Montag, 4. Mai 2026

Heiligabend


Er war extra eine Stunde früher gekommen, aber die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Alles Karteileichen, die nur einmal im Jahr kamen. Heiligabend, die Zombies kommen. Aber er selbst war ja auch schon vor vierzig Jahren aus der Kirche ausgetreten.

Also ging er in ein chinesisches Restaurant. Gott schütze unsere heidnischen und geschäftstüchtigen Asiaten. An einem der Tische saß ein Schulfreund mit seiner Frau. Er nickte ihnen zu, wünschte frohe Weihnachten und setzte sich an den letzten freien Tisch, der neben dem Flur zu den Toiletten stand.

Nach zwei Weizenbier und einem Kung Pao Huhn trat er hinaus in die Kälte. Wohin jetzt? Er ging zum Marktplatz, wo das Gedudel und das bunte Blinken des Weihnachtsmarkts ihn einfach nur ankotzte. Überall standen die Leute in Trauben an den Glühweinständen, lachten und schnatterten wie eine Horde Schimpansen.

Aber auf Harrys „Paris-Bar“, eine Kaschemme in Bahnhofsnähe, war an diesem Abend Verlass. An solchen Tagen konnte man mit der Einsamkeit guten Umsatz machen. Er fand noch einen Barhocker und setzte sich an den Tresen. Jetzt mussten härtere Geschütze aufgefahren werden. „Ein Pils, ein Obstler – und dann immer nachlegen.“ Harry lächelte. Die einfachen Kunden sind die Besten.  

Als er in die Spätvorstellung des Bahnhofskinos ging, war längst alles egal. „Taxi Driver“. Er hatte den Film schon mindestens zehn Mal gesehen, aber er passte zu diesem Abend. Es waren keine zehn Leute im Kino und das Bier war lauwarm. Aber alles besser als die Weihnachtsfeier bei seiner Schwester Renate, die bucklige Verwandtschaft und die verlogenen Geschenke. Eines Tages würde er einen Weihnachtsbaum anzünden, das schwor er sich, als Travis Bickle vor dem Spiegel seinen Auftritt übte.

Als er irgendwann nachts in seine Wohnung zurückkehrte, war seine Freundin schon da. Die Stille. Er legte sich ins Bett und hatte es nicht eilig einzuschlafen. Er trank nichts mehr, er hörte keine Musik und schaltete auch nicht den Fernseher ein. Die Ruhe ist wie eine warme Höhle, in der man bis zum neuen Jahr bleiben möchte.

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