Montag, 7. Juli 2014

Andy Bonetti und der Fluch des Jadedrachen, Teil 2

Es war ein glühend heißer Nachmittag, als Bonetti in Havanna aus der polnischen Linienmaschine stieg. Die Hitze traf ihn wie ein Handtuch, das man in kochendes Wasser getaucht und dann auf sein Gesicht gedrückt hatte. Auf dem Flug hatte es nur Wodka und Piroggen gegeben (Tiefkühl-Troja, unterste Ausgrabungsschicht). Bonetti sehnte sich nach einem eiskalten Cuba Libre.
Beim Zoll wurde er ohne Formalitäten und mit einem Augenzwinkern durchgewinkt. Subcomandante Romero hatte offenbar alles vorbereitet. Bonetti war über London und Warschau auf die Karibikinsel geflogen, er hatte weder ein Smartphone noch das Internet benutzt, alle Rechnungen in bar bezahlt und seine Ankunft per Ansichtskarte angekündigt. Sie war an einen gewissen Johnny Malta im Havanna Club, Avenida Bonetti 7 in der Hauptstadt der Revolution gerichtet.
Wenig später hielt ein knallroter 1953er Buick Roadmaster Skylark Cabriolet vor dem Flughafengebäude. Andy Bonetti kletterte auf den Rücksitz und warf seine kleine Reisetasche lässig neben sich. Der Fahrer war klein und schmal, hatte aber einen riesigen Schnurrbart und eine olivgrüne Armeemütze auf. Sie verließen die Stadt und erreichten eine alte Villa im Kolonialstil, die von Palmen umgeben war. Der Fahrer hielt vor dem säulenbewehrten Portikus der Villa und brachte Bonetti in die Vorhalle. Niemand war zu sehen.
„Wo ist Subcomandante Romero?“ fragte Bonetti.
Plötzlich riss sich der Fahrer den Schnurrbart vom Gesicht und nahm die Mütze ab. Langes, schwarzglänzendes Haar quoll hervor.
„Ich bin Romero“, sagte die schöne Frau und fiel Bonetti um den Hals.
„Endlich lerne ich den großen Bonetti kennen“, hauchte sie und küsste ihn. Ihre Zunge kitzelte sein Gaumenzäpfchen.
„Haben Sie das Dokument?“ fragte Bonetti ganz außer Atem.
„Wir müssen vorsichtig sein“, sagte sie und trat ans Fenster.
Vor der Villa hielt eine schwarze Limousine und zwei Männer in grauen Anzügen stiegen aus. Sie trugen riesige Sonnenbrillen und schauten sich nach allen Seiten um, bevor sie auf das Haus zugingen.
„Schnell! Wir müssen in den Keller“, befahl Romero und packte Bonetti am Arm.
Hastig eilten sie eine alte weißgestrichene Holztreppe hinunter.
„Ziehen Sie das an. Und hier ist das Dokument.“ Sie drückte ihm eine Metallröhre in die Hand.
Bonetti verkleidete sich als Landarbeiter mit Strohhut. Dann kroch er durch einen tausend Meter langen Tunnel, der in einem kleinen Wäldchen fernab der Straße endete. Er öffnete die Metallröhre und las die Botschaft, die in einem alten Inka-Dialekt abgefasst war. Er wusste nun, was er zu tun hatte.
The Smiths – Panic. http://www.youtube.com/watch?v=JlYXp_3A64k

Sonntag, 6. Juli 2014

Andy Bonetti und der Fluch des Jadedrachen, Teil 1

Es war eine mondlose Nacht, als sich vor der schottischen Küste ein mächtiger Stahlkoloss aus dem Wasser erhob. Eine Luke öffnete sich und zwei Männer in schwarzen Tarnanzügen kletterten heraus. Sie ließen ein kleines Boot hinab in die Wellen und ruderten an Land.
Auf dem Strand stand ein muskulöser gutaussehender Kerl in einem grauen Trenchcoat, der seinen Borsalino tief ins Gesicht gezogen hatte. Es war niemand anderes als Andy Bonetti. Die beiden Männer kamen auf Bonetti zu und übergaben ihm eine Metallröhre. Bonetti nickte ihnen lässig zu und sie verschwanden wieder in der Dunkelheit.
Bonetti nahm eine Taschenlampe aus seiner Manteltasche und in ihrem bleistiftdünnen Lichtstrahl öffnete er die Röhre. Sie enthielt ein Stück Papier, auf dem etwas in einer rätselhaften Handschrift notiert war. Es handelte sich um einen alten Inka-Dialekt, den nur sieben Menschen auf der Welt lesen konnten. Bonetti gehörte zu diesen Menschen, ebenso wie Heinz Pralinski, der Kapitän der „Wilhelm von Tegetthoff“. Sein U-Boot war Teil der österreichischen Marine gewesen, die man im Herbst 2006 völlig überraschend aufgelöst hatte - nur 88 Jahre, nachdem sein Heimatland den Zugang zum Meer verloren hatte. Seitdem befuhr die „Wilhelm von Tegetthoff“, benannt nach dem Kommandeur der österreichischen Flotte im Seegefecht bei Helgoland 1864 im Krieg gegen die Dänen, die sieben Weltmeere. Pralinski und seine tapfere Besatzung hatten es sich zur Aufgabe gemacht, allein und furchtlos gegen das Böse in der Welt zu kämpfen.
Nachdem er die Botschaft sorgfältig studiert hatte, zerriss Bonetti den Zettel in kleine Fetzen und schluckte ihn unter. Er spülte mit einem Schluck Bourbon aus seinem Flachmann nach und ging über den Strand auf die Klippen zu. Er kletterte eine siebzig Meter hohe Felswand hinauf und setzte sich in seinen 1957er Chevrolet Bel Air Sport Coupé (einen Traum in „Calypso Cream“ mit 270 PS), den er am Rand der Küstenstraße geparkt hatte. Er wusste nun, was er zu tun hatte.
Pink Floyd – Comfortably Numb. http://www.youtube.com/watch?v=y7EpSirtf_E

Samstag, 5. Juli 2014

Bonetti in Bornheim

Es muss etliche Jahre her sein, dass Andy Bonetti in Bornheim gelesen hat. Auf Einladung des Bürgermeisters hat er im Gemeindesaal einige Kapitel aus seiner erfolgreichen Pralinski-Biographie vorgetragen, nun spaziert er frohen Mutes durch die Straßen. Er trägt seinen schneeweißen Reiseanzug, eine karmesinrote Krawatte und einen Panamahut, der sein gesalbtes Haupt gegen die Sonne schützt. Die Passanten grüßen ihn artig und ältere Herren lüpfen sogar lächelnd ihre Hüte.
Bonetti betritt ein Kaffeehaus und setzt sich an einen freien Tisch am Fenster. Sogleich fliegt eine Kellnerin heran und fragt nach seinen Wünschen. Er bestellt eine große Tasse Milchkaffee und fragt nach der Speisekarte. Während die Kellnerin davon eilt, um seinen Wunsch zu erfüllen, tritt der Kaffeehausbesitzer an seinen Tisch und überreicht ihm die Speisekarte. Er empfiehlt die belgischen Waffeln mit Vanilleeis. Bonetti nickt zufrieden, möchte aber zu den Waffeln und dem Eis noch ein Schälchen Erdbeeren. Der Besitzer lächelt erfreut und geht persönlich in die Küche.
Während Bonetti auf den Kaffee wartet, kommt ein kleines Mädchen mit Zöpfen an seinen Tisch und schaut ihn an.
„Na, Kleine, wer bist du denn?“
Sie sagt nichts und schaut ihn weiter an.
Eine junge Frau kommt zögernd näher.
„Das ist Susi“, sagt sie. „Sie ist jetzt sieben Jahre alt.“
„Und?“
„Sie haben sie nach Ihrer letzten Lesung gezeugt, Mister Bonetti. Ich bin so stolz auf das Kind.“
„Oh. Wirklich?“
Ein Mann mit einer grünen Schürze kommt näher, während die Kellnerin den Kaffee serviert.
„Mister Bonetti“, sagt er, „ich habe Ihren Rat befolgt. Das ist die Rosa foetida bonetti.“ Er hält ihm einen Strauß gelber Rosen vor die Nase, die einen unangenehmen Geruch verströmen.
„Großartig“, sagt Bonetti und riecht an seinem parfümierten Seidentuch, das er hastig aus der Brusttasche gezogen hat.
Alle Gespräche im Kaffeehaus sind längst verstummt, die Blicke der Gäste sind auf Andy Bonetti gerichtet.
Endlich kommen die belgischen Waffeln mit Eis und Erdbeeren.
„Voilá, Mister Bonetti. Wir haben uns erlaubt, ihre Kreation als ‚Surprise à la Bonetti‘ auf die Speisekarte zu nehmen.“
Bonetti beginnt zu essen. Alle schauen ihm gespannt zu. Vor dem großen Fenster des Kaffeehauses hat sich inzwischen eine riesige Menschenmenge versammelt. Stumm zeigen sich die Leute den großen Dichter gegenseitig mit dem Zeigefinger. Hunderte Smartphones werden in die Höhe gehalten, um die Szene für die Ewigkeit festzuhalten. Die Polizei versucht, den Stau aufzulösen, der sich durch die Gaffer vor dem Kaffeehaus gebildet hat.
Aus dem Hintergrund hört Bonetti ein Hämmern. Es ist ein Handwerker, der gerade ein Messingschild mit der Aufschrift „Hier hat der Schriftsteller Andy Bonetti am 3. Juli 2014 gespeist“ an der Wand des Kaffeehauses befestigt.
Es ist nicht leicht, ein berühmter Künstler zu sein. Die Menschen machen sich keine Vorstellung von diesem Leben.
Nachtrag: Die Kellnerin des Kaffeehauses war übrigens eine Studentin an der Universität der Künste in Berlin und verdiente sich zu diesem Zeitpunkt in ihrer alten Heimat gerade ein wenig Geld zur Fortsetzung ihres Studiums. Jahre später hielt sie die geschilderte Szene in einem großflächigen Gemälde fest. „Bonetti in Bornheim“ hängt heute im Pariser Louvre und gilt als eines der großen Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst. Es soll den berühmten amerikanischen Regisseur David Lynch zu seinem Opus magnum „The Bonetti Mysteries“ inspiriert haben. In diesem Film hat Andy Bonetti zwei Cameo-Auftritte: Wir sehen ihn zunächst auf einer Flugreise als Sitznachbarn des Hauptdarstellers, in seiner Hand ein Glas Bourbon mit Eis (nach 7 Minuten), später sehen wir seine markante Silhouette hinter der Milchglasscheibe einer Tür mit der Aufschrift „Registratur für Geburten und Sterbefälle“ (nach 144 Minuten).
Leila K – Ca Plane Pour Moi. http://www.youtube.com/watch?v=n203PynJ5SY

Freitag, 4. Juli 2014

Texas in Ketten

Mein Beitrag zum Aufsatzwettbewerb „Mein schönstes Ferienerlebnis“:
Es war 1993 und ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, was mich berechtigte, einen „M.A.” hinter dem Namen zu führen. Politikwissenschaftler. Klingt gut. In Wahrheit hatte ich keinen Job und keinen Plan. Also fuhr ich mit C. für fünf Wochen nach Amerika. Wir durchquerten in diesem herzzerreißend schönen Sommer den Kontinent von San Francisco nach New York wie zwei Flipperkugeln. New Orleans im Süden, Toronto im Norden. Die Wüste im Death Valley, die Berge der Rocky Mountains. Einsame Seen und Höhlen, Wasserfälle und tiefe Schluchten, glitzernde Metropolen und trostlose Motels. Am Ende hatten wir zwölftausend Kilometer in einem Mietwagen zurückgelegt, dessen Zündschlüssel nachgemacht war, weil ich das Original beim Versuch, eine Weinflasche zu öffnen, zerbrochen hatte, und der einmal komplett von der Polizei auf der Suche nach Drogen auseinander genommen worden war.
Wir hatten uns tagsüber die Höhlen von Carlsbad angesehen, weil wir das in der Hitze von New Mexico für eine gute Idee hielten. Gegen Abend fuhren wir Richtung Osten weiter und hielten in Hobbs. Dort aßen wir ein paar Steaks und tranken Bier. C. hatte am nächsten Tag ihren 30. Geburtstag, also wollten wir um Mitternacht ein wenig feiern. Ich kaufte ihr Blumen, genauer gesagt eine Flasche Four Roses Bourbon in einem Schnapsladen. Dann fuhren wir in die Nacht. Wir tranken und lachten, hörten Musik und machten wilde Pläne, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Irgendwann stellten wir den Wagen einfach am Straßenrand ab und schliefen ein.
Wir wurden durch lautes Klopfen und das Licht einiger Taschenlampen geweckt. Die Fahrt ging weiter – allerdings auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens und mit Handschellen. Offensichtlich waren wir in Texas, denn am Straßenrand standen Schilder mit der Aufschrift „Don’t mess with Texas“ und es ging direkt in den Lamesa County Jail. Dort verhörten uns die schwarz uniformierten Polizeibeamten. C. konnte als Original-Ostberlinerin und Kind der DDR kein Englisch und saß einfach lachend auf dem Boden, barfuß und nur mit einem Hippie-Kleid aus San Francisco bekleidet, während ich der Polizei erklärte, wer wir waren und was wir gemacht hatten. Ich behauptete frech, ich sei Journalist von Beruf. Klingt immer besser als „arbeitslos“ und macht die Polizei möglicherweise etwas vorsichtiger. Man nahm unsere Fingerabdrücke und machte die berühmten Fotos mit einem Nummernschild vor der Brust, von dem ich aber leider, trotz Nachfrage, keine Abzüge bekommen konnte. Dann kamen wir in zwei Zellen, die nebeneinander lagen und auf der Flurseite vergittert waren, so dass man jederzeit hineinsehen konnte. Wir waren total aufgedreht und redeten noch eine Weile, bevor wir uns unter die kratzigen Decken zum Schlafen legten.
Am nächsten Morgen bekamen wir einen Becher Kaffee und ein Stück „Sweet roll“ zum Frühstück, dann ging es in Handschellen über die Straße zum Richter. Links und rechts von uns ging einer dieser Texas-Cops. Alter Finne! Es war wie im Film. Der Richter war recht freundlich, denn er hatte in Deutschland seinen Wehrdienst geleistet und erfreute uns zu Beginn mit ein paar Erinnerungen aus seiner Jugendzeit. Außerdem hatte man bei der Durchsuchung des Wagens keine Drogen gefunden, sondern nur eine leere Flasche Bourbon auf dem Rücksitz. Wir wurden zu jeweils 75 Dollar Strafe wegen „Public Intoxication“ verdonnert, die das Geburtstagskind C. großzügig auf ihre Kappe nahm. Sie zahlte mit Reiseschecks und zum Abschied fotografierte uns einer der Polizisten mit einer Polaroidkamera vor ihrem weißen Dienstwagen. Er drückte das Bild an sein Herz, damit es sich schneller entwickelt. Dann gab er es uns. Es ist das einzige Bild von dieser Amerika-Reise geblieben: C. mit ihren knallroten millimeterlangen Haaren und immer noch ohne Schuhe, ich mit meiner unvermeidlichen Jeans-Jacke und einem frechen Grinsen im Gesicht.
Wir verließen Lamesa und fuhren weiter in Richtung Louisiana. C. sagte mir am Abend, dass sei ihr schönster Geburtstag gewesen und sie würde ihn nie vergessen. Sie lebt immer noch in Berlin. Inzwischen ist sie Psychiaterin in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau. Damals hat sie mich als „introvertiert-schizoid“ klassifiziert, das heißt als ruhig mit gelegentlichen Ausrastern. Ob sie unser Bild noch hat?
T. Rex – Children of the Revolution. http://www.youtube.com/watch?v=GpVqWS-cUKc

Donnerstag, 3. Juli 2014

Ansichtskarten

Ich habe in einer Schublade einen Stapel alter Ansichtskarten gefunden, die alle an meine verstorbenen Großeltern adressiert sind.
Aus Puerto de Pollensa schreibt mein Vater 1976 seinen Eltern auf einer Karte, auf der acht winzige Bilder das Meer in der mallorquinischen Bucht, Hotels und Hafenanlagen zeigen. Von mir, der ich zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt bin, wird berichtet, dass es mir dort sehr gut gefällt und ich einen Jugend-Segelschein mache.
Aus Füssen im Allgäu berichtet er 1984 nur, dass der Urlaub schon halb vorbei sei, sich das Wetter aber bis zum Zeitpunkt der Berichterstattung „gut gehalten“ habe. Mit der Hoffnung, „dass Ihr noch einigermaßen gesund seid“ und der üblichen Grußfloskel enden die Zeilen. Das Bild zeigt einen See, hinter dem sich zwei Berge erheben.
Die nächste Karte ist aus dem kroatischen Selce und stammt aus dem Jahr 1970. Meine Mutter schreibt an mich und meine Großeltern. Offensichtlich habe ich mich zu diesem Zeitpunkt bei ihnen aufgehalten. Das Wetter ist schön und man hat tatsächlich eine Nachbarfamilie dort getroffen. „Mehr morgen, denn wir wissen noch nicht wie es weitergeht.“ Wir sehen das Meer und auf Handtüchern ausgestreckte Menschenleiber.
Alassio an der Riviera, wir schreiben das Jahr 1969. Eine Nachbarin berichtet, dass am Vormittag die Sonne warm geschienen habe, nun aber – es ist inzwischen Nachmittag – regnet es leider. Hotel und Verpflegung sind gut, das Bild zeigt eine palmengesäumte Strandpromenade und Menschen mit komischen Hüten.
Gigantische Betonsilos und ein überfüllter Sandstrand. Das ist Playa de Aro an der spanischen Costa Brava 1978. Meiner Schwester geht es gut, richtet sie den Daheimgebliebenen aus, aber es sei sehr heiß. „Bis auf die überbackenen Tomaten ist das Essen sehr gut.“ Das ist erfreulich.
Aus Venedig versendet mein Vater „viele herzliche Grüße von einer Dampferfahrt“. Das Wetter sei herrlich. Obwohl auf der Karte die Postleitzahl und die Straße nebst Hausnummer fehlen, ist sie offenbar wohlbehalten angekommen. Als Ergänzung zum Zielort Katzenelnbogen werden Diez an der Lahn und der Taunus als Region genannt.
1976 schreibt er aus Wien, er sei „ein paar Tage dem Alltag entflohen“ und fühle sich sehr wohl. Acht Bilder zeigen die Sehenswürdigkeiten Wiens wie den Stephansdom, Schloss Schönbrunn und das Prater-Riesenrad.
Weniger wohl fühlt sich meine Schwester 1979 auf Klassenfahrt in München. „Es ist heiß, und wir müssen durch Museen laufen. Dafür dürfen wir bis 24 Uhr in die Disco.“ Auf neun Bildern werden die Vorzüge Oberbayerns optisch aufbereitet, darunter Schloss Neuschwanstein, ein Ausflugsdampfer, ein Bauernhaus und tanzende Menschen in volkstümlicher Tracht.
Eine Karte von mir an Oma und Opa aus dem Jahr 1976! Ich bin bei meiner anderen Großmutter – nur 15 Kilometer entfernt. „Gestern habe ich mit Oma Minigolf gespielt und sie besiegt. Es war ganz toll. (…) Heute regnet es leider, und deshalb sehe ich heute Mittag nur fern.“
Dann meldet sich wieder meine Schwester, diesmal aus dem südfranzösischen Cap d’Agde, wo die gesamte Familie Urlaub macht. „Weil es keine Hotelzimmer mehr gab, wohnen wir jetzt im Appartement, wo man alles selbst machen muss. Das Wetter hier ist genauso wie in Deutschland“. Aber wie war es am 31. Juli 1978 in Deutschland? Das Bild zeigt einen Sonnenuntergang über dem Meer.
Meine gesamte Familie in Urlaubsprosa … Meine Großeltern sind übrigens in ihrem ganzen Leben nie in den Urlaub gefahren. Wie denn auch? Hätten sie die Hühner in die Tierpension bringen sollen? Und wer kümmert sich um das Gemüse im Garten? Zum Thema Urlaub passt das folgende Musiksandwich:
Tocotronic – Der schönste Tag in meinem Leben. http://www.youtube.com/watch?v=uOspqHAa8BU
Johann Strauss – An der schönen blauen Donau. http://www.youtube.com/watch?v=F1mmHn-FD48
Tocotronic – Nach Bahrenfeld im Bus. http://www.youtube.com/watch?v=LSg4yD58xeE

Mittwoch, 2. Juli 2014

Gute Kneipen – ein Ratgeber

Gute Kneipen erkennt man daran, …
dass es nichts zu essen gibt.
dass nicht mehr als eine Sorte alkoholfreies Bier verkauft wird (am besten gar keins).
dass der Barkeeper verwaschene amateurhafte Knasttätowierungen auf beiden Armen trägt und nicht das chinesische Schriftzeichen für Hämorrhoidensalbe oder irgendeine Tribal-Kinderkacke.
dass schwere Motorräder vor der Tür parken, an denen nichts bunt ist.
dass es ein Hinterzimmer mit einem Billardtisch oder wenigstens einem Kicker gibt.
dass an den Wänden keine Bilder hängen – und auch kein Fernseher.
dass es selbst bei hellem Sonnenschein dunkel in ihnen ist.
dass Rauchen erlaubt ist und die Raucher nicht temporär aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.
dass es keine unbekannten Cocktails mit Phantasienamen gibt.
dass es auf der Herrentoilette weder geblümtes Klopapier noch ein Händetrockner-Gebläse gibt, dafür aber lustige Sprüche an der Wand und die Telefonnummer einer „Party-Toilette“, die alles schlucken möchte.
dass es einen Hinterausgang gibt.
Cyndi Lauper – All Through the Night. http://www.youtube.com/watch?v=ZONKoKIQ9RY

Dienstag, 1. Juli 2014

Ansichtssachen

Zwergkaninchen interessieren sich nicht für das Fernsehprogramm. Sie schauen einfach nicht hin – seien es Beziehungsdramen oder Kriminalfilme, sei es Politik oder Sport. Deuten wir dieses Verhalten als Mangel an Intelligenz oder als stumme Klugheit der Natur? Wohl aber knabbern sie gerne am Fernsehkabel herum. Was möchten sie uns auf diesem Wege mitteilen?
Chinesen stehen in großer Zahl vor dem Brandenburger Tor und fotografieren es. Dergleichen ist bei angereisten Amerikanern und Franzosen zu beobachten. Der einheimische Berliner käme nie auf diese Idee. Hat der Berliner darum weniger Kultur? Wozu macht sich der Chinese, der bekanntlich von weit her kommt, die Mühe einer ellenlangen Reise, um eine völlig bedeutungslose Ansammlung von Stein und Metall zu betrachten? Was interessiert ihn eigentlich dort?
Warum wird ein Teil der Menschheit alle zwei Jahre von dem rätselhaften Drang befallen, sich bei der Betrachtung von Sportübertragungen, namentlich von Fußballwelt- und Fußballeuropameisterschaften der Männer, in spezielle Bekleidung zu hüllen, sich das Gesicht zu bemalen, Häuser und Automobile mit Fahnen zu schmücken und nach Abschluss der Übertragung laut hupend durch die Gegend zu fahren? Und warum machen sie das nicht bei Bundesligaspielen, den Spielen ihrer eigenen Kinder auf dem heimischen Sportplatz oder beim Tennis? Sollte man in Zukunft den „Tatort“ im Trenchcoat und die Schwimmweltmeisterschaft in Badehosen anschauen? Ist es schon ein Zeichen von Intelligenz und Kultur, auch bei Torerfolgen der deutschen Nationalmannschaft bzw. den unvermeidlichen Gegentoren heitere Gelassenheit zu bewahren oder befindet man sich auch in diesem Falle noch weit unter dem Niveau von Nagetieren?
Es ist durchaus lohnenswert, sich in einer stillen Stunde einmal solche Fragen zu stellen. Fassen Sie Ihre Antworten bitte schlagwortartig zusammen und sprühen Sie diese an die Hauswände Ihres Wohnortes! Wir lesen voneinander. Und sollten Sie mich jemals in einem Deutschland-Trikot, mit einer bunten Mütze und schwarz-rot-gelber Kriegsbemalung mit einem Bitburger Alkoholfrei in der Hand bei einem Autokorso durch die Innenstadt sehen, wurde ich von professionellen Kidnappern entführt und versuche, Ihnen auf diese Weise ein Zeichen zu geben. Rufen Sie bitte die Polizei!
Corona – Rhythm of the Night. http://www.youtube.com/watch?v=BfSpU0vEh4M