Freitag, 26. Juni 2015
Rheinkind, Kapitel 8
Es war kühl und der Morgen dämmerte grau, als er wieder einmal mit dem Fahrrad zur Schule fuhr. Er war jetzt in der neunten Klasse und Michael, Julian und die anderen waren immer noch seine Klassenkameraden. Aber es gab drei Sitzenbleiber, die neu in der Klasse waren: Udo Saalwächter, der hochgewachsene Sprössling eines angesehenen Notars, und seine beiden Freunde, Stefan Appel aus Heidesheim, unscheinbar und blass, und Frank Wolf, ein übergewichtiger Schlägertyp aus Schwabenheim. Sie setzten sich mit ausdruckslosen Minen in die letzte Reihe.
Der Junge hatte als alter Schulprofi alles richtig gemacht und mit Julian und Michael beim ersten Betreten des neuen Klassenzimmers im vierten Stock des Neubaus eine Dreierecke belegt. Er saß mit Julian mit dem Rücken zum Fenster an der Heizung, Wärme und Frischluft waren damit garantiert. Außerdem saßen sie ganz vorne. An diesem Platz saß man fast im toten Winkel der Lehreraugen und wurde eher in Ruhe gelassen als die Schüler im Zentrum des Raums. Am Ende der Stunde war man blitzschnell an der Zimmertür und im Pausenhof. Direkt vor dem Jungen saß Michael in der ersten Reihe. Er hatte sich am Beginn des Schuljahrs freiwillig für die „Computer AG“ gemeldet. Im Sommer hatte das Gymnasium den ersten Computer angeschafft und Michael klang sehr begeistert, wenn er davon erzählte. Der Computer war kleiner als ein Fernseher und grau. Er stand in einem separaten Raum im ersten Stock neben dem Lehrerzimmer: das Tabernakel der Zukunftstechnologie. Das Zeitalter der Taschenrechner sei vorbei, da war sich Michael ganz sicher.
Während Michael seinen Träumen nachhing, malte Julian mit einem schwarzen Edding gedankenverloren Comcifiguren auf den holzfarbenen Kunststofftisch. Herr Klumb, der Geschichtslehrer, erklärte ihnen gerade die Geschichte ihrer Heimatstadt. Sein kleiner Kopf, der nur noch auf Ohrenhöhe von einem dünnen Kranz Haare bedeckt wurde, war rot angeschwollen und er gestikulierte heftig mit den Händen. Ein sicheres Zeichen, dass er Betriebstemperatur erreicht hatte.
Der Junge hatte erst seit dem vergangenen Schuljahr Geschichte und bisher waren sie über die Steinzeit und die Pyramiden erst bis nach Troja gekommen. Aber da die ganze Klasse im Oktober nach Berlin fuhr und deutsche Geschichte Teil ihres dortigen Bildungsprogramms sein würde, hatte er die Geschichte Ingelheims zum Thema gemacht.
„Die Ingelheimer waren schon immer ein stolzes Volk“, verkündete der Lehrer mit erhobenen Augenbrauen. „Karl der Große, der vor zwölfhundert Jahren das Deutsche Reich gründete, hatte hier einen seiner Regierungssitze. Die Ingelheimer hatten die Aufgabe, die Kaiserpfalz zu verteidigen und für das Wohlergehen des Hofstaates zu sorgen. Als Lohn für ihre Treue waren die Ingelheimer freie Menschen und nur dem Kaiser selbst gegenüber verantwortlich – in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Deutschen noch über viele Jahrhunderte in Leibeigenschaft leben musste. Dieser Stolz und dieser Freiheitssinn haben bis heute überlebt, obwohl die Pfalz längst zerstört, der letzte Kaiser tot und das Reich untergegangen ist.“
Nur der Gegenstand der Verehrung hatte sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, dachte der Junge. Er ging von Karl dem Großen allmählich über zahllose Könige und Adlige zu den Fabrikherren aus Schwaben über. Sie hatten vor fast hundert Jahren die Firma gegründet, in die frühmorgens Heerscharen von Erwachsenen strömten. Hier wurden im Laufe der Jahrzehnte viele verschiedene Dinge hergestellt: Milch- und Zitronensäure, Kokain, Morphium, eine eigene Limonadensorte, im Weltkrieg künstliches Koffein und später das Entlaubungsmittel Agent Orange für den Vietnamkrieg. Die Firma war in Ingelheim hoch angesehen, da sie nicht nur tausende von gutbezahlten Arbeitsplätzen bot, sondern in der Stadt auch regelmäßig als Mäzen für Kunstausstellungen und internationale Sportveranstaltungen auftrat.
Es gab noch einen Neuzugang in der 9a: Karin Reisinger. Sie war im Sommer mit ihrer Familie aus dem Iran nach Ingelheim gezogen. Fünf Jahre hatte sie in Teheran gelebt und war dort auf eine internationale Schule gegangen. Ihr Vater handelte mit chemikalischen Grundstoffen und hatte das Land verlassen, da inzwischen ein religiöser Führer statt des Schahs regiere. Über die Herrscherfamilie im Exil hatte der Junge in den Sommerferien etwas in den Zeitschriften seiner Großmutter gelesen. Der Schah und seine Familie lebten immer noch in prächtigen Villen und wirkten auf den Bildern wie ewige Ferienreisende.
Der Junge sah zu ihr herüber. Sie passte haargenau in die enge Jeans und hatte lange dunkelblonde Haare. Mit ausdruckslosem Gesicht sah sie den Lehrer an. Man konnte nicht sagen, ob sie zuhörte oder mit ihren Gedanken weit weg war. Sie drehte den Kopf nach links und sah den Jungen an. Der Blick aus ihren hellblauen Augen traf ihn wie ein Lichtblitz und er wandte sich schnell ab.
Der Lehrer war inzwischen schon im Hochmittelalter, als die Könige in Ingelheim prächtige Feste feierten, die oft eine ganze Woche dauerten. Er beschrieb den Bau der Burgkirche und der Wehrmauern, die bis zu acht Meter hoch waren. Aber der Stadtteil, aus dem der Junge kam, wurde gar nicht erwähnt. Wie sollte Karin je etwas über ihre neue Heimat erfahren, wenn Herr Klumb immer nur von den uralten Zeiten erzählte, als diese Kleinstadt noch eine Bedeutung hatte. Das erinnerte ihn an die langweiligen Geschichten, die sein Vater und sein Großvater immer von Katzenelnbogen erzählt hatten. Bis ins 15. Jahrhundert war der Ort bedeutend, aber dann waren die Grafen auf der Burg ausgestorben oder ausgerottet worden und seither war nicht mehr viel passiert.
Aber Ingelheim-West hatte eben keinen Kaiser zu bieten. Bis 1963 gab es diesen Stadtteil noch gar nicht. Er wurde für die wachsende Belegschaft der Firma, aber auch für Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten und Mitarbeiter des neugegründeten Fernsehsenders ZDF gebaut, dessen Anstaltsgebäude nur wenige Kilometer entfernt auf dem Lerchenberg lag. Hier gab es zuvor nur die Rheinstraße als Verbindung zwischen Ingelheim und Frei-Weinheim am Flussufer. Die Straße führte durch eine sandige Gegend, sie war von Kiefern und Robinien gesäumt. Die Straße vor seinem Haus führte also ursprünglich durch den Wald. Ein Paradies für Kaninchen, Mäuse und Füchse. Die Rheinstraße traf am „Roten Türmchen“ auf die Straße zwischen Bingen im Westen und Ingelheim im Osten. Hier war früher eine Hinrichtungsstätte auf dem weithin sichtbaren „Galgenbuckel“, nur wenige Hundert Meter von seinem Kinderzimmer entfernt. 1778 wurde hier zuletzt eine Frau hingerichtet, eine 18jährige aus dem Nachbardorf Wackernheim, die ihr Neugeborenes getötet hatte. Sein Vater hatte erzählt, dass man an dieser Stelle siebzig Jahre zuvor bei Vermessungsarbeiten ein Skelett gefunden hatte, an dessen Knochen noch eiserne Ketten gehangen hatten.
1903 wurde auf dem Gebiet des heutigen Ingelheim-West eine Chemische Fabrik gebaut. Gelegentlich gab es Brände, 1906 sogar eine große Explosion. Mitte der fünfziger Jahre schloss die Fabrik, in der Teerdachpappe hergestellt wurde, für immer. Die Villa der Bankrott gegangenen Fabrikbesitzerfamilie, die der Legende nach bereits in den goldenen Zwanzigern ihr Vermögen in Spielcasinos und diversen anderen Etablissements in Paris verschleudert hatte, stand immer noch. Sie war völlig zugewuchert und für die Kinder Gegenstand der wildesten Fantasien. Angeblich war schon einmal ein Junge auf dem Grundstück gewesen, es gäbe ein Loch im Zaun, eine alte Hexe oder wahlweise ein böser Mann wohnten dort, jedenfalls alles höchstgefährlich und verwunschen.
Aber davon sprach kein Lehrer. Dafür hatte der Mathematiklehrer, ein junger Mann, der erst seit zwei Jahren unterrichtete, ihnen erzählt, dass es im nächsten Jahr zum ersten Mal eine „Sommerzeit“ gäbe. Dann würden die Uhren zweimal im Jahr verstellt. Der Junge verstand nicht, wozu das gut sein sollte. Der Lehrer hatte ihnen erklärt, dass die Preise für Benzin und Heizöl immer weiter steigen würden und auf diese Weise könne man Energie sparen, weil es abends länger hell bliebe. Das wäre auch viel besser für die Menschen, weil sie dann den Abend länger genießen könnten. Der Junge verstand immer noch nicht. Wie sollte sich etwas am Leben ändern, wenn man die Uhren verstellte? Aber er wollte den Lehrer auch nicht fragen. Er beschloss, seine Timex mit dem schwarzen Kunstlederarmband, die er als einziger in der Klasse wie ein Amerikaner am rechten Handgelenk trug, nie zu verstellen.
In der großen Pause pilgerten viele Kinder in den nahe gelegenen Supermarkt, um Cola und Chips zu kaufen. Eigentlich durfte man das Schulgelände nicht verlassen, aber es waren höchstens zwanzig Meter auf einer unbelebten Seitenstraße.
Die drei Sitzenbleiber standen für sich in einer Ecke das Schulhofs, der Junge stand mit Julian, Michael und Oliver in einer anderen Ecke. Sie diskutierten über die Graffiti, die seit gestern auf der Fassade des Schulgebäudes prangte: „Atomkraft – nein danke“ und „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht.“ Widerstand war tatsächlich mit i-e geschrieben und man vermutete die Täter allgemein in der benachbarten Realschule.
Herr Sundermann, ein Mathematiklehrer, der Pausenaufsicht hatte, trat zu ihnen. „Sagt mal, könnt ihr mir sagen, was diese Schmierereien sollen?“
Michael antwortete: „Das waren bestimmt Sozialisten. Mein Vater sagt, die Kernkraftgegner seien die fünfte Kolonne Moskaus.“
Oliver Hassemer fing an: „Isch hunn gedenkt …“
„Ich habe gedacht!“ unterbrach ihn der Lehrer barsch. Der rheinhessische Dialekt wurde den Kindern auf dem Gymnasium systematisch ausgetrieben.
Der Junge dachte sich seinen Teil. Für ihn waren die Neuen in der Klasse die Täter. Der dicke Frank mit seiner schwarzen Lederjacke machte sicher alles, was ein bisschen Spaß versprach. Legal, illegal, scheißegal. Der blasse Stefan in seinem Bundeswehrparka war der typische Mitläufer. Und dann Udo mit seinen schulterlangen Haaren, der sich wahlweise als Nihilist oder als Anarchist bezeichnete. Mit beiden Begriffen konnte der Junge nichts anfangen. Aber er ließ sich die Haare jetzt auch länger wachsen. Zuletzt hatte ihm seine Mutter im Mai die Haare geschnitten. Und genauso hatte er hinterher ausgesehen: die bleiche Stirn lag offen wie bei Frankensteins Monster, nachdem sie seine dunklen Locken abgeschnitten hatte. Auch mit den nachtblauen Sweatshirts und den braunen Halbschuhen konnte es nicht ewig so weitergehen.
***
Am Nachmittag traf sich der Junge mit Julian. Er stellte sein Fahrrad vor dessen Haus ab und sie gingen den Neuweg hinunter zum Marktplatz. Endlich war Rotweinfest und tausende Besucher strömten am letzten Wochenende im September in die Stadt. Auf dem Marktplatz war eine große Menschenmenge, von einem Balkon winkte die Rotweinkönigin. Sie hatte tatsächlich ein mittelalterlich wirkendes, weinrotes Kleid an. Ihre riesige getönte Brille wirkte insektenhaft und über einer kurzen blonden Föhnwelle thronte ein goldenes Krönchen. Die Jungs gingen weiter, auf dem Weg vom Marktplatz zur Burg waren die Tore der Weingüter weit geöffnet. Aus Fenstern und Türen drang das Gemisch vieler Stimmen. Er sah rotgesichtige Menschen, die an langen Holztischen beim Wein saßen. Die Luft war rauchgeschwängert, helles Gelächter und Frauenkreischen drang aus einer der hinteren Ecken. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass an Wochentagen ganze Abteilungen der Firma nach der Mittagspause gemeinsam auf das Fest gehen würden. Sie selbst ging jedoch nie hin.
Innerhalb des Burggeländes, das von einer schlichten Kirche geprägt und von Bruchsteinmauern umschlossen war, gab es nur einige Stände, die sie schnell hinter sich ließen. Als die beiden Jungen durch das östliche Burgtor auf das eigentliche Festgelände kamen, empfing sie Schunkelmusik und eine Lautsprecherstimme lockte zu einem monströsen Stahlkraken, der sich kreischend und blinkend im Kreis drehte. Für so etwas würde der Junge bestimmt kein Geld ausgeben. Die Fahrgeschäfte waren teuer und das Vergnügen war allzu schnell vorbei.
Sie schlenderten in Ruhe über das Festgelände und blieben eine Weile beim Autoscooter stehen. Hier waren viele ältere Jungs und die Musik war viel besser: Rockmusik statt Schlager. Sie beobachteten einen jungen Kerl, der lässig die leeren Autoscooter zu ihrem Platz zurück fuhr, ohne sich hineinzusetzen. Er sah richtig gefährlich aus mit seinen kräftigen Oberarmen und den fehlenden Schneidezähnen.
Dann gingen sie zum Schießstand hinüber. Julian wollte sich einen schwarzen Spielzeugrevolver schießen, aber von fünf Schüssen traf er nur zwei Mal. Sie gingen am Süßigkeitenstand vorbei, dann an der opulenten Losbude mit den riesigen Plüschtieren, dem Kinderkarussell und schließlich dem „Hau den Lukas“. Am Ende des Festplatzes stand ein riesiges weißes Festzelt. Sie schauten nur kurz hinein. Die lebhaften Gespräche an den langen Tischen im vollbesetzten Zelt machten regelrecht Lärm und ein halbes Dutzend Frauen in Trachtenkleidern trugen große Tabletts mit funkelnden Weingläsern durch die Gänge. Im Hintergrund war eine Bretterbühne zu erkennen, auf der gerade eine Kapelle in Bergmannstracht spielte. Sie waren trotz der Mikrophone und Verstärker kaum zu hören. Für den Abend kündigten die Plakate einen Schlagersänger an, der vor einigen Jahren sogar schon einmal in der ZDF-Hitparade aufgetreten war.
Dann schlenderten sie ebenso gemächlich wieder zurück und kauften sich etwas zum Essen. Sie setzten sich auf die Stufen einer Treppe, die vom Festzelt zu einem kleinen Weg hinauf führte, und blickten von dort auf das bunte Gewimmel der Festgäste hinab. Direkt hinter ihnen begannen die Weinberge, die sich um Ober- und Niederingelheim herum in alle Richtungen ausdehnten. Der Junge aß bedächtig kauend sein Popcorn, Julian betrachtete liebevoll seine Zuckerwatte und biss hinein. Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann zog Julian ein kleines gelbliches Päckchen aus der Innentasche seiner Jeansjacke. „Sie mal, was ich hier habe.“
Der Junge erkannte die Zigarettenschachtel und kannte alles andere in Julians grinsendem Gesicht lesen. „Wo hast du die her?“
„Die Packung aus dem Mülleimer und die Zigaretten von meinem Alten.“
„Wo wollen wir das machen?“
Julian stand auf und deutete mit dem Kopf in Richtung Weinberge. „Wir müssen uns einen guten Platz suchen.“
Sie gingen einen Feldweg hinauf, links und rechts die monotonen Reihen der Rebstöcke. In der Ferne knatterte ein Traktor. Als man das Rotweinfest nicht mehr sehen konnte, setzten sie sich auf eine kleine Bruchsteinmauer.
Julian zündete ein Streichholz an und hielt es an die Zigarette, die er sich zwischen die Lippen gesteckt hatte.
Der Junge hatte das schon eine Million Mal bei seinen Eltern oder anderen Erwachsenen gesehen, aber diesmal war es ganz anders. Er beobachtete, wie Julian an der Zigarette zog. Die Spitze glimmte kurz auf und im gleichen Augenblick pustete er den Rauch schon wieder aus.
Julian sah ihm in die Augen und gab ihm die Zigarette.
Der Junge nahm sie und saugte der Rauch ein, der wie ein Hammer seine Kehle traf. Er hustete und Julian klopfte ihm lachend auf den Rücken.
„So ging es mir neulich auch, als ich in unserem alten Nachbarhaus gesessen und heimlich geraucht habe. Ganz langsam anfangen, nicht zu heftig ziehen!“
Bei seinem zweiten Zug schmeckte der Junge das würzige und beißende Aroma des Tabaks auf seiner Zunge.
Rheinkind, Kapitel 9
Nach den kurzen Herbstferien, die der Junge zu Hause in Ingelheim verbracht hatte, ging es auf Klassenfahrt nach Berlin. Um sieben Uhr morgens trafen sich die Kinder seiner Schulklasse am Ingelheimer Bahnhof. Es war kühl und neblig, als er sein Fahrrad abstellte. Auf dem Bahnsteig waren einige vereinzelt stehende Männer mit Aktentaschen zu sehen. Seine Mitschüler standen alle müde und verlegen neben den großen Erwachsenenkoffern.
Die Klassenlehrerin hieß Frau Ritter und hatte eine hellbraune Kurzhaarfrisur. Heute sah sie der Junge zum ersten Mal in ihrem hellen Trenchcoat. Als zweiter Lehrer fuhr Herr Weyrich mit, ein kleiner drahtiger Sportlehrer mit mächtigem Brustkasten. Sie überprüften die Anwesenheit der Kinder und stellten fest, was der Junge schon wusste. Michael hatte eine Grippe und konnte nicht mitfahren. Vermutlich waren seinen vorsichtigen Eltern Reiseziel und Begleitung nicht geheuer. Immerhin war Julian mit dabei. Er hatte eine große schwarze Sporttasche mit weißen Adidas-Streifen dabei, während der Junge seine Klamotten in einen kleinen hellbraunen Damenkoffer geknüllt hatte.
Mit dem D-Zug fuhren sie in Richtung der aufgehenden Sonne nach Mainz. Dort stiegen sie in einen Intercity um. Diese neuen Züge ersetzten nach und nach den Trans-Europa-Express. Dem Jungen war aufgefallen, das der Mainzer Bahnhof aus demselben Sandstein gebaut war wie die alten Häuser in Ingelheim. Frau Ritter hatte Sechs-Personen-Abteile reservieren lassen und die beiden Jungs setzten sich gleich ans Fenster. Die Mädchen und die Streber suchten sich ihre eigenen Abteile. Am Ende saßen noch die drei Sitzenbleiber und Herr Weyrich in ihrem Abteil.
Gegen elf Uhr erreichten sie die innerdeutsche Grenze in Bebra. Ernste Männer in grauen Uniformen kontrollierten die Ausweise der Reisegruppe.
“Bebra, hier ist Bebra! Werte Reisende, wir begrüßen Sie in der Deutschen Demokratischen Republik! Alle Reisende, die nicht nach Berlin fahren, werden aufgefordert, sofort auszusteigen, da dieser Zug bis Berlin nicht hält! Ich wiederhole...!" Dann rollte ihr Zug als geschlossener „Transitzug“ durch Ostdeutschland. Es hatte angefangen zu regnen und die Landschaft, die sich beim Blick aus dem Abteilfenster bot, wirkte leer und trostlos. Die Schüler besuchten sich gegenseitig in den Abteilen, erzählten von der Grenzanlage, die sie hinter sich gelassen hatten, und waren alsbald in Kartenspiel und Lektüre versunken. Nur in Erfurt hielt der Zug an. Auf dem Bahnsteig war nur ein Polizist zu sehen, sonst niemand.
Gegen ein Uhr wurde es still in den Abteilen. Sie schoben die sechs beweglichen Sitzflächen ihres Intercity-Abteils zusammen, so dass sich eine geschlossene Polsterdecke bildete. Herr Weyrich war im Zugrestaurant und aß zu Mittag. Die Jungs hatten ihre Schuhe ausgezogen und lümmelten sich auf dem bequemen Lager.
Der Zug rollte endlos durch unbekannte Landschaften, die ihn dennoch an seine Heimat erinnerten. Der Junge blickte aus dem Fenster und dachte an die Zeit, als er mit seinem Vater lange Spaziergänge gemacht hatte. Er erinnerte sich an die vielen schönen Gärten, an denen sie vorüber gekommen waren. Mit kleinen Obstbäumen und verwitterten Stühlen und Tischen aus Holz, Gartenhäuschen und Geräteschuppen, mit Butterblumen und Löwenzahn. Er stellte sich oft vor, wie es wäre, einen solchen Garten zu haben. Sie hatten keinen Garten, sondern nur einen Balkon. Er beneidete die Menschen, die man merkwürdigerweise niemals in diesen heiteren und gepflegten Gärten sah, obwohl doch die Sonne schien und die Vögel zwitscherten.
In Griebnitzsee bei Potsdam wiederholte sich die Prozedur der Kontrollen, dann waren sie endlich am Bahnhof Zoo. Berlin!
Als sie in den bestellten Reisebus stiegen, ging gerade die Sonne unter. Sie fuhren eine Weile durch die Stadt, ohne etwas zu erkennen. Häuserreihe an Häuserreihe, Straßen und große Plätze. Breite Verkehrsachsen, auf denen gelbe Doppeldeckerbusse fuhren. Die Jugendherberge lag in der Koloniestraße im Wedding, einem Arbeiterbezirk im Norden der Stadt.
Im Speisesaal gab es Abendbrot: Früchtetee, geschnittenes Graubrot, Wurst und Käse. Dann wurden die Zimmer verteilt. Der Junge kam mit seinem Freund Julian und den drei Neuen in ein Fünfmannzimmer. Dann gab es, zwei Stockwerke über ihnen, noch zwei Mädchenzimmer und auf ihrem Flur zwei Jungenzimmer. Wo die Lehrer schliefen, wussten sie nicht.
Anschließend verzogen sich alle auf ihre Zimmer. Morgen ging das Programm los, Wecken war für sieben Uhr angesetzt. Udo, Stefan und Frank saßen in Unterhosen auf ihren Betten und sahen dem Jungen und Julian beim Auspacken zu.
„Wollt ihr eure Sachen nicht in den Schrank hängen. Da gibt’s bestimmt Bügel“, sagte der dicke Frank.
„Nicht das Mama über Knitterfalten schimpfen muss“, ergänzte ihr Anführer Udo und Stefan lachte mit.
Sie hatten ihre Taschen einfach in die Ecken gepfeffert. Jetzt stand Udo auf und ging zu seinem olivgrünen Rucksack hinüber. Er öffnete eine Seitentasche und holte eine grüne Flasche heraus.
Frank und Stefan grinsten.
„Dann werden wir uns mal einen Schluck genehmigen“, sagte Frank und holte einen Korkenzieher aus der Seitentasche seiner Lederjacke.
Sie reichten die Flasche herum. Dann sahen sie zu dem Jungen und Julian hinüber. „Wollt ihr auch was?“
„Na klar“, grinste Julian. „Ich dachte, ihr würdet nie fragen.“ Lässig ging er hinüber, nahm die Weinflasche und nahm einen großen Schluck. Dann gab er sie dem Jungen.
Der Junge dachte nicht lange nach und trank ebenfalls. Der Wein schmeckte säuerlich und wärmte ihm fast augenblicklich den Magen.
„Was ist, Leute“, sagte Julian, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. „Hat jemand Lust auf eine Zigarette?“
***
Am nächsten Morgen ging es dem Jungen nicht gut, aber er ließ sich nichts anmerken. Vor der Jugendherberge wartete ein Reisebus, dessen Dieselmotor wie ein alter Fährkahn brummte. Der Himmel war grau und die Jugendlichen trotteten zögernd aus dem Hoftor.
Die Straßen waren unglaublich schmutzig und überall lagen Hundehaufen, manchmal sogar mitten auf dem Bürgersteig. An den Häuserwänden sahen sie Parolen, in schwarzer oder roter Sprühfarbe konnte man „Auch Nixon tut wixen“ oder „Keine Macht für niemand“ lesen. Sie machten sich gegenseitig auf die witzigsten Sprüche aufmerksam. Gelegentlich sah man auch einfach ein Anarcho-A in einem Kreis.
Der Junge saß im Bus neben Julian und beide waren froh, dass sie den Morgen genauso schweigend vertrödeln konnten wie einen gewöhnlichen Schultag. Karin, die ein bisschen aufgedreht wirkte, setzte sich neben Udo. Udos Freunde saßen in der oberen Etage des Doppeldeckerbusses.
Zunächst fuhren sie ins Märkische Viertel, eine Hochhaussiedlung. Alles wirkte trostlos und abschreckend. Das höchste Wohnhaus in Ingelheim hatte sieben Stockwerke, ein Junge aus ihrer Klasse wohnte dort. Aber das hier war gigantisch. Die nächste Station war Lübars, ein winziges Dorf mit Kopfsteinpflaster auf den schmalen Wegen. Dahinter sah man in der Ferne die Grenzanlagen, hier war die Welt oder wenigstens West-Berlin zu Ende. Dann ging es weiter zum Charlottenburger Schloss und zum Olympiastadion. Das alte Stadion wirkte düster und die leeren Tribunen machten den Eindruck, dieser Ort sei längst vergessen worden.
Am Endpunkt der Reise, dem Reichstag, ging es ihnen genauso. Im Gebäude hörten sie sich den Vortrag eines Dozenten vom „Kuratorium unheilbares Deutschland“ an, wie Udo die Organisation nannte. Vom Bau des Parlaments über den Brand 1933 bis zur heutigen Zeit, in der gelegentlich Bonner Politiker Sitzungen abhielten. Die Ostmauer des Gebäudes sei zugleich die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Vor dem Fenster floss die dunkelgraue Spree und am Flussufer waren Gedenkkreuze für Fluchtopfer am Geländer befestigt. Der Dozent sagte, Spione aus der DDR würden die Sitzungen im Reichstagsgebäude mit Richtmikrophonen belauschen.
Nach einer langen Stunde voller Fakten gab es Kaffee und Kuchen, dann spazierten sie mit dem Reiseführer aus dem Bus die Berliner Mauer entlang. Das Brandenburger Tor hinter der Betonwand war überraschend klein. An der Mauer konnten sie viele politische Symbole und Parolen in Schwarz-Weiß vom schwarzen Stern bis zum Hakenkreuz, von „Bildet Banden“ bis zu „Ausländer raus!“ lesen. Es sei eine Mutprobe, hier etwas zu schreiben, sagte der Reiseführer, denn die Mauer gehörte der DDR und es gab versteckte Türen, durch die die Volkspolizisten kamen und Menschen verhaften konnten.
Auf dem Gelände, wo einmal der Potsdamer Platz gewesen war, gab es eine Besucherplattform. Hinter ihnen waren nur Unkraut und die Ruine eines alten Hotels, dahinter der endlose Tiergarten. Hier gab es nichts außer einem Kiosk mit Ansichtskarten, Souvenirs, Süßigkeiten und Getränken. Irgendwo unter der öden Sandfläche des Todesstreifens, die sich zur Linken bis zum Brandenburger Tor hinzog, sollten angeblich die Reste des Führerbunkers verborgen sein. Auf der anderen Seite der Sandfläche war eine weitere Mauer. Mit Ferngläsern konnte man die Männer in den Wachtürmen sehen, die mit ihren Ferngläsern zurück starrten.
Wer einen Fotoapparat besaß, fotografierte eifrig die Maueranlage. Die Jungs gingen zum Kiosk und holten sich was zu trinken. Udo kaufte sich die Tageszeitung, kurz „taz“ genannt, die es seit neuestem hier in Berlin zu kaufen gab, und die eine Alternative zur bürgerlichen Presse sei. Frank kaufte sich ein Stadtmagazin namens „zitty“. Das Heft war voller Kneipen- und Konzerttipps für West-Berlin und es gab auch jede Menge Cartoons. Auch Julian zeigte ihm grinsend seine Neuerwerbung: „Titanic“. Das sei ein ganz neues Satiremagazin und noch witziger als „Mad“. Der Junge kannte diese Zeitungen und Zeitschriften gar nicht, aber er würde später auf ihrem Zimmer ein bisschen darin schmökern.
Der Nachmittag war frei und sie gingen auf den Kurfürstendamm, wo sich die Klasse schnell aus den Augen verlor. Die Mädchen stürmten ins KaDeWe, Udo und seine Freunde wollten unbedingt mit der U-Bahn nach Kreuzberg fahren. Der Junge ging mit Julian über den Platz vor der Gedächtniskirche.
„He, da vorne ist McDonald’s“, rief Julian.
„Dann ziehen wir uns jetzt einen Hamburger rein.“
Kurz darauf standen sie in der Schlange vor der Essensausgabe. Es roch ein wenig nach Bratfett und es war praktisch kein Erwachsener hier.
„Ein BigMäc, große Pommes und eine Cola“, sagte Julian, als er an der Reihe war.
Der Junge wiederholte die Bestellung. Er war noch nie bei McDonald’s gewesen. Die nächste Filiale war in Mainz und dort war er nur mit seiner Mutter unterwegs gewesen.
Sie suchten sich einen Platz am Fenster und stellten ihre Tabletts ab. Die Pommes frites waren dünn und köstlich. Auf dem Hamburger hatte er Ketchup erwartet, aber das mürbe Fleisch schmeckte ihm gut. Sie sahen durch das Fenster auf die Menschenmassen, die sich in den Bahnhof hinein bewegten und wieder heraus kamen. Gelegentlich sah man einen Punk oder einen Mann mit langen Haaren. Aber es war eine Enttäuschung, wenn man die Szene mit den ernsthaften Ermahnungen der Eltern und Lehrer verglich. Die Kinder vom Bahnhof Zoo tranken ihre Cola aus und gingen, ohne etwas von der Drogenszene oder Schwerkriminellen gesehen zu haben.
Um achtzehn Uhr trafen sich alle im „Q-Dorf“, einer Ansammlung von Kneipen in einem lichtlosen Katakombengang, dessen Eingang sich in der Joachimsthaler Straße befand. Hier durften sie unter Aufsicht der Lehrer bis einundzwanzig Uhr Bier trinken und rauchen. Die Mädchen und die Streber tranken aber lieber Limonade oder Ginger Ale. Udo erzählte, sie hätten Döner Kebab in Kreuzberg gegessen. Davon hatte der Junge noch nie gehört. Die klassische Verpflegung der Berliner war schließlich die Currywurst. Döner sei total billig und alle in Kreuzberg würden sich davon ernähren, schwärmte Udo. Die türkischen Gastarbeiter hätten es erfunden, in einem aufgeschnittenen Brot seien Fleisch und Salat mit einer scharfen Soße, das alles würde super schmecken.
Als der Bus sie wieder abholte, glitzerte der Ku’damm in allen Farben. Der Junge schaute aus dem Fenster und begriff, was die große Stadt bedeutete. Hier gab es nicht nur ein Arbeitsleben und den Feierabend, hier gab es ein Nachtleben. Die Leute waren schick angezogen und wirkten aufgedreht und abenteuerlustig. Aber genau jetzt, wo es spannend wurde, mussten sie zurück auf ihre Zimmer.
***
Der dritte Tag der Klassenfahrt stand ganz im Zeichen der Partnerschule in Kreuzberg. Wie eine bedeutungslose Kleinstadt namens Ingelheim und ein alternativer Brennpunkt namens Kreuzberg eine Städtepartnerschaft eingegangen sind, erfuhren sie nicht. Udo vermutete ja, dass Fritz Teufel der Grund sei. Der sei in Ingelheim geboren und hier als Anarchist in den Berliner Untergrund gegangen. Der Junge erinnerte sich, dass jemand im letzten Frühling „Fritz-Teufel-Schule“ über den Eingang des Sebastian-Münster-Gymnasiums gesprüht hatte. Vermutlich steckten auch diesmal Udo und seine Freunde dahinter. Sebastian Münster hieß der Mensch auf dem blauen Hundert-Mark-Schein, hintendrauf war ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Der Inbegriff von Nation und Kapitalismus – und alles viel uncooler als Kreuzberg.
Sie fuhren diesmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In der U-Bahn hatte der Junge den Eindruck, als wären hier Menschen aus allen fünf Erdteilen versammelt. Zwei Stationen weiter stieg ein langhaariger junger Mann mit Schnurrbart und Gitarre in den Zug und fing tatsächlich an zu spielen.
Als sie auf dem Gneisenaustraße wieder das Tageslicht erblickten, sah er Kreuzberg zum ersten Mal: Die Fassaden der alten Häuser waren dunkel und verrußt. Alles wirkte grau und trist, der Stuck an den Wänden war längst verwittert. Immer wieder sahen sie Häuser, die wie mit dem Messer abgeschnitten wirkten. Man blickte auf riesige leere Backsteinwände. Auf Eckgrundstücken waren Tankstellen, Imbissbuden oder Supermärkte. Nur die Autos waren bunt, die meisten waren rot, gelb und hellblau.
Die Leibniz-Schule lag zwischen Bergmann- und Gneisenaustraße. Sie wurden im Foyer vom Direktor begrüßt. Hinter ihm stand die Partnerklasse: Normalos, Punks, aber auch Griechen und Türken waren in der Klasse. Dann gab es eine gemeinsame Doppelstunde zu deutscher Geschichte, aber sie waren alle viel zu aufgeregt, um etwas mitzubekommen. Nur die Streber versuchten, gegen die Berliner Streber zu punkten.
Nach der Schule lud der Lehrer der anderen Klasse, Herr Wuttke, alle in eine Kneipe ein. Hier an den vernarbten Holztischen am Marheinekeplatz konnten sie endlich miteinander reden.
„Was hört ihr denn so für Musik?“ fragte ein Typ mit Ohrring.
„Politrock und Punk“, antwortete Udo. „Sex Pistols, Dead Kennedys, Scherben und so.“
Der Ohrring nickte anerkennend. Ein anderer Schüler, der kurze blonde Haare, aber eine lange rote Strähne im Nacken hatte, erzählte ihnen, eine japanische Firma hätte ein Gerät erfunden, mit dem man unterwegs Kassetten hören kann, auch auf dem Fahrrad. Das Teil wollte er unbedingt haben. Auf der Internationalen Funkausstellung hätte man das Gerät als Weltneuheit präsentiert.
„Videorekorder sind auch geil“, rief der dicke Frank. „Damit kann man Filmkassetten sehen, wann man will. Man kann mitten in der Nacht fernsehen – oder zum Frühstück. Wahnsinn!“
Ein dunkelhaariger Typ gab zu bedenken: „VHS, Betamax oder Video 2000 von Grundig – was nimmt man? Die Videokassetten der drei Systeme sind unterschiedlich, du kannst eine VHS-Kassette nicht auf dem neuen Video 2000 abspielen.“
Und eine Punkerin mit wasserstoffblonder Irokesenfrisur erzählte, die CompactDisc, eine Silberscheibe, die die gute alte Schallplatte aus Vinyl ersetzen soll, wäre der allerneueste Schrei.
„Woher wisst Ihr das alles?“ fragte der Junge verblüfft.
„Neulich war gerade IFA, Internationalen Funkausstellung in Berlin, verstehste? Am Funkturm haben sie ein nagelneues Kongresszentrum gebaut. Den nennen sie ‚Panzerkreuzer Charlottenburg’, hat eine Milliarde Westmark gekostet. Und direkt daneben sind die Messehallen.“
Und im Sommer hatte er mit Michael noch diskutiert, ob der neue Banjo-Schokoriegel besser schmeckte als Raider, dachte der Junge.
„Kann ich die mal anfassen?“ fragte Julian die Punkerin.
Sie lächelte und nickte.
Julian berührte mit seiner Handfläche ganz vorsichtig die Irokesenfrisur. „Ganz schön hart und borstig“, kommentierte er und alle lachten.
***
Sie mussten erst um 22 Uhr wieder in der Jugendherberge sein und ein paar Schüler aus seiner Klasse hatten beschlossen, mit den Kreuzbergern noch etwas zu unternehmen: Das Fünfmannzimmer und ein paar Mädchen, darunter Karin, dazu ein bunter Haufen von der Leibnizschule.
„Wir fahren erst mal zur Friedrichstraße“ sagte der Ohrring.
„Einkaufen“, ergänzte die Punkerin.
Im Intershop auf den Grenzbahnhöfen wie Friedrichstraße konnte man steuerfrei Schnaps und Zigaretten kaufen, erklärten die Berliner. Es war zwar eigentlich verboten, die Waren in den Westen zu bringen, aber die Masse kümmerte das Verbot nicht. Der U-Bahnhof war nur von West-Berlin aus zugänglich.
„Eigentlich fahren wir ja lieber S-Bahn, weil dort nicht kontrolliert wird.“
„Wieso denn nicht?“ fragte Udo.
„Die S-Bahn gehört der DDR. Die bekommt vom West-Berliner Senat eine Pauschale vom Senat für die S-Bahn-Nutzung im Westteil der Stadt. Also kontrolliert hier niemand“.
Der Einkauf war auf DDR-Gebiet und der Junge hatte ein mulmiges Gefühl. Nicht nur wegen Schnaps und Zigaretten. Aber das Geschäft lief trotz der düsteren Umgebung völlig problemlos ab.
Sie fuhren zurück nach Kreuzberg und stiegen am Kottbusser Tor aus. Die Berliner gingen zielstrebig durch die dunklen Straßen und die Ingelheimer folgten ihnen. Dann standen sie vor einem alten Haus, das völlig mit Buchstaben und Farben beschmiert war, die für den Jungen bei diesen Lichtverhältnissen nicht überschaubar waren. Die Fensterscheiben waren blind und zum Teil zerbrochen.
„Wo sind wir hier?“ fragte ein Mädchen ängstlich.
„Das ist ein besetztes Haus“, stellte der Ohrring sachlich fest.
Und die Punkerin grinste sie an: „Keine Sorge. Hier trauen sich die Bullen nicht rein.“ Dann klopfte sie laut an die hohe Tür.
Ein junger Mann mit Pferdeschwanz öffnete.
„Hallo Uschi.“
„Hallo Manni. Hab ein paar Leute mitgebracht.“
„Kein Problem.“
Kurze Zeit später saßen sie auf dem Boden eines riesigen Zimmers mit hohen Decken. Aus den Boxen hämmerte Rockmusik.
Die Wodkaflasche kreiste und fast alle rauchten.
„Hier werden jetzt überall die Häuser besetzt, weil die Spekulanten die Häuser verkommen lassen, um sie abzureißen. Hier wird es bald aussehen wie im Märkischen Viertel, wenn wir nichts machen“, erzählte ihnen der Ohrring.
„Die Bonzen und Nazis wollen uns hier aus Kreuzberg vertreiben. Ob Türke oder Punk, wir sollen hier alle weg. Aber wir bleiben“, sagte Manni.
„Gibt es hier Nazis?“ fragte Frank in die Runde.
„Jede Menge. Draußen in Spandau ist sogar noch einer von den echten Obernazis eingebuchtet. Der sitzt dort ganz alleine. Rudolf Hess, Stellvertreter des Führers.“
Das Gespräch wurde bald unpolitischer und zerfiel schließlich in kleine alkoholselige Dialoge. Jungs fachsimpelten über Musik, Mädchen über Klamotten und es hatten sich einige gemischte Doppel gefunden. Udo knutschte hemmungslos mit der Punkerin namens Uschi, Frank versuchte es vergeblich bei einer Klassenkameradin und neben dem Jungen tauchte plötzlich Karin auf.
Sie war eine Weile weg gewesen und kreidebleich. Stumm und wütend sah sie Udo und der Punkerin zu.
Dann drehte sie den Kopf zu ihm. Der Junge sah ihr in die Augen, sofern das in diesem verqualmten Schummerlicht überhaupt möglich war. The Clash spielten gerade „London Calling“, als sie sich plötzlich küssten. Ihre Lippen waren ganz weich und warm. Es fühlte sich sehr feucht an und schmeckte ein wenig nach Erbrochenem.
***
Am nächsten Morgen saßen alle müde und mit gesenkten Köpfen im Speisesaal. Es gab Früchtetee und Marmeladenbrote. Frau Ritter und Herr Weyrich waren gerade dabei, ihnen ein paar Instruktionen für den Tag zu geben. Sie würden heute nach Ost-Berlin fahren. Es war verboten, Zeitungen und Zeitschriften aus westlichen Ländern mitzunehmen, außerdem mussten alle ihre Ausweise und fünfundzwanzig D-Mark in bar dabei haben. Außerdem baten sie uns, keinen Ärger zu machen. Bisher konnten sie mit uns zufrieden sein. Um zehn Uhr hatten am vorigen Abend alle in ihren Betten gelegen, allerdings in den unterschiedlichsten Zuständen.
Die Klasse fuhr nach dem Frühstück zum Bahnhof Friedrichstraße. Sie standen in einer langen Schlange und wurden einzeln kontrolliert. Ein Polizist sah sich den Reisepass und die Gesichter an, nach der Passkontrolle kam eine Zollkontrolle und danach musste der Pass noch einmal gezeigt werden. Jeder Schüler bekam ein Visum für die Einreise in die DDR. Schließlich bekam man für seine fünfundzwanzig Mark West noch fünfundzwanzig Mark Ost in die Hand gedrückt, „Zwangsumtausch“ hatte Herr Weyrich diesen Vorgang beim Frühstück genannt. Die Geldscheine waren viel kleiner und die Münzen schienen aus Aluminium gestanzt zu sein. Ein DDR-Pfennig wog weniger als ein Gramm und das Markstück wog noch nicht mal die Hälfte einer D-Mark. Herr Weyrich wusste Bescheid, er klärte uns auch darüber auf, dass man kein Bargeld mit zurück in den Westen nehmen durfte.
Auf der Friedrichstraße trotteten sie alle dicht hinter ihren Lehrern her. Sie liefen den Boulevard Unter den Linden ab und gingen dann zum Alexanderplatz. Unterwegs machten sie nur kurz an der Neuen Wache halt, vor der regungslose Soldaten mit Gewehr und Stahlhelm im kalten Wind standen. Hier war ein Mahnmal gegen den Faschismus. Auf dem Alexanderplatz wehte ein heftiger Wind. Wegen der grauen Regenwolken wurde die Besichtigung des Fernsehturms gestrichen. Stattdessen gingen sie in einen Intershop. Hier konnte man mit Westgeld Westprodukte wie Toblerone und Jacobs-Kaffee kaufen, die es in der DDR nicht gab.
Der Junge kannte das ja schon von ihrem kleinen Ausflug mit den Kreuzbergern, von dem die Lehrer und die Streber natürlich nichts mitbekommen hatten. Er wollte auch gar nichts kaufen. Er war froh, dass es hier keine Werbung gab. Keine Reklame für Ariel von einer stets gutgelaunten Clementine, für den General, Meister Proper oder den Weißen Riesen, der alles andere an Waschkraft noch übertraf, falls das überhaupt noch möglich war. Kein Camel-Abenteurer im Urwald, kein Marlboro-Cowboy in der Prärie, kein Opel und kein Ford. Stattdessen Aufrufe, sich für den Sozialismus und den Frieden einzusetzen. Grobe Zeichnungen von stumpfsinnig blickenden Arbeiterinnen und Arbeitern, die fast im Gleichschritt nach vorne zu stürmen schienen. Geballte Fäuste und rote Fahnen. Werkzeuge statt Konsumgüter. Weder Duplo noch Hanuta, nur Hammer und Sichel. Außerdem war „30 Jahre DDR“ gerade überall ein Thema.
Nach einer sterbenslangweiligen Tour durch das Pergamonmuseum gingen sie zum Mittagessen in ein Restaurant auf der Karl-Liebknecht-Straße. Trotz der vielen freien Tische mussten sie im Eingangsbereich warten, bis sie „platziert“ wurden. Das sei hier so Sitte, hatte uns Frau Ritter erklärt. Durch die Fenster sah man den neuen Palast der Republik, in dem Konzerte stattfanden, aber auch das DDR-Parlament tagte.
Die Schnitzel schmeckten wie im Westen, das Gemüse hieß Sättigungsbeilage und die krummen Preise durften keinesfalls mit Trinkgeld aufgerundet werden, weil es das in der DDR nicht gab. Das fanden sie sympathisch. So blieb für den anschließenden Stadtbummel noch genügend Geld übrig, das man in den Geschäften ausgeben konnte.
Nach dem Essen zog der Junge mit Julian los. Sein Freund wollte sich nach Büchern und Schallplatten umsehen, der Junge wollte von seinem restlichen Geld Notizblöcke und Stifte kaufen. Büromaterial konnte man immer gebrauchen.
Sie näherten sich langsam wieder dem U-Bahnhof Friedrichstraße, ohne bisher noch einen einzigen Ostpfennig ausgegeben zu haben. Jeder hatte noch knapp zehn „Mark der DDR“ in der Hosentasche.
Da sah er es.
Er blieb stehen, während Julian weiterging.
Der Junge sah auf das Fahndungsplakat, das auf einer Litfasssäule angeklebt war. Auf dem Foto war Hermann Sperber. Der Nachbar seiner Großeltern aus Klingelbach.
„Was ist denn los?“ fragte Julian.
Der Junge hörte ihn gar nicht.
Gesucht wegen Mordes.
Sperber wurde wegen eines Mordes gesucht!
Nur hieß der Mann auf dem Fahndungsfoto nicht Hermann Sperber, sondern Ernst Lubowski.
Wie betäubt ließ er sich von seinem Freund in eine Buchhandlung ziehen.
Rheinkind, Kapitel 10
Der Abend dämmerte bereits, als sie wieder zurück in Ingelheim waren. Auf dem Bahnsteig warteten die Eltern und nahmen ihre Kinder in die Arme. Der Junge hatte sich schon im Zug von seinen Freunden verabschiedet und sich für die nächsten Tage verabredet. Dann wollten sie sich die Fotos ansehen, die sie aber bei Foto-Klopp noch entwickeln lassen mussten.
Jeder nannte ihn nur Foto-Klopp, weil sein Geschäft diesen Namen trug. Klopp, der Fotograf mit dem Holzbein. Wurde als Jagdflieger über der Türkei abgeschossen, war vielleicht auf dem Weg an die Ostfront. Nach dem Krieg hat er in der ungeliebten Ingelheimer Innenstadt einen Fotoladen aufgemacht und ist mit dem Boom der Fotografie in den Wirtschaftwunderjahren reich geworden. Hinter dem Fotoladen entstand ein kleines Hochhaus mit Mietwohnungen, den Nachbarladen hatte er an eine italienische Eisdiele namens „Dolomiti“ vermietet.
Der Junge ging zu seinem Fahrrad. Aus den Augenwinkeln sah er, dass der dicke Frank und Udo auch nicht abgeholt wurden. Eigentlich war es ja peinlich, in diesem Alter von seinen Eltern am Bahnhof abgeholt zu werden. Aber es war auf der anderen Seite auch sehr nett und recht praktisch, wenn man an die schweren Koffer dachte. Er packte seinen kleinen Damenkoffer auf den Gepäckträger seines Klapprads und fuhr los. Das Fahrrad wurde allmählich zu klein dachte er, als er die mühsamen ersten Tritte auf den Pedalen machte.
Seine Mutter würde sicher zu Hause auf ihn warten. Er hatte ihr gesagt, wann der Zug ankommen würde und das er zum Abendbrot wieder da sein werde, falls der Zug keine Verspätung habe. Es hatte auch seine Vorteile, nicht abgeholt zu werden. Er erinnerte sich an einen Schultag vor zwei Jahren, als sie nach der letzten Stunde mit Jan und seiner Mutter in ein Einkaufszentrum nach Wiesbaden gefahren waren. Michael und er waren mitgefahren, hatten aber vergessen, ihre Eltern um Erlaubnis zu bitten. Während die Mutter einkaufen war, sahen sich die Jungs nach Comicheften und Spielsachen um. Danach hatte Jans Mutter sie alle zu Jägerschnitzel und Pommes frites in die Kantine des Einkaufszentrums eingeladen. Es war ein toller Nachmittag, aber als sie um vier Uhr nachmittags wieder zu Hause waren, hatte es Ärger gegeben. Michaels Eltern hatten ihren Jungen vermisst und in der Schule angerufen. Dort hatte man ihnen mitgeteilt, ihr Sohn habe die Schule verlassen und man wisse nicht, wo er sei. Daraufhin hatte Michaels Vater die Polizei angerufen und eine Vermisstenanzeige erstattet. Seit zwei Uhr fuhr er durch die Straßen und suchte seinen Sohn. Er hatte schon geglaubt, sein Kind gefunden zu haben, als er vor dem Sporthaus in der Bahnhofsstraße einen Haufen Kinder sah, die in einer Schlange standen. Er war ausgestiegen und hatte gesehen, dass der berühmte Kapitän der Fußballweltmeistermannschaft von 1954, Fritz Walter aus Kaiserslautern, an einem Tisch saß und Autogramme schrieb. Aber hier war Michael auch nicht gewesen. Als er wieder zu Hause gewesen war, hatte es ein Donnerwetter gegeben. Mit Jan durfte er danach nie wieder spielen und auch der Junge war seit diesem Vorfall kein gern gesehener Gast mehr im Hause Schäfer. Seiner Mutter war sein kleines Abenteuer gar nicht aufgefallen. Sie hatte ihn begrüßt wie immer und später hatten sie zusammen Abendbrot gegessen.
Der Junge bog in seine Straße ein. Der Anblick seines Hauses, seines Fensters im zweiten Stock, gab ihm einen Stich ins Herz. Endlich bin ich wieder da, dachte er, meine Festung, meine Burg. Aber er dachte auch an den letzten Streit zwischen seinem Vater und seiner Mutter zurück, der hier stattgefunden hatte. Der Vater hatte sie aus einem längst vergessenen Grund angebrüllt, war dann aus dem Wohnzimmer ins sein Arbeitszimmer gerannt und hatte sich dort eingeschlossen. Die Mutter und der Junge versuchten, den Vater durch die Tür zu beruhigen. Stundenlang saßen sie vor der Tür, redeten und lauschten abwechselnd, bis die Mutter schließlich aufgegeben hatte und gegangen war. Der Junge war vor der Tür des Vaters eingeschlafen. Als er am nächsten Morgen aufgewacht war, stand die Tür zum Arbeitszimmer offen. Seither war sein Vater verschwunden und hatte nur Briefe aus fernen Ländern geschrieben. Insgeheim beneidete er die anderen Kinder, die von ihren Eltern am Bahnhof in die Arme geschlossen wurden.
***
Am Freitagabend, nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Berlin, hatte Udo einige Leute aus seiner Klasse nach Hause eingeladen.
„Was ist denn dieser Udo für ein Typ?“ wollte seine Mutter wissen.
„Och, der ist ganz in Ordnung. Wir waren auf einem Zimmer bei der Klassenfahrt“, antwortete der Junge.
„Sind denn seine Eltern auch zu Hause? Nicht, dass ihr Dummheiten macht.“ Sie sah ihn streng an.
„Na klar. Was soll schon schief gehen?“
„Aber ich will nicht, dass du mitten in der Nacht in Ingelheim unterwegs bist. Soll ich dich abholen?“
„Nein, nein. Was würden denn die anderen denken. Ich bin schon fast fünfzehn“, protestierte der Junge.
„Aber du bist im zehn wieder zu Hause. Spätestens. Verstanden?“
„Die anderen dürfen viel länger bleiben!“
„Das ist mir egal. Du bist um zehn Uhr hier.“ Sie wartete auf seine Antwort.
Der Junge nickte und dann aßen sie gemeinsam zu Abend. Eine Stunde später saß er auf seinem Fahrrad.
Die Familie Saalwächter bewohnte ein weitläufiges Anwesen in der Rotweinstraße, einem Neubaugebiet in der Nähe des Ingelheimer Krankenhauses, in dem der Junge auf die Welt gekommen war.
In Udos Zimmer fiel dem Jungen zuerst ein Poster auf, das den langmähnigen Musiker Frank Zappa auf der Toilette zeigte. Den Boden bedeckten zerzauste Flokatis. An den Rändern des Zimmers lagen Matratzen auf dem Boden. In der Mitte stand eine alte Bananenkiste, auf der Kiste wiederum eine leere Weinflasche mit einer Tropfkerze. In den beiden hinteren Ecken standen Riesen-Boxen auf dem Boden. So eine Stereoanlage hätte er auch gerne, dachte der Junge. Der kleine Radiorekorder zu Hause kam ihm geradezu lächerlich vor – ein Kindergerät, mehr nicht.
Stefan und Frank waren auch schon da, dazu ein Mädchen, das er nicht kannte. Vielleicht ging sie auf eine andere Schule. Nach und nach füllte sich der Raum und der Zigarettenqualm wurde dichter. Es liefen die Sex Pistols, The Clash und Ton, Steine, Scherben.
Udo erzählte, dass er schon einmal an einer Demonstration teilgenommen habe und was für coole Typen er da kennen gelernt habe. Die Demo sei gegen Atomkraft gewesen. Im Frühling hatte es in Harrisburg eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk gegeben.
Ausgerechnet bei den Amerikanern, dachte der Junge. Die absolute Nummer 1. Coca Cola, Jeans, Ketchup, Schokoriegel, Hollywood, Fernsehserien und Zeichentrick. Die Russen hatten nur Lolek und Bolek. Wie konnte das passieren? Die lässigen, Kaugummi kauenden Soldaten auf den olivgrünen Lastwagen – waren das keine Sieger?
„Die Amis sind doch echt am Ende. Denk nur mal an den Vietnamkrieg, den sie verloren haben. Denk mal an Watergate und den ganzen Beschiss. Oder denk mal an dieses bescheuerte Skylab, das in diesem Sommer aus dem All auf die Erde gestürzt ist. In Amerika haben sie Mützen verkauft, die dich vor dem Absturz warnen sollen. Und im Iran sind die Amerikaner total unter Druck, weil sie das Öl für ihre dicken Straßenkreuzer brauchen.“
Trotzdem konnte der Junge nicht glauben, dass es mit dem ganzen „System“, wie Udo sich ausdrückte, schon in naher Zukunft zu Ende gehen sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die ganze Welt einmal so aussehen würde wie Ost-Berlin. Es gab eine Menge Gruppen wie die Anti-AKW-Bewegung, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, Greenpeace und Amnesty International. Da gab es Demonstrationen und Unterschriftensammlungen, aber niemanden, der die Interessen der jungen Leute in der Öffentlichkeit vertrat. Im Fernsehen wirkten diese Gruppen immer wie störrische Eingeborene, die keine Ahnung von der neuen Technik hatten, die gerade in einem Kraftwerk installiert wurde. Ein bisschen Graffiti und Protestmarsch? Davon sollten sich die Lehrer, der Pfarrer und der Bürgermeister beeindrucken lassen? Oder gar die Polizei und die Regierung in Bonn?
Aber Udo war nun in voller Fahrt. Das Gesicht war rot von Bier und Idealismus. Auf der Demonstration gegen ein Atomkraftwerk am Rhein, dessen Kühlwasser in den Fluss geleitet werden sollte, hatte er einen Soziologiestudenten aus Frankfurt kennengelernt. Der trug immer schwarze Lederklamotten, wohnte in einer WG und war nach eigenem Bekunden noch nie einer steuerpflichtigen Tätigkeit nachgegangen. Außerdem hatte er den Kriegsdienst verweigert und hatte sich vor einer Kommission aus lauter Offizieren für seine Gewissensentscheidung rechtfertigen müssen. Respekt!
Alle waren gegen das System, gegen die Aufrüstung, gegen Deutschland und Amerika. Der Junge wusste nur eins: Helmut Schmidt war Bundeskanzler, seit er aufs Gymnasium gekommen war. Die übernächste Wahl würde im Herbst 1984 sein, dann wäre er neunzehn Jahre alt und dürfte mitmachen. Es gab also keinen Grund, sich jetzt schon festzulegen, dachte er.
Das Mädchen neben ihm reichte ihm einen Joint. Udo hatte ihn aus drei Zigarettenblättchen und einem Stück Pappe gebaut. Das Bauen eines Joints glich einem Ritual, als handele es sich um eine japanische Teezeremonie. Es wurde diskutiert, welcher Tabak sich am besten für die Mischung eigne. Es geisterten Namen von Haschischsorten durch die Runde, schwarzer Afghane und roter Libanese. Oder war es grüner?
Der Junge nahm den Joint. Er kannte ihren Namen nicht. Sie hatte lange blonde Haare und ihr Vater war angeblich Kulturredakteur beim Fernsehen. Warum war Karin nicht gekommen? Angeblich war sie doch in Udo verknallt. Gab es für ihn überhaupt eine Chance bei Karin? Und wollte er wirklich eine Freundin haben? Das wusste er selbst nicht so genau.
Er gab den Joint weiter, ohne an ihm zu ziehen. Der Rauch im Zimmer machte ihn ohnehin auf eine seltsame Weise müde und schwach. Es erinnerte ihn an den Weihrauch der Gottesdienste, in die er als kleines Kind mit seiner Großmutter aus Diez immer gehen musste.
Frank nahm die Tüte, wie man die Haschischzigarette auch nannte, und zog wie ein Ochse daran. Die Glut leuchtete orange auf und war jetzt riesig.
„Du machst dir wohl nichts aus Dope“, sagte er zu dem Jungen und warf ihm einen mitleidigen Blick zu.
Der Junge schüttelte stumm den Kopf.
„Ingelheim ist doch total die Kifferhochburg. Hier gibt’s das beste Dope weit und breit. Warst du schon mal im Club?“
Wieder schüttelte der Junge den Kopf. Der Club hieß eigentlich „Strange Machine“ und war eine Diskothek. Der Junge kannte den Laden nur vom Hörensagen, aber hier musste man am Wochenende einfach sein. Angeblich ging es eine steile Treppe hinunter. In dunklen und verschlungenen Kellern seien ein Tresen und Tische, eine Tanzfläche, ein Videoraum und etliche Flipper verteilt. Es sei finster und verraucht, die Wände wären mit Fabelwesen und phantastischen Pflanzen bemalt. Udo und seine Freunde waren jeden Samstag hier, aber er konnte unmöglich seine Mutter um Erlaubnis bitten. Vielleicht mit sechzehn.
Als er, leise wie ein Verbrecher, die Wohnungstür aufschloss, war nichts zu hören. Er schloss behutsam die Tür hinter sich und schlich in den Flur, ohne Licht zu machen. Aus dem Wohnzimmer flimmerte es bleich. Der Fernseher lief noch, zeigte aber nur die tanzenden Schneeflocken des weißen Rauschens nach Sendeschluss. Seine Mutter schnarchte leise auf dem Sofa, auf dem Tisch eine leere Flasche Schaumwein aus Italien.
***
Vor seiner ersten Sitzung der Schülerzeitungsredaktion war der Junge nervös. Er kannte die Leute gar nicht und wäre am liebsten gar nicht hingegangen.
Es war Montag nach der sechsten Stunde und die Redakteure trafen sich in einem Besprechungszimmer, das direkt neben dem Lehrerzimmer im ersten Stock lag. Der Junge war pünktlich und setzte sich auf einen leeren Stuhl an der rückseitigen Wand des Raums.
Nils Becker begrüßte die versammelte Runde von etwa zehn Jungen und Mädchen, die meisten davon aus der Oberstufe. Der Junge wurde als neues Mitglied der Schülerzeitungsredaktion willkommen geheißen. Das „Anstaltsblatt“ begrüße den Nachwuchs, da im nächsten Sommer vier Redakteure die Schule verließen. Die anderen Schüler lobten seine Geschichte ausdrücklich und fragten, ob er schon eine Idee für die neue Ausgabe habe.
Der Junge erzählte ihnen von der verblüffenden Ähnlichkeit seines Nachbarn mit einem gesuchten Mörder in Ost-Berlin und von seinem Verdacht. Er wolle daraus eine Geschichte machen und auf jeden Fall den Nachbarn in Klingelbach beobachten.
„Vielleicht könnte er sich in das Haus schleichen, wenn Herr Sperber beziehungsweise Herr Lubowski nicht da ist?“ regte eine Redakteurin an.
Nils Becker schlug vor, im Archiv der Tageszeitung nachzuschauen. Er habe schon einmal einen Artikel für den Regionalteil geschrieben.
Nach der Redaktionssitzung gingen die beiden in die Redaktion der örtlichen Tageszeitung. Sie gingen das kurze Stück zu Fuß. Gut hundert Meter von der Schule entfernt, im Erdgeschoss eines Hochhauses an der Bahnhofskreuzung, waren die Räume der Ingelheimer Lokalredaktion der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“.
Sie betraten ein dunkles verrauchtes Büro mit vollen Ablagekörben und gefährlich hohen Papierstapeln. Ein Telefon klingelte gerade und mittendrin saß an einem gewaltigen Schreibtisch ein übergewichtiger Mensch, der Nils mit den Worten „Ah, der Nachwuchs“ begrüßte und freundlich an den Tisch heran winkte.
„Kannst du morgen Abend auf die Jubiläumsveranstaltung vom Turnverein gehen? Vierzig Zeilen plus Foto.“
„Kein Problem, Herr Schmitz“, sagte Nils. „Geben Sie mir einfach Uhrzeit und Adresse.“
Dann zeigte er auf den Jungen. „Wir würden gerne etwas recherchieren. Können Sie uns da helfen?“ Er machte dem aufmerksam zuhörenden Redakteur in knappen Sätzen den Zusammenhang klar.
Herr Schmitz betrachtete den Jungen skeptisch. „Du hast ja eine Menge Phantasie, das muss man dir lassen.“ Dann überlegte er kurz. „Was soll’s“, sagte er und griff zum Telefonhörer.
Er telefonierte eine Weile mit dem Archiv der Zentralredaktion in Mainz. Dann bedankte er sich und legte auf.
„Also: Der Täter auf dem Plakat heißt Ernst Lubowski“, begann er. „Den gibt es wirklich. Lubowski hat eine Frau in Ost-Berlin ermordet, die angeblich Nazi-Gold bei sich zu Hause versteckt hatte. Eine Witwe, die er bei einem sogenannten Tanzvergnügen kennengelernt haben soll. Möglicherweise hat er noch weitere Frauen auf dem Gewissen. Auf Kreuzfahrtschiffen, auf denen er gearbeitet hatte, gab es rätselhafte Fälle von verschwundenem Schmuck und verschwundenen Witwen. Eine Frau hat ihn damals angezeigt, weil er sie mit Valium in einem Cocktail betäuben wollte. Daraufhin hat er seine Arbeit an Bord des Schiffes verloren und ist vor einem halben Jahr nach West-Berlin geflüchtet.“ Dann setzte er seine Hornbrille auf und griff zu seinen Gesprächsnotizen. „Geboren 1937 in Moordorf in der Nähe von Aurich an der Nordsee, Vater 1945 verstorben. War U-Boot-Fahrer, ehemaliger Fischer, kam aus Stettin. Mutter hat noch einmal geheiratet.“
„Sie ist letzten Winter gestorben“, ergänzte der Junge. „Sie hieß tatsächlich Sperber. So wie unser Nachbar, ich meine, so wie Herr Lubowski.“
„Schön formuliert“, lachte der Redakteur gutmütig. „Ich weiß, was du meinst: Der Mann ist unter falschem Namen im Dorf deiner Großeltern untergetaucht.“
Nils runzelte skeptisch die Stirn. „Aber irgendwann bekommen die Behörden doch mit, dass in dem Haus der Sohn wohnt. Dann können sie ihn doch ganz einfach verhaften.“
„Dieser Typ kennt die Häfen in aller Welt. Und er hat lange in Berlin gewohnt“, gab Herr Schmitz zu bedenken. „So ein Ausweis ist leicht zu fälschen. Er ist als Hermann Sperber mit den entsprechenden Papieren in die Bundesrepublik eingereist. Außerdem weiß ich nicht, ob die westdeutschen Behörden mit der DDR überhaupt zusammen arbeiten. Vielleicht wird in unserem Land gar nicht nach deinem Nachbarn gefahndet?“
„Aber bei einem Mörder wird doch gleich Interpol eingeschaltet“, warf der Junge ein, der schon ein paar Mal „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im Fernsehen gesehen hatte.
„Tja, mit Ost und West ist das so eine Sache. Im Augenblick ist die Zusammenarbeit, sagen wir, verbesserungswürdig.“
„Meinen Sie den NATO-Doppelbeschluss?“ fragte der Junge.
„Donnerwetter, du bist aber gut informiert“, lachte der Redakteur und wackelte in seinem Drehstuhl.
„Jetzt wollen wir die Journalisten aber nicht weiter von der Arbeit abhalten“, sagte Nils und lächelte den Jungen an. „Für heute haben wir genug recherchiert.“
Sie bedankten sich und gingen.
Rheinkind, Kapitel 11
Heiligabend. Der Junge saß allein am Wohnzimmertisch. Vor ihm lagen ein paar leere weiße Blätter und ein Kugelschreiber. Er wusste schon, wie er die Geschichte anfangen wollte: Der Mann aus dem Nachbarhaus ist ein gesuchter Mörder und ein Junge kommt ihm zufällig auf die Schliche. Aber er hatte noch keine Ahnung, wie die Geschichte ausgehen sollte. Wie würde der Junge Beweise finden, die den Mörder überführen? Seinen Worten allein würde die Polizei keinen Glauben schenken. Er musste also irgendwie in das Haus gelangen. Vielleicht gab es einen Hintereingang? Was wohl im Keller verborgen war? Er hatte bisher niemandem außer Nils von seinem Verdacht erzählt. Der Redakteur dürfte seinen Besuch vor einem Monat längst vergessen haben.
Was soll ich überhaupt machen, fragte sich der Junge und ließ den Stift wieder sinken. Er war gestern Nachmittag mit seiner Mutter in Klingelbach angekommen und hatte Herrn Sperber noch nicht gesehen. Wie würde es sein, ihm zu begegnen? Sicher kam er in den nächsten Tagen bei ihnen vorbei. Wenn er zum Kaffee bliebe, könnte der Junge sich vielleicht in sein Haus schleichen. Es lag kein Schnee und er würde keine Fußspuren im Garten hinterlassen.
Der Dezember war recht mild gewesen und als der Junge den ausklappbaren Kunststofftannenbaum auf dem kleinen Beistelltisch am Fenster sah, den seine Großmutter jedes Jahr aus dem Schrank im Dachgeschoss holte, kam noch keine Weihnachtsstimmung bei ihm auf. Erst am Abend würde der Baum eingeschaltet werden und die vielen bunten Lichter würden leuchten. Auch die Geschenke fehlten noch. Von seiner Mutter hatte er sich zwei Kassetten für seinen Radiorekorder gewünscht: AC/DC und Pink Floyd. Sex Pistols und Dead Kennedys hatte er sich nicht getraut, das hätte nur Diskussionen gegeben. Dazu noch einen Büchergutschein für die Buchhandlung in Ingelheim. Von den Großeltern gab es wie üblich Süßigkeiten, Unterwäsche und zwanzig Mark in bar. Von der anderen Großmutter würde ein Päckchen gleichen Inhalts versandt werden, sie verbrachte Weihnachten bei ihrem Bruder in Bonn.
Er dachte an Karin. Sie schien sich gar nicht mehr an den Abend zu erinnern. In der Schule verhielt sie sich so, als ob nichts gewesen wäre. Sie quatschte in der Pause mit den anderen Mädchen und er stand auf dem Schulhof mit Julian und anderen Jungs zusammen. Was soll’s, dachte er. Welcher Junge in meiner Klasse hat schon eine Freundin? Selbst Udo und die anderen, die ein Jahr älter waren, redeten nur über das Thema. In einer Woche beginnt nicht nur ein neues Jahr, sondern ein neues Jahrzehnt. Was ich wohl in zehn Jahren mache? Dann bin ich fast 25 Jahre alt. Wahrscheinlich habe ich eine Wohnung, ein Auto und arbeite irgendetwas. In der Firma? Und wenn er ganz weit weg leben würde? In Berlin? In Kreuzberg? Ende 1989 in Kreuzberg – das wäre unheimlich cool. Vielleicht würde er sogar selbst etwas auf die Berliner Mauer schreiben. Etwas Eigenes, keine Parole.
„Mittagessen“, rief die Großmutter aus der Küche und der Junge sprang sofort auf. Er hatte einen Riesenhunger. Inzwischen war er ein Meter fünfundsechzig groß und nicht mehr ganz so dünn wie am Jahresanfang.
Es gab Schweinebraten mit Salzkartoffeln und Wirsinggemüse. Am Abend würde es Würstchen und Kartoffelsalat geben. Dann würde auch die alte Musiktruhe wieder einmal in Betrieb genommen werden, um die Weihnachtsplatte abspielen zu können. Die Schallplatten seiner Großeltern waren winzig und uralt, Fred Bertelsmann und sein lachender Vagabund. An dieses Lachen konnte er sich noch dunkel erinnern. Vielleicht wurde die Platte früher gespielt, wenn Besuch kam. Seine früheste musikalische Erinnerung war die raue Stimme Adriano Celentanos: Una Festa Sui Prati.
Nach dem Essen verzog sich der Großvater ins Wohnzimmer, um seine Handelsgold zu rauchen. Sie lag bereits, noch mit Bauchbinde, auf dem Rand eines Aschenbechers mit der Aufschrift „Asbach Uralt“. Mutter und Großmutter hatten in der Küche zu tun, schließlich galt es für die nächsten Tage einiges vorzubereiten. Der Junge verzog sich ins Dachgeschoss und legte sich auf das große Bett im Schlafzimmer. Er hatte keine Lust, mit seinen Modellschiffen und Soldaten zu spielen. Es gab so viele andere Dinge, die ihn beschäftigten. Er dachte an Silvester. Vielleicht könnte er mit Julian etwas unternehmen. Er war dann schließlich schon fünfzehn, da konnte man das Feuerwerk ruhig mal woanders anschauen als auf dem Balkon mit seiner Mutter. In ein paar Tagen hatte er Geburtstag. Wegen der ungünstigen Lage im Kalender gab es eigentlich nie eine besondere Feier. Die Weihnachtsgeschenke waren immer auch Geburtstagsgeschenke. Aber an Ostern würde es wieder etwas geben. Sein Vater hatte sich noch gar nicht gemeldet. Entweder er kam überraschend vorbei oder es würde ein Paket in der Ingelheimer Post auf ihn warten. Man wusste es nie. Leider hatten die Großeltern kein Telefon, so dass er nicht Bescheid sagen konnte, ob er käme. Und dann war der Junge eingenickt.
***
Gegen drei Uhr wachte er auf und ging die Treppe hinunter. Die Mieterin aus dem ersten Stock, eine pensionierte Lehrerin, die der Großvater wegen ihrer hochnäsigen Art nicht leiden konnte, war bereits gestern zu ihren Kindern nach Karlsruhe abgereist.
Im Flur stand seine Mutter und zog sich gerade ihren tannengrünen Mantel an. Der Großvater setzte seine Schiebermütze auf und steckte sein Stofftaschentuch in die Manteltasche. Er trug schwarze halbhohe Lederschuhe mit meterlangen Schnürsenkeln. Der Junge hatte seinen Großvater nie in anderen Schuhen gesehen. Die Großmutter trug Kopftuch und Schal, obwohl es nicht kalt draußen war.
„Wir fahren zum Kaffee zu Gemmers rüber. Kommst du mit?“ fragte seine Mutter.
„Nö, keine Lust“, antwortete der Junge. „Ich bleibe lieber hier, vielleicht gibt es ja was im Fernsehen.“
Er hatte die Verwandten in Oberfischbach schon häufiger besucht, das Dorf war nicht allzu weit entfernt. Jeder in der Gegend kannte die Geschichte: Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte es Oberfischbach, Mittelfischbach und Niederfischbach gegeben. Niederfischbach wurde von seinen Bewohnern aufgegeben, die komplett nach Amerika ausgewandert waren.
„Geh doch lieber mal zu deinem Nachbarn rüber. Herr Sperber hat ein Geschenk für dich.“
„Ein Geschenk?“ fragte der Junge. Er war überrascht, so plötzlich von diesem Mann zu hören.
„Ja“, schaltete sich seine Großmutter ein. „Er ist hier gewesen und hat gesagt, er hätte ganz tolle Briefmarken für dich. Australische Sondermarken und alte chinesische Marken aus dem Kaiserreich.“
„Er freut sich bestimmt über deinen Besuch, schließlich ist er an den Feiertagen ja ganz allein“, sagte seine Mutter. „Wir sind gegen achtzehn Uhr wieder hier. Dann machen wir Bescherung.“
„Und nicht das Haus nach den Geschenken absuchen, hast du verstanden?“ fragte seine Großmutter.
Als ob ich noch wie ein kleiner Junge die Schränke durchwühle, dachte der Junge. Fehlt nur noch, dass sie mir das Versprechen abnimmt, nicht mit Feuer zu spielen. Aber er konnte ihr nicht böse sein. Sie war ein vorsichtiger Mensch und es waren ihre Erfahrungen, die sie vorsichtig machten. Sie war 1904 geboren und hatte ihre Eltern während der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg verloren. Etwa in meinem Alter muss sie gewesen sein, dachte der Junge, als sie als Magd auf einen Bauernhof kam. Eine Kuh stach ihr das rechte Auge aus, seither trug sie ein Glasauge. Sie kam in eine Augenklinik und blieb dort als Hilfskrankenschwester, bis mein Großvater sie kennenlernte. Nach der Hochzeit war sie, wie damals üblich, Hausfrau geworden und hatte sich um die Kinder gekümmert. Seine Mutter hatte noch einen Bruder gehabt, aber der war schon als Zweijähriger an Blinddarmentzündung gestorben. Im Wohnzimmer und im Flur hingen alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die das Kind zeigten. Wenn es seiner Großmutter schlecht ging, klagte sie immer ihrem kleinen Walter ihr Leid. Jede Woche besuchte sie das kleine Kindergrab auf dem Dorffriedhof. Er war auf gewisse Weise immer bei ihr, wie der stumme leblose Mond, der die Erde umkreiste. Der Junge hatte sich nie getraut, über dieses Kind und ihren Schmerz Fragen zu stellen.
Er hörte, wie der Wagen vom Hof rollte und die Straße hinunter fuhr. Jetzt war er allein. Sollte er wirklich zu Sperber hinüber gehen? Der Mann war gefährlich. Andererseits wusste er nicht, was der Junge wusste. Sperber war ahnungslos und er konnte vielleicht etwas heraus bekommen. Eine Weile stand er unschlüssig im Flur, dann zog er sich Jacke und Schuhe an.
Auf der Straße war niemand zu sehen. Die kahlen Bäume wirkten schwarz unter dem sonnenlosen Himmel.
Er klingelte an der Haustür und hörte, wie sich Schritte näherten.
Sperber öffnete die Tür und begrüßte ihn mit einem schiefen Grinsen. „Hallo, Junge. Hat dir deine Oma von den Briefmarken erzählt?“
„Ja“, sagte der Junge und zögerte. Der Blick des Mannes passte nicht zu dem breiten Lächeln, das er jetzt versuchte.
„Magst du Cola?“ Herr Sperber machte eine einladende Geste und trat zur Seite.
„Klar“, sagte der Junge. Es war zu spät. Jetzt musste er auch weitermachen. Dabei interessierten ihn die Briefmarken immer weniger. Im letzten Monat hatte er sich die Sondermarken zu Doktor Faust, zum Energiesparen und eine Weihnachtsmarke gekauft. Er überlegte ernsthaft, ob er sich von seinem knappen Taschengeld überhaupt noch Sondermarken kaufen sollte. Tauschgeschäfte würden es nächstes Jahr auch tun und er hatte wenigstens den Jahrgang 1979 komplett. Das war für den Wiederverkauf sehr wichtig.
Als der Junge sich auf das Sofa setzte, sah er ein paar Blätter auf dem Wohnzimmertisch liegen.
Seine Geschichte!
Herr Sperber setzte sich ganz ruhig in den Sessel und sah den Jungen an.
Der Junge wusste nicht, was er machen sollte.
Auf dem Tisch stand ein Glas Cola.
Herr Sperber deutete auf das Glas. „Willst du nichts trinken?“
Der Junge schüttelte stumm den Kopf. Er musste daran denken, was ihm der Redakteur über Valium in Cocktails erzählt hatte.
„Deine Großmutter hat mir neulich deine Kurzgeschichte in der Schülerzeitung gezeigt. Du hast eine Menge Phantasie. Und heute, als ich nur frohe Weihnachten wünschen wollte, zeigt sie mir doch tatsächlich diesen Text.“ Er deutete auf die Blätter. „Da verdächtigst du also den Nachbarn, ein gesuchter Frauenmörder zu sein, was?!“
Der Junge saß in der Falle. Was konnte er tun? Schreien? Niemand würde ihn hören. Das nächste bewohnte Haus war weit weg und seine Familie war nicht zu Hause. Ich muss reden, dachte er, und Zeit gewinnen. „Ich habe so eine ähnliche Geschichte in der Neuen Post gelesen.“
„Einen Scheiß hast du.“ Sperber schob den mächtigen Unterkiefer nach vorne. „Wem hast du noch davon erzählt?“
„Was soll ich denn erzählt haben?“
„Von dem Fahndungsplakat zum Beispiel“. Sperber war aufgesprungen.
Der Junge sah ihn ängstlich an. Was sollte er jetzt machen? „Ich habe keinem Menschen etwas erzählt, ich schwöre es.“
Der Fausthieb traf ihn unvermittelt an der Schläfe. Alles drehte sich, er taumelte und fiel. Alles wurde schwarz und er hörte nichts außer einem fernen Rauschen. Dann wurde er bewusstlos.
Sperber hob ihn auf seine rechte Schulter und trug ihn die Treppe hinauf in die Küche. Alles würde wie ein Unfall aussehen. Der Junge war im oberen Stockwerk in der Küche gewesen, als das Feuer ausbrach. Er konnte nicht mehr die Treppe hinunter und durch die Tür ins Freie. Das würde für die dämliche Bauernpolizei in dieser Gegend reichen.
Er ging in die Garage und holte zwei Benzinkanister ins Haus. Im Wohnzimmer schüttete er das Benzin über die Möbel und Vorhänge. Außerdem legte er eine Spur durch alle Räume des Erdgeschosses und die Kellertreppe hinab.
Ich muss wieder ganz von vorne anfangen, dachte Sperber.
Dann zündete er ein Streichholz an.
***
Ein heiseres Schreien wie von einem Raubvogel. Es war so unnatürlich laut, dass der Junge erschreckt die Augen öffnete.
Sein Kopf schmerzte.
Er erhob sich langsam.
Waren das wirklich Schreie?
Er ging auf den Flur und sah die Treppe hinunter. Es brannte.
Und durch das Feuer raste der brennende Mörder.
Ich muss hier raus, dachte der Junge und lief in die Küche zurück.
Aus dem Fenster!
Das Haus stand an einem Hang und der Sprung auf den Rasen sollte vom ersten Stock aus zu schaffen sein. Es gab keinen anderen Weg nach draußen.
Er kletterte auf das Fensterbrett und ließ sich langsam ab, bis er nur noch mit den Händen am Sims hing. Dann blickte er nach unten. Es sah immer noch tief aus. Dann blickte er zur Seite und sah Qualm aus einem Fenster im Erdgeschoss dringen.
Er ließ sich fallen.
Einen Augenblick später rollte er über den Rasen. Nichts war passiert.
Nur weg hier, dachte er, als zur Straße lief.
Da gab es eine gewaltige Explosion.
Es war, als seien alle Farben und Geräusche plötzlich durch einen Strohhalm aus seinem Kopf gesaugt worden.
Dunkelheit.
Stille.
Rheinkind, Kapitel 12
Als er aufwachte, war alles weiß. Dann schlief er wieder ein.
Er träumte, er würde durch ein riesiges Haus rennen. Er kannte das Haus nicht, kein einziges Zimmer. Irgendetwas war in diesem Haus, aber er wusste nicht was. Er rannte weiter. Es war hinter ihm her. Er öffnete alle Türen, doch hinter jeder Tür hätte es lauern können. Lief er vor ihm weg oder lief er ihm in die Arme? Der Junge rannte weiter und fiel. Er rollte durch das Gras einer Wiese, alles drehte sich um ihn. Aber er stand auf und taumelte zum Haus seiner Großeltern. Seine Großmutter stand in der Küche am Herd. Er hatte es geschafft, dachte er erleichtert. Er war entkommen. Ich habe ihn umgebracht, sagte er zu ihr. Sie nickte sanft, so als habe sie alles verstanden, und drehte sich zu ihm um. Es war Sperber. Der Mörder.
Der Junge wachte schreiend auf. Alles war weiß. Sein Herz klopfte wild und er wartete, bis er besser sehen konnte.
Er lag in einem Krankenzimmer und war allein. Vor dem Fenster türmte sich der Schnee auf den gewundenen Ästen der Bäume. Seine Bettdecke war noch weißer als die Wände und die Zimmerdecke. Erst jetzt bemerkte er den dumpfen Schmerz in seinem Kopf. Was war geschehen? Er war in Klingelbach gewesen, das wusste er noch. Aber was war mit ihm passiert? War er gestürzt wie damals, als er mit dem Dreirad gegen das Hoftor geprallt war? Lag er, noch betäubt von einer Operation, in einem Aufwachraum wie damals, als er mit Blinddarmentzündung im Krankenhaus von Katzenelnbogen gelegen hatte? Die Fragen strentgen ihn an und er schlief wieder ein.
Als er wieder aufwachte, blickte er in das Gesicht seines Vaters.
Der Vater lächelte und dunkle Locken umrahmten sein braungebranntes Gesicht. „Wie geht es dir?“ fragte er.
Seine Stimme klang weit entfernt, so als sei sie von Watte gedämpft.
„Gut“, antwortete der Junge mechanisch, aber es stimmte nicht. „Was ist passiert?“ fragte er.
„Du hast eine schwere Gehirnerschütterung. Deswegen kannst du dich an nichts erinnern. Aber es ist alles gut, glaub mir.“ Er lächelte wieder und streichelte dem Jungen die Wange.
„Wo bin ich?“
„Du bist im Krankenhaus. Schon zum dritten Mal. Aber die Ärzte sagen, dass du in ein paar Tagen nach Hause kannst. Dann feiern wir deinen Geburtstag nach.“
„Meinen Geburtstag?“
„Ja. Heute ist der 27. Dezember, dein fünfzehnter Geburtstag. Und Weihnachten werden wir auch nachfeiern müssen, das hast du komplett verpasst.“ Er holte einen gefalteten und unbeschriebenen Umschlag aus der Brusttasche seines Hemdes. „Hier sind fünfhundert Mark für dich. Dafür kaufst du dir nächstes Jahr eine Stereoanlage oder ein Mofa.“ Dann steckte er das Geld wieder in die Tasche seines blütenweißen Hemdes.
Der Junge lächelte. Eine Stereoanlage! Aber dann verdüsterten sich seine Gedanken wieder. Er wusste immer noch nicht, was geschehen war.
Der Vater bemerkte es und sagte: „Dieser Nachbar, Herr Sperber, war ein gesuchter Mörder. Er hat dich in sein Haus gelockt, als der Rest der Familie auf Verwandtschaftsbesuch war. Dort wollte er dich töten und dann das ganze Haus anzünden. Durch den Faustschlag und die Explosion kannst du dich an nichts mehr erinnern, aber der Mann hat das Haus tatsächlich in Brand gesteckt. Er wollte alle Spuren vernichten. Beim Ausschütten des Benzins sind aber Dämpfe entstanden, die sich entzündet haben, als die Ratte ein brennendes Streichholz auf den Boden geworfen hat. Er ist in seiner eigenen Falle ums Leben gekommen“, sagte sein Vater und schluckte. „Als das Feuer den Heizöltank erreicht hatte, den der Mörder absichtlich geöffnet hatte, ist das ganze Haus in die Luft geflogen. Dieser Schweinehund hat sich selbst gerichtet.“
Sie schwiegen eine Weile, so als wären beide erschöpft durch die Erzählung.
„Du, Papa“, begann der Junge nach einer Weile. „Ich habe gewusst, dass Sperber ein Mörder ist. Darüber wollte ich für die Schülerzeitung eine Geschichte schreiben.“
„Deine Großmutter hat mir erzählt, dass du am Tag des Unglücks tatsächlich an einer Geschichte geschrieben hättest. Sie hätte die Blätter auch diesem Sperber gezeigt, der von deiner ersten Veröffentlichung schon sehr begeistert gewesen war.“
„Daran kann ich mich gar nicht erinnern.“
„Sie wird mit dem Haus in Schutt und Asche gegangen sein“, sagte der Vater. „Aber jetzt hast du ja eine viel bessere Geschichte. Du bist sogar in die Zeitung gekommen, ein Herr von der Allgemeinen Zeitung hat deine Mutter angerufen.“
„Ich kann mir schon denken, wer das war“, antwortete der Junge. Und nach einer Weile fragte er: „Wie lange bleibst du diesmal?“
Der Vater lachte wieder. „Diesmal bleibe ich für immer. Die Firma will eine neue Produktionsanlage für Medikamente aufbauen. Dabei werde ich ab ersten Januar mitarbeiten, das Projekt in Indien ist abgeschlossen.“
Eine Krankenschwester kam leise ins Zimmer. In ihrer weißen Tracht sah sie aus wie ein Engel. Auf dem Tablett hatte sie Tee und belegte Brote. Es musste später Nachmittag sein. Abendbrot.
Der Junge war glücklich.
Donnerstag, 25. Juni 2015
Unterwerfung
„Jetzt friste ich die Tage in meinem Winkel, indem ich mich selbst mit dem böswilligen und zugleich sinnlosen Trost aufstachele, dass ein kluger Mensch ernsthaft überhaupt nie etwas werden kann und nur ein Dummkopf etwas wird.“ (Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch)
Technische und politische Kontrolle entwickeln sich parallel. Die wachsende Abhängigkeit von der Technik bedeutet eine wachsende Abhängigkeit von der politischen Führung und ihrem unüberschaubaren Regelwerk. Jedes Update am Computer, jeder Neukauf eines Smartphones ist ein Akt der Unterwerfung. Und wir werden noch nicht einmal dazu gezwungen, wir wollen es selbst. Wir sind gierig nach jeder neuen Technologie. Sie erleichtert uns das Leben, sie nimmt uns Aufgaben, die wir zuvor selbst erledigen mussten. Wir sind wie Kinder, denen die Erwachsenen alle schwierigen Aufgaben abnehmen.
Und tatsächlich benehmen sich die meisten Menschen wie Kinder. Sie ziehen sich an wie Kinder, ich sehe Fünfzigjährige mit Basecap und zerrissenen Jeans. Sie ernähren sich wie Kinder und stopfen Schokoriegel oder Hamburger in sich hinein - und mit geradezu kindischem Stolz verweigern sie die Benutzung eines Bestecks. Ich kenne Akademiker meines Alters, die Heidi Klum anhimmeln, als seien sie zwölf Jahre alt. Professoren, die Micky Maus-Heftchen auf dem Flohmarkt kaufen und kichernd vor dem Einschlafen lesen. Wie viele Erwachsene haben eine Play Station zu Hause und berichten vom zuletzt erreichten Level oder machen alberne Online-Spiele, deren Ergebnisse sie bei Facebook posten? Sie fotografieren wie Erstklässler tausendmal die eigene Visage oder das Mittagessen. Und die Kinder dieser Kindsköpfe werden wie komplette Vollidioten behandelt. Die dürfen noch nicht mal auf der Straße spielen und nur mit Helm ein laktosefreies Eis essen. Es ist modern geworden, infantil zu sein.
Und so ganz nebenbei wird man von einem patriarchalischen Staat beherrscht, der uns mit einem Babyphone (vulgo: Handy) überwacht, der uns gesund ernähren, permanent beschützen und überhaupt nur unser bestes will. Wir nennen unsere Regierungschefin nicht zufällig „Mutti“ und sprechen ganz bewusst vom „Vater Staat“. So laßt uns denn ein Bäuerchen machen.
„Aux armes, citoyens! Le signal est donné! Marchons, enfants de la liberté! Le jour de gloire est arrivé!“
Worte von Erwachsenen. Es ist vorbei.
Blogstuff 5
„Mein Bett, mein Kampfplatz für den Frieden!“ (Andy Bonetti)
Lob der Monarchie. Mein Lieblingszitat von Prinz Philip, Herzog von Edinburgh und Ehemann der englischen Königin: „Wie halten Sie die Eingeborenen hier lange genug vom Saufen ab, so dass sie die Fahrprüfung bestehen?“ (Frage an den Fahrlehrer Robert Drummond im schottischen Oban im August 1995). Sehr sympathisch war auch die Begrüßung Helmut Kohls mit dem Satz „Guten Tag, Herr Reichskanzler“ auf der Hannover-Messe 1997.
Ich war fassungslos, als ich das Fotoalbum aufschlug. Natürlich, das war ich. Als Kind. Aber vor welchem Haus stand ich da? Und wer waren der Mann und die Frau, zwischen denen ich stand? Auf einem anderen Bild hatte ich ein Gipsbein. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals ein gebrochenes Bein gehabt zu haben. Und diese Urlaubsbilder: Ich war niemals in Paris oder Rom gewesen. Es schien, als hätten die Bilder in meiner Abwesenheit ein Eigenleben entwickelt.
„Jedermann sein eigner Fussball“: Das ist der Titel einer dadaistischen Satirezeitschrift des linken Malik-Verlags, die nur einmal erschienen ist (15.2.1919) und sofort von der Zensur verboten wurde. Wegen des abgedruckten Gedichts „Coitus im Dreimäderlhaus“ wurde der jüdische Satiriker Walter Mehring, der einige Jahre zuvor schon wegen „unpatriotischen Verhaltens“ im Krieg vom Gymnasium geflogen war, vor Gericht gezerrt. George Grosz, Erwin Piscator und John Heartfield wirkten unter anderem an diesem Meisterwerk mit.
Meine Lieblingsphilosophie: Absurdismus. Die menschlichen Anstrengungen, einen Sinn im Universum zu finden, müssen fehlschlagen, da es in Bezug auf die Menschen keinen Sinn im Universum gibt. Camus war ein berühmter Vertreter dieser Philosophie: „Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“
Servilismus ist eine deutsche Philosophie.
Warum träumen wir nur Bilder? Warum kein Geräusch, keinen Geruch, keinen Geschmack?
Motto: die Pfalz ist pfälzisch, Hessen ist hesslich.
Geplantes Sachbuch von Andy Bonetti: „Vom Kreuzzug zur Kreuzfahrt – tausend Jahre deutscher Tourismus“. Die englische Übersetzung soll „A Bucket Full Of Darkness“ heißen.
Kennen Sie die Männerzeitung “Matthias”? 1984 haben wir schon die gleichen Debatten geführt wie 2015 … https://www.youtube.com/watch?v=xWfqb9ZieDE
Joey „the Clown“ Lombardo hat sein Vermögen mit Sportwetten gemacht, weswegen er in der Zockerszene auch als „Wizard of Odds“ bekannt ist. Angefangen hat er als ambulanter Makrelenhändler auf der Lower East Side von Bad Nauheim. Er zog mit seinem Fischeimer von Haustür zu Haustür, was vor allem im Sommer kein Spaß war.
Freud‘scher Verleser: Nachrichtenplage statt Nachrichtenlage. Dabei lese ich die beiden Fortsetzungsromane „Griechenland“ und „Ukraine“ schon längst nicht mehr und spare auf diese Weise viele Stunden wertvoller Lebenszeit für wichtigere Dinge (Blumen betrachten, Bücher lesen, Vanillepudding essen).
Okay, es ist pietätlos, aber es ist eine wahre Geschichte, und ich muss sie erzählen: Ein Frankfurter Investmentbanker, der zu einer dieser streng religiösen christlichen Gruppen gehört, ist beim Joggen den Sekundentod gestorben. Plötzlicher Herztod, laut Auskunft des Arztes war er schon tot, als er auf dem Waldweg aufschlug. Er wurde von seiner Familie nach Hause gebracht, aufs Bett gelegt – und dann haben sie sich um ihn gestellt und Auferstehungslieder gesungen. Auch das ist ein Teil der deutschen Gegenwart. Eine Szene, die in meinen Augen zugleich makaber und komisch ist. (Einer meiner Informanten war auf der Beerdigung, es waren so viele Banker da, dass er vor der Kirche stehen musste – schade, ich hätte gerne etwas über die gehaltenen Reden erfahren)
Jasper van der Senfmühlen hatte ein Stadium erreicht, in dem man entweder eine Pumpgun kauft und einmal radikal aufräumt oder jeden Tag seinen Zynismus wie glühendes Eisen in die von Missgunst und Dummheit entstellten Visagen seiner sogenannten Mitmenschen gießt.
Excalibur ist kein Schwert, sondern ein Gurkenglas (Jahrgang 1999 – 2,49 DM), das im Kühlschrank einer Frauen-WG steht und auf einen Ritter wartet, der es öffnet.
Woher kommt eigentlich der Begriff „Jogginghose“? Ich sitze an einem Sonntagnachmittag in der Pizzeria „Zur Post“ in Waldalgesheim und sehe die Kunden, die ihre Pizza abholen. Ich habe noch nie jemanden in diesen Hosen rennen sehen.
Sie waren in der Grundschule in der gleichen Kinderbande gewesen. Die alte Geschichte: Vandalismus, Schutznaturalienerpressung und Sammelbildchen.
A: Sie werden noch von mir hören!
B: Wieso? Sind Sie Musiker?
Jan Delay – Klar. https://www.youtube.com/watch?v=3JG6yipKXVA
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