Sonntag, 30. April 2017

Weimar – eine Abrechnung

„Als in Amerika die Urwälder fast überall dem Erdboden gleichgemacht, beinahe alle edlen Tiere erlegt, die Indianer mit Branntwein und Flintenkugeln nahezu ausgerottet worden waren, zäunte man ein Stückchen ein und schuf den Yellowstonepark. Dann zeigte man ihn der Welt, zum Zeichen pietätvollen Verständnisses, das das angeblich so nüchterne Amerika der Natur entgegenbringe, und konnte ruhig den Rest der Urwälder, der Indianer und der Tiere vernichten. Wir hingegen haben Weimar.“ (Egon Erwin Kisch: Der Naturschutzpark der Geistigkeit)
Irgendwo im turborechtsradikalisierten Osten dieser Republik eitert eine Pilgerstätte aus dem Boden, die vor allem bei jungen Menschen gefürchtet ist: Weimar. Die Stadt ist der Wallfahrtsort des biederen deutschen Bildungsbürgers, wo er pflichtschuldig den literarischen Idolen der Vergangenheit – Goethe, Schiller, Herder, Wieland -, deren Schriften er zuletzt in seiner Schulzeit gelesen hat, seine Huldigung erweist. Hier verbinden sich Kultursinn und Nationalstolz, einige reichern diese Mischung mit ein wenig Geschichtsbewusstsein an, in dem sie dem nahegelegenen KZ Buchenwald einen flüchtigen Besuch abstatten, bevor es zu Schweinebraten und Thüringer Klößen in den Elephantenkeller geht. Kisch beschrieb Goethe als einen Autor, „der ein geschraubter Prosaschriftsteller, ein oft schwacher Dramatiker, ein mittelmäßiger Gelehrter, ein mustergültiger Untertan, ein kriecherischer Fürstendiener und eigensüchtiger, neidischer Mensch war.“ (Egon Erwin Kisch: Westfront 1918 – Französische Revolution – Goethe)
Wir sollten denen gegenüber misstrauisch sein, die uns als Vorbild verkauft werden.
Der Wolf – Gibt‘s doch gar nicht. https://www.youtube.com/watch?v=w4m3_LHFVVA

Donnerstag, 27. April 2017

Der Zorn des Lahn

https://www.youtube.com/watch?v=wKp2t7kW70E
Sie hatten drei Dinge gemeinsam: Schuhgröße 45, eine Vorliebe für Pelmeni und ihre Beteiligung an der „Aktion 83“, wie es in den Unterlagen des Geheimdienstes hieß, oder dem „Paderborn-Massaker“, wie es die Medien nannten.
Zehn Jahre später standen sie sich wieder gegenüber. Aber nur W. Lahn hatte eine Waffe in der Hand.
Geblendet von seinen glänzenden Erfolgen hatte der Schraubenzieher-Man übersehen, dass sich in seinem Schatten ein gefährlicher Gegner in Stellung bringen konnte.
***
Frau Leerhammer-Moppelstock, die große alte Dame des finnischen Tango und bekennende Passivraucherin, machte sich gerade eine Portion gummiartiger Mikrowellen-Cevapcici heiß, als das Gerät einen klagenden Laut von sich gab und kurz darauf in seine Einzelteile zerfiel. Die graubraunen Gekrösewürstchen rollten über die Arbeitsplatte ihrer Einbauküche, eines kullerte sogar auf den gefliesten Boden.
Die finsteren Jünger von W. Lahn hatten ihre Waffe zum Einsatz gebracht: den Korrosions-Strahl-O-Mat. Mit dieser Waffe rosteten alle Schrauben im Umkreis von fünfzig Metern in Windeseile und zerbröselten zu rotem Staub. Während die arme alte Frau gellende Schreie ausstieß, zerfielen auch der Kühlschrank, die Küchenschränke und Schubladen.
***
„Florian Herpesacker“, dröhnte es aus dem Lautsprecher im Klassenzimmer. „Kommen Sie sofort ins Büro des Direktors.“
Anerkennendes Lächeln der Schulkameraden. Das war der Ritterschlag an der Ernst-Huberty-Gesamtschule in Bad Gotham. Besser als ein Eintrag ins Klassenbuch. Imagefördernder als ein „Ausreichend“ in der Kopfnote für Betragen.
Während Herpesacker freudestrahlend das Klassenzimmer verließ, hörte er noch den Mathelehrer sagen: „Wir schreiben heute eine unangekündigte Hausaufgabenüberprüfung.“ Es folgte ein kollektives Aufstöhnen.
Im Zimmer von Schuldirektor Dieter Wohlgemuth, einem beleibten Mitfünfziger mit gigantischem Stirnrelief, wurde er gebeten, sich zu setzen.
„Commissioner Schmuhlke hat mich angerufen“, begann der Direktor. „Offenbar braucht die Polizei Ihre Hilfe. Können Sie mir erklären, was das soll?“
„Das ist leider streng geheim“, entgegnete Herpesacker kühl.
In Wirklichkeit war er nämlich der Kreuzschlitz-Boy. Jetzt zählte jede Sekunde!
„Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden.“
Dann suchte er eine Telefonzelle, um sein Superheldenkostüm anzuziehen. Versuchen Sie heutzutage mal, eine Telefonzelle zu finden.
***
Währenddessen in einem düsteren alten Lagerhaus in Bad Gotham.
„Lass uns nicht streiten, Willibald“, versuchte es der Schraubenzieher-Man.
Seine Stimme klang verständnisvoll, geradezu konziliant, fast ein bisschen zärtlich. Was war los mit unserem Superhelden? Ansonsten war er doch so gradlinig wie ein Straight Flush.
„Keine Tricks, Andy“, sagte W. Lahn. „Deine Zeit ist abgelaufen.“
„Wollen wir um der alten Zeiten willen nicht mit einem Gläschen Champagner anstoßen, bevor ich abtrete? Es ist meine letzte Bitte. Das kannst du mir doch nicht abschlagen.“
Lahn war irritiert.
Der Schraubenzieher-Man lächelte und zauberte eine Flasche Veuve Cliquot aus seinem Umhang.
Jetzt grinste auch der Schurke. „Na gut. Ein letztes Glas Champagner, du alter Schlawiner.“
Der Schraubenzieher-Man schüttelte die Flasche und schoss den Korken auf den Hauptschalter des Korrosions-Strahl-O-Maten. Die Pistole in Lahns Hand zerfiel zu Schrott und der Rest ist schnell erzählt.
Handkantenschlag. Ein Springdrehwurf, „Hane-Maki-komi“. Ein Hebezughüftwurf, „Tsuri-Komi-Goshi“. Ein seitlicher Kopfwurf, „Yoko-Tomoe-Nage“. Sicherheitshalber noch ein Schlag mit dem Nunchaku über den Schädel – schon war die Sache erledigt.
P.S.: Während des Kampfs saß der Kreuzschlitz-Boy noch im Bus und verliebte sich gerade in ein Mädchen mit Zahnspange, das er aber nie ansprechen sollte.
Red Rockers – China. https://www.youtube.com/watch?v=N3a_gcBXJ0E

Montag, 24. April 2017

Demnächst im ICE

„Ursprüngliche Aufgabe der Polizei war der Schutz der Gesellschaft vor Verkehrsunfällen und vor Verbrechen. Längst aber ist sie darüber hinaus zu einer Waffe geworden, angewendet wider alle, die aufzumucken wagen gegen Willkür des Unternehmers, gegen Dünkel des Bürokraten und gegen Missbrauch der Gesetze. Die Polizei ist ausführendes Organ der Machthaber, und schrankenlos wütet sie in ihrem Wirkungsbereich.“ (Egon Erwin Kisch: Die Polizei und ihre Beute)
Diese neuen Datenbrillen sind einfach großartig. Sie erleichtern mir meine Arbeit und wir haben bei der Deutschen Bahn eine neue Dimension in Sachen Sicherheit erreicht. Mit dieser Brille kann ich nicht nur erkennen, ob sich im Gepäck oder unter der Kleidung verdächtige Gegenstände wie zum Beispiel Waffen verbergen, sondern ich bekomme auch die persönlichen Daten übermittelt, die jeder Fahrgast per Smartphone automatisch sendet.
So erkenne ich mühelos, dass sich vorne links an einem Vierertisch Studentinnen aus Magdeburg versammelt haben. Wenn ich wollte, könnte ich ihre Namen und Adressen in Erfahrung bringen, aber sie sind harmlos. Schräg rechts sitzt eine Geschäftsfrau in einem Business-Kostüm. Merkwürdig, dass sie nicht in der ersten Klasse fährt. Vielleicht ist sie einfach nur geizig oder will ihrem Vorgesetzten beweisen, dass sie das Geld der Firma nicht zum Fenster rausschmeißt. Selbst dürfte sie genügend Kapital haben, denn sie ist eine Alpha. Was Einkommen und Vermögen anbelangt, sind die Passagiere in vier Klassen eingeteilt. Die Besserverdienenden sind Alphas, die Normalverdiener sind Betas, die Geringverdiener sind Gammas und die Menschen ohne nennenswerten Geldbesitz, Schüler, Studenten und Kinder, sind die Omegas.
Einige Männer haben Bluthochdruck, einer hat besorgniserregende Cholesterinwerte. Die Frauen sind oft viel gesünder als die Männer. Bisher kein Vorbestrafter im Zug. Eigentlich alles ganz belanglos oder amüsant. Da sitzen ein Mann und eine Frau teilnahmslos und schweigend nebeneinander, die beide sehr aktiv auf Dating-Seiten unterwegs sind. Aber ich darf nichts sagen.
Nur zwei digitale Signaturen fehlen. Da ist eine ältere Dame, die in der Mitte des Großraumwagens am Fenster sitzt. Vermutlich hat sie kein Smartphone, obwohl es selbst für alte Menschen ungewöhnlich ist. Ich schätze sie jedoch als ungefährlich ein.
Die zweite Person ist ein junger Mann mit schwarzen Haaren und schwarzem Vollbart. Im Gepäckstück über ihm erkenne ich einen zylindrischen Gegenstand, der metallisch ist. Ich löse sicherheitshalber Alarmstufe C aus und spreche den Mann an.
„Entschuldigen Sie, kann ich bitte Ihren Ausweis sehen?“
Er sieht mich verblüfft an. „Warum wollen Sie mich kontrollieren?“
Ich lasse mich von der Gegenfrage nicht irritieren. „Ich möchte Ihren Ausweis sehen. Sicherheitskontrolle.“
„Ich habe keinen Ausweis dabei.“
Ich löse Alarmstufe B aus. „Es ist nur zu Ihrer eigenen Sicherheit. Können Sie sich über Ihr Smartphone legitimieren?“
„Ich habe kein Smartphone.“
„Kein Smartphone? Wie haben Sie das Ticket gekauft? Wie haben Sie den Sitzplatz reserviert?“
„Das hat ein Freund für mich erledigt.“
Inzwischen steht mein Kollege neben mir. „Wie heißen Sie?“
„Deniz Naki.“
„Türke?“
„Kurde.“
„Können wir mal einen Blick in Ihr Gepäck werfen?“
Der zylindrische Metallkörper ist ein Deo-Spray. Wir werden ihn trotzdem im Auge behalten. Er hat den Eintrag „V“ für Verdächtiger in seine Kundendatei bekommen. Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.
Eurythmics - Room 101. https://www.youtube.com/watch?v=AhhQK4xc7Ik

Sonntag, 23. April 2017

Blitz-News

Volkswagen, Telekom und die Deutsche Bank haben sich zur IG Profit zusammengeschlossen, Bayer, Daimler, Siemens und SAP zu BADASS. Die beiden neuen Großkonzerne haben beschlossen, die deutschen Parteien untereinander aufzuteilen.
Die Wähler haben bei der nächsten Bundestagswahl die Möglichkeit, die GLÜCK, die große landesweite überparteiliche christlich-soziale Koalition (Schwarz-Rot-Grün-Gelb-und-nochmal-Rot) anzukreuzen. Ihr Vorteil: Die Wahlentscheidung gibt es jetzt im Abo. Sie verlängert sich automatisch alle vier Jahre, wenn Sie das Abo nicht kündigen (0800-300133).

Samstag, 22. April 2017

Gedanken aus dem Wirtshaus

„Auf dem Lande geschieht im Grunde genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden.“ (Robert Walser: Geschwister Tanner)
Wie frei ist man in einem Land, in dem selbst eine so harmlose und friedfertige Sache wie der Schlaf vielerorts verboten ist? Ich sitze im Wirtshaus, auf dem Tisch stehen die sanft und schön geschwungenen Weizenbiergläser, und achte kaum auf die Erzählung meines Gegenübers. Was wäre, wenn ich an diesem Tisch einschliefe? Die Kellnerin würde mich sicher wecken, denn es ist nicht erlaubt, im Wirtshaus zu schlafen. Wo ist das Schlafen erlaubt? In einer Bankfiliale, in einem Supermarkt, in einer Bäckerei? Kann ich mich einfach auf den Bürgersteig legen und schlafen? Der Schlaf ist von Verboten umzingelt. Für den Schlaf haben wir das Schlafzimmer und im Schlafzimmer wiederum das Bett. Das eigene Bett natürlich, denn wir haben es hier mit Begriffen wie Besitz und Territorium zu tun. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ich ungefragt in ein anderes Haus ginge und mich dort in ein Bett legte. Man würde die Polizei rufen. Oder stellen Sie sich vor, sie wären zum Essen bei Freunden eingeladen und gingen nach dem Essen in deren Schlafzimmer, zögen sich aus und würden in deren Bett schlafen. Es wären keine Freunde mehr.
Wo kann ich also ungestraft einschlafen? In der U-Bahn? Nur begrenzt, denn an der Endstation heißt es: „Alle aussteigen“. Auf einer Sitzbank oder im Park ist es bestenfalls geduldet und die Schläfer stehen im Regelfall außerhalb der bürgerlichen Ordnung. Sie haben kein Geld, keine Adresse, keine Zukunft – sie haben nichts mehr zu verlieren. Wir schauen an diesen Schläfern vorbei, mancher rümpft missbilligend die Nase und klagt über den Verfall der Sitten in seiner schönen Stadt. Der Schlaf ist nicht frei, der Schlaf ist an feste Regeln und Gesetze gebunden. Aber der Gedanke ist tröstlich, dass der Schlafende in seinen Träumen von all dem nichts merkt. Ja, der Schlafende ist frei, wenn auch nur innerlich. Seine Freiheit endet, wenn er aufwacht. Oder wenn man ihn weckt.
Während die Erzählung meines Gegenübers kein Ende nehmen will, trinke ich in langen Zügen mein Bier und freue mich an meinen kleinen Wirtshausbeobachtungen. Am Nachbartisch ist eine große Familie versammelt, vielleicht sind es auch zwei oder drei Familien, denn es sind viele Erwachsene und wenige Kinder. Eine Frau hat gerade verkündet, sie sei Fan von Borussia Dortmund. Ein Mädchen, sie ist vielleicht vier Jahre alt, antwortet fröhlich: „Ich bin Fan von Biene Maja.“ Später fragt sie, wie das Schwein heißen würde, dessen Fell an der Wand hängt. Tatsächlich hängt ein großes Wildschweinfell im Wirtshaus. Hat sich jemals ein Mensch die Mühe gemacht, nach dem Namen des Tiers zu fragen? Selbstverständlich bekommt das Kind keine Antwort. Nur die Unfreien haben Namen, die Tiere im Wald brauchen diese Albernheiten nicht.
Bald darauf gehen die Familien und ich sehe das kleine Mädchen, als es ausgiebig den ausgestopften Fuchs in der Ecke streichelt, den noch nicht einmal die Hunde beachten. So sanftmütig und naiv möchte ich noch einmal sein. Sie denkt vermutlich, der Fuchs würde nur schlafen. Ich weiß, dass sie eine Leiche liebkost. Mit gutem Appetit verspeise ich mein Rumpsteak und bestelle noch ein Hefeweizen.
Blondie – Denis. https://www.youtube.com/watch?v=ahGxiSV_LH0

Donnerstag, 20. April 2017

Schraubenzieher-Man – Jenseits der Donnerkuppel

https://www.youtube.com/watch?v=wKp2t7kW70E
Cybert Blonk, Sohn eines einfachen Wanderurologen und einer Leukoplastverkäuferin, war ein Elektriker, der eigentlich immer mit seinem Leben zufrieden gewesen war. Aber die Verachtung gegenüber Handwerkern, die ja gerade in den wohlhabenden und gebildeten Schichten dieser Stadt ums sich griff, hatte ihn zunehmend verbittert. Und dann kam der schlimmste Tag in seinem Leben: Er wurde entlassen.
Mit der ganzen Niedertracht eines Emporkömmlings, der von seinem kleinbürgerlichen Größenwahn längst selbst geblendet worden ist, verteilte der Chef an diesem Morgen die Kündigungsschreiben. Mit triumphalem Gebell rief er die Namen der Mitarbeiter einzeln auf, die vortreten und sich das Schreiben abholen mussten.
Diese haarsträubende, um nicht zu sagen herzzerreißende Unbarmherzigkeit seines hochverehrten Vorgesetzten und Meisters gab den Ausschlag. So wurde aus einem aufrechten Handwerker ein fürchterlicher Verbrecher. Meistens erfahren wir ja gar nicht, warum ein Mensch zum Verbrecher wird. Aber das muss einmal gesagt werden: Diese Kündigung hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist.
Herr des Lichts, so nannte er sich von nun an. Cybert Blonk wurde ein größenwahnsinniger Elektriker und der nächste Endgegner von Schraubenzieher-Man. Sein Ziel war es, die gesamte Stromversorgung Bad Gothams unter seine Kontrolle zu bringen.
***
Es war in der Stunde vor Sonnenaufgang, wenn die Nacht am kältesten ist. Der Schraubenzieher-Man aß gerade Würstchen aus der Dose. Um weder Teller noch Besteck benutzen zu müssen, hatte er sich über die Spüle gebeugt. Früher hätte man dieses Verhalten als asozial oder bestenfalls als schamlos bezeichnet, aber der Neoliberalismus hat auch sein Gutes. Er war effizient und hatte den Prozess des Essens rationalisiert. Er hatte den ganzen Ablauf um einige Arbeitsschritte verschlankt, quasi Lean Management im Kitchen-Bereich.
Da klingelte das Schraubenzieher-Man-Phone. Der Schraubenzieher-Man schlurfte in seinen Schraubenzieher-Man-Häschengesichtpantoffeln zum Apparillo, den Mund voller Wurst, und nuschelte ein Hallöchen in die altertümliche Sprechmuschel aus Bakelit.
„Hier ist Commissioner Schmuhlke.“
„Schmuhlke, Sie alter Archivaxolotl! Wie geht’s, wie steht’s?“ Der Schraubenzieher-Man war wie immer guter Laune, weil er gerade etwas gegessen hatte.
„Es geht und es steht noch. Doch deswegen rufe ich nicht an. Die Mächte der Finsternis bedrohen die Stadt.“
„Zombie-Vampire?“
„Schlimmer.“
„Nordkoreanische Zombie-Vampire?“
„Nein, eine Bande von Elektrikern. Sie wollen Dunkelheit über die Stadt bringen.“
***
Bei Kreuzschlitz-Boy klingelte der Notalarmwecker. Aus riesigen Lautsprechern in seinem Schlafzimmer dröhnte die Stimme von Schraubenzieher-Man: „Auf zum Elektrizitätswerk!“
‚Prima‘, dachte der Kreutzschlitz-Boy. ‚Dann muss ich keine Mathe-Hausaufgaben machen. Und wenn der Kampf gegen das Böse bis um zehn Uhr dauert, muss ich auch nicht in den Kunstunterricht.‘
***
Das Elektrizitätswerk war draußen vor der Stadt, wo sich die Betongeschwüre der Gewerbegebiete unaufhörlich in die Landschaft hineinfressen.
Vor dem Tor stand bereits Cybert Blonk, der Herr des Lichts, wie sich dieser mit allen Abwassern gewaschene und durchtriebene Halunke zu nennen pflegte. Gerade baute er mit seinen Schergen eine geheimnisvolle Waffe auf. Um gerade die älteren Leser, die ohnehin nicht mehr lange leben, nicht allzu lange auf die Folter zu spannen: Es war ein hyperphantastischer Temporal-Antimaterie-Inhalationsnihilator. Dieses unglaubliche Gerät machte einfach alles langsamer. Außerdem sah es so widerlich aus, als hätte man es im Bauchnabel von King Kong gefunden. Und es war spülmaschinenfest.
„Halte ein, du schlimmer Finger!“ rief der Schraubenzieher-Man.
Aber der Herr des Lichts hatte den Inhalationsnihilator bereits in Betrieb gesetzt. Während wir auf die Antwort des Erzschurken warten, zirpt eine Grille. Sie zirpt und zirpt. Dann geht es endlich weiter.
Wie in Zeitlupe taumelte der Schraubenzieher-Man auf den Bösewicht zu und wollte ihn angreifen. Aber seine Schläge kamen so langsam, als hätte er sie mit der Post geschickt.
Doch bevor der Kampf auf Leben und Tod spannend werden konnte, war der Akku leer. Daran hatte der Elektriker nicht gedacht. Ironie des Schicksals? Oder war Cybert Blonk einfach nur der Karpfen im Hechtteich des Verbrechens, das Schaf im Wolfspelz, die Tofuwurst auf der Grillparty einer Biker-Gang?
Seien Sie auch nächste Woche wieder dabei, wenn Sie unseren Held sagen hören: „Wo sind die Frauen hundsgemein? In Frankfurts Stadtteil Rödelheim.“
Stevie Wonder – Superstition. https://www.youtube.com/watch?v=0CFuCYNx-1g

Mittwoch, 19. April 2017

Der seltsamste Job meines Lebens

„Seit Jahren habe ich mir vorgenommen, mal wieder ein echtes Wiener Schnitzel zu essen. Wie lange habe ich kein Wiener Schnitzel mehr gegessen, sondern immer wieder nur Schnitzel Wiener Art? Aber jetzt bin ich in einem österreichischem Lokal in Berlin und es ist endgültig vorbei mit der sogenannten deutschen Küche, mit der sogenannten gutbürgerlichen Küche, die ich seit Jahren in der Provinz durchlitten habe. Jetzt gibt es ein richtiges Wiener Schnitzel, goldgelb gebacken und mit warmem Erdäpfelsalat serviert. Keine Pommes frites, keine Jägersoße, keine Kompromisse. Und ich werde gleich morgen hier ein Kaisergulasch essen und übermorgen ein Bluntzengröstel, weil ich es satt habe. Weil ich in meinem Dorf nichts zu essen bekomme, weil es dort kein Gasthaus gibt, aber wenigstens kann man zum Winzer gehen und sich für Münzgeld zu Tode saufen. Herrgott, habe ich einen Hunger. Und hinterher gibt’s noch einen Kaiserschmarrn!“ (Andy Bonetti: Hunger und andere Gefühle)
„Ist das Gulasch schön zart?“
„Ja, es ist ausgezeichnet“, antwortete ich. „Es zergeht auf der Zunge wie Butter. Man könnte es mit einem Löffel zerteilen.“
Er hob seinen Kopf. Es strengte ihn sichtbar an. „Ich rieche Rotwein. Ist etwas Wein in der Soße?“
„Sie haben einen ausgezeichneten Geruchssinn. Es ist tatsächlich Rotwein in der Soße. Er passt hervorragend zum Rindfleisch.“
Er lächelte und schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Das mährische Kraut ist mit Kümmel angemacht. So mag ich es.“
„Ich finde es viel besser als unser ordinäres Sauerkraut. Kümmel gehört einfach dazu.“
Er betrachtete aufmerksam, wie ich die Gabel zum Mund führte, wie ich kaute und schluckte. Der Mann schien es wirklich zu genießen.
„Würden Sie jetzt bitte die Kartoffelchips für mich essen?“
„Gerne.“ Ich nahm eine Handvoll Chips aus der Porzellanschüssel und kaute krachend.
Der Mann verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, als er mir zuhörte. „Es sind Paprikachips, oder?“
„Ja, ganz schön scharf. Ich glaube, ich muss etwas trinken.“
„Ja, bitte trinken Sie.“
Ich hob das Bierglas und trank in langen Zügen, während der Mann abwechselnd das Glas und meinen auf und ab hüpfenden Kehlkopf beobachtete.
„Jetzt noch ein bisschen Apfel.“
Ich biss herzhaft in die Frucht und verzog leicht das Gesicht, als ich die Säure schmeckte.
Es schien den Mann zu freuen, denn jetzt lehnte er sich in seinem Bett zurück und sah sehr zufrieden aus.
„Kennen Sie Kafka?“ fragte er mich.
„Ja. Soll ich Ihnen etwas vorlesen?“
„Danke. Nicht nötig. Kafka hatte Tuberkulose und konnte am Ende nicht mehr schlucken. So wie ich. Freunde saßen an seinem Bett und mussten Bier trinken. Er hatte seine Freude daran, sie zu betrachten.“
„Ihnen scheint es ja auch großen Spaß zu machen. Wie lange werden Sie schon durch den Schlauch ernährt?“
„Seit zwei Wochen. Aber jetzt habe ich ja Sie. Sie essen und trinken für mich.“
So ging es noch vier Wochen, bis er an Kehlkopfkrebs gestorben ist. Jeden Tag kam ich zwei Stunden bei ihm vorbei. Seine Frau hatte alle Speisen und Getränke vorbereitet. Ich musste nur essen und trinken. Ganz nah bei ihm, damit er alles hören, sehen und riechen konnte.
Ich habe nie wieder auf so eine seltsame Annonce geantwortet: „Guter Esser und Trinker gesucht.“ Und ich hatte nie wieder so einen Job wie bei Herrn Warmsroth.
Holger Czukay, Jah Wobble, Jaki Liebezeit - Full circle (rps no.7). https://www.youtube.com/watch?v=wWAplMCK03Q