Woher
wissen wir, ob eine Entscheidung richtig war? Normalerweise erkennen wir es am
Resultat. Ich kaufe mir ein Buch, das mich schon nach wenigen Seiten langweilt.
Fehler. Aber manchmal ist es schwieriger, denn für ein endgültiges Urteil
fehlen uns viele Informationen. Wir sehen nur einen Ausschnitt. Ein Beispiel:
Ich
möchte über Ostern nach Zypern fliegen. Es gibt zwei Möglichkeiten, um zum
Flughafen zu kommen. Ich steige in Wichtelbach in den Bus, fahre nach Bad
Kreuznach und nehme dort den Zug nach Frankfurt. Oder ich fahre mit dem Wagen
und brauche, bei fließendem Verkehr, nicht ganz so lange, habe aber wegen des
Langzeitparkens am Flughafen höhere Kosten.
Ich
nehme also den Wagen, weil es bequemer ist. Aber es ist Osterreiseverkehr. Als
ich vor der Abfahrt den Verkehrsfunk gecheckt habe, war von Stau keine Rede.
Aber jetzt hänge ich zehn Kilometer vor dem Flughafen fest. Ein schwerer Unfall
oder ein Haufen klebriger Klimakämpfer. Ich verpasse den Flug. Wäre ich mit
öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen, wäre ich jetzt auf dem Weg in den
sonnigen Süden.
Ich
nehme also den Zug. Der Nahverkehr ist im Gegensatz zum Fernverkehr meistens
pünktlich. Aber vor Mainz bleiben wir wegen eines technischen Defekts liegen.
Es dauert über eine Stunde, bis wir am Bahnhof sind. Von dort nehme ich die
S-Bahn zum Flughafen, wo ich um Haaresbreite den Flug verpasse. Hätte ich doch
nur den Wagen genommen.
Als
ich zuhause die Entscheidung getroffen habe, konnte ich vom Stau und von der
Zugverspätung nichts wissen. Es gab in beiden Fällen die Möglichkeit, den
Flieger zu erreichen. Wenn ich im Flugzeug sitze, habe ich alles richtig
gemacht. Dazu gehört auch etwas Glück, denn man hat nie alle Informationen. Man
glaubt häufig, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat. Aber niemand
kennt die Alternativen.
Neulich
habe ich in einem Schuhkarton mit bunt zusammengewürfeltem Geschreibsel,
Zeichnungen, Eintrittskarten, Ansichtskarten und anderem Krimskrams gestöbert.
Da fiel mir ein Briefentwurf in die Hände. Ein Liebesbrief an eine Kommilitonin
an der Mainzer Uni, den ich nie abgeschickt habe. Anhand der Handschrift kann
ich erkennen, dass ich angetrunken war. Ich kann mich noch an Daniela erinnern.
Klein, schlank, mit einer dunklen ruhigen Stimme, blonde Haare, dunkelbraune
Augen, schönes Gesicht. Was wäre passiert, wenn ich ihr den Brief geschickt
hätte? Vielleicht wären wir sogar ein Paar geworden und ich hätte nicht im
folgenden Jahr die Uni in Richtung Heidelberg verlassen?
1999
hatte ich ein Bewerbungsgespräch bei Spiegel Online. Was wäre passiert, wenn
ich den Job bekommen und mich für Hamburg entschieden hätte? Ich hätte nie als
Kiezschreiber gearbeitet und es gäbe dieses Blog nicht. Würde ich dann jetzt im
Hunsrück leben?
Wo wäre ich heute, wenn in Berlin nicht die Mauer geöffnet worden wäre? Hätte ich mich trotzdem für einen Umzug nach Kreuzberg entschieden? Würde ich, wie der Rest der Familie, heute bei Boehringer Ingelheim arbeiten? Säße ich heute noch am Samstagabend mit denselben Leuten in der Kneipe wie in den Achtzigern, die fast alle noch in Ingelheim leben?
2003 wollte ich zusammen mit einem FAZ-Wirtschaftsredakteur ein Buch über den demographischen Wandel in Deutschland schreiben. Es war in diesem Sommer so heiß, dass wir es verschoben haben. Es wurde nie geschrieben. Ein Jahr später begann ich mit der Arbeit an meinem ersten Kriminalroman. War es die richtige Entscheidung? Wäre ich heute vielleicht ein neoliberaler Hardliner wie jener Redakteur, der ernsthaft die Abschaffung des Kindergelds gefordert hat, weil Familie schließlich Privatsache sei? Würde ich heute in Talkshows Steuersenkungen für Unternehmen fordern und im Maßanzug in der Business-Class auf dem Weg nach Nikosia sitzen?
Keine
Ahnung. Man steht an der Weggabelung und weiß immer zu wenig über die
Möglichkeiten, die man hat. Ihre Vor- und Nachteile, die vielen Konsequenzen
und Nebenfolgen. Man entscheidet sich und hofft, dass es richtig war, diesen
Weg eingeschlagen zu haben. Es soll Menschen geben, die im Alter behaupten, stets
die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie haben das Was-wäre-wenn-Spiel
nie kennengelernt.