Montag, 13. November 2017
Was mich ankotzt
Die Autos haben heutzutage keine Trittbretter mehr, auf denen man mitfahren kann. Recht so. Zu gefährlich. Was es leider immer noch gibt, sind die Trittbrettfahrer.
Ein aktuelles Beispiel: Es gibt in den USA eine Debatte über Sexismus in den Medien, in deren Verlauf etliche Straftaten öffentlich bekannt wurden. Sehr gut. Hoffentlich haben noch mehr Menschen den Mut, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zur Anzeige zu bringen. Hoffentlich werden all diese Verbrecher auch bestraft. Hoffentlich lernen möglichst viele Menschen etwas aus dieser Debatte.
Was ich nicht brauche, sind die Trittbrettfahrer, die im Windschatten dieser Verbrechen auch gerne Opfer wären. Es ist kein mutiges Bekenntnis, wenn Frau Müller aus der Buchhaltung bei Facebook unter Pseudonym erzählt, ihr Chef habe ihr womöglich auf den Arsch gestarrt, als sie sich 1987 nach dem Bleistift gebückt hat. Das interessiert niemanden. Es geht hier um die Opfer von Verbrechen, nicht um private Eitelkeiten.
Dasselbe erlebe ich bei Debatten um Feinstaub, wenn dann der Typ neben mir am Tresen mit einer Kippe im Mundwinkel über die Abgaswerte eines VW-Diesels lamentiert. Danke, Spacko! Es gehört auch niemand zu den Armen und Elenden dieses Planeten, der diesen Winter ausnahmsweise auf den Skiurlaub verzichten muss, weil er sein Dach neu decken lässt. Ein Heer von Selbstdarstellern heuchelt jeden Tag online um unser Mitleid. Das kotzt mich an.
Samstag, 11. November 2017
Warum der neue Kapitalismus so schön ist
1. Die Schafe lackieren sich gegenseitig die Hufe in Nagelstudios und scheren sich gegenseitig die Wolle in Friseursalons.
2. Die Wölfe kommen mit den Schafen gar nicht mehr in Kontakt. Sie leben in Gated Communities, in die sie sich die Profite online schicken lassen.
3. Die Schafe sehen abends im Fernsehen Filme, in denen Wölfe Schafe ermorden aka Krimis. Sie amüsieren sich und finden das gut.
4. Die Wölfe liegen bei den Lämmern. Ganz friedlich. Sie töten die Lämmer nicht. Sie machen Liebe mit ihnen. So wie Gott es gewollt hat.
5. Die Schafe machen Urlaub in bunten Pferchen wie Mallorca, wo sie Schafe von anderen Weiden treffen.
6. Die Wölfe treffen sich zu Gipfeltreffen, Konferenzen und Meetings, wo sie Wölfe aus anderen Revieren treffen.
7. Die Zukunft wird schön, weil sich Wölfe und Schafe so gut verstehen.
Flüstermond
Au revoir, bonjour tristesse –
Man glaubt es kaum.
Und wieder heißt es:
Aus der Traum.
(aus unserer neuen Rubrik „Tante Käthes Lyrikstübchen“)
Donnerstag, 9. November 2017
Neulich im Gin & Yang
„In einer Nation, die von Schweinen regiert wird, sind alle Ferkel auf dem Weg nach oben.“ (Hunter S. Thompson)
Am Tresen einer Bar in Berlin-Mitte.
A: Mensch, Holger. Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.
B: Norman? Das ist ja ein Ding. Setz dich.
A: Danke. Was trinkst du da?
B: Einen Moon Shadow. Musst du unbedingt probieren. Mit drei Sorten Gin, Rhabarber und Cranberries.
A: Klingt gut. (zum Barkeeper) Einen Moon Shadow, bitte.
B: Was machst du hier?
A: Ich bin jetzt Mitarbeiter bei einem Bundestagsabgeordneten. Im Augenblick lebe ich noch im Hotel, aber ich habe eine Wohnung in Aussicht.
B: Lass mich raten: Du bist bei den Grünen und wohnst demnächst im Prenzlauer Berg.
A (lacht): Du bist immer noch derselbe gerissene Hund wie an der Uni. Stimmt alles. Was machst du denn so?
B: Ich arbeite fürs Bundeskanzleramt.
A: Wow. Dann hast du es echt geschafft. Hast du nicht Marketing studiert? In welcher Abteilung bist du denn?
B: Ich bin in keiner Abteilung. Ich arbeite für eine Agentur. Wir machen Public Relations fürs Kanzleramt. Ich bin so eine Art Berater.
A: Wen berätst du denn? Die Kanzlerin?
B: Nein. Das steht nur auf meiner Visitenkarte. Mit Genehmigung des Kanzleramts bin ich in einem Planungsstab als Berater tätig. Aber in Wirklichkeit war ich noch nie im Kanzleramt.
A: Das verstehe ich nicht.
B: Es ist ganz einfach. Ich stelle Kontakte zur Presse her. Was meinst du, wie oft ich jede Woche in den großen Zeitungen und in den Fernsehnachrichten bin.
A: Echt? Was denn zum Beispiel.
B: Du hast vielleicht gehört, dass es bei den Sondierungsgesprächen zur neuen Koalition um den Familiennachzug für Flüchtlinge einen Riesenkrach gegeben hat.
A: Ja. Und das war von dir?
B: Genau. Es heißt dann immer: „wie uns ein Gesprächspartner aus dem Bundeskanzleramt berichtet hat, der ungenannt bleiben möchte“ oder „aus gewöhnlich gut informierten Kreisen“. Das bin ich. Ein echter Mitarbeiter des Kanzleramts steckt mir die Infos zu und ich streue sie in der Presse. Ich bin eine sogenannte Quelle. Im Kanzleramt schaut man sich dann genau an, wie die Öffentlichkeit auf mein Material reagiert.
A: Und wie läuft es wirklich? Ich krieg ja als Neuling nichts mit.
B: Alles läuft wie geschmiert. Deine Grünen verstehen sich prächtig mit den bürgerlichen Parteien. Vor allem die Göring-Eckardt ist ganz heiß auf einen Ministerposten. Die Frau hat sich jede Menge neue Klamotten angeschafft und extra einige Kilo abgenommen. Und Özdemir ist für die Rolle als Merkels Haustürke und Alibi-Moslem doch absolut perfekt. Ein Premium-Migrant mit schwäbischem Akzent.
A: Das sagt mein Chef auch immer. Er sagt, ich soll mir mal keine Sorgen machen. Wir gehen nicht in die Opposition. Zwölf Jahre im Schatten wären genug. Aber Özdemir ist doch ein Mann von unten, einhundert Prozent street credibility.
B: Machst du Witze? Der Typ ist besser bewacht als das Restaurant von Mojsche Pupik und Chaim Jankel in Dresden. Ich finde es auch interessant, wie schnell die Grünen noch vor den echten Koalitionsverhandlungen das ganze Lametta wie Vermögenssteuer und Steuererhöhungen für Besserverdienende abgeräumt haben.
A: Das waren ja auch nur Versuchsballons. Die haben wir steigen lassen, damit der Seehofer und der Lindner was zum Abschießen haben. Dafür müssen sie uns bei Energie und Flüchtlingen entgegenkommen.
B: Da muss ich dich enttäuschen. Bei Kohle und Verbrennungsmotoren sehe ich kein Durchkommen. Und die paar Frauen und Kinder, die zu ihren syrischen Männern dürfen, werden doch sowieso nächstes Jahr im Paket wieder abgeschoben, wenn es offiziell wieder Frieden bei Assad gibt. Die werden einfach auf die 200.000 angerechnet.
A: Weiß ich doch. Uns genügt ein Ausstiegsdatum für Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren irgendwann in den dreißiger Jahren. Bis dahin ist diese Koalition Geschichte und alle Beteiligten genießen ihren Lebensabend in der Industrie. Das ist so, als ob wir beide heute festlegen würden, ab 2030 keinen Alkohol mehr zu trinken. Den Bierdeckel unterschreibe ich doch sofort.
B (grinst): Darf ich das „aus gewöhnlich gut informierten Kreisen“ an SpiegelBILD weitergeben?
A (lacht): Altes Schlitzohr. Die nächste Runde Moon Shadow geht auf dich.
B: Die nächste Runde geht immer auf den Steuerzahler. Das bleibt natürlich alles unter uns.
A: Ich werde dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen. Was würde denn passieren, wenn ich es einem Reporter erzähle?
B: Dir ist schon klar, dass alle Redaktionen abgehört werden, oder? Wir wären mit dem Dementi schon an der Öffentlichkeit, bevor du den Hörer aufgelegt hast.
A: War nur ein Spaß. Lass uns auf Jamaika anstoßen.
B: Prost! Auf Jamaika.
Howard Jones – No One Is To Blame. https://www.youtube.com/watch?v=pekhxxngQ3s
P.S.: Hunter S. Thompson definierte seinen Gonzo-Journalismus in einem Vorwort zu „Fear and Loathing in Las Vegas“, aus dem auch das Zitat am Textanfang stammt, wie folgt: „Dabei handelt es sich um einen Reportagestil, der auf William Faulkners Überzeugung basiert, die beste Dichtung sei weitaus wahrer als jede Art von Journalismus – und die besten Journalisten haben das schon immer gewusst.“ Das Gespräch, das ich hier wiedergegeben habe, beruht auf Informationen, die ich aus zuverlässiger Quelle habe. Die Namen wurden natürlich geändert.
Dienstag, 10. Oktober 2017
U.S.A.
Texas
Wüste
Vor mir
Das rostige Gerippe
Einer Startrampe
Von der
Ein Nazi
Die fette Rakete
Auf den Mond
Ejakuliert hat
Sonntag, 8. Oktober 2017
Bericht aus dem Kriegsgebiet
„Ich werde den geistig umnachteten senilen Amerikaner endgültig mit Feuer bändigen.“ (Kim Kong, Mordkorea)
Ich bin jetzt vierzig Tage hier. Ursprünglich bin ich mit einigen Freunden zu einem Kurzurlaub in dieses Land gekommen. Dann begannen die Kämpfe und wir wurden in diesem Gebiet eingeschlossen. Es umfasst im Wesentlichen das Bahnhofsgelände und einige angrenzende Straßen. Seit dem Beginn der Kämpfe verlässt kein Zug mehr diesen Bahnhof, wir kommen hier nicht raus. Ich selbst habe an den Kämpfen nicht teilgenommen, ich habe auch keine Waffe. Die meisten hier warten einfach, dass es aufhört. In den letzten Wochen sind aber auch Leute in dieses Gebiet gekommen, die kämpfen wollen, die nur zum Kämpfen angereist sind. Anfangs hätte eine der Kriegsparteien das Gebiet sicher problemlos einnehmen können. Ich weiß nicht, warum das nicht passiert ist. Wir saßen einfach hier fest, Leute aus vielen verschiedenen Ländern. Es passierte nicht viel. In den ersten Tagen konnte ich noch nach Hause telefonieren, jetzt ist mein Akku leer. Strom gibt es hier keinen. Mein Handy habe ich verkauft. Der Schwarzmarkt ist an den Gleisen des Güterbahnhofs, ganz am Rand dieses Gebiets, da wo die Zone beginnt, die niemand betreten möchte, denn dort wird gelegentlich geschossen. Anfangs haben wir von den Lebensmitteln gelebt, die es auf dem Bahnhofsgelände gab, in Geschäften und Güterzügen. Jetzt kaufe ich sie auf dem Schwarzmarkt. Ein Schokoriegel kostet einen Euro, ein Päckchen Taschentücher auch. Man benutzt Taschentücher als Toilettenpapier, die Toiletten sind allerdings in einem erbärmlichen Zustand, viele benutzen die Gebüsche. Sie können alles kaufen, wenn sie Geld haben. Der Wein ist aber erbärmlich. Rosinen sind sehr günstig, die können sie hier massenhaft kaufen, keine Ahnung, warum das so ist. Gestern habe ich eine junge Frau gesprochen, die sich sogar einen Passierschein gekauft hat. Sie ist auf eine Party gegangen und kam trotzdem zurück, weil ihr Freund hier ist. Ich habe keine Ahnung, wann wir hier rauskommen. Es gibt natürlich viele Gerüchte. Angeblich verhandeln die Regierungen vieler Staaten, deren Bürger hier festsitzen, mit den Kriegsparteien. Es soll Demonstrationen für unsere Freilassung geben. Es ist von Lösegeldzahlungen die Rede, vielleicht darf auch das Rote Kreuz kommen. Aber es sind eigentlich hauptsächlich jüngere Menschen hier, wir haben keine Probleme mit Krankheiten und Verletzten. Es wird zwar gelegentlich geschossen, aber ich habe noch keinen Toten gesehen, niemand mit Schussverletzungen. Ich frage mich, wie die jungen Männer mit den Waffen überhaupt in unser Gebiet gekommen sind. Vielleicht haben sie auch Passierscheine gekauft, hier wird ja mit allem gehandelt. Solange man Geld hat, kann man leben. Ich möchte natürlich so schnell wie möglich hier raus, man kann in diesem Kriegsgebiet nichts tun, außer rumsitzen und warten. Ich will gar nicht wissen, wie es wird, wenn ich kein Geld mehr habe.
Prince – Bob George. https://www.youtube.com/watch?v=RTt4h8HVhx4
Samstag, 7. Oktober 2017
Danke für das Scheißwetter, Petrus!
"Unsere ganze Bewaffnung ist eine Schönwetterbewaffung (...). Am 10. Mai war der erste schöne Tag und am 10. Mai habe ich sofort angegriffen." (Adolf Hitler zum Frankreichfeldzug 1940)
https://www.youtube.com/watch?v=XNRTWLXdX3o
P.S.: Was mir am heutigen Tage fehlt: "Darin liegt der humanistische Sinn des Soldatseins im Sozialismus".
https://www.youtube.com/watch?v=RPN8uv7w9j8
Stattdessen gab es diese Woche bei uns in Mainz diese doofe Einheitsfeier. Früher war mehr Lametta.
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