Montag, 9. Februar 2009

Die Geschichte vom Lärmmacher


Das Örtchen Elend wurde gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts im ganzen Regierungsbezirk bekannt, weil sich in dem verschlafenen Dorf ein Lärmmacher niedergelassen hatte. Er überragte seine Mitbürger um mehrere Haupteslängen, hatte einen wilden roten Bart und trug ständig schwere lange Pelzmäntel, so daß er wie ein Riese aus dem Märchenbuch aussah. Er hieß übrigens nicht Ignaz, wie oft fälschlich behauptet wird. Des Tags stand er auf dem Dorfplatz und schrie aus Leibeskräften, während er die Pauke dazu schlug. Gegen Abend pflegte er immer durch den Ort zu gehen. Singend und pfeifend, rufend und händeklatschend zog er an den niedrigen Häusern vorbei, um die verschüchterten Bewohner heraus zu treiben und um eine kleine Spende zu bitten. Bald schon war er für sein fleißiges und stetes Lärmen in den Martkflecken der Umgebung bekannt. Leute kamen nach Elend, nur um ihn zu sehen. Händler nahmen Umwege in Kauf, um durch das Dorf zu kommen und den Hünen bei seinem lauten Treiben beobachten zu können. Der Lärmmacher, der nicht Ignaz hieß, fertigte derweil allerlei merkwürdige mechanische Apparate und metallische Instrumente zur Lärmerzeugung, die er vom frühen Morgen an auf dem inzwischen festlich geschmückten Dorfplatz zu bedienen pflegte. Es wurde immer lauter im Dörfchen, immer mehr Leute kamen nach Elend und so kann das Ende der Geschichte den aufmerksamen Leser nicht verwundern: Eines schönen Tages war der Lärmmacher verschwunden und wurde nie wieder gesehen.

Superwahljahr


Es klopfte. Erschrocken ließ ich das Buch fahren, in dem ich gerade las. Es klopfte erneut, es mußte ganz in der Nähe sein. Ich blickte unter das Bett und tatsächlich lag dort ein älterer Herr in einem altmodischen Gehrock, der nun vorsichtig den Hut zum Gruße lupfte. "Guten Tag, ich bin Politiker", begann er mit falschem Lächeln.

Sonntag, 1. Februar 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 3


Mardo hatte als Klingelton die düstere Fanfare gewählt, mit der Darth Vaders Auftritte in Star Wars unterlegt wurden. Er wollte gerade das Büro schließen, den ganzen Tag über war nichts passiert und nun waren ihm auch noch die Zahnstocher ausgegangen. Aber nun klingelte es. Sein alter Schulfreund Lando Calrissian war am Apparat, bis zur zehnten Klasse hatten sie zur selben chain-gang an der Diesterweg-Oberschule gehört.
"Hi, van Damme". Das war Mardos Spitzname in der Zehnten gewesen, wegen der Vornamensverwandtschaft mit dem drittklassigen Action-Helden Jean-Claude van Damme.
"Hi, Dicker". Calrissians Spitzname hatte eher eine physiologische Herkunftsgeschichte.
"Du hast jetzt eine Agentur als Privatdetektiv, habe ich gehört."
"Da hörst du richtig."
"Es geht eigentlich um nichts wirklich Aufregendes. Eigentlich geht es nur um ein Auto. Kann ich es dir bei einem Bier erklären?"

Ein scharfer Wind trieb Mardo feine Sandkörner und winzige Regentropfen in die Augen, als er die Putbusser Straße hinunterging. An einem solchen Januartag waren die Straßen des Brunnenviertels menschenleer, alles Leben hatte sich hinter die Steine verkrochen. Aber unsichtbar hinter den leblosen Fassaden pochte das Blut durch Venen und Arterien. Fleisch und Knochen, Schmerz und Wahnsinn, Liebe und Hass, Gier und Mitleid, Stumpfsinn und Apathie. Alles verborgen unter den bunt verputzten Grabplatten und doch ganz nahe. Nur die Straße war ruhig, über alles andere dachte man besser nicht nach.
Mit dem Aufzug fuhr Mardo zu Calrissians Wohnung in einem der Neubautürme an der Brunnenstraße hinauf. Im Wohnzimmer standen nur ein Sofa, zwei Sessel und ein flaches Glastischchen. Die Stereoanlage war auf dem Boden aufgebaut, es gab keine Schränke oder Regale. Offenbar war sein alter Kumpel gerade erst eingezogen. Mit einem Beck’s in der Hand ließ er sich in einen der Sessel sinken.
"Es geht um Folgendes", fing Calrissian an, nachdem sie eine Weile den Verbleib ihrer Schulkameraden durchgegangen waren. Da war von Knast bis Chirurgie alles dabei. "Ich bin an einem Wagen interessiert. Es ist ein 1957er Cadillac Eldorado, ziemlich runtergekommen, aber wieder herstellbar. Pimp my ride, verstehst du? Dieses Auto würde ich gerne kaufen."
"Und wieso brauchst du mich dazu?" fragte Mardo.
"Es ist nicht so einfach. Ich kenne den Typen, also den Besitzer, noch von früher. Wir mögen uns nicht besonders. Es ging da um eine Frau, die Details sind völlig unwichtig für dich. Aber ich kann dort nicht persönlich aufschlagen. Ich brauche einen Mittelsmann."
"Und ich soll einfach hinfahren und den Wagen kaufen? Ich habe von Gebrauchtwagen nicht allzu viel Ahnung." Das traf die Sache nicht ganz. Mardo hatte nicht den blassesten Dunst, was Autos anbelangte. Er hatte auch keinen Führerschein. Aber Calrissians nächste Worte überzeugten ihn, sich einfach auf das Abenteuer einzulassen.
"Keine Sorge. Ich biete dem Besitzer einen Festpreis an, den er einfach akzeptieren muss. Du brauchst dich nicht unter den Wagen zu legen, fachzusimpeln oder zu feilschen. Du gehst hin, machst ihm das Angebot, er wird annehmen, und du bewegst das Auto und deinen Arsch umgehend zu mir. Meinen Namen erwähnst du selbstverständlich nicht. Dein Honorar beträgt dreitausend Euro."

Mary lag auf dem Sofa und blickte genervt in ein speckiges Bibliotheksexemplar von James Joyce‘ "Dubliners". Mardo kam nach Hause und hängte seinen Wintermantel an den Haken.
"Du kennst dich doch mit Autos aus", begann er, als er sich vor sie auf den Wohnzimmerteppich setzte.
"Kommt ganz darauf an". Mary spielte ihr Desinteresse ganz ausgezeichnet, aber sie war froh, endlich von dieser öden Lektüre für ihre Seminararbeit abgelenkt zu werden.
"Hast du schon mal von einem Cadillac Eldorado gehört?"
"Na, klar. Absolute Luxuskarosse, supergeile Haifischflossen-Heckflügel und Rücklichter im Raketendesign. Riesiger V8-Motor mit 350 PS, aber das Baby wiegt auch mehr als zwei Tonnen und ist fast sechs Meter lang." Im Reden hatte sich Mary langsam aufgerichtet. Jetzt saß sie und schaute Mardo scharf an. "Willst du mit mir Autoquartett spielen oder was soll das?"
"Nein, es geht um einen Auftrag. Ich brauche jemanden, der dieses Ding erkennen und bewegen kann." Dann erzählte er ihr alles.
"Okay", grinste Mary. "Mit einer Frau an deiner Seite wirkt das ganze doch auch viel seriöser."

Am nächsten Vormittag fuhren Mary und Mardo mit der S-Bahn von Gesundbrunnen zur Beusselstraße am Berliner Großmarkt. Mardo saß am Fenster, betrachtete sich aber die Leute im Gang. Vor ihm standen eine türkische Teenagerin und ihr Vater, die sich gemeinsam an einer Stange festhielten. Ihr rosafarbener Nagellack blätterte bereits ab, ihm fehlten die Fingerkuppen von Zeige- und Mittelfinger der linken Hand. Das geheimnislose Lächeln eines älteren Asiaten, die krumme alte Witwe mit ihrem Rollwägelchen voller Katzenfutter. Auf der anderen Seite des Gangs saßen ein vielleicht dreizehnjähriger Junge und eine körperlich wesentlich reifere Mitschülerin. Er faselte laufend etwas davon, wem er alles auf’s Maul hauen wollte, sie lachte gelegentlich mit einem nachsichtigen Blick zu Mardo herüber. Sie wusste, dass er seinen Prahlereien zuhörte, der Junge nicht. Sie stieg vor ihm aus, der Junge fragte vergeblich nach ihrer genauen Adresse.
In der Berlichingenstraße lagen die Werkstatt und der Hof von Arc Welding, dem Besitzer des Cadillac. Der Autohändler sei gebürtiger Engländer und war als Bauarbeiter in den neunziger Jahren nach Berlin gekommen, soviel wusste Mardo von Calrissian.
"Ich habe mal gegoogelt. Arc Welding bedeutet Lichbogenschweißen. Scheint also eher ein Künstlername zu sein," erzählte Mardo, als sie der Werkstatt näher kamen. Nach einem kurzen Slalom zwischen schmutzigen Pfützen und Ölflecken erreichten sie ein Büro.
"Guten Tag. Wir suchen Herrn Welding."
Der Mann am Schreibtisch blickte sie misstrauisch an. "Sind Sie von der Schmiere?"
"Nein, nein", versicherte Mardo lächelnd. "Ich bin an einem Auto interessiert. Auf ihrem Hof steht ein alter Cadillac, den würde ich mir gerne mal anschauen."
Wenig später saßen Mary und Mardo in Weldings Büro. Es war mit einer weißen Ledergarnitur und Designerlampen ausgestattet. Einen solchen Luxus hätte Mardo in diesem Hinterhof gar nicht erwartet. Welding war ein großgewachsener untersetzter Mann mit dunkelrotem Schädel, der lächelnd mit einigen Spirituosen hantierte.
"Was trinken Sie?"
Mardo hob abwehrend die Hände. "Nicht um diese Uhrzeit."
"Und die Dame?"
"Ich muss noch fahren". Mary lächelte.
"Irgendeinen Musikwunsch?" Welding ging mit einem Wodka-O zu einer sündhaft teuer aussehenden Stereoanlage hinüber.
"Ganz egal. Hauptsache Wolfgang Petry."
Welding riss die blutunterlaufenen Augen auf.
"Keine Angst, das war nur Spaß." Mardo hatte ganz entspannt die Beine übereinander geschlagen, er spürte das schwere Geldbündel in seiner Brusttasche.
Bei Depeche Mode besprachen sie den Kauf. Mardo bot, wie mit Calrissian besprochen, achtzigtausend Euro für den Cadillac. Welding willigte sofort ein. Er konnte es gar nicht abwarten, die Papiere und die Schlüssel zu holen. Mit einem Standardformular besiegelten sie den Kauf.
Als sie draußen vor dem Wagen standen, fragte Welding vorsichtig: "Ihnen ist schon klar, dass Sie einen stolzen Preis für das gute Stück bezahlt haben?"
"Keine Sorge", antwortete Mardo. "Ich weiß, was ich tue."
Welding kratzte sich kopfschüttelnd am Kopf, als Mary den Wagen mit quietschenden Reifen vom Hof fuhr. Mardo fand noch nicht einmal einen Sicherheitsgurt.

"In diesem Zustand ist der Cadillac doch nicht einmal die Hälfte wert. Schau mal bei AutoScout24 oder auf anderen Seiten im Netz nach. Dein alter Kumpel ist ein Spinner oder ein neureicher Idiot." Sie sagte es ganz beiläufig, während sie das Orangenbäumchen goss, das bereits die ersten zarten Blättchen zeigte.
Mary hatte Recht. Bei Mardo klingelten sämtliche Alarmglocken. Er glaubte fest an die Existenz eines Instinkts, eines sechsten Sinns, und er verließ sich auf ihn. Viele Menschen hatten die Fähigkeit, fremde Blicke auf sich zu spüren oder die Gegenwart eines anderen Lebewesens in völliger Dunkelheit wahrzunehmen. Es war ihm auch schon häufig passiert, dass jemand anderes nur wenige Augenblicke später einen Gedanken laut aussprach, den er selbst gerade hatte. Und sein Instinkt sagte ihm, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Woher hatte Calrissian soviel Geld? Und wenn er soviel Geld hatte, warum wohnte er dann nicht woanders? Warum war dieser Wagen soviel wert? Und warum wollte sein alter Schulfreund den Wagen erst in drei Tagen abholen – auf dem öden Columbiadamm gegenüber der Moschee? Er schaute wieder aus dem Fenster. Auf der Straße schlief das knallrote Ungetüm, Jugendliche standen auf dem Bürgersteig und starrten es an. So etwas hatten sie in ihrem Kiez noch nicht gesehen.

Wenn man im Norden der Graunstraße in einen unbeleuchteten Durchgang trat und ihm bis zum Ende folgte, kam man in einen kleinen Hof, von dem das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs zu sehen war. Schaute man nach rechts, sah man eine grau gestrichene Stahltür, auf der die Nummer neun aufgemalt war. Dahinter verbarg sich das "Revolution No. 9", eine kleine Bar, die so wenig Werbung brauchte wie Rolls Royce. Die wichtigen Leute kannten die Bar, oft traf man hier auch Schauspieler, Musiker oder andere lokale Berühmtheiten, die einfach in Ruhe ihre Drinks schlürfen wollten. Im "Revo" war man unter sich, hier durfte geraucht werden und auf der Speisekarte standen nur die Cocktailverzierungen.
Mardo sog gedankenverloren an einem Zombie, als sich Kommissar Leber durch Finsternis und Dunst der Theke näherte.
"Na, Mardo. Wie laufen die Geschäfte?"
"Verdächtig gut." Mardo erzählte ihm die Geschichte. Dreitausend Euro für so wenig Arbeit. Sie mussten den Wagen noch nicht mal in der Jüterboger Straße in Kreuzberg ummelden.
Leber ging auf die Toilette und schloss sich ein. Das "Revo" war zwar ein nettes kleines Versteck, verfügte aber trotzdem über W-LAN. Der Kommissar fuhr das Mini-Notebook hoch und gab zwei Namen ein. Dann ging er zurück zu Mardo.
"Welding ist ein stadtbekannter Drogenhändler. Hat derzeit Bewährung, aber wir können ihm nichts neues nachweisen. Ihr Freund ist einer seiner Mitarbeiter."
Der Zombie und die Nachrichten heizten Mardo mächtig ein. Er sah den Kommissar schweigend an.
"Vielleicht schauen wir uns das Auto gleich mal an." Leber lächelte, als er das alte Budweiser-Plakat fixierte, das hinter Mardo an der Wand hing.

Zur Übergabe fuhren Mary und Mardo bereits eine Stunde früher als vereinbahrt. Mary sollte nicht dabei sein, wenn er Calrissian traf. Mardo setzte sich ans Steuer, den Zündschlüssel ließ er im Schloss, die Papiere lagen auf dem Beifahrersitz. Es war kalt, aber für dreitausend Euro lohnte sich das Zittern. Und für alles andere auch. Calrissian kam wie verabredet. Er lächelte zufrieden, schien es aber eilig zu haben. Mardo war erleichtert, als er durch die Hasenheide Richtung Südstern ging. Er wusste wohin er wollte, und er wusste, was passieren würde.


Zwei Stunden später wurde die Tür zu seinem Büro aufgerissen. Calrissian kam wütend hereingestürmt.
"Wo ist der Ersatzreifen?"
"Was?"
"Der Ersatzreifen, Mardo! Im Kofferraum war ein Ersatzreifen, der ist weg."
"Was ist mit dem Reifen?"
"Da ist etwas drin ,was mir gehört. Und es ist verdammt wichtig."
"Was denn?"
"Das geht dich einen Scheiß an! Ich will den Stoff zurück, du Ratte. Du hast mich abgelinkt."
Calrissian ging auf Mardo los, aber da wurde auch schon die Tür des Nebenraums aufgerissen. Zwei Polizeibeamte packten Calrissian und drückten ihn zu Boden. Kommissar Leber betrat das Büro.
"Sie sind vorläufig festgenommen."


Als Mardo mit Leber allein war, erzählte der Kommissar die ganze Geschichte.
"Ja, Mardo, Sie hatten Recht. An der ganzen Sache war etwas faul. Im Ersatzreifen haben wir zehn Kilo feinstes unverschnittenes Kokain gefunden. Calrissian hat auf Weldings Hof gearbeitet. Er hat den Stoff verschnitten und in kleinere Portionen aufgeteilt. Irgendwann wollte er aber an das große Geld. Also ließ er eine fette Lieferung verschwinden. Er hätte sie aber nicht einfach so vom Hof bringen können, also hat er sie im Reifen versteckt. Als Welding erfuhr, dass sein Koks weg ist, bekam er natürlich einen Tobsuchtsanfall. Er hat alle Leute und das ganze Grundstück durchsuchen lassen, aber das Koks blieb verschwunden. Ihr Klassenkamerad hat einfach Gras über die Sache wachsen lassen und wollte mit Ihrer Hilfe an seine Beute. Welding steckte in Geldschwierigkeiten, nachdem das Koks weg war, und hat in den Auto-Deal natürlich gerne eingewilligt."
Mardo schwieg eine Weile. "Was ist mit meinem Honorar von Calrissian?"
"Was für ein Honorar? Gibt es dazu etwas Schriftliches?"
Beide grinsten feist.


Mc Job


Es ist neun Uhr morgens und ich, der Tapferste der Tapferen, sitze seit etwa einer Stunde an meinem Schreibtisch im Eingangsbereich einer Tennishalle. Draußen vor dem Fenster steht ein abgekämpfter älterer Herr im strahlenden Sonnenschein dieses Sonntagmorgens und kippt eine Flasche Cola in seinen aufgeschwemmten Leib – die müde Karikatur eines Fernsehwerbespots. Er kommt in die Halle und fragt mich in bestem Landserdeutsch: "Und Sie halten hier die Stellung?" Ich antworte: "Einer muß ja da sein." Bis heute abend werde ich hier sitzen, denn heute bin ich ein Pförtner, kein Taugenichts, sondern eine Respektsperson. Meistens beschränken sich die Dialoge auf die üblichen Grußformeln und ich tue das, was ich am besten kann: nichts. In meinem Büro gibt es einen Computer, den ich nicht anfassen darf, und Tennisschläger, deren Handhabung mir fremd ist. Vorhin, um 8:55 Uhr, hat mich doch tatsächlich ein Mann gefragt, ob er schon auf den Platz dürfe. Die Spielzeit beginnt jeweils zur vollen Stunde. In welchem Land ist so etwas möglich? Und während sich die vorbeiziehenden Wolken in den blitzblank gewaschenen Mittelklassewagen der Kundschaft spiegeln, steigt in mir die leise Lust auf, in die Umkleidekabine zu gehen und einem dieser feinen Herren gepflegt in die Sporttasche zu scheißen.

Später feiert eine italienische Großfamilie in der Pizzeria im Stockwerk über mir die Kommunion eines kleinen Mädchens. Es ist Mittagszeit, die Plätze leeren sich und die Kinder, die zur Feier eingeladen sind, fragen mich, ob sie hier spielen dürfen. Ich gebe ihnen alle Leihschläger und Bälle, die ich finden kann, und bald bevölkert eine bunte kreischende Horde die gesamte Tennishalle. Das kleine Mädchen kommt in seinem herrlichen weißen Seidenkleid in mein Büro und ich schenke ihr zwei Bälle. Wegen des kostbaren Kleides kann sie nicht auf den Platz, also spielt sie mit den Bällen im Flur. Ganz artig hat sie sich bedankt, ihr Lächeln gibt diesem lausigen verkauften Tag erst einen Sinn. Überraschend taucht der Hallenbesitzer auf. Er ist entsetzt über meine freimütige Vergabe von Schlägern im Wert von über 5000 Euro, wagt aber nicht, in dieses wunderbare Chaos einzugreifen. Erst eine Woche später werde ich gefeuert.

Montag, 19. Januar 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 2




Neulich lag das Dankesschreiben des World Wildlife Fund im Briefkasten, in dem sich die Organisation für Mardos Spendenzahlung über fünftausend Euro bedankte. Sie hatten seinen Namen sogar auf die Liste der besonders großzügigen Spender gesetzt, die auf ihrer Homepage veröffentlicht wurde. Obwohl Mardo sicherlich der bescheidenste Mensch auf der ganzen Welt war, konnte er diese Ehre nicht ablehnen. Aber wie kam ein einfacher Privatdetektiv eigentlich zu einer solchen Summe? Alles fing mit einem Shar-Pei an, einem chinesischen Faltenhund. Genauer gesagt fing alles wieder einmal mit einem Telefonanruf an.



Mardo hatte die Bambus-Rollos an seinem Bürofenster herunter gelassen und dachte gerade im Halbdunkeln über sein Leben nach, als das Telefon klingelte. Finke hieß der Mann, in einer halben Stunde sollte Mardo in sein Büro kommen. Welchen Auftrag würde der Privatdetektiv heute bekommen? Ging Finkes Frau fremd? Oder war es etwas Geschäftliches? Finke war ein bekannter Möbelhändler, vielleicht war eine Ladung Einbauschränke aus der Ukraine irgendwo verschwunden?
Mardo zog seinen anthrazitfarbenen Wintermantel an und stülpte eine Wollmütze über die kurzen schwarzen Haare. Er ging die Ramlerstraße hinunter in Richtung Brunnenstraße. Auf der anderen Straßenseite lief ein älterer Herr mit seinem Schäferhund, der auf den schönen Namen Karl-Heinz hörte. Mardo kannte nur den Namen des Hundes, der alte Mann rief ihn regelmäßig mit krächzender Stimme, mal drohend, mal bittend. Er ging über die Brücke, unter ihm die Gleisanlage des Bahnhofs Gesundbrunnen. Vor ihm gingen ein paar Jugendliche, aus deren Ohren Kabel hingen. Eine Frau mit Kopftuch und Einkaufstasche kam ihm entgegen, auf der Brunnenstraße schlich der 247er vorüber.
Auf der Badstraße wurde die Menschenmenge dichter, hier reihte sich Geschäft an Geschäft. Mardo bog in die Pankstraße ein. Hier lag das Möbelhaus Finke, gegenüber der trutzigen Fassade des Amtsgerichts Weddings, eines typischen Beispiels wilhelminischer Einschüchterungsarchitektur. Dahinter floß die Panke, an der Mardo im Sommer gerne spazieren ging.
Kurz darauf saß er in einem mäßig bequemen Bürostuhl, vor sich einen mächtigen weißlackierten Schreibtisch, dahinter der aufgequollene kahle Schädel des Geschäftsführers.
"Schön, dass Sie so schnell kommen konnten. Es geht um Bodo, er ist entführt worden."
Mardos Herz setzte einen Schlag aus. Entführung war nicht ganz seine Liga, bei Schwerverbrechen hatte man es im Regelfall mit Schwerverbrechern zu tun. Und solche Leute waren gut bewaffnet und selten allein. Mardo hatte nur Pfefferspray in der Manteltasche. "Ich nehme an, es handelt sich um Ihren Sohn. Die Polizei ist hoffentlich schon informiert. Obwohl die Erpresser ja stets davor warnen, empfehle ich Ihnen ..."
"Nein, nein." Finke lächelte. "Es geht um meinen Hund."
"Ich soll also ihren Hund finden?" Mardo stutzte. Einen Hund suchen? In dieser Stadt? An diesem nasskalten Januartag durch Parks und Hinterhöfe laufen, während ein Stück Hundekuchen in seiner Manteltasche zerbröselte? Sein Vater hatte ihm immer geraten, einen anständigen Beruf zu erlernen. Joao Mardo war in den siebizger Jahren aus Porto nach Berlin gekommen und hatte bei der AEG gearbeitet, bis die Firma Anfang der achtziger Jahre pleite gegangen war. Den Vornamen verdankte Jan Mardo seiner tschechischen Mutter.
"Nein, den habe ich bereits wieder. Sie sollen die Entführer finden. Niemand stiehlt Rüdiger Finke tausend Euro!"
"Was ist passiert?"
Finkes Stirn legte sich in Falten, seine Stimme wurde dunkler und drohender. "Diese Entführer haben sich an meine Frau gewandt, sie hat anstandslos bezahlt. In der darauffolgenden Nacht wurde uns der Hund zurück gebracht, er war vor Haus unserem Haus in Wilmersdorf angebunden. Meine Frau hat mir erst Tage später davon erzählt. Sie können sich vorstellen, wie wütend ich war. Unser Hund wurde täglich von einer Hundesitter-Firma ausgeführt, am Vinetaplatz ging er angeblich verloren. Vielleicht schauen Sie sich die Typen von dieser Firma ja mal an."
Mardo ließ sich die Adresse der Hundesitter-Firma und die Telefonnummer von Finkes Frau geben. Er tippte die Nummer in sein Handy, als er zum U-Bahnhof Nauener Straße ging, vorbei am Amtsgericht, über die Panke. In diesem Kiez hatten am 1. Mai 1929 die Barrikaden gebrannt. Heute war der Wedding wintergrau, nicht rot.
"Finke-Bärlauch", meldete sich eine hell singende Stimme.
"Mein Name ist Jan Mardo. Ihr Mann hat mich wegen der Hundeentführung engagiert."
"Ach, Rüdiger ist immer so aufbrausend. Aber gerade ist eine Freundin von mir hier, deren Hund ist auch verschwunden. Vielleicht kommen Sie einfach mal vorbei, dann können wir reden. Da könnte es doch einen Zusammenhang geben, oder?"
Mardo gab ihr Recht und drückte die Aus-Taste.



Mit der U 9 fuhr er tief ins Herz des gutbürgerlichen Berlins und stieg am Walther-Schreiber-Platz aus. Überall restaurierte Altbaufassaden, keine Graffiti. So hätte das Brunnenviertel auch aussehen können, aber wirtschaftlicher Niedergang und städtebauliche Experimente hatten sein Gesicht hässlich gemacht.
Finkes bewohnten eine riesige Maisonettewohnung in der Odenwaldstraße. Frau Finke-Bärlauch begrüßte ihn an der Tür, artig ließ Mardo seinen Mantel und seine Mütze an der Garderobe. Er folgte der Gastgeberin durch eine völlig überheizte Wohnung. Auf einem niedrigen Glastischchen standen geblümte Kaffeetassen und Teller. Auf dem Sofa saß eine Frau mittleren Alters, die Mardo erwartungsfroh anlächelte.
"Guten Tag. Meine Name ist Silvia Lotze. Ich hätte mir einen Detektiv aber größer und kräftiger vorgestellt."
Mardo lächelte verlegen, während er sich in einem Sessel sinken ließ. Er war tatsächlich nur ein Meter siebzig groß und von schmächtiger Statur. "Heutzutage werden die Fälle nicht mehr durch Muskelkraft gelöst, sondern mit Ausdauer und Kombinationsgabe." Es hörte sich besser an, als er sich fühlte. Schließlich arbeitete er gerade einmal ein halbes Jahr in diesem Beruf.
Dann erzählte Frau Lotze ihre Geschichte. Alles hörte sich genauso an wie im Büro von Herrn Finke. Auch der Name der Hundesitter-Firma war der gleiche: Dogsitter GmbH. Mardo hatte eine Idee. Womöglich konnte er sich die Mühe sparen, sämtliche Tierheime abzuklappern oder ziellos durch die Parks zu streifen.



Mardo hatte einen alten Reisigbesen in der Hand und fegte ein wenig in seinem Büro. Das Fegen diente in erster Linie seiner Entspannung, weniger der Bodenpflege oder der optischen Aufwertung seiner Rumpelkammer. Ein Mann und sein Besen. Er erinnerte sich, wie er den Besen bei einem Trödler in Moabit erstanden hatte, dann klingelte endlich das Telefon.
"Hier Max Lotze. Werde das Geld jetzt deponieren."
"Verstanden." Mardo legte auf.
Wenig später kauerte er hinter der Hecke eines grauen Wohnwürfels im Innenhof zwischen Swinemünder und Graunstrasse. Zunächst hastete Max Lotze in einem dunkelblauen Mantel vorüber, er legte ein Päckchen in die Mülltonne an die Rückseite der St. Afra-Kirche und verschwand wieder. Fünfzehn Minuten später trat ein fremder Mann in den Hof und blickte sich um. Mardo duckte sich, so tief er konnte, und hielt die Luft an. Dann spähte er hervor. Er sah den Mann gerade noch im hinteren Teil des Hofes verschwinden. Er trug eine tiefhängende Jeans im "Heavy-used-Look mit hippen Crincle-Effekten" (Quelle-Katalog, S. 509), dazu eine rote Daunenjacke. Mardo verließ die Deckung und folgte dem Erpresser. Doch als er die Graunstrasse erreicht hatte, war der Mann verschwunden. Mardo rannte in Richtung Gleimtunnel, aber es war zu spät. Er hatte es bei der Geldübergabe einfach vermasselt.



Eine Stunde später saß Mardo saß am Küchentisch und schnitt eine Salatgurke in hauchdünne Scheiben, während Mary am Herd stand, in einem Topf herum rührte und gleichzeitig konzentriert in ein Kochbuch blickte. Er sah ihr gerne zu. Ihr Anblick hatte etwas Beruhigendes, so als blickte man in eine Lavalampe. Und Ruhe brauchte er in diesem Augenblick. Er lebte seit zwei Jahren mit seiner Freundin zusammen. Mary hieß mit vollem Namen Maritima Eternity Wurstwasser, aber sie mochte ihren Namen nicht. Vielleicht würde eines Tages einfach ‚Mary Mardo‘ in ihrem Personalausweis stehen, mehr nicht, das würde reichen. Sie arbeitete als Verkäuferin im Gesundbrunnencenter und studierte Englisch und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität. Mardo schaute sie immer noch an. Erst als die kalte Messerklinge knapp an seinen Fingerkuppen entlang schnitt, widmete er seine Aufmerksamkeit wieder der Gurke. Nach dem Essen würde er ihr alles in Ruhe erklären. Auf dem Fensterbrett stand immer noch der Blumentopf, in den er einen Orangenkern gepflanzt hat. Inzwischen lugte ein zarter Keimling aus der dunklen Erde hervor.



In der Nacht bekam er seine zweite Chance. Lotzes wohnten in Schlachtensee, in der Terrassenstraße, einer noblen und zu dieser Uhrzeit unbelebten Wohngegend. Sie saßen etwa fünfzig Meter von Lotzes Villa entfernt in Marys altem Toyota. Mary hatte nichts gegen einen kleinen konspirativen Einsatz, schließlich mussten Verbrechen aufgedeckt und Rechnungen bezahlt werden. Sie hatte nach dem Abendessen einen starken Kaffee gekocht, dann waren sie losgefahren. Nun saßen sie zusammen im dunklen Wagen und warteten schweigend. Gegen zwei Uhr nachts hielt ein silberfarbener Kombi vor dem Haus der Lotzes, ein Rauhaardackel wurde auf die Straße gehoben und an einem Baum angeleint.
Der Kombi rollte am S-Bahn-Damm entlang zur Argentinischen Allee und bog dann links ab. Mary und Mardo folgten ihm in einigem Abstand. Sie waren verblüfft, welchen Weg der Kombi nahm, denn er führte sie direkt zurück zum Brunnenviertel. Clayallee, Hohenzollerndamm, die Strecke waren sie gerade erst selbst gefahren. Der Kombi hielt an der Brunnenstraße, eine Frau stieg aus. Mary fuhr weiter bis zur Rügener Straße, bog nach links ein und fuhr dann wieder links. Hier stiegen sie aus. Mardo wollte direkt zur Ramlerstraße laufen, Mary sollte zur Swinemünder Straße weitergehen und die Augen aufhalten.
Als Mardo von der Putbusser Straße in die Ramlerstraße einbog, sah er die Frau. Von dem silbernen Kombi keine Spur. Er folgte ihr, als sie in die Swindemünder Straße einbog. Sie kamen am Eingang zur Diesterweg-Oberschule vorbei, ein orangefarbener Bunker, der bei seinem Bau in den siebziger Jahren offenbar Zukunft und Moderne symbolisieren sollte, aber heute mit seinen schießschartenförmigen Fenstern nur verstörend und fremd wirkte. Kahles Gebüsch und knubbelige bunte Altglascontainer, zur Linken fleischfarbene Hochhäuser, die gar nicht zum fahlen Nachtlicht der winterlichen Straße passten. Er sah Mary, die ihm entgegen kam. Nur kein Risiko. Er rannte auf die fremde Frau zu und packte sie am Oberarm. Jetzt musste er den Überraschungsmoment nutzen, das hatte er in einem Ratgeber gelesen.
"Wo sind die tausend Euro?"
"Lassen Sie mich in Ruhe oder ich schreie um Hilfe."
"Wir haben Sie in der Terrassenstraße beobachtet und alles fotografiert", schwindelte Mardo mutig.
Mary stand inzwischen bei ihnen, die Erpresserin wusste, dass sie verloren hatte.



Wenig später saßen sie zu dritt im Wohnzimmer von Frau Olschowski. Das zerschlissene Sofa war voller Brandflecken, leere Jägermeister-Fläschchen lagen über den Tisch verstreut. Sie hatte Mary und Mardo alles gestanden. In Geldschwierigkeiten war sie bereits seit langem, die Schulden waren ihr einfach über den Kopf gewachsen. Als sie bei Dogsitter anfing, war sie auf die Idee gekommen, die reichen Hundebesitzer zu erpressen. Es war die siebte Entführung gewesen, insgesamt hatte sie bereits sieben tausend Euro erpresst. Mardo ließ sich das Geld zeigen. Es war in eine Plastiktüte gewickelt und tatsächlich noch komplett vorhanden. Offenbar wollte Frau Olschowski alle Schulden auf einmal begleichen – oder eine lange Reise machen. Er blickte Mary lange in die Augen, sie nickte.
"Frau Olschowski, wenn Sie mir versprechen, so etwas in Zukunft nicht mehr zu machen und mir das Geld geben, verzichte ich auf eine Anzeige. Das Geld gebe ich natürlich zurück." Nervös fuhr sie sich durch das strähnige kastanienbraune Haar, das ein breiter hellgrauer Scheitel zierte. Dann nickte sie auch.



Und so war es dann auch gekommen. Finke und Lotze bekamen ihr Geld wieder, Mardo erhielt von beiden ein großzügiges Honorar und der WWF durfte sich über eine milde Spende der wohlhabenden Berliner Bürgerschaft freuen. Zugleich hatte der Detektiv aus dem Brunnenviertel einen wertvollen Beitrag zur Entlastung von Polizei und Justiz geleistet.



Montag, 12. Januar 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 1


Das Telefonklingeln riss ihn aus tiefem Schlaf, obwohl es bereits früher Nachmittag war. Die ganze Nacht hatte er einen Mann, den seine Frau des Ehebruchs verdächtigte, auf seiner Tour durch diverse Berliner Clubs verfolgt. Aber es waren genau diese wirklichen und vermeintlichen Ehebrecher, die seine kleine Existenz als Privatdetektiv jeden Monat wie durch ein Wunder retteten. Doch diesmal lag der Fall anders. Eine Stunde später stand er vor einem dunkelroten Backsteinbau in der Swinemünder Straße, der mit seinen breiten Schornsteinen wie ein Ozeandampfer aussah.
Im dritten Stock öffnete ihm Viktor Schevtschenko eine rotverschmierte Tür. Mardo schätzte das Alter des kleinen Mannes auf Ende Fünfzig. Tiefe Furchen durchschnitten sein Gesicht von den Nasenflügeln über die Mundwinkel bis zum Kinn, sein graues Haar war kurz geschnitten. Er begrüßte Mardo und führte ihn ins Wohnzimmer.
"Setzen Sie sich doch."
Mardo versank in einem tiefem Polstersessel und schaute Schevtschenko über seine Kniescheiben hinweg an. "Was kann ich für Sie tun?"
"Ich werde bedroht. Ein russischer Landsmann erpresst mich. Falls ich nicht zahle, tötet er mich." Schevtschenkos Aussprache war voller harter Konsonanten und Zischlaute.
"Darf ich fragen, was Sie erpressbar macht?"
"Bitte? Ich verstehe nicht. Gut deutsch kann ich schlecht." Schevtschenko entblößte eine unregelmäßige Reihe elfenbeinfarbener Zähne.
"Was hat er gegen Sie in der Hand?" Mardo spürte, wie der Schmerz leise in seine unnatürlich gekrümmten Rückenwirbel kroch.
"Das ist nicht wichtig. Ich brauche nur ihren Schutz. Heute treffe ich ihn."
"Dann kann ich Ihnen nicht helfen." Mardo versuchte, sich aus dem Sessel zu erheben, scheiterte aber kläglich.
"Können Sie schweigen?" fragte Schevtschenko.
"Das gehört zu meinem Beruf."
"Gut, ich erzähle. Dieser Mann heißt Kropotkin. Wir waren zusammen in russischer Armee, Einsatz in Tschetschenien. Als unsere Einheit das Haus eines Clan-Chefs gestürmt hat, haben wir ein paar Goldbarren gefunden. Wir haben beschlossen, sie für uns zu behalten. Um dieses Gold geht es."
"Wo sind die Barren jetzt?"
"Ich habe sie Stück für Stück umgerubelt. Bei den heutigen Goldpreisen war es ein glänzendes Geschäft. Das Geld liegt in einem Schließfach meiner Bank."
"Sie haben also Ihre Kameraden um ihren Anteil betrogen, sehe ich das richtig?"
"Ich habe niemand betrogen", Schevtschenko war wie eine Sprungfeder aus seinem Sessel hochgeschnellt. Das musste die jahrelange Übung sein. "Kropotkin war in vielen Dingen nicht ehrlich zu mir. Das ist mein gerechter Anteil an der Kriegsbeute. Das alles ist lange her, jetzt kommt dieser Mann aus Russland hierher."
Er ging zu einem Tischchen hinüber. "Hören Sie!" Er spielte das Band seines Anrufbeantworters ab, Mardo verstand kein Wort. "Du wirst zahlen, Freundchen, oder du wirst deine Schneidezähne vom Asphalt aufsammeln," übersetzte Schevtschenko. "Ich weiß, wo du wohnst. Ich kenne deine Frau und deinen Stiefsohn."
Er bewegte sich wie ein UFA-Star aus der Phase des expressionistischen Stummfilms, als er weiter sprach. "Und unsere Tür hat er mit Blut beschmiert. In einer Stunde soll ich ihn treffen und ihm den Schließfachschlüssel geben." Schevtschenko holte einen Schlüssel hervor, der an einer Kette um seinen Hals hing.
Mardo hievte sich mühsam in eine senkrechte Position. "Ich werde im Hintergrund bleiben, wenn Sie ihn treffen."
Als er endlich aufgestanden war, um sich zu verabschieden, sah er durch die Milchglasscheibe des Wohnzimmers einen Schatten, der schnell verschwand.


Kurze Zeit darauf saß Mardo in einem kleinen Lokal in der Demminer Straße. "Die kleine Geldwäscherei" war ein Waschsalon, in dem zusätzlich klassische Berliner Arbeiterkost verabreicht wurde. Der Duft einer unlängst verspeisten Boulette mit Bratkartoffeln schwebte im Raum wie ein guter Geist. Seit seiner Geburt im Jahr 1981 wohnte Jan Mardo im Brunnenviertel, hier kannte er die Straßen und Gesichter. Bauern, Bomben und Bagger hatten in den vergangenen zweihundert Jahren jeden Quadratzentimeter des Viertels aufgewühlt und umgepflügt. Diese Erde wollte einfach nicht zur Ruhe kommen. Aber für Mardo zählte nur die Gegenwart, die Vergangenheit erschien ihm so klein wie in einem Autorückspiegel.
Schevtschenko saß ein paar Tische weiter am Fenster und hatte den Kaffee noch nicht angerührt, den er bestellt hatte. Wenig später betrat ein Mann das Lokal. Er war groß, hager und hatte Augenbrauen wie Hundebürsten. Wie Mardo es erwartet hatte, setzte sich der Mann zu Schevtschenko und sprach mit ihm. Das russische Gemurmel klang für Mardo wie ein Knurren.
Als Kropotkin wieder aufstand und das Lokal verließ, folgte Mardo ihm. Der Erpresser ging zur Brunnenstraße und bog dann nach Norden ab. Die beissende Kälte hatte alles Leben von der Straße vertrieben, es waren kaum Menschen unterwegs, so dass Mardo Abstand halten musste. Kropotkin lief über die Brücke am Gesundbrunnencenter vorbei zur Badstraße, unter ihnen kreischte die S-Bahn. Von einer Plakatwand grinste Oliver Pocher, die fleischgewordene Leugnung von Qualität im deutschen Fernsehen. Kropotkin blickte sich um, Mardo blieb an einer Würstchenbude stehen und betrachtete sich die Speisekarte. Kurz drauf verschwand der Russe in einem Hotel.
Mardo spazierte zurück zur "Geldwäscherei", unterwegs rief er die Rezeption des Hotels an und verlangte, Herrn Kropotkin zu sprechen. Man wollte ihn sofort durchstellen, Mardo drückte die Aus-Taste. Der Russe war tatsächlich unter seinem eigenen Namen abgestiegen, er schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein.
Schevtschenko wartete vor dem Lokal auf ihn.
"Er hat gedroht, mich zu töten. Was soll ich machen? Ich will nicht zur Polizei gehen. Ich kann nicht einfach verreisen, er wird meine Familie angreifen. Was soll ich tun?"
"Glauben Sie, Kropotkin macht ernst?" fragte Mardo.
"Vorhin hat mir Thomas erzählt, Kropotkin hätte ihn vor dem Haus bedroht."
"Wer ist Thomas?"
"Ich habe in Deutschland noch einmal geheiratet. Meine Frau heißt Mandy, sie hat einen Sohn aus erster Ehe, der bei uns wohnt. Thomas ist jetzt achtzehn Jahre alt."
"Gehen Sie erst einmal nach Hause. Lassen Sie uns später noch einmal telefonieren."


Später am Abend saß Mardo in seiner Küche und dachte nach. Auf dem Fensterbrett stand ein einsamer Blumentopf, den er nachdenklich anschaute. Er träumte von einem eigenen Orangenbaum, von dem er eines Tages eine Frucht pflücken wollte. Im Herbst hatte er darum einen Orangenkern in einen Blumentopf mit Erde gedrückt und begossen. Bisher war jedoch noch nichts passiert. Mardo griff zum Telefon.
"Herr Schevtschenko? Ich habe nachgedacht. Kropotkin weiß nicht, zu welchem Kurs Sie das Gold verkauft haben. Warum gehen Sie nicht morgen früh zu Ihrer Bank, deponieren die Hälfte des Geldes in einem anderen Schließfach und geben ihm den Schlüssel?"
Schevtschenko atmete schwer. "Ich will dieses Schwein nicht mehr sehen. Wenn ich keine Familie hätte, würde ich ihn mit meiner alten Makarow erschießen."
"Soll ich die Übergabe für Sie machen?"
"Ich überlege es mir." Schevtschenko legte auf.
Fünfzehn Minuten später klingelte Mardos Handy, es war Schevtschenko.
"Kropotkin hat angerufen. Er ist mit einer Übergabe einverstanden, aber er will Thomas als Boten. Ich soll den Jungen schicken, damit er sicher sein kann, dass ich keine Tricks mache. Morgen mittag um 13 Uhr soll die Übergabe im Humboldthain stattfinden. Aber ich werde das Leben des Jungen nicht auch noch riskieren. Ich werde die Wohnung nicht mehr verlassen. Soll die Ratte doch kommen!"
"Gut. Und ich werde an Kropotkin dran bleiben. Sicher ruft er wieder an, wenn er merkt, dass die Übergabe geplatzt ist."
In dieser Nacht wurde es in der Stadt nicht dunkel, fahlgelb wurde das Licht der Straßenlaternen und Reklametafeln von einer geschlossenen Wolkendecke zurückgeworfen.


Am nächsten Tag war Mardo bereits am Morgen vor Kropotkins Hotel. Er wollte sicher sein, dass er den Erpresser immer im Auge hatte. Er saß in einer Imbissbude gegenüber des Eingangs und trank bereits seine dritte Tasse Tee, als Kropotkin auf die Straße trat. In seiner rechten Hand trug er einen nutellabraunen Koffer. Mardo verabschiedete sich und folgte dem Russen. Kropotkin ging zum S-Bahnhof und stieg wenig später in einen Zug. Mardo betrat denselben Waggon und setzte sich, Kropotkin saß nur wenige Meter von ihm entfernt. Sein Gesicht war hinter einer Ausgabe von "Wostok" verborgen, einer russischen Zeitung, die in Berlin erschien. Mardo sah lange in seine Richtung, auf die Zeitung, die Hände, die schwarzglänzenden Lederschuhe. Plötzlich nahm der Epresser die Zeitung herunter und blickte Mardo scharf an. Mardo sah schnell in eine andere Richtung und studierte eine Weile den Fahrplan, der an der Decke des Waggons klebte. Am Bahnhof Neukölln verließ Kropotkin den Zug und stieg in die S-Bahn zum Flughafen Schönefeld. Was wollte er hier? In zwei Stunden sollte die Übergabe des Schließfachschlüssels im Humboldthain stattfinden.
Die automatische Tür des Flughafengebäudes öffnete sich vor Mardo, er sah Kropotkin, wie er bewegungslos auf einer Rolltreppe zum Abflug-Terminal hinaufschwebte. Der Russe stellte sich am Schalter von Ryanair an, Mardo stand an den riesigen Scheiben der Flughalle und sah in den trostlosen Tag hinaus. Berlin konnte im Winter so hässlich sein, dass manche Bewohner bis tief in den Sommer hinein traumatisiert waren. Mardo liebte seine Stadt nicht, er hatte vielmehr den nüchternen Blick eines langjährigen Ehegatten.
Er schaute wieder zu Kropotkin, der nun am Schalter seinen Ausweis vorzeigte. Wenig später hatte er die Sicherheitskontrolle passiert und war aus seinem Blickfeld verschwunden. Der Monitor über dem Schalter verriet ihm, dass Kropotkin nach Hahn im Hunsrück wollte. Das lag über sechshundert Kilometer von Berlin entfernt. Was wollte er dort? Würde er auch einen Vertreter zur Übergabe schicken? Oder sollte das nur eine Finte sein? Hatte er Mardo bemerkt und wollte ihn abschütteln?
Der Detektiv ging zu einem Angestellten am Eingang zur Sicherheitskontrolle hinüber, zückte seinen Ausweis und fragte: "Kann ein Fluggast eigentlich durch einen anderen Ausgang die Abflughalle wieder verlassen?"
Der dunkelblau uniformierte Mann betrachtete das eingeschweißte Stück Karton, das Mardo als Privatdetektiv auswies, grinste und sagte nur: "Verschwinden Sie!"


Als er gegen zwölf Uhr vor Schevtschenkos Haus erschien, war alles voller Lärm und Blaulicht. Er holte sein Handy hervor und wählte die Nummer seines Klienten, aber niemand hob ab. Mardo war ratlos und ging in sein Büro, ein kleines Ladenlokal in der Ramlerstraße, das er gemeinsam mit einer Kulturinitiative angemietet hatte. Geldmangel führt bisweilen zu den seltsamsten Koalitionen. Dreizehn Uhr. Nichts passierte. Vierzehn, fünfzehn Uhr. Er trommelte nervös auf der Tischplatte. Was war geschehen? Hatte Kropotkin seine Drohung wahr gemacht? Hatte Schevtschenko auf Kropotkin geschossen? Oder hatten der Rettungswagen und das Polizeifahrzeug gar nichts mit seinem Fall zu tun? Vielleicht war Schevtschenko auch einfach nur unterwegs. War er auf der Bank gewesen? Oder hatte er doch die Flucht ergriffen, um seine Familie aus der Schusslinie zu bringen? Mardo tappte völlig im Dunkeln.
Um sechzehn Uhr klingelte sein Handy. Es war die Kriminalpolizei, genauer gesagt das LKA 1. Schevtschenko lebte nicht mehr, man hatte ihn erschossen.
Mardo hatte im wöchentlich erscheinenden Brunnenecho eine Annonce geschaltet: "Detektei Mardo & Co. Bietet Ihnen Dienstleistungen aller Art im Bereich Informationsbeschaffung und Personenschutz." Er war der einzige Mitarbeiter seiner Detektei, deren Gründung er einem Gespräch zum Thema Ich-AG mit seiner "Fall-Managerin" im "Job-Center" vor einigen Jahren verdankte. Hätte er gewusst, dass ihm diese Entscheidung eines Tages den Besuch der Kriminalpolizei bescheren würde, hätte er doch lieber ein Nagel-Studio eröffnet.
"Sind Sie Jan Mardo?"
"Ja", antwortete Mardo und bot den beiden Männern mit einer knappen Geste Stühle an.
"Leber ist mein Name, das ist der Kollege Schöller." Seriös aussehende Scheckkarten wurden kurz hochgehalten, die Dienstausweise der Kriminalbeamten. "Wir haben Ihre Visitenkarte in der Brieftasche von Herrn Schevtschenko, wohnhaft Swindemünder Straße, gefunden. Herr Schevtschenko hat in jüngster Zeit mehrfach mit ihnen telefoniert, das haben wir überprüft. Was können Sie uns zu dem Fall sagen?" Lebers Geheimratsecken zogen sich bis zum Hinterkopf, seine Stirn hatte er in beeindruckende Falten gelegt.
Mardo sagte viel. Er sagte alles, was er wusste.
Leber machte sich Notizen. "Wir haben bei Schevtschenko keinen Schlüssel und keine Kette gefunden. Außerdem scheint Thomas Weißmüller verschwunden zu sein, der Stiefsohn des Ermordeten. Er ist bis jetzt nicht zu Hause erschienen und in der Diesterweg-Oberschule ist er heute auch nicht aufgetaucht. Jedenfalls werden wir gleich mal eine Fahndung nach diesem Kropotkin einleiten und die Kollegen in Rheinland-Pfalz informieren."
Das Telefon des Kommissars klingelte. Er brummte eine Weile in das winzige Gerät, das in seiner fleischigen Hand fast verschwande. Offensichtlich hörte er einen langen Geschichte zu. Dann drückte er die Aus-Taste und sah Mardo ernst an.
"Ich denke, der Fall ist gelöst."
"Was ist denn passiert?"
"Die Bahnpolizei hat Thomas Weißmüller in Hannover aus dem ICE gefischt. Er wollte auf der Fahrt ein Fleischkäsebrötchen und eine Cola mit einem Fünfhundert-Euro-Schein bezahlen und machte einen ziemlich nervösen Eindruck. Man hat vierzigtausend Euro in bar bei ihm gefunden. Ziemlich ungewöhnlich für einen Schüler."


Am darauffolgenden Tag erschien Mardo in der Keithstraße, dem Hauptquartier des LKA 1, um sein Vernehmungsprotokoll zu unterzeichnen. Der Kommissar machte einen gut gelaunten Eindruck auf ihn, Leber hatte diesen Fall schnell zu den Akten legen können und war in Plauderlaune.
"Setzen Sie sich, Herr Mardo. Weißmüller hat inzwischen alles gestanden und macht gerade einen kleinen Ausflug nach Moabit."
"War er der Mörder?"
"Ja. Er sagte, er hätte seinen Stiefvater und Sie belauscht. Als Kropotkin ihn bedrohte, bot er ihm eiskalt ein Geschäft an. Kropotkin solle einfach ihn für die Übergabe vorschlagen, dann könnten sie das Geld teilen. Kropotkin hat daraufhin die Stadt verlassen, um sich ein Alibi zu verschaffen. Der Verdacht wäre natürlich auf ihn gefallen, denn für seine Erpressungsversuche gab es genug Beweise. Er hätte die Polizei eine Weile mit seiner Flucht beschäftigt, aber man hätte nichts gegen ihn in der Hand gehabt. Weißmüller sollte das Geld abholen, in Koblenz wollten sie sich treffen. Alle würden Kropotkin suchen, er selbst würde als vermeintliches Opfer eines Kapitalverbrechens lediglich als vermisst gelten. Da er volljährig ist, wird einer Vermisstenanzeige gewöhnlich erst nach ein paar Tagen nachgegangen."
"Aber dann kam alles anders, wie ich annehme."
"Richtig." Der Kommissar nickte. "Weißmüller hat seinen Vater mit dessen alter Dienstwaffe erschossen, hat den Schlüssel genommen und das Bankschließfach geplündert. Er hat nie vorgehabt, mit Kropotkin zu teilen und war gerade auf dem Weg nach Amsterdam, als man ihn aufgriff."
"Warum hat er dann seinen Stiefvater erschossen? Der Plan klingt doch sehr gut."
"Ganz einfach: Schevtschenko liebte Thomas Weißmüller wie einen eigenen Sohn und wollte ihn nicht gefährden. Damit hat er den Plan ruiniert. Weißmüller wusste, wo Schevtschenko seine Waffe versteckt hatte und erschoss ihn, um an den Schlüssel zu kommen. Der Rest ist bekannt."
Als Mardo wieder in seinem Büro saß, schaute er sich lange die beiden Fünfzig-Euro-Scheine in seiner Brieftasche an, die er von Schevtschenko als Vorschuss auf sein Honorar bekommen hatte. Viel hatte er nicht dafür tun müssen, aber eines hatte er gelernt: Der Krieg ist überall, und er endet nie.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Das ist dein Leben, Schnalle


"Lauf, Schnalle!" brüllt Trainer Hacke über den Platz. Schnalle rennt, es ist kalt und jeder Atemzug sticht in der Lunge. Der Ball ist längst wieder fort. Schnalle: ein Leben in der C-Jugend. Warum spielt man überhaupt an so einem lausigen, regnerischen und kalten Sonntag Fußball? Aber in der D- und in der E-Jugend ist es schließlich genauso gewesen. Und auch heute gibt es nichts zu gewinnen.
"Mach de Oogen uff, Schnalle!"
Später wird er nach Hause kommen, seine Mutter wird ihm das Essen aufwärmen und über das schmutzige Trikot schimpfen. Vater, wie immer mit Bierflasche, fragt wieder, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden: "Und? Schon wieder verloren?" Dann das heiße Bad. Er würde noch ein bißchen Musik hören, Heavy Metal – aber auf Zimmerlautstärke.
"Schnalle! Hintermann!"
Und wenn es dunkel wird im Brunnenviertel, liest er vielleicht noch die neue Bravo oder sieht ein bißchen fern. Morgen die ersten zwei Stunden Mathe. Mensch, Schnalle, und in der B-Jugend wird es genauso sein. Bis du eines Tages mit der Bierflasche am Spielfeldrand stehst und den Anderen zuschaust. Das Leben ist zu kurz, um sich darüber zu ärgern.
"Schnalle! Geh druff!"