Samstag, 11. April 2015

Der Schatz von Arcadia

„Sie erinnerte sich an die wunderbaren Lügen ihrer Kindheit, als sie sich eine Muschel ans Ohr hielt, die sie vom Urlaub am Meer mitgebracht hatte. Ihre Mutter hatte ihr damals erzählt, in dieser Muschel könne man das Meeresrauschen hören.“ (Andy Bonetti: Abschied von Delmenhorst)
Dichter Nebel lag über den Hügeln und die Zinnen einer Burgruine ragten grau und pathetisch aus dem milchigen Dunst. Der Kulissenmaler hatte ganze Arbeit geleistet. Es würde eine wundervolle Szene werden, bewegend, rührend. Ein angemessener Schluss, der den Kinozuschauer mit einem Gefühl von Stolz und Zufriedenheit über die gemeinsam bewältigten Abenteuer erfüllen sollte. John Hart war bereits in diesem Augenblick stolz und zufrieden. Ein schwieriger Drehtag lang hinter ihm. Sie hatten in einer unübersichtlichen Kulisse eine Dschungelszene mit echten Pavianen gedreht. Dafür mussten mehrere Kameras eingesetzt werden, denn einem Zuschauer konnte man es in den dreißiger Jahren unmöglich zumuten, eine Horde kreischender Affen direkt auf sich zukommen zu sehen.
John Hart hieß in Wirklichkeit Ambrose Plantagenet und verdankte seinen schauspielerischen Erfolg seinem edlen britischen Akzent, der vermuten ließ, er sei ein Oxford-Absolvent, aber ausschließlich das Ergebnis harten Trainings war, und seinen kantigen Gesichtszügen, die von einem winzigen Grübchen in seinem Kinn gekrönt wurden. Die Sonne Kaliforniens hatte sein Gesicht braun gebrannt. Über seinen Schultern lag ein leichter hellblauer Pullover, dessen Ärmel über seiner breiten Brust verknotet waren.
Als er das Studio betrat, hatte er sofort Rosetta Stone erblickt, die bereits an einem der langen Tische saß und ihn anlächelte. Sie war seine Filmpartnerin und war noch am Nachmittag mit einem formvollendet gespielten Ohnmachtsanfall in seine Arme gesunken. Als er gerade zum Buffet hinübergehen wollte, stellte sich ihm ein hagerer kleiner Mann in den Weg. Harold Falterman, der Regieassistent. Der King of Kassengestell mit seinem bemerkenswert unmarkanten Kinn. Eine jener unsichtbaren Existenzen, die wie Kobolde ihre Arbeit verrichteten, ohne von anderen jemals auch nur bemerkt zu werden.
„Mister Hart. Kann ich Sie kurz sprechen? Wir hatten das Thema schon einige Male in den vergangenen Tagen. Die ersten Szenen sind ja schon entwickelt und Mister Kensington hat sie sich angeschaut. Sie sind bei den Nahaufnahmen zu oft im Halbprofil, sie sollten knapp an der Kamera vorbeischauen. Sonst ist ihr Gesicht nicht richtig ausgeleuchtet.“
George Kensington, der übergewichtige Regisseur mit dem gewaltigen Glatzkopf. Reverend Rainmaker, wie er in Hollywood wegen der großen Erfolge seiner Filme genannt wurde. Der Mann, der den „Schatz von Arcadia“ zu einem Kassenknüller machen würde. Der aber leider nicht kapierte, dass John Harts dramatisches Heldengesicht erst richtig zur Geltung kam, wenn eine Hälfte im Schlagschatten seiner langen schmalen Nase lag.
„Ist Ihnen dieses Profil recht?“ fragte er den Regieassistenten und drehte ihm den Rücken zu. Am Tisch der Schauspieler lachten alle, als er Falterman einfach stehen ließ und zum Buffet ging.
Als er seinen Teller gefüllt und sich einen Becher Kaffee geholt hatte, setzte er sich neben Rosetta Stone. Sie kam aus Kansas, einem der vielen Staaten im Herzen Amerikas, aus denen sich ein unaufhörlicher Strom von sensationell dämlichen Typen und sagenhaft schöner Frauen an die Landesküsten ergoss. Ihr wirklicher Name war Betty Kowalski und sie hatte nicht den blassesten Dunst, was Rosetta Stone bedeutete oder was sie nach Abschluss der Dreharbeiten machen würde.
Sie strahlte ihn mit ihren hellgrünen Augen an. „Du warst wunderbar heute, John. Ich hatte wirklich ein wenig Angst vor diesen Affen.“
Hart grinste. „Du musst dich vor Leuten wie Falterman nicht fürchten. Ende des Monats ist Weihnachten. Ich werde ihm am Boxing Day ein Bild von uns beiden schenken." Der 26. Dezember wurde Boxing Day genannt, an diesem Tag bekam traditionell das Dienstpersonal seine Weihnachtsgeschenke von den Herrschaften und durfte Weihnachten feiern, da es ja am 25. seinen Dienstpflichten nachzukommen hatte.
„Was machst du an Weihnachten, John?“
Er sah ihr tief in die Augen. „Mit dir am Strand von Santa Barbara feiern, wenn du möchtest.“
Sie nickte lächelnd.
Bauhaus - She's In Parties. https://www.youtube.com/watch?v=QCg4i1f_oDY