Mittwoch, 21. Oktober 2026

Lagebericht

 

Was bisher geschah: Zwei Tage lang habe ich große Schmerzen im rechten Unterschenkel, wenn ich gehe. Am dritten Tag rufe ich den ärztlichen Notdienst an, nach einer halben Stunde ist der Arzt da. Nach seiner Untersuchung vermutet er, ich hätte eine Thrombose und ruft einen Krankenwagen.

Man bringt mich ins Sankt-Getrauden-Krankenhaus, ein riesiger Moloch mit tausend Mitarbeitern. Mein erster Krankenhausaufenthalt seit 1980, damals war Helmut Schmidt noch Bundeskanzler. Die gute Nachricht: Es ist keine Thrombose, sondern nur ein Ödem („Wasser im Bein“).

Ich komme in ein Vier-Bett-Zimmer mit drei alten Menschen, die das Bett nicht mehr allein verlassen können aka „bettlägerig“ sind, Windeln tragen und in Urinflaschen pinkeln. Immerhin habe ich das gemeinsame Bad exklusiv. Meine neue Heimat für zwei Wochen.

In der folgenden Zeit macht man Unmengen an Untersuchungen. Jeden Tag bekomme ich Blut abgenommen und vier Flaschen Penicillin als Infusion verabreicht. Ultraschall sämtlicher Organe, dazu ein CT, eine Magenspiegelung und eine Darmspiegelung. Es ist wie beim TÜV, alles wird gecheckt. Ergebnis: Blutarmut (ich habe nur halb so viel Hämoglobin wie ein normaler Mensch, daher vermutlich meine Antriebs- und Kraftlosigkeit), Gastritis (Entzündung der Magenschleimhaut) und Lebezirrhose. Aber immerhin kein Darmkrebs. Es ist meine alte Obsession, dass ich einmal an Darmkrebs sterbe.

Thema Leberzirrhose: In der zweiten Woche liegt ein obdachloser Alkoholiker aus Polen neben mir. Ich höre das Gespräch mit der Ärztin, das von einer App übersetzt wird, da er weder Deutsch noch Englisch spricht. Er trinkt zwei Flaschen Wodka am Tag, dazu ein paar Liter Bier. Und mir kommen sie hier dumm? Waisenknabe. Mehr sage ich nicht.

Thema Blutarmut: Ich bekomme zum ersten Mal im Leben Bluttransfusionen. Fremdes Blut in meinen Adern. Merkwürdige Vorstellung. Wer von Ihnen, liebe Lesende, ist Blutspender und hat B -? Vielleicht sind Sie jetzt Teil der ewigen Literaturlegende Bonetti?

Nach zwei Wochen verlasse ich das Krankenhaus. Folgendes Triptychon bleibt mir in Erinnerung. Links steht ein Mann und pinkelt in seine Urinflasche, rechts sitzt ein Mann auf einem Stuhl mit Loch und presst unter pornomäßigem Stöhnen seinen Darminhalt heraus („Stuhlgang“), in der Mitte über beiden ist der Fernseher, ich habe Kopfhörer auf und hoffe, dass ich hier bald wieder herauskomme.

Leider hat man nach all den Tests nie die Ursache des Ödems finden können, sondern behandelt nur die Symptome. Auch meine Frage, warum nur das rechte Bein betroffen ist, bleibt unbeantwortet. Ich bekomme nach meiner Entlassung noch drei Wochen Bandagen von einem Pflegedienst. Und dann? Sollen Stützstrümpfe helfen. Wir werden sehen.

Schlusspointe: Am Tag meiner Entlassung möchte man mich in eine neue Abteilung verlegen – zur Behandlung meiner Leberzirrhose. Ich lehne ab und lasse mich gegen die Zustimmung der Ärzte aus dem Krankenhaus entlassen. Nach zwei gesunden Wochen gönne ich mir zuhause eine Flasche Wein.

PS: Vor zwei Jahren sollte das Krankenhaus geschlossen werden, dann hat es ein privater Investor (Alexianer) übernommen, daraus eine GmbH gemacht und gnadenlos auf Profit getrimmt. Die alten Mitarbeiter, die übernommen wurden, werden noch nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt, die neuen Mitarbeiter nach dem Haustarif, der deutlich niedriger ist. Hier kommt Profit vor Patient, deswegen immer neue Untersuchungen und Therapien. Man wollte eine CT vom meinem Kopf machen und in den letzten Tagen habe ich auch noch eine Atemtherapie gemacht – wegen meiner Probleme im rechten Unterschenkel.

Yazoo - Situation ( Original Video Clip ) HQ

4 Kommentare:

  1. Eine Flasche Wein auf die Diagnose "Leberzirrhose" bedeutet, dass dies eine Satire ist. Sie (die Zirrhose) wäre auch die Ursache für Ödeme, Antriebslosigkeit und Kraftverlust.

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    1. Mein ganzes Leben ist eine Satire. Bei einer Ultraschalluntersuchung 2013 stellte der Arzt fest, dass bereits ein Drittel meiner Leber hinüber war.

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  2. Ich wollte dich in meine Blogroll meines neuen schönen Blogs aufnehmen, hatte aber zugewartet, als man über dein Ableben spekulierte. Nun, da es ein Lebenszeichen von dir gibt, kann ich den Kiezschreiber-Blog doch noch bei mir aufnehmen. Gute Genesung weiterhin!

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  3. Puh, das deutsche Gesundheitssystem hat die Krallen ausgefahren? Immerhin ein Check war wohl nicht abzuwenden? Und: Statt Thrombose dann doch nur Zirrhose? Da hattest du die Wahl zwischen Scylla und Charybdis? Ist Altwerden nüscht für Feiglinge? Nun kanns´te wieder bloggen, als wäre nichts gewesen? Deutschland braucht dringender denn je den Qualitätsjournalismus!

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