Am Dienstag,
den 6. Oktober kam der Arzt, den ich über den ärztlichen Notdienst gerufen
hatte, und nach einer kurzen Untersuchung rief er einen Krankenwagen. Acht
Stunden saß ich in der Notaufnahme, gelegentlich befasste sich eine Ärztin mit
mir. Da dachte ich noch, ich käme bald wieder nach Hause und mein Hausarzt
würde übernehmen. Dann sagte man mir ich müsse mindestens eine Woche bleiben.
Ich fragte, ob ich mich selbst entlassen könne. Die Ärztin riet mir ab, ich
stimmte ihr zu, aber ab diesem Augenblick warf man immer wieder einen Blick ins
Zimmer, in dem ich wartete. Ein Pfleger sagte sogar zur Ärztin: „Er ist noch
da“.
Ich
kam in ein Zwei-Bett-Zimmer und am nächsten Tag besuchten mich die Ärzte von
Station 42. Danach kam ich in ein Vier-Bett-Zimmer auf der 44. Ich fragte am
Ende des Gesprächs, wie lange ich bleiben müsse. Bis Mitte nächster Woche. Gut.
Daraus wurde das Wochenende und dann der 20. Oktober. Ich wurde misstrauisch.
Schließlich muss eine GmbH möglichst viel Geld mit jedem Patienten verdienen.
Ich fühlte mich ausgeliefert. Ich hatte es nicht mehr in der Hand. Eine
schreckliche Situation für einen Sonderling und Sturkopf.
Zwei
Tage vor der geplanten Entlassung, von der wusste, dass sie nicht stattfinden
würde, beschloss ich, einen Fluchtplan zu machen. Der Gebäudekomplex mit
mehreren Seitenflügeln war gigantisch und beherbergte so viel Personal und
Patienten wie ein Kreuzfahrtschiff. Ich machte einen „Spaziergang“. Das war
meine Antwort, als der ausgemergelte ehemalige Finanzbeamte, der seinen guten
Riecher offenbar nicht verloren hatte, mich fragte, wohin ich wolle.
Der
Gang war leer und ich ging zu den Fahrstühlen. Der Ausgang konnte sich nur im
Erdgeschoss befinden. Dort stieg ich aus und direkt vor mir war eine gläserne
Automatiktür, die in den Garten führte. Das war ja einfach. Aber ich konnte
nicht weit gehen. Inzwischen war ich zwar ohne Krücke unterwegs, aber ich hatte
den ganzen Sommer wegen eines Sturzes auf offener Straße kaum die Wohnung
verlassen. Meine Kondition war nicht gut, spätestens nach hundert Metern musste
ich mich setzen.
Ich
hatte die Wahl: geradeaus oder nach rechts. Ich ging geradeaus und nach fünfzig
Metern machte der Weg einen Knick nach links. Da war ein Gittertor, dahinter
war ein kleiner Parkplatz und dann der Bürgersteig. War das der Ausweg? Aber
das Tor war verschlossen. Ich wollte schon zurückgehen, das sah ich im Gebäude
links von mir eine Tür. Sie war offen! Ich ging hindurch und dann um eine Ecke.
Hier waren zwei gläserne Automatiktüren und ein paar Meter dahinter, zwischen
zwei niedrigen Backsteinmauern, der Bürgersteig. Die Freiheit.
Zufrieden
ging ich zurück. Endlich wusste ich, wie ich mich auf die Flucht begeben
konnte. Ich hatte zwar nur fünf Euro im Portemonnaie, aber zwei unbenutzte BVG-Fahrkarten.
Wenn man mir am Dienstag Schwierigkeiten machen würde, könnte ich einfach
abhauen. Notfalls nur mit Brieftasche, Hausschlüsseln und Handy in den
Hosentaschen. „Spaziergang“ in den Garten. Die billigen T-Shirts und
Unterhosen, die Zahnbürste und den Kamm nebst Rucksack würde ich einfach
zurücklassen. Die Freiheit hat nun einmal ihren Preis.
Am
Dienstag wollte man mich tatsächlich in die nächste Therapie schicken und auf
eine andere Station verlegen. Obwohl sämtliche Organe mit Ultraschall und CT
untersucht worden waren, inklusive Magen- und Darmspiegelung. Aber ich konnte
mich tatsächlich selbst entlassen. Fünfzehn Minuten war ich an der „Rezeption“,
wie es offiziell hieß, und der Pförtner rief mir ein Taxi. Endlich zuhause!
Einen Tag später holte mich ein Wasserschaden, der mich 1100 Euro kostete, in
die Realität zurück. Weitere zwei Tage später ein weiterer Sturz. Wieder konnte ich
nicht aus eigener Kraft aufstehen. Die Feuerwehr kam in meine Wohnung und
brachte mich in dieselbe Notaufnahme, in der alles begann. Ich dachte nur:
Jetzt geht die Scheiße wieder von vorne los.
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