Sonntag, 2. November 2014
Ödland, Kapitel 2
Mein Rhythmus gerät durcheinander. Manchmal wache ich um drei Uhr morgens auf und weiß genau, dass ich nicht mehr schlafen werde. Ich beginne zu lesen oder ruhelos im Haus hin und her zu laufen. Welche Bedeutung sollte die Zeit auch für einen Menschen haben, der keine Termine mehr hat? Es gibt niemanden, der den Kopf schütteln würde, wenn ich mir am frühen Morgen ein „Mittagessen“ zubereitete oder nachmittags Lust auf ein „Frühstück“ habe. Ich muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, niemand erwartet, dass ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und bei einer bestimmten Aktivität anzutreffen bin. Ich habe keine Verabredungen mehr. Früher war mein Terminkalender voll bis zum Erbrechen, darunter naturgemäß viele Treffen mit langweiligen und penetranten Gestalten, die ich nur aus beruflichen Gründen wahrnehmen musste. Ich hatte einen festen Rhythmus, ja eigentlich einen fast maschinenmäßigen Takt, in den meine alltägliche Existenz eingewoben war. Um 6:30 Uhr stand ich auf, um 7 Uhr frühstückte ich mit Frau und Kind, dann ging es ins Büro, wo ich um 8 Uhr ankam. Nach ersten Erledigungen und Durchsicht der elektronischen Post gab es um 9, spätestens um 10 Uhr die erste Besprechung. Das Mittagessen um 13 Uhr nahm ich im Regelfall in Form einer Einladung durch einen sogenannten „Interessenvertreter“ zu mir, der mir um den Preis eines Schnitzels Arien des Selbstmitleids zur Situation gerade seines Berufsstandes oder seines Unternehmens vortrug. Nachmittags und abends gab es oft Ausschusssitzungen und Arbeitskreise. An glücklichen Tagen kam ich bereits um 18 Uhr nach Hause, widmete mich dem Familienleben und versuchte, am späten Abend noch ein wenig Zeit für mich selbst zu finden. Musik hören oder einfach nur ins unruhige und doch ungemein beruhigende Kaminfeuer starren.
In all den Jahren habe ich es nicht geschafft, ein Buch zu lesen. Tagsüber musste ich zahllose Vorlagen und Entwürfe zu Vorlagen lesen, die irgendwann in Schubladen verschwanden oder in winzigen Änderungen bestehender Gesetze und Verordnungen mündeten. Also fehlte mir für dieses Vergnügen die abendliche Muße und Lust. Andere Formen des bürgerlichen Eskapismus wie Theater- und Konzertbesuche litten ebenfalls unter der beruflichen Anspannung und Belastung. Wahrscheinlich habe ich in den letzten dreißig Jahren häufiger Weihnachten gefeiert als Ausstellungen besucht. All das habe ich nachgeholt, nachdem ich mich aus dem Berufsleben und der Politik zurückgezogen habe. Aber nach Kerstins Tod fehlte mir jeder Anlass, solche Veranstaltungen zu besuchen. Und irgendwann fehlte mir auch jeder Anlass, meinem Leben einen Rhythmus zu geben. Ich lasse mich durch die Zeit treiben. Ich lese viel, eigentlich kann ich sagen, erst jetzt nutze ich meine Bibliothek und schaue in all die vielen tausend Bücher, die ich mir – teils aus schlechtem Gewissen angesichts meiner Kulturferne, teils aus Vorfreude auf den „Lebensabend“, der ja doch irgendwann einmal kommen musste – im Laufe langer Jahre angeschafft hatte. Ich warte einfach auf Momente der Lust: Lust zu malen, Lust zu lesen, Lust zu schlafen, Lust zu essen. Es ist eine ungeheure Freiheit, die ich habe. Ich besitze auch genug Geld, um weitergehende Gelüste zu befriedigen. Ich könnte durch die ganze Welt reisen, ich könnte kostbare antiquarische Bücher oder Gemälde berühmter Meister kaufen. Aber diese Freiheit ermüdet mich zusehends. Dieses In-sich-hinein-horchen ist mir im Laufe der Zeit eine ebensolche Anstrengung geworden wie der immerwährende äußere Druck meiner Berufstätigkeit.
Ich habe mich im Übrigen rechtzeitig aus dem Beruf zurückgezogen, bevor ich einer dieser alten Männer wurde, die sich in den Augen junger Menschen durch ihre Selbstgefälligkeit und ihr autoritäres Gehabe vollends lächerlich machen. Die ihre verstummte Kreativität hinter Routine und Hierarchiegläubigkeit verstecken. Die sich zynisch über die leicht entflammbare Begeisterung der Jugend lächerlich machen, in Wirklichkeit aber verbittert und neidisch sind. Verbittert über den Verlust eigenen Ideenreichtums oder persönlicher Ideale, neidisch auf die neuen Ideen, auf die man selbst nicht gekommen ist und auch nicht mehr kommen wird. Die ihren Thron nicht räumen, sondern mit Gewalt vertrieben werden müssen. Die nicht loslassen können, weil nach der Berufslaufbahn nur noch das schwarze Loch des Alters und des Todes droht. Die ihre schwindende Macht ein letztes Mal an Mitarbeitern und Kollegen auslassen müssen. Die mit den Händen in den Hosentaschen großspurig ihre Ratschläge und Lebensweisheiten in eine Welt hinausposaunen, die darauf garantiert nicht gewartet hat. Deren Klappe immer größer wird, je tiefer die Hände in die Hosentaschen wandern. Deren erloschene Gesichter jede Sitzung mit bleierner Grabesstimmung überziehen. Die ihre persönlichen Einsichten in den Rang eherner Weltgesetze erheben. Man sollte über meinen Abgang Bedauern empfinden können und nicht etwa Erleichterung. Ich wollte aus dem fortwährenden Veränderungsprozess aussteigen, bevor ich seine Geschwindigkeit und Richtung nicht mehr begreife und, wie viele ältere Menschen, störrisch diesen Prozess behindere. Diese Lebensläufe, die mit dem Ruin des eigenen Rufs als Fachmann enden, kenne ich zur Genüge. Kurz: Ich bin gegangen, bevor ich ein seniles Arschloch wurde.
Arbeit ist eine Möglichkeit, seine Zeit zu verbringen. Wenn man genug Geld hat, werden andere Betätigungen interessanter – zumindest für Menschen, denen es vor der Freiheit der eigenen Entscheidung nicht gruselt. Aber es waren Menschen um mich, als ich in den Ruhestand ging. Ich wollte gemeinsam mit meiner Frau alt werden. Ich hatte die romantische Vorstellung, in ihren Armen zu sterben. Aber jetzt bin ich allein. Und ich hätte nicht gedacht, wie schwer es ist, alleine frei zu sein. Früher musste ich meinen Terminkalender mit vielen Menschen abstimmen, ich musste so vieles miteinander vereinbaren: die beruflichen Verpflichtungen, die eigene Familie, die Freunde, die Verwandtschaft, die persönlichen Neigungen und die sogenannten gesellschaftlichen Verpflichtungen. Es war eine ungeheure Menge verschiedener Einflüsse, die meinen Alltag prägten. Jeden Tag hatte ich in großer Eile Entscheidungen zu treffen. Letzten Endes musste ich Prioritäten setzen und mich zwischen vielen verschiedenen Menschen entscheiden, die aus den unterschiedlichsten Gründen meine Nähe suchten.
Meine Zeit war knapp. Und sie war wertvoll. Wer aus dem äußeren Ring meiner persönlichen Beziehungen einen Termin zum gemeinsamen Mittagessen bekam, fand den Augenblick bedeutend. Meine Anwesenheit an einem bestimmten Ort hatte einen Wert. Mein Terminkalender war voll mit zahllosen Menschen und Interessen, ich verfolgte viele Ziele und hatte nur am Wochenende Zeit, darüber nachzudenken, was ich eigentlich wollte. Wenn zu viele Menschen deine Nähe suchen, musst du eine Auswahl treffen. In diese Situation kommen nur wenige. Aber was will ich eigentlich? Der Durchschnittsmensch ist froh, wenn einige wenige Gestalten Anteil an seinem Leben nehmen. Wenn es zu viele werden, muss man Kriterien der Auswahl finden. Im Berufsleben war es einfach: Wer mir nutzte, war mein Gesprächspartner, Gast und womöglich auch mein Freund. Aber privat? Und so wanderten Tausende von Namen durch meinen Terminkalender und nichts ist davon übrig geblieben. Stapel von Visitenkarten, unübersichtliche Verzeichnisse von Mail-Adressen. Aber eigentlich ist diese ganze Form des Lebens zu Staub zerfallen. Es gibt keine Sekretärin mehr, die Termine macht. Es ist nicht mehr eilig, nicht mehr wichtig. Ich bin nicht mehr gefragt. So wollte ich es. Dennoch stört es mich. Früher war es ein Privileg, nicht für jeden erreichbar zu sein, heute ist die Einsamkeit bisweilen eine schwere Last. Denn so einsam und vergeistigt sollte mein Leben gar nicht sein. Insbesondere in einer Zeit, da mich mein Geist zu verlassen beginnt. Ich werde alt. Und alleine wird man schneller älter als erwartet.
Wie geht es weiter? Was soll ich mit meinem restlichen Leben noch anfangen? Ich habe alle wichtigen Werke der Philosophie, der Literatur und der Religion dazu gelesen. Ein Jahr voll intensivem Lebens- und Kunstgenuss habe ich gebraucht, um mich von den Denkweisen und Gewohnheiten meines Berufs zu lösen. Einen Text nicht diagonal zu lesen und eilig auf seinen Informationsgehalt zu überprüfen, sondern einen Roman in Ruhe zu lesen. Ein Bild oder einen Ausblick in Ruhe zu genießen, im Museum oder in den Bergen nicht mit der ruhelosen Masse weiterzuziehen, sondern ganz in eine Betrachtung versinken zu können. Das war mir zuletzt als junger Mann vergönnt. Es gibt im Prinzip zwei Antworten: eine sehr banale und eine mühselige. Beginnen wir mit der Mühsal: Du musst dein Leben vollkommen verändern und es mindestens ein Jahrzehnt einer grausamen Tortur der Sinnsuche unterziehen, inklusive merkwürdigen Ernährungsgewohnheiten, körperlichen Übungen und Gesprächen mit Menschen, die wir eigentlich gar nicht kennen wollen. Hierzu gehören endlose Lesemarathons in studentenverseuchten Bibliotheken, Reisen nach Indien und in den Himalaya, Volkshochschulkurse über Buddhismus und fruchtlose Kneipengespräche über Tantrasex. Die banale Antwort ist natürlich nur auf den ersten Blick banal. Aber es ist alles in uns, was wir dazu benötigen. Es ist die Heimwerker-, die Do-it-yourself-Version der Sinnstiftung: Im Grunde bieten uns die entsprechenden Bücher, nehmen wir meinetwegen den „Steppenwolf“ von Hesse als beliebiges Beispiel, nur drei Auswege aus dem Elend der Wirklichkeit und der geistlosen Dürftigkeit des alltäglichen Lebens: Kunst, Liebe und Rauschmittel. Im Grunde ist man also mit dem Motto „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ gut bedient – ebenso wie man sich mit Kants Kategorischem Imperativ das Studium ganzer philosophischer Bibliotheken ersparen kann.
Ödland, Kapitel 3
Die Liebe hat man mir genommen. Kerstin ist tot. Ich spüre, dass ich mich nicht mehr verlieben werde. Es wird keine Frau mehr geben, der ich vertrauen kann und die zu mir steht. Keinen zärtlichen Kuss mehr, den ich um meiner selbst willen geschenkt bekomme. Niemand wird mich mehr verliebt streicheln, bestenfalls aus Mitleid. Kein Blick wird versuchen, meine dunklen Augen zu durchdringen. Keine Fragen mehr, deren Antwort in das Leben eines anderen Menschen einwirkt. Kein Körper, den ich sanft umfasse, um eine verletzte Seele zu trösten. Nichts, niemand mehr. Es bleiben die Musik und der Rausch. Die Musik hat mein Leben gerettet. Sie erregt mich, sie redet mit mir. Sie fordert meine Anteilnahme, seien es meine Empfindungen oder meine Stellungnahme. Die Akkorde reißen mich mit oder rühren mich, die Texte machen mich melancholisch oder wütend. Ihr bloßer Konsum erschöpft nur, denn er ist der Bruder der Langeweile. Aber wenn du dich in die Stücke verlierst, gewinnst du viele Ideen und lernst neue Menschen kennen, mit denen du dich im Geiste unterhälst.
Zu den Rauschmitteln möchte ich nicht viel sagen. In Hesses „Steppenwolf“ wird durchgängig gesoffen, Kokain und Opium genommen. Ich beschränke mich auf die Vernichtung meines Weinkellers, den ich im Laufe der Jahrzehnte angelegt habe und dessen Vererbung in Ermangelung eines Erben keinen Sinn machen würde. Viele edle und alte Weine sind ohnehin nicht mehr genießbar, aber ich finde noch genügend trinkbare Tropfen. Wo sollte ein alter Mann wie ich auch plötzlich Kokain oder Haschisch her bekommen? Ich kenne niemanden mehr in dieser „Szene“. Und wenn ich jetzt an Bahnhöfen großer Städte herumschleichen würde, um mir solche Substanzen anzueignen, würde man mich sicherlich für einen Beamten des Rauschgiftdezernats halten.
Von Zeit zu Zeit male ich ein wenig. Den perfekten Zustand für diese Arbeit erreiche ich nach einem weinseligen Abend, wenn ich statt der üblichen ein bis zwei tatsächlich drei Flaschen Wein getrunken habe. Langsam und regelmäßig, ab dem Spätnachmittag, bis in die Nacht. Langsam und regelmäßig, das ist das Geheimnis des Trinkens. Sonst ist der Morgen danach mörderisch. Und wenn ich dann endlich aufgewacht bin, esse ich erst etwas deftiges, Buletten mit Gewürzgurken oder Pizza, dann trinke ich ein, zwei Gläser Rotwein und setze mich sodann an die Staffelei. Für den Rest des Vormittags und eine Skizze reicht dieser Treibstoff, der wiederbelebte Restalkohol des vorigen Tages; mehr brauche ich nicht. Es folgt ein gemütliches Nickerchen, aus dem ich dann später endgültig nüchtern aufwache.
Wein ist ein natürliches Aufputschmittel. Ich sehe die Welt in rosigen Farben und begebe mich auf ausgedehnte Reisen in die Vergangenheit. Nicht in die Vergangenheit meines Berufslebens, sondern weiter zurück. Ich erlebe die Zeiten meiner Jugend wieder. Kaugummi-Automaten mithilfe von Feuerwerkskörpern öffnen, später Zigarettenautomaten. Ich habe nie Erfolg damit gehabt. Dann schon eher mit der Gentleman-Methode. Von einer London-Reise habe ich zum Beispiel viele Schilling-Münzen mitgebracht. In den siebziger Jahren hatte ein Schilling noch den Umfang und das Gewicht von einer D-Mark-Münze – aber sie war viel weniger wert. Allerdings hatte die britische Regierung, die Bank of England oder wer auch immer irgendwann die Schilling-Münze zugunsten der Five-Pence-Münze in den Orkus der Geschichte befohlen. Also hatte ich auf den Bürgersteigen Londons gute Schilling- von schlechten Five-Pence-Münzen zu trennen – ohne übrigens auch nur einmal misstrauisch betrachtet zu werden angesichts meiner obskuren Sortiertätigkeit. Am Ende hatte ich genug Münzen, einen fetten Beutel voll, um in Deutschland einige Automaten mit Fremdwährung zu leeren. Bei meiner Party zum 18. Geburtstag habe ich die Zigaretten dann verkauft. Für zwei statt für drei DM, ein Gewinn für jeden Partygast – und für mich. Damit habe ich mir meinen ersten England-Trip selbst verdient. Und die Lokalpresse schrieb Wochen später angesichts der großangelegten Plünderaktion in meiner Kleinstadt, die in einer Nacht sämtliche Camel-, Marlboro- und Benson&Hedges-Schächte geleert bekam, von einem „Gentleman-Verbrecher“, da die Automaten doch ausnahmsweise unversehrt geblieben sind.
Später dann junge Männer in kleinen Automobilen, die dennoch gefahren wurden wie Formel 1-Boliden. Der betäubende Lärm der Musik, das wahnsinnige Gelächter, die vorbeifliegenden Orte. Als kurze Blicke der Verständigung ausreichten. Und wir kurz darauf an Orten unglaublichen Lärms auftauchten, Diskotheken wie das „Revolution No. 9“ oder „Strange Machine“. Ich glaube, sie hießen wirklich so. Jedenfalls bin ich mir so sicher, wie man sicher sein kann, wenn es um Orte geht, die man nie auch nur annähernd nüchtern erreicht hat. Heute kann ich mit Billy Idol singen: „I’m dancing with myself“. Und das tue ich wirklich, auch wenn alte Menschen lächerlich sind, die vor der Stereoanlage tanzen.
Ödland, Kapitel 4
Was fange ich mit meinem Haus an? Alles ist für die Inszenierung meiner Person, meines Werdegangs perfekt. Aber es wird doch niemand mehr kommen, um all das zu bewundern, was ich hier an Gegenständen und Beweisen meiner Gelehrtheit aufgebaut habe. Ein Potemkinsches Dorf ohne Zar, der es inspizieren könnte. Genauso gut könnte ich „Pipi Langstrumpf“ im Bücherregal stehen haben und meinen Boden mit Ikea-Flokatis bedecken.
Jahrzehntelang habe ich dieses große Haus, durch dessen menschenleere Zimmer ich nun wandere, mit erlesenen Möbeln, Bildern und Teppichen gefüllt. In den Bücherregalen, die bis zur Decke der Bibliothek und des Wohnzimmers reichen, stehen gerahmte Fotografien, die mich mit einstmals bekannten Persönlichkeiten zeigen. In einigen Zimmern hängen eigene Aquarelle und Zeichnungen, die Stillleben und Landschaften zeigen. Sie hängen dort nicht als Beweis meiner bescheidenen Kunstfertigkeit, sondern als Erinnerung an mein Leben, als Nachweis meiner immer noch fortwährenden Existenz. Der Garten ist eigentlich ein kleiner Park, der von einem Gärtner sorgsam gepflegt wird und in dem ich an schönen Tagen sitze und das kleine Leben der Singvögel und Insekten beobachte.
Wäre doch wenigstens Kerstin noch hier, um dieses idyllische Leben mit mir zu teilen. Wir haben uns geliebt und wir haben uns verstanden. Wir sind in dieser gemeinsamen Zeit wie selbstverständlich zu einer Einheit geworden, blind, taub und stumm haben wir uns verstanden und so alles gemeistert, was an beruflichen und privaten Belastungen einen einzelnen Menschen zerbrechen würde. Wenn Kerstin und ich stritten, bebte die Erde. Zwei Temperamente, zwei antike Sagengestalten krachten mit Schwert und Schild gegeneinander. Wie in einem dieser japanischen Godzilla-Filme, in denen sich zwei Giganten durch Tokio prügeln und dabei die ganze Stadt in Schutt und Asche legen. Unser Zorn und unsere Leidenschaft loderten maßlos, aber ähnlich einem heftigen Gewitter oder einem Vulkanausbruch war es auch irgendwann vorbei. Und ängstliche Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren, kamen zitternd aus den Trümmern gekrochen und husteten mit fassungslosem Blick Staub aus ihren Lungen. Verwüstung, Zerstörung und dann wieder die Kraft des sofortigen Neubeginns. Wir hatten unglaubliche Kräfte, die wir an manchen Tagen aneinander messen mussten. Auch in dieser Hinsicht passten wir zueinander.
Oft denke ich an unsere gemeinsame Tochter zurück. Das Opus Magnum, Kerstins und mein ganzer Stolz. Die Leute bekommen Kinder, wenn sie erkennen, dass sie nur im Kleinen die Welt positiv verändern können. Aus dem abstrakten Traum einer besseren Zukunft wird der konkrete Versuch, die eigenen Hoffnungen weiter durch die Zeit zu schicken. Unser Versuch hieß Lara. Ein winziges, zerbrechliches, wundervolles Ding. Ich habe in der Summe mehr Ängste um sie ausgestanden als um mich. Die anfängliche Angst um jeden Atemzug des Kindes wich allmählich der routinierten Sorge um alle Gefahren der Bestecke und Haushaltsgeräte, der Elektrizität und der Schwerkraft. Ich wäre am liebsten auf jedem Schritt ihres Weges hinter ihr gewesen, hätte mit ihr alle Wunder der Welt entdeckt, noch bevor sie in irgendein System eingeordnet und damit verschwunden sind. Und welche eigentümlichen Welten dieses Kind in seinen Spielen entdeckt hat. Manchmal erschreckt man richtig vor dem erwachenden Geist eines neuen kleinen Menschen. Später hat sie ihren eigenen Weg gesucht und der ist immer gegen die alten Autoritäten. Wie sehr ich auch versucht habe, ich habe keinen Ausweg aus meiner Rolle als Vater finden können. Ich hoffte, ihr mit meinem Vertrauen helfen zu können. Aber sie hatte einen unabhängigen Kopf und wollte zu Beginn ihrer Studienjahre die Welt bereisen. Es ist müßig, aber dennoch hin und wieder notwendig, wenn man die alten wichtigen Gedanken wieder und wieder überdenkt, die Frage zu stellen, ob ich ihr das Motorradfahren nicht einfach hätte verbieten sollen. Aber sie hätte es sich nicht verbieten lassen. Trotzdem hat mich der Gedanke nie losgelassen: Was hätte ich tun sollen? Jedenfalls ist sie bei einem Unfall in Australien ums Leben gekommen. Dieser Verlust kam so unerwartet, dass der Schmerz eine Weile brauchte, um jede Zelle meines Körpers zu erreichen.
Ich habe ihre Überführung organisiert, Kerstin war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbar, zerbrochen, wie mit einem riesigen Hammer in einzelne Teile zerschlagen und zu keinem Gespräch mehr fähig, nur Tag und Nacht weinend und wimmernd, während ich zwischen Zuständen des betäubten Starrens, des Hasses auf alle Welt und der heulenden Verzweiflung changierte. Dann kam die Beerdigung, ein Akt der Selbstdisziplinierung. Es waren viele Freundinnen und Freunde von ihr da, es war ein Abschiedsfest voller Herzlichkeit, echter Trauer und jugendlicher Fassungslosigkeit. Aber es würde mir heute das Herz brechen, ihr Grab zu besuchen. Die Schmerzen wären nicht erträglich. Der Gedanke zu leben, während die eigene Tochter in der Erde unter dir verrottet. Das könnte ich nicht aushalten. Gerade dieses eine Grab ist mir unmöglich und darum habe ich die Grabpflege bei einem erfahrenen Friedhofsgärtner in Auftrag gegeben. Einmal hat Lara zu uns gesagt, unsere Generation wüsste gar nicht, wie gut es uns ginge. Ich erinnere mich, dass mein Vater das gleiche früher zu mir gesagt hat.
Ödland, Kapitel 5
Überall in den Nachbarhäusern Menschen, die sich aus lauter Langeweile und Verzweiflung selbst mästen. Deren sinnlos gewordene Nachkriegsmentalität es ihnen verbietet, Nahrungsmittel einfach weg zu schmeißen, und die daher immer zu viel essen, weil immer zu viel eingekauft und gekocht wird. Die den Kopf in jeder wachen Minute mit Alkohol und Fernsehen betäuben. Palaver um Banalitäten, die Ereignislosigkeit und Eintönigkeit der Tage lässt aus jeder Petitesse einen Anlass für uferlose Diskussionen wachsen. Sei es eine Fahrt zum Supermarkt oder das Aufhängen von Meisenknödeln im Garten. So wird die Zeit zur endlosen Qual, sie sind froh um jede Minute, die wieder einmal vergangen ist. ‚In zwei Stunden kommt Pastor Fliege im Fernsehen, Gott sei Dank!’ Die Fähigkeit zur „großen aristokratischen Kunst, nichts zu tun“, wie Oscar Wilde es im „Bildnis des Dorian Gray“ beschreibt, ist ihnen nicht gegeben.
Die Leute in diesem Dorf begreifen mich nicht. Ich habe es aufgegeben, ihnen mein Leben, meine berufliche Vergangenheit und meine Interessen erklären zu wollen. Sie verstehen mich nicht. Und einfache Leute gehen mit komplizierten Erzählungen und Menschen auf eine bestimmte Weise um, die es ihnen ermöglicht, ein positives Selbstbild zu erhalten: Sie machen sich darüber lustig. Sie ziehen deine Ideen durch den Dreck, äffen deine großstädtischen Gesten nach und verhöhnen deine Familie, deine Freunde oder deine Vorbilder. Auf diese Weise entziehen sie sich der Anstrengung des Nachdenkens. Alles, was nicht in ihren Schädel hinter die flache Stirn vordringt, kann es auch nicht wert sein, dorthin zu gelangen. Der Spott schützt die Dummen wie der Hochmut die Klugen schützt. Diese Menschen bersten fast vor ungelebtem Leben, vor unerfüllten Träumen, die sich als Hass- und Eiterklumpen, als bösartige Metastasen in ihrem faulenden Fleisch festsetzen.
Deswegen liebe ich die großen Städte, in denen ich vor langer Zeit gewohnt habe, als ich noch die Kraft dazu besaß. Dort, in bestimmten Vierteln und in besonderen Lokalen, traf man Gleichgesinnte, die sich der warmen bürgerlichen Herde nicht nähern wollten. Hier hatte man eine Ahnung von den „Unsterblichen“, die Hesse im „Steppenwolf“ beschreibt. Zum großen Rebellen oder Künstler, zum Selbstmörder oder Verbrecher hat es aber bei mir nie gereicht und so habe ich nach Abschluss meines Studiums wie viele einen bürgerlichen Weg eingeschlagen, einen Beruf ergriffen und eine Familie gegründet. Vielleicht haben mir auch einfach die Phantasie und der Mut gefehlt, der bundesdeutschen Standardbiographie irgendetwas entgegenzusetzen, und so habe ich damals mein Leben auf die eingefahrenen Gleise gesetzt und bin alle Stationen abgefahren. Bis zur Endstation, dem bürgerlichen Begräbnis, bei der meine Überreste im Dreck verscharrt würden, ist es nicht mehr weit.
Unsere Jugend ist vorbei. Aber wer will schon ewig jung sein! Das wäre ähnlich grausam wie das ewige Leben. Nur die Begrenztheit unserer Zeit verleiht den Ereignissen ihre Bedeutung. Im Laufe der Zeit würden alle Empfindungen abgestumpft sein, alle Leidenschaften hätten sich abgeschliffen wie Kieselsteine. Alles wäre monotone Wiederholung, weil es irgendwann nichts Einzigartiges mehr gäbe. Wir würden das verfluchte Leben eines Dorian Gray führen, gefangen in nie endender Belanglosigkeit und vollkommener Langeweile. Jetzt bin ich alt und es macht auch keinen Sinn, dieses Problem in irgendeiner Form semantisch zu bearbeiten: „die besten Jahre“ und der ganze Quatsch dieser Lebenslügen. Wir verschleiern und vermeiden unentwegt den Begriff „alt“. Das Neue ist immer auch das Gute. Aber irgendwann ist man alt, ob in den Augen anderer oder in den eigenen Augen. Für Teenager sind zum Beispiel auch schon Twens „alt“.
Ich fürchte mich, so zu werden, wie ich in früheren Jahren immer alte Menschen wahrgenommen habe. Die guten Ratschläge, die niemand brauchte und jedem auf die Nerven gingen. Diese aparte Kombination aus Demenz und Klugscheißerei. Aber alte Menschen merken nicht, dass sie altern. Zum einen verhindert der eigene geistige Verfall selbst das Erkennen eben dieses Verfalls. Zum anderen scheint es eine Art Schutzmechanismus zu geben, der die vollständige Wahrnehmung des eigenen Abstiegs verhindert. Ich habe alte Menschen in Pflegeheimen erlebt, die in den seltenen – ob durch Medikamente oder andere Ursachen ausgelösten – lichten Momenten der Klarheit in bittere Tränen über ihre ausweglose Lage ausbrachen. Stundenlang wechselten Weinkrämpfe und Wimmern einander ab; selbst Todeskandidaten in US-Gefängnissen können nicht verzweifelter sein. Nur der körperliche Verfall ist wahrnehmbar und wird daher auch zum großen Thema, zur Obsession des Alters.
Die Betäubung des Alters. Man verlernt Dinge, die man jahrzehntelang wusste. Du wirst Gegenstand des Mitleids, ratlose Gesichter junger Menschen nach wirren Monologen. Ich will nicht der alte Mensch sein, der in jedem Gespräch an der Supermarktkasse einen Beweis seiner schwindenden Kräfte findet. Natürlich werde ich es selbst irgendwann nicht mehr merken. Das Selbstbewusstsein hüllt dich in schützende Schleier, durch die du den eigenen Verfall nicht mehr wahrnimmst. Aber der Abstieg, der geistige Verfall ist real. Das Organ, mit dem du diesen Niedergang registrieren könntest, das Gehirn, verfällt jedoch mit jedem Tag. Und es gibt Tage, an denen selbst einfache Handgriffe plötzlich schwer werden. Die Begründungen für Mahlzeiten und Körperpflege werden immer durchsichtiger, Vernachlässigungen jeglicher Art bleiben ohne Gegenreaktion. Es ist alles egal, wenn du alt und allein bist. Wem hätte ich nach einem Tag im Sessel oder im Bett, den gelangweilten Blick aus dem Fenster gerichtet, Rechenschaft abzulegen? Wer legt Einspruch gegen dreimal Spaghetti Bolognese in Folge ein? Vor welchem Tribunal habe ich mein Kreuzworträtsel zu verteidigen? Es fehlt mir die Kontrollinstanz, die unbarmherzig die Unmöglichkeit meines Lebens erkennt und ein entsprechendes Urteil fällt. Und bevor ich aus diesem Haus getragen werde, gehe ich lieber selbst. Es wird mein eigener Wille sein, der dieses Leben hier beschließt. Der unbestechliche Blick auf die Armseligkeit der Verhältnisse, der mich nie verlassen hat. Ich bin jetzt siebzig Jahre alt. Vielleicht ist es an der Zeit, langsam den Abgang zu machen?
Ödland, Kapitel 6
Immer wieder wandern meine Gedanken zur Politik zurück. Der Zusammenbruch der Bundesrepublik wird anders sein als der Zusammenbruch der DDR. Der DDR wurden alle wichtigen Stützpfeiler weggetreten, als Michail Gorbatschow im „Ostblock“ die Macht übernahm: Ohne die ideologischen, militärischen und ökonomischen Korsettstangen der Sowjetunion, des Kommunismus und des Warschauer Pakts bedurfte es nicht viel, um den morschen Bau einzureißen. Und es hat nicht lange gedauert. Die Bundesrepublik wird wesentlich mehr Zeit für ihren Untergang benötigen. Sie verfault und verrottet langsam von innen, sie verfällt allmählich und zehrt dabei noch einige Jahrzehnte von ihren angehäuften Reichtümern. Der ungeheuren geistigen Verwahrlosung dieses Landes wird der physische Verfall folgen. Erst viel zu spät wird man von außen sehen, wie heruntergekommen und antriebslos die Bewohner dieses Baus sind, wie man auch von rissigen und abblätternden Häuserfassaden erst viel zu spät auf das wahre Ausmaß des Elends der dahinter lebenden Menschen schließen kann. Es wird „Was wurde eigentlich aus ...?“-Stories über Deutschland geben. Was wurde aus dem Land der aggressiven Lebenshetze und der lauwarmen Halbheiten? Aber wir können nicht anders, als an uns selbst zu glauben. Alles andere wäre der sofortige Untergang. Wir leben lieber in der Lüge als im Selbstzweifel. Also biegen wir uns die Tatsachen immer wieder so zurecht, dass wir vor uns selbst bestehen können. Auch wenn dieses Selbstbild, so muss man inzwischen feststellen, auf einer Traum- oder Märchenwelt errichtet wurde.
Heute muss ich diese Machtspiele nicht mehr spielen. Wenn man die Regeln kennt und zu oft gewonnen hat, wird man müde. Dein Rang und dein Gefolge, deine Durchsetzungskraft und manchmal auch deine Lautstärke prägen die Debatten, nicht Argumente. Fraktionen in Diskussionen bilden, um sie im Anschluss gegeneinander auszuspielen. Im Zweikampf zählt einzig der Blick: Wer beim gegenseitigen Fixieren zuerst den Blick senkt, hat verloren. Und in einem hierarchiegläubigen Staat wie Deutschland sinkt mit dem beruflichen Aufstieg die Notwendigkeit, mit Vernunft überzeugen zu müssen. Du kannst schweigen und lächeln. Wer viel reden muss, steht unten. Oben setzt man eine überhebliche Miene auf und entscheidet dann. Und ich muss auch keine Journalisten mehr treffen, diese gewissermaßen berufsmäßigen Vertreter der öffentlichen Neugier, diese fleischgewordene Ungeduld der Masse.
In Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ beschreibt der Protagonist ein Foto der Belegschaft, der er angehört: in der Mitte der Chef, Stärke und rotbäckige Zuversicht ausstrahlend, um ihn herum seine „Offiziere“, zum Rande hin ausufernd das weitere Personal und schließlich der Hilfsbuchhalter selbst mit schmalem, blassem und ausdruckslosem Gesicht. Wenn man so etwas wie Karriere macht, wandert man auf diesen Fotografien allmählich vom tristen Bildrand in die strahlende Mitte. Ich habe meine Zeit dort verbracht. Jetzt bin ich aus dem Bild verschwunden. Und es ist mir gleich, welche neuen Gesichter nun auf Wanderschaft sind.
Wenigstens ist meiner Generation der Blutzoll erspart geblieben, den noch in den beiden Weltkriegen jedes Dorf zu leisten hatte und das in eintönigen Kriegerdenkmälern überall dokumentiert ist. Eingraviert die Namen der jungen Menschen, die nicht mehr nach Hause gekommen sind. Ein Opferkult, über den die Nachfahren jener Inkas und Azteken schmunzeln dürften, deren blutrünstige Rituale die Europäer so gerne hochnäsig verachten. Vielleicht ist Phantasie die Rettung. Wenn wir unsere Phantasie nicht hätten, wären wir längst übereinander hergefallen. Wie oft haben wir in unserer Phantasie Menschen gequält und ermordet, die uns verhasst sind? Mal ganz ehrlich: In Gedanken haben wir schon Hunderte gemeuchelt, in der Ehe, am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr. Schon der Blick in eine gewöhnliche Tageszeitung kann den Hass in dir auflodern lassen. Diese Form virtueller Gewalt – der wir auch in Computerspielen huldigen – kennen wir alle. Und sie hat uns womöglich das Leben gerettet. Wir morden im Geist und leben in der Wirklichkeit doch recht friedlich miteinander. In der Phantasie leben wir die Möglichkeiten aus, ohne sie in der Realität überprüfen zu müssen. Schließlich wäre der erste tatsächliche Mord wahrscheinlich auch der letzte. In Gedanken können wir stets aufs Neue die Waffe heben und den Puls fliegen lassen.
Ödland, Kapitel 7
Die kalte graue Leinwand des Himmels, bevor sich der Tag mit der Nacht vermischt. Das Dorf schläft. Bald werden alle erwachen, um ihren belanglosen Beschäftigungen nachzugehen. Nur ich werde hier den ganzen Tag sitzen, allein mit meiner Freiheit, alles tun zu können, was ich tun will. Ich könnte zum Flughafen rausfahren und ein beliebiges Ziel aussuchen. Ich könnte so vieles, um das mich die anderen Dorfbewohner beneiden würden. Aber ich mache es nicht. Und manchmal beneide ich die Dorfbewohner sogar um die Eingeschränktheit ihres Lebens, um die Gedankenlosigkeit ihrer alltäglichen Geschäftigkeit. Sie wissen nicht, was alles möglich wäre – jenseits von Obi, Bausparvertrag und sonntäglichen Kaffeekränzchen mit anderen Zombies. Sie werden nicht gequält von dieser Sehnsucht, all dem hier zu entfliehen. Aber vielleicht will ich ja gar nicht fliehen, sonst hätte ich es ja längst getan. Ich bin für einen Augenblick fasziniert von der hiesigen Ereignislosigkeit, ich sauge die Ödnis dieses Landstrichs wie ein Gegengift zu all den früheren Zeiten in mich auf. Und diese Ruhe. „Das schönste an meinem Bau ist aber seine Stille“, wie es bei Kafka heißt.
Ich habe dieses Haus mit einer Unzahl von Gegenständen angefüllt. Jahrzehntelang habe ich unaufhörlich Dinge hinein getragen. Jetzt habe ich nicht nur den Eindruck, das Haus sei voll. Es ist mir auch, als müsse ich vieles wieder loswerden. Ich spüre denn Wunsch, mich auszuziehen. Mich freizumachen, wie es immer so treffend bei ärztlichen Untersuchungen heißt. „Machen Sie sich bitte frei!“ Eine Aufforderung, die jeden Tag tausendfach in dieser Republik erschallt. Wenn es nur alle verstünden und es einfach täten – nicht auszudenken, was dann passieren würde. Wie ist dein Verhältnis zur Zukunft: Hast du etwas vor oder befürchtest du etwas? Und ich will mich frei machen von vielen Dingen. Andererseits befürchte ich auch unsinnigerweise das Geflüster meiner Nachbarn, wenn ich all den überflüssigen Plunder abholen lasse. Misstrauisch werden sie mit ihren boshaften kleinen Augen hinter Gardinen hervorlugen und sich – später dann auch andere – fragen, ob ich jetzt völlig wahnsinnig sei und den Vorgang bestenfalls als öffentliche Zurschaustellung meines weit über den Dorfdurchschnitt reichenden, ungeteilten und nicht vererbbaren materiellen Überflusses interpretieren. Sie werden sich das Maul zerreißen über die indonesischen Bambustruhen und die afrikanischen Wandteppiche. Sie hätten monatelang zu tratschen über den seltsamen Kauz. Zugleich wären sie erleichtert, etwas mehr über ihren Nachbarn zu erfahren. Auf dem Land muss man alles über seine Nachbarn wissen. Das Leben dieser Menschen ist so langweilig und bedeutungslos, so gnadenlos banal, dass sie jeden noch so winzigen Informationspartikel aufsaugen wie der staubtrockene Boden einen Tropfen Regen. Und weil so wenig geschieht, wären sie insgeheim sogar dankbar für eine solche Abwechslung, die ihnen eine willkommene Gelegenheit böte, ganze Nachmittage mit Lästereien und Getratsche totzuschlagen, und so davor bewahrte, an ihrer eigenen Langweiligkeit und krampfhaften Neugier jämmerlich zu krepieren.
Langeweile ist die Unfähigkeit, mit sich selbst etwas anfangen zu können. Man hält es mit sich selbst nicht aus und schnappt begierig nach der kleinsten Veränderung. Langeweile lässt die Menschen in allem herumschnüffeln. Wie Trüffelschweine wittern sie Neues, wie Bluthunde jagen sie jedes noch so abwegige Gerücht. Und da in diesem Dorf voller gelangweilter Langweiler praktisch nichts geschieht, wird auch nichts vergessen. Hier kann man 1967 einen Auffahrunfall gehabt haben und bekommt die Details noch im 21. Jahrhundert unter die Nase gerieben. Aus einer Armut an Information, an Veränderung, an Dynamik wird eine geistige Armut. Wären diese Menschen mir sympathisch, hätte ich Mitleid mit ihnen. Sie sterben nur sehr langsam an diesem Mangel. Oder besser: sie verlöschen langsam. Tote Augen hinter Fensterscheiben, ohne Hoffnung lauern sie auf etwas Gewaltiges, dass auf dem Bürgersteig geschehen möge. Was für ein leeres und trauriges Leben. Eigentlich müsste man ihnen, wäre man Zyniker, einen Krieg wünschen.
Wenn ich an meine Nachbarn denke, bin ich gern allein in meinem Haus. Ich habe meine Ruhe. Das ist mir wichtig, das habe ich mir ein Leben lang gewünscht: endlich meine Ruhe zu haben. Wie oft bin ich gestört worden, wenn ich irgendetwas tat oder über etwas nachdachte. Ein Anruf, ein unerwarteter Besuch, ein Termin, zu dem ich fort musste. Mit der Zeit wurde ich aggressiv, wenn ich gestört wurde. Wenn jemand versuchte, mich in meinem Bau aufzustöbern. Wenn mein erstes Nein scheinbar überhört wurde. Wenn jemand glaubte, mir gerade in diesem Augenblick seinen Willen aufzwingen zu müssen. Aber ich habe gelernt, mein Nein zu wiederholen. Meine Ruhe zu schützen. Mich zu schützen vor den Störungen durch andere. Wenn ich meine Ruhe haben wollte, war ab einem gewissen Zeitpunkt – ich muss damals Anfang Dreißig gewesen sein – nichts mehr dagegen zu machen. Wer mich kannte, wusste das. Wenn ich nicht gestört werden will, werde ich nicht gestört. Ich will jetzt meine Ruhe haben! Begründung irrelevant. Ende der Durchsage, Ende der Diskussion. Wer es dann immer noch nicht kapiert hatte, konnte mich nur noch brüllen hören, während er das Weite suchte. Jetzt habe ich es geschafft. Es ist ruhig hier. Ich habe meine Ruhe.
Ödland, Kapitel 8
So wie Josef Knecht, der alte Glasperlenspielmeister aus Hesses Kastalien, habe ich am Ende das Bedürfnis, die mir vertraut und ein wenig langweilig gewordene unmittelbare Umgebung zu verlassen und in die Welt hinaus zu gehen. Also packe ich einen kleinen Koffer, fahre zum Flughafen und nehme das nächste Flugzeug nach Buenos Aires. Ich lasse das Haus zurück, meine Bilder, die Bücher, Möbel und Anzüge. Geschirr, Schuhe, Briefe, Teppiche. Rotwein, Sherry, irischen Whiskey. Glückliche und unglückliche Erinnerungen. Die in ihrer vernunftlosen Art weise Natur wird sich des Gartens annehmen. Nichts würde mich vermissen.
Der Himmel hat die Farbe ausgespuckter Austern. Kein Wetter für suizidgefährdete Hobby-Philosophen und Selbstmitleidsfanatiker. Auf der Autobahn Richtung Frankfurt ist wenig Verkehr. Ich höre laut Musik, „The Cure“ und „The Smiths“, und die anderen Autos gleiten langsam an mir vorüber, als wäre ich in einem Aquarium. Da ich nicht weiß, wann der nächste Flug nach Argentinien gehen wird, kann ich mir Zeit lassen. In Gedanken gehe ich noch einmal durch, was nötig ist und was ich mitgenommen habe. Eigentlich eine müßige Überlegung: So lange man einen gültigen Ausweis und einige belastbare Kreditkarten besitzt, können alle anderen Aspekte der Reisevorbereitung vernachlässigt werden. Ich habe ein paar Bücher eingepackt, nicht viel, aber eine erlesene Auswahl. Kafka, Musil, Dschuang Dsi – das ist großes Tennis. Überhaupt ist es mit der Literatur sowie der Kunst überhaupt wie im Sport, wie in der Leichtathletik, im Fußball oder eben im Tennis: Würde man Männer und Frauen gegeneinander antreten lassen und eine Top Ten bilden, wäre keine einzige Frau darunter. Selbst in den Top 50 wären es nur wenige Frauen und sie wären im hinteren Feld zu finden. So ist es auch mit der Büchern. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Stück exzellenter Literatur aus der Feder einer Frau gelesen. Es mag chauvinistisch klingen, aber es ist wahr. Man muss die Fähigkeiten eines Menschen jedoch immer in Beziehung zu seinen Freiheiten und Möglichkeiten setzen. Frauen hatten in der Vergangenheit nur in Ausnahmefällen die Freiheit, sich künstlerisch betätigen zu können. Der Befund, Frauen hätten bisher nur wenig zur Kunst- und Geistesgeschichte beigetragen, ist also kein Vorwurf an die Frauen, sondern eher eine Anklage an die Geschichte. Eigentlich an die Männer, die seit Anbeginn der in Form von Erzählungen und Aufzeichnungen erinnerten Zeit diese Geschichte machen – aber da denke ich dann wieder an mich selbst und verkneife mir, schmunzelnd vor Zufriedenheit, eine Fortführung des Gedankens. Und so, in Abschweifungen und Tagträumen gefangen, gelange ich endlich auf das Flughafengelände und suche ein Parkhaus.
Im Flughafengebäude umfängt mich sogleich das unerträgliche aufgeregte Geplärre der Welt. Tausend Stimmen in hundert Sprachen, dahinter der blecherne abgestorbene Singsang der Lautsprecherdurchsagen. Diese ersten Momente des Erschreckens und der Orientierungslosigkeit gehören zum schlimmsten, was der moderne Flugverkehr für uns bereithält. Eigentlich will man gleich wieder gehen. Aber nach einigen Momenten und unsicheren Schritten löst sich die Betäubung, meist allmählich, manchmal auch drastisch, etwa wenn man fast von einem albanischen Transitreisenden mit seinem Gepäckwagen voller DVD-Recorder über den Haufen gefahren wird. Ein kurzer Moment der Besinnungslosigkeit, ein mikroskopischer Filmriss, ein oder zwei Sekunden fehlen. „Ich denke, also bin ich hier falsch“. Mit dieser Sentenz von Harald Schmidt aus dem unerschöpflichen Zitatenkästlein zwischen meinen Ohren tröste ich mich für einen Augenblick. „Life sucks. Than you die“, wäre mit Beavis&Butt-head noch zu ergänzen.
Während ich meinen Weg fortsetze, denke ich unwillkürlich über das Thema „Krisen“ nach. Als ich mit Ende Zwanzig meine große Mid-Life-Crisis hatte, habe ich gedacht, das wäre das Ende, das tust du dir nicht länger an. Ich weiß nicht, ob ich damals zu faul, zu feige oder einfach zu besoffen war, um diesen letzten Schritt zu vollziehen. Aber nach einer Weile war die Krise einfach vorbei. Mir wurde klar, dass dies nicht die erste und die letzte Krise gewesen war. Am Anfang der Pubertät hatte es eine Krise, einen Zustand völliger Mutlosigkeit und düsterer Zukunftsvorstellungen gegeben, dann wieder nach Abschluss der Schule, als ich nicht wusste, was ich überhaupt machen wollte. Heute weiß ich, dass es viele Krisen gibt, jede hält man für die größte aller Krisen, aber sie sind alle gleich. Und: Wir lernen nichts aus ihnen. Manchmal wissen wir gar nicht, wie eine Krise überhaupt beendet wurde. Es muss nicht immer eine Veränderung wie Berufs-, Orts- oder Partnerwechsel sein, in einigen Fällen gleitet man einfach in einen neuen Zustand rotzhochziehender Trotzigkeit, der alsbald von einer Phase des ersten scheuen Mutschöpfens abgelöst wird, durchsetzt von bitteren Rückfällen voller Selbstmitleid. Ein halbes Dutzend dieser Erfahrungen liegen hinter mir.
Der nächste Flug nach Buenos Aires, eine Stadt, die ich nie zuvor besucht habe, soll in zwei Stunden gehen. Ich reihe mich in die Schlange am Air France-Schalter ein und bezahle mit meiner Karte einen einfachen Flug. Vorläufig wollte ich mir die Freiheit erhalten, von dort aus neue Ziele anzusteuern oder die Dauer meines Aufenthalts beliebig verlängern zu können. Es war komisch, meinen Namen auf den Reisedokumenten zu sehen: Jupiter Nostromo. Tatsächlich, dass bin ich. Komisch, das man sich selbst so selten mit Namen anspricht. Wenn man alleine lebt, braucht man keinen Namen. In Geschäften oder an Tankstellen wird man nicht mit Namen angesprochen. Einen Namen braucht man nur, wenn man regelmäßig mit den gleichen Menschen Kontakt hat. Ansonsten ist ein Name nichts wert, er ist nur ein Symbol, eine alltägliche sprachliche Routine, hinter der sich eine Person in ihrer ganzen Vielfalt verbirgt. Der Name vereinfacht, er macht zugleich das Reden einfacher und ist dennoch eine verhängnisvolle Simplifizierung. Er ist eine oberflächliche Beschriftung, genauso armselig wie die Berufsbezeichnungen, die wir uns auf die Stirn pappen und mit denen wir mit falschem Stolz umherspazieren. Der Name ist nicht wichtig, denn er sagt über mich nichts aus. Gar nichts.
Ich setze mich mit einer Zeitung und einem Kaffee in die Wartehalle. Sobald man einen festen Platz hat, und in Flughäfen genügt hierzu schon eine zehnminütige Bewegungslosigkeit, fühlt man sich gleich wohler. Zerstreut durch die vielen Belanglosigkeiten aus aller Welt und Myriaden von Zahlen der Sport- und Finanzseiten besteige ich mit einem angenehmen Gefühl völliger Gelassenheit das Flugzeug. Vom Fenster aus kann ich den Mond sehen. Irgendwo dort muß das Meer der Ruhe sein. Ich bestelle mir einen Wodka. Unwillkürlich denke ich an Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“, vordergründig so finster und dahinter voller Heiterkeit. Was in diesem Buch nicht alles gesoffen wird! Der helle Wahnsinn. Dagegen erscheint mir meine Bukowski-Lektüre im zarten Alter von vierzehn Jahren wie die Vorbemerkung einer Einleitung zum Kausalnexus von Alkohol und Literatur. Ob ich in Buenos Aires eine deutsche Ausgabe bekomme? Ich muss es unbedingt noch einmal lesen. „Und, Jupitschka“, werdet ihr jetzt alle fragen, „was hast du noch getrunken?“ Nun, ich trinke noch etwas von dem Roten, den Kopf nach hinten geworfen wie ein Pianist. Und läge mein Köfferchen nicht in einem Gepäckraum unter mir, würde ich es jetzt ganz fest an mich drücken.
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