Mittwoch, 21. August 2019

Das Karma ist ein Lehrer, der keine Worte braucht

Prolog
Hamburg Hauptbahnhof, Montag, 17 Uhr. Ich habe eine Stunde Zeit, bis ich von einer Freundin abgeholt werde. Da ich nichts zu lesen habe und auch kein Smartphone besitze, setze ich mich auf eine Bank und beobachte die abfahrenden Regionalzüge während der Rush-Hour. Ich habe noch nie so viele Menschen rennen sehen. Mehr als die Hälfte der Leute spurtet mit der Aktentasche in der Hand an mir vorbei. Ein Mann um die fünfzig im grauen Dreiteiler sprintet zu einem Zug, bleibt eine Minute unschlüssig vor der Tür stehen und steigt schließlich ein. Einige Minuten später – die Züge halten tatsächlich sehr lange, so dass die Hetzerei völlig sinnlos erscheint – springt er wieder hinaus und rennt zu einem anderen Zug. Ich würde mir gerne seine Geschichten anhören, aber ich kann ihn natürlich nicht fragen. Hier spricht niemand. Hier rennt man schweigend.
Hamburg Hauptbahnhof, Dienstag, 8 Uhr. Wieder Rush-Hour. Niemand rennt. Auf dem Weg zur Arbeit hat es keiner eilig.

Erster Akt
Der ICE von Hamburg nach Frankfurt hat bereits bei Abfahrt 22 Minuten Verspätung. Ich bleibe gelassen. Heute muss ich nur noch in Schweppenhausen ankommen. Nichts weiter. Dann verpasse ich eben den Anschlusszug in Frankfurt. Was soll’s? Dann hole ich mir vielleicht noch eine Currywurst. Positiv denken. Das sind doch Petitessen.
In Hannover haben wir nur noch 16 Minuten Rückstand. Der Anschlusszug kommt plötzlich wieder in Reichweite. Hoffnung keimt auf, diese zutiefst menschliche und doch oft vergebliche Regung.
Dann die Durchsage: Ist ein Arzt im Zug? Notfall in Wagen 5. Soll ich den Duke spielen und aufstehen? Ich habe immerhin einen Doktortitel. Mich eine halbe Stunde ins Bistro setzen und dann mit blasiertem Blick auf meinen Platz zurückkehren?
In Göttingen wartet schon das Notarztteam. Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit, wie es im Bahnjargon heißt. Aber es kommt noch schlimmer.
Meine Nemesis steht plötzlich vor mir.
Eine kleine alte Hexe in geschmacklosen Sommerklamotten. Fettiges Haar und nur noch einen einzigen, gigantisch langen Zahn im Unterkiefer.
Sie fragt nicht: „Ist hier noch frei?“ Sie sagt: „Das muss hier weg!“
Hastig nehme ich meinen Rucksack vom Gangplatz und werfe ihn auf die Gepäckablage.
Wortlos setzt sie sich neben mich. Umständlich kramt sie ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und wischt sich stöhnend den Schweiß von der Stirn. Sterbender Schwan nix dagegen. Dann zieht sie sich umständlich die Jacke aus. Im Sitzen. Obwohl ich mich schon an die Scheibe gepresst habe, rammt sie mir mehrfach den Ellenbogen in die Seite.
Kurze Zeit später kommt der Getränkefritze.
„Bleiben Sie hier!“ schnauzt sie den jungen Mann an. „Kaffee!“
Die Suche nach dem Portemonnaie beginnt. Ellenbogen. Immer und immer wieder. „Ich werde doch noch drei Euro für einen Kaffee haben“, klagt sie. Ihre Jacke rutscht von ihrem Schoß.
Sie nimmt die Jacke und knallt sie mir vor die Brust. „Sie nehmen das jetzt mal“, faucht sie mich an.
Der Getränkemann und ich sehen uns nur an. Deutsche Rentner. Tickende Zeitbomben. Warum kann nicht ein freundlicher Islamist mit seinem Sprengstoffgürtel neben mir sitzen?
Schließlich hat sie ihren Kaffee. Selbstverständlich hat sie sich noch über die Wucherpreise beschwert. Trotzdem kramt sie immer noch in ihrem Rucksack. Ich sehe schon den siedend heißen Kaffee in meinem Genitalbereich. Stattdessen Ellbogen. Es hört nicht auf.
Sie fummelt eine zerfledderte Illustrierte aus dem Rucksack. „FREIZEIT SPASS“. Ellbogen. Dann geht die Suche nach der Brille los. Ellbogen. Und die Fahrkarte muss auch noch mal begutachtet werden. Ellbogen. Ich sehe, dass sie nach Stuttgart will. Von dort aus geht es noch weiter in irgendein schwäbisches Nest. Daher der Dialekt. Schwaben kenne ich ja aus Berlin. Man muss sie einfach gernhaben.
Das zahnlose Weib wird ruhiger. Inzwischen murmelt sie auch immer eine Entschuldigung, wenn sie mich anrempelt. Etwa alle zehn Sekunden. Jetzt fummelt sie wieder in ihrem Rucksack herum und zieht ein Bonbon aus der Nachkriegszeit hervor. Sie bietet es mir an. Ich schüttele stumm den Kopf. Kann nicht reden.
Ich muss meine gesamte dreißigjährige Ausbildung zum Zen-Buddhisten in die Waagschale werfen. Jetzt nicht austicken. Dann ist die Reise vorbei. Ich konzentriere mich im Geiste auf verbale und nonverbale Gewaltexzesse. Mein reichhaltiges Repertoire an Beleidigungen und Schimpfwörtern – im Stillen dekliniere ich es durch. Ich stelle mir vor, wie ich mit einem Vorschlaghammer einen Zimmermannsnagel durch ihre Stirn treibe – aber das könnte mir als Körperverletzung ausgelegt werden.
Schließlich ein erschöpftes Aufzucken religiöser und philosophischer Fragen:
Warum ich?
Wofür werde ich bestraft?
Was passiert als nächstes?

Intermezzo
Durchsage des Schaffners: Der Zug endet heute außerplanmäßig in Frankfurt. Unwetterschäden auf der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim. Reisende nach Stuttgart achten bitte auf weitere Durchsagen.

Zweiter Akt
Aus den Augenwinkeln sehe ich das Entsetzen in ihren Augen. Langsam verwandelt sich ihr Gesicht in eine Maske des Zorns. Äußerlich unbewegt drehe ich mich zum Fenster.
Innerer Reichsparteitag.
Jubelschreie aus hunderttausend Kehlen. Es ist ergreifend. Gänsehaut. Feuchte Augen.
Nächste Szene: Maracana-Stadion. Verlängerung gegen Argentinien. Ich mache das 1:0 und renne in die Fankurve.
Brülle meinen Jubel hinaus.
Die Fans drehen völlig durch. Rasten komplett aus. Ich sehe die Plakate. „Karma hat einen Namen: Deutsche Bahn“. „DB rulez“.
Die alte Vettel ist in Frankfurt gestrandet.
Ich schäme mich der Emotionen nicht, die mich in diesem Augenblick überwältigen, liebe Lesende. Die Schadenfreude ist maßlos, unbeschreiblich. Sie durchströmt mich wie Champagner.
Ich unterdrücke das unbändige Verlangen, gleich jetzt, wo sie neben mir sitzt, die Geschichte aufzuschreiben. Einfach das Notizbuch und den Stift aus meiner Jackentasche zu holen, um diesen Sturm aus Gefühlen und Gedanken für ewig festzuhalten.

Epilog
Endlich sind wir in Frankfurt. Ankunft auf Gleis 7. In Gedanken bin ich schon bei den Anschlusszügen und meiner triumphalen Ankunft im Hunsrück.
Dann sehe ich die vielen Teddys. Die Kerzen, die Botschaften. Natürlich. Hier ist vor einigen Wochen ein kleiner Junge ermordet worden. Auf Gleis 7 vom einfahrenden Zug überrollt. Auf den Schienen, über die wir gerade in den Bahnhof gekommen sind, ist er gestorben. Es ist etwas ganz anderes, an dem Ort zu stehen, als ihn nur in der Tagesschau zu sehen. Tränen schießen mir in die Augen.
In einer Nanosekunde bin ich aus meiner erbärmlichen Eitelkeit gerissen. Gleis 7. Ausgerechnet. Halt dein ungewaschenes Maul, Bonetti. Beschwer dich nie wieder. Sei froh, dass du heute nach Hause kommst, du dämlicher Schwätzer. Das Karma hat mir eine Lektion in Demut erteilt.
Mit leerem Kopf sitze ich in der S-Bahn von Frankfurt nach Mainz. Mir gegenüber sitzen zwei junge Leute, die über ihre Arbeit am Kindertheater sprechen. Froschkönig. Sie drehen sich ihre Kippen für den Augenblick, in dem sie den Zug verlassen können.
Die letzten Kilometer nach Bingen stehe ich in einem uralten Intercity, dessen Wagen mit Menschen vollgestopft sind, weil zwei komplette Wagen für die Passagiere gesperrt sind. Begründung: das Licht geht nicht. Am helllichten Tag im August. Ist mir egal. Bahnwahnsinn. Habe ich heute seit acht Uhr morgens. Es ist halb vier.
Ich lehne vor der Toilette an der Wand, auf dem Boden vor mir eine arabische Mutter mit ihren drei kleinen Kindern. Sie haben Buntstifte und Papier ausgebreitet. Die beiden Mädchen malen mit Rosa und Lila irgendwelche engels- oder prinzessinnenähnliche Figuren, der größere Junge macht auf seinem Smartphone ein Spiel. Die Mutter fragt mich, ob sie die Sachen beiseite räumen soll, damit ich überhaupt an eine der Türen komme. Ich sage, sie soll die Kinder ruhig spielen lassen, und gehe durch die beiden altertümlichen Türen, die sich noch nicht automatisch öffnen lassen, in den nächsten Wagen. Wir verabschieden uns mit einem Lächeln. Es kann so einfach sein.
Bingen. Ich sehe den Rhein, die Weinberge. Ich bin wieder da. Glücklich, traurig. Um eine Lektion reicher.

Sonntag, 18. August 2019

Hör! Mir! Zu!

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchem Detailreichtum und welcher Ausdauer manche Menschen ihr bedeutungsloses Leben beschreiben können. Ein Abend mit einer Berufsschullehrerin namens Sieglinde Dingsbums und ihrem Mann, der sich mit der Rolle des Stichwortgebers zufrieden gibt: Zunächst geht es um die beiden Söhne. Es gibt nur einen Bereich, in dem der Narzissmus und das Eigenlob noch größer sind als im Beruf: die Familie. Die aktuelle Elterngeneration ist die beste aller Zeiten und ihre Kinder sind die tollsten, die es je gegeben hat. Schon klar. Bloß nix sagen. Widerstand ist zwecklos.
Sohn Nr. 1 studiert auf Lehramt. Er wohnt noch zu Hause, bekommt 400 € Taschengeld, seine Mutter macht ihm die Wäsche, aber er muss jede dritte Tankfüllung des Autos zahlen, das er mitbenutzt. Sohn Nr. 2 war gerade ein Jahr im Ausland und geht noch zur Schule. Sie hätte auch über Blattspinat sprechen können. Niemand interessiert sich für die langweiligen Kinder anderer Leute.
Aber man hat den Eindruck, hier spricht Heidi Klum über ihr Privatleben und ganz Deutschland hat auf diese Enthüllungen gewartet. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass meine Eltern in solcher Ausführlichkeit über mich und meine Schwester gesprochen hätten. Den Kindern geht’s gut. Punkt. Nächstes Thema. Sieglinde hat nach den Kindern allerdings noch ihren Beruf, den Rentenbescheid und ihren Garten zu bieten. Es nimmt kein Ende. Jeder Anruf bei irgendeiner Behörde wird im Wortlaut wiedergegeben.
Ein weiteres Thema sind natürlich die ausgedehnten Reisen des Ehepaars, das sich immer wieder an den Händen hält, während Sieglinde erzählt und ihr Mann gelegentlich eine kleine Arabesque anfügt, ohne zu merken, dass seine haarige Wampe seit einer Stunde vom Nabel bis zum äußerst südlich gelegenen Hosenbund freiliegt. Eine Aufzählung von Orten in aller Welt, ausnahmslos wunderschön, aber keine einzige Erzählung, kein Erlebnis, eine endlose Fahrt ohne Inhalt. Ich werde unfreiwillig Zeuge einer in ihrer Unglaubwürdigkeit geradezu absurden Harmonieshow, weil es eine Reise ohne Streit und ohne Regen nun einmal nicht gibt. Jedenfalls nicht über Jahrzehnte. Nebenbei bemerkt: Wer gibt im Jahr 2019 noch mit Kreuzfahrten und Langstreckenflügen an wie ein Sack Mücken?
Ich empfinde es regelrecht als Drohung, als Sieglinde bemerkt, sie hätte inzwischen ihre Fotos pro Reise auf siebzig „eingedampft“, wie sie es ausdrückt, damit die Präsentation beim Dia-Abend nicht so lange dauert. Solche Selbstdarsteller pumpen auch siebzig Bilder auf mehrere Stunden tödlich langweiliges Geschwafel auf. Niemand interessiert sich für drittklassige Fotografien und ein paar Anmerkungen zu Restaurants, in denen man selbst nie gewesen ist. Diese Erinnerungen haben nur für die Reisenden eine Bedeutung. Wurde deshalb nicht Instagram als Schutthalde und Endlager für solche Nullinformationen erfunden? Vor langer Zeit habe ich mal drei Stunden auf einem steinharten Holzstuhl in Kreuzberg gesessen und die Ägyptenreise einer Kulturhistorikerin überstehen müssen, Diakasten für Diakasten. Nie wieder!
Alle Gäste, die nicht Sieglinde heißen, sind still geworden. Die Smartphones werden gezückt, ich setze mich einfach mal zehn Minuten zwischendurch auf der Gästetoilette, um mich zu erholen. Sie stellt anderen Menschen keine Fragen, zeigt keinerlei Interesse und es ist mühsam, ihren Monolog zu unterbrechen. Wir sitzen stundenlang zusammen, aber sie will nicht wissen, wer ich bin, woher ich komme oder was ich mache. Sie saugt den ganzen Sommerabend in sich hinein wie ein schwarzes Loch. Nach und nach verabschieden sich an diesem Samstagabend die Gäste, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Aber selbst der Abschied von Sieglinde zieht sich auf quälende Weise in die Länge. Wieso kann sie nicht einfach „Auf Wiedersehen“ sagen und mich in die Nacht, in die Freiheit entlassen?
Ich verbuche den Abend unter der Rubrik „Studien zur Mikrosoziologie des Banalen“. Die humanitäre Katastrophe, dieser soziale Totalschaden ist in West-Berlin geboren und hat die Stadt eigentlich nie für längere Zeit verlassen. Nach zwei Monaten im Hunsrück komme ich in die große Stadt zurück und staune, wie unerträglich und penetrant die Hauptstadtmenschen in ihrer Eitelkeit sein können. Zum Glück kenne ich noch viele andere Exemplare. Sonst hätte ich nach einem Abend mit Sieglinde von Berlin für alle Zeiten die Schnauze voll.
P.S.: Und jetzt kommt noch mein persönliches Highlight. Sieglinde erzählt von einer Hochzeit, bei der sie neben Albrecht von Lucke gesessen hat. Dem berühmten Politologen, der auch regelmäßig in Talkshows eingeladen wird. Vermutlich will sie mit der Personalie angeben. Ich erwähne beiläufig, dass ich mit Albrecht in der Grundschule, im Gymnasium und im Handballverein (HSC Ingelheim) gewesen bin, was vermutlich über ein kurzes Gespräch bei einer Familienfeier hinausgeht. Trotzdem erklärt Sieglinde mir, dem ebenfalls promovierten Politologen, wer Albrecht eigentlich ist und welche Positionen er vertritt. Kannst du dir nicht ausdenken. Ich lasse es widerspruchslos über mich ergehen und schreibe eben hinterher darüber, liebe Freunde des gepflegten Wahnsinns.
David Gilmour - Raise My Rent. https://www.youtube.com/watch?v=IuqqyhNO0Dk

Freitag, 16. August 2019

Kein Platz den Hohenzollern

Überall in Deutschland erhebt der Faschismus sein hässliches Haupt. Die Feinde der Republik kommen aus ihren Löchern gekrochen und stellen unverschämte Forderungen. Die Reconquista ist in vollem Gange. Neben AfD, Werte-Union und Nazi-Organisationen jetzt also auch das Haus Hohenzollern. In der ganzen Stadt und im ganzen Land erheben sie haltlose Ansprüche.
Jetzt schlägt die Linksfraktion Charlottenburg-Wilmersdorf zurück. Der Hohenzollernplatz, nur wenige hundert Meter vom meiner Wohnung entfernt, soll umbenannt werden:
„Die Forderungen des ehemaligen Königshauses und seiner Sachwalter sind inakzeptabel und völlig maßlos. Die ganze Republik regt sich über den Gier-Adel auf. Keine Geschenke für die Hohenzollern!
Es ist historisch unbestritten, dass Teile der Familie den Aufstieg der Nationalsozialist*innen mitbereiteten. Auch die Errichtung von Kolonien in Afrika, der erste Völkermord der Geschichte sowie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit Millionen Toten lasten auf den Schultern des Deutschen Reiches unter Herrschaft der Hohenzollern. Der Reichtum der Hohenzollern ist durch die Untertan*innen finanziert worden. Nun sollen Staatsbürger*innen erneut zur Kasse gebeten werden. Die Forderungen der Hohenzollern zeigen die Realitätsferne, in der der einstige Adel immer noch lebt.
Keine Ehrung für Nazi-Schergen! Wir wollen den Hohenzollernplatz umbenennen, die BVG soll die entsprechende U-Bahn- und Busstation umbenennen. Mehr als 100 Jahre nach Ausrufung der Republik und dem Erkämpfen demokratischer Rechte gegen den Hohenzollern-Clan, muss ihre besondere Ehrung im öffentlichen Raum überwunden werden.
Neu benannt werden soll der Platz nach einer Frau, die sich in besonderem Maße um demokratische Werte, soziale Gerechtigkeit und die Republik verdient gemacht hat, die gegen die Hohenzollern durchgesetzt werden mussten.“
(Presseerklärung vom 15.8.2019)
Das geht mir nicht weit genug. Es gibt weitere Hohenzollernplätze in Lichtenrade, Nikolassee und Hermsdorf. Weiterhin gibt es den Hohenzollerndamm, den Hohenzollernring und vier Hohenzollernstraßen in Berlin. Von den ganzen Straßen und Plätzen, die nach einzelnen Kaisern und Kaiserinnen benannt sind, ganz zu schweigen. Neue Namen gibt es genug: Rosa Luxemburg hat bisher nur in Mitte einen Platz und eine Straße, Bertha von Suttner und Sophie Scholl fehlen völlig, Simone de Beauvoir und Rosa Parks wären achtbare Namen, aber auch Künstlerinnen wie Marlene Dietrich oder Hildegard Knef, die beiden aus Berlin sind, verdienen Respekt.
Jagen wir den Adel endlich aus der Stadt!

Dienstag, 13. August 2019

Männerprobleme

Einladung zum Essen. Ich soll was Süßes mitbringen. Den Nachtisch. Für zehn Personen! Was macht man da? Schließlich die Idee: ein Kuchen. Das Problem: Ich kann nicht backen. Habe ich noch nie und ich will es auch eigentlich gar nicht. Ich habe weder Schüsseln noch ein Rührgerät in meinem Single-Malt-Haushalt. Als Kind habe ich meiner Oma oft beim Backen zugeschaut. Also nicht wirklich zugeschaut, sondern nur darauf gewartet, bis ich endlich die Schüssel in die Finger gekriegt habe, um sie auszuschlecken. Wie soll ich die ganzen Geräte und die Zutaten beschaffen, ein Youtube-Fernstudium absolvieren, den Teig machen und eine Stunde vor dem Ofen sitzen, wenn ich nur noch zwei Stunden habe, bevor ich los muss?
Was mache ich jetzt? Internet. Suchmaschine. Ich gebe „Kuchen kaufen Berlin“ ein, um wenigstens einen Einstieg in die Recherche zu bekommen. Ich kann Ihnen sagen, da gibt es tolle Sachen. Regelrechte Tortenmanufakturen. Man kann sich sogar einen Kuchen liefern lassen. Dann müsste ich das Teil nicht von Wilmersdorf nach Pankow schleppen, U 9 bis Wedding und dann mit dem Bus 255 in Richtung Schwarzelfenweg. Bescheuerter Name. Das Problem ist: Ich hätte den Kuchen schon einen Tag vorher bestellen müssen. Ich muss aber in einer Stunde los - eben waren es noch zwei!
Höre ich an dieser Stelle ein Frauenlachen? Ich kann gerne mal ein Gurkenglas holen und dann sehen wir, wer hier Recht hat! Was mache ich jetzt? Ich kann doch nicht zwei Tafeln Schokolade oder eine Packung Ferrero-Küsschen auf den Tisch legen. Ich kann das ganze Drama hier nur stichwortartig wiedergeben. Schließlich fasse ich den Beschluss, beim Bäcker zehn Berliner zu kaufen, die hier Pfannkuchen heißen, und habe mich, angesichts der erschöpfenden Aktivitäten, noch mal kurz aufs Sofa gelegt.
Fuck! Ich muss eingeschlafen sein. Bin zu spät dran. Komme gerade noch rechtzeitig zum Essen. Habe natürlich gar nichts mitgebracht. Muss mich entschuldigen. Macht aber zum Glück nix, denn Susi, die mit ihrem Mann ebenfalls eingeladen ist, hat Brombeeren aus ihrem Garten mitgebracht. Sie werden von Mona, der Gastgeberin, auf eine köstliche Art überbacken, zu deren Beschreibung mir die Vokabeln fehlen, da ich von diesen Dingen immer noch keine Ahnung habe, und kommen nach dem leckeren Tex-Mex-Essen – für das wir alle Bill und Ted zu Dank verpflichtet sind – heiß auf den Tisch. Ich bin begeistert. Beim nächsten Mal bringe ich wieder eine Flasche Ouzo mit.
Figure Study – Wait. https://www.youtube.com/watch?v=xHVL0glwVYQ

Montag, 29. Juli 2019

Die Sehnsucht nach der Opferrolle


Es ist ein Phänomen, das sich seit Jahren epidemisch ausbreitet: Ich bin ein Opfer, ich werde verfolgt, ich brauche Hilfe und Solidarität. Steuerhinterzieher und andere Straftäter sehen sich als Opfer der Justiz. Nazi-Mörder und ihre Sympathisanten stellen sich als Opfer der Antifa und der drohenden „Umvolkung“ durch Migranten dar. Wer heute nicht aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung, seines geringen Einkommens oder seiner Religion diskriminiert wird, gehört zur bedauernswerten Restmenge der „alten, weißen Männer“.
In Deutschland gibt es Opfer, denen eine besondere Wertschätzung entgegengebracht wird. Die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen. Wenn diese Menschen sprechen, sollten wir schweigen und zuhören. Es ist das Mindeste, das man als Nachfahre von Nazis tun kann. Respekt und Anerkennung angesichts einer Schuld, die niemals abgetragen werden kann. Offen gegen die neuen Nazis in der AfD und gegen rechtsradikale Gruppierungen kämpfen.
Offenbar gibt es in einzelnen Fällen die Sehnsucht, in diese Opferrolle schlüpfen zu können. Sei es, um sich selbst aus der Masse der Durchschnittsbürger zu erheben, sei es, um sich das Mitleid und die Anteilnahme anderer Menschen zu erschleichen, sei es aus Karrieregründen. Ich denke an die Parteispendenaffäre der Ära Kohl in den neunziger Jahren, als die CDU Hessen unter Roland Koch Geld aus schwarzen Kassen als „jüdische Vermächtnisse“ deklarierte und jede Kritik empört von sich wies. Oder an Bruno Dössekker, der unter dem Namen Binjamin Wilkomirski eine fiktive Biographie als Holocaust-Überlebender veröffentlichte und aufgeflogen ist.
Jetzt hat auch die Blogger-Szene ihren Fall: Marie Sophie Hingst. Sie erfand eine jüdische Verwandtschaft, zu der auch angebliche Opfer des Holocaust zählten. Sie erzählte in ihrem Blog von ihrer Phantasie-Familie, hatte 240.000 Follower, wurde 2017 „Bloggerin des Jahres“ und war fortan mit Interviews und Gastartikeln auch in den großen Blättern vertreten. Sie hatte sogar die Chuzpe, 22 Opferbögen mit den Daten ihrer erfundenen Familie an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu schicken. Nebenbei betrieb sie angeblich auch noch eine Slumklinik in Indien, sie sah sich offenbar als eine mildtätige Nachfolgerin von Mutter Theresa.
Letzten Monat deckte der SPIEGEL den Betrug auf und entlarvte sie als Hochstaplerin. Die öffentliche Empörung traf sie wie ein Tsunami. Marie Sophie Hingst wurde vergangene Woche tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es wird angenommen, dass sie freiwillig ihr Leben beendet hat. Am Ende war sie tatsächlich ein Opfer. Ein Opfer der perfiden Phantasiewelt, in die sie sich verstrickt hatte, und ein Opfer des real existierenden Medienbetriebs.

Samstag, 27. Juli 2019

The Smiths

Der Bandname ist für jeden Nichtbriten eine Katastrophe. Ti-Äitsch – S – Ti-Äitsch –S. Innerhalb einer Sekunde fehlerfrei auszusprechen, wenn man sich nicht ewiger Verdammnis in Fankreisen sicher sein wollte. Zum Glück hatte ich ab der fünften Klasse eine echte Engländerin als Lehrerin, die uns am Gymnasium diese Feinheiten beigebracht hat.
1984 kam die erste LP der Gruppe raus. Ich bin eher zufällig an die Platte gekommen. Am Ingelheimer Bahnhof gab es zu jener Zeit einen kleinen Plattenladen, in dem ein adipöser Trinker aus meiner Stammkneipe seinen Jugendtraum wahrgemacht hatte. In den achtziger Jahren wollte man als junger Mensch entweder Musiker werden oder einen Plattenladen aufmachen. Die älteren Leser werden sich erinnern.
Dieser Laden, dessen Namen ich vergessen habe und der längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist, war etwa zwanzig Quadratmeter groß. Die Wände waren schwarz gestrichen und mit Ramones-Postern und anderem Schmuckwerk verziert. Am Vormittag assistierte die Großmutter des Pächters, dessen fettige schwarze Haare bis über beide Bierbrüste hingen, wenn ich ihn am Abend vorher an der Theke gesehen hatte.
Ich war zu jener Zeit ein begnadeter Ladendieb. Ich stahl nicht nur für die eigenen ästhetischen und intellektuellen Bedürfnisse in Buchhandlungen, bei diversen Herrenausstattern und im einzigen Plattenladen der Stadt. Oft war ich auch im Auftrag unterwegs. Im Plattenladen war es ganz besonders schwierig. Es ist die Königsdisziplin der Ladendiebs: du bist allein mit der Verkäuferin in einem winzigen Laden. Es gehören Mut, Timing, Glück und Talent zu jedem gelungenen Beutezug.
Die alte Frau und ich kannten uns. Wir sprachen miteinander. Gelegentlich schickte ich sie ins Lager, um nach einer bestimmten Bestellung zu sehen, die ich nie aufgegeben hatte. Aber meistens genügte meine präzise Beobachtungsgabe. Man darf nicht vergessen, dass der Diebstahl einer LP schwieriger ist als der Diebstahl einer CD oder der illegale Download in heutiger Zeit. Die LP ist sperrig. Zum Glück verfüge ich über einen breiten Rücken. Und so schob ich die Schallplatten, eigenen Bedarf und Auftragsarbeiten aus meinem Freundeskreis, unter meine Jeansjacke und knöpfte sie vorne zu, damit die Beute beim Verlassen des Ladens nicht herausrutschen konnte.
Das Debütalbum der Smiths habe ich einfach so geklaut. Mir war so danach. Ich hatte noch nie von ihnen gehört. Nach dem Beutezug in der Freistunde hatte ich Kunstunterricht. Die Platte legte ich auf meinen Tisch. Der Kunstlehrer sah sie, hob sie hoch und lobte die Ästhetik der Platte. Ein nackter Oberkörper eines jungen Mannes. Es war mir damals peinlich. Die Schönheit eines männlichen Körpers, mein Diebesgut vor aller Augen – und damals wusste ich ja noch nicht einmal, dass es sich hier um die Musik von Homosexuellen handelt.
Warum erzähle ich die Geschichte? Heute war ich zum ersten Mal auf dem CSD. Die Demo war nur 500 Meter von meiner Berliner Wohnung entfernt. Ich war total begeistert. So viel Phantasie in Sachen Kostüm, davon ist der rheinische Karneval weit entfernt. Blickfang waren die Drag Queens, auf die sich die Hobbyfotografen rudelweise stürzten. Kenne ich von Partys auf St. Pauli. Aber auch die bayrische Abordnung in Krachledernen und mit Gamsbart am Hut hat viel Applaus bekommen und die Leute aus Venezuela und vom Amazonas. Die Musik der Smiths und auch die Soloprojekte von Morrissey finde ich bis heute phantastisch und höre sie regelmäßig.
The Smiths - The Smiths (1984). https://www.youtube.com/watch?v=1fitMGZhulM