Dienstag, 3. Mai 2016

Darkland

„Die Herrschaft des Niemand, die eigentliche Staatsform der Bürokratie.“ (Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem)
Es war ihr nicht leicht gefallen, aber letztlich blieb ihr nichts anderes übrig. Wenn sie die Miete bezahlt hatte, blieben ihr gerade noch zweihundert Euro. Davon kann man nicht einen Monat lang leben. Vielleicht wenn man sich von Leitungswasser, Toastbrot und Margarine ernährte. Aber von dem Geld musste sie auch noch Klamotten, Hygieneartikel, Handy, Internet und Fernsehen bezahlen. Und sie durfte gar nicht darüber nachdenken, wie sie sich eine neue Waschmaschine oder einen neuen Computer leisten sollte.
Und jetzt stand sie in der Behörde und schaute sich die Hinweistafel an. „Landesamt für soziale Gerechtigkeit“, kurz LaSoGe genannt. Als sie vor vierzig Jahren nach Berlin gekommen war, war in diesem Gebäude noch das LaGeSo untergebracht gewesen. Jetzt kümmerte man sich hier nicht mehr um Migranten, sondern um die Sozialfälle der Stadt. Schlimm genug, dass sie als Rentnerin ein Sozialfall geworden war. Sie hatte immer gearbeitet, aber von sechzehnhundert Euro netto blieben ihr eben nur siebenhundert Euro, 43 Prozent dank der SPD-Rentenreform. Dafür hatte sie bis zu ihrem siebzigsten Geburtstag im Büro einer Spedition gearbeitet.
„Gewährleistung des Existenzminimums – Antragsstelle“ las sie auf der Hinweistafel. „Untergeschoss 3, Zimmer 1041“. Aber sie hatte es falsch gelesen, es hieß 104 I. Und als sie um dritten Untergeschoss aus dem Fahrstuhl trat und nach Zimmer 1041 suchte, fand sie es natürlich nicht. Sie ging die Flure auf und ab. Kein Mensch war zu sehen. Über ihr das kalte weiße Licht der Neonröhren im Keller der Behörde.
Dann kam sie am Ende eines Ganges an eine Tür, die keine Nummer trug. Vielleicht ging es hier zu den Büros mit den höheren Nummern? Vorsichtig öffnete vorsichtig sie die graue Tür. Sie blickte in tiefe Finsternis. Nur einige Stufen wurden vom Gang aus beleuchtet.
Sie stieg die Treppe hinab. Komisch, dachte sie. Es geht also noch weiter nach unten. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss, aber am Fuß der Treppe konnte sie ein schwaches Licht sehen. Sie ging auf das Licht zu und stand einige Augenblicke später auf einem Gang, der aus Backsteinen gemauert war. Das Licht war mild und warm, ganz anders als in der Behörde. Sie folgte dem Gang und kam bald darauf in ein Gewölbe. Ein großer Raum mit einer bogenförmigen Decke, an dessen Wänden Metallregale mit großen Pappkartons standen. „Formular XP-14“, Formular XP-15“, „Formular XP-16“. Gegenüber war ein weiterer Gang.
Und dann sah sie die Augen. Kauerte dort ein Wesen? Gab es hier unten Tiere? Die Augen verschwanden und sie hörte Geräusche, die sich rasch entfernten.
Neugierig folgte sie dem Wesen in den Gang und sah gerade noch, wie es um eine Ecke verschwand. Sie lief schneller und folgte den Windungen des Gangs. Wer mochte hier unten hausen?
Und dann stand plötzlich der Mann vor ihr.
Sie schrie vor Schreck.
Ein großer schwarzer Mann in einem weiten Umhang. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie dort gestanden hatte.
Aber dann lächelte der Mann und seine weißen Zähne leuchteten im Dämmerlicht.
„Keine Angst“, sagte er.
„Wer … wer sind Sie?“ fragte sie verwirrt. „Arbeiten Sie für die Behörde?“
„Nein“, antwortete der Mann. „Ich heiße Jonathan. Arbeiten Sie für die Behörde?“ Sein Lächeln war verschwunden.
„Nein, ich wollte einen Antrag stellen.“
Er lachte erleichtert auf. „Das wollten wir alle mal. Kommen Sie bitte mit.“
Und sie folgte ihm durch ein Labyrinth von Gängen bis zu einer geräumigen Höhle. Hier waren viele Menschen versammelt. Ein kleines Mädchen drückte sich an seine Mutter und sah sie mit großen Augen an. Sie kannte diese Augen. Das Kind hatte sie also zuerst entdeckt und sie war der Kleinen gefolgt.
„Was machen Sie denn alle hier?“ fragte sie verblüfft.
Jonathan bat ihr ein Sitzkissen und einen Becher Wasser an. Dann begann er zu erzählen.
„Wir wohnen schon seit vielen vielen Jahren hier unten. Wir kamen nach Deutschland, um Asyl zu beantragen. Unsere Anträge wurden abgelehnt. Dann haben wir diese Welt unter dem LaGeSo entdeckt und sind hier eingezogen. Manche von unseren Kindern sind in Darkland geboren. Eine Frau ist hier sogar Großmutter geworden.“
„Darkland?“
„So nennen wir unsere Welt.“
„Und wie ernähren Sie sich?“
„Nachts kommen wir heraus und holen uns aus den Mülltonnen hinter den Supermärkten und Restaurants unser Essen. Wir haben einen Dietrich, um die Türen der Behörde zu öffnen. Unser Wasser und den Strom holen wir uns aus angezapften Leitungen. Müll und Exkremente werden durch einen Gang zur Kanalisation entsorgt, den wir gegraben haben.“
„Es ist ein Wunder, dass man Sie so lange nicht entdeckt hat.“
„Ja, und so soll es auch bleiben. Deswegen dürfen wir Sie auch nicht mehr weglassen.“
„Warum?“
„Weil wir Angst haben, von Ihnen verraten zu werden. Wir wollen alle hier bleiben. Und ein paar von uns gelingt es jedes Jahr, dort oben eine eigene Existenz aufzubauen.“
Und so blieb die Frau als Mitglied der Gemeinschaft bis zu ihrem Tod in Darkland. Sie unterrichtete die Kinder und brachte ihnen Lesen und Schreiben bei. Sie erzählte ihnen von der Welt dort draußen und bereitete sie auf ein Leben in der großen Stadt vor.
Niemand hat jemals nach ihr gesucht.
Blancmange – Blind Vision. https://www.youtube.com/watch?v=UPcHYwdSKpQ

Montag, 2. Mai 2016

Clayton

„Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!“ (Franz Kafka: Der Verschollene)
„Können sie mich hören?“
Er blickte in hellblaue Augen.
„Wo bin ich?“ Seine Stimme ein Flüstern.
„Bei uns. In Sicherheit.“
Er wollte seinen linken Arm heben, aber sein ganzer Körper schien weit von ihm entfernt. Er konnte ihn weder spüren noch sehen.
***
Der Mann trug eine Uniform, die er noch nie gesehen hatte. Ein weißer Overall, der vom Kragen bis zum Bauchnabel mit silbernen Knöpfen besetzt war. Er hatte einige kleine Taschen mit funkelnden Reißverschlüssen. In seiner Hand hielt er ein merkwürdiges Instrument, das gebogen war wie ein Hirschgeweih.
„Ihre Heilung schreitet voran“, sagte der Mann zu ihm. „Sie werden wieder laufen können, aber es braucht noch etwas Zeit.“
„Was ist passiert?“ Seine Stimme hörte sich inzwischen anders an.
„Sie hatten einen Autounfall. Die ersten Tage haben Sie im Koma gelegen.“
***
Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer. Sein Gesicht kam ihm merkwürdig fremd vor. Es sah jünger aus. Glatt. Als hätte es den Schmerz des Unfalls vergessen.
Als er zum ersten Mal in die Kantine des Krankenhauses ging, war sein Gang leicht und federnd. Wann war er zuletzt auf diese Weise eine Treppe hinuntergegangen? Er lief wie ein Kind. So als würde es keinen Boden geben, kein Gewicht.
***
„Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Das wundert mich nicht. Ich hatte einen Unfall auf dem Highway. Die letzten Wochen habe ich im Krankenhaus gelegen. Eigentlich kenne ich die Gegend gar nicht.“
Der Mann neben ihm am Tresen lachte. „Mein Name ist Bill.“
„Ich bin Thomas.“
Der Barkeeper stellte die nächste Runde Bier auf den Tresen.
****
Jim hatte eine Farm und brauchte noch einen Mann, der ihm bei der Arbeit half.
Thomas hatte nichts und nahm den Job an.
Das war in Clayton, Oklahoma.
***
Bills Frau Mary lächelte und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. „Willkommen auf der Jackdaw-Farm.“
Thomas schüttelte ihr die Hand.
Er bekam das Zimmer über der Garage. Ein Bett, ein Schrank, ein Stuhl und ein Tisch.
Er arbeitete mit den Jackdaws, er aß abends mit den Jackdaws.
Manchmal fuhr er mit dem Pick-up nach Clayton und trank ein paar Bier. Manchmal saß er abends an seinem Tisch und schrieb Geschichten.
Und eines Tages zeigt er eine seiner kleinen Geschichten Mary und Bill.
***
Mary und Bill gefiel die Geschichte und sie schickten sie an den Bruder von Mary, der beim Oklahoma City Chronicle arbeitete.
Und so begann Thomas, Kurzgeschichten für die Wochenendausgabe der Zeitung zu schreiben. Viele Monate lang.
Bis ein Verlag auf ihn aufmerksam wurde.
Thomas war sehr aufgeregt, als er zum ersten Mal in die große Stadt fuhr.
***
„Ich habe mich zuerst in deine Geschichten verliebt.“
Er konnte es gar nicht glauben. Das war ein Satz aus dem Kino. Sagen Menschen solche Sätze? Es war höchst unwahrscheinlich.
Sie lagen auf einer Wiese im Clayton Lake State Park, nur fünf Meilen von Clayton entfernt. Vor sich das tausendfache Glitzern des Wassers, im Hintergrund die Kiamichi Mountains im Dunst des Sommernachmittags.
Lara war seine Lektorin. Malachitgrüne Augen, blonder Pagenkopf.
Im Herbst sollte ein Buch mit seinen Kurzgeschichten erscheinen.
Sein erstes eigenes Buch. Davon hatte er immer geträumt.
***
Thomas war auf dem Weg zum Fernsehstudio in Oklahoma City. Sein Buch war ein Erfolg. Es verkaufte sich in ganz Amerika. Die perfekte Story. Der Junge von der Farm, der große Literatur schreibt. Woher hatte er all die Geschichten? Er schöpfte aus dem Vollen. Das Leben vor seinem Unfall schien ein unerschöpflicher Schatz zu sein.
„Herzlich willkommen! Wir freuen uns auf Ihren Besuch.“
Der Mann schüttelte seine Hand und lächelte ihn professionell an. Dann sanken seine Mundwinkel und er bekam einen erstaunten Gesichtsausdruck.
„Das gibt’s doch nicht. Du? Kannst du dich noch an mich erinnern?“
Thomas erkannte ihn im selben Augenblick. „Larry. Wie lange ist das her?“
Sie waren zusammen zur Schule gegangen.
Aber Larry war schon lange tot.
Das Interview lief sehr gut.
Die Verkaufszahlen schossen durch die Decke.
***
Es dauerte einige Tage, bis sich seine Euphorie gelegt hatte.
Dann wusste er, was er zu tun hatte.
Er nahm den Pick-up und fuhr von der Farm nach Clayton.
Der Friedhof liegt gleich hinter der Kirche und ist nicht sehr groß.
Clayton ist ein winziges Dorf in Oklahoma.
Es begann zu regnen. Graue Fäden zwischen Himmel und Erde.
Er suchte eine Weile und dann fand er ihn.
Den Grabstein.
Seinen Namen.
P.S.: Karl Rossmann findet am Ende von Kafkas Amerikaroman Aufnahme im Theater von Oklahoma. Das ist sein Paradies, hier endet sein Abstieg durch die neun Kreise der Hölle. An diesem winzigen Punkt in Zeit und Raum findet Rossmann seine Erlösung von Verdammung und Schuld. Den Ort Clayton gibt es wirklich – auch in Oklahoma. Er hat etwa so viele Einwohner wie Schweppenhausen. Im Roman ist der Rennplatz in Clayton jedoch an der Ostküste. Zwei Tage und zwei Nächte fährt Rossmann mit dem Zug nach Westen. Vor seiner Ankunft am dritten Tag endet das Manuskript.
Depeche Mode – Behind the Wheel. https://www.youtube.com/watch?v=04ZIj4r6jx8

Sonntag, 1. Mai 2016

Nietzsche

Nietzsche? Da fällt so manchem halb- oder viertelgebildeten Flintenweib sofort der Spruch ein: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ Der Typ war doch ein Frauenhasser. Haken dran. Muss man nicht lesen. Aber Nietzsche meinte etwas anderes in „Also sprach Zarathustra“: Man solle als Mann die Peitsche gegen sich selbst schwingen, um den weiblichen Reizen nicht zu erliegen und einen klaren Kopf zu bewahren. Im Grunde genommen war es ein Kompliment. Ein weniger bekanntes Zitat des Mannes, dessen Vater früh verstarb und der allein unter Frauen aufwuchs: „Die Natur der Dinge ist so eingerichtet, dass die Frauen immer Recht behalten.“ Gewalt gegen Frauen? Nietzsche?
Wer hat überhaupt die Peitsche in der Hand? Man solle sie nicht vergessen, sich also an ihre Existenz erinnern. Womöglich hält die Frau die Peitsche? Man denke an die Geschichte vom weisen Aristoteles, Lehrer Alexanders des Großen, der sich von der schönen Phyllis so betören ließ, dass sie dem alten Mann einen Sattel auflegen und auf seinem Rücken durch den königlichen Garten reiten konnte, während sie ihn mit einem Rosenzweig peitschte …
Gewalt war Nietzsche überhaupt fern. Und dass Hitler ihn ebenso verehrte wie Wagner – dafür konnte er nichts. Er war längst wahnsinnig geworden und gestorben, als der Schwachkopf aus Braunau Weltgeschichte machen wollte. Übrigens ereilte ihn 1889 - also im Geburtsjahr Hitlers - der Irrsinn, als er ein geprügeltes Pferd in Turin vor einem brutalen Kutscher retten wollte, ihm die Peitsche entriss und der gequälten Kreatur um den Hals fiel. Nietzsche? Nietzsche!
Hier die schönsten Zitate, extrahiert aus dem Bändchen „Nietzsche für Boshafte“, den ein Freund von mir 2007 herausgegeben hat:
„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen.“
„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern.“
„Dem Staat ist es nie an der Wahrheit gelegen, sondern immer nur an der ihm nützlichen Wahrheit, noch genauer gesagt, überhaupt an allem ihm Nützlichen, sei dies nun Wahrheit, Halbwahrheit oder Irrthum.“
„Ich halte es nicht in Deutschland aus, der Geist der Kleinheit und der Knechtschaft durchdringt alles, bis in die kleinsten Stadt- und Dorfblätter herab und ebenso hinauf bis zum achtenswerthesten Künstler und Gelehrten – nebst einer gedankenarmen Unverschämtheit gegen alle selbständigen Menschen und Völker.“
„Wir wissen es, die Welt, in der wir leben, ist unmoralisch, ungöttlich, unmenschlich – wir haben sie allzulange im Sinne unserer Verehrung interpretirt.“
„Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du suchst Anhänger? Suche Nullen!“
„Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.“
„Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen.“
„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thätigen, das heisst die Ruhelosen, mehr gegolten.“
„Es ist eine indianerhafte, dem Indianer-Bluthe eigenthümliche Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten: und ihre athemlose Hast der Arbeit – das eigentliche Laster der neuen Welt – beginnt bereits durch Ansteckung das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit darüber zu breiten.“
„Das fleissigste aller Zeitalter – unser Zeitalter – weiss aus seinem vielen Fleisse und Gelde Nichts zu machen, als immer wieder mehr Geld und immer wieder mehr Fleiss: es gehört eben mehr Genie dazu auszugeben, als zu erwerben!“
„Wenn Glück das Ziel wäre, so stünden die Thiere am höchsten.“
„Wir sind im Gefängnis, frei können wir uns nur träumen, nicht machen.“
„Ich fürchte, die Thiere betrachten den Menschen als ein Wesen Ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Thierverstand verloren hat.“
„Nur bei drei Existenzformen bleibt der Mensch Individuum: als Philosoph, Heiliger und Künstler.“
„Die Menschen drängen sich zum Licht, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen.“
„Es ist zu bezweifeln, ob ein Vielgereister irgendwo in der Welt häßlichere Gegenden gefunden hat als im menschlichen Gesichte.“
„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“
„Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblingsrache der Geistig-Beschränkten an Denen, die es weniger sind (…).“
„Nur bis zu einem gewissen Grade macht der Besitz den Menschen unabhängiger, freier; eine Stufe weiter – und der Besitz wird zum Herrn, der Besitzer zum Sclaven; als welcher ihm seine Zeit, sein Nachdenken zum Opfer bringen muss (…).“
„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte‘: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben.“
Die Skeptiker - Deutschland, halt's Maul! https://www.youtube.com/watch?v=kY4BDLFEMso
Und weil mir der Tod von Prince, den ich zweimal live gesehen habe, zu leicht über die mediale Bühne gegangen ist, bitte ich Sie, das folgende Video in voller Lautstärke zu genießen:
PURPLE RAIN EPIC LIVE FINALE WITH INSANE GUITAR SOLO - Prince and the Revolution 1985. https://www.youtube.com/watch?v=8vCS_iKITCY

Samstag, 30. April 2016

Blogstuff 39 – Parlando Mortale

„Selbst unser Protest dient den Herrschenden, denn sie beweisen aller Welt ihre Toleranz, indem sie ihn zulassen.“ (Lupo Laminetti)
Der Zug fährt ein, ich lese das Schild auf dem Bahnsteig: Göttinnen. Wo bin ich denn hier gelandet? Und wo sind sie? Aber dann schaue ich noch einmal hin: Göttingen. Und der Zauber verfliegt.
Er hatte eine flache, fleischige Nase mit riesigen Löchern, in die man hineinschauen konnte. Löcher wie ein Billardtisch. Firma Schorf & Grind, Vulkanisieranstalt und Sockenverleih seit 1875, N 65, Berlin. Wo sonst? Natürlich alles nur Fassade. Seine Fingernägel bogen und wellten sich wie Kartoffelchips. Er drehte den Schmuck vor seinen wässrigen, blutunterlaufenen Augen. Ein halbes Hähnchen ist kein Fasan, pflegte er zu sagen. Immer der gleiche Spruch. Aber er kaufte uns die Sore doch jedes Mal ab. Ich erinnerte mich an meine Zeit in New York. Ein braunes Backsteingebäude. Cross Bronx Auto Parts. Webster Avenue Ecke Claremont Parkway. Ich nannte mich damals Max Mustermann und hielt das für eine gute Idee … (Fragment)
Ich habe mich in diesem Blog schon zu vielen Themen geäußert. Aber ich habe noch nie über das Emsland geschrieben. Jetzt werden natürlich viele Leser fragen: Kiezschreiber, warum bewegt das Emsland dein großes Dichterherz nicht, wieso inspiriert dich die Gegend von Meppen nicht zu einer Erzählung oder wenigstens zu einem Gedicht? Ich will es Euch ganz offen sagen: Zum Emsland fällt mir nichts ein.
Ritual der Neunziger: der Gute-Nacht-Döner am Schlesi.
Wenn sie die Akribie, mit der sich viele ihrer Gesundheit, ihrer Ernährung und ihrer Fitness widmen, auch auf ihren Geist anwenden würden, statt sich den Kopf mit albernen Belanglosigkeiten, mit billigen Fernsehprogrammen, schlechten Büchern und oberflächlichem Popgeklimper vollzustopfen.
Ernüchterung nach einem Besuch im Job-Center: Es wird kein Polarforscher gesucht.
Sind es fremde Ketten, die ihn zu Boden ziehen, oder ist es die eigene Rüstung?
Die einen werden in einen Park gepflanzt, die anderen wachsen als Unkraut zwischen den Gehwegplatten hervor.
Es sind ja nicht nur Millionen Leben in den Weltkriegen vernichtet worden, sondern auch Milliarden Jahre, die nicht mehr gelebt werden konnten. Kinder, die nie geboren wurden, Bücher, die nie geschrieben wurden, Bilder die nie gemalt wurden, Lieder, die nie geschrieben wurden.
In der geschlossenen Welt des paternalistischen Staates gibt es für jede Handlung eine Norm, einen Paragraphen, eine Verordnung, eine zuständige Behörde und sogenannte Fachleute. Kann man in dieser Welt wirklich etwas Neues machen?
Die Gegner des Schreibens: lästig und lächerlich zugleich, zahlreich und sich unaufhörlich erneuernd wie Stechmücken.
FDP vor dem Comeback – der neue Slogan: Mehr Bretto vom Nutto.
Werbung: „Risco Tanner – Im Garten der Qualen.“ Unbeschreiblicher Schrecken – in allen Details! Diesmal wird es echt gefährlich! Ab Montag an Ihrem Kiosk!
Immobilienspecial: Partykeller – Hobbykeller – Folterkeller. Die neuen Trends für diesen Sommer.
Johannes der Blinde, König von Böhmen, ritt 1346 in der Schlacht von Crécy schutzlos mitten ins Kampfgetümmel und fand den Tod. Ist ein Blinder, der dennoch in die Schlacht zieht, ein Beispiel für Selbstvertrauen oder Opferbereitschaft, für Mut oder Wahnsinn? Und seit wann reiten Blinde?
Das Skrotum vergrößert sich im Alter, während der Penis in den Körper zurückwandert. Was hat sich die Natur dabei gedacht? Möchte sie uns damit etwas sagen?
Hätten Sie’s gewusst? Ein Aspirant ist ein Anwärter auf den Beamtenstatus, Aspiration das Einatmen von Erbrochenem.
Dürfen wir Sie demnächst in der altdeutschen Weinstube „Zum leiblichen Wohl“ in Bad Nauheim begrüßen? Jeden Mittwoch frische Schweineleber!
Hiermit reserviere ich den Begriff „Intensivtranse“ für zukünftige Erzählungen.
Unter den Flüchtlingen sind nicht nur Terroristen, sondern auch V-Leute vom BND, MAD und dem Verfassungsschutz, von der CIA, dem Mossad usw.
„Join us to see the invisible and do the impossible.” (Werbespruch auf der Internetseite des Mossad)
Hätten Sie’s gewusst? 2009 wurde Andy Bonetti zum hessischen Staatsschriftsteller ernannt. Außerdem war er der erste Autor im Weltraum.
The Adicts - You'll never walk alone. https://www.youtube.com/watch?v=lIYrffNGp90&nohtml5=False

Freitag, 29. April 2016

Rhoihesse

Also mir san ja Rhoihesse. Des is uff die ling-ge Seit vum Rhoi. Mir habbe frieher zu Hesse gehöäd unn babbele aach genauso awwer mir sin hald koi Hesse. Rhoihesse geheert zu „Rheinland-Pfalz“, des is e Bundesland wo sisch die Amerikaner nochem Kriesch ausgedachd hunn. Mir sinn jo koi Rheinländer, des sin die Leud, die wo de Rhoi nunner leewe, in Köln un so weidä. Mir sin die Rhoihesse unn uff de anner Seit hogge die Hesse. Uns nenne se immä die „ebsch Seit“ unn mache ihr Witzjer iwwer uns. Aber mir sin ned sou. Mir rede ned schlescht iwwer annere Leit … babbische Dreckshesse … denke immä, sie wärn was Besseres. Isch saans nur ... hinnäfotzische Nuttepreller. Mit dem Woi, den wo se do driwwe hun, dede mir uns noch ned emol die Fieß wasche. Awwä alleweil s Schlappmaul uffgerisse, die dabbische Babbler … isch saans nur!
Joachim Witt - Die Flut. https://www.youtube.com/watch?v=lUUdni8fTxw

Neues aus Packstadt

„SPD: Sozialabbau und Altersarmut an einer Essenz aus Dilettantismus und Lahmarschigkeit.“ (Lupo Laminetti)
Um die Politik der SPD zu verstehen, muss man den euklidischen Raum unserer alltäglichen Anschauung verlassen und sich beispielsweise mit dem Begriff der riemannschen Mannigfaltigkeit befassen. So kann die kürzeste Strecke zwischen zwei unterschiedlichen Punkten nicht die Gerade, sondern eine gekrümmte Kurve sein. Nehmen wir die Rentenpolitik: Da wird das Rentenniveau auf 43 Prozent des Nettoeinkommens abgesenkt und die Versicherungswirtschaft mit der Riester-Rente auf neue Höhen geführt (das sogenannte Maschmeyer-Axiom), um dann in Tippelschritten (Mütterrente, Lebensleistungsrente usw.) für Kleinstgruppen, die mit einer aufwändigen Bürokratie erst ermittelt werden müssen, wieder um geringe Beträge angehoben zu werden, derweil aber der siebzigste Geburtstag als Zeitpunkt für den Renteneintritt diskutiert wird.
Ähnlich wie Neil Armstrong ist Norbert Blüm mit nur einem Satz in die Geschichte eingegangen: „Die Rente ist sicher“. Die SPD hat sich beim Aufbau eines ganzen Kartenhauses aus leeren Versprechungen, gesellschaftsfeindlichen Gesetzen und Mauscheleien mit der Wirtschaft um Kopf und Kragen geredet. Wer dem großen Parteivorsitzenden nicht in den n-dimensionalen Raum der Sozialdemokratie folgen möchte, wird von „Porky“ Gabriel inzwischen einfach als „Pack“ bezeichnet. Dabei wäre die Lösung so einfach: sozialdemokratische Politik. Unter Willy Brandt lag der Spitzensteuersatz für die Beschäftigten bei 56 Prozent und die Unternehmen haben ihre Steuern nicht in Panama oder Luxemburg bezahlt, sondern an ihrem tatsächlichen Unternehmenssitz. Niemand hatte Angst vor Altersarmut, denn es gab Tariflöhne und keinen Niedriglohnsektor. Aber in der SPD ist Euklid leider nicht bekannt.
Was kommt nach dem Verfall der Volksparteien? Die Politik wird wie die Formel 1: Niemand versteht mehr die Technik, die in den Fahrzeugen steckt, und ein Haufen austauschbarer Deppen jagt sich gegenseitig mit rasender Geschwindigkeit auf einer medialen Kreisbahn.
P.S.: Als Gabriels Meisterstück geht sicherlich TTIP in die Geschichte ein. Wir sollen einen Vertrag unterschreiben, den wir aber auf keinen Fall vorher durchlesen sollen. Hatte der Mann keine Mutter, die ihm erklärt hat, dass man solche Verträge niemals unterschreiben darf?
Porky's Pledge of Allegiance. https://www.youtube.com/watch?v=33-5MbIE7eQ

Donnerstag, 28. April 2016

Nimm das Geld und verschwinde

„Bring me my gun of itching desire / Bring me my bullets and I will fire“ (Depeche Mode: Told You So)
Man sollte über Tote nichts Schlechtes sagen. Man sollte die Toten auch nicht bestehlen. Und wenn man sie bestiehlt, während sie gerade beerdigt werden, ist das persönliche Karmakonto schnell in den Miesen, aber dieses Risiko musste Norma Winckler eingehen. Der Termin der Beerdigung stand in der Zeitung. Zu diesem Zeitpunkt würde also garantiert niemand im Haus des Verstorbenen sein und zum anschließenden Leichenschmaus wurde ins Café Bloch geladen.
Bequemlichkeit, Eitelkeit und Leichtsinn der Kundschaft gehören zur Grundausstattung eines erfolgreichen Einbrechers. Die Vordertür war aus massiver Eiche und wies zwei Sicherheitsschlösser auf. Die Fenster waren vergittert. Norma ging zur Rückseite des Hauses. Ein Wintergarten. Unvergittert – alles andere wäre unästhetisch gewesen. Und von Ästhetik hatte der Tote etwas verstanden. Der frühere Bankier galt als versierter Kunstsammler und Mäzen.
Sie holte den Glasschneider aus der Jackentasche und arbeitete sich durch zwei große Scheiben ins Innere des Hauses. Sie stand im Schlafzimmer des alten Mannes, der in der vergangenen Woche gestorben war. Es roch nach Desinfektionsmitteln, Hautcreme und aufgegebenen Träumen. Durch den angrenzenden Flur kam sie ins Wohnzimmer. Voila. Ein Matisse und ein Van Gogh, dazu eine filigrane Statuette von Giacometti.
Sie trug alles in den Lieferwagen, den sie vor dem Haus geparkt hatte. Im Haus gegenüber war die ganze Familie ausgeflogen. Doppelverdiener mit schulpflichtigen Kindern. Die Nachbarhäuser lagen verborgen hinter hohen Hecken und alten Bäumen. Ein ruhiges Wohnviertel, keine Durchgangsstraße. Kunstsammler verstecken ihre schönsten Stücke nicht in einem Safe. Nur hässliche Dinge wie Bargeld oder Wertpapiere verbannt man in ein finsteres Verließ.
Beim Gang durch das Wohnzimmer, den Salon und das Arbeitszimmer des Verstorbenen war ihr ein Sparschwein aufgefallen, das auf dem Schreibtisch stand. Eine Spielerei? Ein Erinnerungsstück? Sie drehte es um und öffnete den Verschluss am Boden. Es waren etwa hundert Krügerrandmünzen, die ihr entgegenklimperten. Etwa hunderttausend Euro in Gold. Hatte der Bankier das Porzellanschwein etwa für ein raffiniertes Versteck gehalten oder war er im Alter einfach leichtsinnig geworden?
Benedikt Lautenschläger hatte seinen Traum wahrgemacht. Er war Privatdetektiv geworden. Hatte ein schäbiges Büro gemietet und eine Fünf-Watt-Birne in die Fassung geschraubt, die von der Decke baumelte. Hörte die ganze Zeit melancholische Saxaphonsoli. Trug auch im Hochsommer einen zerknitterten Trenchcoat und einen lächerlichen Hut. War chronisch pleite, weil natürlich keine einzige atemberaubende Blondine jemals sein Büro betreten hatte, die in Lebensgefahr war und ihn um Hilfe bitten musste. Der Auftrag des Hehlers kam zum richtigen Zeitpunkt. Und der war bei Lautenschlägers finanziellen Lage jeden Tag.
Er folgte Normas Lieferwagen so auffällig, dass sie es merken musste. Und sie merkte es ziemlich bald. Wer fuhr in Magdeburg schon einen schwarzen Chevrolet? In aller Seelenruhe lenkte sie den Wagen in ein Parkhaus und fuhr hinauf in den letzten Stock. Dann stieg sie aus.
Lautenschläger stieg auch aus. Er war klein und mager, blass und kahl. Aber er hatte eine Pistole in seiner Hand.
„Sie sind Norma.“
„Wer will das wissen?“
Der Privatdetektiv grinste. „Wie die Supermarktkette?“
„Den Spruch höre ich heute zum ersten Mal, Süßer.“
„Kleine Planänderung. Ich übernehme die Bilder.“
Alles klar, dachte Norma. Ihr Tippgeber und Auftraggeber hatte sie verarscht. Ockhams Rasiermesser: Die einfachste Erklärung ist die richtige. Wenn sie überhaupt Geld sehen würde, dann höchstens einen Bruchteil der vereinbarten Summe.
Sie trug die Bilder zum Kofferraum des Chevrolet. Eins nach dem anderen. Am Schluss nahm sie die Statuette in die Hand und ging zu Lautenschläger hinüber, der die Waffe längst gesenkt hatte.
„Das ist das letzte Stück,“ sagte sie.
Und dann warf sie den Giacometti mit einer solchen Wucht gegen den Schädel des kleinen Mannes, dass er bewusstlos zusammenbrach.
Sie stieg in ihren Wagen und fuhr auf die Straße. Ein paar Minuten später hatte sie die 110 gewählt und die Polizei informiert. Das Telefon warf sie wenig später in die Elbe. Den gestohlenen Lieferwagen würde sie am Bahnhof stehenlassen und mit dem nächsten Zug die Stadt verlassen. Egal wohin.
In ihrer Jackentasche klimperten die Goldstücke. Pippi Langstrumpfs Schatztruhe.
Depeche Mode - Told You So. https://www.youtube.com/watch?v=U4Bj6hhwWYA