Mittwoch, 11. November 2009

Der Superseifenblasenmann


Hallo Freunde! Der Seifenblasenmann ist wieder in der Stadt und er hat wichtige Neuigkeiten zu berichten. Der Seifenblasenmann hat ein ungeheures Kontaktnetz aufgebaut, es ist sein Lebenswerk, und es kann durchaus passieren, daß er in Oslo eine Bar betritt und jemanden trifft, den er kennt. Wirklich! Überall sitzen die Informanten des Seifenblasenmanns und tuscheln beim Bier über die große Verschwörung. Der Seifenblasenmann ist der Gegenspieler des GROSSEN PLANS, der durch eine Reihe einflußreicher Leute aus Politik und Wirtschaft repräsentiert wird. Niemand kennt die genauen Ziele des GROSSEN PLANS, doch aus den tausenden von Mosaiksteinchen, die ihn täglich erreichen, entsteht ein zunächst noch unscharfes Bild auf dem Schreibtisch des Seifenblasenmanns. Es ist das Bild eines Netzes. Nächtelang sitzt der Seifenblasenmann über seinem schwarzen Notizbuch, macht rätselhafte Eintragungen und zeichnet winzige Diagramme. Ein Haufen Maschinen sind nötig, um dem GROSSEN PLAN entgegenzutreten, und sie stehen alle im Zimmer des Seifenblasenmanns, machen komische Geräusche und spucken bunte Zettel aus. Heiliger Scheißdreck von Antiochia! Unser tapferer Held ist in argen Schwierigkeiten, er macht sich Sorgen. Da hilft nur eins: Wirf dein dunkelblaues Cape über, Seifenblasenmann! Es ist soweit.

Der Seifenblasenmann, Folge 17: "Der böse Dr. Zodiac"

Dr. Zodiac ist das fiese Produkt einer gescheiterten Spekulantenlaufbahn, er hat ein Herz aus allerfeinstem Marmor und nur ein einziges Ziel: alle armen alten Omas in der Stadt kräftig übers Ohr zu hauen, um Geld für den GROSSEN PLAN zu bekommen. Gerade hat er, während er des Abends so über die Stadt fliegt, ein hilfloses Großmütterchen ausfindig gemacht. Erbarmungslos stößt er hinab und hat sein wehrloses Opfer innerhalb weniger Augenblicke in ein hypnotisierendes Gespräch über Auslandsaktien und ihre Renditemöglichkeiten verwickelt. Schon zückt Dr. Zodiac einen fertigen Sklavenvertrag nebst Federhalter, da kommt der Seifenblasenmann des Wegs.
"Ha!", schreit er, "Dr. Zodiac, der rücksichtslose Lakai des GROSSEN PLANS. Du übler Bursche, warte, Dir werde ich das Handwerk legen!" Der Seifenblasenmann holt ein geheimnisvoll aussehendes Röhrchen hervor, Dr. Zodiac wird kreidebleich.
"Liebe und Gerechtigkeit", murmelt der Seifenblasenmann beschwörend, "Liebe und Gerechtigkeit."
Da fällt die starre Maske des Bösen von Dr. Zodiac und er blickt in buntes Gefunkel, alles scheint zu schweben und zu tanzen. Er weint das erste Mal, seit er vor fünfzig Jahren als kleiner Junge beim Monopoly verloren hat. Er ist echt gerührt und wirft seine Aktentasche fort. Der Seifenblasenmann wird ihm helfen, der Seifenblasenmann hilft seinen unterlegenen Gegnern immer.
"Du kommst bei guter Führung nach zehn Jahren Greenpeace wieder raus, Alter."
Abends sitzt der unbesiegbare Seifenblasenmann wieder an seinem Schreibtisch und streicht fein säuberlich den Namen "Dr. Zodiac" von seiner Liste. Er beginnt glucksend zu lachen und tatsächlich perlen nun ein paar Seifenblasen aus seinen Mundwinkeln.
Der phantastische Seifenblasenmann! Als Comic, Schallplatte, T-Shirt, Zahnbürste, Bettwäsche, Klopapier und Waffe. Kauft Euch den Seifenblasenmann! Als Gummipuppe, Stofftier oder Poster. Überall im Handel. Jetzt zugreifen!

Vor ihm liegt ein uraltes Pergament. Jugenderinnerungen und alte, längst vergessene Sorgen quälen ihn. Obwohl es ein ungemütlich kalter Herbsttag ist, wirft sich unser Held das daunengefütterte Cape um und fliegt davon, um die üblichen Verdächtigen zu verhaften. Aber die Verhöre machen ihm auch keinen Spaß mehr. Wird es wieder einer dieser Sonntagnachmittage ohne nennenswerte Ereignisse? Seit er in der Stadt ist, werden höchstens noch ein paar Zeitungen geklaut. Und das wird auch bald aufhören.
Da! Ein Polizist hastet atemlos in sein Büro und schwenkt eine Meldung über dem Kopf. Wambo der Prächtige ist wieder in der Stadt! Er zuckt herum, unter seiner erschlaffenden Hand rutscht Vier-Finger-Nick vom Stuhl. Wambo der Prächtige, ein von der furchtbar mysteriösen Geheimorganisation C.D.U. (Charta diabolischer Unholde, Subunternehmen des verabscheuungswürdigen GROSSEN PLANS) geschaffenes Monstrum, bedroht alles Leben in der Stadt. Er bereitet sich auf einen kurzweiligen medienwirksamen Rettungseinsatz vor und hat bereits die morgigen Schlagzeilen vor Augen:
"Superseifenblasenmann rettet die Stadt."
"Glück und ein langes Leben für Superseifenblasenmann."
"1:0 für Superseifenblasenmann."
"Superseifenblasenmann trägt sich in das goldene Buch der Zeit ein."
Was unser Held zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: An diesem Morgen überqueren bei völliger Dunkelheit gepanzerte Einheiten der Betriebskampfgruppe "Walter Ulbricht" die Elbe bei Schlaf. Der Ort macht an diesem Tag seinem Namen alle Ehre und so bleibt der graue Trabant 500 zunächst unbemerkt. Auf der Rückbank sitzt der HONECKER. Während sich die bleifarbenen Schwaden des Zweitaktgemischs langsam legen, rollen einige Kleintransporter des Stahlkombinats "Roter Oktober" ächzend die Straße zum Marktplatz hinauf. Als gegen fünf Uhr die Zeitungsjungen den Platz passieren, weht bereits eine rote Fahne über dem Ort. Die Leuchtreklame des Supermarkts ist abmontiert, ein Holzschild mit der Aufschrift "Konsum" hängt nun über dem Eingang. Die entschlossen und grimmig dreinblickenden Genossinnen und Genossen der FDJ-Brigade "Josef Stalin" bilden mit Angehörigen anderer Einheiten trotzig eine Schlange vor dem Proviantzelt. Was war geschehen? Von aller Welt unbemerkt hatte der HONECKER alle Kräfte der Deformation um sich versammelt, um in die letzte Schlacht gegen das revanchistische Regime in Bonn zu ziehen. Etwa siebzig zu allem entschlossene Kommunisten sind nun hier versammelt, der Rest soll nach Beschaffung der nötigen Ersatzteile für ihre Transportfahrzeuge in den nächsten Wochen im Kampfgebiet eintreffen. Jetzt durchkämmen bewaffnete Gruppen den Ort und requirieren wahllos Südfrüchte und Damenstrumpfhosen. Der Gemeinderat wird in Ermangelung eines Gefängnisses kurzerhand in die Kirche gesperrt, Telefondrähte und Fernsehkabel werden zerstört. Die Abteilung Agitprop gibt eine provisorische Parteizeitung mit der Schlagzeile "Schlaf erwache!" heraus, in der Turnhalle wird das "ZK der SED" eingerichtet. Oha! Es wird Zeit, daß der Superseifenblasenmann endlich eingreift.

Der Superseifenblasenmann, Folge 32: "Die rote Flut"


Diesmal muß unser Held ein besonders kniffliges und aufregendes Abenteuer bestehen. Seit dem unglaublich lebensgefährlichen Kampf gegen den üblen Schurken DEAD HUNTER (Folge 29) ist die Gefahr für Frieden und Freiheit nicht mehr so groß gewesen. Als der Superseifenblasenmann schließlich seinen Anti-Kommunismus-Radar aktiviert, leuchtet ein kleiner Punkt in Mitteldeutschland auf: Schlaf. ‚Das letzte Aufflackern das Marxismus-Leninismus‘, schießt es ihm durch den Kopf, während er grimmig und entschlossen lächelt. Der HONECKER, diese megafiese Kreatur des GROSSEN PLANS, darf Bonn nicht erreichen. Jesses, ist das spannend! Ruhig nimmt er ein frisches Cape aus dem Schrank und klettert auf die Fensterbank. Der Superseifenblasenmann ist wieder einmal der Retter der Bedrängten, der Triumphator des Gerechten, der Gralshüter verbriefter Verfassungsrechte, der Beschützer der Hilflosen, der Spender von Licht und Wahrheit, der Erleuchter unserer Seelen, der Tröster in der ärgsten Not, der vertrauensvolle Gesprächspartner, das liebenswerte Vorbild – kurz: Ein Mann, dessen Symbol jeder von uns mit Ehre und Hochachtung tragen wird. Auf dem T-Shirt, der Unterwäsche, der Kaffeetasse, dem Auto, dem Hut usw.

P.S.: Dieser Text entstand im November 1989

Aus vollen Schubladen frisch gezapft



Einst stapfte der Bauer Hu Hu aus Wu-Wei über seine Reisfelder und kaute lustlos an einer Frühlingsrolle. ‚Widel velflucht slechte Elnte dieses Jahl‘, dachte er, als der Philosoph und Schwerenöter Peng Fei des Weges kam. Dieser fragte ihn: "Was blummmelst du denn da in deinen Balt, du altel Leisflessel?" Dann lachte er freundlich und sah dem schlitzäugigen Bauern tief in die Augen: "Na, Älgel gehabt?" "Ja", antwortete Hu Hu, "mil blummt del ganze Kopf vol lautel Älgel." Der Philosoph begann: "Siehst du die Lilien auf dem Felde? Tu es ihnen gleich und tlinke solglos den göttlichen Nektal del Sonne!" "Da sind doch übelhaupt keine Lilien", sagte da der Bauer und ging nach Hause, um sich ein Chop Suey zu machen.


Bestimmt benehmen sich alle Leute ganz albern, wenn sie allein sind. Dann schneiden sie Grimassen, springen herum, lachen, tanzen, pfeifen und bohren ungeniert in der Nase – kurzum: sie benehmen sich ungezwungen und natürlich. Zivilisation ist daher einfach die Unfähigkeit, gemeinsam normal zu sein. Da muß man sich über die vielen unglücklichen, kranken und aggressiven Menschen nicht wundern.



Geplanter Titel meiner Autobiographie: "Wunderbare Reisen zu Lande, zu Wasser und in der Luft, Raubzüge und lustige Abenteuer des Kiezschreibers Eberling, wie er dieselben bei der Flasche im Kreise seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt."


Ohne Zinn ist das Leben zinnlos.

Auf der Oranienstraße sehe ich den ultimativen Punk. Er ist etwa zehn Jahre alt, sitzt auf einem dieser grauen Verteilerkästen am Straßenrand und unterhält sich gerade mit seinem Kumpel. Schwarze Nietenlederjacke, knallrote Irokesenfrisur, das Gesicht zieren eine riesige Sonnenbrille und die obligatorische Sicherheitsnadel. Als ein typischer Berliner Doppeldeckerbus vor ihm hält, spuckt er aus vollem Halse gegen dessen Seitenscheibe (ich sehe das entsetzt zurück zuckende Gesicht einer alten Frau trotz der störenden Spiegelungen), hebt den Mittelfinger und sagt "Scheiß Busse!" Dann unterhält er sich seelenruhig weiter. Das wird mal ein zweiter Sid Vicious!

Direkt vor meinem Fenster im dritten Stock turnt ein Mensch im Baum herum. Es ist früher Morgen, ich setze mich an den Schreibtisch und dort sehe ich ihn, wie er Zweige und Äste abtrennt. Bei jedem möchte ich ihm zurufen: "Halt! Der war doch noch gut." Eben hat er herüber gesehen. Vielleicht fragt er sich, was ich hier schreibe, einen wichtigen Geschäftsbrief oder sonst etwas von Bedeutung. Dabei schreibe ich die ganze Zeit über ihn selbst. Er ist etwa in meinem Alter und muß von der hydraulischen Hebebühne, die unter ihm schwebt, in diesen Wipfel geklettert sein. Die Taube, die mir gegenüber im Geäst wohnt, ist erschrocken davon geflogen. Doch es sieht schon fast majestätisch aus, wie er – nicht mehr in Griffweite des Stammes – breitbeinig wie ein Fischer in seinem Kanu auf einem Ast steht und mit einer Sichel, die an einer langen Stange befestigt ist, nach einem unbekannten und geheimnisvollen Plan Teile des Baums heraus schneidet. Wie die Arbeiter, die neulich auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses zu sehen waren: heimliche Akrobaten, stille Künstler.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatten sie mir bereits einen anderen Kopf gegeben. Neugierig lief ich vor den Spiegel und betastete die noch etwas taube Haut, freute mich aber gleich über die großen schönen Augen, die ins Panzerartige übergehende Festigkeit der Wangen und den sehr zweckmäßigen Saugrüssel, der meine Fangzähne allerdings fast völlig verdeckte und sie so ein wenig ihrer schrecklichen Wirkung beraubte.
Achtung! Der chinesische Weise Juch He wurde in der Bahnhofsgegend gesichtet. Bitte halten Sie Türen und Fenster geschlossen und antworten Sie nicht auf philosophische Fragen!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 8


Es war Samstagnacht, in Brandenburg rasten junge Männer mit ihren Autos um die Wette oder kämpften bereits auf Intensivstationen um ihr Leben, während Mardo im Revolution No. 9 einen Singapore Sling durch den Strohhalm saugte. Das Gesicht des kleinen hageren Privatdetektivs aus dem Brunnenviertel lag vollständig im Schatten des Kommissars, der ihn um einen ganzen Kopf überragte. Das Heroin lag inzwischen in der Asservatenkammer der Kripo Berlin, aber über die ganze Geschichte mussten sie noch einmal ganz in Ruhe sprechen.

Am Freitagnachmittag war Udo Zippe in sein Büro gekommen, als Mardo eigentlich die bisher verdienstfreie Arbeitswoche und die Ladentür abschließen wollte. Er hatte in den letzten Wochen erfolglos versucht, sich mit einem Fußmatten-Express-Lieferdienst ein zweites Standbein zu schaffen. Sein neuer Kunde hatte eine ausgesprochene Kleinganoven- oder Hobbymusikervisage: fettiges dunkles Haar und ausgedehnte Geheimratsecken, Koteletten bis zum Arsch und eine schwarze Sonnenbrille. Ein wenig ähnelte er den Feldwebel- und Metzgergesichtern auf den Wahlplakaten der Rechtsradikalen. Sein T-Shirt hatte mehr Löcher als ein Golfplatz und gab am unteren Ende den Blick auf behaartes bleiches Fleisch frei. Der Unfreiwillig-Bauchfrei-Look von dicken Männern in zu engen T-Shirts. Germany’s Next Heizungsmonteur, dachte Mardo.
"Es geht um einen Diebstahl", fing Zippe an. "Genauer gesagt geht es um ein Päckchen, das nicht geliefert wurde.
"Haben Sie es schon bei der Post versucht. Soweit ich weiß, ist DHL für die Pakete zuständig."
"Nein, nein. Das war eine private Lieferfirma. IPS. Das Päckchen ist sehr wichtig. Die ganze Sache hängt wie ein Domestos-Schwert über mir." Zippe wirkte verlegen, so als ob er nicht mit der ganzen Geschichte herausrücken wollte.
"Was ist denn in dem Paket gewesen?" fragte Mardo.
"Dresdner Stollen."
"Und was noch?"
"Sonst nichts." Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nur mit einem Mundwinkel, sodass sein Mund seltsam s-förmig verzogen wurde.
"Sie möchten, dass ich Ihnen einen Stollen zurückbringe?"
"Ja. Es ist ein sehr wichtiger Stollen. Meine Mutter hat ihn für mich gebacken." Zippe überlegte einen Augenblick. "Und sie hat mir fünfhundert Euro in bar mitgeschickt." Er schien wirklich erleichtert über dieses Detail, das ihm nachträglich eingefallen war.
"Das war aber sehr leichtsinnig von Ihrer Mutter. Wäre eine Überweisung nicht sicherer gewesen?"
"Ach, wissen Sie, Herr Mardo, meine Mutter traut den Banken nicht mehr. Und das Porto für einen Wertbrief wollte sie sich sparen." Er sprach nun munter drauflos. "Ich zahle Ihnen hundert Euro, wenn sie mir das Päckchen beschaffen." Dann legte er zwei zerknitterte Fünfzig-Euro-Scheine auf Mardos Schreibtisch.
"Kein Problem. Wohin hätte das Paket denn geliefert werden sollen?"
"Ackerstraße 50. Hier im Kiez. Ich brauche das Geld wirklich dringend. Wenn ich das Päckchen habe, steige ich wie Felix aus der Asche." Zippe kratzte sich nervös den Wanst.
Mardo war portugiesisch-tschechischer Herkunft und manche Begriffe der deutschen Sprache hatten ihm seine Eltern nicht erklären können. Was ist "gähnende Leere"? Wie kann jemandem etwas "ans Herz wachsen"? Und wo holt Bartel den Most eigentlich? Musste man diesen Bartel kennen? Und warum hatte andererseits die Senke zwischen Oberlippe und Nase keinen eigenen Namen? Manchmal verstand er seine Mitbürger nicht richtig. Felix aus der Asche? Zippe verfügte über ein blumiges Vokabular, aber andererseits lag Geld auf dem Tisch und ein vermisstes Paket sollte ihn vor keine allzu großen Schwierigkeiten stellen.


Einen Tag zuvor, am Donnerstagvormittag, war der IPS-Fahrer Rainer Zufall-Echtmann im Brunnenviertel unterwegs gewesen. Es war Anfang November, die Blätter an den Bäumen leuchteten noch einmal gelb und rot im Sonnenlicht auf, bevor der Wind sie von den Ästen wehte. Er hatte alle Rechnungen bezahlt und für diesen Monat noch genau 73 Euro zum Leben. Seine Freundin Chantal Mägdefessel (19, ohne Lehrstelle) hatte sich mit einem Jamba-Sparabo finanziell ruiniert, aber es musste ja irgendwie weitergehen. Und jetzt hatte er ein halbes Dutzend Pakete mit Christstollen in seinem Lieferwagen. Sicher Werbegeschenke. Ob es wohl auffiele, wenn ein Stollen nicht ankäme? Andererseits könnte es ihn seinen Job kosten. Engelchen und Teufelchen spielten eine Weile Pingpong in seinem Kopf, bis schließlich der nagende Hunger in seinen Eingeweiden jede Diskussion beendete. Was ist mit den ganzen unbezahlten Überstunden? Die haben die Bosse eingeplant. Meine Tour ist unmöglich in der vorgeschriebenen Zeit zu schaffen, dachte er, das ist Betrug. Jeder bescheisst in dieser Firma die anderen, alle sind nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Was soll's denn? Dann bin ich eben wie alle anderen. Er manövrierte den Wagen in eine Parklücke in der Hussitenstraße und kletterte nach hinten. Zwei Pakete mit Stollen waren noch übrig. Er nahm das obere und riss es auf. Gierig schlug er seine Fänge ins Gebäck und stutzte. War das etwa Plastik? Tatsächlich lugte ein Stückchen Folie aus der sächsischen Morgengabe. Er puhlte mit dem Finger herum, der Hunger war vergessen, und wenig später hielt er vier Päckchen mit einem weißen Pulver in den Händen. Sicherlich Kokain oder Heroin, wie er vermutete. Das Zeug musste eine Menge Geld wert sein.


Die Kürbissuppe schmeckte köstlich. Mary hatte den Kürbis eigenhändig im Mauerpark gepflanzt, das winzige Gärtchen am Rande des Birkenwalds immer wieder besucht und schließlich war der Tag der Ernte gekommen. Guerilla Gardenings nannte man das neudeutsch, der Trend hatte in New York seinen Anfang genommen. Über London war dann das illegale Anpflanzen von Blumen, Bäumen oder Gemüse im öffentlichen Raum nach Berlin gekommen. Mary hatte auf einem Spaziergang im vergangenen Jahr Leute getroffen, die im Mauerpark Zucchinis und Salat geerntet hatten, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.
Jan Mardo erzählte Mary von seinem Fall, während er wohlwollend das Orangenbäumchen auf dem Fensterbrett betrachtete. Der Herbst hatte in ihrer Wohnung keine Chance, der Baum war immer noch grün. Mary arbeitete als Verkäuferin im Gesundbrunnencenter. Im Prinzip glich die moderne Shopping Mall den Prachtbauten des Feudalismus: Es gab zwei Systeme von Gängen und Räumen, eins für die Herren, eins für die Diener. In den alten Schlössern gab es die repräsentativen Räume der Fürsten und hinter den Tapetentüren das Ameisensystem der Leibeigenen, die für das Wohlbefinden der Herrschaft zuständig waren. In den Kaufhäusern und Malls gab es die Ladenzeilen für den König namens Kunde und dahinter die sogenannten Sozialräume, Heizungskeller und Schaltzentralen. Mary kannte natürlich auch den Lieferanteneingang und die Lieferanten. Am nächsten Morgen wollte sie sich über den IPS-Fahrer informieren, der für das Gebiet um den Gesundbrunnen zuständig war. Zuvor hatte Mardo mehrfach bei IPS angerufen, war aber immer wieder in der Warteschleife der Beschwerdestelle hängengeblieben.

Ein Sturm wütete in den Wipfeln der Bäume am Vinetaplatz, am Boden spürte man ihn jedoch kaum. Der Himmel sah dramatisch aus, wie eine graue Faust, die auf die Erde drückte. Rainer Zufall-Echtmann war an diesem Freitagabend auf dem Weg in eine Kneipe, die ihm von einem Freund als zuverlässiger Treffpunkt der Drogenszene empfohlen worden war. Er hatte keine Angst, die Drogen hatte er ohnehin an einem sicheren Ort (er hielt den Spülwasserbehälter seiner Toilette für bombensicher) versteckt. Außerdem war einer der früheren Freunde seiner Mutter, also einer seiner Ex-Väter, Boxer gewesen und hatte ihm alles über Selbstverteidigung beigebracht, was er wissen musste. Eine ältere Frau ging vorüber, von ihrer Plastiktüte lächelte ihm die Prekariatsikone Paris Hilton entgegen. Ein fast komplett durchtätowierter Jugendlicher ließ seinen Pitbull an eine Mauer kacken.
In der "Qualmeria" (der ehemaligen "BarBar"), einer Raucherkneipe an der Bernauer Straße, lag die Sichtweite unter fünf Metern. Zufall-Echtmann setzte sich an einen der Tische – Rücken zur Wand, Tür im Auge – und bestellte ein Hefeweizen. Der Kellner hatte halblange hellbraune Haare nach Art der frühen achtziger Jahre und trug seinen beeindruckenden Bierbauch mit der Eleganz eines erfahrenen Berggorillamännchens. Beim Gehen verursachte er klebrige Latschgeräusche, der Rhythmus seiner Schritte war noch entspannender als Blues, man hörte ihm gerne zu. Am Tisch gegenüber saß eine verblühende unechte Blondine, die Cola trank und Kette rauchte. Unter ihrem engen Pullover zeichneten sich die Fettpäckchen ab, die von ihrem BH hervorgestülpt wurden. Als sie merkte, dass sie beobachtet wurde, kratzte sie sich verlegen den Hinterkopf. Rainer Zufall-Echtmann wechselte die Blickrichtung und sah einen nach oben kegelförmig angeschwollenen Mann um die Sechzig, der vorsichtig auf winzigen Füßen in Richtung Toilette wankte. Am Tresen saß ein riesiger dünner Mann, der seinen Kopf zu einer sprechenden Frau neigte, die neben ihm saß. Er hatte die Hand vor seinem Mund zur Faust geballt und hörte zu, ohne zu nicken. "Wie, der Kleene ist schon ein Jahr alt und kann no‘ ni‘ laufen? In dem Alter hatt‘ ick schon den Moonwalk druff." Seine Stimme klang hart.
Auch beim zweiten Bier wusste Zufall-Echtmann nicht, wie er hier jemals einen Kontakt herstellen sollte. Ein paniertes Schnitzel von der Größe Liechtensteins wurde vorübergetragen. Eigentlich ist eine Kneipe ja ein Ort, wo die Trinker die Esser verachten, während es in Restaurants genau umgekehrt ist, dachte er. Im Hintergrund das Geräusch vorüberfahrender Autos, an- und abschwellend wie die Wellen, die sich am Strand brechen. Der Großfernseher lief den ganzen Tag, tonlos. Mal sah er hin, mal nicht. Es war eine Art Wandteppich mit bewegten Bildern. Dann betrat ein Mann in einem eleganten Anzug die "Qualmeria". Er war klein, rund, glatzköpfig und hatte einen schwarzen Samsonite-Koffer in der Hand – er sah aus wie ein Pizzabäcker mit Musterkoffer. Er drehte erst eine Runde durchs Lokal, bevor er sich schließlich an einen der hinteren Tische setzte. Es erinnerte Zufall-Echtmann an manche Hunde, die sich erst ein paar Mal im Kreis drehten, bevor sie sich hinlegten. Er hatte einen gezwirbelten Oberförsterbart und seine Wimpern waren schwarz wie Fliegenbeine. Als sich ein anderer Mann zu ihm setzte, zeigte er ein scheckheftgepflegtes Verkäuferlächeln. Das ist der Richtige, dachte Zufall-Echtmann. Und tatsächlich gingen die beiden Männer kurz darauf gemeinsam zur Toilette, danach verabschiedete sich der zweite Mann und verschwand. Kurz darauf, nach heftigen Augenbrauenbewegungen und intensiven Blicken seitens des IPS-Fahrers, war er mit dem glatzköpfigen Koffermenschen in Kontakt und ins Geschäft gekommen. Morgen abend sollte der Deal steigen.

Mardo musste den Klingelknopf dreimal drücken, bevor ein misstrauisches Gesicht im engen Spalt zwischen Tür und Rahmen erschien. Mary hatte herausbekommen, dass Rainer Zufall-Echtmann der IPS-Fahrer war, der an besagtem Tag die Pakete im Brunnenviertel ausgeliefert hatte.
"Es geht um einen Stollen. Können Sie sich an einen Dresdner Christstollen erinnern?"
"Wer sind Sie?"
"Mein Name ist Jan Mardo. Ich bin Privatdetektiv."
"Wer schickt Sie?"
"Mein Mandant."
"Und was wollen Sie genau von mir?"
"Den Inhalt des Pakets. Sie wissen, wovon ich spreche." Mardo und Zufall-Echtmann sprachen allerdings von verschiedenen Dingen, was beide nicht wissen konnten.
Dann schloß sich die Tür wieder.

Am Samstagabend lief dann ein ehemaliger Kurierfahrer in die Arme des V-Manns der Polizei, dem er vierhundert Gramm Heroin verkaufen wollte. Die Berliner Strafverfolgungsbehörden geben mit Freude den Zugang von zwei neuen Mitgliedern des Drogenmilieus bekannt. Mit einem längeren Aufenthalt hinter Gardinen, die - aus Mardo unbekannten Gründen - gemeinhin als schwedisch bezeichnet werden, darf gerechnet werden. Ob sich Zippe und Zufall-Echtmann eines Tages beim Hofgang begegnen werden?

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Erst gelacht, dann nachgedacht

Neulich wurde in einem Fernsehquiz die Frage gestellt, wie viele Muskeln im Rüssel eines Elefanten arbeiten. Dabei ist doch die eigentlich entscheidende Frage, warum der Elefant überhaupt einen Rüssel hat. Wieso kam vor Millionen Jahren irgendein Elefant auf die Idee, man müsse mit der eigenen Nase irgendwelche Sachen vom Boden aufheben können? Wo ist da der Sinn? Zum damaligen Zeitpunkt hatten die Elefanten sicher genauso große Gehirne wie ihre präzivilisatorischen Humankollegen von der Primatenfraktion. Und so haben diese bemerkenswerten Geschöpfe viel viel Zeit damit verbracht, aus ihrem Gesicht ein Werkzeug herauszubilden. Anders der Mensch: Er kommt eines Tages auf die Idee, man bräuchte ein Rad. Ob es sinnvoll ist, ein Rad zu haben, sei dahingestellt. Aber er verbringt nicht Millionen Jahre damit, sich ein Rad im Gesicht wachsen zu lassen. Er erfindet es einfach, vermarktet es geschickt, verkauft jede Menge davon und setzt sich anschließend zur Ruhe. Und genau darum stehen die Menschen heute auf der richtigen Seite des Zoogitters – und die Elefanten auf der falschen.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 7


Thorsten Schelmikov hatte jahrelang als freiberuflicher IT-Berater in einer Kugellagerfabrik in Mettmann gearbeitet. Genauer gesagt war es eine Kugellagerkugelfabrik, denn sie stellten dort nur die kleinen Kugeln für die Kugellager her. So in etwa wie in der Simpsons-Folge, als die Kinder in einer Pappkartonfabrik gesagt bekommen, das dort die Kartons nur hergestellt würden und dann in Tennessee oder so gefaltet werden. Sein Job in der Fabrik bestand zu neunzig Prozent in Anrufen von Sekretärinnen, die Probleme mit dem Hochfahren des Computers hatten. Thorsten kam dann in seinem C&A-Anzug, holte die Diskette aus dem Laufwerk, die das Hochfahren verhindert hatte, und erklärte Fr. Müller oder Frau Meier zum hundertsten Mal geduldig, dass man die Disketten vorher entfernen müsse. Frau Müller oder Frau Meier ist Ende Fünfzig, hat eine Dauerwelle, sitzt seit über dreißig Jahren im Vorzimmer des Abteilungsleiters für Kugellagerkugelbeschichtung und ist ein absoluter Null-Checker. Aber dann wurde die Fabrik an eine Heuschrecke verkauft und schließlich geschlossen. Als Freiberufler hatte er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und seine Ersparnisse waren nach erschreckend wenigen Monaten aufgebraucht gewesen.

Jan Mardo saß an seinem Arbeitsplatz, seine Hände ruhten nutzlos auf den Oberschenkeln. Er betrachtete die wenigen persönlichen Bilder auf seinem Monitor, die er in den vergangenen Jahren von Mary und seinen Freunden gemacht hatte. Es war schon komisch: Alle Menschen, die sich nicht gerne fotografieren lassen, sind total nett, und alle, die sich gerne fotografieren lassen, sind komplette Vollidioten. Also war es offenbar gut, so wenige Bilder gespeichert zu haben, sagte er sich. Seine berufliche Motivation näherte sich, nachdem er die Stadien der Selbstkritik und der Resignation hinter sich gelassen hatte, langsam einem Punkt, den man durchaus als finsteren Zynismus bezeichnen konnte. Er hatte eine ganze Woche mit einer Sommergrippe zu Hause verbracht, tagsüber in einem Sessel mit Blick auf den Mauerpark. Sein schmaler Schädel glühte und fünfmal am Tag musste er das Hemd wechseln. Das Lesen strengte ihn zu sehr an, das Fernsehen langweilte ihn und so hörte er den ganzen Tag leise Musik und sah aus dem Fenster. Bis er eines Tages anfing, die Gegend durch das Teleobjektiv seiner Detektivkamera zu beobachten. Das hatte ja schon in einem Hitchcockfilm als Zeitvertreib funktioniert. Und tatsächlich hatte er im Mauerpark ein paar merkwürdige Freaks beobachtet, die einen alten Mann brutal niedermetzelten. Er hatte sofort die 110 angerufen und nach einer Weile, in der er ungeduldig der Bandansage der Berliner Polizei gelauscht hatte, konnte er das Verbrechen melden. Die Schmach war kaum zu ertragen, er hatte eine Probe von "Shakespeare im Park" beobachtet und irgendwann hatte die B.Z. Wind von der Sache bekommen.

Schelmikov stammte eigentlich aus Ostfriesland, einem öden, gleichförmigen Landstrich unter einem grauen Himmel. Die ganze Gegend flach bis zum Horizont oder zum Deich, alles nur Grün und Braun, jede Wüste war interessanter. Wüsten werden von Wind und Sonne gemacht, seine alte Heimat ist von Menschen gemacht worden. Genauer gesagt: von Ostfriesen. Und so ging es über Mettmann nach Berlin. Genauer gesagt: über Köln nach Berlin. Denn er hatte sich vor einem Jahr bei RTL im Casting für "KSKS" (Köln sucht krassen Superstar) gegen zehntausende talentlose Heulbojen und Dorfschönheiten durchgesetzt und hatte es unter die letzten fünf geschafft. In der "Bravo" gab es damals sogar einen Artikel über ihn und er war mehrfach in diversen Kneipen von Zuschauern wiedererkannt worden. Er hatte einen Vertrag mit einer fetten Major-Plattenfirma unterschrieben, allerdings war bisher nicht ein Stück mit ihm produziert worden. Irgendwann ging dann die neue Staffel von KSKS los und es wurde etwas ruhig, was die Fortschritte seiner künstlerischen Karriere anging. Und jetzt brauchte er einfach Geld. Also versteckte sich Schelmikov in einer Wohnung in der Wolgaststraße. Wenn er aus dem Fenster sah, blickte er auf einen Spielplatz, vor dem Plakate wie "Kinder statt Kohle" hingen. Winnie hatte ihm erzählt, dass hier demnächst Hochhäuser gebaut würden. Winnie besorgte auch Bier, Chips, Schokolade und Zigaretten. Schelmikov durfte nicht gesehen werden.

Mardo saß am Fenster seines Büros in der Ramlerstraße und beobachtete den Regen, der von unregelmäßig auftretenden Böen gegen die Scheiben geworfen wurde. Das war also der Sommer. Nur Marys Sommersprossen entsprachen seiner Erwartung, sie erschienen im Mai in der Gegend um ihre schmale Nase und verschwanden im Oktober wieder. Der Heinrich-Seidel-Schule, auf die Mardo schaute, wenn er den Kopf zum Fenster seines Büros drehte, wurde vor kurzem ein wichtiger Preis verliehen, weil die Lehrer und Schüler ein paar neue Ideen hatten. Auf dem Schulhof gab es jetzt "Konfliktlotsen", die Schulhofstreitereien mit friedlichen Mitteln schlichteten. Wenn es sowas auch für Erwachsene gäbe, wäre er als Privatdetektiv bald arbeitslos. Den ganzen Tag schon hatte er ein merkwürdiges Gefühl gehabt, so wie wenn man den ganzen Freitag denkt, es sei schon Samstag. Oder wenn man beim Anblick eines fremden Menschen nicht sofort erkennt, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Oder als sähe man einen alleinstehenden heterosexuellen Mann mit einem Einkaufswagen voller Gemüse. Dann betrat endlich ein Kunde sein Büro. Er hatte eine hohe Stirn, eine spitze Nase, ein geschwungenes Mündchen, dazu kluge schwarze Knopfaugen und botoxglatte Haut. Mit dem huldvollen Lächeln eines Bankdirektors reichte er Mardo seine Visitenkarte. Winfried Wuppdich aus Westwestfalen.
"Es handelt sich um eine Entführung. Die unbekannten Erpresser wollen 1,5 Millionen Euro von der Plattenfirma meines Mandanten Thorsten Schelmikov. Wir suchen einen zuverlässigen Mann für die Übergabe."
"Wie sieht mein Auftrag konkret aus?" Mardo versuchte kühl zu wirken, aber er spürte, wie sein Herz gegen den Brustkorb trommelte. Hier ging es um Schwerverbrechen und große Summen.
"Sie treffen sich in zwei Stunden mit dem Mittelsmann der Entführer. Der Mann wird Ihnen alles erklären, morgen sollen Sie dann den Schließfachschlüssel übergeben. Am Bahnhof Gesundbrunnen wird das Geld deponiert."
Mardo hatte verstanden, Wuppdich setzte trotz des trüben Wetters seine Sonnenbrille auf, die vom Haaransatz bis zur Oberlippe reichte, so dass er wie ein Insekt wirkte. Dann stolzierte er auf die Straße. Seit langem fiel es Mardo auf, wie ursprünglich kleine Gegenstände immer größer wurden: Sonnenbrillen, Kopfhörer und Armbanduhren.

Mardo hatte etwas herumtelefoniert und im Internet gegoogelt. Schelmikov war ein absoluter Niemand in der siechenden Welt der Plattenindustrie. Wer sollte soviel Geld für ihn bezahlen? Dann hatte sein alter Freund, Kommissar Leber vom LKA 1, zurückgerufen. Die Plattenfirma wusste nichts von den Lösegeldforderungen und die Familie Schelmikov war nach Datenlage nicht vermögend. Vater: Schichtarbeiter bei Volkswagen in Emden, Mutter: Hausfrau und Nebenerwerbsbäuerin. Mardo ging über den Vinetaplatz, während er das Handy an sein rechtes Ohr hielt. Ein alter Mann auf Krücken kickte übermütig wie ein kleiner Junge ein Steinchen ins Gebüsch, eine Horde Kinder hatte ein kleines Feldlager mit Limonadeflaschen, Keksschachteln und Chipstüten aufgeschlagen. Er lief weiter, noch hatte er Zeit, sich einen Plan zu überlegen. An der Brunnenstraße stand das alte Tor der AEG, einem untergegangenen Konzern, die in diesem Kiez viele tausend Menschen beschäftigt hatte. Mardo mochte die riesigen Unternehmen und Bürokratien nicht, die das Leben auf diesem Planeten beherrschten. In seinen Augen waren es furchterregende Monster, die jungen Menschen beim Eintritt ins Berufsleben den Kopf abbissen und sich mit dem Rest den Hintern abwischten. Zwei Polizeibusse jaulten und heulten die Brunnenstraße nach Norden hinauf. Es musste etwas Besonderes passiert sein, denn Mardo sah, wie sich die Beamten ihre schusssicheren Westen anzogen. Er rief noch einmal Leber an und erzählte ihm von seinem Plan. Leber war einverstanden.

Mardo fuhr im Bus an einer langen Schlange vor einer Kleiderausgabe für Bedürftige vorbei. Er wunderte sich, wie normal die Leute in der Schlange aussahen. Ein Vater, der vor ihm saß, zeigte einem Kleinkind den Fernsehturm. Das Kind griff nach dem Spiegelbild der väterlichen Hand auf der Scheibe und lachte. Hinter ihm diskutierten ein paar Kinder, ob Russen "auch Ehrenmord machen". Eine verschlafen und verquollen wirkende Unterschichtblondine stieg an der nächsten Haltestelle zu. Ein Arbeiter mit Turnschuhen und abgewetzter Mappe unterm Arm. Man wusste nicht, ob es Wet-Gel oder natürliches Haarfett war, das sein Haar schwarz glänzen ließt. Arbeit, Supermarkt, Fernsehen. Die Frau mit dem Kopftuch, die komplett in Schwarz gekleidet war. Sie saß auf der Rückbank des Busses und gab ihrem Kind die Brust. An den Häusern Graffiti wie "Kunst trotz(t) Armut", "Bildet Banden", "Vattenfall = Zwischenfall" oder einfach nur "THC ...". Männer über fünfzig, die mit gesenktem Haupt und Händen in den Hosentaschen die Bürgersteige entlang schlurften. Man sah ihnen an, wie mühsam sie die Zeit totschlugen. Es gab einen Typ Arbeitsloser, dem man seine Situation auf den ersten Blick ansehen konnte. Dann ein Mensch mit Halbglatze und Vollbart, der wild zuckend stumme Selbstgespräche führte.

Schließlich betrat er den Ort des Geschehens, ein Lokal namens "Marx" am Görlitzer Park in SO 36. Aus den Lautsprechern erklang spanisches Selbstmitleid und Gejammer aus rauhen Kehlen an einer Reduktion aus Akustikgitarren. Am Tresen stand ein Punk mit pinkfarbenem Irokesen und mindestens fünfzig Kilo Übergewicht um den Äquator herum. Auf seinem uncoolen T-Shirt stand "Welcome to Kreuzberg", er lächelte jovial und etwas unsicher, als Mardo das Lokal betrat. Du bist es nicht, dachte Mardo, und setzte sich an einen der hinteren Tische. Er bestellte ein Radler und fragte die Kellnerin, warum es eigentlich kein Radler mit vollem Alkoholgehalt gäbe. Das sollte – Mardo fand es albern und absurd – das Stichwort für den Kontaktmann sein. Ein Mann mit einer, sich offensichtlich im Trend befindlichen Ola-Uku-Frisur (oben lang, unten kurz, Pferdeschwanz über ausrasiertem Nacken) drehte sich kurz um. Du bist es auch nicht, wusste Mardo. Aber ein anderer Mann faltete seine Zeitung zusammen, legte sie auf den Tisch und stand auf. Er trug eine dunkle Base-Cap, eine rechteckige Brille mit dicken schwarzen Rändern, einen grünen Parka und darunter ein schwarz-grau geringeltes Hemd. Er hatte tiefliegende hellblaue Augen, eine hervorspringende Nase und ein wulstartiges Kinn, das durch die mangelnde Rasur noch hervortrat. Die langen taxifarbenen Koteletten des jungen Mannes erinnerten Mardo an Klettverschlüsse.
"Sie sind Jan Mardo?" Der Mann hatte sich zu ihm gesetzt, ohne eine Antwort abzuwarten.
Mardo nickte nur stumm.
"Kannste von sowatt überhaupt leben? Ick meene, Privatdetektiv unn so?"
"Im Hauptberuf bin ich Schläfer. Die tschetschenische Mafia bezahlt mich," antwortete Mardo staubtrocken.
"Echt, ey? Ditt is ja’n Ding."
"Das war doch nur ein Spaß. Haben Sie Ihre Medikamente nicht genommen?" Mardo fühlte sich ganz sicher. Leber war in der Nähe und er selbst war nur Teil der Show. Niemand würde 1,5 Millionen zahlen, niemand war entführt worden und die ganze Sache war sicher nur inszeniert, um ein Maximum an medialer Aufmerksamkeit um ein Minimum an Gesangstalent zu versammeln.
"Kiek an, een Spaßvogel. Alter Verwalter!" rief der junge Mann, der sich geistreich als Mister Blue vorstellte. Mardo kannte alle Tarantino-Filme. Echte Berliner wie dieses Exemplar traf man nur selten in der Stadt und wenn man einen kennenlernte, hatte er im Normalfall einen absoluten Durchschnittsberuf wie Busfahrer, Krankenschwester oder Polizist. Berufe wie Informatiker, Dirigent oder Seiltänzerin wurden von Zugereisten ausgeübt. Die Bio-Berliner bildeten quasi das Rückgrat der Stadt und die Projektionsfläche für all die Menschen, die einmal einen Grund gehabt hatten, in diese Stadt zu kommen.


Der Rest ist schnell erzählt und wie immer erschreckend banal, wenn man es mit der Pisa-Generation des deutschen Verbrechens zu tun hatte. Leber verfolgte den jungen Mann, nachdem dieser das "Marx" verlassen hatte. Brav führte der ahnungslose Mister Blue den Kommissar in die Wolgaststraße und Schelmikov tritt demnächst in Moabit auf.

Am nächsten Tag schaute Mardo wieder durch das Teleobjektiv auf den Mauerpark hinunter, der herbstbunt vor seinem Wohnzimmerfenster lag. Einige wohlsituiert wirkende Menschen standen in einer Gruppe zusammen, es war Mardo, als würde die bürgerliche Anständigkeit aus ihnen herausleuchten. Sicher begutachteten sie die Grundstücke, auf denen ihre Luxusappartementhäuser gebaut werden sollten, die eines Tages Mardo, seiner Freundin und den anderen Mietern das Sonnenlicht nehmen würden. Als würde die gutbürgerliche Wohlanständigkeit geradezu aus ihnen herausleuchten, dachte Mardo, aus dieser gold-, chrom- und lederglänzenden Mischpoke herausgleißen, das man es nicht mehr aushalten könne. Und so hätte es vermutlich auch Thomas Bernhard formuliert, dachte Mardo, schrieb der Autor am Ende.

Freitag, 25. September 2009

Alter Park, neue Mauern

Der Mauerpark ist eine beliebte Erholungsfläche zwischen Brunnenviertel und Prenzlauer Berg. Ökonomische Interessen bedrohen diesen Freiraum, schon im nächsten Jahr könnten die Bagger anrücken, um neue Hochhäuser zu bauen.
Der Park
Jonglierende Kleinkünstler auf dem Einrad, Feuerschlucker und Poeten mit Megaphon, Basketball, Frisbee und Boule, Flohmarkt, Karaoke und Köfte – das ist Berlin, das ist der Mauerpark. Diese Grünfläche zwischen Wedding und Prenzlauer Berg ist kein Park im eigentlichen Sinne. Am Wochenende ist der Mauerpark ein Veranstaltungsort und ein Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Stadt, eine asphalt- und betonfreie Oase des Lebens, eine ungebundene Fläche, auf der wir täglich sehen können, wie das vereinte Berlin zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, die auch an diesem Ort die Menschen trennte, gemeinsam lebt und Spaß hat. Dieser Freiraum ist jedoch bedroht, denn die Eigentümer des Parks haben andere Pläne als die Nutzer.
Die Interessen
Die Stadt: Als nach der deutschen Wiedervereinigung eine große Naherholungsfläche im dichtbesiedelten Prenzlauer Berg geschaffen werden sollte, hatte Berlin nicht genug Geld, um das gesamte Gelände kaufen zu können. Mithilfe eines Versicherungskonzerns realisierte man zumindest auf einem Teil der Fläche den Mauerpark. Sollte die Stadt den Park bis zum Jahr 2010 jedoch nicht erweitert haben, muss sie die Fördermittel an den Konzern zurückzahlen.
Die Bahn: Auf dem Gelände des Mauerparks lag früher der Nordbahnhof, der längst abgerissen ist. Die Bahn möchte diese Fläche über ihre Tochtergesellschaft Vivico Real Estate verkaufen – natürlich zum höchstmöglichen Preis. Sie möchte von der Stadt auf einem Geländestreifen an der Westseite des Parks Baurecht für eine Reihe von Hochhäusern. Dafür bekäme die Stadt den Rest des Grundbesitzes geschenkt. Vivico könnte teures Bauland verkaufen und einen schönen Gewinn erzielen und die Stadt könnte ihre Verpflichtungen zum Ausbau des Parks erfüllen.
Die Bürger: Der Mauerpark ist eine der wenigen Naherholungsflächen in diesem Teil der Stadt, daher wird er auch von den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen so stark genutzt: Studenten, Touristen, Schickeria und Hartz-IV-Familien. Ein Park bedeutet höhere Lebensqualität und Umweltqualität. Die geplante Bebauung würde eine soziale Mauer zwischen Wedding und Prenzlauer Berg schaffen, so die Bürgerinitiative "Park statt Mauern." Nach den vorliegenden Plänen bliebe vom Mauerpark nur ein schmaler Streifen übrig.
Die Nutzer
Die französische Raumplanerin Lisa Melchiorri hat für ihre Diplomarbeit die Nutzergruppen im Mauerpark untersucht. Da gibt es zum einen die Sportler, die zum Joggen herkommen oder die Kletterwand nutzen. Die Kinder aus der Nachbarschaft, die hier spielen. Die Hundebesitzer, deren Haustiere sich auf der Hundewiese austoben können, die Spaziergänger oder die Menschen, die einfach einen Ort der Ruhe in der Innenstadt suchen. Und es gibt die Künstler, die hier arbeiten und wiederum Publikum anziehen. Abends ist der Park ein Treffpunkt für junge Leute, die sich hier amüsieren. Inzwischen gibt es zahlreiche Veranstaltungen im Park – Musik, Theater, Kleinkunst - , die viele Menschen aus der ganzen Stadt anlocken.
Die Zukunft des Mauerparks
Der Mauerpark ist eine der lebendigsten Grünflächen Berlins, an manchen Tagen herrscht hier regelrecht Volksfeststimmung. Es wäre traurig, wenn neue Mauern gegen dieses bunte Leben gesetzt würden. Ginge es nach den Menschen im Kiez, würde dieser Freiraum erweitert werden. Es gibt viele kreative Ideen und Initiativen rund um die Spielwiese Mauerpark. Warum trägt man zum Beispiel den früheren Bahndamm, der immer noch den alten Westen vom alten Osten trennt, nicht einfach ab? Dann gäbe es auch den düsteren Gleimtunnel nicht mehr. Hoffentlich bleibt der Mauerpark weiterhin der "Szene-Treffpunkt" und der "melting pot", wie ihn die internationalen und deutschen Reiseführer beschreiben.

Donnerstag, 17. September 2009

Berlin ganz vorne


Die Situation im öffentlichen Personennahverkehr gereicht der deutschen Hauptstadt dieser Tage nicht gerade zur Ehre. Wer sich einmal den Spaß macht, mit der S-Bahn in der Innenstadt unterwegs zu sein, kann große Abenteuer auf kurzen Strecken erleben. Aber es gibt auch Positives zu berichten. Zum Beispiel über die neue U 55, die sogenannte "Kanzler-U-Bahn", die den Hauptbahnhof mit weit entfernten Zielen wie dem Bundestag und dem Brandenburger Tor verbindet. Heute hatte ich zum allerersten Mal das Vergnügen, diese zukunftsweisende Nord-Süd-Tangente zu befahren. Und das kam so: Regelmäßig fahre ich mit der U 9 von meiner Wohnung zum Bahnhof Zoo und steige dort in den erstbesten Bus, der vom Hardenbergplatz losfährt. Mal lande ich auf diese Weise am Alex, mal am Wannsee oder auch in Kreuzberg. Dieses Mal geht die Tour über den Ernst-Reuter-Platz, durch Moabit, an Gotteshäusern und Gefängnissen vorbei, bis zum Hauptbahnhof. Vor mir pressen sich zu Tode erschöpfte Rentner mit riesigen Koffern aus dem Bus, dann geht es hinab zum U-Bahn-Gleis.

Ich muss sagen, ich war begeistert. Noch nie bin ich in einer so sauberen U-Bahn gefahren – und ich lebe schon sehr lange in dieser Stadt. Der ganze U-Bahn-Wagen roch neu und nirgendwo war er bekritzelt. Die Scheiben waren sauber und völlig unzerkratzt, mit anderen Worten: man konnte hindurch sehen! Der Bahnhof "Brandenburger Tor" roch auch ganz neu und irgendwie sehr edel. An den Wänden goldene Lettern und museumspädagogische Großtaten in Form bebilderter Tafeln zur Berliner Geschichte. Wenn man dann die Treppe hinaufgeht, kommt man an einen "Kodak-Point", einen Punkt, von dem aus sich eine perfekte Fotografie des hauptstädtischen Wahrzeichens machen lässt. Und ob es der geneigte Leser nun glauben mag oder nicht: Vor dem Brandenburger Tor posiert tatsächlich eine Blondine im Bikini vor einem Mercedes-Oldtimer, ihren Luxuskörper ziert eine Schärpe mit der Aufschrift "Miss America". Sie wird von einer Masse sabbernder und grinsender Touristen und Journalisten umlagert, die sicher alle etwas anderes denken als ich. Es heißt, die Kanzler-U-Bahn habe 320 Millionen Euro gekostet, 178.000 Euro pro Meter Gleis. Das sind knapp hundert Euro pro Berliner. Ich finde, das Geld ist gut angelegt.