Der nachfolgend wiedergegebene
Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern und Büchnerpreisträgern Andy
Bonetti und Johnny Malta stammt aus dem Jahre 2011 und soll im kommenden Herbst
bei Suhrkamp in der Reihe „Dialoge der Weltgeschichte“ erscheinen.
„Lieber Andy, herzlichen
Glückwunsch zu deinem neuen Roman ‚Die Pilger von Hanau‘. Ich habe das Buch
gerade aus der Hand gelegt und bin noch ganz erschöpft von den vielen
Eindrücken und Assoziationen. Der Text ist mit Anspielungen an die
Weltliteratur geradezu gespickt. Die Figur des Pralinski ist der Erzählung
‚Eine dumme Geschichte‘ von Dostojewski entlehnt und der Bergomask ist eine
Hommage an Thomas Pynchon und seinen Roman ‚V.‘, wenn ich mich recht entsinne.
Die Szene am Schluss erinnert mich ein wenig an ‚Vom Winde verweht‘, aber es
ist sehr kreativ, sie in Offenbach am Hauptbahnhof spielen zu lassen. Pralinski
trägt seine Angebetete die Treppe zu den Toiletten hinunter und wir können nur
ahnen, was als nächstes passiert. Genial! Anbei ein Vorab-Exemplar meines neuen
Werks ‚Mein linker Zeigefinger‘. Ich bin gespannt auf dein Urteil. Herzlichst,
dein Johnny“
„Lieber Johnny, vielen Dank für
dein gütiges Urteil. Im Feuilleton der FAZ heißt es dazu ganz schlicht: ‚Ein
großartiges Werk von bleibendem Wert‘. Ich habe schon ein wenig in dein
Manuskript hineingelesen. Die Szene, wie dein linker Zeigefinger beim Kartenmischen
mit den anderen harmoniert, ist ganz superb. Auch den faszinierenden Kern des
Klavierspiels hast du gut herausgearbeitet. Die Hauptfigur in dieser Szene ist
eine stumme Pianistin, die von einem Verehrer den rechten Zeigefinger mit einer
Axt abgehackt bekommt. Irgendwie erinnert mich das an den Film ‚Das Piano‘.
Sicherlich auch nur eine ‚Hommage‘. Kannst du dich noch an den herrlichen Abend
erinnern, als wir auf Einladung des Frankfurter Kulturdezernenten die Premiere
dieses Films in der Astor Film Lounge auf der Zeil gesehen haben und du am
Buffet gestolpert bist? Du bist mit dem Ellbogen im Nudelsalat gelandet und
hast dann zur Frau des Oberbürgermeisters gesagt: ‚Guck ned so blöd, du fette
Sau!‘ Ein unvergesslicher Moment, den ich eines Tages sicherlich einmal
literarisch verarbeiten werde. Ganz liebe Grüße, dein Andy“
„Lieber Andy, eine köstliche
Geschichte. Das erinnert mich an den Empfang in der rumänischen Botschaft, als
du so betrunken warst, dass du im Pelzmantel der dänischen Kronprinzessin nach
Hause gehen wolltest. Ich habe die Szene in meinem Theaterstück ‚Ein Abend bei
Mirko‘ verarbeitet und sie verleitet das Publikum bei jeder Aufführung zu
wahren Lachstürmen. Ich kann dir die Arbeit am Theater nur wärmstens ans Herz
legen. Man ist einfach näher dran am Publikum und kann aus den unmittelbaren
Reaktionen der Zuschauer viel für das weitere künstlerische Schaffen lernen.
Viele Grüße, dein Johnny“
„Lieber Johnny, das war mein
Pelzmantel. Und wie kannst du dich überhaupt an die Szene erinnern, wenn du
bereits lange vor Ende der Veranstaltung mit dem Krankenwagen in die Klinik
gefahren wurdest, wo man dir den Magen ausgepumpt hat? Du hast damals im Vollrausch
die minderjährige Tochter des Botschafters angebaggert. Erinnerst du dich
wenigstens daran? Ich wusste gar nicht, dass deine Stücke noch aufgeführt
werden. Ich hörte zuletzt, einzig und allein ‚Die Zwerge Roms‘ würde noch vom
Schülertheater des Marburger John-Lennon-Gymnasiums gespielt. Aber ich kann
mich auch täuschen. Schließlich beschäftige ich mich nicht mit dem Theater,
sondern schreibe seit einem halben Jahr an meinen Memoiren, die ich unter dem
Titel ‚Erkelenz, mon amour‘ zu veröffentlichen gedenke. Das Werk ist auf drei
Bände im Schuber angelegt, die in Schweinsleder gebunden sein sollen. MfG,
Andy“
„Lieber Andy, du willst mit
deinen Lebenserinnerungen drei Bände füllen? Das ist mutig. Aber es gibt
natürlich viele Anekdoten, die es verdienen, von dir erzählt zu werden. Da
denke ich zum Beispiel an die Verleihung des Literaturpreises von Bad Nauheim,
als dir bei der Verbeugung vor der Bürgermeisterin auf offener Bühne die Hose
geplatzt ist. Und ich lache immer noch Tränen, wenn ich an deinen
Talkshowauftritt bei Günther Jauch denke, als du ernsthaft behauptet hast, die
Bücher von Boris Becker würden von der Literaturkritik systematisch
unterschätzt. Aber da wäre natürlich noch die wunderbare Geschichte, wie du
deine Frau beim Speed-Dating in Darmstadt kennengelernt hast. Wie romantisch!
Johnny“
„Mein lieber Johnny, jetzt will
ich dir mal eins sagen: Wer eine Frau hat, die er in einem drittklassigen Puff
auf der Kaiserstraße kennengelernt hat, und wer einen Sohn hat, der gerade
wegen Drogenhandels eine mehrjährige Haftstrafe absitzt, sollte die Klappe
nicht allzu weit aufreißen. Ich bin dieses Jahr für den Grimme-Preis nominiert,
weil ich mit dem Fernsehspiel ‚Dunkle Tage im Nichts‘ ganz neue Wege
beschritten habe. Und du? Wenn ich nur an deine albernen Gedichte denke!
‚Schnee, Schnee, du bist so schee‘. Kein Wunder, dass unser Verleger immer nur
den Kopf schüttelt, wenn jemand deinen Namen erwähnt.“
„Du weißt doch noch nicht mal,
was ein Puff ist. Jeder in der Literaturszene weiß, dass du impotent bist. Wir
fragen uns alle, wer die Väter deiner beiden hässlichen Töchter sein mögen. Und
mein Gedichtband ‚Sonette für eine bessere Welt‘ ist gerade ins Koreanische
übersetzt worden. Ich kann mich nicht erinnern, dass man von einem gewissen
Herrn Bonetti irgendwas auf Koreanisch lesen kann. Und nur zu deiner
Information: Ich habe gerade das Amt des Stadtschreibers von Fritzlar
abgelehnt, das man an mich herangetragen hat. Und hör endlich auf, mich mit
deinen Briefen zu belästigen! Ich bin Schriftsteller und habe zu
arbeiten.“
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