Sonntag, 4. Januar 2026

Die Flucht


Es war der erste Tag der Sommerferien. Ich war damals zehn oder elf Jahre alt und hatte ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause gebracht. Ich würde später einmal bei der Hofkolonne landen, sagte mein Vater. Er arbeitete in der nahen Fabrik und die Hofkolonne kehrte die Straßen zwischen den Fabrikgebäuden.

Da beschloss ich, von zuhause wegzulaufen. Ich zog meine Schuhe an, steckte eine Dose Fanta und zwei Schokoriegel in meine Jacke und verließ das Haus. Am Ende unserer Straße begann der Wald. Er war nicht groß, bald hatte ich ihn durchquert und kam auf eine Wiese. Weiter war ich allein noch nie gekommen. Auf der anderen Seite der Wiese kam ein Waldstück und dahinter musste das nächste Dorf sein.

Es war heiß. Ich setzte mich, trank die Fanta und aß die Schokoriegel. Dann legte ich mich ins Gras und betrachtete die Wolken über mir. Wie sollte es weitergehen? Ich wollte Matrose werden, aber bis zum Meer war es noch weit. Ich hatte nur fünfzehn Mark in Münzen dabei, die ich aus meinem Sparschwein genommen hatte. Ich dachte lange über meine Zukunft nach, schließlich schlief ich ein.

Als ich aufwachte, ging ich zurück durch den Wald. Es war gerade achtzehn Uhr, als ich zuhause ankam. Abendbrotzeit. Ich setzte mich an den Tisch. Alles war wie immer. Bis heute wissen meine Eltern nichts von meiner Flucht.

Tim Buckley - Song to the Siren

1 Kommentar:

  1. Mein Vater sagte früher des Öfteren: wenn du so weiter machst wirst du Gassekehrer bei oben genannter Firma. Wenn ich heute höre was Mitschüler nach all den Jahren an Betriebsrente kriegen denke ich manchmal: hätte ch weitergemacht. Ich hätte viel Spaß gehabt und bestimmt irgendwann einen goldenen Besen überreicht bekommen.
    Naja, ist dann Anderster gelaufen, aber alles in Ordnung.
    Gutes neues Jahr wünsche ich noch.

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