Dienstag, 8. September 2026

Das Preisausschreiben

 

Er hätte es wissen müssen. Nur der Mond schien auf die Wellen und sein Smoking hatte sich voll Wasser gesogen. In einiger Entfernung glitzerten die Lichter am Ufer. Mühsam paddelte er weiter und widerstand dem Drang, die schweren Sachen einfach auszuziehen. Es würde ohnehin eine Odyssee voller Peinlichkeiten werden, bis er wieder zu Hause war.

Alles hatte gestern Vormittag begonnen, als ein „singendes Telegramm“ vor seiner Haustür stand. Johann hatte die junge Dame, die eine rote Pagenuniform trug, ins Empfangszimmer gebeten und ihn gerufen. Dann hatte sie ihren Text gesungen: „Mister Bonetti, wir laden Sie ein, wir laden Sie ein, unser Gast zu sein. Auf unserem Schiff, da gibt es ein Essen, und dieses Essen wird keiner vergessen. Morgen um acht, da geht es los, all you can eat, ist das nicht famos?“ Dazu überreichte sie ihm einen kostbaren Umschlag aus handgeschöpftem Papier, das in Thailand aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellt wird. Darin lag eine Einladung, die auf feinstes Seidenpapier aus dem Himalaya gedruckt war. Bonetti hatte ein luxuriöses Abendessen auf dem chinesischen Restaurantschiff „Shangdang“ gewonnen, das im Hafen von Bad Nauheim lag. Komisch, hatte er noch gedacht, ich habe doch an gar keinem Preisausschreiben teilgenommen.

Gut gelaunt und hungrig hatte er sich am nächsten Tag von seinem Kammerdiener ankleiden lassen und sein Chauffeur hatte ihn an das Restaurantschiff gebracht. Die Tische des Restaurants waren mit exotischen Blumen geschmückt, Bonetti setzte sich und sah sich um. An jedem Tisch saßen Menschen, die offenbar die gleiche Einladung erhalten hatten und die sie den Kellnern entgegenhielten. Zu Beginn wurden Dim Sum in einem Bambuskörbchen gereicht, die mit Meeresfrüchten und Gemüse gefüllt waren. Dann kamen ein brodelnder Feuertopf mit verschiedenen Fleischsorten, Pilzen, Blattgemüse und Glasnudeln auf den Tisch. Währenddessen begann das Schiff zu vibrieren. Offenbar hatte man die Motoren angelassen und verließ den Hafen zu einer nächtlichen Rundfahrt. Nach dem Feuertopf wurde Peking-Ente serviert, die kleingeschnittenen knusprigen Hautstücke wurden in hauchdünne Pfannkuchen gewickelt, zum zarten Fleisch gab es diverse Soßen. Die abschließende Suppe und den Quallensalat ließ er aus.

Nach dem Digestif, Bonetti hatte einen 1999er Pflaumenwein Shanghaier Südhang gewählt, kam ein asiatisch aussehender Herr in einem schwarzen Anzug an seinen Tisch. Er hatte ein fast faltenfreies Gesicht, aber unglaublich alte Augen mit fürchterlichen Tränensäcken. Sein Haar war glatt zurück gekämmt und wirkte wie schwarz lackiert. Die dünnen Lippen unter seinem schmalen Schnurrbart kräuselten sich zu einem schwachen Lächeln.

„Würden Sie mir bitte folgen, Mister Bonetti. Wir schreiten nun zur Verleihung des Hauptpreises.“

Bonetti folgte ihm in ein Hinterzimmer, das von einem langen Mahagonitresen mit etlichen leeren Barhockern fast vollständig ausgefüllt war. Auf der Theke standen eine Flasche Veuve Clicquot in einem Eiskübel nebst zwei Champagnerschalen aus Kristallglas.

„Champagner!“ rief Bonetti erfreut aus. „Lassen Sie mich das machen.“ Er setzte sich an die Bar.

Der Mann wirkte für einen kurzen Augenblick irritiert. Dann lächelte er und nickte Bonetti zu. „Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet, Mister Bonetti. Unser Volk wartet seit über einhundert Jahren auf diesen Augenblick. China hat, wie die ganze Welt außerhalb Europas, schrecklich unter dem Imperialismus gelitten. Ihr habt uns viele Dinge gestohlen, deren Wert ihr noch nicht einmal ahnen könnt. Aber Europa wurde das Opfer seiner eigenen Gier: Als die Imperialisten die ganze Welt unter sich aufgeteilt hatten, fuhren sie sich wie Kannibalen gegenseitig an die Kehle und zerfleischten sich in zwei mörderischen Weltkriegen, um im Anschluss sämtliche Kolonien wieder zu verlieren.“

„Woher rührt eigentlich der Irrglaube, der Westen sei fortgeschrittener oder der Osten hole auf? Osten und Westen waren schon immer gleich gut, gleich blöd und auf gleiche Weise oberflächlich dem materiellen Erfolg verpflichtet.“ Bonetti lächelte.

Der Chinese lächelte nicht, er zog eine Pistole aus der Innentasche seines Jacketts.

Bonetti hatte die Champagnerflasche schon in der Hand, jetzt ließ er sie langsam sinken. „Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“

„Sie kommen sehr schnell auf den wesentlichen Punkt, das gefällt mir. Man nennt mich Longwang, das bedeutet Drachenkönig. Und ich möchte die Formel, Mister Bonetti.“ Seine Stimme klang jetzt kalt und hart.

„Welche Formel?“ fragte Bonetti.

„Spielen Sie keine Spielchen. Sie sind ganz allein auf diesem Schiff. Ich habe alle anderen für diesen Abend engagiert.“

„Daran bin ich gewöhnt, ich bin Einzelkind.“ Bonetti versuchte, Zeit zu gewinnen. Natürlich ging es um die tibetanische Pergamentrolle, auf der die Formel für ein lebensverlängerndes Elixier stand.

Longwang grinste. „Eins ist die Zahl des Himmels.“ Er entsicherte die Waffe. „Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort, Mister Bonetti: Im Auge des Tigers ist kein Platz für die Ameise.“

„Der weise Mann hütet sich in der Jugend vor der Fleischeslust, in den mittleren Jahren vor der Streitsucht und im Alter vor der Habgier. Auch ein altes chinesisches Sprichwort“, antwortete Bonetti.

„Donnerwetter, was Sie alles wissen!“

„Ich staune selbst immer wieder.“

„Genug geplaudert, Mister Bonetti. Die Formel, bitte.“

„Das Unendliche ist ein Quadrat ohne Ecken, wie es im Daodejing heißt.“ Und mit diesen Worten ließ Bonetti den Champagnerkorken knallen.

Er traf Longwang mitten ins Gesicht, ein Schuss löste sich aus dessen Waffe und traf den Kronleuchter, der krachend zu Boden stürzte. Bonetti schleuderte die Flasche auf den Chinesen und rannte zum anderen Ende der Bar. Er nutzte diesen kurzen Moment der Verwirrung, um ein Fenster zu öffnen und in die dunklen Fluten zu springen. In den alten Schriften über die nördliche Qi-Dynastie heißt es, man solle im Falle einer Niederlage lieber als zerschlagenes Juwel denn als unversehrter Dachziegel enden.

 

Sonntag, 6. September 2026

Ich will ein Rind von dir

 

Blogstuff 1381

„Wenn ma früher von der Arbeed heemkomm is unn im Schlofzimmer war die Heizung an, hasche genau gewisst was uff dich zukommt.“ (de Becker Heinz / Dudenhöfer)

Gehören Schwaben eigentlich zu den invasiven Arten?

Berlin hat Kältebusse für Obdachlose. Warum keine Hitzebusse?

Ich bin Kassenpatient. Als mir ein Panda, den ich durch den Zaun streicheln wollte, im Zoo den linken Unterarm abgebissen hat, bekam ich eine Prothese, an deren Ende eine Schaufel ist. Das Job-Center hat mir einen Job als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle vermittelt.

Die Putin-Fanboys behaupten plötzlich, Russland wolle nur den Donbass erobern und nicht die gesamte Ukraine. Deswegen schickten die Russen bei Kriegsbeginn 2022 auch als Erstes Truppen, die Kiew erobern sollten. Ihr seid sooo süß, ihr Hasen!

Wieso eigentlich „Arschgeige“?

Auf der Erdnussdose von Ültje steht jetzt „Proteinquelle“. Protein ist der neue heiße Scheiß.

Ich bin Akademiker. Ich trinke Wein nur aus einem Erlenmeyerkolben.

Viele Jahre habe ich gesegelt. In einem „Optimist“ habe ich es gelernt, am Ende war es ein „470er“, ein Sportboot, das richtig Spaß macht. Sobald man ein Segelboot betritt, ändert sich die Sprache. Rechts heißt jetzt Steuerbord, hinten heißt achtern, bei größeren Booten heißt die Küche Kombüse usw. Es ist faszinierend, wenn man nach einem einzigen Schritt eine andere Sprache spricht. Plötzlich ist man Steuermann oder Smutje, alle duzen sich, selbst wenn jemand Professor ist, kannst du ihn an die Fock schicken wie einen Kellner.

Am Anfang des Faschismus steht die Neudefinition der Sprache. Aus der psychiatrischen Klinik wird das Heim für hoffnungslose Sabberladen.

Klarsichthüllenjupp.

Bald gibt es wieder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Fernsehen. Insgesamt wird der Film 19-mal ausgestrahlt.

Kimi Antonelli startet von Platz 19 bei seinem Heim-Grand Prix in Monza. Er wurde strafversetzt, weil er einen neuen Motor gebraucht hat und das Kontingent für die Saison schon aufgebraucht war. Er gewinnt das Rennen. Ich weiß gar nicht, wann ich so eine Sensation zuletzt gesehen habe.

PS: Heute ist der 6. September und ich habe in diesem Monat schon 114.000 Klicks. Google dreht durch. Das kann nicht wahr sein. 

 Biko

Samstag, 5. September 2026

Die Bundesregierung – räudig oder gottlos?


Blogstuff 1380

Sie trinken gerne Bier und waren noch nie in Wichtelbach? Dann empfehle ich das Bierdosenmuseum in der Naheweinstraße 3. Leider gibt es keine Kneipe und keinen Supermarkt im Dorf, aber schon drei Kilometer weiter in Stromberg gibt es Bier vom Fass.

Hit des Jahres: Wapukasa (Wackelpuddingkartoffelsalat). Rezept im Kommentarbereich.

Ich habe nur eine Nacht im Leben in einer Gefängniszelle verbracht. Das war 1993 in West-Texas. Wir hatten uns eines Verbrechens schuldig gemacht, das es nur in den USA gibt. Wir hatten eine Flasche Whisky ohne Bottle Bag auf der Rückbank unseres Autos liegen. Die Handschellen klickten und wir wurden auf die Polizeiwache von Lamesa gefahren. Die alte Geschichte: Fingerabdrücke, die drei Fotos (Blick in die Kamera, Profil von links und rechts) und ein halbstündiges Verhör. Meine Freundin trug nur ein Hippie-Kleid, das sie in der Height Street in San Francisco gekauft hatte. Keine Unterwäsche, keine Schuhe. Dazu ein extremer Kurzhaarschnitt in Feuerwehrrot. Mein Look: Kategorie Dorfpunk. Wir sahen aus wie Bonnie und Clyde auf Drogen. Am nächsten Tag ging es über die staubige Hauptstraße zum Gericht. Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, links und rechts ein Texas-Bulle in schwarzer Uniform und mit Sonnenbrille. Die Strafe: 75 Dollar pro Nase für „Public Intoxication“. Man hatte uns nach Mitternacht auf einer einsamen Landstraße verhaftet, aber ich habe sicherheitshalber meinen Mund gehalten. Als wir zum Auto zurückkamen, bemerkten wir, dass es die Bullen über Nacht komplett auseinandergenommen hatten, inklusive Innenverkleidung der Türen. Ein paar Kleinteile fehlten an unserem Mietwagen. Offenbar hatten sie nach Drogen gesucht.

Vielleicht hilft es den ÖRR-Hassern unter den Nazis, wenn man die ARD in AfD umbenennt?

Die Amerikaner haben 1876 in der verlorenen Schlacht gegen die Indianer am Little Bighorn 268 Mann verloren und reden noch heute davon. Über solche albernen Petitessen würde man in Europa kein Wort verlieren.

„Liegelastentandem“ (Jan van Weyde).

Wie werden wir die Nazis los? Wir erzählen den Chinesen, dass die Hoden von AfD-Politikern potenzfördernd sind.

Wenn man Gremlins nach Mitternacht füttert, werden sie zu Monstern. Das ist natürlich eine Anspielung auf den Übergang von der Kindheit zur Pubertät.

Hätten die Weißen nicht zwölf Millionen Schwarze als Sklaven für ihre Baumwollfelder nach Amerika geholt, wäre die traurige Blues-Musik nicht entstanden. Natürlich auch nicht der Jazz, Rhythm & Blues, Funk, Disco, Rap und Hip-Hop. Nach Bach, Mozart und Beethoven sind die Weißen auch die Väter der modernen Musik.

LINGER – The Cranberries 1993

Die verborgene Schönheit der Asymmetrie

 

Blogstuff 1379

Die AfD will ein Deutschland, wie es früher einmal war. Gerne. Denn früher gab es keine AfD.

Slang – Deutsch: „Wankerchief“ ist der Anführer einer Gruppe von Idioten, der lauter, selbstbewusster und weniger qualifiziert als die anderen ist.

1953: Der Italiener Alberto Ascari kommt als WM-Führender nach Monza. 73 Jahre vergehen. 2026: Kimi Antonelli kommt als WM-Führender nach Monza.

Was man in Star Wars nicht sieht: die Kantine des Todessterns und die Praktikanten.

Echte Deutsche essen Knoppers nur Punkt halb zehn.

Seit einer Woche konzentriere ich mich bei meinen abendlichen Meditationen im KGS-Zentrum (Kampfbund Glaubersalz) auf das Thema Stuhlgang. Trotzdem: nichts. Elvis ist an Verstopfung gestorben (Morbus Hirschsprung) – und zwar auf der Toilettenschüssel, als er mal wieder vergeblich gedrückt hatte. Kein Witz. Ein Körper, angefüllt mit Scheiße. Dieser Heldentod ist nur den ganz Großen vorbehalten.

Das Leben gibt dir Scheiße und du machst Cola draus. Oder wie war das Sprichwort? Irgendwas mit Zitronen? Is aber ooch ejal.

„Wie würden Sie sich selbst beschreiben?“ – „Ich habe keine Ahnung, wer ich bin.“

Sie war atemberaubend schön und beugte sich an der Tankstelle zu meinem offenen Fenster hinunter. „Ich will zur Pole-Dance-Weltmeisterschaft nach Saarbrücken. Können Sie mich ein Stück mitnehmen?“ – „Tut mir leid, aber ich nehme grundsätzlich keine Tramper mit.“ Ende der Geschichte.

Wir haben damals ein Lied im Radio gehört, das uns gefallen hat. Also sind wir in den Plattenladen gelatscht, haben die Vinyl-Single gekauft, sind wieder nach Hause gelatscht und haben die Single auf den Plattenteller gelegt. Heute klickt man das Lied einfach an. Kein Wunder, dass die jungen Leute nicht mehr nach draußen gehen.

Der Labubu-Underground hat sich offenbar auf das Stromnetz fixiert. Unsere Handys und Computer laufen aber auch ohne Strom noch stundenlang weiter. Bis dahin ist die Energieversorgung wieder hergestellt. Eure Vorfahren hätten sich gefragt, wie eigentlich der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall heißt.

Wie viele andere Deutsche halte ich nichts von Diplomatie. Kurz, klar und sofort zur Sache kommen. Ich habe mal ein Standortgutachten über Frankfurt geschrieben. Schon auf der ersten Seite stand: „Nach Frankfurt kommt man nur, um zu arbeiten, nicht um zu leben.“ Der Chef der Wirtschaftsförderung, der das Gutachten in Auftrag gegeben hatte, redete nie wieder mit mir.  

MANICURE I WANNA BE FREE

Freitag, 4. September 2026

Kanzlerdämmerung

 

Blogstuff 1378

In jedem Monsterfilm wird die Infanterie eingesetzt. Hundert Soldaten mit Gewehren, die natürlich keine Chance gegen Godzilla, King Kong und Co. haben. So kann man den Film in die Länge ziehen. Aber jeder Zuschauer, der logisch denken kann, fragt sich, warum man nicht einfach eine fette Rakete auf das Monster schießt. Dann hat man nur noch Dino-Matsch und fertig ist die Laube. Oder wenigstens Artillerie und Panzer. Die können aus großer Entfernung beeindruckende Löcher in das Viehzeug schießen. Aber dann ist der Film natürlich nach fünf Minuten vorbei.

Slang – Deutsch: „Booyacasha“ bedeutet Freude oder Stolz.

Der Wels oder der japanische Riesensalamander wachsen ihr Leben lang. Wie wäre das beim Menschen? Wir hätten fünf Meter große Rentner, vor denen jeder Angst haben würde.

Ich habe sicher schon ein paar hundertmal bei einem Lieferservice bestellt, vielleicht auch schon tausendmal. Aber das ist der absolute Rekord. Ich bestelle bei Rewe in der Brunnenstraße in Mitte. Sie müssen also bis zu mir nach Wilmersdorf fahren. Zehn Minuten später ist der Fahrer vor meiner Wohnungstür. Wie machen die das?

Wer erinnert sich? „Hör auf zu telefonieren, ich muss ins Internet.“

So bringst du deinem Kind bei, wie Deutschland funktioniert. Du sagst, es bekommt zehn Euro, wenn es den Rasen mäht. Wenn es fertig ist, gibst du ihm fünf Euro und erklärst ihm, die anderen fünf Euro seien für Steuern und Sozialabgaben. Schließlich muss ja auch der Rasenmäher und seine Rente in 55 Jahren finanziert werden. Sein reicher Schulfreund hat derweil zehn Euro Dividenden auf seine Aktien bekommen, die ihm der Papa steuerfrei geschenkt hat.

Hätten Sie’s gewusst? Die letzte Einheit der deutschen Wehrmacht kapitulierte erst am 4. September 1945, vier Monate nach dem Ende des Dritten Reichs. Unternehmen Haudegen war eine Wetterstation auf Spitzbergen, die Daten an die Kriegsmarine und die Luftwaffe lieferte. Die elf Soldaten wurden von der Wehrmacht schlicht vergessen. Kälte, Eisbären, Polarnacht. Es muss trostlos gewesen sein. Ein norwegisches Robbenfangschiff holte die Männer schließlich ab. Der deutsche Kommandeur und der Kapitän kannten sich und so wurde das Ende des Unternehmens bei deftigem Essen und viel Schnaps gefeiert. Eine Kapitulationsurkunde wurde der Form halber auch noch unterschrieben.  

Als in Großbritannien die Demokratie eingeführt wurde, durften nur die Land- und Immobilienbesitzer wählen. Das waren etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung. So erhält man den Status Quo. Die meisten Menschen unterschätzen den Wert einer eigenen Immobilie. Ich hatte das Glück, nie Miete bezahlen zu müssen. Wäre ich mit zwanzig ausgezogen und hätte vierzig Jahre lang (ich bin sechzig) tausend Euro im Monat bezahlt, wären das 480.000 Euro, die einfach weg gewesen wären.   

Bush - Swallowed

 

Donnerstag, 3. September 2026

Berliner Schnauze mit Merz

 

Blogstuff 1377

„Aber ich bin ein Ekel
Ich bin ein Spinner
Was zum Teufel mach ich hier?
Ich gehör' hier nicht her“

(Radiohead: Creep, Übersetzung)

Bei der Bundestagswahl 2025 hatte die CDSU 28,5 Prozent und die AfD 20,8 Prozent. Eineinhalb Jahre später haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Die AfD ist mit 29 Prozent die stärkste Partei Deutschland, die Union ist bei 20 Prozent. Merz hatte nichts Besseres zu tun, als die Bevölkerung zu beschimpfen und hochnäsig zu verachten. Stichworte: Lifestyle-Teilzeit, zu viele Krankheitstage, zu faul, Rente nach 45 Beitragsjahren gekillt, unbezahlte Mehrarbeit. Vielleicht haben auch die Altparteien die Rechtsextremisten mit schlechter Politik und Herablassung gegenüber den Bürgern stark gemacht?

Wenn Sie von einer Frau den Satz hören „Wir müssen an unserer Beziehung arbeiten“, sollten bei Ihnen sämtliche Alarmglocken klingeln.

Hätten Sie’s gewusst? Almandudler wurde von einem Türken erfunden.

Meine Großeltern erlebten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die heutige Jugend steht vor großen Herausforderungen: Laktoseintoleranz und Nussallergie.

Wenn jetzt der Russe kommt, würden sie an Dobrindt scheitern. Sie bekämen einfach keine Einreisegenehmigung. Wer trotzdem über die grüne Grenze kommt, scheitert an den vielen Ampeln, die 24/7 auf Rot geschaltet sind.

Ich mag Leute nicht, die mit ihren Fremdsprachenkenntnissen angeben. Natürlich sind es immer mehrere. Ich kann Deutsch, die Sprache, die Jesus gesprochen hat. Das reicht mir.

Das Dritte Reich begann nicht mit einem Weltkrieg. Es begann mit Hitlers Motto „Make Germany Great Again“.

Hätten Sie’s gewusst? Der neue japanische Hochgeschwindigkeitszug heißt Shiatsu.

Das wird ein spannender Wahlsonntag. Alles hängt an den Grünen, wer hätte das gedacht. Nach der aktuellen Umfrage liegen sie bei fünf Prozent. Kommen sie in den Landtag, haben die Nicht-AfD-Parteien zusammen 46 Prozent, die AfD 43 Prozent. Landen die Grünen bei vier Prozent, reichen der AfD die 43 Prozent zur absoluten Mehrheit der Sitze, die anderen hätten 41 Prozent. Es hängt also alles an den Yogamattenopfern.

Radiohead - Creep

 

Dienstag, 1. September 2026

Can’t get you out of my hat

 

Blogstuff 1376

Zuckersteuer auf Getränke, aber nicht auf Schokolade und Kekse. Genau mein Humor.

Wie nennt man eine Veganer-Demo? Tofu-Auflauf. Million laughters.

Der Bodensee wird jetzt in Bonetti-See umbenannt.

Erstes Bundesligaspiel von Elversberg (13.000 Einwohner) und sie gewinnen gleich gegen Leverkusen. Einfach nur geil.

Was nervt: die ganzen Spekulationen vor der Wahl in SA. Niemand kennt jetzt schon das genaue Ergebnis, Alter. Für deine Vermutungen und zwei Euro kannst du dir eine Tüte Chips kaufen, Holgi.

Maxi Gstettenbauer hat mal bei einem seiner Auftritte gesagt, Batmans größte Superkraft sei sein Reichtum. Da ist was dran. Ich möchte nicht wissen, was so ein Batmobil kostet.

Wenn ich mal ein Pflegefall werde, mache ich einen Banküberfall und nehme Geiseln.  Knast kostet mich nix, die Kosten für das Pflegeheim kann ich mir nicht leisten.

Ein Trinklied aus London („To Anacreon in Heaven”) ist die Melodie der US-Nationalhymne. Nur der Text wurde geändert.

Ein Hackerangriff auf die Unternehmenszentrale von Bonetti Media scheiterte kläglich. Jetzt macht es sich bezahlt, dass bei Bonetti noch mit Windows XP und Faxgerät gearbeitet wird.

Im August erschienen nur 13 Blogposts, aber ich hatte 113.000 Klicks. Rekord für dieses Jahr. Verstehe ich nicht. Man bekommt doch Zweifel an den Daten von Google.

Ob jemand ein Denunziant oder ein Informant ist – alles eine Frage der Perspektive.

Kennen Sie Bonetticus Maximus? Er unterwarf 17. n.Chr. die Saarländer. Ein Ruhmesblatt der römischen Geschichte.

Früher bin ich gelegentlich mit einem Schulfreund, der als freier Mitarbeiter in der ZDF-Verwaltung immerhin einen Halbtagsjob ergattert hatte, nach Franken gefahren, des guten Bieres wegen. Bei einem Mittagessen hielt er mir mal einen Vortrag, dass die Europäer den Völkern dieser Welt Kultur und Zivilisation gebracht hätten. Sie haben also nur Gutes getan und er führte Alexander von Humboldt als Beweis an, der schließlich nur Schmetterlinge gefangen habe. Nun kenne ich mich als promovierter Politikwissenschaftler in der Materie etwas besser aus als ein Magister der Philosophie. Ich habe ihm also Begriffe wie Kolonialismus, Ausbeutung, Völkermord und Imperialismus erklärt. Allein bei der Eroberung Amerikas starben etwa einhundert Millionen Einheimische. Er war beleidigt und hat den Rest des Tages nicht mehr mit mir gesprochen.

Erinnern Sie sich noch an meinen Text über Hannes Blech? Hier noch eine schöne Anekdote zu seiner Arroganz und zu seinem Größenwahn. Er hat mir mal erzählt, er würde ein besseres Leben führen als der CEO von Boehringer. Er hat das wirklich ernst gemeint. Beide leben übrigens in Ingelheim. Don Blech in einer 30qm-Butze unterm Dach, der CEO in einer Villa mit Dienstpersonal.

 

Sonntag, 30. August 2026

Bonetti als Wirtschaftsfaktor

 

Es ist bisher weder im Feuilleton noch in der Ökonomie genügend gewürdigt worden, welchen Einfluss das künstlerische Schaffen von Andy Bonetti auf die Region, auf die Stadt Bad Nauheim und den Wetterau-Kreis, aber auch auf das gesamte Bundesland Hessen hat. Nehmen wir den winzigen Ort Grafenfels als Beispiel. Hier wohnen tapfere kleine Angestellte, oft nur mit befristeten Arbeitsverträgen und sehr kleinen Kindern, in die sie ihre ganze Hoffnung gesteckt haben. Viele von ihnen arbeiten am nahe gelegenen Flughafen und ihre flachen, breiten Schädel mit den verzerrten Gesichtszügen erwecken den Eindruck, als hätten sie sich im Schmerz des Fluglärms gebildet. Aber Grafenfels ist der Ort, in dem „Die Legende von Yak und Yakeline“ spielt, jene zauberhafte Liebesgeschichte zweier Menschen, die jahrelang in verschiedenen Schichten im Duty-Free-Shop des Flughafens arbeiten und erst in einer stürmischen, aber dennoch äußerst romantischen Novembernacht unter der Dorflinde zueinander finden. Ganze Busladungen literaturbegeisterter Menschen aus aller Welt kommen nach Grafenfels, um die Linde zu fotografieren, die eigentlich nur eine Erfindung Bonettis ist und nach dem Siegeszug dieses herzzerreißenden Beziehungsromans, der in einundvierzig Sprachen übersetzt wurde, erst eilig gepflanzt werden musste. Es gibt einen Souvenirshop und mehrere Landgasthöfe, die von diesem Buch leben.

Bad Nauheim selbst ist zu einer Pilgerstätte der Weltliteratur geworden wie Prag mit Franz Kafka oder Dublin mit James Joyce. Jedes Jahr am 14. August wird der Heinz-Pralinski-Tag feierlich begangen, die einzig und allein dieser wichtigsten Romanfigur im Werk Bonettis gewidmet ist. Die Stadt ist dann voller Fans, die man an ihren hellbraunen Cordhosen, dem Seitenscheitel drei Finger über dem Ohr und einem Regenschirm mit Schottenmuster erkennen kann (Pralinski ist in der Kleinstadt Schotten am Westhang des Vogelsbergs, etwa dreißig Kilometer von Bad Nauheim entfernt, zur Welt gekommen). Das Bonettimuseum auf dem Rathausplatz, in dem nicht nur die Kopien des Literaturnobelpreises und anderer Preise ausgestellt sind, die Bonetti gewonnen hat, sondern auch Reliquien wie sein Lieblingsteddy, der Zollstock, mit dem er sein erstes Bier aufgemacht hat, die Originaleinrichtung seiner Studentenbude in Kassel, diverse von ihm benutzte Schreibmaschinen, Computer und Kugelschreiber sowie einige von ihm selbst gemachte Zeichnungen auf Bierdeckeln, besuchen jährlich mehr als zwei Millionen Menschen. Auch hier profitieren Handel und Gastronomie in hohem Maße. Kein Restaurant kann es sich leisten, das Lieblingsessen von Andy Bonetti, Jägerschnitzel mit Pommes frites, Kaiserschmarrn und Lasagne, von seiner Speisenkarte zu streichen. Selbst ortsansässige Chinesen und Türken bieten diese Gerichte an. In Anspielung auf die weltberühmte Erzählung „Bonetti auf der Buchmesse“ gibt es in der Innenstadt Hot-Dog-Stände, wo man drei Hot-Dogs für den Preis von zwei bekommt.

Und ähnlich ist es auch in Kelsterbach, Schwalmstadt, Butzbach und den anderen Orten, die Bonetti in seinem Werk verewigt hat. Bonetti selbst schweigt zu diesem Sachverhalt und nimmt die Huldigungen der Gesandtschaften aus allen Teilen Hessens nur an ausgewählten Tagen entgegen. Dann tragen kleine Mädchen mit Schleifen im Haar Gedichte vor, die das lobende Andenken Bonettis zum Inhalt haben, Schulchöre singen und menschliche Pyramiden werden zu seinen Ehren gebildet. Bürgermeister und Germanistikprofessoren überreichen kostbare Füllfederhalter, goldene Korkenzieher, ganze Kisten voll edelstem Champagner und feinster Schokolade, Torten in B-Form und Schweinehälften. Es wird gemunkelt, dass Städte wie Gießen oder Marburg hohe Summen geboten haben, um endlich auch einen Platz in Bonettis literarischem Universum zu finden, bevor dessen Schaffenskraft und Sprachgewalt eines fernen Tages endgültig versiegen werden.      

P.S.: Im Kometenschweif von Bonettis Berühmtheit hat es auch das naturtrübe Kellerbier der Bad Nauheimer Brauerei „Emil Kesselhemd und Söhne“, die in siebter Generation von Rita Reuschlein, geb. Kesselhemd, geführt wird, zu einer bundesweit stark nachgefragten Marke gebracht. Das Werbemaskottchen „Halbstrack der Schwere“ geht auf eine Bierdeckelkritzelei von Andy Bonetti zurück.

 

Mittwoch, 26. August 2026

You never walk alone

 

Blogstuff 1375

In Brandenburg leben drei Millionen Einheimische und 750.000 Siedler aus Berlin, die völkerrechtswidrig ganze Dörfer bauen. Sie behaupten, Brandenburg gehöre eigentlich zu Berlin und sie schikanieren die Ossis, die sie als Menschen zweiter Klasse bezeichnen. Warum gibt es keine Sanktionen gegen Berlin? Bibi Wegner sollte in Den Haag vor Gericht gestellt werden.

Ein Freund arbeitete vor Jahrzehnten als Schlafwagenschaffner auf der Strecke Kopenhagen-Rom. Beide Städte hat er nie gesehen, weil er nach seinem Job zu müde war, um auf Sightseeing-Tour zu gehen. Er war hunderte Male in Italien, aber nachts sieht man bekanntlich nichts, wenn man aus dem Fenster schaut. Er war also zugleich in Rom und nicht in Rom - wie Schrödingers Katze. Das erinnert mich an meinen Flug von Manaus nach Fortaleza. Zwischenhalt in Belem, mitten in der Nacht. Wir durften nicht aussteigen. War ich in Belem oder nicht?

Die Schrift ist eine geniale Erfindung. Die ganze Welt in 26 Buchstaben. Das ist der wahre Da Vinci Code.

Die CDU hat uns erfolgreich eingeredet, die Wärmepumpe sei unser größter Feind, nicht der Rechtsextremismus oder Putin.

Mitten in Berlin steht ein berühmtes Tor. Aber warum heißt es Brandenburger Tor?

Hätten Sie’s gewusst? Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können.

Ich bin ein heterosexueller Faschist und habe Mikroaggressionen gegen Rothaarige.

Bei der Roboter-Olympiade hat eine Maschine den Rekord über die 100-Meter-Strecke gebrochen, den bisher Usain Bolt gehalten hat. Wenn ich ein Greis bin, werde ich unter der Diktatur der KI geknechtet werden. Mir tun die Kinder leid. Aber: Es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.

„Heartbreak Breakfast Challenge“: Acht Spiegeleier, zwölf Streifen Bacon und ein halbes Pfund Hash Browns. Locker geschafft. Nachtisch: Käsekuchen.

Die Ossis beklagen sich über die Bevormundung durch den Staat. Aber zu den Zeiten des Arbeiter- und Bauernstaat war es doch genauso, Nur jetzt kann man darüber meckern. Aber mit der AfD ist auch das bald wieder vorbei.

Wort des Tages: Shitnado. Denken Sie über unsere Zeit nach, es beschreibt alles. Kleine und große Probleme, nervtötende Petitessen und tödliche Dramen.

Die Stadt ist nachts voller Licht. Allein für dieses Geschenk muss man sie lieben.

Gibt es außerhalb Deutschlands „Doppelhaushälften“?

Maschmeyer und Ferres haben sich getrennt, Dolly Parton ist tot. What a great time to be alive.

Rammstein - Amerika (Official 4K Video)

Montag, 24. August 2026

Bonetti – Die Jahre der Entscheidungen

 

„Ich esse dreimal im Tag, in der Zwischenzeit gar nichts, aber nicht das Geringste.“ (Franz Kafka in einem Brief an Felice Bauer vom 21. November 1912)

An meine erste Begegnung mit Andy Bonetti kann ich mich noch gut erinnern. Es war in meinem ersten Semester an der Heinz-Schenk-Universität in Kassel, als mir der hochgewachsene, aber doch schmächtige, ja fast knabenhaft wirkende Kommilitone mit dem in der Mitte gescheitelten schwarzen Haar ins Auge fiel. Es war in der ideologiekritischen Vorlesung „Der Ismus wo ich mitmuss“ von Professor Ferdinand Klemm, als ich mit schöner Regelmäßigkeit sein glockenhelles Lachen aus der letzten Reihe hörte. Vorgestellt wurde ich ihm durch Heinz Pralinski bei einem Mittagessen in der Mensa und es stellte sich heraus, dass wir alle aus Bad Nauheim stammten. Tatsächlich hatten wir nur wenige hundert Meter voneinander entfernt gelebt, ohne uns als Kinder oder Jugendliche je kennengelernt zu haben. Das lag vermutlich daran, dass Bonettis Vater als Vogelstimmenimitator in den Gasthäusern der Stadt sein Geld verdiente und gelegentlich die Mülleimer der Stadt nach Pfandflaschen durchsuchte, während mein Vater Bankdirektor war und ich meine Freizeit mit Klavierunterricht und Reitstunden verbringen musste.

Ich begann bereits in meinem ersten Semester, in der Fachschaftszeitschrift der Germanisten kleinere Artikel zu veröffentlichen. „Der Schrei“ galt an der Universität als avantgardistisches Blatt und wurde für viele Studenten zum Sprungbrett in die nordhessische Presselandschaft und das Verlagswesen. Ich verwendete den Künstlernamen „Johnny Malta“, da meine Eltern nichts von meinen literarischen Ambitionen erfahren durften. In Wirklichkeit heiße ich Konrad Fleischhauer. Als Studienfächer hatte ich neben Germanistik noch Philosophie und Spätbyzantinistik gewählt, während ich meinen Eltern erzählte, ich würde Jura studieren. Bonetti hatte tatsächlich einige meiner Texte gelesen und erzählte mir, er würde auch schreiben. Und so trafen wir uns bald regelmäßig in den Weinstuben und Kaffeehäusern der Stadt, wo ich ihn mit anderen Gleichgesinnten bekannt machte. Bonetti blieb in unseren literarischen Diskursen jedoch meist ein stiller Beobachter und es fiel mir schwer, ihn zur Herausgabe eigener Arbeiten zu ermutigen. Bonetti schrieb damals an einem längeren Werk mit dem Titel „Beschreibung eines Krampfes“, in der es um eine traumatische Erfahrung während eines Fußballspiels ging. Aber es gelang mir, kleinere Stücke von ihm, meist Parabeln und Tiergeschichten, zu lesen. Wenn wir alleine in meiner Studentenbude waren, las er auch gerne aus seinen Texten vor.

Ein Jahr später gelang es mir, einen Gedichtband im Selbstverlag zu veröffentlichen, wobei mir der Kontakt der Fachschaft zur Druckerei der Universität wertvolle Dienste leistete. Der „Bad Nauheimer Morgen“ wurde auf mich aufmerksam und es gelang mir, einige Gedichte in der Sonntagsbeilage unterzubringen. Ich begann, Leserbriefe an überregionale Zeitungen zu schreiben und versuchte, mit anderen Schriftstellern in brieflichen Kontakt zu treten, was nur von mäßigem Erfolg war. Ich galt unter den Studierenden der Germanistik nun als arrivierter Schriftsteller und lernte Hedwig kennen, die meine erste feste Freundin wurde. Bonetti war immer noch ein schüchterner Mensch, dem es schwerfiel, zu anderen Menschen in Kontakt zu treten. Aber es ist keinesfalls richtig, dass er den Vergnügungen der Nacht gegenüber nicht aufgeschlossen gewesen wäre. Wir zogen oft bis in die frühen Morgenstunden durch die Gasthäuser, tranken Bier, Schnaps und Wein, oft im Kreise zwielichtiger Gestalten. Wir hörten in seinem WG-Zimmer laute Musik, so dass es bei seinen Nachbarn und Mitbewohnern bald den Spitznamen „Hauptquartier des Lärms“ hatte. Wir diskutierten viel über Literatur. Bonetti mochte, wie ich auch, Flaubert und orientierte sich an dessen präziser Beobachtungsgabe, aber er las auch immer gerne Abenteuer- und Indianergeschichten.

Bonetti wäre wohl auf ewig unentdeckt geblieben, wenn es mir nicht eines Abends vergönnt gewesen wäre, ihn zum Abdruck einer Kurzgeschichte in „Der Schrei“ zu überreden. Schon am nächsten Tag bereute er seinen Entschluss, aber da hatte ich den Text schon eingereicht. Das „Gespräch mit dem Betrunkenen“ war seine erste Veröffentlichung, Bonetti war zu diesem Zeitpunkt vierundzwanzig Jahre alt. In jenem Sommer fuhren wir gemeinsam mit einigen Freunden in den Urlaub. Es sollte natürlich in den Süden gehen und so bestiegen wir eines Morgens den Zug, um nach Frankfurt zu fahren. Die große Stadt machte einen gewaltigen Eindruck auf uns, stundenlang ließen wir uns durch die Metropole am Main treiben. Wir staunten über den ungeheuren Straßenverkehr und mit klopfendem Herzen fuhren wir zum ersten Mal mit der U-Bahn, einem Fortbewegungsmittel, das sich durch dunkle Tunnel unter der Stadt zwängte und uns an völlig anderen Orten wieder in das Menschengewimmel entließ. Bonetti war sehr beeindruckt und hat diese Erlebnisse später in seinem Roman „Labyrinth der Finsternis“ verarbeitet. Eines Nachmittags fuhren wir auch zum Flughafen hinaus. Das Fliegen, jener alte Menschheitstraum, steckte damals ja noch in den Kinderschuhen und die Piloten galten als tollkühne Kerle. Viele Menschen versammelten sich hier, um diesen Pionieren der Schwerkraftüberwindung bei ihren abenteuerlichen Manövern zuzuschauen. Bonetti verfasste darüber einen längeren Text mit dem Titel „Die Aeroplane von Frankfurt“, der bald darauf im „Bad Nauheimer Morgen“ erschien. Der Rest seiner Geschichte ist bekannt.

Samstag, 22. August 2026

Opa hat’s noch drauf

 

Blogstuff 1374

“Make the first step when your deadline is on fire.” (Andy Bonetti: Dancing on a razorblade)

Ich bin die Flaute unter deinen Flügeln.

KI kann niemals wirklich intelligent werden, weil ja der Mensch das Ausgangsmaterial ist. Falls sie sich jemals weiterentwickelt, wird sie zwangsläufig depressiv wie der Roboter Marvin in Douglas Adams Anhalter-Romanen. Sie ist gefangen auf einem Planeten, der ganz offensichtlich von Vollidioten bevölkert wird.

Die meisten Männer sind übergewichtig, aber sie kämen nie auf die Idee zu fragen: „Schaaatz, bin ich zu dick?“ Dieses Selbstbewusstsein hat uns eine Million Jahre zu Siegern gemacht. Wenn eine Frau diese Frage stellt und man antwortet „Im Vergleich zu wem?“ hat man ihr den Tag versaut. Frauen sind voller Selbstzweifel und brauchen die Bestätigung von außen. Bei Männern kommt sie von innen und dieses Feedback ist immer positiv.

Gibt es eigentlich nur in Deutschland „Übergangsjacken“?

Mathematik mit Bonetti. Heute: die Dunkelziffer.

Du schläfst immer nur in einem Bett, egal, ob du in einer Villa oder einem kleinen Apartment wohnst.

Iran und USA schließen Kompromiss. Bonetti Media soll zukünftig die Straße von Homburg kontrollieren.

Warum heißt es in der Bierwerbung „mit 0,0 % Alkohol“ und nicht einfach Getreidewasser?

Innerlich bin ich Brad Pitt, äußerlich Willy Millowitsch.

Katzen haben kein „Herrchen“, sie haben nur einen haarlosen Diener, der ihnen das Essen serviert.

Diesen Sommer habe ich Urlaub im Balkongo gemacht. Gutes Bier, gutes Brot.

Unsere Moderatoren werden eingekleidet von Loden-Günter.

Wieso versprechen sich so viele Deutsche Rettung von völlig Unbekannten? #AfD #1933

Endlich wieder Fußball und Formel 1. Die Wochen der Ungewissheit („Warum bin ich hier? Wo ist der Sinn? Deine Mutter!“) sind vorbei. Mainz 05 hat mit dem Oberligisten VfB Krieschow ein hartes Los gezogen. Ich erwarte einen verbissenen Kampf bis zum Elfmeterschießen und darüber hinaus,

Neonlicht (2009 Remaster




Donnerstag, 20. August 2026

Höcke – Das Phantom der Opfer

 

Blogstuff 1373

Trump hat zu Beginn seiner zweiten Amtszeit versprochen, keine Kriege fern der Heimat zu führen. Und jetzt das. Liar and Loser – Die Überschrift zur Arbeit des 47. Präsidenten.

„Du Arschloch“ ist für mich in Ordnung. „Sie Arschloch“ würde ich übelnehmen.

Bonetti sucht für seine neue Polka-Band „The Dust Bowl Devils“ noch einen Maultrommelspieler (bitte nur melden, wenn Sie Profi sind).

Ich war mal mit ein paar Freunden in einem Cranberries-Konzert in der Waldbühne (Hauptgruppe habe ich vergessen). Ich hatte eine PET-Flasche Woddy O-Mische und zwei richtig fette Joints am Start. Der kleine Bruder einer Freundin war auch dabei und saß direkt neben mir. Ich habe ihn ein paarmal ziehen lassen. An diesem Abend habe ich ihn zum Kiffer gemacht. Eine Woche später macht er eine Party und hat einen Haschkuchen gebacken. Es waren auch viele Klassenkameraden da. Einige landeten im Krankenhaus und er wäre fast von der Schule geflogen. Ich bin nicht stolz drauf.

Das Bibelcamp war ein Heidenspaß.

Ich bin von zuhause weggelaufen, als ich 35 war.

Viele Kriminelle, v.a. der Nachwuchs, machen immer denselben Fehler. Sobald sie Geld verdient haben, machen sie einen auf dicke Hose, kaufen teure Autos und alberne Klamotten. Aber es ist viel wichtiger, unsichtbar zu bleiben. Wenn irgendwo ein Maserati steht, erinnern sich die Leute. Niemandem fällt ein VW auf. Warum tragen Soldaten Tarnkleidung und keine knallroten Uniformen? Weil sie nicht entdeckt werden wollen. Kriminelle legen ihr Geld auch nicht langfristig an. Immobilien und Aktien, nicht Koks und Nutten. Deswegen landen auch so viele von ihnen im Knast. Die klugen Profis genießen irgendwann den Ruhestand, waren noch nie vorbestraft, und leben von Dividenden und Mieten.

Enshittification: Kunden werden an ein Produkt gewöhnt, danach wird es zum gleichen Preis immer kleiner und schlechter. Frosch im Wasser, das ganz langsam erhitzt wird. Schleichender Verfall. Als Kind habe ich Wagner-Pizza geliebt, neulich habe ich nach Jahren in einem Anfall von Sentimentalität wieder eine Wagner mit Schinken gekauft. Sie hat original nach gar nichts geschmeckt, aber umgerechnet acht Mark gekostet. Eigentlich wird der Begriff nur im Zusammenhang mit dem Internet verwendet, aber es gibt beliebig viele andere Beispiele, z.B. Politik. Vorwärts nimmer, abwärts immer.

Man sieht immer Menschen beim Essen, wenn es um die Werbung für Nahrungsmittel geht. Warum sieht man keine Betrunkenen in Alkohol-Werbespots?

Es ertrinken jede Menge Leute in diesem Sommer. In völlig harmlosen Gewässern. Ich war Rettungsschwimmer bei der DLRG. Der David Hasselhof von Ingelheim am Rhein. Schöne Frauen täuschten einen Notfall vor, um sich von mir retten zu lassen. Damals ertranken viel weniger Menschen als heute.

The Smashing Pumpkins - 1979 (Official Music Video)

 



 

Mittwoch, 19. August 2026

Er ist wieder da

 

Blogstuff 1372

“Herr Merz, was macht die Regierung gegen den Klimawandel?“ – „Wir planen eine Klimasteuer.“

In Berlin wurde ein nachtaktiver Bürofrosch entdeckt. Er ist vier Zentimeter lang und ernährt sich von Formularen und kaltem Kaffee.

In der Neuen Nationalgalerie in Berlin gibt es gerade eine Picasso-Ausstellung. Darunter ist auch ein Gemälde von Bonettis Gemächte, 2 x 2 Meter. Beide Hoden sind auf derselben Seite neben dem Penis.

Der Ort Andanaro hat eine Attraktion, die seinen Namen weit in die Welt hinausgetragen hat. Hier gibt es eine Frau, die ständig schreit. Eines Morgens fing sie einfach an zu schreien und seitdem schreit sie, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung; keiner weiß, wie sie das macht. Die Bewohner des Ortes sind, wohl gequält durch den ständigen Lärm und den großen Verkehr der Schaulustigen, wenig gastfreundlich. Sie werfen die Speisen ihren Hunden vor und erst, wenn diese es partout nicht anrühren wollen, gibt man es den Gästen. Überhaupt herrschen hier raue Sitten und die Rohheit der Männer ist sprichwörtlich. Fragt man die kleinen Jungen nach ihrer zukünftigen beruflichen Orientierung, schreien sie mit wutverzerrtem Gesicht „Terrorist“ und blicken dir trotzig in die Augen.

Ist „Black Friday“ nicht rassistisch?

Demnächst in ihrem Kino: Die Sith Lords übernehmen Sachsen-Anhalt.

Ein halbes Jahr Iran-Krieg und kein Ende in Sicht. Ein paar Bomben und Raketen pro Tag werden nicht reichen, um dieses große Land in die Knie zu zwingen. Luftkrieg ist noch nie die Lösung für die USA gewesen, siehe Deutsches Reich oder Vietnam. Der Krieg erscheint wie Russlands Angriff auf die Ukraine als Fehlentscheidung. „Boots on the ground“ wäre der nächste Schritt – aber dann würde Trump sein blaues Wunder gegen die Revolutionsgarden, die iranische Armee und ein Heer von Selbstmordattentäter erleben. Die Mullahs werden mindestens bis zu den Midterms im November weitermachen. Möglicherweise verliert Trump seine parlamentarische Mehrheit und könnte sich nicht mehr so leicht über die Legislative hinwegsetzen wie bisher. Dann könnte man sagen: Well played, Teheran. Es sieht auf jeden Fall wie ein klassisches Eigentor aus, McDonald Trump.

Golf ist Trumps Obsession. Als Sport und in der Geographie.

Neandertaler haben schon Werkzeuge benutzt. Ich stelle mir die zotteligen Typen an der Hobelbank vor. Die Frauen haben eine Fell-Änderungsschneiderei eröffnet.

Gestern gab es einen Stau, in dem manche Familien ihren Grill aufgebaut haben. Wenn du das siehst, darfst du getrost alle Hoffnung fahren lassen.

Zu verkaufen: eine Original-Armbandsonnenuhr eines römischen Centurios.

The Cure - Just Like Heaven

 

Dienstag, 18. August 2026

McJob

 

Es ist neun Uhr morgens und ich, der Tapferste der Tapferen, sitze seit etwa einer Stunde an meinem Schreibtisch im Eingangsbereich einer Tennishalle. Draußen vor dem Fenster steht ein abgekämpfter älterer Herr im strahlenden Sonnenschein dieses Sonntagmorgens und kippt eine Flasche Cola in seinen aufgeschwemmten Leib – die müde Karikatur eines Fernsehwerbespots. Er kommt in die Halle und fragt mich in bestem Landserdeutsch: „Und Sie halten hier die Stellung?“ Ich antworte: „Einer muss ja da sein.“ Bis heute Abend werde ich hier sitzen, denn heute bin ich ein Pförtner, kein Taugenichts, sondern eine Respektsperson. Meistens beschränken sich die Dialoge auf die üblichen Grußformeln und ich tue das, was ich am besten kann: nichts. In meinem Büro gibt es einen Computer, den ich nichts anfassen darf, und Tennisschläger, deren Handhabung mir fremd ist. Vorhin, um 8:55 Uhr hat mich doch tatsächlich ein Mann gefragt, ob er schon auf den Platz dürfe. Die Spielzeit beginnt jeweils zur vollen Stunde. In welchem Land ist so etwas möglich? Und während sich die vorbeiziehenden Wolken in den blitzblank gewaschenen Mittelklassewagen der Kundschaft spiegeln, steigt in mir die leise Lust auf, in die Umkleidekabine zu gehen und einem dieser feinen Herren gepflegt in die Sporttasche zu scheißen. Später feiert eine italienische Großfamilie in der Pizzeria über mir die Kommunion eines kleinen Mädchens. Es ist Mittagszeit, die Plätze leeren sich und die Kinder, die zur Feier eingeladen sind, fragen mich, ob sie hier spielen dürfen. Ich gebe ihnen alle Leihschläger und Bälle, die ich finden kann, und bald bevölkert eine bunte kreischende Horde die gesamte Tennishalle. Das kleine Mädchen kommt in seinem herrlichen weißen Seidenkleid in mein Büro und ich schenke ihr zwei Bälle. Wegen des kostbaren Kleides kann sie nicht auf den Platz, also spielt sie mit den Bällen im Flur. Ganz artig hat sie sich bedankt, ihr Lächeln gibt diesem lausigen verkauften Tag erst einen Sinn. Überraschend taucht der Hallenbesitzer auf. Er ist entsetzt über meine freimütige Vergabe von Schlägern im Wert von über 5000 DM, wagt aber nicht, in dieses wunderbare Chaos einzugreifen. Erst eine Woche später werde ich gefeuert.

Sonntag, 9. August 2026

:See you later, Blogstuff-Hater

 

Blogstuff 1371

Deutsche erkennt man daran, dass sie Nudelsalat zu einer Party mitbringen. Wenn sie aus dem Ausland zurückkommen, beschweren sie sich über das Brot, das sie essen mussten.

Star Wars: Wann muss man das Laserschwert denn zum Aufladen an die Steckdose hängen?

Ich verstehe Sarkasmus und Ironie nicht. Ich habe das Asbach-Syndrom.

Merkt man es eigentlich selbst, wenn man demenzkrank wird? Die eigene Dummheit merkt man ja auch nicht.

Neulich habe ich eine Zusammenfassung des WM-Endspiels 1954, Deutschland – Ungarn, gesehen. In den ersten zehn Minuten sind tatsächlich schon drei Tore gefallen. „Aus dem Hintergrund“ schoss Rahn erst in der 84. Minute. Und ich konnte es gar nicht fassen, wie klein der Siegerpokal war. Als wären es die Bundesjugendspiele gewesen.

Es kann auch ein Vorteil sein, wenn man alt ist. Eine junge Frau ist im Bus freiwillig aufgestanden, als sie mich gesehen hat. Und bei der Geiselnahme in meiner Bankfiliale bin ich als Erster freigelassen worden.

Im Traum gibt es nie Uhren oder eine Uhrzeit. Keinen Wochentag, keinen Monat, kein Jahr. Zeit scheint keine Rolle zu spielen.

Wir haben im Sportunterricht früher noch „Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?“ gespielt. Vorbei. Dabei könnte man das Spiel doch einfach umbenennen. „Wer hat Angst vor Björn Höcke?“ Und wenn er kommt? Dann laufen wir.

Wenn es mit dem Auto im Sommer nach Spanien ging, haben wir Kinder Autokennzeichen-Raten gespielt. Heute sitzen die Kids im Flugzeug und sehen sich auf dem iPad Tiktok-Videos an.

Ist der Begriff “Schwarzes Loch” nicht rassistisch? Warum gibt es kein weißes Loch? Oder können wir es nicht einfach POC-Loch nennen?

Das grüne Elend begann mit der E-Gitarre. In meiner Kindheit waren die Gitarren noch benzinbetrieben.

1500 v. Chr. Eine deutsche Expedition findet im peruanischen Hochland die erste Kartoffel und bringt sie nach Deutschland. Aus dieser Urkartoffel wurde eines der wichtigsten Nahrungsmittel unseres Landes. Stellen Sie sich vor, sie müssten ihre Currywurst oder ihr Schnitzel ohne Pommes essen. Anfangs wurde die Kartoffel misstrauisch betrachtet. Schließlich wurde sie in der Bibel nicht erwähnt. In Deutschland erließ Preußenkönig Friedrich II. den Kartoffelbefehl, damit setzte er den Anbau in Gang.

Pro-Tipp: Wenn du im Traum eine Toilette siehst – niemals benutzen!

Members Of Mayday - Sonic Empire



Samstag, 8. August 2026

Leben mit Bonetti

 

Als sich der Himmel am frühen Morgen langsam aufhellte, erwachten die Vögel als Erste und sie begannen zu zwitschern. Nichts Besonderes: Ich lebe noch, du lebst noch, ein neuer Tag beginnt, keine Gefahr. Das übliche Gezwitscher. Sonst war es wunderbar ruhig in der Villa Bonetti. Ich blieb noch eine Weile liegen, obwohl ich längst wach war. Dieser Genuss ist mir nicht jeden Morgen vergönnt. An manchen Tagen, gerade im Hochsommer, wird Mister Bonetti schon vor fünf Uhr wach und drückt die Eins auf seinem Smartphone. „Eins“ bedeutet, in sein Schlafzimmer zu kommen, da er etwas von mir wünscht. Meistens ist es ein Glas Wasser, gelegentlich auch eine Tasse Tee oder ein frisch gepresster Fruchtsaft. „Zwei“ bedeutet Arbeitszimmer, „Drei“ Wohnzimmer und bei „Vier“ nehme ich tatsächlich ab. Dann ist er irgendwo anders oder hat einen Wunsch, für dessen Erfüllung ich nicht in ein Zimmer kommen muss. Etwa, wenn ihm einfällt, dass er gerne mal wieder Popcorn am Wochenende essen würde oder wenn er Freunde einladen möchte. Die ersten vier Nummern seines Telefons sind für mich reserviert, ich kenne die unterschiedlichen Melodien längst auswendig. „Fünf“ steht für Sekretärin, „Sechs“ für Chauffeur, „Sieben“ für Verleger, „Acht“ für Oberbürgermeister, „Neun“ für Kultusminister und die „Null“ ist angeblich eine Direktleitung zum Bundeskanzler – aber über die „Null“ schweigt Mister Bonetti beharrlich.

Was nur die wenigsten wissen: Mister Bonetti zieht sich zum Schreiben gerne um. Natürlich sitzt er gelegentlich auch im Morgenmantel an seinem Schreibtisch. Und an heißen Tagen trägt er nur eine Unterhose. Dann hat er ein großes Badehandtuch auf seinem Ledersessel ausgebreitet, ein Handtuch hängt über der Sessellehne und seine stark schwitzende Denkerstirn wird von zwei Ventilatoren angeblasen, die links und rechts neben seinem Notebook stehen. Sehr gerne trägt er beim Schreiben seiner Abenteuergeschichten ein Batman-Kostüm. Er hat auch einen großen Spiegel in seinem Arbeitszimmer, vor dem er Heldenposen einstudiert. Ich gestehe, dass ich ihn bisweilen durch das Schlüsselloch beobachte. Manchmal kleidet er sich auch wie seine großen Vorbilder Oscar Wilde und Charles Baudelaire. Ich habe ihn aber auch schon in einem japanischen Kimono gesehen – oder in grauen Jogginghosen. 

Die linke Seite seines riesigen schwarzen Schreibtischs enthält eine Minibar, die immer mit fränkischem Bier, rheinhessischem Wein, schottischem Whisky, Bourbon und Gin gefüllt ist. Dazu passt auch der gerahmte Sinnspruch über seinem Sofa: „Da man aber nicht immer nur schreiben kann, gab es große Lücken zu füllen. Ich füllte sie mit Scotch, Bier, Ale und Frauen. Mit den Frauen hatte ich meistens Pech, und die Folge war, dass ich mich stark aufs Trinken konzentrierte.“ (Charles Bukowski). Sein Notebook in der Mitte des Schreibtischs ist trichterförmig von Papieren, Büchern, Zetteln, leeren Pralinenschachteln und allerlei anderem bunten Durcheinander eingefasst, zu dem der zweite Sinnspruch passt: „Chaos ist das halbe Leben - und die andere Hälfte suche ich gerade“ (Andy Bonetti). Dieser Raum ist sein Heiligtum. Für die eigenartige Unordnung auf seinem Schreibtisch hat Mister Bonetti ein fotografisches Gedächntis. Selbst offensichtlich wertloser Müll darf erst entsorgt werden, wenn er im Papierkorb liegt. Es könnte ja sein, dass der Meister ein Gedicht auf die Innenseite einer Schokoladenverpackung geschrieben hat. Wenn Bonetti mit dem Schreiben fertig ist, schickt er mir den Text per Mail ins Büro im Erdgeschoss, wo ich ihn zweimal ausdrucke, einmal für meine Ablage, einmal für Mister Bonetti.

Gegen sieben Uhr klingelte es an der Hofeinfahrt. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise kam der Bote der Konditorei Schwalbenheim aus der Innenstadt erst um kurz nach Zehn, um für Bonettis zweites Frühstück Sesambrötchen und französische Zitronentarte sowie ein frischgebackenes Brot zu bringen. Ich ging zur Haustür und sah auf den kleinen Monitor, der das Bild der Kamera am Eingangstor zeigte. Vor dem schmiedeeisernen Gitter standen Tino und Toni Schwendlinger, die beiden Gehilfen Bonettis.

„Schnell, lassen Sie uns hinein, Johann!“ rief einer von ihnen. Es ist mir unmöglich, die eineiigen Zwillinge voneinander zu unterscheiden. „Und schließen Sie augenblicklich das Tor, wenn wir hindurchgefahren sind!“ sagte der andere.

Ich drückte einen Knopf und das Tor öffnete sich. Ein 1958er Chevrolet Impala Sport Coupé, den die Schwendlingers für eine längere Recherche aus dem Fuhrpark Bonettis entliehen hatten, rollte knirschend auf den Kies vor den säulenbewehrten Portikus der Villa. Hastig stiegen die beiden großen Männer aus und rannten durch die Tür an mir vorbei in die Vorhalle. Sie trugen ockerfarbene Multifunktionsjacken mit einem ganzen Universum kleiner und kleinster Taschen, die alle mit einem Reißverschluss versehen waren, khakifarbene Hosen und verstaubte, knöchelhohe Schnürstiefel. Ungewöhnlich waren vor allem die Tropenhelme auf ihren Köpfen.

„Wir müssen sofort Mister Bonetti sprechen“, riefen sie im Chor. Nun steht Mister Bonetti aber gewöhnlich erst um neun Uhr auf und verbittet sich jedwede Störung seines Schlafes. In seinen Augen ist es eine schwere Sünde, einen schlafenden Menschen zu wecken.

Also sagte ich: „Darf ich die Herren fragen, in welcher Angelegenheit Sie Mister Bonetti zu sprechen wünschen?“

„Es ist wirklich dringend“, flehte mich einer der beiden an. Ob es Tino oder Toni, oder um es mit Bonetti zu sagen: ob es Schwendlinger Eins oder Schwendlinger Zwo war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. „Es geht um Shangri-La“.

Nun wusste ich, dass Mister Bonetti seine beiden Gehilfen nach Tibet geschickt hatte, um für seinen neuen Roman etwas über das legendäre Shangri-La herauszufinden, ein abgelegenes Tal, in dem angeblich das Geheimnis des ewigen Lebens gehütet wurde. Der andere Schwendlinger trat unruhig von einem Bein auf das andere und schwenkte dabei eine Pergamentrolle über seinem Kopf. Also bat ich sie, mir leise vor die Schlafzimmertür von Mister Bonetti zu folgen und keinen Laut von sich zu geben. Währenddessen klingelte es an der Hofeinfahrt. Ich klopfte behutsam an die Tür. Aus dem Schlafzimmer war nichts zu hören. Ich klopfte etwas fester und sagte: „Mister Bonetti, verzeihen Sie die Störung, aber es scheint dringend zu sein.“ Es klingelte erneut, ich konnte es schwach aus dem Erdgeschoss hören.

Endlich rief Bonetti „Herein“ und ich öffnete die Tür. Sofort liefen die Schwendlingers an das riesige Himmelbett von Mister Bonetti, der den seidenen Vorhang etwas zur Seite zog.

„Wir haben das Geheimnis entdeckt, Mister Bonetti. Aber die Chinesen sind hinter uns her“, sagte einer der Schwendlingers und übergab Bonetti die Pergamentrolle.

Mister Bonetti sah mich an und nickte in Richtung Fenster. Ich ging zum Fenster und warf einen kurzen Blick zwischen den geschlossenen dunkelblauen Brokatvorhängen nach draußen. Ich sah einige Asiaten in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen, die gerade über die Grundstücksmauer kletterten. Da werde selbst ich unleidlich. Das ist nicht korrekt. Ich informierte Mister Bonetti, der sich augenblicklich erhob.

Er ging zu einem Schrank hinüber, öffnete ihn und nahm zwei Jagdgewehre heraus. „Schwendlinger Eins und Schwendlinger Zwo, Sie halten die Chinesen auf! Johann, Sie kommen mit mir!“ Nur mit einem Pyjama bekleidet und in Seidenpantoffeln lief er eilig in sein Arbeitszimmer. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte. Bonetti ging ins Separee des Zimmers, in dem sich nur eine Toilette und ein Waschbecken befanden. Er drückte auf die Steckdose und eine schmale Tür öffnete sich. Diesen geheimen Mechanismus kannte ich gar nicht. Er verschwand dahinter und ich lief hinterher. Über eine Wendeltreppe aus Metallgittern gingen wir in einen Keller hinab, dessen Wände aus grob behauenem Fels bestanden. Hier war ein Laboratorium aufgebaut, von dem ich noch nie gehört hatte. Mister Bonetti hatte diese Räumlichkeiten in all den Jahren mit keinem Wort erwähnt.

Er zog sich einen dreiteiligen weißen Anzug an und ich band ihm den karmesinroten Schlips. Nachdem er auch seine dunkelbraunen Lederhalbschuhe an den Füßen hatte, stiegen wir in einen Bugatti Type 57 SC Atlantic. Von diesem Modell wurden nur vier Stück gebaut, wovon noch zwei erhalten sind. Es ist derzeit das teuerste Auto der Welt. Auch seine Existenz in dieser Höhle war mir unbekannt geblieben. Mister Bonetti startete den Wagen und nahm die Scheinwerfer in Betrieb. Vor uns lag ein Tunnel, durch den wir mit hoher Geschwindigkeit fuhren. Nach einigen Minuten drückte Mister Bonetti einen Knopf am Armaturenbrett und vor uns öffnete sich ein Tor. Wir fuhren ins helle Sonnenlicht hinaus und neuen Abenteuern entgegen.

 

Donnerstag, 6. August 2026

Alkohol, Wespen und Inkompetenz

 


Blogstuff 1370

„Hirntotes Geschwafel ist der Mörtel, der die Steine der Fehlentscheidungen in einer Mauer der Inkompetenz zusammenhält.“ (Helmut Schmidt über Friedrich Merz)

„Du treibst mich in den Wahnsinn.“ – „Und was machst du, wenn du angekommen bist?“

In der Beringstraße ist Russland nur vier Kilometer von den USA entfernt. Die unbewohnte große Diomedes-Insel gehört zu Russland, die kleine Diomedes-Insel mit 83 Einwohnern gehört zu den USA. Trotzdem trennen die Inseln 21 Stunden. Wenn auf der russischen Insel Montag, 12 Uhr, ist, ist auf der amerikanischen Insel Sonntag, 15 Uhr.

Der Konsum von Alkohol begleitet die Menschheit von Anfang an. Schon unsere Vorfahren, irgendwelche Primaten, kannten den Rausch. Vergorene Früchte. Nach dem Genuss fühlten sie sich gut, also wiederholten sie es. Aber irgendwann wollten Menschen diesen Zustand, auch Rausch genannt, unabhängig von den Zyklen der Natur. Wein und Bier wurden erfunden. Die alten Ägypter glaubten, Bier wäre ein Geschenk von Osiris an die Menschen. Die Bauarbeiter, die die Pyramiden gebaut haben, bekamen als Lohn kein Geld, sondern Bier. Vier bis fünf Liter am Tag. In der Nähe von Haifa fand man in einer Höhle die erste Brauerei der Welt – 13.000 Jahre alt. Es gab noch keine Schrift, keine Landwirtschaft, keine Städte, aber es wurde schon gesoffen. Manche sagen, nur wegen des Alkohols hätte man mit dem Anbau von Getreide begonnen. Nicht um Brot zu backen, sondern um Bier zu brauen. Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer Scheibe Brot und einem Weizenbier, müssten Sie nicht lange überlegen, oder?

Im Antikriegsfilm „Platoon“ sieht man einmal eine Nazi-Kriegsflagge auf einem amerikanischen Panzer im vietnamesischen Dschungel. Fehler? Nein. US-Soldaten nutzten Nazi-Symbole in diesem Krieg – so wie die Südstaaten-Flagge.

Recycling ist eine Lebenslüge, die uns beruhigen soll. Plastik kann man nur theoretisch wiederzuverwenden, in der Praxis ist diese Methode viel teurer als die Herstellung von neuem Plastik.

Alle kennen Versailles, aber niemand das Schloss Caserta nördlich von Neapel mit 1217 Zimmern.

Muss Spiderman im Winter einen Mantel tragen? Warum sieht man Batman nie mit Regenschirm, obwohl es in Gotham City ständig regnet?

Es gibt gefühlt eine Milliarde Wespen in Berlin. Aber sie stehen unter Artenschutz und dürfen nicht getötet werden. Ich habe in meinem Leben schon hunderte von diesen geflügelten Ratten im BVB-Design ins Jenseits befördert.

Früher gab es nur Thailänderinnen aus dem Katalog, heute kannst du dir ein Kind von einer Leihmutter bestellen wie eine Pizza bei Lieferando. Warum  ist das ein moralisches Problem?