Samstag, 25. Juli 2009
Berliner S-Bahn
Es ist herrliches Spätsommerwetter und gegen Mittag beschließe ich, ans Kleist-Grab zu fahren und ein wenig am Wannsee spazieren zu gehen. Am Bahnhof Zoo steige ich in die S-Bahn, zwei Stationen weiter steigt ein abgerissener übelriechender älterer Mann mit schorfigen Wunden am fast kahlen Schädel ein und setzt sich mir gegenüber. Er spricht mich fortlaufend an, fragt nach der Uhrzeit und ob er mit diesem Zug zum Ostkreuz käme. Höflich und freundlich, wie ich mich den Gescheiterten gegenüber immer verhalte (denn sie geben mir das Gefühl, noch nicht völlig auf der untersten sozialen Stufe angekommen zu sein), antworte ich ihm in kurzen Sätzen und erkläre ihm, daß er sich auf dem Weg nach Potsdam befände. Mit heiterem Gemüt konstatiert er, alle Wege würden schließlich ans Ziel führen, und macht keine Anstalten, den Zug zu wechseln. Dann sagt er, er sei betrunken und holt zum Beleg ein kleines Cognacfläschchen aus der mitgeführten Plastiktüte. Er bietet mir einen Schluck an, ich lehne dankend ab, er stärkt sich ein wenig. Sehr zur Erheiterung der älteren Damen, die auf den Bänken neben uns sitzen, sagt er anschließend: "Brauchst keine Angst zu haben. Der Onkel Norbert ist ein guter Mensch." Dann bricht er in ein Wimmern und Heulen aus, sein Gesicht ist eine verzerrte Maske des Jammers. Ich antworte dem zwei Köpfe kleineren Mann, ich hätte keine Angst. Und wieder: "Brauchst keine Angst zu haben" usw. Plötzlich zieht er ein Messer. Es ist keines von der Sorte, die man zum Schmieren von Marmeladebrötchen benutzt, sondern ein scharf geschliffenes, spitzes Jagdmesser. Er richtet es auf mich, die Klinge ist einen halben Meter von meinem Bauch entfernt. Und wieder: "Brauchst keine Angst zu haben. Der Onkel Norbert ist ein guter Mensch." Ich bleibe nach außen ruhig und freundlich, während in meinem Kopf fieberhaft die Gedanken durcheinander fliegen. Es denkt in mir auf Hochtouren: den Mann und die Waffe im Auge behalten, cool bleiben und weiter reden, keine hektischen Bewegungen, notfalls den Gegner überwältigen. Ich erkläre ihm, er müsse erst aus- und dann umsteigen, um das Ostkreuz zu erreichen. Er sagt nur immer wieder: "Brauchst keine Angst zu haben. Der Onkel Norbert ist ein guter Mensch." Als würde eine Schallplatte hängen, dazu dieses gruselige Jaulen und die verzerrte Fratze. Schließlich steckt die Elendsgestalt das Messer wieder ein, wünscht mir noch einen guten Tag und steigt aus. Bei meinem Spaziergang geht mir durch den Kopf, wie schnell doch alles vorbei sein kann. Lange bleibe ich bei Kleist stehen. Dir wurde das Leben geschenkt, du hast nicht danach gefragt. Also frag auch nicht nach dem Tod, genieße das Leben wie Geld, das du auf der Straße gefunden hast.
Scheitern
Über das Scheitern ist nicht genug geschrieben worden. Aber wer kann vom Scheitern schon berichten? Viele Gefallene sind verstummt. Und die wenigen aufrechten Gescheiterten müssen sich im Triumphgeheul moderner Oberflächlichkeit eine Stimme verschaffen. Reden und schreiben ist das eine, zuhören und lesen das andere. Was kann man aus den Erzählungen der Gescheiterten lernen? Wie man es nicht macht? Wenn man auf einer Party nach seinem Namen gefragt wird, antwortet man schließlich auch nicht: Ich heiße nicht Fred. Über den Umweg des Gescheiterten und seine Erzählung wird man kein Gewinner. Und das scheint ja offensichtlich für die überwiegende Mehrheit der Menschen der Hauptzweck des Daseins zu sein. Der geheime Genuß des Scheiterns muß ihnen verborgen bleiben. Wer gescheitert ist, hat das Spiel hinter sich. Er ist erleichtert und kann fortan alles gelassen sehen. Wer in der Bundesliga auf dem letzten Tabellenplatz steht, kann aufatmen. Tiefer kann man nicht mehr sinken, es kann nur noch aufwärts gehen. Und erzähle mir keiner was von Abstieg. Ich glaube nicht an Wiedergeburt. Das Leben ist wie eine Saison und Platz 18 ist der behagliche Ruhepol des glücklichen Faulpelzes. Wer gescheitert ist, sollte nicht den Fehler begehen, es noch einmal versuchen zu wollen. In Deutschland wird es einem ohnehin nicht gedankt. Hinter dem Scheitern liegt das Reich der Freiheit. Und es ist angenehm ausgestattet. Was brauche ich? Essen, trinken, das "Dach über dem Kopf". Hat man alles immer. Musik, Fernsehen, Bücher? Kein Problem. Gelegentlich eine neue Unterhose und Blumen für Mutti? Geht auch irgendwie. Was soll’s also? Laut einer Versicherungsstatistik ist "Gehen auf ebener Erde" die sicherste Fortbewegungsart. Das kann ich bestätigen. Nicht fallen, rennen, taumeln, torkeln, kriechen, kugeln, robben, rollen, stürzen, straucheln, hinken, hasten und was es der Fortbewegungsarten mehr gibt. Das einfache Gehen, zumal auf ebener Erde, ist die wundervollste Art, sich auf dieser schönen Welt fortzubewegen. Bei allen fernen Zielen sollten wir uns fragen, ob sie es wert sind, zu Fuß erreicht zu werden. Sind sie es nicht, sollten wir zu Hause bleiben.
Donnerstag, 23. Juli 2009
Creative Losing
Take 1
Peter, Paul und Mario sitzen um einen Tisch voller leerer Bierflaschen.
Mario, ein abgehalfterter Ex-Bundeswehroffizier, dessen Getränkehandel mehr als schlecht läuft, und der sein Haar so kurz trägt, dass ein US-Soldat gegen ihn wie ein Hippie wirkt, fragt: "Und Paul, was hast du vor? Willst du es dieses Jahr schaffen, von der Stütze weg zu kommen?" Er ist stolz, wenigstens einer Arbeit nachzugehen, aber in Wirklichkeit lebt er vom Übergangsgeld, das ihm nach zwölf Jahren Brüllen und Scheiße-Fressen zusteht. Erst vor kurzem ist er aus seinem großen Dorf in die kleine Stadt gezogen.
Paul, ein arbeitsloser Akademiker, der nach ein paar Jahren als Doktorand an der Uni weder die Promotion noch den Absprung in einen seriösen Beruf geschafft hat und der immer noch die selben Jeansjacken und Sweat-Shirts wie in der 8. Klasse trägt, antwortet: "Ich habe da eine Idee. Ich will einen Krimi schreiben. Krimis werden immer gelesen und ein alter Freund von mir möchte einen kleinen Verlag aufziehen."
Peter, der eine illegale Autowerkstatt in einem Hinterhof am Rande ihrer kleinen Stadt betreibt und der Metall nicht nur in Werkzeugform, sondern auch als Piercing an seinem gesamten Körper nutzt, fragt: "Und wie kommt man da auf eine Idee? Du hast doch keine Ahnung von Verbrechen."
Paul: "Creative Writing."
Mario: "Was soll das denn sein?"
Paul: "Das ist aus Amerika. Ich habe ein Buch darüber gelesen. Du verwandelst die Realität, deinen Alltag in eine Geschichte. Du machst einen Plot daraus und für den Ablauf der Handlung gibt es bestimmte Schemata, nach denen du diesen Plot entwickelst." Paul benutzt gerne Worte wie "Schemata", die Mario und Peter nicht mögen. Sie hätten "Schemas" gesagt.
Peter kratzt sich nachdenklich an seinem Augenbrauenpiercing: "Dann zeig uns doch mal, wie das geht!"
Paul: "Nichts leichter als das. Nehmen wir mal die Protagonisten ..."
Mario: "Red deutsch, du elender Sohn einer neunbrüstigen Hyäne und eines defekten Tankrüssels."
Paul: "Die Hauptdarsteller, du viertklassiger mongoloider Tierversuchs-Ersatz!"
Peter: "Jetzt kommt endlich auf den Punkt, ihr Jauche saufenden Schweine." Die drei lieben es, sich die übelsten Beschimpfungen um die Ohren zu hauen.
Paul: "O du eiternde Geissel der Karpaten, du leichtfertig ausgeschissene Schmach des Rheinlands, du philippinischer Hartgeld-Stricher! Pass auf, nehmen wir mal drei Personen. Sagen wir, der eine ist ein abgehalfterter Bundeswehroffizier, dessen Frau ihn betrügt ..."
Mario: "Du hast sie ja wohl nicht alle, du schleimgeborener Sohn päderastischer Molusken, der du aus dem verfaulten Leib einer armenischen Zigeneunernutte gekrochen bist, die beim Anblick deiner räudigen Zombiefresse vor Schreck verreckt ist!"
Paul: "He, es ist doch nur eine Geschichte. Sie hat nicht wirklich mit euch zu tun, verstehst du? Was ich hier sehe, ist nur der Rohstoff, und ich mache daraus Literatur. Ihr seid wie Hopfen und Malz, ich bin der Braumeister. Also: Die zweite Person ist ein zugepiercter Mechaniker, der schwarz alle möglichen Autos repariert, und über dessen Werkstatt der einzige Swinger-Club einer Kleinstadt ist."
Peter: "Möge der kotzefressende Beelzebub, der den üblen Samen auf einen von Schmeissfliegen umschwirrten Misthaufen fallen ließ, aus dem du hervor gekrochen bist, dir auf ewig Chilipulver unter die Vorhaut und die Augenlider reiben, bis das du bereuest deinen Frevel gegen mich."
Paul: "Halt endlich dein vor Dummheit aufgeschwollenes Maul, damit ich weitermachen kann, du asoziales Stück Rattenscheiße aus der übelsten Gosse einer hinterindischen Leprastation! Die dritte Person ist ein arbeitsloser Akademiker. Die drei sitzen in einer Wohnung und überlegen, wie sie zu Geld kommen können. Da tritt einer von den drei Pro ... von den Hauptdarstellern ans Fenster. Mario, würdest du mal ans Fenster gehen!"
Mario: "Was soll die Scheiße?"
Paul: "Bitte, mach es einfach."
Mario steht auf und geht ans Fenster. "Ungeziefer wie dich, das im Rinnstein darauf wartet, von seinem erbärmlichen Dasein als Kotzbrocken erlöst zu werden, sollte man eigentlich mit Schimpansenauswurf bepinseln und den Wespen überlassen."
Paul: "Jetzt sag mir einfach mal, was du da siehst, du menschliche Variante eines gebrauchten Tampons."
Mario: "Ich sehe die Straße und dahinter die Wiese am Kanal."
Paul: Weiter!"
Mario: "Dann kommen ein paar Bäume und dahinter die Mauer vom Grundstück der alten Gomolke." Die alte Gomolke ist eine reiche Industriellenwitwe. Niemand in der Stadt hat soviel Geld wie sie, über die Höhe des Vermögens wird gerne in den umliegenden Spelunken spekuliert.
Paul wendet sich an Peter: "Willst du die Geschichte weiter erzählen?"
Peter grinst: "Die drei Jungs planen eine Entführung."
Paul: "Genau. Der erste hat eine solide Armeeausbildung und kann mit Waffen, Sprengstoff usw. umgehen. Der zweite kennt sich mit Autos aus und hat ein gutes Versteck. Und der dritte hat Erfahrung in Projektplanung und kann reden, also über das Lösegeld verhandeln. Kapiert?"
Mario und Peter nicken schweigend.
Paul: "Und was haltet ihr von dem Plan?"
Mario: "Das ist besser als meine Idee, den Swinger-Club zu beobachten und irgendwelche verheirateten Hausfrauen zu erpressen."
Take 2
In den folgenden Tagen verbringen sie viel Zeit mit einem Feldstecher am Fenster von Peters Wohnung. Der Haupteingang zum Grundstück der alten Gomolke liegt auf der anderen Seite, schräg gegenüber einem Weingut, das auch eine Straußwirtschaft betreibt. Während die Schoppengläser in der Sonne funkeln, machen sie sich Notizen. Offenbar lebt auf dem Grundstück noch ein Hausverwalter, der für den Garten zuständig ist, und dessen Frau die Villa in Ordnung hält. Bei unauffälligen Spaziergängen durch die umliegenden Straßen und am Kanal können sie sich einen Überblick zum Thema Sicherheitstechnik verschaffen.
Währenddessen im Swinger-Club:
"Na, Susi. Wann kommst du endlich mit der Kohle rüber?" Susi hat sich Geld geliehen, aber irgendwie war alles in den Parfümerien und Modegeschäften der nahen Großstadt geblieben.
"Du kriegst es bald, versprochen."
"Oder dein Mann bekommt dieses nette kleine Videoband zusammen mit unserem Leergut."
"Jetzt bleib mal ganz locker. Mario und ich werden bald eine ganze Menge Kohle haben, verlasst euch drauf!"
"Ach nee, erzähl doch mal."
Susi schweigt. Aber um eine lange und schmutzige Geschichte kurz zu machen: Schließlich erzählt sie den beiden Bulgaren doch alles, wobei einige Tropfen in ihrem Gin-Tonic eine nicht unwesentliche Rolle spielen.
Take 3
Am Samstagabend ist es dann soweit. Peter hat einen alten Wartburg an der Hafenmole angezündet, Polizei und Feuerwehr sind also beschäftigt. Der Hausverwalter und seine Frau sitzen, wie jeden Samstagabend, in einem Gasthaus bei Jägerschnitzel und Faßbier.
Mario schleicht sich an die Stelle der Grundstücksmauer, wo ein Sicherungskasten angebracht ist. Das Haus wird über eine Nebenleitung mit Strom versorgt und an dieser Leitung hängt auch die Alarmanlage. Er benutzt eine Ladung Thermit, das zwar brennt, aber nicht explodiert. Kurz darauf ist alles dunkel auf dem Grundstück. Er stellt eine Leiter an die Mauer, klettert hinauf und nimmt die Leiter mit auf die andere Seite. Dann rennt er in seinem schwarzen Kampfanzug und der Sturmhaube hinüber zum Haus und schneidet ein Loch in die große Glasfront der Terrasse, um an den Türgriff zu kommen. Die alte Gomolke denkt wohl, es handele sich um einen normalen Stromausfall, denn er findet sie – nachdem er ninjamäßig durch das Haus geschlichen ist - in der Küche, wo sie gerade eine Kerze anzündet. Sie sieht ihn nur verständnislos an, ihm fällt auf, dass sie Ringe unter den Augen hat wie ein alter Bluthund. Aber sie ist starr vor Schreck. Sie schreit nicht einmal, als er sie mit Chloroform betäubt.
Mit der Gomolke auf dem Rücken geht es keuchend zurück über die Mauer, wo Peter mit dem Fluchtwagen, einem Opel Rekord, wartet. Paul hilft, die reiche Witwe im Kofferraum zu verstauen. Der Geruch von Tosca provoziert seine Nasenschleimhäute.
Dann fahren sie zu Peters Werkstatt am Rand der kleinen Stadt. Als er das Tor öffnet, werden sie von Taschenlampen geblendet. Und damit endet ihre Entführung. Oder besser: Die Entführte wird erneut entführt.
Take 4
Peter, Paul und Mario sitzen um einen Tisch voller leerer Bierflaschen.
Paul: "Verdammte Scheiße. Ich kann es immer noch nicht glauben."
Mario: "Alles geplant bis ins die kleinste Kleinigkeit. Ich würde gerne wissen, wer uns verraten hat, aber wir werden es wohl nie rauskriegen."
Peter: "Dafür sitzen wir wenigstens nicht im Knast wie dieser bescheuerte Dimitri und sein Kumpel. Die haben sich bei der Lösegeldübergabe aber auch wirklich blöd angestellt. Habt ihr die Aufnahmen vom Swinger-Club in der Landesschau gesehen? Zum Glück hat niemand nach meiner Werkstatt gefragt."
Paul sieht die ganze Sache gelassen. Er hat nichts zu verlieren. Weder Frau und Kind, noch Haus oder Vermögen. Kein Gerichtsvollzieher kann ihm etwas nehmen. Er hat nur seinen Körper und dessen Bedürfnisse. Mit der Methode des Creative Writing können sie sich jeden Tag einen neuen Plot ausdenken.
Mario: "Wir bringen die Schweine um. Ich kenne einen abgelegenen Bootsanleger am Fluß, an der DLRG-Station. Wir schaffen diese Hurensöhne mit einem Boot raus aufs Wasser und versenken sie mit Gewichten. Die findet niemand mehr. Irgendwann wird man sie als vermisst melden und einige Zeit später wird man leere Särge beerdigen. Die Leute vom Friedhof werden noch nicht einmal wissen, welches Datum sie auf die Grabsteine schreiben sollen." Er nörgelt immer herum wie ein altes Waschweib.
Peter steht am Fenster und schaut hinaus, aber er sieht nichts.
Mittwoch, 1. Juli 2009
Es war einmal im Brunnenviertel
Inmitten des Gleimtunnels, dort wo er am dunkelsten und unheimlichsten ist, gibt es ein rundes Loch in der Wand, durch das eine ausgewachsene Katze nicht hindurchpassen würde. Hinter dem Loch liegt ein langer, langer Gang, der in die Tiefe führt. Dort unten in der Finsternis liegt eine Höhle, und in dieser Höhle, die so tief in der Erde verborgen ist, dass man sie als Dachstuhl des Teufels bezeichnet, lebt ein Kobold, der sich selbst den Namen Gleimi gegeben hat. Er ist so groß wie eine Männerhand, trägt eine dunkelblaue Hose, eine ebensolche Jacke, schwarze Stiefelchen und einen spitzen roten Hut. In seiner Höhle hütet Gleimi einen Schatz, den ein Nazi hier vor vielen Jahren vergraben hat. Anstatt sich nun aber auf seinem Schatz auszuruhen, nimmt er jede Nacht Spitzhacke und Schaufel, um unter der Oberfläche nach neuen Schätzen zu suchen. Tagsüber manifestiert sich Gleimi im Streichelzoo hoch über dem Tunnel als Meerschweinchen, das nicht auf den Namen Manfred hört. Die Leute von den "Berliner Unterwelten" kennen den Kobold schon seit langem und grüßen artig, wenn sie ihn in dunklen Ecken rumoren hören. Meist sieht man aber nur sein Werk, kleine Höhlen und Gänge, die sich neben den Höhlen und Gängen der Menschen zwar gering ausnehmen mögen, aber wie ein feines Netz die Erde unter dem Gleimtunnel, dem Park und den angrenzenden Häusern durchziehen. So lebt der kleine Racker alle Tage, und wenn er gar zu übermütig wird, reitet er singend auf seinem dressierten Maulwurf durch die dunklen Weiten unter dem Brunnenviertel. In letzter Zeit wird der Kobold aber gestört, Maschinenlärm dröhnt am alten Bahndamm und lässt die Erde erzittern. Es hört sich an, als schlüge ein Riese mit Eisenketten auf eine Felswand. Die Maschinen vertreiben ihm die Würmer, aus denen er sich ein Süppchen zu kochen pflegt, und machen es ihm unmöglich, das Gold in der Erde wachsen zu hören. Was soll Gleimi nun machen? Soll er sich an das zuständige Bezirksamt wenden? Leserbriefe schreiben? Nein, denn er ist ein Kobold und Kobolde halten nichts von Politik und Medien. Und so füllt er eines Nachts ein Säckchen mit feinstem märkischen Sand und schleicht sich an die Tankklappe – das klingt übrigens wie Tarnkappe und die kommen in Märchen ja häufig vor – eines Baggers an.
- Fortsetzung folgt -
Freitag, 26. Juni 2009
Ein Abend voller Überraschungen
Als ich vor dem Kastell ankomme, geht gerade die Sonne unter. Ich klopfe ans Tor und finde es nur angelehnt. Schon von der Eingangshalle aus sehe ich Bruder Pan, der zusammen gekrümmt auf einem Bänkchen kauert. Er starrt selbstvergessen zu Boden, seine sandfarbene Kutte ist verschmutzt und zerrissen. Ein schmales Band abgerollten Toilettenpapiers weist den Weg ins Bad. Ein zerschlagener Spiegel, Unrat über den Boden verteilt, Zeitungen – einzelne Artikel sind mit Buntstiften markiert - , Flaschen, Handtücher, Zahnbürsten, ‚aha‘, denke ich. Dann im Schlafzimmer: aufgeschlitzte Stofftiere, das weiche Futter über die Kissen verteilt, neben dem Bett Pilzer, ein Messer im Hals, ‚aha‘, denke ich, der Schrank ausgeräumt, die Vorhänge herunter gerissen. Im Wohnzimmer ein zertrümmerter Fernseher, eine umgeworfene Couchgarnitur, dazwischen Volk und Reichhardt, offensichtlich erschlagen, eine zerbrochene Vase, ‚aha‘, denke ich, also weiter, in der Küche ein umgestürzter Kühlschrank, Geschirr und Besteck auf dem Fußboden, ein halbfertiger Kuchenteig, Bratwürste, an der Decke Schmelzack, an einer Lampenschnur baumelnd, über und über mit Kartoffelsalat beschmiert, Gürkchen und Ei auf dem Hemd, einen Apfel im Mund, gut, weiter, in der Bibliothek Hasser, ‚aha‘, denke ich, mit einer Plastiktüte erstickt, ich erkenne ihn an den Schuhen, Goethe finde ich auf dem Boden, Tolstoi, alles ist zerstört, gut das hatten wir schon, also weiter: demoliert, aus der Wand gerissen, hingeworfen, dazwischen Bruder Pan, eingeschlagen, umgestürzt, zerhackt, zertreten, Bruder Pan, sage ich, alles ist zerstört, ich bin gekommen, um dich zu richten.
Donnerstag, 18. Juni 2009
Beobachtungen in Gaststätten
Nidda. Hat es der Altkanzler doch noch in die Geschichtsbücher geschafft: Auf der Speisekarte eines Lokals auf der kurischen Nehrung wird die "Kartoffelwurst Helmut Kohl" angeboten. Das gab’s doch seit dem Bismarckhering nicht mehr.
Berlin. Das "Leopold’s" ist so bayrisch wie ein China-Restaurant in Rostock chinesisch ist. Wahlweise hat man von den "rustikalen" Holztischen den Blick auf das trostlose Hochbahn-, Beton- und Stahlelend am Alex oder auf das Innere einer heruntergekommenen ostzonenmäßigen "Mall", in dem sich besagtes Lokal befindet. Das Interieur ist Bayern-Fake von der Stange und so wundert es nicht, daß es das "Leopold’s" gleich viermal in der Stadt gibt. Neugierig machte mich eine Reihe Buchattrappen auf einem Regal über der Garderobe. Was möchte uns der Dekorateur damit sagen? Bücher habe ich bisher in bajuwarischen Schankstuben nie gesehen. Ein Zugeständnis an die Akademisierung der Gesellschaft, ein Lockmittel für zaudernde Intellektuelle mit fleischlichen Gelüsten? Auf seine Kosten kommt der Carnivore hier allemal: Würste, Braten und Haxen ohne Zahl werden auf der in Plastik eingeschweißten Speisekarte feilgeboten. Der von mir bestellte Wildschweinspieß kommt zügig und ist korrekt, die Bedienung ist irgendwo zwischen DDR und bemüht, kommt aber ohne die verlogene Mütterlichkeit und das leutselige Gefasel der Original-Gaststuben Süddeutschlands aus. Das Publikum ist vorwiegend um die Sechzig an diesem Sonntag. Es wird ausschließlich Bier getrunken, die Männer aus großen, die Frauen aus kleinen Krügen. Am Nebentisch sitzen zwei Ehepaare, die mit der Routine des Alters wechselseitig die tausendfach erzählten Kurzgeschichten ihres Lebens zum besten geben. Zunächst kokettieren die Damen bei der Lektüre der Speisekarte mit Salaten, aber man geht nicht in ein solches Lokal, um sich gesund zu ernähren. Alsbald kommen dampfende Teller, die Gerichte werden von der Kellnerin beim Servieren weithin hörbar angesagt: "Einmal Schweinshaxe", "Bratwurst". "Halber Meter" ergänzt einer der Herren und blickt mit triumphierendem Lausbubengrinsen in die Runde. Fünfzehn Minuten geschäftiges Kauen und Schweigen, ich leere meinen zweiten Krug. Beim Hinausgehen sehe ich, daß der alten Mann den halben Meter Bratwurst nicht geschafft hat. Er wirkt enttäuscht und traurig.
München. Ich sitze in einem Biergarten nahe dem Schloß Nymphenburg. Es ist warm, das Bier schmeckt und das Valentineske der Szenerie ist mit Händen zu greifen. Alsbald nähert sich ein grantiger Kriegsveteran meinem Nachbartisch. Seine linke Hand ist zerstört, einige dunkelrote Strünke ragen aus seinem Unterarm hervor. Er setzt sich auf einen der wenigen Stühle, von denen aus man direkt auf eine Betonwand blickt. Als die Kellnerin, die jegliche Konversation mit einem lang gezogenen "Sooo" einleitet, endlich kommt, bestellt er sich ein Bier und weist daraufhin, "die Anderen" sollen selbst bestellen. Das macht neugierig. Wenig später erscheint in der Ferne ein stark übergewichtiger Mann auf Krücken mit einem Begleiter. Schildkrötenhaft zieht er am anderen Ende des Biergartens seine Bahn, um nach einer Weile (sie mag etwa drei Züge aus meinem Bierkrug umfassen) seinem alten Kriegskameraden Gesellschaft zu leisten. Anstatt nun auf einem der vielen Stühle am Tisch Platz zu nehmen, räumt er umständlich mit einer Hand, mit der anderen auf die Krücken gestützt, den Stuhl neben dem Einhändigen von einer Zeitung frei. Danach fragt er den mürrischen triefäugigen Alten – und da ihm seine Fettleibigkeit Atemnot bereitet, bleckt er dabei seine tiefgrauen Zahnreihen zu einem humorlosen Totenkopfgrinsen - , ob denn das fragile Sitzmöbel ihn tragen könne. Durch ein Grunzen positiv beschieden, senkt er alsdann sein breites Gesäß. Der Vorgang dauert lange und wird durch jenes herausgepresste Stöhnen begleitet, das wir gemeinhin von schweren Verstopfungen kennen. Nachdem er glücklich auf dem Stuhl angelangt ist, widmen sich die beiden Alten der Getränkekarte. Mit einer Mischung aus Entrüstung und Fassungslosigkeit lesen sie sich wechselseitig vor. "A Viertelliter Apfelsaft ... vier Mark!" "Orangensaft ... Wahnsinn!" "De Schnäps konnst glei goar ned saufen ... sechs Mark!" Dieses Ritual wiederholt sich, als sich endlich auch der Begleiter des Dicken an den Tisch setzt.
Donnerstag, 11. Juni 2009
Brunnenkiez-Krimi Nr. 6
Hätte Mardo sich schuldig fühlen sollen? Aber Eifersucht bildet nun einmal die Geschäftsgrundlage eines Privatdetektivs. Oder ist das Lesepublikum an allem Schuld, ein Publikum, das nach realistischer Darstellung verlangt? Vielleicht war es ein einzelner Leserbrief, der den Schriftsteller zu diesem ungewöhnlichen Schritt veranlasst hatte? Es liegt jedoch in der Natur der Sache, dass man sich diese Fragen erst stellt, wenn alles vorbei und wenn alles zu spät ist. Mardo dachte vermutlich an ganz einfache Dinge wie Geld oder an Dinge, die man sich mit Geld kaufen konnte, als Enrico Lauchhobel eines Nachmittags sein Büro betrat.
Lauchhobel stammte aus dem Erzgebirge und hatte es mit dem "Content Grill", einer Medienagentur in Mitte, zu bescheidenem Wohlstand gebracht. In seiner Freizeit schrieb er Kriminalromane, die er in einem kleinen Zuschussverlag veröffentlichen ließ. Und weil es entweder ihm oder einem Leser an Realismus mangelte, beschloss der Autor, einen Privatdetektiv aufzusuchen. Womöglich hatte er sich einfach die nächstbeste Detektei aus den Gelben Seiten gesucht, denn seine Agentur am Rosenthaler Platz war nicht allzu weit von Mardos Büro im Brunnenviertel entfernt. Sicherlich spielte auch Lauchhobels mangelnde Phantasie eine besondere Rolle in dem Fall, denn als Mardo seinen Gast nach einem konkreten Auftrag fragte, nannte er spontan den Namen seiner Lebensgefährtin: Amanda Lobesang. Und der Ausdruck "Lebensgefährtin" kommt bekanntlich von "Lebensgefahr".
"Verstehe ich Sie richtig? Sie haben keine konrekten Verdachtsmomente und möchten trotzdem Frau Lobesang obersvieren lassen?" Mardo kratzte sich hinter dem linken Ohr.
"Ja, ich möchte einfach wissen, wie der Arbeitsalltag eines Privatdetektivs aussieht. Deswegen wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ein ausführliches Protokoll über Ihren Einsatz schreiben könnten. Anschließend können wir uns ja dann noch einmal über fachliche Details unterhalten, ich zahle gerne etwas mehr als das übliche Honorar." Lauchhobel war einer dieser permanent energiegeladenen und schwerbegeisterten Geschäftsleute, die Mardo schon immer gehasst hatte. "Tragen Sie zum Beispiel eine Waffe?" fragte er mit neugierigem Lächeln.
"Nein", antwortete Mardo. "Ich glaube, der wirkliche Alltag eines Privatdetektivs wäre für Ihre Leser uninteressant. Zu viele belegte Brötchen aus zweiter Hand, zu viele dunkle Fenster und geschlossene Türen."
"Genau das brauche ich für mein nächstes Buch. Und Lokalkolorit. Die Gegend hier ist so herrlich morbid." Lauchhobel hatte die unangenehme Eigenschaft, mit beiden Zeige- und Mittelfingern Anführungszeichen in die Luft zu malen, wenn er einen Begriff besonders betonen wollte. "Morbid" zum Beispiel. Mardo fielen die Hände seines Kunden auf: Sie waren groß, weiß und vollkommen unbehaart. Auf den ersten Blick wirkten sie wie Handschuhe.
Während Lauchhobel weitersprach und sichtlich die Situation genoss, mit einem waschechten Privatdetektiv in dessen Büro zu sitzen, fragte sich Mardo, warum sein Kiez einen so merkwürdigen Eindruck auf Lauchhobel machte. Hinter einem Riegel architektonischer Nüchternheit an der Brunnenstraße verborgen gab es schöne helle Altbauten und große Bäume, in denen der Wind rauschte. Alles in allem nicht übel – aber er wusste nicht, wo Lauchhobel wohnte.
"Vielleicht kann ich Sie ja begleiten, als eine Art ‚Hilfssheriff‘." Da waren wieder die Anführungszeichen. Mardo unterdrückte das wachsende Verlangen nach schwerer Körperverletzung und versuchte, sich auf den Inhalt des Gesprächs zu konzentrieren. Keine leichte Aufgabe angesichts der krähenden Eitelkeit seines Gegenübers.
"Das erlaubt unsere Berufsordnung leider nicht", log Mardo, ohne rot zu werden. "Außerdem widerspricht es meinen Erfahrungen. ‚Besser seinen Weg allein gehen als in schlechter Begleitung‘, heißt es in einem spanischen Sprichwort." Einen Augenblick lang dachte er daran, Lauchhobels Geste zu kopieren, fürchtete jedoch, sie dann nie wieder loswerden zu können. Er konnte in diesem Job keine Hilfe und keine Kollegen gebrauchen, Pestbeulen wie Lauchhobel schon gar nicht.
"Ist das meins?" fragte die Bäckereiverkäuferin und deutete auf das Zwei-Euro-Stück in der durchsichtigen Plastikschale auf dem Verkaufstresen.
"Jetzt schon", antwortete Mardo grinsend und nahm das Mozarellabrötchen und die Rosinenschnecke in Empfang.
Es war kurz vor Ausbruch eines heftigen Gewitters und die Hungrigen belagerten die "Kornblume" in Doppelreihen. Wenig später ging Mardo, ausgestattet mit der Zuversicht eines satten Menschen, der gerade fünfhundert Euro Vorschuss für eine dreitägige Observierung kassiert hatte, hinaus auf die Straße, deren feuchter Asphalt in der Junisonne dampfte. Zunächst wollte er sich Wohnort und Arbeitsplatz von Amanda Lobesang anschauen.
Mit der U 9 fuhr er bis zum Ku’damm. Trotz der Hitze trug eine ältere Frau in seinem Wagen einen langen hellgrauen Mantel. Als sie an ihm vorüberging, sah er, dass sie in Großbuchstaben einen Appell zur Rettung der Wale auf ihren Rücken geschrieben hatte. Das erinnerte ihn an die ältere Dame, die ihm einmal an der Gedächtniskirche bei Minustemperaturen zugeraunt hatte: "Gib’s auf! Es hat alles keinen Sinn." Noch schlimmer sind eigentlich nur noch die greisen Krawallschachteln, die jeden anpöbeln oder einfach nur vor sich hingrummeln. Alten Frauen gegenüber fühlte sich Mardo immer hilflos, denn jeder argumentative Widerstand war völlig zwecklos. Und die Wale konnte er sowieso nicht retten, er konnte ja noch nicht mal schwimmen. Vielleicht sollte er wieder zum monatlichen "Stammtisch gegen Rechts" in die "Rote Laterne" am Vinetaplatz gehen? Aber er hatte am frühen Morgen schon die Aktion "Duschen für den Frieden" hinter sich gebracht, gefolgt von "Marmeladenbrot gegen Atomkraft" und "Kaffee für ein freies Tibet".
Auf dem Ku’damm ging es mit dem Bus weiter in Richtung Grunewald. Lauchhobel war für ein paar Tage verreist, um sein neues Underground-Magazin "Russen-Transe" einigen Verlagen in Hamburg und Köln vorzustellen. Die Villa in der Winklerstraße, in der er mit seiner Lebensgefährtin eine großzügige Eigentumswohnung besaß, war schneeweiß, mit Stuck verziert und von griechischen Götterstatuen eingerahmt. Mardo war nicht neidisch. In Berlin gibt es die Stadtteile der Herren und die Stadtteile der Knechte. Mardo hatte nie Illusionen darüber gehabt, wo er wohnte und wohin er immer gehören würde. Er sah sich ein bißchen um. Es gab nur wenige Läden und sie schienen kaum etwas nützliches anbieten zu können. Hier im goldenen Westen laufen die Geschäfte ganz einfach: ein schräger bis witziger Name, edle Einrichtung, ein paar diensteifrige und devote Angestellte (UdK-Abschluss erwünscht) – schon verkauft sich jede Bratpfanne als Designermodell zum doppelten Preis, im Vergleich zum Wedding zum dreifachen.
"Alois Handschuhmacher? Dieser Knilch aus Bayern?" Lauchhobel rang mühsam mit seiner Fassung, Schweiß glitzerte auf seinen Schläfen. "Das ist doch total lächerlich."
Mardo kannte die Situation nur zu gut. Als Detektiv musste man in dieser Phase ganz ruhig bleiben, irgendwann würde die Ungläubigkeit seines Kunden in Zorn umschlagen. Jedem Ehemann ging es so. Warum kam er zu Mardo? Weil er einen Verdacht hatte. Aber in diesem Falle war es etwas besonderes: Alles war nur ein Spiel gewesen. Lauchhobel hatte einfach einen Namen genannt, es hätte jeder aus seinem Umfeld sein können.
Mardo holte die Fotos aus dem Umschlag und breitete sie vor seinem Kunden aus. Amanda Lobesang betritt gemeinsam mit einem Mann das Haus, erst am nächsten Morgen verlassen sie es wieder, diesmal getrennt. Mardo hatte sich Marys Toyota ausgeliehen und saß, etwas von der Villa entfernt, am Steuer und futterte Bonbons in sich hinein, die Mary in den ansonsten unbenutzten Aschenbecher gelegt hatte. Mardo hatte das heimliche Liebespaar auch am nächsten Tag unauffällig begleitet, als sie in einer beliebten Osteria in der Kreuzbergstraße ein opulentes Abendessen, sicher auf Firmenspesen, genossen, während Mardo schnell bei "Curry 36" am Mehringdamm vorbeifuhr, um im Stehen eine Wurst zu verdrücken. Er wartete auch brav vor einer Cocktailbar am Winterfeldtplatz, schließlich war das sein Job.
"Diese verdammte Schlampe!" Phase 2: Der Kunde realisiert die Fakten und bereitet sich auf Phase 3 vor. Phase 3 sind die Konsequenzen und in Phase 3 verschickt man als Detektiv eine Rechnung und hofft, aus dem Fall noch ein paar Euro rauskitzeln zu können.
Aber zu Phase 3 war es nie gekommen. Kommissar Leber erzählte ihm den Rest im "Revolution No. 9", einer kleinen Bar im Brunnenviertel. Natürlich würde er noch im LKA in der Keithstraße vorbeischauen müssen, um seine Aussage zu Protokoll zu geben. Lauchhobel hatte Amanda Lobesang noch am selben Tag erwürgt, an dem er aus Mardos Büro in der Ramlerstraße gestürmt war. Mit einer Gitarrensaite, was wiederum deutlich machte, dass Lauchhobel nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch sehr kreativ sein konnte.
Hätte Mardo den Mord verhindern können? Hätte er Lauchhobel einfach etwas vorspielen sollen? Es wäre leicht gewesen, den Detektiv nur zu spielen. Aber Mardo spielte nicht gerne. Wäre er überhaupt glaubwürdig gewesen, wenn er sich nur gespielt hätte? Nachdenklich goß er das kleine Orangenbäumchen auf dem Fensterbrett. Auf diese Fragen würde er nie eine Antwort finden, und er wollte sie inzwischen auch gar nicht mehr suchen, denn er bekam Kopfschmerzen davon. "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück." (Gottfried Benn)
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