Mittwoch, 6. Januar 2010

Brunnenkiez-Krimi Nr. 10


"Du gibst mir zwanzigtausend Euro oder ..."
"Was ‚oder‘?"
"Über das ‚oder‘ solltest du besser erst gar nicht nachdenken. ‚Oder‘ ist die Welt der Schmerzen. Du bist in zwei Stunden an der Bushaltestelle vor dem Gesundbrunnencenter, kapiert?"
Ich drücke die Aus-Taste meines Handys und biege in die Ramlerstraße ein.
Das schöne an Berlin ist ja, dass die meisten Menschen freiwillig hier sind. Auf dem Kaff sind alles Einheimische, Eingeborene, Einödbauern, weeß icke. Da fragen sich die Leute dann – oder wenigstens die Hartnäckigen unter ihnen -, welchen konkreten Sinn eine solche ländliche Existenz auf lange Sicht bietet. Und so entscheidet sich der Mensch, nach Berlin zu ziehen. Man zieht ja heutzutage irgendwo hin wie zu früheren Zeiten die nichtsesshaften Völkerscharen. Und nicht alle Leute, die in die Stadt kommen, tun der alten Tante Berlin gut.
Aber zunächst geht es um etwas anderes: Sein Name ist Georgeos Frostikowski, hier im Kiez aber einfach nur als Panama-Paule bekannt. Wegen seinem Panama-Hut natürlich. Hauptsächlich geht es allerdings um mich. Mein Name ist Gylfi Helgasson und ich bin der einzige Isländer im Brunnenviertel. Freiwillig und das bereits seit sieben Jahren. Aber das ist nicht mein Problem. Mein Problem heißt Panama-Paule und wird heute aus der Haft entlassen.
Hätte ich nicht die Angewohnheit, laute Selbstgespräche zu führen, wäre sicher alles ganz anders gekommen. Und Dr. Wladimir Bluthusten, mein Hausarzt, hätte ja auch später die Straße überqueren können. Aber so kam alles, wie es schließlich auch gekommen ist. Nicht wie es zwangsläufig kommen musste, denn sehr oft sind es unglaubliche Zufälle, die am Anfang einer Geschichte stehen. Während ich also vor mich hinmurmele "Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wer kann mir da nur helfen" (glücklicherweise habe ich nicht auf isländisch gemurmelt), kommt der Doc vorbei und ruft mir zu: "Geh doch zu Mardo".
"Wo find ich den?"
"Ruf die Auskunft an. Gibt nur einen in Berlin. Jan Mardo."
"Danke." Und es geht weiter, denke ich.
Nach Hause kann ich jetzt nicht gehen, also rufe ich die Auskunft an und bin wenig später mit Mardo verbunden. Er ist Privatdetektiv und wohnt in der Graunstraße. Der Frost frisst sich in meine Hände und die Ohren tun mir weh.
Der Typ, der mir die Tür öffnet, ist vielleicht einen Meter siebzig groß. Er hat kurze dunkle Haare, eine schmale lange Nase und eine vergleichsweise große Stirn. Er wirkt ein bißchen schmalbrüstig auf mich, der Pullover scheint eine Nummer zu groß zu sein.
"Irgendwie hatte ich mir das Büro eines Privatdetektivs anders vorgestellt." Wenn es sein muss, kann ich ja sehr subtil sein. Wir sitzen in einer original-nullachtfuffzehn-Berliner Küche und ein Kaffee in einer Simpsons-Tasse steht vor mir.
"Hab das Büro aufgegeben. Als Privatdetektiv hat man ohnehin wenig Laufkundschaft und im Kiez kennt man mich inzwischen." Mardo zögert, dann zuckt seine linke Augenbraue für eine Nanosekunde nach oben und er ergänzt: "Außerdem hat meine Freundin gerade ihren Job im Einkaufszentrum verloren."
"Das kenne ich". Das kenne ich tatsächlich. Die Arbeitsagentur in der Müllerstraße ist schon seit langem mein Joker, wenn sonst nichts mehr läuft. Meine Schnittstelle zum allgemeinen Geldkreislauf, die Dockstation für meinen Bio-Pod.
"Was kann ich für Sie tun?"
Ich erzähle ihm meine Geschichte. Seit über einem Jahr arbeite ich für Panama-Paule. Mardo versichert mir, dass ich offen reden kann. Jetzt wird es nämlich ein bißchen illegal. Panama-Paule ist Kaufmann im weitesten Sinne, er kauft und verkauft Sachen. Die Geschäfte liefen immer gut, er übergab mir regelmäßig einen Teil seiner Einkünfte und ich habe es per "MoneyGram" meinem Bruder in Reykjavik geschickt, der es auf der dortigen Bank bar auf ein Konto mit Panama-Pauls Name einzahlte. Damit wollte sich Panama-Paule später einmal zur Ruhe setzen, aber die Klaufing Megabanki in der Geirsgata am Hafen von Reykjavik ging pleite und alle Einlagen waren weg.
Mardo hört scheinbar gleichgültig zu, sein Gesicht verrät nichts. Aber er stellt immer wieder Zwischenfragen. Ich werde aus dem Typ nicht schlau, aber vielleicht muss man in seiner Branche einen möglichst unbeteiligten Gesichtsausdruck mitbringen.
"Panama-Paule hat drei Monate in Moabit eingesessen. Da hat man zwar nur zwei Stunden Besuchszeit im Monat, aber trotzdem erfährt man alles. Ist für Typen wie Panama-Paule ja eigentlich wie ein Klassentreffen. Der kennt dort jede Menge Leute und bleibt immer auf dem Laufenden."
"Und jetzt will er sein Geld," stellt Mardo ruhig fest.
"Genau. Er ist heute morgen aus der Haft entlassen worden."
"Was ist meine Aufgabe?"
"Ich brauche Sie als Body-Guard."
"Das gehört nicht zu meinen Aufgaben. Dafür gibt es sicher bessere Leute."
Das darf nicht wahr sein! In den nächsten Stunden kreuzt Panama-Paule garantiert im Brunnenviertel auf und er spielt hier die Diva. "Bitte! Ich brauche Ihre Hilfe. Zu den Bullen kann ich nicht gehen."
"Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie geben mir eine Anzahlung und tauchen für zwei Tage bei einem Freund unter, möglichst nicht in dieser Gegend. Ich werde mich an ihren Geschäftsfreund hängen und sehen, was sich machen lässt."
Auf der Fensterbank steht ein Bäumchen, vielleicht einen knappen Meter hoch. Eine winzige Orange hängt an einem der Äste. Das Grün der Blätter überrascht mich. Orangenbäume kennen wohl keinen Herbst und keinen Winter. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich zuletzt etwas so Grünes gesehen habe.

Panama-Paule steigt am Bahnhof Gesundbrunnen aus. Mit seinem Hut, dem Kaschmirschal und dem schwarzen Mantel sieht er aus wie ein drittklassiger Schriftsteller aus gutbetuchtem Haus. Damit schlägt er meinen Klienten, einen Isländer, optisch aber um Längen. Die zotteligen blonden Filzlocken im Rasta-Stil, der fleckige Parka, darunter ein T-Shirt mit dem Aufdruck "25 Jahre harte Drogen". Dazu hat er offenbar seine besten Jogginghosen angezogen, die weißen mit den silbernen Streifen. Life aus Prollywood. Er zerkaute die Silben wie ein texanischer Cowboy, während er mir sein Problem erklärte. Nachdem er sich bei mir eingeschleimt hat, wollte ich eigentlich sagen: "Wenn ich einen Ring hätte, dürftest du ihn jetzt küssen." Hat mir dann hundert Euro in Zehner- und Zwanziger-Scheinen gegeben. Derzeit verdient er sein Geld, indem er die Drohbriefe für Inkasso-Iwan in der Badstraße schreibt. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen zwei Afro-Berliner und unterhalten sich auf Französisch. Der Größere hat Augenringe wie Fahrradschläuche, der Kleinere kaut Kaugummi, ein Muskel zuckt rhythmisch an seiner Schläfe. Ich stehe an der Bushaltestelle und sehe nur gelegentlich zu Panama-Paule rüber. Trotz der Minustemperaturen scheint er seine Zigarette zu geniessen. Schließlich tippt er eine Nummer in sein Handy und lauscht eine Weile schweigend. Dann geht er die Brunnenstraße hinunter. Er verschwindet in einer kleinen Döner-Bude, ich laufe weiter. Nach einigen Schritten gehe ich zurück und schaue durch die Schaufensterscheibe. Panama-Paule sitzt am hinteren der beiden Tische und spricht mit zwei Männern. Ich warte eine halbe Stunde auf der anderen Straßenseite. Vermummte Gestalten mit roten Nasen gehen steif vorüber.
Zwei Rentner schlendern vorbei. "Wir brauchen hier keine Bäume. Erstens machen Bäume Dreck und zweitens gehören sie in den Wald. Waren Sie schon mal im Wald? Ich kann Ihnen sagen: Alles voller Bäume! Daran herrscht doch wohl kein Mangel. So ein Hubschrauberlandeplatz wäre gar nicht so übel. Zum Beispiel am Vinetaplatz, da ist doch sowieso nie jemand." Der alte Mann hat sich in Rage geredet, in seinen Mundwinkeln bildet sich weißer Schaum. Sein Zuhörer nickt heftig. Es geht offenbar um die Gerüchte, der Bundesnachrichtendienst plane einen Hubschrauberlandeplatz im Mauerpark. Für mich wäre das ein Alptraum, denn auf meinem Balkon habe ich den Park direkt vor mir.
Als Panama-Paule die Döner-Bude verlässt, spüre ich kaum noch meine Ohren. Er überquert die Brunnenstraße und biegt in die Demminer Straße ein. Vor einem Haus in der Ruppiner Straße bleibt er stehen. Hier wohnt Gylfi Helgasson, ich kann mir denken, was er vorhat. Aber er klingelt nur ein paar Mal und geht dann weiter. Eigentlich sollte er jetzt zum Arkonaplatz gehen, denn dort ist er gemeldet. Tatsächlich schlägt er die Richtung ein, läuft aber an seinem Haus vorbei in Richtung Zionskirchplatz. Er biegt in einen Hauseingang ein. Ich warte eine Weile, dann gehe ich am Eingang vorbei. Ein Durchgang zum Hinterhof, ich zögere. Soll ich hier warten, bis er wiederkommt? Es ist verdammt kalt und ich beginne, meinen Job zu hassen. Aber gerade jetzt, wo Mary einen neuen Job sucht, kann ich mir keine Prinzessin-auf-der-Erbse-Nummer leisten. Wir müssen von irgendwas leben und 2009 habe ich gerade mal zwanzigtausend Euro verdient. Ich beschließe, mich ein wenig im Hinterhof umzuschauen. In den ersten Fenstern brennt schon Licht. Dann spüre ich plötzlich etwas Hartes in meinem Rücken.
"Dreh dich nicht um!"

Ich bin kein großer Erzähler. In meinem Job ist es besser, wenn man nicht so viel erzählt. Zum Beispiel von den Sachen, die mir die Leute bringen. Keine Ahnung, wo die das Zeug her haben. Wieso hat einer zehn DVD-Player in Originalverpackung? Ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen. Ich kaufe und verkaufe Sachen. So einfach ist das. Geld kommt, Geld geht. Und wenn man es wie eine Schlampe behandelt, kommt es immer wieder. Ich habe da ein gutes Versteck, einen alten DDR-Fluchttunnel, der nirgendwo verzeichnet ist. Ist am Bahndamm, aber mehr sage ich nicht.
Dass mir jemand folgt, merke ich, als ich bei meinem Kumpel Ali aus dem Lokal komme. Aber den Typ habe ich mir geschnappt. Und was soll ich sagen: Es ist Mardo. Der Privatdetektiv aus dem Brunnenviertel. Hat noch nicht mal eine Waffe dabei, macht aber auch keinen Stress. Ich will auch keinen Ärger, die Bullen haben mich auf dem Kieker. Und Mardo hat mir früher mal geholfen. Eigentlich eine peinliche Sache, eher eine Jugendsünde. Würde ich heute nicht mehr machen. Hab da mal so’ner Oma die Handtasche abgenommen. Mardo hat die Sache für mich geklärt. Ohne Bullen, verstehst du? Hat die Sache mit der Oma geklärt, ich habe alles korrekt zurückgegeben. Die Bullen hätten das nie rausgekriegt, die haben andere Sachen zu tun. Aber die Olle ist zu Mardo und der hatte irgendwie Wind von der Geschichte bekommen. Ich hab mich beim Vertickern der Tasche einfach blöd angestellt. Heute würde mir das nicht mehr passieren. Da würde ich in nullkommanix Geld und Handy aus der Tasche nehmen und den Rest in die nächstbeste Tonne kloppen.
Ich hab mich mit Mardo in die nächstbeste Kneipe gesetzt und wir haben geredet. Der Typ ist gar nicht so verkehrt. Die Sache mit dem Geld, das in Island festsitzt, ist noch nicht vorbei. Die Isländer rücken die Kohle vielleicht bald wieder raus. Da soll jetzt der Staat einspringen und irgendein internationaler Währungsfond. Gylfi hat jedenfalls nicht soviel Kohle. Und in Sachen Bewährung muss ich sowieso die Füße still halten. Mein Bewährungshelfer will, dass ich mir einen richtigen Job suche. Mardo hat da schon eine Idee. Sein Bruder Max hat in der Motzstraße einen kleinen Plattenladen. Da könnte ich arbeiten. Ich muss auch nicht jeden Tag kommen und nicht vor zwölf. Das klingt gut. Erstmal in Ruhe abwarten und langsam wieder ins Geschäft kommen. War ein gutes Gespräch. Ich hätte Mardo gerne einen DVD-Player oder so geschenkt, aber er wollte nicht. Schade. Ist echt ein Spitzengerät.

Sonntag, 3. Januar 2010

Silvester 2009


Und ist die Wirtschaft auch im Tal
Heut gibt’s statt Wasser Bier Royal
Dazu ein schönes Steak zum Trost
Silberbesteck und Golden Toast

Wenn ich dann nicht mehr weiter weiss
Geh ich hinaus auf’s Wannseeeis
Von unten lockt ein warmes Licht
Bis endlich alles um mich bricht

Rückblick


Die schönste Geschichte des abgelaufenen Jahres stammt aus einer bekannten Kulturredaktion in der Hauptstadt. Die Redaktion besteht aus zwei Räumen: einem Zimmer für den Chefredakteur und einem Zimmer für die vier Redakteure, die Sekretärin und die Kaffeeküche. Durch den angeblichen Lärm der beiden weiblichen Redakteure und der Sekretärin fühlten sich die beiden männlichen Redakteure bei der Arbeit gestört. Also haben sie beantragt, dass durch die Redaktion eine Mauer gezogen wird. Und tatsächlich kamen dann die Maurer und taten ihre Arbeit. Immerhin hat die Wand eine Tür, es gibt also eine Verbindung zwischen den beiden Räumen. Kultur in Berlin im Jahre 2009 – zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ...

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Weihnachten im Brunnenviertel


Viktor hatte sicherlich schon zehn Mal alle Taschen seiner Jacke und seiner Hose durchsucht, doch das Geld blieb verschwunden. Er ging noch einmal die Brunnenstraße hinunter und bog in die Usedomer Straße ein, wo er mit seiner Mutter wohnte. Die vierzig Euro waren einfach weg und falls sie ihm aus der Tasche gefallen waren, hatte sicher längst ein anderer Mensch das Geld aufgehoben und eingesteckt. Wie sollte er denn jetzt das Weihnachtsgeschenk für seine Mutter kaufen? Das Geld hatte er sich in den letzten zwei Monaten bei der alten Frau Kramer verdient, für die er einkaufen gegangen war. Davon wollte er die Bernsteinkette kaufen, die seine Mutter in der Auslage eines Geschäfts im Gesundbrunnencenter entdeckt hatte. Ihr Augen hatten geleuchtet, als sie ihm von der Kette erzählt hatte. Aber mit ihrem Supermarktjob war an solche Luxusgüter nicht zu denken.

Viktor ging ziellos durch die Straßen des Viertels und kam am Diesterweg-Gymnasium vorbei, auf das er seit diesem Sommer ging. Es musste doch eine Möglichkeit geben, an die Kette zu kommen, dachte er. Es war dunkel geworden und als er vor der strahlenden Pracht des Einkaufszentrums stand, war ihm immer noch nichts eingefallen. Übermorgen war Heiligabend. Was tun? Er fuhr mit der Rolltreppe in die erste Etage und schaute sich die Kette an. Aus den Lautsprechern quollen Weihnachtsmelodien, lächelnde Menschen trugen Einkaufstütenbündel zum Ausgang. Sollte er das Geschäft betreten? Und dann? Die Kette stehlen? Diebesgut unter die Tannenäste legen, die seine Mutter zur Weihnachtszeit in eine Vase stellte? Das ging nicht. Er konnte sich das Geld auch nirgendwo leihen. Also ging er wieder hinaus in die Kälte und spazierte über die Millionenbrücke zurück in seinen Kiez.

Mit gesenktem Kopf ging er durch den Gleimtunnel und dann in den Mauerpark. Hier waren alles Leben und alle Lichter weit weg. Viktor kämpfte mit den Tränen und war sich nicht sicher, ob er gewinnen würde. Da sah er etwas an einem Baum glitzern. Ein dünner Lichstrahl wies direkt auf einen Birkenzweig, an dem Lametta und ein Holzengelchen hingen. Er trat näher und sah, dass eine Stofftüte an einem der anderen Äste baumelte. Vorsichtig nahm er die Tüte und blickte hinein. Die Bernsteinkette, die er seiner Mutter kaufen wollte! Er konnte sein Glück kaum fassen und blickte sich um, aber es war niemand zu sehen. Hinter einem dichten Gebüsch verborgen beobachtete Gleimi, der Kobold, der unter dem Tunnel hauste, die Szene und nickte zufrieden. Sein roter Anzug und die Mütze mit dem weißen Bommel standen ihm ausgezeichnet.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Brunnenkiez-Krimi Nr. 9


18.11.2009. Buß- und Bettag, Totenmonat, Jahr der Schweinegrippe. Jan Mardo hatte das Gefühl, die Boulevardpresse würde ihm jede Woche das Totenglöckchen läuten, ihm und allen anderen, und jedesmal klang das Glöckchen ein wenig anders: Vor der Schweingrippe war es die Vogelgrippe, davor SARS und davor der Ebola-Virus und und und. Ständig wurde ihm suggeriert, er schwebe in Lebensgefahr – von Terrorismus und Klimawandel ganz zu schweigen. Aber vielleicht war ja alles ganz anders, vielleicht war das Leben eigentlich nur banal und brachte kaum Veränderung. Womöglich konnten Menschen ohne Gefahr nicht leben und hatten ein Bedürfnis nach tödlicher Bedrohung. Er jedenfalls nicht.
So in Gedanken versunken, unbewegt auf seinem Stuhl sitzend, war er in der früh hereinbrechenden Abenddämmerung nicht zu erkennen, als ein kleiner Mann sein Büro betrat. Mardo blickte ihn erschrocken an, ruhig drückte der Fremde den Lichtschalter. Schlagartig veränderte sich die Szene, als sei ein Flutlichtmast eingeschaltet worden. Mardo überspielte seine Verlegenheit, indem er aufstand, zur Tür ging und dem Mann, entgegen seiner Gewohnheit, kräftig die Hand schüttelte.
"Sehr mutig. Keine Angst vor der Grippe?"
"Nein. Und ich freue mich bereits auf die tödlichen Gefahren im nächsten Jahr. Nehmen Sie doch Platz."
Der Mann öffnete den petrolfarbenen Anorak und setzte sich. Er hatte eine idiotische Ponyfrisur und große Zähne. "Mein Name ist Lee Young Pak. Bei mir ist eingebrochen worden."
"Waren Sie schon bei der Polizei?"
"Ja, aber die haben nur routinemäßig den Fall aufgenommen. Der Vermieter braucht das Protokoll für die Versicherung."
Mardo wusste, dass die Polizei bei kleineren Einbrüchen nur das Standardprogramm abspulte. Einbruch war ein Allerweltsdelikt in Berlin. "Was ist Ihnen gestohlen worden?"
"Nichts. Das ist ja das merkwürdige daran."
"Sie meinen: gar nichts?" Normalerweise wurden Handys, Computer oder Stereoanlagen geklaut. Meistens nur soviel, wie ein fußlahmer Junkie tragen konnte. Und weil den Drogenabhängigen das Treppensteigen zu beschwerlich war, blieben die Wohnungen in den oberen Etagen normalerweise verschont.
"Nein. Alles war durcheinander. Die Möbel waren verrückt, die Schränke durchwühlt. Aber nichts hat gefehlt. Selbst mein neuer Plasmafernseher war noch da."
Also musste es andere Gründe für den Einbruch geben. Hatte Herr Lee etwas, was anderen gehörte, wovon er der Polizei aber nichts erzählen konnte? Auch Geheimdienste waren für solche Aktionen bekannt. Mardo brauchte mehr Informationen. "Erzählen Sie mir doch einfach mal, was so beruflich und privat so machen!"
Sein Klient erzählte ihm von einem kleinen Thai-Restaurant im Prenzlauer Berg, das er gemeinsam mit einem Vietnamesen betrieb. Er sei ledig, habe keine Beziehung und auch keine Ex-Frau. Keine Feinde und keine fiesen Konkurrenten. Mardo erschien die Geschichte viel zu glatt. Lee war noch nicht einmal aus einer klassischen Einwandererfamilie. Sein Vater war mit der amerikanischen Armee nach Berlin gekommen und war in den neunziger Jahren in die USA zurückgekehrt. Sein Großvater war Textilhändler in Portland gewesen und sein Urgroßvater der erste koreanische Cowboy in Wyoming. Alles ganz normal. Aber dann erzählte Lee, es sei bereits der zweite Einbruch dieser Art gewesen. Die Polizei habe beim zweiten Mal unangenehme Fragen gestellt, daher suche er nun Beistand bei der Aufklärung.
"Glauben Sie, die Einbrecher kommen nochmal?"
"Das würde mich nicht wundern."
"Gut, lassen Sie mich nur machen. Mein Tagessatz beträgt ..."

Soviel Gastfreundschaft würde sich auf seinen Hüften niederschlagen, das war gewiss. Er knabberte vorsichtig an einer quietschsüßen Köstlichkeit aus Mandeln und Honig, während sein Gastgeber mit frischem Tee zurück kam. Mardo saß in der weitläufigen Couchlandschaft von Deli Schubidoglu, dem Nachbarn von Lee Young Pak. Schubidoglu stammte aus Kurdistan, mit seinem dunklen Teint und der Hakennase wäre er aber auch in jedem Hollywood-Film als Indianerhäuptling durchgegangen. Beide wohnten ihm siebten Stock eines in grünen Pastelltönen frisch renovierten Hochhauses Putbusser Ecke Lortzingstraße. Lee hatte eine kleine Einweihungsparty gegeben, als er vor zwei Monaten diese Wohnung bezogen hatte. Schubidoglu war mit einer Flasche Raki und Fladenbrot gekommen, seitdem waren sie gute Nachbarn. Und als Lee ihm erzählt hatte, dass er seine Hilfe bei der Überführung der Einbrecher brauchen könnte, war er mit Begeisterung dabei.
Bei ihrem dritten Einbruch wollten die Täter wohl auf Nummer Sicher gehen und Lee weit weg von seiner Wohnung wissen. Sie hatten ihm einen Brief geschickt, in dem stand, er hätte ein Preisausschreiben gewonnen, bei dem unter allen Bewohnern des Brunnenviertels wertvolle Sachpreise verlost worden waren. Merkwürdigerweise sollte die Preisverleihung in Spandau stattfinden, Hoher Steinweg 6. Mardo kannte die Straße, im Nachbarhaus mit der Nummer 5 war das tschechische Restaurant "Böhmerland", in dem ein tschechisches Original von Gastwirt dampfende Knödel, deftigen Braten und köstliches Bier servierte. Immer wenn Mardo, tschechisch-portugiesischer Herkunft, seine tschechischen Momente hatte, ging er mit seiner Freundin Mary hierher. Schnell hatte ihn der lustige Wirt in ein Gespräch verwickelt und nach einer Weile konnte man sich gar nicht vorstellen, hier noch einmal wegzumüssen. Daher kannte Mardo die Straße. Warum sollte eine Gesellschaft namens "Excelsior Immobilien" hier eine Preisverleihung organisieren? Zumal es diese Gesellschaft weder im Internet noch im Handelsregister gab? Irgend jemand wollte Lee aus der Wohnung haben und er würde es herausfinden.
Verbrecher kommen nach einer gewissen Zeit immer noch einmal zurück, dachte Mardo. Es ist wie bei den Katzen. Wenn du zum ersten Mal in eine Wohnung kommst und da ist eine Katze. Zuerst läuft sie weg. Dann bleibt sie auch eine Weile weg. Und schließlich schaut sie, ganz unten am Türrahmen, ins Wohnzimmer, wo du auf der Couch sitzt. Irgendwann kommt sie näher, sie tut natürlich ganz unbeteiligt. Nach einer Weile springt sie auf das Sofa, aber nicht auf deinen Schoß, keine Sorge. Sondern weit weg von dir. Und dann dreht sie sich dreimal im Kreis, bevor sie es sich umständlich wie eine britische Adlige bequem macht. Sie beobachtet dich weiter. Und wenn du keinen Fehler machst, wenn du dich also nicht bewegst und weiter mit deinen Gastgeber plauderst, pirscht sie sich an den Gegenstand des Interesses heran und schnurrt vor Zufriedenheit. Also wartete er geduldig ab und betrachtete die Bilder auf seinem Bildschirm. Mardo hatte ihm Wohnzimmer und im Schlafzimmer von Lees Wohnung Webcams installiert, sodass er über WLAN Bild und Ton aus Lees Wohnung aufzeichnen konnte. Offenbar hatten der oder die Einbrecher immer noch nicht gefunden, wonach sie suchten. Soviel war Mardo klargewesen. Aber auch seine eigene Suche hatte nichts Verdächtiges zutage gefördert. Aber er wusste schließlich auch nicht, was genau er suchen sollte. War es eine Schatzkarte oder ein USB-Stick mit wichtigen Geheimdienstinformationen? Geld, Schmuck, einen Hinweis auf den Kennedy-Mord? Lee Young Pak hatte immer verzweifelter ausgesehen, je häufiger Mardo bei der Suche diese Fragen gestellt hatte. Er schien wirklich nichts zu wissen.
Ein Knirschen und Krachen weckte ihn aus seinen Überlegungen. Die Tür zu Lees Wohnung wurde aufgebrochen. Er hörte das Geräusch aus zwei Richtungen, vom Hausflur und vom Monitor. Mardos Puls erhöhte schlagartig das Tempo, plötzlich wurde ihm klar, wie nah er den beiden Männern war, die in diesem Augenblick die Wohnung seines Klienten betraten, der gerade bei Freunden in Marzahn auf einem Küchenstuhl saß und auf sein Handy starrte. Mardo würde anrufen, wenn alles vorbei war. Die Männer gingen zielstrebig in Lees Wohnzimmer, als wäre ihnen der Ort seit Jahren vertraut. Mardo schätzte ihr Alter auf dreißig bis vierzig Jahre. Sie trugen dunkelgraue Regenjacken und Jeans. Einer der beiden war untersetzt und hatte schütteres Haar, der andere war groß, schlank und schwarzhaarig. Der Große zog nun ein Jagdmesser aus seiner Jacke und schlitzte systematisch das Sofa und den Fernsehsessel auf, während der Dicke eine Kommode von der Wand rückte. Sie wirkten auf Mardo, als wollten sie heute unbedingt Erfolg haben, egal, wie die Wohnung aussehen würde. Auch der Lärm störte sie nicht, als sie die Möbel verrückten. Durch die Wand hörte es sich an, als würde ein Umzug stattfinden. Im Schlafzimmer setzten die Männer ihr Werk fort. Die Matratze wurde aufgeschlitzt, die Kissen, die Bettdecke. Federn flogen durch die Luft, der Schrank wurde verschoben, Wände abgeklopft. Mardo rief seine Freundin Mary an. Sie hatten den Plan genau besprochen: Mary würde in ihrem alten Toyota in der Nähe warten, um die Verfolgung aufzunehmen. Mardo würde die Verfolgung zu Fuß oder in der U-Bahn übernehmen.
Nach einer Dreiviertelstunde standen die beiden Männer keuchend und unschlüssig im Flur der Wohnung.
"Es ist nicht hier", sagte der Dicke.
"Das kann nicht wahr sein", knurrte der Große.
Mardo fiel auf, dass sie die ganze Zeit nicht gesprochen hatten.
Und dann stürzten sie ganz unvermittelt aus der Wohnungstür in den Hausflur. Mardo war so überrascht, dass er zunächst gar nicht wusste, was er zuerst machen sollte. Er zog sich den linken Ärmel seines Mantels an und griff mit der Rechten nach seinem Handy.
"Es geht los", flüsterte er, nachdem er die 1 für Marys Nummer gedrückt hatte.
Mardo hörte die beiden Männer im Treppenhaus ein oder zwei Stockwerke unter sich. Sie hatten nicht den Fahrstuhl genommen, Mardo ging so leise wie möglich hinter ihnen her. Auf der Straße gingen sie nach links zur Brunnenstraße. Mardo hörte, wie hinter ihm ein Motor gestartet wurde.
Auf der Hauptstraße des Brunnenviertels bewegte sich gerade der Prozessionszug einer Demonstration gegen Sozialbbau, angeführt von Peter Baldrian, einem korpulenten Politik-Prof. Die beiden Einbrecher schlüpften in die Menge und Mardo hatte Mühe, ihnen zu folgen. Eigentlich erkannte er sie nur an ihrer Laufrichtung quer zur Demo und den Ausweichbewegungen der Teilnehmer. Er konnte förmlich hören, wie Mary in ihrem Auto fluchte, während sie wendete, um dann, so vermutete Mardo, über die Bernauer Straße auf die andere Seite des Brunnenviertels zu kommen.
Er ballte die Fäuste in den Manteltaschen. Deutsche müssen immer irgendwas organisieren. Nicht nur ihren Zorn auf Politiker und Unternehmer. Selbst die Freizeit, die Fröhlichkeit und das Feiern sind organisiert, dafür wurden die ganzen sogenannten Volksfeste und neuerdings auch Events erfunden, dachte er, dafür haben viele Menschen endlose Stunden in Sitzungen und Behördenvorzimmern verbracht, um endlich einen kleinen Kulturabend mit zwei Mundharmonikas organisiert zu haben, zwei Dutzend Bekannte um ein paar Aquarelle zu versammeln oder ein allgemeines Besäufnis unter ein Motto stellen zu können. Die Deutschen können nicht ungeplant gesellig sein, dachte Mardo.
Die beiden Männer hatten nun die andere Straßenseite erreicht und gingen die Voltastraße Richtung Gartenplatz hinunter. Mardo folgte ihnen weiter und sah, dass sie in der Hussitenstraße in einen dunkelblauen Kombi stiegen. Hastig zerrte er sein Handy hervor und wählte wieder die 1.
"Wo bist du, Mary?"
"Ackerstraße, Ecke Bernauer."
"Sie fahren jetzt in einem dunkelblauen Kombi die Hussitenstraße in deine Richtung runter. Kennzeichen aus Hannover, mehr habe ich nicht gesehen."
"Geht klar."

Der Rest war Warten. Nach einer halben Stunde klingelte sein Handy. Aber es war nicht Mary, sondern Ellen. Sie war eine alte Schulkameradin von Mardo, die inzwischen für die degewo arbeitete. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft war für viele Wohnungen im Kiez zuständig und Mardo hatte Ellen um Hilfe gebeten.
"Der Vormieter heißt Jakob Hundgeburth. Ist sehr kurzfristig ausgezogen."
"Was heißt das?"
"JVA Tegel. Ich kenne die Geschichte noch aus der Zeitung. Ist ja noch nicht so lange her."
"Und was hat er ausgefressen?"
"Er hat sich auf Falschgeld spezialisiert. Hunderter und Zweihunderter von bester Qualität. Hat die Blüten aber an einen V-Mann verkauft."
"Danke. Du hast mir sehr geholfen."
"Kein Problem."
Also darum ging es die ganze Zeit. Hundgeburth musste die Druckplatten versteckt haben, bevor er ins Gefängnis gegangen war.
Kurze Zeit später rief Mary an.
"Alles klar. Oderstraße 42, dritter Stock. In Neukölln."
Und dort konnte Kommissar Leber, den Mardo gleich darauf informierte, die beiden Herren dann abholen. Die Druckplatten fand die Polizei unter dem Wohnzimmerparkett. Die fällige Belohnung für die beiden gesuchten Komplizen von Hundgeburth und die beschlagnahmten Druckplatten teilten sich Lee und Mardo. Honorar wurde natürlich nicht fällig, die Privatdetektei Mardo war angesichts der Belohnung im vierstelligen Bereich recht großzügig. Und in einem kleinen thailändischen Lokal wurde am folgenden Tag bis in die späte Nacht gefeiert.

Mittwoch, 11. November 2009

Der Superseifenblasenmann


Hallo Freunde! Der Seifenblasenmann ist wieder in der Stadt und er hat wichtige Neuigkeiten zu berichten. Der Seifenblasenmann hat ein ungeheures Kontaktnetz aufgebaut, es ist sein Lebenswerk, und es kann durchaus passieren, daß er in Oslo eine Bar betritt und jemanden trifft, den er kennt. Wirklich! Überall sitzen die Informanten des Seifenblasenmanns und tuscheln beim Bier über die große Verschwörung. Der Seifenblasenmann ist der Gegenspieler des GROSSEN PLANS, der durch eine Reihe einflußreicher Leute aus Politik und Wirtschaft repräsentiert wird. Niemand kennt die genauen Ziele des GROSSEN PLANS, doch aus den tausenden von Mosaiksteinchen, die ihn täglich erreichen, entsteht ein zunächst noch unscharfes Bild auf dem Schreibtisch des Seifenblasenmanns. Es ist das Bild eines Netzes. Nächtelang sitzt der Seifenblasenmann über seinem schwarzen Notizbuch, macht rätselhafte Eintragungen und zeichnet winzige Diagramme. Ein Haufen Maschinen sind nötig, um dem GROSSEN PLAN entgegenzutreten, und sie stehen alle im Zimmer des Seifenblasenmanns, machen komische Geräusche und spucken bunte Zettel aus. Heiliger Scheißdreck von Antiochia! Unser tapferer Held ist in argen Schwierigkeiten, er macht sich Sorgen. Da hilft nur eins: Wirf dein dunkelblaues Cape über, Seifenblasenmann! Es ist soweit.

Der Seifenblasenmann, Folge 17: "Der böse Dr. Zodiac"

Dr. Zodiac ist das fiese Produkt einer gescheiterten Spekulantenlaufbahn, er hat ein Herz aus allerfeinstem Marmor und nur ein einziges Ziel: alle armen alten Omas in der Stadt kräftig übers Ohr zu hauen, um Geld für den GROSSEN PLAN zu bekommen. Gerade hat er, während er des Abends so über die Stadt fliegt, ein hilfloses Großmütterchen ausfindig gemacht. Erbarmungslos stößt er hinab und hat sein wehrloses Opfer innerhalb weniger Augenblicke in ein hypnotisierendes Gespräch über Auslandsaktien und ihre Renditemöglichkeiten verwickelt. Schon zückt Dr. Zodiac einen fertigen Sklavenvertrag nebst Federhalter, da kommt der Seifenblasenmann des Wegs.
"Ha!", schreit er, "Dr. Zodiac, der rücksichtslose Lakai des GROSSEN PLANS. Du übler Bursche, warte, Dir werde ich das Handwerk legen!" Der Seifenblasenmann holt ein geheimnisvoll aussehendes Röhrchen hervor, Dr. Zodiac wird kreidebleich.
"Liebe und Gerechtigkeit", murmelt der Seifenblasenmann beschwörend, "Liebe und Gerechtigkeit."
Da fällt die starre Maske des Bösen von Dr. Zodiac und er blickt in buntes Gefunkel, alles scheint zu schweben und zu tanzen. Er weint das erste Mal, seit er vor fünfzig Jahren als kleiner Junge beim Monopoly verloren hat. Er ist echt gerührt und wirft seine Aktentasche fort. Der Seifenblasenmann wird ihm helfen, der Seifenblasenmann hilft seinen unterlegenen Gegnern immer.
"Du kommst bei guter Führung nach zehn Jahren Greenpeace wieder raus, Alter."
Abends sitzt der unbesiegbare Seifenblasenmann wieder an seinem Schreibtisch und streicht fein säuberlich den Namen "Dr. Zodiac" von seiner Liste. Er beginnt glucksend zu lachen und tatsächlich perlen nun ein paar Seifenblasen aus seinen Mundwinkeln.
Der phantastische Seifenblasenmann! Als Comic, Schallplatte, T-Shirt, Zahnbürste, Bettwäsche, Klopapier und Waffe. Kauft Euch den Seifenblasenmann! Als Gummipuppe, Stofftier oder Poster. Überall im Handel. Jetzt zugreifen!

Vor ihm liegt ein uraltes Pergament. Jugenderinnerungen und alte, längst vergessene Sorgen quälen ihn. Obwohl es ein ungemütlich kalter Herbsttag ist, wirft sich unser Held das daunengefütterte Cape um und fliegt davon, um die üblichen Verdächtigen zu verhaften. Aber die Verhöre machen ihm auch keinen Spaß mehr. Wird es wieder einer dieser Sonntagnachmittage ohne nennenswerte Ereignisse? Seit er in der Stadt ist, werden höchstens noch ein paar Zeitungen geklaut. Und das wird auch bald aufhören.
Da! Ein Polizist hastet atemlos in sein Büro und schwenkt eine Meldung über dem Kopf. Wambo der Prächtige ist wieder in der Stadt! Er zuckt herum, unter seiner erschlaffenden Hand rutscht Vier-Finger-Nick vom Stuhl. Wambo der Prächtige, ein von der furchtbar mysteriösen Geheimorganisation C.D.U. (Charta diabolischer Unholde, Subunternehmen des verabscheuungswürdigen GROSSEN PLANS) geschaffenes Monstrum, bedroht alles Leben in der Stadt. Er bereitet sich auf einen kurzweiligen medienwirksamen Rettungseinsatz vor und hat bereits die morgigen Schlagzeilen vor Augen:
"Superseifenblasenmann rettet die Stadt."
"Glück und ein langes Leben für Superseifenblasenmann."
"1:0 für Superseifenblasenmann."
"Superseifenblasenmann trägt sich in das goldene Buch der Zeit ein."
Was unser Held zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: An diesem Morgen überqueren bei völliger Dunkelheit gepanzerte Einheiten der Betriebskampfgruppe "Walter Ulbricht" die Elbe bei Schlaf. Der Ort macht an diesem Tag seinem Namen alle Ehre und so bleibt der graue Trabant 500 zunächst unbemerkt. Auf der Rückbank sitzt der HONECKER. Während sich die bleifarbenen Schwaden des Zweitaktgemischs langsam legen, rollen einige Kleintransporter des Stahlkombinats "Roter Oktober" ächzend die Straße zum Marktplatz hinauf. Als gegen fünf Uhr die Zeitungsjungen den Platz passieren, weht bereits eine rote Fahne über dem Ort. Die Leuchtreklame des Supermarkts ist abmontiert, ein Holzschild mit der Aufschrift "Konsum" hängt nun über dem Eingang. Die entschlossen und grimmig dreinblickenden Genossinnen und Genossen der FDJ-Brigade "Josef Stalin" bilden mit Angehörigen anderer Einheiten trotzig eine Schlange vor dem Proviantzelt. Was war geschehen? Von aller Welt unbemerkt hatte der HONECKER alle Kräfte der Deformation um sich versammelt, um in die letzte Schlacht gegen das revanchistische Regime in Bonn zu ziehen. Etwa siebzig zu allem entschlossene Kommunisten sind nun hier versammelt, der Rest soll nach Beschaffung der nötigen Ersatzteile für ihre Transportfahrzeuge in den nächsten Wochen im Kampfgebiet eintreffen. Jetzt durchkämmen bewaffnete Gruppen den Ort und requirieren wahllos Südfrüchte und Damenstrumpfhosen. Der Gemeinderat wird in Ermangelung eines Gefängnisses kurzerhand in die Kirche gesperrt, Telefondrähte und Fernsehkabel werden zerstört. Die Abteilung Agitprop gibt eine provisorische Parteizeitung mit der Schlagzeile "Schlaf erwache!" heraus, in der Turnhalle wird das "ZK der SED" eingerichtet. Oha! Es wird Zeit, daß der Superseifenblasenmann endlich eingreift.

Der Superseifenblasenmann, Folge 32: "Die rote Flut"


Diesmal muß unser Held ein besonders kniffliges und aufregendes Abenteuer bestehen. Seit dem unglaublich lebensgefährlichen Kampf gegen den üblen Schurken DEAD HUNTER (Folge 29) ist die Gefahr für Frieden und Freiheit nicht mehr so groß gewesen. Als der Superseifenblasenmann schließlich seinen Anti-Kommunismus-Radar aktiviert, leuchtet ein kleiner Punkt in Mitteldeutschland auf: Schlaf. ‚Das letzte Aufflackern das Marxismus-Leninismus‘, schießt es ihm durch den Kopf, während er grimmig und entschlossen lächelt. Der HONECKER, diese megafiese Kreatur des GROSSEN PLANS, darf Bonn nicht erreichen. Jesses, ist das spannend! Ruhig nimmt er ein frisches Cape aus dem Schrank und klettert auf die Fensterbank. Der Superseifenblasenmann ist wieder einmal der Retter der Bedrängten, der Triumphator des Gerechten, der Gralshüter verbriefter Verfassungsrechte, der Beschützer der Hilflosen, der Spender von Licht und Wahrheit, der Erleuchter unserer Seelen, der Tröster in der ärgsten Not, der vertrauensvolle Gesprächspartner, das liebenswerte Vorbild – kurz: Ein Mann, dessen Symbol jeder von uns mit Ehre und Hochachtung tragen wird. Auf dem T-Shirt, der Unterwäsche, der Kaffeetasse, dem Auto, dem Hut usw.

P.S.: Dieser Text entstand im November 1989

Aus vollen Schubladen frisch gezapft



Einst stapfte der Bauer Hu Hu aus Wu-Wei über seine Reisfelder und kaute lustlos an einer Frühlingsrolle. ‚Widel velflucht slechte Elnte dieses Jahl‘, dachte er, als der Philosoph und Schwerenöter Peng Fei des Weges kam. Dieser fragte ihn: "Was blummmelst du denn da in deinen Balt, du altel Leisflessel?" Dann lachte er freundlich und sah dem schlitzäugigen Bauern tief in die Augen: "Na, Älgel gehabt?" "Ja", antwortete Hu Hu, "mil blummt del ganze Kopf vol lautel Älgel." Der Philosoph begann: "Siehst du die Lilien auf dem Felde? Tu es ihnen gleich und tlinke solglos den göttlichen Nektal del Sonne!" "Da sind doch übelhaupt keine Lilien", sagte da der Bauer und ging nach Hause, um sich ein Chop Suey zu machen.


Bestimmt benehmen sich alle Leute ganz albern, wenn sie allein sind. Dann schneiden sie Grimassen, springen herum, lachen, tanzen, pfeifen und bohren ungeniert in der Nase – kurzum: sie benehmen sich ungezwungen und natürlich. Zivilisation ist daher einfach die Unfähigkeit, gemeinsam normal zu sein. Da muß man sich über die vielen unglücklichen, kranken und aggressiven Menschen nicht wundern.



Geplanter Titel meiner Autobiographie: "Wunderbare Reisen zu Lande, zu Wasser und in der Luft, Raubzüge und lustige Abenteuer des Kiezschreibers Eberling, wie er dieselben bei der Flasche im Kreise seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt."


Ohne Zinn ist das Leben zinnlos.

Auf der Oranienstraße sehe ich den ultimativen Punk. Er ist etwa zehn Jahre alt, sitzt auf einem dieser grauen Verteilerkästen am Straßenrand und unterhält sich gerade mit seinem Kumpel. Schwarze Nietenlederjacke, knallrote Irokesenfrisur, das Gesicht zieren eine riesige Sonnenbrille und die obligatorische Sicherheitsnadel. Als ein typischer Berliner Doppeldeckerbus vor ihm hält, spuckt er aus vollem Halse gegen dessen Seitenscheibe (ich sehe das entsetzt zurück zuckende Gesicht einer alten Frau trotz der störenden Spiegelungen), hebt den Mittelfinger und sagt "Scheiß Busse!" Dann unterhält er sich seelenruhig weiter. Das wird mal ein zweiter Sid Vicious!

Direkt vor meinem Fenster im dritten Stock turnt ein Mensch im Baum herum. Es ist früher Morgen, ich setze mich an den Schreibtisch und dort sehe ich ihn, wie er Zweige und Äste abtrennt. Bei jedem möchte ich ihm zurufen: "Halt! Der war doch noch gut." Eben hat er herüber gesehen. Vielleicht fragt er sich, was ich hier schreibe, einen wichtigen Geschäftsbrief oder sonst etwas von Bedeutung. Dabei schreibe ich die ganze Zeit über ihn selbst. Er ist etwa in meinem Alter und muß von der hydraulischen Hebebühne, die unter ihm schwebt, in diesen Wipfel geklettert sein. Die Taube, die mir gegenüber im Geäst wohnt, ist erschrocken davon geflogen. Doch es sieht schon fast majestätisch aus, wie er – nicht mehr in Griffweite des Stammes – breitbeinig wie ein Fischer in seinem Kanu auf einem Ast steht und mit einer Sichel, die an einer langen Stange befestigt ist, nach einem unbekannten und geheimnisvollen Plan Teile des Baums heraus schneidet. Wie die Arbeiter, die neulich auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses zu sehen waren: heimliche Akrobaten, stille Künstler.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatten sie mir bereits einen anderen Kopf gegeben. Neugierig lief ich vor den Spiegel und betastete die noch etwas taube Haut, freute mich aber gleich über die großen schönen Augen, die ins Panzerartige übergehende Festigkeit der Wangen und den sehr zweckmäßigen Saugrüssel, der meine Fangzähne allerdings fast völlig verdeckte und sie so ein wenig ihrer schrecklichen Wirkung beraubte.
Achtung! Der chinesische Weise Juch He wurde in der Bahnhofsgegend gesichtet. Bitte halten Sie Türen und Fenster geschlossen und antworten Sie nicht auf philosophische Fragen!