Dienstag, 29. Dezember 2015

Berliner Asche, Kapitel 5, Szene 2

Die Sonne ging feuerrot im Westen unter, als Fröbel, der oberlippenbärtige Anführer der Freien Kameradschaft Lichtenberg die Brückenstraße in Niederschöneweide überquerte. Er war allein, aber diese Gegend war fest in deutsch-nationaler Hand. Hier war die Welt noch in Ordnung: gepflegte Altbauten ohne Schmierereien an den Wänden, saubere Bürgersteige, deutsche Autos und deutsche Gesichter, dazwischen die gute alte Tram. Er war alleine mit der qietscheentchengelben Straßenbahn gekommen, weil er diese Sache ohne seine Jungs durchziehen wollte. Er hatte die Adresse von Hermann, der bewährten Tresenkraft aus dem „Braunauer Brauhaus“.
Er betrat einen sandfarbenen Altbau, dessen Stuckfassade man einst abgeschlagen hatte. Seine Erker ragten mit ihren großen Fenstern über den Bürgersteig. Im vierten Stock wohnte der Mann, dessen Hilfe er brauchte. An der Türklingel stand kein Name, Fröbel klöpfte dreimal kurz und dreimal lang wie verabredet.
Ein riesiger Typ, bestimmt zwei Meter groß, mit Doppelkinn und Dreifachnacken, öffnete die Tür.
„Du bist Fröbel, stimmt’s?“ fragte er. Mit einem rauen heiseren Lachen winkte er ihn in die Wohnung. Er hatte drittklassige, völlig verwaschene Tätowierungen auf beiden Unterarmen, vermutlich hatte er zu DDR-Zeiten im Knast gesessen und hatte sie selbst fabriziert. Eine davon war eine 18 für die Buchstaben AH.
Sie setzten sich in ein düsteres Zimmer, dessen Rollladen geschlossen war. Ein Sechserträger Bier stand auf dem Tisch. Der Mann öffnete zwei Flaschen mit einem Feuerzeug und reichte Fröbel eine davon.
„Du brauchst eine Waffe?“
„Ja.“
„Du bist mir als Kamerad beschrieben worden, auf den man sich verlassen kann.“
„Hundert Prozent. Blut und Ehre.“ Fröbel trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Heia Safari“, das an das deutsche Afrika-Korps im Zweiten Weltkrieg erinnerte.
„Frei – Sozial – National“ war die Aufschrift auf dem Bekenntnishemd des Riesen, weiße Frakturschrift auf schwarzem Grund.
„Willst es den linken Zecken zeigen, oder?“
„Genau. Der linken Brut muss eine Lektion erteilt werden“, antwortete Fröbel mit einem Grinsen. Von den Russen musste er ja nichts erzählen. Noch mal würde er dort nicht ohne richtige Waffen aufkreuzen, soviel war klar. Da mussten größere Geschütze aufgefahren werden.
Der Mann ging kurz aus dem Zimmer. Fröbel wartete, während im Hintergrund eine Waschmaschine ihrem Höhepunkt entgegen vibrierte. Er kam mit einer schwarzen Sporttasche zurück.
„Da hätten wir hier eine Beretta 92. Halbautomatik. Wird von der italienischen Polizei und der US Army genutzt. Fünfzehn Patronen im Magazin. Ersatzmagazin kann ich dir auch mitgeben. Kostet unter Freunden fünfhundert Euro.“
Er legte die Waffe auf den Wohnzimmertisch und nahm eine zweite Pistole aus der Tasche. „Dann habe ich noch eine CZ 75, tschechisches Modell. Sehr beliebt, wird inzwischen in der Türkei und in vielen anderen Ländern nachgebaut. Falls du die Spur der Bullen in eine andere Richtung lenken willst. Mit dieser Waffe schießen die Kanaken gerne um sich. Hat auch Kaliber 9 Millimeter. Sehr zuverlässige Waffe, sehr robust. Die lässt dich nicht im Stich.“
Fröbel kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Hast du nicht was Deutsches?“

Berliner Asche, Kapitel 5, Szene 3

Dimitri hatte ein flaches, breites Gesicht mit einer ebensolchen Nase, dazu verquollene Augen und Ohren. Einen durchtrainierten Körper, aber nicht die überzüchtete Form der Body-Builder. Die sehen immer so aus, als hätte man ihnen die Haut abgezogen: Muskeln, Sehnen und Adern liegen frei. Er war stark behaart, unglaublich stark behaart, eigentlich schon zugewuchert. Ins Schwimmbad ging er schon lange nicht mehr, da kleine Kinder oft vor Angst zu weinen begannen, wenn sie ihn sahen. Sein Kopf war fast vollständig kahl, es schien, als brauche sein Körper alle Kraft, um Brusthaare, Augenbrauen und ein beachtliches Fell auf den Handrücken wachsen zu lassen. Und da, wo andere Nasenhaare hatten, wuchs bei ihm ein regelrechter Stacheldrahtverhau. Er hatte einen breiten Bauernschädel mit tiefliegenden blauen Augen, ein kantiges, vorspringendes Kinn, heruntergezogene Mundwinkel, eine grobporige fleischige Nase. Sein Gesicht war so elefantenmäßig hässlich, er hätte sich jedem Wanderzirkus anschließen können. Außerdem war er ein Mensch von geradezu märchenhafter Blödheit. Er war noch nie der allerhellste Stern am Firmament gewesen. Und nach ein paar Gläsern Wodka arbeitete sein Gehirn mit der Geschwindigkeit einer Wanderdüne.
Erst als das zweite Projektil in seiner kugelsicheren Weste einschlug, bemerkte er die Gefahr. Er trat vom Geländer der Terrasse zurück und presste sich an die geschlossene Tür von Gruschenkos Penthouse. Er klopfte mit der rechten Faust gegen die Tür und rief nach Andrej.
Andrej öffnete die Tür und Dimitri ging zwei Schritte rückwärts in die Wohnung, bevor er sich umdrehte.
„Die schießen auf uns“, sagte er mit weit aufgerissenen Augen.
„Wer schießt auf uns?“ fragte Andrej.
Ein paar weitere Kugeln durchschlugen die Fensterscheiben, die krachend zerbarsten.
Andrej und Dimitri warfen sich hinter das Sofa.
Gruschenko saß zu diesem Zeitpunkt, es war gegen zehn Uhr abends, mit der jungen Olga im Whirlpool eine Etage tiefer und bekam von der ganzen Sache nichts mit.
Derfflinger fluchte. Den Überraschungseffekt hatten sie bereits achtkantig versemmelt.
Swoboda schüttelte nur stumm den Kopf. Mühsam hatten sie sich auf dem Dach des Nachbargebäudes in der Solonstraße in Weißensee vorgearbeitet. Früher blickten die Grafen von hohen Burgen auf ihren Besitz, dachte er, heute hatten sie eine Zweihundert-Quadratmeter-Designer-Penthousewohnung mit Panoramablick über die deutsche Hauptstadt. Die Zieladresse und die Objektbeschreibung hatten sie gemeinsam mit den Schusswaffen wie vereinbart in einem Schließfach am Bahnhof Zoo gefunden. Der Alte von der Maximum AG hatte alles in einen schwarzen Kunststoffaktenkoffer gepackt. Eine Makarow, auf dem Berliner Schwarzmarkt eine beliebte Waffe, chinesischer Nachbau, mit zwölf Schuss, Schalldämpfer und einem Ersatzmagazin. Dazu eine SIG Sauer P226, eine gestohlene Waffe der Berliner Polizei. Die Munition (9mm Parabellum) war eine der am häufigsten verwendeten Kugeln weltweit und leicht zu besorgen. Allerdings mussten Waffen und Munition aufeinander abgestimmt sein, sonst drohte eine Ladehemmung. Wer weiß, wo Walter Busch die Waffe besorgt hatte. Vielleicht war es auch ein Familienerbstück? Swoboda war nicht wohl bei der Sache gewesen. Derfflinger hatte darauf bestanden, die SIG zu nehmen. Dafür würde er auch den Angriff starten, während Swoboda ihm Feuerschutz geben sollte. Mit einem Taxi waren sie vor einer Stunde zum ICE-Bahnhof Gesundbrunnen gefahren und von dort mit einem anderen Taxi in die Nähe des „Chez Boris“, auf dessen Dach Gruschenko residierte.
Dimitri zog seine Glock-17 aus dem Schulterhalfter, eine moderne Waffe aus österreichischer Produktion, die auch von der GSG 9 und deutschen Spezialeinsatzkommandos benutzt wurde. Er entsicherte die Pistole, lugte kurz über die Sofakante und schoss blind eine Salve in die Nacht hinaus. Dimitris Lieblingswaffe lag allerdings in seiner heißgeliebten sowjetischen Limousine: ein Golfschläger aus geschmiedetem Karbonstahl, ein Callaway Diablo Edge Einzeleisen Herren für 89,99 im Internet, mit dem er mal einem albanischen Mädchenhändler den Schädel eingeschlagen hatte.
Andrej robbte derweil über die Auslegeware in Richtung Schrank. Er öffnete ein breites Schubfach und zog eine AK-47 heraus. Die gute alte Kalaschnikow, der treueste Freund eines russischen Geschäftsmanns in der Fremde.
Derfflinger kam hinter einem der Aufbauten des Dachs hervor und sah, wie einer der Russen sich wieder hinter das Sofa duckte.
Amateure, dachte er. Solange sie das Licht anlassen, haben wir sie vor uns wie die Schaufensterpuppen in den Modeboutiquen der Mariahilfer Straße.
Er schoss auf das Sofa. Die Kugeln würden mühelos durch das Leder, die Füllung und den Holzrahmen schlagen. Dann stürmte er los. Dimitri brüllte wütend auf. Eine Kugel hatte ihn an der rechten Schulter getroffen und er ließ die Glock fallen.
Swoboda schaute mit einem Auge um die Ecke eines Schornsteins und begann zu schießen. Dann erlosch das Licht in der Penthousewohnung plötzlich. Er musste die Stehlampe getroffen haben.
Andrej sah, wie sich Dimitri den verletzten Arm hielt und sah auf dem Dach die Silhouette des Gegners. Erst jetzt, wo das Licht aus war, konnte er die Lage überblicken. Von schräg links sah er das Mündungsfeuer einer Pistole. Er stellte seine Maschinenpistole auf Dauerfeuer und feuerte etwa zehn Sekunden eine halbkreisförmige Salve über das Dach. Und zehn Sekunden können in diesem Fall eine Ewigkeit sein.
Derfflinger holte es von den Beinen. Er hatte einen Steckschuss im rechten Oberschenkel. Es war aussichtslos, er musste den Rückzug antreten. Er kroch langsam wieder zurück in seine Stellung hinter den Aufbauten.
Swoboda flogen die Kugeln und Ziegelbrocken des Schornsteins nur so um die Ohren. Als der Lärm plötzlich abriss und nur noch in seinen Ohren klingelte, rannte er zurück zur Dachluke. Nur noch weg hier, dachte er, nur noch weg. Dabei stolperte er und fiel hin. Seine Waffe war ihm aus den Händen geglitten, rutschte über die Dachziegel und blieb in der Regenrinne liegen. Als er aufstehen wollte, durchzuckte ihn ein Schmerz. Er hatte sich die linke Schulter ausgekugelt.
Andrej blickte zu Dimitri hinab. Der nickte nur verbissen und gab ihm damit zu verstehen, dass er nicht schwer verletzt war. Andrej feuerte eine zweite Salve über das Dach, ohne jedoch irgendetwas Lebendiges zu treffen.
Derfflinger war jetzt ebenfalls an der Dachluke angekommen. Er feuerte noch einmal auf die dunkle Wohnung, bis das Magazin leer war. Dann warf er die Waffe weg und kletterte, so gut es seine Verletzung zuließ, ins Haus zurück.
Jetzt nur schnell weg hier, bevor die Polizei da ist, dachte er. Gemeinsam mit Swoboda, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schulter hielt, liefen sie die Treppen hinunter und stürzten auf die Straße.
Auf dem Weg nach unten streiften sie ihre Lederhandschuhe mit den verräterischen Schmauchspuren ab und warfen sie weg. Unter diesen Handschuhen trugen sie ein weiteres Paar aus Latex, um keine DNS-Spuren zu hinterlassen. Dieses Paar würden sie im Waschbecken ihres Hotelzimmers verbrennen.
Polizeisirenen waren zu hören. Sie mussten nur um ein paar Ecken laufen, dann würden sie in dieser riesigen Stadt untergetaucht und verschwunden sein. Im Hotelzimmer konnten sie sich immer noch um ihre Verletzungen kümmern. Dem Boss oder dem Berliner Komplizen würden schon etwas einfallen.
Sie überquerten den Solonplatz und den kleinen Park. Dann bogen sie in die Bizetstraße ein.
Zwei Polizisten in dunkelblauen Uniformen kamen ihnen entgegen. Sie hatten die Schüsse gehört und bereits die Kollegen alarmiert. Misstrauisch betrachteten die Beamten, die auf Brandstreife waren und eigentlich auf der Such nach dem Brandstifter waren, die beiden Herren in ihren schmuddeligen Sakkos. Einer hielt sich den Arm, der andere blutete am Oberschenkel.
„Guten Abend. Ausweiskontrolle.“
Derfflinger war fassungslos und lachte kurz auf.
Swoboda senkte resigniert den Kopf. Grüß Gott, Josefstadt.

Berliner Asche, Kapitel 5, Szene 4

Mardo stieg in Schöneberg am U-Bahnhof Nollendorfplatz aus der U 2. Es war unglaublich heiß und voll in der U-Bahn gewesen. Dazu kamen schnurrbärtige Rumänen, die weder singen noch Gitarre spielen konnten, beides jedoch taten und jedes schöne Pop-Stück mit ihrem harten Akzent zerstörten, und Massen von Touristen, die ihren lärmenden Nonkonformismus in der Großstadt ausleben mussten.
Vor dem Bahnhof fragte ihn ein Punk: „Haste mal’n bisschen Kleingeld?“
„Klaro“, antwortete Mardo und ließ ein paar Messingmünzen in die offene Hand des jungen Mannes klimpern. Er hatte ein ockerfarbenes Andengesicht mit scharf geschnittener Nase, vielleicht ein peruanischer Punk, dachte er. „Aber alles für Suff ausgeben, kapiert? Nicht das du dir Vitamine von dem Geld kaufst!“ Er drohte ironisch mit dem Zeigefinger.
„Keine Angst, die Vitamine sind ja schon im Bier drin.“
Mardo überquerte den Platz und bog in die Maaßenstraße ein. Hier gab es jede Menge Cafés und andere Lokale. Er roch den schweren süßen Duft aus den türkischen Obstläden. Hier gab es viele Gerüche auf engstem Raum: Mal roch die Luft verbraucht, als sei sie von alten Männern ausgeatmet, mal nach widerlichem Oma-Parfum, mal nach Käse, mal nach Fisch. Hier gefiel es ihm besser als auf der Schönhauser Allee oder am Kollwitzplatz, wo angeblich die ganze hippe Prenzelbergscheiße lief.
Er war etwas zu früh gekommen. Die Versammlung der linken Szene sollte erst um neun Uhr beginnen. Also schlenderte er etwas durch die Straßen. Er kam an einem Waschsalon vorbei, wie immer sah man durch die großen Scheiben nur männliche Einzelgänger zwischen zwanzig und fünfzig. Aus einem Lokal drang das alkoholgetränkte Kreischgelächter eines aufgekratzten Damenkränzchens. Die Frauen wirkten so überdreht wie Vierzehnjährige, die zusammen ihren ersten BH kaufen wollen. Es war so laut, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr verstehen konnte.
Ein junger Fremder in teuren Markenklamotten sprach Mardo an: „Wissen Sie, wo das Hotel Blaschke ist? Es muss hier ganz in der Nähe sein.“
„Leider nicht.“
„Verzeihung, ich dachte, Sie wären ein Einheimischer.“
„Ja. Und darum habe ich hier auch noch nie in einem Hotel übernachtet.“
„Und wo kann man denn hier gut essen gehen?“
„Da empfehle ich Ihnen das Curry 36 auf dem Mehringdamm. Ein absolut angesagtes Edelrestaurant mit internationaler Küche. Der Clou ist, dass man an Stehtischen isst und das Essen auf Pappschalen serviert wird, so dass der Eindruck entsteht, als wäre man bei ganz einfachen Leuten.“
„Das ist ja abgefahren. Voll krass! Gehen da so Leute wie Sie hin, oder was?“
Mardo reagierte gelassen auf die Kritik an seinem Aussehen: „Es tut mir leid, dass mein Äußeres ihren ästethischen Anforderungen nicht entspricht. Viel Vergnügen.“ BWLer, dachte Mardo, das Fußvolk der Unternehmensbürokratie. In diesen Zeiten war das Wort „Egoist“ kein Schimpfwort mehr, es gab sogar ein Parfum gleichen Namens.
Zwei arabische Jugendliche unterhielten sich, einer stand am Fenster im zweiten Stock, der andere rief etwas hinauf. Die grüne Pastellfarbe der Fassade war verwittert und sah aus wie getrockneter Rotz. Auf dem Pflaster wie gewohnt die Verdauungsrückstände des besten Freundes, den der Mensch angeblich hat. Wenn sie unsere Freunde sind, dachte Mardo, warum scheißen sie dann immer auf die Gehwege, auf die Wildwechsel der menschlichen Gemeinschaft? „Ideal“ brachten es in ihrem Lied „Berlin“ auf den Punkt: „Auf dem Gehweg Hundekot; ich trink Kaffee im Morgenrot“.
Aus einem offenen Fenster nöhlte eine hohle Radiostimme. Irgendwelche Reisen wurden angepriesen. Mardo war am liebsten in Berlin. Was sollte er woanders? Und Geld oder auch nur Zeit für eine Reise hatten Julia und er sowieso nicht. Na und? Was machten Norweger eigentlich, außer in den Fjord zu scheißen? Und dann diese heimtückische Pralinenrepublik an der Nordseeküste namens Belgien, die es vermutlich ohne die EU-Bürokratie gar nicht mehr gäbe. Das brauchte kein Mensch.
Gut gelaunt, weil das Gehen sein Denken mal wieder angeregt hatte oder auch nur durch den bloßen Anblick seiner Stadt kam Mardo am Winterfeldtplatz an.
Zur Zeit des Mauerfalls stand noch eine dachlose Ruine am Ostrand des Platzes, wo heute ein modernes Freizeitzentrum für Leben sorgte. Irgendwann in den siebziger Jahren hatte man den Platz saniert, an dem früher der legendäre „Dschungel“ gewesen war. Hier trafen sich Studenten, Obdachlose, aber auch Lokalprominenz wie Romi Haak oder Rolf Eden. Der alte Playboy hatte später eine Disco auf dem Ku’damm aufgemacht und lebte diesen Alptraum immerwährender Virilität bis in den Greisentod hinein, ein zerfurchter Golem, ein Dorian Grey des Disco-Zeitalters, ein alberner Hanswurst am Arm eines jungen blonden Nichts. Die runtergekommenen Altbauten waren längst durch gesichtslose Hochhäuser ersetzt worden. "Niemandsland", "Kreuzritter" und "Mitropa" hießen die Kneipen, in denen die linke Szene damals abstürzen konnte. Mitte der achtziger Jahre kam dann eine Klage aus der DDR, danach wurde aus dem „Mitropa“ das „Café M“. Das Motto an der Wand stand für das Lebensgefühl im Winterfeldtkiez der Siebziger und Achtziger: "Erst Straßenkampf". Das Haus war damals besetzt gewesen und die Plätze bestanden noch aus Pflastersteinen, die immer gut in der Hand lagen, wenn man sie brauchte.
Heutzutage musste man sich schon auf eine Hausdurchsuchung gefasst machen, wenn man in der Wohnung einer verstorbenen Oma eine alte Waffe oder Munition aus dem zweiten Weltkrieg gefunden hatte und so blöd war, sie bei der Polizei abzugeben. Und wegen politischer Parolen an den Häuserwänden rückte gleich die Spurensicherung der Kripo an. Mardo kannte diesen Teil der Stadtgeschichte nur aus Erzählungen. Auf den Versammlungen der Studenten, zu denen ihn seine Freundin Julia immer mitgeschleppt hatte, wurden diese mündlichen Überlieferungen aus dem zwanzigsten Jahrhundert von den Alten weitergegeben.
Kurz nach neun Uhr betrat er das „Café M“ in der Goltzstraße 33. Marek kam mit dem Rad aus Neukölln und würde sich vermutlich mal wieder verspäten.
Es waren hauptsächlich Frauen anwesend, da einige der Männer noch auf den Polizeiwachen ihre Aussagen machten und erkennungsdienstlich behandelt wurden.
"Freier Wille statt Bevormundung durch den Staat", mahnte ein Wandplakat gegen das Rauchverbot in Gaststätten.
Daniela Mohrenstecher hielt gerade eine flammende Rede zur Geschlechtergerechtigkeit: „Machen wir uns nichts vor: Wenn Frauen ein Arbeitsfeld erobern, heißt das, dieses Feld ist gesellschaftlich unbedeutend geworden. Als die Männer bemerkt haben, dass man an den Finanzmärkten besser verdient als in Arztpraxen, wanderten die männlichen Alphatiere in die Banken und Unternehmensberatungen. Seit die Frauen massiv in den Arztberuf drängen, sinken in diesem Bereich die Verdienstmöglichkeiten. Aus der Bildung verabschieden sich die Männer auch, interessanterweise von unten nach oben, in nennenswerter Zahl besetzen sie noch die Lehrstühle der Universitäten, in Kindergarten und Grundschule sind sie schon lange verschwunden. Und jetzt: Politik. Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge, dass die Politik immer weiblicher wird, denn der soziale Fortschritt der Gleichstellung läutet das Ende der Demokratie ein. Die Macher in den Konzernen sitzen schon jetzt am längeren Hebel – wäre es anders, wären diese Menschen woanders.“
Naomi Kutscher pflichtete ihr energisch bei: „In dieser Stadt sollte ein Jahr lang alles umgekehrt sein: Die Putzfrau, die nur albanisch aber kein Wort deutsch versteht, wird Bürgermeisterin; der alte Bürgermeister hält mit seiner Harke die Parks sauber.“
Die Frauen auf diesen Treffen sind manchmal merkwürdig, dachte Mardo. Sie kopieren die Männer in ihrem Verhalten. Sie glauben, sie wären die neue Frau, aber sie sind einfach nur wie die alten Kerle: selbstgerecht und lautstark. Manche waren wie Karikaturen der alten Machos. Andere wiederum gefielen sich in der Rolle des moraltriefenden Klageweibs und spielten die wandelnde Mahnwache. Oft hießen sie Frauke, Dörte oder hatten ganz allgemein eine schwere Montessori-Kindheit hinter sich. Auch ihre Hemden fand er seltsam. Warum wollen Holzfäller eigentlich immer aussehen wie Grunge-Musiker oder Lesben?
„Lasst uns über die Faschos reden“, unterbrach ein zottelbärtiger junger Mann die Gender-Debatte. „Viele von uns sitzen gerade in den Folterkellern der Bullen. Wir müssen was unternehmen!“
„Wir planen sofort eine neue Demo. Diesmal in Niederschöneweide und dann geht es nach Marzahn. Wir stöbern die Nazi-Brut in ihren Nestern auf“, rief Vanessa Schäfer.
Dann diskutierten sie, was auf den Transparenten stehen sollte.
„Alle Menschen auf die Beine/gegen die Faschistenschweine“, schlug die schöne Ludmilla vor und blickte mit einem erwartungsvollen Lächeln in die Runde.
„Ist die Formulierung ‚auf die Beine’ nicht irgendwie behindertenfeindlich?“ Diese Frage stellte Rebecca Riedle vom „Arbeitskreis Pränatale Musikerziehung“.
„Ist ein Transparent nicht irgendwie blindenfeindlich?“ Das war Marek, der gerade den Raum betreten haben musste. Er erntete allgemeines Gelächter.
Die Beschriftung des Transparents wurde per Handzeichen beschlossen und Ludmilla strahlte Marek dankbar an.
„Schön, dass du da bist, Marek. Wir dachten schon, sie hätten dich auch verhaftet.“
„Ich freue mich auch“, sagte Marek und setzte sich neben Mardo.
„Wo ist eigentlich Magnus, der Nihilist?“
„Den haben sie bestimmt auch“, rief jemand dazwischen.
„Zurück zur Tagesordnung“, sagte Sabrina Rossbach streng. „Was unternehmen wir gegen die Nazis, die uns angegriffen haben?“
Dann ging die Debatte weiter und Mardo begann sich zu langweilen. Würde er hier einen Hinweis auf den Mörder von Altmann finden? Bei diesen Plaudertanten? Früher hieß es einmal: Wenn sich zwei Deutsche treffen, gründen sie einen Verein. Denn der Deutsche, insbesondere der Preuße liebte die Ordnung und legte gerne selbst mit Hand an. Alsbald blühten die Tages- und Geschäftsordnungen, über Weg und Ziel wurde streng nach Protokoll debattiert. Das Protokoll landete in einem Aktenordner, für deren Ordnung wiederum Erste und Zweite Vorsitzende, Geschäftsführer und Kassenwarte sorgen durften. Es schien tief im Wesen des Deutschen verankert zu sein, das Gewusel des echten Lebens um ihn herum zu sortieren, zu katalogisieren, zu prüfen, zu bewerten und schließlich seinem pädagogischen Impetus freien Lauf zu lassen. Schließlich war der deutsche Vereinsmeier nicht nur ein Ordnungshüter, sondern auch ein Lehrmeister. Er musste es schließlich wissen, er war ja in einem Verein. Der deutsche Vereinsmeier brauchte seine Bezugsgruppe, denn er fühlte sich nur in der Gruppe stark. Aus dem Schutz der Meute kläffte er dann all die ahnungslosen Laien an, die gar nicht wussten, wovon sie reden. Sonst wären sie ja in einem Verein. Aus Sicht der Vereinsmeier war der unorganisierte Bürger ein Wilder, ein noch zu zähmender Eingeborener, ein vorläufig noch verlorener, aber doch zu missionierender Vereinsloser.
Eine neuere Variante des teutonischen Vereinslebens war die Bürgerinitiative: Alles blieb beim Alten, klang aber modern und nicht so spießig wie Verein. Zur Sicherheit hat die Bürgerinitiative aber noch ein „e.V.“ hinten dran hängen. Wegen der Steuer und wegen der deutschen Gründlichkeit. Das hatten sie schließlich schon immer so gemacht. Was den linksalternativen vom altpreußischen Verein unterschied, war nicht die arrogante Eitelkeit der selbstverliebten Schwätzer, von denen er im Regelfall geleitet wird, oder die kleinkarierte Korinthenkackerei um Geschäftsordnungsänderungsvorschläge oder die Rechtschreibung im Protokoll, sondern die Paranoia und die Schizophrenie, die ihn vom Gründungstag an begleitet hatte. Der linksalternative Vereinsmeier gab sich gerne staatskritisch und hielt sich, vermutlich aufgrund der hochbrisanten Vereinsziele, für einen verkappten Guerillakämpfer, der eigentlich schon mit einem Bein im Untergrund stand. Kritiker seines Vereins waren daher logischerweise automatisch Bullenspitzel oder bezahlte Schergen des kapitalistischen Regimes, denen es mit Aggression und Misstrauen zu begegnen galt. Statt nun aber diese Paranoia konsequent auszuleben und den verfluchten Ausbeuterstaat mit allen Mitteln zu bekämpfen, wurden Steuerprivilegien und Fördermittel erbettelt. Der Staat sollte gefälligst die Mittel zur Verfügung stellen, wenn nach alter Väter Sitte zur Jahreshauptversammlung der „Bürgerinitiative zum Sturz der imperialistischen Weltordnung“ ins Hinterzimmer eingeladen wurde. In Deutschland gab es sogar einen „Förderverein zur Erforschung des Messi-Syndroms e.V.“, also einen Verein der Organisationsunfähigen. Was wäre die Welt schließlich ohne Ordnung?
Jetzt redete der zottelbärtige Mann wieder: „Wir sollten den Nazis die Autos anzünden! Die haben doch bestimmt Aufkleber in Schwarz-Weiß-Rot oder mit Frakturschrift. Daran kann man sie erkennen. Wir müssen zurück schlagen!“ Beim letzten Satz hatte er die Faust erhoben und zu Ludmilla hinüber geschaut.
Mardo fragte Marek leise: „Wer ist eigentlich dieser zottelbärtige Typ mit der Bauernkriegsfrisur, der immer so große Reden schwingt?“
„Du meinst diese Mischung aus Yeti und Altkleidersammlung? Das ist Elias. Der wohnt in Neukölln.“
„Kennst du ihn näher?“
„Nein. Von diesen Typen gibt es in Kreuzkölln eine Million. Aber er steht auf Ludmilla und hat ihr garantiert schon seine Handy-Nummer gegeben. Und bei Twitter gehört er sicher zu den Followern der Berliner Antifa. Da werden auch immer die neuen Treffpunkte bekannt gegeben.“
Da hatte Marek Recht. In Kreuzberg hatte Mardo im vergangenen Sommer einen Vater gesehen, der an einer Hauswand seinen Söhnen beigebracht hatte, wie man Graffiti sprayt. Das gab es nur in SO 36, im Wedding waren die Leute irgendwie normal – jedenfalls für Berliner Verhältnisse. „Das ist aber leichtsinnig. Da könnte doch jeder hier aufkreuzen.“
„Die Nazi-Schläger sind doch viel zu blöd zum twittern“, murmelte Marek, während er auf seinem Handy herumtippte. „Ich schicke Ludmilla nur kurz eine SMS.“
Mardo lauschte weiter der Debatte. Es ging gerade um Orientierung. Hatte das eigentlich etwas mit dem Orient zu tun? Mardo hatte bei vielen Begriffen der recht gegenständlichen deutschen Sprache seine eigenen Assoziationen, besonders schlimm fand er das Wort „Ausscheidungswettkampf“.
Ein leises Piepsen kündigte die Antwort an. „Da habe ich seine Nummer. Elias Merck heißt der Typ. Ich schick sie dir auf dein Handy.“
„Danke“.
Eine endlose Stunde später war die Diskussion zu Ende und alle verabschiedeten sich. Die Aufgaben waren verteilt, Termine waren gemacht, die nahe Zukunft schien geordnet.
„Kannst du mir dein Fahrrad leihen?“ fragte Mardo seinen Freund.
„Seit wann bist du denn so sportlich?“ fragte Marek grinsend zurück.
Mardo antwortete nicht und grinste nur. Marek wusste, dass er keine weiteren Fragen stellen sollte. Bei einem Bier würde ihm sein Kumpel in den nächsten Tagen schon alles erzählen. Sicher eine hochgeheime Ermittlung in Sachen Brandstifter.
Da hatte Marek Recht. Mardo hatte von Kommissar Leber erfahren, dass die Polizei von einem Täter ausging, der mit einem Fahrrad unterwegs war. Das ergab sich aus den zeitlichen und räumlichen Abständen der brennenden Fahrzeuge. Auf dem Stadtplan entstanden jede Nacht regelrechte Lichterketten, die für einen Fußgänger nicht machbar gewesen wären. Mit dem Auto jedes Mal anzuhalten, auszusteigen und einen Brand zu legen – das wäre zu auffällig gewesen. Und einen Radfahrer verfolgte man am besten auf dem Fahrrad. Zu Fuß wäre Mardo zu langsam gewesen und mit einem Auto hätte jeder Blinde die Verfolgung bemerkt.
Als Elias Merck sich auf sein Rennrad schwang, fummelte Mardo noch am Schloss von Mareks altersschwachem Hollandrad herum. Merck trug eine schwarze Kapuzenjacke und eine olivgrün und braun gepunktete Camouflage-Hose. An der Kreuzung Goltzstraße und Grunewaldstraße bog er nach links ab.
Sie kamen am Kleistpark vorüber, der von einem wuchtigen wilhelminischen Bau beherrscht wurde. Er beherbergte im Dritten Reich den fürchterlichen Volksgerichtshof, später wurde er von der Alliierten Kommandantur genutzt. An der Kreuzung Potsdamer lag die ebenso protzige und düstere BVG-Zentrale, in der früher einmal die Reichsautobahnverwaltung untergebracht war. Mardo erinnerte sich, dass er hier einmal zehn Euro Strafe zu bezahlen hatte, weil er bei einer U-Bahn-Fahrt seine Monatskarte vergessen hatte. Auf der Monumentenbrücke überquerten sie die Bahngleise. Im Hintergrund sah man die erleuchtete Silhouette des Potsdamer Platzes und den Fernsehturm am Alex. Bei der Fahrt durch Kreuzberg, auf der Bergmannstraße und der Hasenheide, wurde Mardo langsam müde. Als Merck am Hermannplatz nach rechts abbog, hätte er ihn fast verloren. Hier war der Schillerkiez, wo Mardo bereits am Tag zuvor bei einer Versammlung der linken Szene gewesen war.
Als Merck sein Fahrrad an der Okerstraße an einer Laterne geschlossen hatte und auf die Haustür zuging, war Mardo fast schon wieder bei ihm. Er fuhr einfach weiter, ohne sich noch einmal umzusehen. Jetzt hatte er auch eine Adresse. Hundert Meter weiter stieg er vom Rad und stellte es an einem Fahrradständer vor einem geschlossenen Kiosk ab. Sein Rücken war klatschnass geschwitzt und seine Hände zitterten. Er sollte mit Julia mal wieder eine Radtour machen, seine mangelnde Fitness erstaunte ihn selbst. Hatte ihn das kurze Berufsleben als Gastwirt bereits träge gemacht?

Berliner Asche, Kapitel 5, Szene 5

Zoschke saß am Steuer seines Opel Corsa und musste diesmal niemanden nach dem Weg fragen.
Fröbel saß auf dem Beifahrersitz und schwadronierte, wie er den Russen, „diesen verdammten ausländischen Kommunisten“ seine Knarre unter die Nase halten würde. Mit denen hatte er noch eine Rechnung offen. Außerdem brauchte er dringend Geld. Auf seinem Schoß lag eine Walther P8 aus Bundeswehrbeständen, dafür hatte er seinen Dispo bis zum Anschlag ausgereizt. Es war die Standarddienstwaffe der Bundeswehr, eine Weiterentwicklung der legendären Walther P38 aus dem Zweiten Weltkrieg, wie er stolz berichtete.
Als sie sich dem Solonplatz und dem Hauptquartier der Russenmafia näherten, stand die Straße voller Polizeifahrzeuge und Krankenwagen. Hier hatte es offenbar richtig Ärger gegeben. Das Blaulicht flackerte gespenstisch und ein Mann mit bandagiertem Oberschenkel wurde gerade auf einer Bahre in einen weißen Transporter der Johanniter Unfallhilfe geschoben.
„Gib Gas“, zischte Fröbel seinen Fahrer an.
Nach einer quälenden Minute fragte Zoschke: „Soll ich uns wieder nach Hause fahren?“
„Quatsch. Jetzt holen wir uns die linken Zecken. Wie wäre es mit dem ‚Bandito Rosso’?“ Fröbel grinste breit. Das „Bandito Rosso“ war ein linker Szenetreff in der Lottumstraße im Prenzlauer Berg. Dort hatte die Antifa ihren Stammtisch, auch andere Gruppen trafen sich hier regelmäßig jede Woche.
„Genau. Die Schweine haben mir bei der Demo den rechten Außenspiegel abgetreten. Die fackeln mir noch die Kiste ab, diese Untermenschen. Verdammte Judenschweine!“ Vielleicht war der „Deutschland, erwache!“-Aufkleber auf seiner Stoßstange daran Schuld gewesen?
Krautzberger schaltete sich von der Rückbank aus ein. „Kennt ihr den Linken-Treffpunkt in der Goltzstraße? Da sitzen gerade die Zecken und planen ihre nächste Aktionen gegen uns.“
„Woher weißt du denn das?“
„Schon mal was von Twitter gehört?“
„Gehört schon. Was ist denn das genau? So was wie Facebook?“
„In der Art, genau. Die Antifa gibt da immer ihre nächsten Termine bekannt. Aber immer kurzfristig.“
„Flashmob, wa?“ krähte Zoschke fröhlich dazwischen. „Wie soll ich denn jetzt fahren?“
„Fahr erst mal Richtung Alex. Und die Knarre würde ich vorsichtshalber ins Handschuhfach packen. Wir fahren bis Schöneberg in den Westen. Und heute Nacht ist sicher wieder jede Menge Polizei unterwegs.“
Fröbel nickte anerkennend und legte die Waffe tatsächlich ins Handschuhfach.
Als sie auf der Greifswalder Straße die Altbauzeilen des Prenzlauer Bergs hinter sich gelassen hatte, sagte Krautzberger: „Und jetzt rechts einbiegen.“
Zoschke machte, was ihm befohlen wurde. Obwohl er sich wunderte, denn zum Alex musste er nur weiter gerade aus fahren.
Auf der Straße namens Prenzlauer Berg befahl ihm Krautzberger: „Und jetzt rechts ran!“ Am rechten Straßenrand sah man nur Bäume, es musste ein Park sein.
„Was ist denn los?“ Fröbel drehte sich verblüfft zu Krautzberger um.
Der hielt eine Pistole in die Höhe und entsicherte sie.
„Rechts ran, verstanden!“ Er brüllte so laut, das Zoschke fast eine Vollbremsung machte.
„Mein Name ist Heller, ich bin vom Staatsschutz. Sie sind beide festgenommen. Hände über den Kopf. Und keiner bewegt sich. Die Waffe bleibt im Handschuhfach, kapiert?!“
Dann drückte Krautzberger alias Heller einen winzigen Knopf an seinem Jackenkragen. „Zugriff erfolgt.“
Ulf Sonleitner, sein Vorgesetzer im LKA 5, bedankte sich kurz und schickte dann ein Einsatzteam zu dem Ort, dessen GPS-Daten er von Hellers Handy übermittelt bekam.

Berliner Asche, Kapitel 5, Szene 6

Mardo saß ihm „Frollein Langner“, einer Studentenkneipe gegenüber dem Haus, in dem Merck verschwunden war. Dank eines eisgekühlten Kristallweizens hatte er sich einigermaßen erholt und sein T-Shirt war wieder trocken. Es war bereits ein Uhr nachts und er gehörte zu den letzten Gästen. Aber Merck würde noch einmal auftauchen, Mardo vertraute auf sein Bauchgefühl. Wenn der Zottelbart mit der schwarzen Kutte zu den Brandstiftern gehörte, dann würde er sich heute Nacht auf den Weg zu den Nazis machen. Schließlich hatte er es auf der Versammlung in Schöneberg selbst vorgeschlagen.
Tatsächlich behielt der Detektiv Recht. Eine Viertelstunde später verließ Merck das Haus und ging zu seinem Fahrrad. Mardo bezahlte am Tresen und ging die Okerstraße hinunter.
Merck fuhr an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken. Kleine dunkelhaarige Männer gab es in Neukölln wie Sand am Meer. Im Abstand von fünfzig bis hundert Metern folgte ihm Mardo. Er fuhr ebenfalls ohne Licht und war sich jetzt ganz sicher, dass Merck einer der Brandstifter oder vielleicht sogar der Haupttäter war. Er hoffte nur, dass die Fahrt nicht bis Marzahn gehen würde. Aber er hatte Glück. An der Hermannstraße bog Merck nach rechts ab. Sie fuhren am Neuköllner Thomaskirchhof vorbei, einem ehemaligen evangelischen Friedhof, der mangels christlicher Bestattungen in diesem Teil der Stadt inzwischen als „Event-Campingplatz mit Barbetrieb“ genutzt wurde. Hier konnten die Kids über Gräbern ihre Zelte aufschlagen, die Location war bei den Touristen mega-angesagt. Der Friedhof lag direkt am Tempelhofer Feld, der riesigen Brachfläche des ehemaligen „Zentralflughafens“ aus dem Dritten Reich, der inzwischen eine beliebte Spielwiese für Anwohner und Besucher geworden war.
Hinter dem S-Bahnhof Neukölln bog Merck nach links in die Silbersteinstraße ab. Sie kamen durch ein düsteres Industriegebiet, dann ging es nach rechts in die Sonnenallee. Mardo ließ den Abstand größer werden, um nicht gesehen zu werden. Aber Merck drehte sich kein einziges Mal um. Ein Streifenwagen fuhr vorüber, sonst war nichts los auf der Straße. Kurze Zeit später fuhren sie durch den Wald. Das ist eine Falle, dachte Mardo. Was will der Typ mitten in der Nacht im Wald? Er ließ sich immer weiter zurück fallen. Aber schließlich kamen sie nach Niederschöneweide. Mardo sah, wie Merck vom Rad stieg und es abschloss. Dann ging er langsam die Straße entlang und betrachtete sich eingehend die Autos. Vielleicht suchte er nach bestimmten Aufklebern oder sonstige Kennzeichen rechtsradikaler Gesinnung.
Mardo bog in eine Seitenstraße ab und versuchte, Merck so lange wie möglich im Blick zu behalten. Dann stellte er Mareks Hollandrad ebenfalls ab und spähte um die Ecke.
Merck war verschwunden. Vorsichtig schlich Mardo über die Straße und warf einen Blick in die nächste Seitenstraße. Wo war der Brandstifter? War er in eines der Häuser gegangen? Er ging weiter und bog in die Brückenstraße ein.
Dabei wäre er fast in zwei Männer hinein gerannt, die breitbeinig auf dem Bürgersteig standen.
Beide trugen die Haare militärisch kurz geschoren, was zu dieser Jahreszeit allerdings viele taten. Aber die T-Shirts unter ihren Bomberjacken verrieten Mardo genug: „Freie Kameradschaft Schöneweide“ und „Combat 18“. „Combat 18“ war der bewaffnete Arm der verbotenen Neonazi-Organisation Blood&Honour.
Einer der Nazis hatte einen Dackel dabei. Vielleicht gingen sie nur mit ihm Gassi, vielleicht hielten sie in ihren Kiezen aber auch Brandwachen ab? Wer wusste das schon? Mardo beschloss, sich dumm zu stellen.
„Was willst du hier?“ fragte der erste Nazi.
„Isch nix wollen. Isch geh Bus.“ Die Nummer als ahnungsloser Türke funktionierte bei Deutschen immer.
„Das ist auch besser so“, sagte der zweite Nazi in scharfem Ton. „Hier kontrolliert unsere Kameradschaft den Kiez. Wir suchen den Brandstifter, diese linke Zecke.“
„Isch mach nix Feuer, isch schwör.“ Theatralisch kehrte er das Innere seiner Hosentaschen nach außen. Zum Vorschein kamen nur ein Schlüsselbund und ein wenig Kleingeld. Er hatte noch nicht einmal ein Feuerzeug dabei.
„Sieht nicht so aus, als hätte er viel dabei“, sagte der erste Nazi zu seinem Kameraden.
„Nein“, antwortete der Zweite. Und Mardo fragte er: „Bist du bei der Antifa?“ Die Autonomen Nationalisten sahen in den Linken und dem „BRD-System“, dem „Restaltreich“ in ihrer Sprache, die wahren Feinde. Migranten waren eher das Feindbild der alten Schule, also der NPD-Kader.
„Nee, isch komm aus Antalya.“
Der erste Nazi lachte: „Da gehst du auch besser wieder hin.“
„Ja, aber isch geh Bus.“ Mardo setzte nun gekonnt ein devotes Lächeln ein.
„Der kapiert aber auch gar nichts.“ Der zweite Nazi wurde langsam wütend, das Gespräch wurde ihm zu lang und zu kompliziert.
„Isch viel Freunde hier in Berlin. Graue Wölfe.“
Die Nazis stutzten. Mit der nationalistischen türkischen Untergrundbewegung war nicht zu spaßen.
„Zur Bushaltestelle geht’s da lang.“ Der erste Nazi zeigte in Richtung S-Bahnhof Schöneweide.
Zwanzig Minuten später saß Mardo in der S9 und fuhr bis zum Alexanderplatz. Wer mit der Berliner S-Bahn fuhr, unternahm eine Reise zu den Anfängen des Industriezeitalters. Hier stand man wie einst die Malocher der Kaiserzeit und versuchte sich auf unruhigem rumpelndem Untergrund würdevoll aufrecht zu halten. Das Kreischen der Bremsen fiel früher niemandem auf, weil der Lärm in den Fabrikhallen vor hundert Jahren viel lauter war. Heute verursachte es gefühlte zehntausend Tinnitus-Fälle im Jahr bei den hypernervösen Büromenschen. Nachts war die Bahn jedoch leer und ihr Lärm machte Mardo nichts aus. Er warf sich auf eine Bank, machte es sich bequem und überlegte, wie er Marek die Sache mit seinem Fahrrad erklären sollte.
Gang of Four – Paralysed. https://www.youtube.com/watch?v=cHHrDNbMxf8

Montag, 28. Dezember 2015

Berliner Asche, Kapitel 4, Szene 1

Nach dem morgendlichen Regen dampfte die Haut der Stadt und verströmte den herben Geruch wilder Tiere. Leber hatte die Fenster seines Büros geöffnet, um die warme und verbrauchte Luft des Vortags gegen die neuen Düfte auszutauschen. Trotz der frühen Stunde hatte er sein kurzärmliges Hemd bereits an den einschlägigen Stellen durchgeschwitzt. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel Zeitungen.
Die bundesdeutsche Presse überschlug sich geradezu:
„RAF erklärt Deutschland den Krieg“, titelte die Bildzeitung.
„Auf dem Weg nach Weimar“ (FAZ).
„Bürgerkrieg in der Hauptstadt“ (Süddeutsche Zeitung).
Während der Kommissar die Printmedien studierte, surfte sein Assistent durchs Netz. Den Tod Altmanns und der Angriff auf die Büroräume der Maximum AG wurden den Linksradikalen angelastet. Für den Angriff auf die Versammlung der Linken und die Entführung Kuhns machte man die Rechtsradikalen verantwortlich. Die neue Generation der Roten Armee Fraktion, wie sie in der Presse genannt wurde, und die Berliner Zelle des Nationalsozialistischen Untergrunds führten offenbar einen Krieg um die deutsche Hauptstadt. Der Korrespondenten sämtlicher in- und ausländischer Medien schwärmten seit den Morgenstunden aus und belagerten die Orte des Geschehens sowie die Pressestelle des Berliner Polizeipräsidenten am Platz der Luftbrücke in Tempelhof. Im Internet blühten die Verschwörungstheorien und jeder Artikel hatte einen Rattenschwanz von Kommentaren zur Folge. Auf den einschlägigen Internetseiten der Linksradikalen, Indymedia, und der Neonazis, Altermedia, brachte das Publikumsinteresse die Server zum Glühen. Der Antikapitalistische Widerstand und die Germanische Weltnetzgemeinschaft überschütteten sich gegenseitig mit Hasstiraden und Schuldzuweisungen. Die Seite der „Freien Kräfte Berlin-Neukölln“ rief zur Weltrevolution auf, zunächst aber zu Bandenbildung und Barrikadenbau. Gab man die Begriffe „Brandstifter“ und „Berlin“ in eine Suchmaschine ein, bekam man den Link zu einer Schnapsbrennerei in der Grainauer Straße in Wilmersdorf angeboten. Dort wurde seit einigen Tagen ein siebenfach gefilterter Kornbrand mit dem Namen „Berliner Brandstifter“ feilgeboten.
Sämtliche Dienststellen der Berliner Polizei, der Feuerwehr und der verschiedenen Rettungsdienste waren in heller Aufregung. Für zehn Uhr hatte der Polizeipräsident persönlich zur Pressekonferenz gebeten, alle Nachrichtensender wollten live übertragen. Fehlt ja nur noch CNN vor meiner Hütte, dachte der Kommissar verbittert. Und gleich würde sicherlich sein Chef, Kriminaldirektor Friedrich Dragoner, den Raum betreten und ihm leider mitteilen müssen, dass der Staatsschutz, das BKA, das Bundesamt für Verfassungsschutz und wer weiß noch alles die Ermittlungen übernehmen und ihm gegenüber weisungsbefugt sein würden. Das wird der heißeste Tag des Jahres, dachte Leber, und der Kaffee macht es auch nicht besser.
In den Zeitungen wurde ausführlich über die Kontakte des toten Maximum-Chefs Altmann in die Neonazi-Szene berichtet. Insofern passte alles ins Bild eines linken Racheakts. Aber für wen war das Lösegeld gedacht? Oder hatte er sich geirrt und es handelte sich einfach nur um eine Transaktion der Maximum AG, bei der womöglich das Finanzamt umgangen werden sollte? Vielleicht sollte er sich mal beim Finanzamt für Fahndung und Strafsachen Berlin in der Ullsteinstraße 66 umhören? Womöglich kannte man die Maximum AG dort bereits. Der Drucker summte und Laschka legte ihm zwei Blätter auf den Schreibtisch.
Leber sah ihn erstaunt an.
„Da ist noch ein zweites Bekennerschreiben eingetroffen.“
„Das ist nicht Ihr Ernst.“
Laschka grinste schüchtern. „Mein voller, Chef.“
Leber grinste zurück und nahm das erste Blatt Papier. Die Überschrift lautete „Integracion ou Muerte“. Dann ging es weiter: „Wir sind eine militante Untergrundorganisation der Migranten und lassen es uns nicht mehr gefallen, schutzlos von Nazischweinen abgeschlachtet zu werden. Jetzt wird zurückgeschossen!“
Weiter kam Leber nicht, denn die Tür zu seinem Büro wurde geöffnet.
„Guten Tag, Herr Leber. Ich bin Ulf Sonleitner vom LKA 5. Ist das eine Kopie des Bekennerschreibens von heute früh? Können Sie vergessen. Haben wir schon überprüft. Das sind irgendwelche rechten Trittbrettfahrer, die den Türken was anhängen wollen.“
„Klingt aber nicht sehr türkisch.“
„Klingt überhaupt nicht professionell. Darf ich mich setzen?“ Sonleitner sah ihn aus strahlend blauen Augen durchdringend an.
„Bitte“.
Sonleitner war etwa Anfang dreißig, schlank und muskulös. Allerdings zeichnete sich auf seinem Schädel eine Dreitagehalbglatze ab, was den jugendlichen Eindruck etwas abmilderte. Trotz der zu erwartenden hohen Temperaturen trug er einen dunkelgrauen Anzug.
Leber fuhr sich unwillkürlich über das dünne graue Haar, das seinen kantigen Schädel bedeckte.
„Haben Sie schon mit Dragoner gesprochen?“
„Selbstverständlich“. Sonleitner lächelte und machte es sich auf dem Besucherstuhl so bequem wie möglich. „Sie können sich ja vorstellen, was gestern Abend noch auf höchster politischer Ebene los war. Der Bürgermeister hat der Sache höchste Priorität gegeben. Wenn wir nicht schnellstens Ergebnisse liefern, könnte die Lage in Berlin eskalieren. Die Bundespolizei wird ab heute in der Innenstadt patrouillieren und an den großen Straßenkreuzungen Präsenz zeigen, um die Bevölkerung zu beruhigen.“
„Ich nehme an, Sie wollen sich die Fahndungsakten ansehen.“
„Das mache ich später. Erzählen Sie mir doch erst einmal, was Sie bisher herausgefunden haben.“
„Das Opfer wurde gefesselt, geknebelt und betäubt in seinen eigenen Wagen gelegt, den wir in Kreuzberg gefunden haben. Das deutet auf eine Entführung hin. Wir haben einen Augenzeugen und Bildaufzeichnungen, wie ein Mitarbeiter des Opfers eine große Summe Geld abhebt. Das Fahrzeug wurde in Brand gesetzt, das Opfer starb vermutlich an einer Kohlenmonoxidvergiftung und ist verbrannt.“
„Die Identifizierung des Opfers ist eindeutig?“ Sonleitner fragte, ohne sich Notizen zu machen. Offensichtlich erwartete er nicht allzu viel von diesem Gespräch.
„Ja, davon können wir ausgehen. Der Gerichtsmediziner hat das bestätigt. Vom Opfer fehlt seit vorgestern morgen jede Spur, außerdem haben wir seine Papiere, seinen Ehering und eine Überprüfung der Zahnbefunde.“ Leber trank seinen Kaffee aus, ohne dem Staatsschützer eine Tasse angeboten zu haben.
„Was können Sie mir zum Täter sagen?“
„Nichts. Wir vermuten ihn im linksradikalen Umfeld. Ob es ein Einzeltäter oder eine Gruppe ist, wissen wir nicht.“ „Ganz schön schwach.“ Sonleitner zog einen Mundwinkel nach oben.
„Hören Sie, die ganze Polizei sucht seit Monaten nach dem Brandstifter! Glauben Sie, wir spielen uns hier den ganzen Tag an den Eiern rum?“ Der Kommissar war wütend geworden.
„Jetzt sind wir ja da“, bemerkte Sonleitner gönnerhaft.
„Da bin ich ja mal gespannt, was Ihr so auf die Reihe kriegt. Ich hoffe, Ihr habt ein paar gute V-Leute in der Szene. Soweit ich weiß, tappt Ihr aber genauso im Dunkeln wie wir alle. Aber vielleicht klappt es ja, wenn wir ein paar Tausend Polizisten durch die Straßen jagen. So kriegt Ihr den Täter bestimmt.“
„Diese Fragen können sie getrost uns überlassen. Ich komme auf Sie zurück, wenn ich Ihre Hilfe brauche. Die Unterlagen lasse ich später abholen. Und tun Sie mir einen Gefallen: Ziehen Sie nicht auf eigene Faust los. Jede Ermittlungstätigkeit in der Sache Altmann läuft ab jetzt über meinen Schreibtisch. Wir haben uns verstanden?“ Sonleitner war bei den letzten Sätzen bereits aufgestanden und blickte Leber erwartungsvoll an.
„Haben wir das verstanden, Laschka?“
„Aber sicher, Chef. Dann können wir uns ja endlich wieder dem vietnamesischen Zigarettenhändler widmen, den man vor drei Tagen aus der Rummelsburger Bucht gezogen hat.“
Laschkas Lächeln konnte Sonleitner schon nicht mehr sehen.

Berliner Asche, Kapitel 4, Szene 2

Marion Sutter zwirbelte nervös eine Strähne ihrer Pagenfrisur zu einer dünnen Wurst und blickte auf den Monitor. Per Skype war sie mit dem Eigentümer der Maximum AG in Meran verbunden. Hasso Otzenköttl gehörten etwa achtzig Prozent der Anteilsscheine an der Immobilienfirma, der Rest verteilte sich auf verdiente Angestellte wie Frau Sutter oder den jüngst verblichenen Herrn Altmann.
„Sie können sich ja sicher vorstellen, warum ich Sie bereits morgens in ihrer Wohnung belästigen muss“, begann Otzenköttl das Gespräch.
Frau Sutter war froh, bereits angezogen zu sein. Das fehlende Make-up würde bei der Übertragungsqualität nicht weiter auffallen. Sie saß auf der schwarzen Ledercouch in ihrem Wohnzimmer und betrachtete das teigige Gesicht ihres Chefs. Im Hintergrund sah man das satte Grün des Vinschgaus, Otzenköttl saß offenbar auf der Terrasse seiner Villa. Sie selbst bewohnte eine perfekt renovierte Hundertvierzig-Quadratmeter-Atbauwohnung in der Husemannstraße im Prenzlauer Berg.
„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.“ Sie präsentierte ihr andressiertes Servicelächeln, das eigentlich für Kunden reserviert war. Aber ohne Kaffee kam auch ihre Mimik nicht recht in Schwung. Neidisch betrachtete sie Otzenköttl, der eine Porzellantasse an das gespitzte Mündchen führte.
„Haben Sie denn in den letzten Stunden keine Nachrichten gehört?“
„Ich habe noch keine Zeit gehabt. Die Sache mit Altmann hat mich beschäftigt, das werden Sie hoffentlich verstehen.“
Otzenköttls feiste Backen wackelten beim Lachen. „Da weiß ich ja hier in Südtirol mehr als Sie vor Ort in Berlin. Es hat einen Anschlag auf unsere Büroräume in Mitte gegeben. Die Polizei hat mich mitten in der Nacht angerufen, weil meine Frau als Mieterin im Vertrag steht. Die haben mir erzählt, es wären Linksradikale gewesen. Haben Sie in Berlin irgendwelchen Ärger mit Hausbesetzern oder anderen Spinnern?“
Frau Sutters Lächeln fiel schlagartig in sich zusammen. „Nein. Wir haben uns die Objekte immer vorher genau angeschaut. Derzeit haben wir Neubauprojekte in Pankow, Karlshorst und Frohnau. Da gibt es natürlich auch nichts zu besetzen. Da wurden höchstens mal ein paar Bäume gefällt.“ Sie überlegte eine Weile, während Otzenköttl sie amüsiert betrachtete und an seiner Kaffeetasse schlürfte.
„Wenn die Leute die Wahl haben zwischen dem moralischen Terror der Gutmenschen in einer Öko-Diktatur und den Verlockungen diverser goldener Kälber, werden sie sich für den bequemeren Weg entscheiden. Jede Viehherde nimmt den kürzesten und einfachsten Weg, da können die ganzen linken Pseudointellektuellen so viel jammern wie sie wollen. Der Mensch will genießen, nicht verändern. Jedenfalls wollen das die meisten.“ Sie hatte beschlossen, ihren Chef in ein allgemeines Gespräch über die Zustände in Berlin zu verwickeln. „Bittschön, Frau Sutter. Ersparen Sie mir Ihre Erbauungspredigt. Die Polizei hat gesagt, es wäre eine Splitterbombe gewesen. Das ist doch nicht die Handschrift von ein paar langhaarigen Protesthanseln. Wissen Sie, was ich glaube?“
„Nein, Herr Otzenköttl.“ Ihre Stimme klang jetzt sehr deprimiert.
„Das waren die Russen. Altmann hat doch mit den Russen schon immer gerne Geschäfte gemacht. Die haben viel zu viel Geld und zahlen gerne bar. So wie ich es gerne habe.“ Beim Lachen entblößte er eine Reihe kurzer Zähne und eine Menge Zahnfleisch.
„Die Russen“, wiederholte Frau Sutter fassungslos.
„Ja, genau. Herr Busch hat mir von den Schwierigkeiten mit den Russen erzählt. Ersparen Sie mir also Ihre Ausreden.“ Sein Tonfall bekam etwas Hässliches.
„Es tut mir leid. Wir wollten das Problem erst einmal intern klären.“
„Ich bin der Boss, Frau Sutter. Interner geht’s gar nicht. Altmann hat die Sache verbockt und Sie werden mir jetzt zuhören. Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie es da zu tun haben?“
„Nein, Herr Otzenköttl.“ Sie musste vorsichtig sein. In diesem Augenblick ging es um ihre Karriere, ihre schöne Wohnung, ihren Lebensstil. Es ging um alles, was sie sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte, seit sie ihre saarländische Heimat verlassen hatte.
„Die Russenmafia in Berlin ist gut mit ihrer Heimat vernetzt. Gruschenko arbeitet eng mit der Ismailowskaja zusammen, einer Organisation, die nach dem Moskauer Stadtteil Ismailowo und der gleichnamigen Metrostation benannt ist. Die sind eine ganz große Nummer in Russland und deren Geld war auch im ‚schiefen Turm von Pankow’ investiert. Berlin ist neben New York und London das Zentrum. Autodiebstahl, Prostitution und Menschenhandel, Drogenhandel, Schutzgelderpressung bei Russlanddeutschen und Landsleuten. Das ganze ist perfekt organisiert und richtig multikulti. Polen und Ukrainer brechen in Berlin Edelkarossen auf, das geht ganz schnell. Teilweise haben sie sich die Software für die Sicherheitstechnik beim Hersteller besorgt. In einer Stunde sind die Wagen per Lkw über die Grenze, dann geht es zum Kunden nach Moskau, der die Ware bestellt hat.“
„Das wusste ich nicht“, sagte Frau Sutter nur, sie war blass geworden.
„Das müssen Sie auch nicht wissen. Über solche Dinge habe ich immer nur mit Herrn Altmann geredet. Wichtig ist nur eins: Ich nehme die Dinge jetzt in die Hand. Heute kommen zwei Männer aus Wien, die das Problem für uns lösen werden. Absolute Spitzenleute. Die sind so gut wie ein Spezialeinsatzkommando in Deutschland oder ein SWAT-Team bei den Amerikanern. Normalerweise sind es drei, aber der Dritte hat sich mit Grippe krank gemeldet.“
Das klang nicht nur aufgeblasen, sondern auch lächerlich. War sie in einen schlechten Film geraten? Otzenköttl war ein Blender. Er hatte sie in die Defensive gedrängt, aber jetzt war sie wach. Wenn er sie wie ein kleines Dummchen behandeln würde, hätte er vermutlich auch bald einen neuen Vorgesetzten für sie. Aber sie wollte die neue Chefin in Berlin sein. Du musst kämpfen, Marion!
„Sie haben Österreicher engagiert?“ Sie versuchte, selbstsicher zu klingen.
„Warum nicht? Sie heißen Swoboda und Derfflinger.“
„Haben Sie denn keine anderen Kontakte?“
„Wir haben keine verlässlichen Leute in Berlin“, antwortete Ochsenköttl kalt.
„Wir hätten in Baden-Baden bleiben sollen. Da gab’s immer genügend reiche Russen. Und die waren nicht so asozial wie die Russen hier.“
„Wir brauchen aber Leute, die die Drecksarbeit erledigen.“
„Bestimmt hätten wir auch in Baden-Baden dafür die richtigen Russen gefunden. Man muss Russen mit Russen bekämpfen.“
„Wo haben Sie denn diesen Quatsch her?“
„Na, man sagt doch auch: Feuer muss man mit Feuer bekämpfen.“
„Aber das ist doch etwas völlig anderes.“ Ochsenköttl war jetzt richtigt wütend.
„Jedenfalls hätte ich keine Österreicher engagiert“, antwortete Frau Sutter kalt.
„Die Italiener wirst du nie wieder los. Die mischen sich gleich in die Geschäfte ein. Mit den Albanern und Vietnamesen kenne ich mich nicht aus.“
„Gibt es denn eine österreichische Mafia?“
„Die beiden Killer sind mir von einem Freund empfohlen worden. Sehr zuverlässige Leute, echte Profis.“
Der verbale Schlagabtausch hatte sich immer weiter gesteigert, aber Ochsenköttl hatte gewonnen. Er war der Boss, er hatte das Geld, er hatte die Leute. Marion Sutter notierte sich die Informationen, die Ochsenköttl ihr durchgab und überhörte den Sarkasmus, als sich der Mann in Meran mit einem „Küss die Hand, gnädige Frau“ verabschiedete.