“I have always
wanted to write a book that ended with the word ‘mayonnaise’.”
(Richard
Brautigan)
Es war ein verhängnisvoller
Fehler, den ich in meinem Leben schon allzu oft gemacht habe, ganz speziell auf
der Frankfurter Buchmesse, aber auch bei anderen Gelegenheiten wie Volksfesten
oder Fußballspielen. Ich hatte mich von meiner dunklen Leidenschaft für Würste
aller Art dazu hinreißen lassen, drei Hotdogs mit gerösteten Zwiebeln, Ketchup,
Senf und Mayonnaise zu verspeisen. Nachdem ich dieses durch nichts zu
entschuldigende Bedürfnis befriedigt hatte, überkamen mich Scham und
Sodbrennen. Wie lange hatten die Brühwürste schon in heißem Wasser gelegen? Was
wusste ich über ihre Herkunft? Auch die schrecklich weichen und bleichen
Brötchen, in welche die Würste gebettet gewesen waren, ekelten mich plötzlich
an. Was hatte mich dazu geritten, diesen fettreichen und nährstoffarmen
Sündenfall mit Produkten aus dem kulinarischen Babylon namens Amerika zu
begehen? Setzte ich nicht meine Gesundheit und zugleich meine Reputation als
Kulturschaffender aufs Spiel? War ich denn ein Tier, dass es mir so schwerfiel,
zwischen der Wertschätzung meines hochverehrten Publikums und dem schändlichen
Nachgeben billigster Gelüste, oder besser noch: zwischen meinem
Selbstwertgefühl und einem widerlichen Heißhunger auf ordinäre Würste mit
klarem Verstand abzuwägen, und selbstverständlich bei unvermittelt auftretendem
Appetit auf die von meinem treuen Famulus Johann in einem Weidenkorb
mitgebrachten Butterbrote und ein Stückchen Gruyère zurückzugreifen?
Zum Glück hatte mich am
Würstchenstand niemand erkannt. Halle 7, juristische und
betriebswirtschaftliche Fachliteratur. Jetzt war mir schlecht und mit jedem
kleinen Rülpser, der sich beim raschen Gehen zur Halle 3, Belletristik, durch
meine schmerzhaft brennende Kehle hinaufwand, schmeckte ich die ekelerregende
Mischung aus Wurst und Soßen auf Zunge und Gaumen. Vor allem die fettige
Mayonnaise, die womöglich schon ranzig gewesen war, spielte sich mit
impertinenter Penetranz in den Vordergrund. Ich trank hastig eine Tasse Kaffee,
aber der Geschmack ging einfach nicht weg. Ich ließ mir von Johann ein Sahnebonbon
reichen, aber es half nichts. Mit jedem Rülpser war der Geschmack wieder da.
Und in einer Viertelstunde musste ich auf dem Podium vor der versammelten
Weltpresse sitzen und den Journalisten Rede und Antworten stehen. Am Stand des
Knödelbach-Verlags begrüßte mich der Verleger Johann Buckelschreck, ein älterer
Herr mit Menjou-Bärtchen und kariertem Sakko, mit einem nasskalten Händedruck,
der auf seine gewohnte Nervosität in solchen Situationen hinwies. Die beiden
Buchreihen in Augenhöhe waren mit meinem neuen Werk „Ende des Zaubers –
Literatur als Handwerk“, einem Ratgeber für den schriftstellerischen Nachwuchs,
geschmückt. Darüber und darunter waren die Werke von Gesine Apfelkern („Fisch
ohne Gnade“) und von Amos Beutelfeger („Eine kleine Geschichte des
Kaugummiautomaten“) drapiert. Mit der Kollegin und dem Kollegen sollte ich
gleich vor die Presse treten. Frau Apfelkern überschminkte gerade die Warze an
ihrem Doppelkinn, Herr Beutelfeger war noch auf der Toilette.
Nach einigen einführenden Worten
des Verlegers betraten wir nacheinander die Bühne. Die Blitzlichter der
Fotografen zuckten durch die Halle und Herr Beutelfeger, ein junger, ganz in
schwarz gekleideter und offenbar noch recht unerfahrener Autor, beging den
Fehler, in die Kameras zu schauen und taumelte geblendet zu seinem Stuhl. Ich
nahm in der Mitte Platz. Beim Setzen rülpste ich einen kleinen Schwall
Magensäure in meinen Mund und musste husten, was aber in der allgemeinen Hektik
zu Beginn nicht weiter auffiel. Die erste Frage ging an mich. Was ich von der
Literatur des diesjährigen Gastlands Finnland hielte, fragte eine junge Frau
von der FAZ. Nun, antwortete ich gelassen, die finnische Literatur sei der
norwegischen bei weitem vorzuziehen, womit ich die Lacher natürlich auf meiner
Seite hatte. Niemand kannte die finnische Literatur, am wenigsten die
Journalisten vor mir auf den stapelbaren Konferenzstühlen. Schließlich war ich
hier, um über mein neues Buch zu reden, und nicht über Menschen mit unverständlichen
Namen und einer merkwürdigen Sprache, die man noch nicht einmal in Schweden
beherrschte.
Dann sprachen wir endlich von
„Ende des Zaubers“, für den der ambitionierte Verlag aus Pirmasens
werbetechnisch ziemlich dick aufgetragen hatte. „Der beste Bonetti aller
Zeiten“ mochte ja noch angehen, aber „Bonetti leuchtet“ nach dem alten
Thomas-Mann-Diktum oder „Bonetti unchained“ in Tarantino-Manier waren doch
reichlich unpassend. Schließlich wurde hier Literatur verkauft und keine
RTL-Show oder – und bei dem Gedanken musste ich wieder aufstoßen – Wurst. Die
unvermeidliche Frage nach der Zukunft der Literatur von der Süddeutschen
Zeitung parierte ich elegant mit dem Verweis auf die stabilen Verkaufszahlen
des Buchhandels und indem ich ein wenig zum Leseverhalten der
Smartphone-Generation extemporierte. Gefragt sei angesichts der aktuellen
Entwicklung der literarische Kurztext, der geistreich und unterhaltend zugleich
sein müsse. Der Textumfang müsse sich dabei am reduzierten
Aufmerksamkeitshorizont der Leserschaft orientieren. „Aufmerksamkeitshorizont“
war gut, das war mir einfach ganz spontan eingefallen und ich nahm mir vor, den
Ausdruck nach Abschluss der heutigen Pressearbeit zu notieren, um ihn später
einmal in einem Essay zu verwenden. Mutig trank ich einen Schluck des vor mir
platzierten Mineralwassers und bereute es sogleich. Es war, als würde mir die
Kohlensäure im Halse stecken bleiben. In meinem Magen begann es zu brodeln und
nun machte sich zu allem Überfluss auch noch ein garstiger Harndrang
bemerkbar.
Dann war der ZEIT-Journalist an
der Reihe. Der als Frage getarnte Monolog eines ehemaligen Germanistikstudenten
aus Osnabrück, der alle möglichen angelesenen und halbverdauten Sottisen zum
aktuellen Literaturbetrieb enthielt, nahm kein Ende. Wo bleibt der große
deutsche Gegenwartsroman? Das war die Quintessenz seiner Suada und ich verwies
in meiner Antwort großzügig auf einige hoffnungsvolle Kollegen und die
unendlichen Weiten der Blogosphäre, in der heute schon die Texte vorhanden
wären, die von klugen Verlegern nur noch geborgen werden müssten. In
Wirklichkeit gab es keine großen Romane mehr, weil man als deutscher Autor mit
Romanen kein Geld verdienen konnte. Es gibt in Deutschland etwa so viele
professionelle Romanautoren wie professionelle Volleyballspieler. Ich selbst
verdiente inzwischen an den Filmrechten meiner Romane, die ich mit schöner Regelmäßigkeit
an die ARD Degeto in Frankfurt verhökerte, mehr Geld als an der verkauften
Auflage. Die nächste Frage ging an Frau Apfelmann oder wie auch immer sie
heißen mochte und betraf die allegorische Bedeutung ihres Protagonisten, der
auf den schönen Namen „Prokop der Geschorene“ hörte. Ich musste rülpsen und da
war er wieder: dieser grässliche Geschmack von ewig unverdaut bleibender
Mayonnaise.