Sonntag, 9. Februar 2025

Auf achtzig Stufen um die Welt


+++breaking news+++ Der Fahrstuhl in unserem Haus geht wieder. Seit Juli ’24 haben die Handwerker daran rumgebastelt. Die erste Fahrt war richtig aufregend. Die neue Holzkabine ist schick, läuft sehr leise und hat einen Spiegel.

Daher gibt es Freibier für alle Leser! Gehen Sie in die Kneipe Ihrer Wahl und bestellen Sie ein großes Bier. Rechnung an: Bonetti Media, Allee der Kosmonauten 1, 66666 Wichtelbach.

In meiner Euphorie habe ich direkt einen (lyrisch korrekten, inhaltlich recht holprigen) Limerick geschrieben:

In Wilmersdorf da lebt ein Mann

Der Treppen echt nicht laufen kann

Ein Jahr im Garten

Voll Qual und Warten

Bis der Fahrstuhl kam irgendwann

Was ich auf meinen Reisen gelernt habe

 

Von Brasilianern habe ich Gelassenheit und Improvisationskunst gelernt. „Jeito“ ist das Zauberwort, um etwas auf vielleicht ungewöhnlichen Wegen wieder in Gang zu bringen.

Von Amerikanern habe ich gelernt, dass man keine Scheu haben sollte, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. In San Francisco sprachen uns ein paar Hobos an. Sie wollten kein Geld, sondern wir sollten ihnen Wein aus dem Supermarkt mitbringen. Das Geld gaben sie uns im Voraus. Am Ende saßen wir die ganze Nacht mit ihnen am Lagerfeuer und schliefen in einem ihrer Zelte im Park. Ein Kellner nahm uns mit zu sich nach Hause und entpuppte sich als Künstler, der in seinem eigentlichen Leben Musikvideos („Surfpunk“) produzierte.

Von Kenianern habe ich gelernt, dass Zeit bedeutungslos ist. Ich werde nie den Busfahrer vergessen, den ich in Nairobi nach der exakten Abfahrtszeit gefragt habe. Er sah auf seinen nackten Unterarm, lächelte und zeigte mit den Fingern die Zahl vier. Da war es schon elf Uhr vormittags.

Von Japanern habe ich gelernt, höflich zu sein und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Nur so funktioniert ein Vierzig-Millionen-Moloch wie Tokio.

Von Spaniern habe ich gelernt, Dinge guten Gewissens zu verschieben („mañana“).

Von Tschechen habe ich gelernt, auf die Obrigkeit zu pfeifen und dass es nie zu früh oder zu spät für ein Bier ist.

Von Engländern habe ich gelernt, dass Gastfreundschaft und Toleranz nicht weh tun.

Von Deutschen kann man gar nichts lernen. Selbstmitleid und Besserwisserei braucht kein Mensch.

Samstag, 8. Februar 2025

Drei Engel für Aldi


Blogstuff 1055

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstsicherheit die „Experten“ im Internet und an den Theken dieses Landes die Zukunft voraussagen. Versetzen wir uns zurück an den Jahresbeginn 2020. Wer hätte die Ereignisse der nächsten fünf Jahre, die Pandemie, den Ukrainekrieg, die Energiekrise, die Inflation, die Ampel und ihr Scheitern voraussagen können? Selbst von einer Million selbsternannter Experten hätte es keiner geschafft. Es ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Je größer der Prognosezeitraum, desto größer die Anzahl der möglichen Zukünfte. In der Wissenschaft haben wir deswegen immer mit verschiedenen Szenarien gearbeitet, wenn es in Fachpublikationen um den Punkt „Wo führt das alles hin?“ ging. Noch ein Gedankenspiel. Versetzen Sie sich hundert Jahre zurück ins Jahr 1925. Hätten Sie gewusst, was in den nächsten fünfundzwanzig Jahren bis 1950 passiert? Die Hyperinflation lag hinter Ihnen und Hitler wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Hatte irgendjemand all das auf dem Radar? Wir fahren auf Sicht, ob es uns passt oder nicht. Keiner mag diese Unsicherheit, aber wir müssen mit ihr leben.

Ich suche nach einer neuen Jeans bei Amazon. Herkunftsländer: Bangladesch, Pakistan, China. Warum gibt es nichts aus Deutschland? Mir fällt Trigema ein – aber da arbeiten ja auch keine Deutschen in der Fabrik, sondern nur Schimpansen.

Das ist die Gretchenfrage der CDU: Holen wir mehr Stimmen von AfD-Wählern, wenn wir konservativer agieren, oder verlieren wir auf diesem Weg mehr Stimmen der klassischen Merkel-Wähler? Im Augenblick sieht man an den Umfragen, dass es ein Nullsummenspiel ist. Im letzten Vierteljahr hat die Partei sogar leicht verloren. Das Ampel-Aus hätte ein Plus bewirken müssen. Hat es aber nicht.

Ich habe mal die Umfragewerte der Union bei den wichtigsten Demoskopen durchgerechnet. In dieser Woche gab es sechs neue Umfragen von sechs verschiedenen Instituten. Durchschnitt: 29,6 Prozent. Letzte Woche („Asyl-Battle“) auch sechs neue Umfragen: 29,6. Erste Umfragen Anfang Januar: 30,8. Still ruht der See. Seit dem Ampel-Aus hat nur die AfD profitiert: von 17 auf 21 Prozent. Das sind zwar nur vier Prozentpunkte, aber fast 25 Prozent.

Aljoscha Krumbiegel, der Sicherheitsbeauftragte von Bonetti Media, hat folgende sieben Toptipps zum Treppensteigen:

1.    Links oder rechts von der Treppe befindet sich ein Geländer. Legen Sie die Hand darauf und halten Sie sich fest.

2.    Beginnen Sie mit Ihrem „starken“ Fuß. Rechtshänder mit dem rechten Fuß, Linkshänder mit dem linken usw.

3.    Treten Sie immer mit dem ganzen Fuß auf die Stufe.

4.    Erst, wenn Sie sicher stehen, nehmen Sie die nächste Stufe.

5.    Gehen Sie langsam.

6.    Benutzen Sie kein Handy und hören Sie keine Musik beim Treppensteigen.

7.    Bleiben Sie konzentriert, bis der gesamte Vorgang vollständig abgeschlossen ist.

 

Freitag, 7. Februar 2025

S. geht vorbei

 

Blogstuff 1054

„Du übertreibst dich selbst gerade.“ (Irgendjemand im Dschungelcamp)

Bonetti hat nur einmal im Leben Blut gespendet. Ein trockener Alkoholiker bekam es und wurde wieder rückfällig.

Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Films: „Rocky Horror Picture Show“ 2025 habe ich eine aktuelle Variante entwickelt: Ein Paar bleibt nachts mit seinem Wagen liegen. Die Bordelektronik meldet den Schaden an einen Pannendienst, der direkt einen Mitarbeiter losschickt. Über ihre Handys können die beiden Havaristen genau feststellen, wo sie sind. Das finstere Schloss in der Nähe hat nur schlechte Bewertungen: „Alles voller Monster, englische Küche (ein Gericht namens ‚Eddie‘). Ein Stern ist eigentlich noch zu viel“ oder „Gästezimmer grottig bis gothic, Hausherr trägt Strapse und hochhackige Schuhe. Nie wieder!“ Den Rest der Wartezeit verbringen sie im Auto mit Musik und WhatsApp.

Natürlich gibt es guten Wein in Rheinhessen. Aber der Hype um das Weingut Keller, v.a. um den Riesling G-Max, ist unglaublich. Im Netz werden 1500 € pro Flasche aufgerufen und die „Sammlerbox“ mit zwölf Flaschen, darunter nur eine Flasche G-Max, wird für 6500 € angeboten. Das ist brutal. Mehr als eine Flasche pro Tag kann ich mir leider nicht leisten.

„In dem wir Abstraktion in Kunst und Literatur zulassen, öffnen wir uns für neue Wahrnehmungen und Gestaltungsräume“, schreibe ich in ein kleines Notizbuch mit schwarzem Einband. Der letzte Eintrag ist von 2011. Ich habe mich gerade mit einer Malerin in New York unterhalten, die ich zufällig vor einem Fahrstuhl traf. Ich erzählte ihr von einem Buch zum Thema, das ich gerade gelesen hatte, und wir führten ein angeregtes Gespräch über das frühe 20. Jahrhundert, Kafka, Dada usw. So einen intellektuellen Traum hatte ich schon lange nicht mehr.

Fragen der BILD-KI zur „Analyse deines Lebenssoundtracks“. „Hier ist das Ergebnis: Basierend auf deinen Antworten bist du jemand, der es liebt, in Geschichten und Kulturen einzutauchen, den Moment zu genießen und gleichzeitig Wert auf tiefe, vertrauensvolle Beziehungen legt. Du bist bedacht und überlegt, wenn es um Entscheidungen geht, und hast eine Vorliebe für die Klassiker der Musikgeschichte. Dein Song: ‚Bohemian Rhapsody‘ von Queen”. Gar nicht so schlecht, ich mag das Lied. Gehört sicher in meine Top Ten. – Das Lied wird in diesem Jahr übrigens fünfzig Jahre alt.

Wer kauft E-Autos? Wer kauft Tesla-Modelle? Linke, Grüne, Ökos und Veganer. Wen unterstützt Tesla-Boss Elton Murks? Die AfD und Trump. Das nennt man geschäftsschädigendes Verhalten.

Was man mit Nadeln alles machen kann: Häkeln, Stricken, Akupunktur, Tattoos stechen und Heroin spritzen.

Smoothie-Trinker werden von der Straßenbahn überfahren.

Donnerstag, 6. Februar 2025

Der Kiosk


Als ich vor zwanzig Jahren in diese Gegend der Stadt gezogen bin, gab es an der Hauptstraße noch einen kleinen Kiosk, den ich regelmäßig aufsuchte. Aber irgendwann hatte ich mir das Rauchen und das Zeitunglesen abgewöhnt. Dann wurde auf dem Weg zum Kiosk ein riesiges Einkaufszentrum gebaut, so dass ich gar nicht mehr an ihm vorbeikam.

Daher staunte ich nicht schlecht, als ich bei einem Spaziergang den neuen Kiosk sah. Dort, wo früher ein Supermarkt gewesen war, der den ungleichen Zweikampf mit dem Einkaufszentrum verloren hatte und untergegangen war, las ich „Kiez-Oase“ über der Eingangstür. Ich ging hinein und sah tatsächlich Pablo, den alten Kioskbesitzer hinter dem Tresen.

An einer Wand waren fünf Daddelautomaten und praktischerweise direkt daneben ein Geldautomat. Hinter dem Tresen standen vier Leute. Einer nahm Pakete entgegen und gab gegen Ausweis Pakete heraus, einer verkaufte E-Zigaretten, Softdrinks und Süßigkeiten, einer nahm Formulare für das Einwohnermeldeamt und das Job-Center entgegen und Pablo hatte gerade sein Handy am Ohr. „Taxi Almeda. Wir fahren, Sie sparen.“ Er hörte kurz zu und rief etwas nach hinten. Dort saßen sechs Männer, die ich durch die Glaswand sehen konnte, an einem Tisch und spielten Karten. Einer stand auf und übernahm die Fuhre.

Wartende Kunden saßen auf Massagesesseln, die gegen Einwurf von einem Euro fünf Minuten vibrierten. In einem kleinen Zelt in der Ecke sah ich eine steinalte Frau mit Kopftuch und Stoffpapagei auf der Schulter, die einer Frau aus der Hand las. Ein Reklameschild wies darauf hin, dass hier auch Tarotkarten und eine Kristallkugel zum Einsatz kamen. In einem Regal stapelten sich Zwei-Euro-Shirts und Schulranzen. Aus einem Automaten konnte man sich Hamburger und Hotdogs holen, die man in einer Mikrowelle heiß machen konnte. Daneben war ein Kaffeeautomat. Drei Männer standen an Stehtischen und mampften.

Ich überlegte kurz, was ich hier eigentlich wollte. Doch mal wieder eine Zeitung oder eine Zeitschrift kaufen? Gab es hier nicht. Ein Bierchen trinken? Diese Art Publikum wollte Pablo augenscheinlich nicht mehr. Noch nicht mal die kleinen Fläschchen Jägermeister oder Kümmerling, die ich früher so gerne gekauft habe, gab es noch. Aus einer Ecke im hinteren Teil des Ladens hörte ich ein leises Sirren. Ich ging hinüber und sah einen Tätowierer bei der Arbeit. Warum nicht? Vielleicht Goofy oder das chinesische Schriftzeichen für Kiosk?

 

Mittwoch, 5. Februar 2025

Blood, Mett & Trier


Blogstuff 1053

„Fakten sind für Trump wie Mobbing.“ (Till Reiners)

Im Januar 2000 sollte mein Unternehmen Cyberdynamics & Biotechmedia an den Neuen Markt gehen – aber dann ging die Börse den Bach runter und die versprochenen 300 Millionen sind nie auf meinem Konto gelandet.  

Endlich! Papst spricht Leser wegen Bonetti-Erscheinung selig.

Slogan des Jahres: „Küchen aktuell – Ihr sympathischer Küchengigant.“ Hulk traurig.

Mein Bäcker bietet jetzt auch ein "Dubai-like"-Hastenichgesehen an. Ich bleibe skeptisch. Traue keinem Trend, den du nicht selbst gesetzt hat.

Altkanzler Schröder kann leider nicht vor dem Untersuchungsausschuss zu Nord Stream aussagen. Laut seinem Arzt hat er ein „typisches Burn-out-Syndrom mit dem Zeichen einer tiefgreifenden Erschöpfung“. Sein Anwalt sagte, er sei „weder aktuell noch in absehbarer Zeit den körperlichen und psychischen Belastungen durch eine längere – insbesondere öffentliche – Befragung in einem Untersuchungsausschuss gewachsen.“ Man muss halt die richtigen Leute kennen. Der Mann ist natürlich völlig überarbeitet. Vor einigen Wochen präsentierte er sich auf Insta noch als Golfspieler.  

Rosenmontag: Bonetti unterzeichnet das Gute-Laune-Verbreitungsgesetz.

Hätten Sie’s gewusst? Bauernfrühstück heißt in Italien Omelette Agricola.

Es war sicher die dümmste Idee meines Lebens, als ich mir eine Sattelrobbe als Haustier zugelegt habe. Ich dachte, sie bleibt einfach in der Badewanne. Aber sie liegt den ganzen Tag entweder in meinem Bett oder auf dem Sofa. Ich gebe ein Vermögen für Fisch aus. Das blöde Vieh frisst nur beste Ware aus dem KaDeWe oder von Rogacki.

Die Ungenauigkeit der deutschen Sprache nervt mich immer wieder. „Strom fließt“. Ist er eine Flüssigkeit? „Flughafen“. Liegt er am Wasser? Warum nicht „Flugplatz Berlin Brandenburg“?

Von den Medien totgeschwiegen: Andy Bonetti schreitet mit König Charles eine Ehrenformation der Praktikanten ab.

Samstag, den 25. Januar: Wahlkampfstände der CDU u.a. vor dem Supermarkt. Samstag, den 1. Februar, nach dem Desaster im Bundestag: Kein Wahlkampfstand – alle ziehen den Kopf ein.

2. Februar: Zwischen 160.000 (Polizei) bzw. 250.000 (Veranstalter) Menschen kommen zu einer antifaschistischen Demo in Berlin zusammen. Alles arbeitslose Linksradikale und langhaarige Bombenleger. Ich wünsche dem rechten Parteienspektrum viel Spaß bei der gemeinsamen Koalition. Wann fliegt der Laden auseinander? Nach einem Jahr? Nach zwei Jahren?

„Make Gaza Beautiful Again“ (Marco Rubio). Trump schlägt eine ethnische Säuberung des Gaza-Streifens vor und will anschließend eine neue Riviera an den Strand knallen – vermutlich mit Trump-Tower und Golfplatz. Kannste dir nicht ausdenken.

 

Dienstag, 4. Februar 2025

Der Schatten

 

Winter in Berlin. Es ist dunkel und doch sieht man keine Schatten.

Dann kommt der Frühling. Die Sonne scheint. Aber mein Schatten ist verschwunden.

Ich finde ihn Wochen später in Rom wieder. Er sitzt auf der Terrasse eines Kaffeehauses an der Piazza Dell‘Inferno. Unter der lichterloh brennenden Sonne zeichnen sich seine Ränder scharf ab.

„Was machst du hier?“ frage ich ihn.

„Ich trinke schwarzen Kaffee“, antwortet er. „Wenn ich ins Café hineingehe, werde ich unsichtbar.“

„Von was lebst du?“

„Licht. Licht und schwarzer Kaffee.“

„Und wie bezahlst du ihn?“

„Meine Braut hat einen reichen Vater.“

„Wie hast du denn eine Frau kennengelernt?“

„Ich habe sie auf der Piazza gesehen und mich nachts in ihr Haus geschlichen. Während sie schlief, habe ich ihr eingeflüstert, dass sie einen dunklen Mann kennenlernen wird.“

„Und das hat funktioniert?“

„Ja. Ich habe hier auf sie gewartet. Sie hat sich sofort in mich verliebt.“

„Und wie bist du nach Rom gekommen?“

„Mit dem Nachtzug. Es hat mich keinen Cent gekostet.“

„Willst du nicht wieder zu mir zurückkehren?“

„Nein. Aber ich mache dir ein Angebot.“

„Ein Angebot?“

„Ja. du darfst mein Schatten sein. Du wirst mich begleiten und dich vor mir auf den Boden legen.“

„Du bist verrückt.“

„Glaubst du?“

„Das kann doch alles nicht wahr sein.“

„Morgen ist meine Hochzeit. Entweder du kommst als mein Schatten mit mir in die Kirche oder die Männer meines Schwiegervaters werden dich töten. Er ist sehr mächtig.“

Ich blieb in Rom. Als Schatten meiner selbst.

 

Der Dank für die Inspiration geht an Hans Christian Andersen.