Freitag, 1. Mai 2020

Daten, Daten, Daten


Am 29. April starb weltweit alle 16 Sekunden ein Mensch an Covid-19, Tendenz steigend.
Es ist schon auffällig, wie wenig Daten uns in der Corona-Krise zur Verfügung stehen. Wir bekommen jede Woche von mehreren Meinungsforschungsinstituten mitgeteilt, wie sich die Wählergunst auf die Parteien verteilt, aber wir wissen nicht, wie viele Menschen bereits gegen das Virus immun sind. Für die Umfragen von Forsa & Co. reichen 2000 befragte Bürger, um die Zahlen auf das ganze Land hochzurechnen. Warum machen wir das nicht einfach mit Corona? Seit Wochen sprechen wir über Antikörpertests in großem Maßstab. Eine ausreichende Testkapazität haben wir längst, aktuell wird sie nur zu 55 Prozent ausgeschöpft.
Beispiel Kita. Folgende Hypothese: Die Kinder waren jetzt wochenlang zu Hause und sollten in die Kita dürfen, wenn sie keine Symptome zeigen. Die geschätzte Zahl der Infizierten, die noch nicht wieder gesund oder verstorben sind, liegt in Deutschland aktuell bei etwa 40.000. Das ist ein halbes Promille der deutschen Bevölkerung, also einer von zweitausend. Das Restrisiko könnte man also eingehen und die Kinder wieder miteinander spielen lassen. Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, die zur Risikogruppe gehören, bleiben zu Hause, die anderen werden vor Öffnung der Kitas getestet. Um diese Hypothese zu überprüfen, testet man in den zehn größten Städten jeweils tausend Kinder. Eine Sache von wenigen Tagen. Dann hat man ein Ergebnis. Kitas öffnen – oder eben nicht. Trial and error.
Ohne ausreichende Datenbasis keine Analyse, ohne Analyse keine fundierte Entscheidung. Politik kann nicht ewig im Blindflug gemacht werden. Sie braucht empirische Grundlagen. Es ist schwer genug, unter hohem Zeitdruck Entscheidungen in einer Situation zu treffen, mit der keiner von uns Erfahrung hat. Ohne ausreichende Informationen und ohne die Gewissheit ihrer korrekten Interpretation sind wir hilflos und unsicher. Erst jetzt erkennen wir, dass die Wissenschaftler denselben Lernprozess durchlaufen wie die Politiker und wir Bürger. Das ist im Ausnahmezustand der Normalfall. Klingt komisch, ist aber so. Covid-19 ist eben keine Grippe, keine Routine – es ist Terra incognita.
P.S.: Der Text entstand am 28. April. Jetzt gibt es eine erste Studie von der Berliner Charité zu diesem Thema. Zwar mit geringer Fallzahl (37 Kinder im Kita-Alter und 90 Schüler), aber ein Anfang ist immerhin gemacht. Das Team um Professor Drosten rät zur Vorsicht bei der Öffnung von Schulen. Andere Studien, Z.B. aus den Niederlanden, kommen zum Ergebnis, dass von den Kindern eine geringe Ansteckungsgefahr ausgeht. Möglicherweise als Ergebnis des wochenlangen Lockdowns. Wir sehen: Es ist noch viel Forschungsarbeit nötig.
The B-52s - 6060-842. https://www.youtube.com/watch?v=hik5y1lNGbY

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