Montag, 28. Juni 2021

Kluge Frauen

 

Am Sonntag habe ich mit einer Freundin in Hamburg telefoniert. Nach unserem Gespräch habe ich noch ein paar Takte mit ihrer Tochter geredet, die gerade ihr Abitur bestanden hat, und habe ihr gratuliert. Am 27. September wird sie volljährig und damit wahlberechtigt. Am 26. September sind bekanntlich Bundestagswahlen. Um 18 Uhr schließen die Wahllokale, sechs Stunden später hätte sie wählen dürfen. Also biete ich ihr an, ihr meine Briefwahlunterlagen zu schicken, damit sie trotzdem ihre Stimme abgeben kann. Ich selbst habe sowieso keine Lust auf die Wahl. Und was antwortet sie mir? Anfangs hätte sie sich schon geärgert, dass sie nicht mitmachen könne. Aber sie wüsste auch gar nicht, was sie wählen sollte. Keine Partei gefällt ihr, bei keinem Politiker würde sie ihr Kreuz machen. Sie hat sich für mein Angebot bedankt und abgelehnt. Für diese Erkenntnis habe ich Jahrzehnte gebraucht. Sie ist mit 17 schon so weit wie der Politikwissenschaftler mit 45 (letzte ernsthafte Wahl: 2011 die Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus). Sie ist die klügste Frau, die ich je getroffen habe. Das Abi hat sie übrigens mit 1,4 bestanden, alle schriftlichen Prüfungen, darunter Mathe, mit Top-Noten (14, 14, 13 Punkte; die mündliche Prüfung in Philosophie mit 12 Punkten). Es gibt noch Hoffnung für die Menschheit.

Samstag, 26. Juni 2021

Raubvogelsilhouettenaufkleber


Blogstuff 608

„Fußball ist nicht das Thema derer, die das Morgen gestalten.“ (Max Goldt)

Früher gab es im Hotelzimmer immer Hotelbriefpapier. Entweder lag es in einer Kunstledermappe auf dem Schreibtisch oder man fand es in der Schublade. Briefumschläge mit aufgedruckter Hotelabsenderadresse gab es auch. Dann setzte man sich abends an den Schreibtisch und verfasste einen Brief an die Familie oder Freunde in der Heimat. Aber mit dem Briefeschreiben verschwand auch das Hotelbriefpapier.

Die letzten handschriftlichen Zeilen, die ich aus dem Urlaub schrieb, waren vier Ansichtskarten, die ich in einem Hotel in Shanghai an der Rezeption abgegeben habe. Ich gab der Chinesin das Geld für das Porto und sie versprach mir, die Karten abzuschicken. Sie sind nie angekommen. Da kann ich nur sagen: gelbe Karte, China!

Die rote Karte gab es vor einigen Tagen für mein Lenovo-Notebook, das endgültig den Geist aufgegeben hat. Im Februar 2019 hatte ich es für 300 € bei notebooksbilliger.de gekauft, im Dezember war es schon kaputt. Ich schickte das Gerät ein und bekam es erst sieben Wochen später repariert zurück. Von Januar 2020 bis Juni 2021 funktionierte es noch, jetzt kann ich es wegschmeißen. Mein erstes und letztes chinesisches Notebook.

Vorher hatte ich immer japanische Rechner (Sony Vaio, Toshiba, Fujitsu). Aktuell schreibe ich auf einem 350€-Teil von HP. Es ist jetzt eineinhalb Jahre alt und seit Monaten zickt die Leerzeichentaste. Nicht oft, aber es nervt. Ausgerechnet die größte Taste. Die Amis sind bei mir also auch unten durch.

Ebenfalls aus der Mode gekommen sind Raubvogelsilhouettenaufkleber, die es früher immer an öffentlichen Gebäuden gegeben hat. Ich erinnere mich, wie eine Taube gegen das große Fenster unseres Kindergartens geflogen war, als ich fünf Jahre alt war. Sie hatte sich das Genick gebrochen. Wir haben sie alle gesehen, bevor die Kindergärtnerin das tote Tier fortgetragen hat. Am nächsten Tag hatten wir zwei Raubvogelsilhouettenaufkleber an der Scheibe.

Ich freue mich ja immer, wenn ich meinen Wortschatz erweitern kann. Wohlan, hier kommt die Rautavistik. Es ist eine Form der Performance-Kunst, lese ich bei Wikipedia, deren Handlungen keinen Sinn ergeben und keinen Nutzen haben. Etwa so, wie wenn ich meinen Blogstuff in aller Öffentlichkeit auf einem Marktplatz schreiben würde und zwei Praktikanten schlagen sich in langsamem Rhythmus Telefonbücher auf den Schädel. „Bei der Ausführung, Erstellung oder Benutzung sinnfreier Dinge, Gegenstände oder auch einfach nur Gespräche steht für den Rautavisten der Spaß im Mittelpunkt. Dieses muss aber immer bewusst, das heißt also für den Ausführenden mit Wissen um die Sinnfreiheit, geschehen, damit es rautavistisch ist.“ Das Publikum wird bei solchen Aktionen komplett ignoriert.

All Day And All Of The Night - The Kinks 1964 {Stereo} - YouTube

 

Freitag, 25. Juni 2021

Sterben mit Sören

 

Ich stelle mir vor, ich wäre ein alter Mann und es sei endlich Zeit zu sterben. Leute mit Nahtoderfahrungen sagen ja immer, es ginge dabei total friedlich zu. Entspannt. Also wenn man nicht gerade von den Taliban geköpft wird. Der Körper schüttet Glückshormone aus. Es ist ein langsamer, schöner Übergang in eine andere Welt. Ich stelle mir vor, ich hätte auf diesem Weg einen Sterbebegleiter. Nur ich kann ihn sehen und hören. In Wirklichkeit bin ich allein und liege auf dem Sterbebett. Dieser Begleiter ist aber extrem unsympathisch und eine echte Nervensäge. Er heißt Sören.

Sören: Gehe ins Licht.

Ich: Ich gehe schon seit einer Viertelstunde ins Licht. Kannst du nicht was Bedeutungsvolles sagen?

Sören: Was willst du denn hören?

Ich: Woher soll ich das wissen? Du bist doch der professionelle Sterbebegleiter.

Sören: Na gut. Wie wär’s damit: Eine Tür schließt sich und eine Tür öffnet sich.

Ich: So ein Quatsch. Hier sind doch überhaupt keine Türen.

Sören: Fühlst du dich gut? Du wirkst ein bisschen aggressiv.

Ich: Ich hatte es mir anders vorgestellt. Feierlicher.

Sören: Du könntest dich an die schönsten Augenblicke deiner Kindheit erinnern.

Ich: Zu meiner Zeit gab’s an Weihnachten noch lange Unterhosen und selbstgestrickte Socken.

Sören: Aber es gab doch sicher wunderbare Erlebnisse in deinem Leben.

Ich: Das Golden Goal von Bierhoff 1996. Jägerschnitzel mit Pommes. Solche Sachen?

Sören: Es ist dein Weg. Deine Entscheidung.

Ich: Am liebsten würde ich wieder zurückgehen. Ich find’s doof hier. Man kommt dem Licht auch irgendwie nicht näher und mein Rücken tut mir weh.

Sören: Du kannst doch jetzt nicht stehenbleiben. Was meinst du, was mein Chef sagt! Du wirst doch im Jenseits erwartet.

Ich: Nee, im Ernst. Ich breche das jetzt ab.

Dann schlage ich die Augen auf. Ich bin am Leben. Ich stehe auf, nehme mir ein Eis am Stiel aus dem Kühlschrank und lebe noch zehn Jahre glücklich und zufrieden.

Take It as It Comes - YouTube

 

Mittwoch, 23. Juni 2021

Am Ende des Regenbogens wartet ein Haufen Schwätzer

 

Wer nach einem guten Beispiel sucht, das Identitätsdebatten die Realität nicht ändern werden, kann sich mit der aktuellen Frage befassen, ob die Münchner Allianz-Arena in Regenbogenfarben leuchten sollte oder nicht.

Wie in einem Brennglas zeigen uns die Beiträge in kommerziellen und sozialen Medien, wie semantische Problembearbeitung und Symbolpolitik funktionieren. Gegen Rassismus das Knie beugen, für LGBTQIA die Regenbogenfahne schwenken und fürs Klima schwebt ein Greenpeace-Aktivist ins Stadion. Damit haben wir die Probleme ja gelöst. Das wohlhabende Bildungsbürgertum und ihre verwöhnten Kinder klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Ein gutes Marketing steht immer am Anfang, den Rest erledigt die CDU/CSU.

Wen erreicht man mit diesem Pseudo-Aktivismus? Gibt es nach dem Kniefall ganzer Mannschaften auch nur einen Rassisten weniger? Müssen Schwule weniger Angst haben, wenn einen Abend lang ein Stadion in Regenbogenfarben beleuchtet wird? Rettet Greenpeace auf diese Weise die Umwelt und das Klima? Wer von euch denkt eigentlich an die Kinder, die Uiguren und die Behinderten? Sorry, kleiner Spaß. Passt gerade nicht ins Konzept der Woke People.

Und dann diese naive Aufregung über die UEFA! Gott, der Gerechte!! Da könnten die linken Identitätsschwurbler auch gleich auf die BILD und die AfD als Verbündete hoffen. Spätestens seit der Pandemie, als der Profi-Fußball exklusiv gerettet wurde, wissen wir, dass die UEFA zur Kapitalfraktion und damit zum Gegner gehört. Was erwartet ihr? Ihr habt doch wieder gekifft, oder? Die FIFA organisiert nächstes Jahr die WM in einer Diktatur, in der offen gezeigte Homosexualität mit fünf Jahren Gefängnis bestraft wird. Noch Fragen?

Richtig peinlich wird es, wenn eine Sängerin fordert, die Zuschauer sollten morgen in Regenbogen-Shirts ins Stadion kommen. Echt jetzt?! Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass beim Länderspiel Deutschland-Ungarn eine Mehrheit in schwarz-rot-gold gekleidet sein wird und eine Minderheit in rot-weiß-grün. Dazwischen stehen Polizei-Hundertschaften, die verhindern sollen, dass sich beide Gruppen die Köpfe einschlagen. Zero Tolerance auf allen Seiten. Aber vermutlich waren die ganzen geföhnten Susis aus dem Regenbogenbällebad noch nie in einem Fußballstadion. Sie könnten ja vor dem Spiel Flyer an die besoffenen Hooligans verteilen. Das wäre zumindest lehrreich.

And The Beat Goes On - The Whispers (Purple Disco Machine Remix) - YouTube

Dienstag, 22. Juni 2021

Die blinde Augenzeugin

 

Blogstuff 606

„Meine Auffassung von Terroristen ist schlicht, ob sie nun (…) ihre Terrorakte ‚links‘ oder ‚rechts‘ motivieren: Sie sind immer Zutreiber und manchmal bewusste Zuhälter der Reaktion.“ (Herbert Wehner)

Ich lese gerade die unbeschwert mäandernden Texte von Max Goldt aus den achtziger und neunziger Jahren. Was für Themen es damals gab. Das Problem zu früh erscheinender Gäste bei Partys oder Nass- vs. Trockenrasur.

Man kann bei dieser Affenhitze ja nur noch schlafen und lesen. Beim Mittagsschlaf nach erfolgreicher Goldt-Lektüre träumte ich, ich sei in einem Bergdorf. Der Schnee lag meterhoch, die Menschen hatten dicke Pelze an und fuhren mit Hunde- und Pferdeschlitten durch den Ort.

In meinem Arbeitszimmer hängt eine Landkarte, die ist so alt, da ist noch nicht einmal Amerika drauf. Okay, das war leicht übertrieben. Aber es gibt tatsächlich noch die DDR und die Sowjetunion. Erst kam die deutsche Einheit, dann zerfielen die Sowjetunion und Jugoslawien, danach ließen sich Tschechen und Slowaken scheiden und Montenegro und Kosovo spalteten sich von Serbien ab. Ich frage mich: Wo soll das hinführen? Ich kann mir doch nicht jedes Jahr eine neue Landkarte kaufen. Vielleicht steckt ja auch die Landkarten- und Globusindustrie hinter der ganzen Sache. Mit Sicherheit aber die Politiker. Denn jedes neue Land braucht neue Politiker und neue Parteien. Auf diese Weise sind in Europa Unmengen an Jobs entstanden, und zwar für Leute, die in anderen Berufszweigen keine Chance gehabt hätten.

Es ist inzwischen so heiß, dass ich mir das T-Shirt ausziehe, wenn ich vom kühlen Erdgeschoss ins heiße Obergeschoss gehe. Kann man sich gar nicht vorstellen, oder? Sollten Sie auch nicht.  

Begriffe wie Anstand und Ehre spielen in der CDU offenbar keine Rolle. Bereits in der dritten Legislaturperiode ist die Partei Steigbügelhalter für den schwäbischen Öko-Stalinisten Kretschmann. In Hessen gibt es eine schwarz-grüne Koalition, die einen arabischen Terroristen namens Tarek Al-Wazir zum Stellvertreter des Ministerpräsidenten gemacht hat. Und in Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass auch die Laschet-Regierung den Klima-Irren um Baerbock & Co. den roten (!) Teppich ausrollen wird.

Flipper, Clarence, Cheeta, Fury, Lassie, Skippy, Black Beauty, Snoopy, Garfield, Idefix, Donald Duck, Bugs Bunny, Kermit, Maja, Tom & Jerry, Godzilla, Donkey Kong, Benjamin Blümchen, Lurchi, Urmel, Bambi, Lupo, Schweinchen Dick, Speedy Gonzalez – meine Generation ist noch mit Tieren aufgewachsen.

A: Wir sind da.

B: Wo sind wir denn?

A: Keine Ahnung, aber hier ist es.

The Cramps- Goo goo muck - YouTube

Montag, 21. Juni 2021

Fünf Nächte


Im Schlafwagen des Nachtzugs von Berlin nach Paris. Über mir schläft ein fremder Mann. Es stört mich nicht, ich wache erst in Paris auf. Es ist früher Morgen. Ich schlendere vom Bahnhof durch die Straßen. Ruhig und konzentriert werden Tische herausgestellt, Lieferungen in Hauseingängen abgelegt und Rollläden hochgezogen. Ladenbesitzer, Kellnerinnen und Fahrer sind beschäftigt. Es gefällt mir, wie die Stadt den sonnigen Tag beginnt. Ich setze mich in ein Bistro und bestelle mir einen Café au Lait und einen Croque Monsieur.

Ich wache in meinem Zimmer auf. Damals habe ich noch bei meiner Mutter in Ingelheim gewohnt. Es ist Sonntagmorgen und die Nacht war lang. Nur mühsam kann ich die verklebten Augen öffnen und etwas erkennen. In meinem Lesesessel sitzt ein schlafender Mann. Er trägt nur Unterhosen. Es dauert eine Weile, bis ich ihn erkenne. Es ist Jimmy aus Sprendlingen. Hat es nicht mehr nach Hause geschafft. Offenbar lief in der Nacht seine Routine ab. Er hat sich einfach ausgezogen und ist eingeschlafen. Ich warte, bis er wach wird.

Wir treffen in San Francisco zwei Hobos vor dem Supermarkt. Sie haben Hausverbot und fragen, ob wir ihnen Wein mitbringen können. Das Geld geben sie uns mit. Sie wollen nicht betteln. Wir holen also Wein für alle und setzen uns auf eine Wiese. Irgendwann, es ist schon dunkel, nehmen sie uns mit in den Park, wo ihr Camp ist. Etwa zehn Hobos leben hier, der jüngste ist vielleicht achtzehn und nennt sich Kid. Wir sitzen am Lagerfeuer und kiffen. Die Nacht verbringen wir im Zelt eines älteren Hobos. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns. Auf einer Wiese laufen Rasensprenger und wir genießen das kühle Wasser. Dann gehen wir zum Haus des Paars zurück, bei denen wir eigentlich wohnen. Freunde von Freunden aus Berlin. Sie schütteln nur den Kopf und lachen.

Im Nachtzug von Nairobi nach Mombasa ist es wie in einem Agatha-Christie-Film. Wir sitzen in unserem Abteil und der livrierte Kellner läutet im Gang zum Abendessen. Im Speisewagen wird das Menü mit Silberbesteck serviert. Später wiegt uns der Rhythmus des Zuges in den Schlaf. Eine Woche später schlafen wir in einem Zelt. Massai Mara, der Nationalpark. Zwischen uns und den freilaufenden Löwen sind nur eine dünne Zeltwand, ein Lagerfeuer und hoffentlich ein Mensch, der wach bleibt.

Ein Boot auf dem Rio Negro. Es ist etwa acht Meter lang und es gibt nur eine Kajüte, in der unser Kapitän und seine Familie schläft. Der Rest des Boots ist überdacht, aber nach allen Seiten offen. Wir schlafen in Hängematten. Der Sound des Dschungels ist atemberaubend. Der deutsche Wald mag still sein. Am Amazonas gibt es ein niemals endendes Konzert der Vögel und Affen. Eigentlich ist es schade, dass ich irgendwann doch einschlafe.   

Helen Schneider & The Kicks - Hot summer nights 1982 - YouTube

Sonntag, 20. Juni 2021

Bonetti – der bereinigte Lebenslauf


1966 in der Babyklappe steckengeblieben

1967 – 1972: unvollständige Aneignung der Sprache und des aufrechten Gangs; Dreirad und Roller nur geschoben, nicht gefahren; 37 Legosteine verschluckt

1972 – 1985: Hauptschule, Abschluss mit der Note 3,9 (Koma cum laude)

1985 – 1987: JVA Gütersloh nach Trunkenheitsfahrt und anschließendem Amoklauf in einem Hundesalon

1987 – 1993: Pedell in der landwirtschaftlichen Fakultät der Uni Heidelberg

1993 – 1996: Prohibition in Kassel

1996 – 2008: diverse Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in mehreren Bundesländern; Alkoholismus

2008 – 2011: Kiesarbeiter im Wedding

2011 – heute: Vogelstimmenimitator in pfälzischen Gasthäusern

Carole King - It's Too Late (Official Audio) - YouTube