Das schmale Backsteinhaus lag
unter dem bleiernen Himmel, als hätte es Mühe, dem Druck standzuhalten. Ich
zögerte einen Moment, dann betrat ich das Grundstück durch die verwitterte
Gartentür und klingelte. Wie immer dauerte es eine Viertelstunde, bis die Tür endlich
geöffnet wurde.
Frau Jacoby war eine zornige
kleine Kreatur, die stets eine dunkelgraue Strickjacke trug und ihr
schlohweißes Haar zu einem Dutt gebunden hatte. In ihren besten Tagen mag sie
einsfünfzig groß gewesen sein, jetzt hatte sie einen Buckel und musste sich mit
beiden Händen auf ihren Stock stützen, wenn sie zu mir aufsah.
„Was wollen Sie? Ich hatte mich
gerade auf meine Ottomane gelegt.“
„Wir sind doch jeden Tag um
diese Zeit verabredet.“
„Kommen Sie schon rein. Ich habe
keine Lust, den Garten zu heizen.“
Sie konnte den ganzen Tag ihr
Gift verspritzen, ohne jemals zu ermüden. Man hätte es für Schrulligkeit oder
sogar für Ironie halten können, aber ihre sagenhaft schlechte Laune und ihre
Verachtung für die gesamte Welt, womit nicht nur alle Lebewesen und Pflanzen,
sondern selbst Meere, Berge und der Sternenhimmel gemeint waren, war nicht
gespielt.
Ich folgte ihr in den düsteren
Flur. Die Decken sämtlicher Räume des Hauses waren so niedrig, dass ich sie mit
der Hand berühren konnte, ohne mich auf die Zehenspitzen zu stellen. Jedes
Zimmer war so klein, man hätte meinen können, das Haus sei um sie herumgebaut worden.
Ein Klaustrophobiker wäre schreiend davongelaufen.
Wir gingen ins Wohnzimmer, das diesen
deprimierenden muffigen Geruch alter Leute ausdünstete, die seit Wochen
vergessen hatten zu lüften. Auf dem Vertiko saß Johann, ihr Kater, der seiner
Besitzerin an Boshaftigkeit in nichts nachstand und mich wütend anfauchte. Er
schlug mit seiner Pfote nach mir, war aufgrund seiner Fettleibigkeit aber nicht
imstande, mich anzuspringen.
Ich setzte mich auf das Sofa und
nahm einen Schreibblock und einen Kugelschreiber aus meiner Aktentasche. Frau
Jacoby setzte sich auf einen Sessel und fragte mich, wo wir beim letzten Mal
stehengeblieben waren.
„1959.“
„Ich erinnere mich gut. Ich verbrachte
den Sommer im Grand Hotel von Rimini. Die Playboys und Heiratsschwindler
umschlichen das Gebäude wie Alligatoren. Eine wohlhabende und gutaussende Frau
wie ich hatte es damals nicht leicht …“
Erfolgreiche Schriftsteller
verbringen ein sorgloses Leben an ihrem Schreibtisch. Die Verleger reißen ihnen
jedes Manuskript aus den Händen, weil es Erfolg und hohe Einnahmen verspricht.
Mittelmäßige Schriftsteller haben oft einen Nebenjob als Germanistikdozent oder
ihre Ehefrauen haben einen Beruf mit genügendem Einkommen. Schlechte
Schriftsteller wie ich müssen die Memoiren von Menschen wie Frau Jacoby
schreiben. Immerhin zahlt sie 1500 Euro im Monat. Es ist Schmerzensgeld. Hart
verdientes Schmerzengeld.
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