Dienstag, 17. März 2026

Schmerzensgeld

 

Das schmale Backsteinhaus lag unter dem bleiernen Himmel, als hätte es Mühe, dem Druck standzuhalten. Ich zögerte einen Moment, dann betrat ich das Grundstück durch die verwitterte Gartentür und klingelte. Wie immer dauerte es eine Viertelstunde, bis die Tür endlich geöffnet wurde.

Frau Jacoby war eine zornige kleine Kreatur, die stets eine dunkelgraue Strickjacke trug und ihr schlohweißes Haar zu einem Dutt gebunden hatte. In ihren besten Tagen mag sie einsfünfzig groß gewesen sein, jetzt hatte sie einen Buckel und musste sich mit beiden Händen auf ihren Stock stützen, wenn sie zu mir aufsah.

„Was wollen Sie? Ich hatte mich gerade auf meine Ottomane gelegt.“

„Wir sind doch jeden Tag um diese Zeit verabredet.“

„Kommen Sie schon rein. Ich habe keine Lust, den Garten zu heizen.“

Sie konnte den ganzen Tag ihr Gift verspritzen, ohne jemals zu ermüden. Man hätte es für Schrulligkeit oder sogar für Ironie halten können, aber ihre sagenhaft schlechte Laune und ihre Verachtung für die gesamte Welt, womit nicht nur alle Lebewesen und Pflanzen, sondern selbst Meere, Berge und der Sternenhimmel gemeint waren, war nicht gespielt.

Ich folgte ihr in den düsteren Flur. Die Decken sämtlicher Räume des Hauses waren so niedrig, dass ich sie mit der Hand berühren konnte, ohne mich auf die Zehenspitzen zu stellen. Jedes Zimmer war so klein, man hätte meinen können, das Haus sei um sie herumgebaut worden. Ein Klaustrophobiker wäre schreiend davongelaufen.

Wir gingen ins Wohnzimmer, das diesen deprimierenden muffigen Geruch alter Leute ausdünstete, die seit Wochen vergessen hatten zu lüften. Auf dem Vertiko saß Johann, ihr Kater, der seiner Besitzerin an Boshaftigkeit in nichts nachstand und mich wütend anfauchte. Er schlug mit seiner Pfote nach mir, war aufgrund seiner Fettleibigkeit aber nicht imstande, mich anzuspringen.

Ich setzte mich auf das Sofa und nahm einen Schreibblock und einen Kugelschreiber aus meiner Aktentasche. Frau Jacoby setzte sich auf einen Sessel und fragte mich, wo wir beim letzten Mal stehengeblieben waren.

„1959.“

„Ich erinnere mich gut. Ich verbrachte den Sommer im Grand Hotel von Rimini. Die Playboys und Heiratsschwindler umschlichen das Gebäude wie Alligatoren. Eine wohlhabende und gutaussende Frau wie ich hatte es damals nicht leicht …“

Erfolgreiche Schriftsteller verbringen ein sorgloses Leben an ihrem Schreibtisch. Die Verleger reißen ihnen jedes Manuskript aus den Händen, weil es Erfolg und hohe Einnahmen verspricht. Mittelmäßige Schriftsteller haben oft einen Nebenjob als Germanistikdozent oder ihre Ehefrauen haben einen Beruf mit genügendem Einkommen. Schlechte Schriftsteller wie ich müssen die Memoiren von Menschen wie Frau Jacoby schreiben. Immerhin zahlt sie 1500 Euro im Monat. Es ist Schmerzensgeld. Hart verdientes Schmerzengeld.  

 

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