch von den Sozialisten verstanden. Warum kaufen wir chinesische Dissidenten nicht aus dem Gefängnis frei? China wäre sie los und die Kasse klingelt. Alles besser als Ethik-Vorträge.

Zwei spielsüchtige Freunde haben in ihrer Wohnung mal einen Daddelautomaten aufgehängt. Niemand hat daran gespielt. Also saßen sie selbst davor und warfen ihr verspieltes Geld immer wieder ein. Stundenlang.

Ein Schulfreund, der leider nur Philosophie studiert und keine Ahnung von der Welt hat, hielt mir in einem Wirtshaus beim dritten Bier mal einen Vortrag. Es ging um die glücksbringende Wirkung der Europäer auf die ganze Welt, denn sie hätten ja Kultur und Zivilisation verbreitet. Das erzählte er ausgerechnet einem promovierten Politikwissenschaftler. Ich klärte ihn über Kolonialismus, Sklaverei, Ausbeutung, Völkermord, Zwangschristianisierung und Imperialismus auf. Dann fragte ich ihn, woher er diesen Mist, den man auch auf jedem AfD-Parteitag erzählen kann, eigentlich hat. Er hätte ein Buch gelesen, dann führte er noch den Schmetterlingsjäger Alexander von Humboldt als Beweis für seine These an. Wer das Buch geschrieben habe, fragte ich ihn. Wohl kaum ein Historiker. Nein, ein Religionswissenschaftler. Und so ahnungslos wie dieser Nietzsche-Fanboy sind die meisten Menschen in Fragen der Geschichte und der Politik. Es ist hoffnungslos.

ABS hieß früher mal Arbeiter- und Bauernstaat. Alles hat uns der Westen weggenommen. Auch unsere Abkürzungen.

1990 war das Jahr der Gier. Über hunderttausend Quadratkilometer im Herzen Europas wurden neu verteilt, dazu kamen 16 Millionen ahnungslose Opfer, auf die sich Geschäftemacher, Banken, Versicherungen, Makler und Politiker stürzten. Warum hat es 36 Jahre gedauert, bis der Osten Rache nimmt und demnächst einen Rechtsradikalen zum Ministerpräsidenten macht? Ausgerechnet einen Wessi aus Niedersachsen, der noch nicht lange im Osten wohnt? Was soll dieser Move noch bringen?

Nur ein Gedanke: Gilt der pathologische Hass der Ossis auf die Fremden wirklich den Ausländern oder nicht vielmehr den westdeutschen Besatzern in den Chefetagen?