Ich saß wie jeden Tag, wenn es
nicht gerade regnete, schneite oder stürmte, auf meiner Lieblingsparkbank und
betrachtete den kleinen Weiher, auf dem die Enten, in sicherer Erwartung von
Rentnerbrot, kreuzten wie Segelboote. Manchmal saß ich allein, manchmal saß
jemand schweigend neben mir, manchmal kam man mit Fremden ins Gespräch.
An diesem Tag setzte sich eine
alte Dame zu mir, deren Hut, von künstlichem Obst gekrönt, eines Auftritts im
Café Kranzler würdig gewesen wäre, zu mir und begann zu häkeln. Ich holte nach
einer Weile ein altes gelbes Reclam-Heft hervor und begann zu lesen.
„Was lesen Sie da?“ fragte sich
mich.
„King Lear“, antwortete ich.
„Shakespeare“, sagte sie mit
einem Lächeln. „Sie sind ein gebildeter junger Mann.“
„Ich ziehe die Lektüre der
Zeitverschwendung mit dem Handy vor.“
„Es geht mir genauso. Ich habe
keine Familie, keine Kinder oder Enkel. Die Bücher geben uns so viel und sie
verlangen nichts. Ruhig, geduldig und bescheiden warten sie in meiner
Bibliothek auf mich.“
„Sie haben eine Bibliothek?“
„Ja“, sagte sie und häkelte
weiter. „In unserer Villa am Halensee haben wir tausende Bücher.“
„Ihre Erben dürfen sich
glücklich schätzen.“
„Es gibt keine“. Ihre Stimme
klang traurig.
Wir schwiegen eine Weile.
„Ich habe nicht mehr lange zu
leben und ich möchte nicht, dass mein Besitz an den Staat fällt. Kommen Sie
doch morgen zu Notar Berthold, wenn Sie möchten.“
Sie gab mir seine Adresse und ging
fort.
Damals hatte ich Geldprobleme,
eine vornehme Umschreibung für totale Ebbe in der Kasse. Ich ging zum Notar.
Ich wurde von der Sekretärin sofort in sein Arbeitszimmer geschickt, es war
nicht sonderlich groß und durch das Fenster sah man nur einen düsteren Hinterhof.
„Schön, dass Sie gekommen sind“,
sagte er. „Gräfin von Storz hat Sie mir angekündigt.“
Dann erzählte er mir vom
umfangreichen Erbe, von Immobilien, Wertpapieren und Goldschmuck. Ich konnte es
gar nicht fassen. Gab es solche Wunder wirklich? Ich unterschrieb ein Formular,
in dem ich bestätigte, nach dem Ableben der Gräfin ihr Erbe anzutreten.
Bereits zwei Tage später hatte
ich die Rechnung des Notars in meinem Briefkasten. Zweitausend Euro. Gut
angelegtes Geld, wie ich fand – auch wenn ich danach knietief im Dispo stand.
Ich hörte nie wieder was von der
alten Dame und dem Notar. Wie viele Menschen sind bis heute auf den Rentner-Trick
reingefallen?
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