Hier sieht man ihn in der zweiten Reihe von unten ganz links lachen, ich drehe mich in der ersten Reihe ganz rechts in diesem Augenblick um, links neben mir ist der Drogenhändler zu sehen und "Bané" (eigentlich Branislaw) steht in der dritten Reihe von unten ganz links.
P.S.: Nachts träume ich, als Mitglied einer Filmcrew in Massachusetts zu sein. Wir sind auf einer Wiese im Wald, von der man einen schönen Blick auf einen Fluss hat, von dem uns ein steiniger Abhang trennt. Es geht um einen Animationsfilm und ich soll eine der Hauptfiguren sprechen. Wir sitzen an langen Tischen und es werden große Steaks serviert. Die Beilagen – Pommes, Potato Wedges und Knödel in Würstchenform (!) – liegen schon parat. Über den Tellern sind Zapfhähne mit Ketchup angebracht, wir trinken Bier zum Essen. Wir reden über den Film. Im Aufnahmestudio soll man die ganze Zeit rauchen und Whisky trinken, erzählt mir mein Sitznachbar, damit unsere Stimmen schön dunkel und rau klingen. Nach dem Essen stehen wir auf und gehen zu einem großen Metallkasten hinüber. Es ist ein Hot-Dog-Automat. In viereckigen Metallboxen liegen ausgehöhlte Brötchen bereit und per Knopfdruck werden sie je nach Geschmack mit Ketchup, Mayo, Senf oder Sahne (!) befüllt. Man kann verschiedene Würstchen auswählen, ein Mitglied der Crew empfiehlt mir die Würstchen mit Vanillegeschmack, aber ich nehme ein normales aus Rindfleisch. Ich frage eine Kellnerin, die vorbeikommt, wo die Donuts sind. Nach dem Essen gibt man mir ein Glas Wasser und Tabletten, die gut für meinen Hals und meine Stimme sein sollen. Dann wache ich auf. Vermutlich habe ich im Schlaf zugenommen.
Freitag, 17. Oktober 2014
Ein alter Freund
35 Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, gestern war es so weit: Ich treffe einen meiner besten Freunde aus der Grundschulzeit wieder. Damals gehörten wir in Ingelheim-West zur selben Gang, mit zwölf Jahren zog er dann nach Mainz und wir haben uns aus den Augen verloren. Bei „Dr. Flotte“ in Mainz sitzen wir in der Oktobersonne beim Bier und erzählen uns, was seit 1979 alles passiert ist. Er ist Rock-Musiker, ich bin Schriftsteller – und wir sind beide nicht verheiratet oder Hausbesitzer. Cooool. Er hat nach der Schule eine Elektrikerlehre gemacht und in Wien Musik studiert. 1991, im selben Jahr bin ich nach Berlin gezogen, ging er nach Los Angeles. Er zog in eine WG und arbeitete in einer Firma, die Verstärker für Bands wie Pink Floyd oder AC/DC hergestellt hat. Er hat eine Menge berühmter Rockmusiker kennen gelernt und hätte um ein Haar selbst Karriere gemacht. Seine Band hatte schon einen Plattenvertrag, aber der Sänger hat dann die Nerven verloren und alles hingeschmissen. Damals wären sie als Vorgruppe von den Guano Apes auf große Tournee gegangen …
Er arbeitet seit einigen Jahren als Gitarren-Techniker für große Bands und hat gerade eine viermonatige Tournee durch Europa und Nordamerika hinter sich. Nächstes Jahr geht es nach Japan und Australien. Was für ein Job – auch wenn die Arroganz und der Narzissmus der Bühnen-Divas ihn manchmal den letzten Nerv kosten. Drogen und Alkohol sind im Rock’n Roll-Business natürlich ein großes Thema, aber als echter Rheinhesse hat er sich von harten Drogen fern gehalten und den Durst immer souverän im Griff gehabt. Gerade Crack hätte Musiker, die er kannte, innerhalb kurzer Zeit vom Jaguar-fahrenden Familienvater in ein zahnloses Wrack verwandelt, das wenig später in der Holzkiste lag. Er selbst hat stilgerecht eine Spontanhochzeit in Las Vegas absolviert und lebte neun Jahre lang mit einer ehemaligen „Miss California“ zusammen.
Natürlich gehen wir auch die ganzen alten Namen durch. Unser bester Freund in der Grundschule, wir waren auch alle zusammen in der E-Jugend-Handballmannschaft des HSC Ingelheim, war ein Jugoslawe, dessen Eltern zwei gutgehende Restaurants in der Stadt hatten. Er ist ebenfalls nach Kalifornien ausgewandert und lebt jetzt als Tennislehrer in San Diego. Ein anderer Freund saß wegen Drogenhandels im Knast. Wir stellten fest, dass wir beide zu unterschiedlichen Zeiten was mit der gleichen Frau hatten (auch immer lustig!). Wir haben beide eine Menge erlebt und leben immer noch. Nächste Woche wollen wir zusammen unseren alten Schulweg gehen, die Spielplätze, unsere Mietskasernen und überhaupt das Viertel besuchen, in dem wir aufgewachsen sind. A sentimental journey.
Und hier sieht und hört man den Meister an der Gitarre. http://www.youtube.com/watch?v=lm9pXJ2or-U
Hier sieht man ihn in der zweiten Reihe von unten ganz links lachen, ich drehe mich in der ersten Reihe ganz rechts in diesem Augenblick um, links neben mir ist der Drogenhändler zu sehen und "Bané" (eigentlich Branislaw) steht in der dritten Reihe von unten ganz links.
P.S.: Nachts träume ich, als Mitglied einer Filmcrew in Massachusetts zu sein. Wir sind auf einer Wiese im Wald, von der man einen schönen Blick auf einen Fluss hat, von dem uns ein steiniger Abhang trennt. Es geht um einen Animationsfilm und ich soll eine der Hauptfiguren sprechen. Wir sitzen an langen Tischen und es werden große Steaks serviert. Die Beilagen – Pommes, Potato Wedges und Knödel in Würstchenform (!) – liegen schon parat. Über den Tellern sind Zapfhähne mit Ketchup angebracht, wir trinken Bier zum Essen. Wir reden über den Film. Im Aufnahmestudio soll man die ganze Zeit rauchen und Whisky trinken, erzählt mir mein Sitznachbar, damit unsere Stimmen schön dunkel und rau klingen. Nach dem Essen stehen wir auf und gehen zu einem großen Metallkasten hinüber. Es ist ein Hot-Dog-Automat. In viereckigen Metallboxen liegen ausgehöhlte Brötchen bereit und per Knopfdruck werden sie je nach Geschmack mit Ketchup, Mayo, Senf oder Sahne (!) befüllt. Man kann verschiedene Würstchen auswählen, ein Mitglied der Crew empfiehlt mir die Würstchen mit Vanillegeschmack, aber ich nehme ein normales aus Rindfleisch. Ich frage eine Kellnerin, die vorbeikommt, wo die Donuts sind. Nach dem Essen gibt man mir ein Glas Wasser und Tabletten, die gut für meinen Hals und meine Stimme sein sollen. Dann wache ich auf. Vermutlich habe ich im Schlaf zugenommen.
Hier sieht man ihn in der zweiten Reihe von unten ganz links lachen, ich drehe mich in der ersten Reihe ganz rechts in diesem Augenblick um, links neben mir ist der Drogenhändler zu sehen und "Bané" (eigentlich Branislaw) steht in der dritten Reihe von unten ganz links.
P.S.: Nachts träume ich, als Mitglied einer Filmcrew in Massachusetts zu sein. Wir sind auf einer Wiese im Wald, von der man einen schönen Blick auf einen Fluss hat, von dem uns ein steiniger Abhang trennt. Es geht um einen Animationsfilm und ich soll eine der Hauptfiguren sprechen. Wir sitzen an langen Tischen und es werden große Steaks serviert. Die Beilagen – Pommes, Potato Wedges und Knödel in Würstchenform (!) – liegen schon parat. Über den Tellern sind Zapfhähne mit Ketchup angebracht, wir trinken Bier zum Essen. Wir reden über den Film. Im Aufnahmestudio soll man die ganze Zeit rauchen und Whisky trinken, erzählt mir mein Sitznachbar, damit unsere Stimmen schön dunkel und rau klingen. Nach dem Essen stehen wir auf und gehen zu einem großen Metallkasten hinüber. Es ist ein Hot-Dog-Automat. In viereckigen Metallboxen liegen ausgehöhlte Brötchen bereit und per Knopfdruck werden sie je nach Geschmack mit Ketchup, Mayo, Senf oder Sahne (!) befüllt. Man kann verschiedene Würstchen auswählen, ein Mitglied der Crew empfiehlt mir die Würstchen mit Vanillegeschmack, aber ich nehme ein normales aus Rindfleisch. Ich frage eine Kellnerin, die vorbeikommt, wo die Donuts sind. Nach dem Essen gibt man mir ein Glas Wasser und Tabletten, die gut für meinen Hals und meine Stimme sein sollen. Dann wache ich auf. Vermutlich habe ich im Schlaf zugenommen.
Am Strand mit Bonetti
Ihr Gesicht war schneeweiß, kugelrund und voller Speckwülste. Es schwebte wie ein Mond über ihm und als sie zu lächeln begann, rieselten Puderkrümel aus den Falten um ihren Mund.
„Darf ich Sie kurz stören?“ fragte sie mit der tiefen rauen Stimme einer in Würde gealterten Theaterdiva.
Andy Bonetti saß gerade mit seinen Freunden Johnny Malta und Heinz Pralinski auf der Terrasse der „Mirabelle“, dem einzigen Sterne-Restaurant Bad Nauheims, von der man einen phantastischen Blick auf den Strand hatte. Träge rollten die Wellen auf den Sand oder schlugen schmatzend an die Yachten, die im Hafen lagen. Über allem das Kreischen der Möwen, die auf ein wenig Atzung durch gnädige Restaurantgäste hofften. Der Klimawandel war wirklich ein Segen, Bad Nauheim lag inzwischen am Meer, was die Aufenthaltsqualität und die Besucherzahlen in diesem hessischen Kurort natürlich rasch erhöht hatte.
Der Dichterfürst war gerade im Begriff, eine Crevette aufzubrechen, um ihr köstliches Fleisch zu entnehmen, und antwortete: „Um was handelt es sich denn, Gnädigste?“
Eigentlich wollte er nicht gestört werden, da er mit seinen Freunden gerade die wundersame Rettung in der vorigen Nacht feierte. Da sich Bonetti weder bei seinem Chauffeur noch bei seinem Kammerdiener gemeldet hatte, wurden Malta und Pralinski informiert, die sich umgehend mit einem Motorboot auf die Suche nach der „Shangdang“ machten. Das chinesische Restaurantschiff tuckerte gemächlich vor der Küste Nordhessens. An Bord konnte man ihnen aber keine Auskunft über Andy Bonetti geben. Der ältere Chinese, der einen schwarzen Anzug und eine Augenklappe trug, war im Gespräch recht kurz angebunden gewesen. Sie waren in Richtung Strand weitergefahren und hatten Bonetti, um den schon die Haie kreisten, in den Wellen entdeckt. Rasch zogen sie ihn an Bord und hüllten ihn in eine warme Decke. Bereits auf dem Weg zum Hafen diktierte der größte Sohn Bad Nauheims sein neues Abenteuer auf Band.
„Es geht um die Formel, Mister Bonetti. Mütterchen Russland ist bereit, Ihnen jede gewünschte Summe zu zahlen. Außerdem heizen wir ihr Haus bis an ihr Lebensende kostenlos mit Gas.“
Bonetti tupfte sich behutsam die Lippen mit seiner Serviette, bevor er antwortete: „Sagen Sie Herrn Putin, ich werde über sein Angebot nachdenken.“
Blancmange – Waves. http://www.youtube.com/watch?v=IbMi1Wg3uQU
P.S.: Das Video wurde an den Klippen des Harz gedreht.
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Das Spiel
Obwohl es schon Oktober war, schien die Sonne an diesem Nachmittag. Ich stand mit meinen Freunden auf dem Rasen zwischen den Wohnblocks und wir überlegten, was wir spielen sollten. Sven schlug vor, Polizist und Asylant zu spielen. Eine Hälfte von uns sollte Polizist spielen, eine Hälfte Asylant. Wer von den Asylanten den Baum in der Mitte des Rasens erreichte, hätte gewonnen, wer vorher erwischt wird, hätte verloren. Wir warfen nacheinander ein Zehn-Cent-Stück, Bild bedeutete Asylant, Zahl Polizist. Ich gehörte mit Max und Sven zu den Asylanten, die anderen drei waren die Polizisten.
Die Polizisten standen am Baum und zählten mit geschlossenen Augen laut bis Zwanzig. Wir rannten davon und versteckten uns. Max verschwand in einem Kellereingang, von dessen Treppe man einen guten Überblick über den Rasen zwischen den Häusern hatte, Sven versteckte sich hinter den Mülltonnen und ich saß im Gebüsch neben den Garagen. Als sie fertig gezählt hatten, gingen die Polizisten langsam in verschiedene Richtungen los, um uns zu suchen. Der Baum war etwa fünfzig Meter von mir entfernt. Ich zögerte noch, das dichte Gestrüpp bot mir zwar eine gute Deckung, aber es war schwierig, geräuschlos heraus und auf den Gehweg zu kommen.
Ein dunkelhäutiger Erwachsener näherte sich von links. Er zog einen zweirädrigen Einkaufsroller voller Prospekte hinter sich her und hielt am ersten Haus, um die Briefkästen mit bunter Reklame zu füllen. Max nutzte diesen Augenblick der Ablenkung, um aus seinem Versteck hervorzustürzen. Er rannte auf den Baum zu, aber einer der Polizisten war schneller. Er schlug ihm auf die Schulter und rief „Hab dich“. Max hielt an und ein zweiter Polizist kam dazu. „Du bist raus“, sagte er und drehte sich wieder um. Jetzt sah ich von rechts Sven heranlaufen, er musste nur einem Polizisten ausweichen und erreichte den Baum. „Gewonnen“, schrie er triumphierend.
„Dann gehörst du jetzt zu uns“, sagte einer der Polizisten. Gemeinsam gingen sie los. Ich war der letzte Asylant. Hinter den Mülltonnen konnte ich nicht sein und auch die Kellertreppe fiel aus. Langsam näherten sich die Polizisten den Garagen. Ich legte mich ganz flach auf den Boden und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Warum musste ich ausgerechnet heute den roten Pullover tragen, den mir meine Großmutter zum Geburtstag geschenkt hatte? Mit klopfendem Herzen wartete ich auf das Ende des Spiels.
Pink Floyd - Wish You Were Here. http://www.youtube.com/watch?v=NavVfpp-1L4
P.S.: Derzeit lese ich "Liebe deinen Nächsten" von Erich Maria Remarque. Es geht um deutsche Flüchtlinge in der Nazi-Zeit, der Roman entstand im Exil.
1998
Auszüge aus dem Notizbuch:
11. Januar, Berlin. In heiterer Demut wartet man, dass der Teller und das Glas wieder gefüllt werden. Fördernd ist Beharrlichkeit, wie es oft im I Ging heißt. Wie schnell hast du dich durch so ein Leben gestohlen, ein Sumo-Ringer auf Samtpfoten.
12. Januar. Die Vorstellung, an Menschen wüchsen Misteln, die sie langsam erwürgen. Welche Namen trügen diese Misteln?
13. Januar. Nie mit viel gerechnet zu haben, mag sich im weiteren Verlauf als Vorteil herausstellen.
16. Januar. Einmal am Freitagabend durch sämtliche Fernsehkanäle geschaltet und was sehe ich: Fast ausschließlich Menschen im Großformat beim Quatschen. Diese eitle Selbstbespiegelung, Wortabsonderungsmaschinen in einem absurd monotonen Alltag, als wäre Schweigen wie Krätze. Nicht auszudenken, wenn plötzlich alle ins Grübeln kämen …
25. Januar. Sieht immer gut aus: schwarze Gegenstände auf schwarzen Tischen.
Der Durchsichtige wirft keine Schatten.
Z. ging die Straße hinunter. Die Leute erkannten ihn. „Hey, da kommt der Zeitmann“, rief einer. „Gib mir Zeit“, ein anderer. Doktor Z. zückte seinen Rezeptblock und schrieb: „Vier Stunden auf der Couch, wahlweise mit einer Schachtel Pralinen, einer guten Zigarre oder einer Flasche Cognac.“
18. Februar. Womöglich ist alles, was neu ist, erst einmal klein, hässlich und völlig nutzlos – so wie Kinder.
8. März. Die Staatsverfassung der Zukunft wird ein Handbuch mit dem Titel „Wenn die Computer ausfallen“ sein.
20. März. Die Ankunft des Castor-Behälters im „Zwischenlager“: Wie von einer Mondlandung wird berichtet. Und die Inszenierung: Das Ballett der Demonstranten und Polizisten.
19. April. Ob man nun das Glas als halbvoll oder halbleer bezeichnet, ob eine positive oder negative Sicht der Dinge vorherrscht – Blödsinn! Die Flasche wird immer leerer und das ist bedrohlich. Also kein Grund für Optimismus …
2. Mai. Idee für ein Bild: Hünenhafte Männer auf viel zu kleinen Stühlen.
27. Juli. Ich fordere mehr Geschwindigkeit, niemand soll uns aufhalten. Alle Ampeln auf Grün!
2. August. Auf meinem Grabstein sollte stehen: „Ihr habt mich alle gewarnt.“
18. Oktober. Das Pioneer-Hotel in Little Italy, New York, macht seinem Namen alle Ehre. Hätte ich einen Revolver, könnte ich die Kakerlaken von den Wänden schießen. Der Portier sitzt in einem vergitterten Verschlag, er traut niemandem. Das Hupen und Schreien unten auf der Bowery lässt uns nicht einschlafen. Empire State Building, Central Park, Harlem, mit der U-Bahn in die Lower East Side, wo wir vietnamesisch essen. Ein Abstecher führt uns nach Brooklyn. Sein Name ist Larry. Nicht witzig?
Dann ein paar Tage bei einer Freundin in Boston, bevor es in die Wildnis geht. Kleine Kieferwäldchen und unberührte Hügel, Felsen und Küstennebel: der Arcadia-Nationalpark. Im Baxter State Park wird man am Eingang registriert, als würde man ein anderes Land betreten – falls nach uns gesucht werden muss. Die leuchtenden Farben des Indian Summer, herrliche Waldseen und Gebirgsbäche, die sich durch Stromschnellen ins Tal ergießen. In den White Mountains überqueren wir Wildbäche von Stein zu Stein oder auf Baumstämmen. Wir sind auf Wildwechseln unterwegs, Wanderwege gibt es überhaupt nicht. Es geht buchstäblich über Stock und Stein, Wurzeln und Felsbrocken bilden die unregelmäßigen Stufen des Weges, etwa alle fünfzig Meter weist eine Farbmarkierung an einem Baum die Richtung.
Wir besichtigen Ben&Jerry’s Eiscremefabrik in Vermont und sitzen auf Cape Cod am Atlantik. Zurück bei K. in Boston erfahre ich im Lesesaal der Harvard-Bibliothek vom Machtwechsel in Deutschland. Die Ära Kohl ist zu Ende, als wir am 11. Oktober nach drei Wochen in Amerika wieder in Berlin landen.
21. November. Gentechnik: Indem wir den Planeten neu erfinden, zerstören wir ihn.
12. Dezember. Alles in Berlin ist entweder unfertig oder es verfällt.
20. Dezember. Abendfarben: Dunkelblauer Himmel, goldene Fenster, schwarze Häusersilhouette.
Cinerama – Your Charms. http://www.youtube.com/watch?v=vD96H18YtC8
Mittwoch, 15. Oktober 2014
Das Preisausschreiben
Er hätte es wissen müssen. Nur der Mond schien auf die Wellen und sein Smoking hatte sich voll Wasser gesogen. In einiger Entfernung glitzerten die Lichter am Ufer. Mühsam paddelte er weiter und widerstand dem Drang, die schweren Sachen einfach auszuziehen. Es würde ohnehin eine Odyssee voller Peinlichkeiten werden, bis er wieder zu Hause war.
Alles hatte gestern Vormittag begonnen, als ein „singendes Telegramm“ vor seiner Haustür stand. Johann hatte die junge Dame, die eine rote Pagenuniform trug, ins Empfangszimmer gebeten und ihn gerufen. Dann hatte sie ihren Text gesungen: „Mister Bonetti, wir laden Sie ein, wir laden Sie ein, unser Gast zu sein. Auf unserem Schiff, da gibt es ein Essen, und dieses Essen wird keiner vergessen. Morgen um acht, da geht es los, all you can eat, ist das nicht famos?“ Dazu überreichte sie ihm einen kostbaren Umschlag aus handgeschöpftem Papier, das in Thailand aus der Rinde des Maulbeerbaums hergestellt wird. Darin lag eine Einladung, die auf feinstes Seidenpapier aus dem Himalaya gedruckt war. Bonetti hatte ein luxuriöses Abendessen auf dem chinesischen Restaurantschiff „Shangdang“ gewonnen, das im Hafen von Bad Nauheim lag. Komisch, hatte er noch gedacht, ich habe doch an gar keinem Preisausschreiben teilgenommen.
Gut gelaunt und hungrig hatte er sich am nächsten Tag von seinem Kammerdiener ankleiden lassen und sein Chauffeur hatte ihn an das Restaurantschiff gebracht. Die Tische des Restaurants waren mit exotischen Blumen geschmückt, Bonetti setzte sich und sah sich um. An jedem Tisch saßen Menschen, die offenbar die gleiche Einladung erhalten hatten und die sie den Kellnern entgegenhielten. Zu Beginn wurden Dim Sum in einem Bambuskörbchen gereicht, die mit Meeresfrüchten und Gemüse gefüllt waren. Dann kamen ein brodelnder Feuertopf mit verschiedenen Fleischsorten, Pilzen, Blattgemüse und Glasnudeln auf den Tisch. Währenddessen begann das Schiff zu vibrieren. Offenbar hatte man die Motoren angelassen und verließ den Hafen zu einer nächtlichen Rundfahrt. Nach dem Feuertopf wurde Peking-Ente serviert, die kleingeschnittenen knusprigen Hautstücke wurden in hauchdünne Pfannkuchen gewickelt, zum zarten Fleisch gab es diverse Soßen. Die abschließende Suppe und den Quallensalat ließ er aus.
Nach dem Digestif, Bonetti hatte einen 1999er Pflaumenwein Shanghaier Südhang gewählt, kam ein asiatisch aussehender Herr in einem schwarzen Anzug an seinen Tisch. Er hatte ein fast faltenfreies Gesicht, aber unglaublich alte Augen mit fürchterlichen Tränensäcken. Sein Haar war glatt zurück gekämmt und wirkte wie schwarz lackiert. Die dünnen Lippen unter seinem schmalen Schnurrbart kräuselten sich zu einem schwachen Lächeln.
„Würden Sie mir bitte folgen, Mister Bonetti. Wir schreiten nun zur Verleihung des Hauptpreises.“
Bonetti folgte ihm in ein Hinterzimmer, das von einem langen Mahagonitresen mit etlichen leeren Barhockern fast vollständig ausgefüllt war. Auf der Theke standen eine Flasche Veuve Clicquot in einem Eiskübel nebst zwei Champagnerschalen aus Kristallglas.
„Champagner!“ rief Bonetti erfreut aus. „Lassen Sie mich das machen.“ Er setzte sich an die Bar.
Der Mann wirkte für einen kurzen Augenblick irritiert. Dann lächelte er und nickte Bonetti zu. „Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet, Mister Bonetti. Unser Volk wartet seit über einhundert Jahren auf diesen Augenblick. China hat, wie die ganze Welt außerhalb Europas, schrecklich unter dem Imperialismus gelitten. Ihr habt uns viele Dinge gestohlen, deren Wert ihr noch nicht einmal ahnen könnt. Aber Europa wurde das Opfer seiner eigenen Gier: Als die Imperialisten die ganze Welt unter sich aufgeteilt hatten, fuhren sie sich wie Kannibalen gegenseitig an die Kehle und zerfleischten sich in zwei mörderischen Weltkriegen, um im Anschluss sämtliche Kolonien wieder zu verlieren.“
„Woher rührt eigentlich der Irrglaube, der Westen sei fortgeschrittener oder der Osten hole auf? Osten und Westen waren schon immer gleich gut, gleich blöd und auf gleiche Weise oberflächlich dem materiellen Erfolg verpflichtet.“ Bonetti lächelte.
Der Chinese lächelte nicht, er zog eine Pistole aus der Innentasche seines Jacketts.
Bonetti hatte die Champagnerflasche schon in der Hand, jetzt ließ er sie langsam sinken. „Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“
„Sie kommen sehr schnell auf den wesentlichen Punkt, das gefällt mir. Man nennt mich Longwang, das bedeutet Drachenkönig. Und ich möchte die Formel, Mister Bonetti.“ Seine Stimme klang jetzt kalt und hart.
„Welche Formel?“ fragte Bonetti.
„Spielen Sie keine Spielchen. Sie sind ganz allein auf diesem Schiff. Ich habe alle anderen für diesen Abend engagiert.“
„Daran bin ich gewöhnt, ich bin Einzelkind.“ Bonetti versuchte, Zeit zu gewinnen. Natürlich ging es um die tibetanische Pergamentrolle, auf der die Formel für ein lebensverlängerndes Elixier stand.
Longwang grinste. „Eins ist die Zahl des Himmels.“ Er entsicherte die Waffe. „Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort, Mister Bonetti: Im Auge des Tigers ist kein Platz für die Ameise.“
„Der weise Mann hütet sich in der Jugend vor der Fleischeslust, in den mittleren Jahren vor der Streitsucht und im Alter vor der Habgier. Auch ein altes chinesisches Sprichwort“, antwortete Bonetti.
„Donnerwetter, was Sie alles wissen!“
„Ich staune selbst immer wieder.“
„Genug geplaudert, Mister Bonetti. Die Formel, bitte.“
„Das Unendliche ist ein Quadrat ohne Ecken, wie es im Daodejing heißt.“ Und mit diesen Worten ließ Bonetti den Champagnerkorken knallen.
Er traf Longwang mitten ins Gesicht, ein Schuss löste sich aus dessen Waffe und traf den Kronleuchter, der krachend zu Boden stürzte. Bonetti schleuderte die Flasche auf den Chinesen und rannte zum anderen Ende der Bar. Er nutzte diesen kurzen Moment der Verwirrung, um ein Fenster zu öffnen und in die dunklen Fluten zu springen. In den alten Schriften über die nördliche Qi-Dynastie heißt es, man solle im Falle einer Niederlage lieber als zerschlagenes Juwel denn als unversehrter Dachziegel enden.
P.S.: Der Restaurantname „Shangdang“ bedeutet „In eine Falle geraten“. Er hätte es wissen müssen.
Beck Bogart & Appice – Superstition. http://www.youtube.com/watch?v=xyyhm1D7zlI
Leserpost
Hier einige typische Leserbriefe, die täglich von Ilka Schubs, Bonettis Sekretärin, beantwortet werden.
Rudolf H. aus Berlin fragt: „Wie kommt Andy Bonetti auf seine tollen Ideen?“
Antwort: „Mister Bonetti liest sehr viel. Klassische Literatur von Platon bis Wiglaf Droste, Abenteuerromane, Sachbücher und Biographien. Außerdem sieht er sich viele Filme an. Die Anregungen verarbeitet er in seinen Büchern.“
Pauline K. aus Oldenburg fragt: „Wie viele Bonetti-Geschichten sind geplant?“
Antwort: „Die Simpsons sind aktuell bei etwa 550 Folgen. Das ist die Messlatte. Matt Groening geht nach demselben Prinzip wie Mister Bonetti vor: Alles kommt in die Wurst.“
Herbert S. aus Ulm fragt: „Wird Bonetti auch auf den Mars fliegen?“
Antwort: „Ja. Es sind auch Weltraumabenteuer geplant. Außerdem Zeitreisen und Body-Switch-Geschichten.“
Gesine B. aus Görlitz fragt: „Wie ist Andy Bonetti eigentlich privat?“
Antwort: „Er kann sein eigenes Körpergewicht in Spießbratenbrötchen oder Käsekuchen essen. Am liebsten liegt er im Bett und liest. Er hört fast den ganzen Tag Musik. Bei schönem Wetter geht er spazieren oder sitzt in seinem Garten.“
Ronny F. aus Warnemünde fragt: „Wieso ist Andy Bonetti nicht bei Facebook oder Twitter?“
Antwort: „Mister Bonetti hält Social Media für Zeitverschwendung. Er trifft sich gelegentlich abends mit seinen Freunden. Das reicht ihm.“
Petra Z. aus Gütersloh fragt: „Muss Andy Bonetti viele Interviews geben?“
Antwort: „Eigentlich überhaupt keine. Aber er übt gerne, indem er fiktive Fragen beantwortet.“
Hätten Sie es gewusst?
Wir alle wissen inzwischen, dass Kolumbus nicht der erste Besucher des amerikanischen Kontinents war. Er war noch nicht einmal der erste Europäer. Die Wikinger waren ein halbes Jahrtausend vor ihm da, Leif Eriksson gründete sogar Siedlungen an der nordamerikanischen Ostküste. Die Chinesen waren da, auch von den Phöniziern, den Muslimen (889) und dem König von Mali (1311) nimmt man es an. Aber jetzt kommt’s: Als erste Besucher waren die alten Ägypter da. Und sie haben in Amerika nicht die Kulturen vernichtet, sondern aufgebaut.
“The strongest evidence of African presence in America before Columbus comes from the pen of Columbus himself. In 1920, a renowned American historian and linguist, Leo Weiner of Harvard University, in his book, Africa and the Discovery of America, explained how Columbus noted in his journal that Native Americans had confirmed that “black skinned people had come from the south-east in boats, trading in gold-tipped spears.” One of the first documented instances of Africans sailing and settling in the Americas were black Egyptians led by King Ramses III, during the 19th dynasty in 1292 BC. (…) The Olmec civilization, which was of African origin and dominated by Africans, was the first significant civilization in Mesoamerica and the Mother Culture of Mexico. (…) Similarities across early American and African religions also indicate significant cross-cultural contact. The Mayans, Aztecs and Incas all worshipped black gods and the surviving portraits of the black deities are revealing. For instance, ancient portraits of the Quetzalcoatl, a messiah serpent god, and Ek-ahua, the god of war, are unquestionably Negro with dark skin and wooly hair.”
http://www.counterpunch.org/2014/10/13/how-africans-brought-civilization-to-america/
Außerdem fand eine deutsche Wissenschaftlerin Spuren von Kokain und Nikotin in ägyptischen Mumien, beide Substanzen können nur aus Amerika stammen. Die Pharaonen haben also Amerika entdeckt und sie haben nicht nur gekifft, sondern auch gekokst und geraucht. Sie haben Amerika zivilisiert, die Europäer haben der Geschichte des Kontinents nur einen Genozid hinzugefügt.
http://www.faculty.ucr.edu/~legneref/ethnic/mummy.htm
Noch ist die wissenschaftliche Beweisführung nicht wasserdicht, aber es ist ein interessantes Forschungsfeld. „Natürlich ist Amerika schon vor Kolumbus entdeckt worden; und zwar oft. Es wurde nur immer wieder vertuscht.“ (Oscar Wilde)
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