Sonntag, 28. Februar 2021

Bilderwelten, Weltbilder 66

Heute ist in Düsseldorf Spaziergang-im-Park-aber-nicht-stehenbleib-Tag. Das muss dieser berühmte rheinische Humor sein.













Bonetti’s Delight

 

Heiß, heiß, Baby

Heiß, heiß, Baby

 

Haltet alle das Maul und hört mir zu

Das ist Bonetti mit seiner Crew

Hier fliegen keine Löcher aus’m Käse

Denn wir sind das konzentrierte Böse

 

Jeder Reim ist eine tödliche Kugel

Findet dich schneller als motherfuckin‘ Google

No way! Kein Ende des Tanzes ist in Sicht

Wenn es dunkel wird, sind wir dein letztes Licht

 

Wir schlagen in deinem Hirn ein wie LSD

Wie eine Riesenbong und reiner Schnee

Du hattest Zweifel und warst ganz unten

Endlich sind alle Probleme verschwunden

 

Dieser Rap trifft genau dein Bull’s Eye

An diesem Rap kommt keiner vorbei

Auf dich wartet eine ganze Galaxie

Kauf diesen Song und tanz wie nie

 

Heiß, heiß, Baby

Heiß, heiß, Baby


Stinkstevel on Twitter: "Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit kurz auf diesen jungen Herren richten dürfte: https://t.co/1SEHFjIShF" / Twitter

Samstag, 27. Februar 2021

Das Meer gibt keinen von uns zurück

 Blogstuff 565

„Einer alten Legende zufolge nehmen wir, wenn wir sterben, den Traum mit uns, der zuletzt in unserem Herzen war. Und in diesem Traum leben wir dann in alle Ewigkeit.“ (Ben Hecht: 1001 Nachmittage in New York)

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Demokratie den Klassengegensatz sozialstaatlich befriedet. Durch den Ausbau des Arbeitslosgengeldes, der Sozialhilfe, der Rente, der Krankenkassen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall usw. wurde das Bewusstsein, zur Arbeiterklasse zu gehören, ausgelöscht. Jeder hatte Kündigungsschutz, bekam bezahlten Urlaub und war krankenversichert. Nach dem Ende des Kommunismus in Europa 1990 drehten sich die Vorzeichen um, die Kapitalfraktion ging in die Offensive. Wieder wurde durch die gewählten Regierungen der Klassengegensatz befriedet. Aber diesmal durch Abbau des Sozialstaats, Senkung von Spitzensteuersätzen, Privatisierung von Volkseigentum (Energieversorgung, Telekommunikation, Post, Wohnungen usw.) und die Sozialisierung von Verlusten im Krisenfall (Bankenkrise, Pandemie).

Unsere Sprache ist nicht nur schön und wohlklingend, sondern auch äußerst elegant: Planfeststellungsverfahren, Doppelhaushälfte, Übergangsjacke, Hab-Seligkeit, Warentrenner, Bäckereifachverkäuferin, Pflanzenschutzanwendungsverordnung, Umschaltspiel, Zufriedenheitsgarantie, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Herrenausstatter. Und natürlich Personenvereinzelungsanlage für Drehkreuz.

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien wie Internet und Smartphone, von deren sozialem Organisationspotential die erste Generation von Nutzern einst geschwärmt hat, hat sein Vereinzelungspotential gezeigt. Je häufiger und je länger man die Meinungsmoleküle auf Twitter oder die egozentrischen Bildstrecken auf Instagram konsumiert, desto einsamer wird man.

„Also, auf den Schwanthaler Rudi lass ich nix kommen. Der ist schon in Ordnung und wenn er am Samstagabend im Wirtshaus seine Gedichte vorliest, ist immer eine Mordsgaudi. So manche Grantler im Dorf nennen ihn einen pummeligen Faulpelz oder einen mopsgesichtigen Nichtsnutz, aber der Rudi ist für mich ein Pfundskerl. Oft sind seine Sachen erst eine Stunde alt. Er hat sie auf Bierdeckel oder die Rückseite eines Kassenbons geschrieben, auf Zeitungsränder oder kleine Notizzettel, die er aus seinen Jacken- und Hosentaschen zieht. Eins hab ich noch irgendwo, sagt er dann immer, und die Leute lachen, weil sie wissen, dass er immer noch ein paar Reime auf Lager hat. So ist er halt, der Schwanthaler Rudi.“

Jan Böhmermanns investigativer Journalismus hat mit einer Quote von 18,6 Prozent (19. Februar) mit der Heute-Show gleichgezogen. Das öde Magazin „aspekte“, das er von seinem Sendeplatz verdrängt hat, kam noch nicht einmal auf ein Drittel der Zuschauer von „ZDF Magazin Royale“.

Menüvorschlag der Woche: Oktopusgröstl an Kastanienrisotto in Salbeisugo.

1945 HITS ARCHIVE: Who Threw The Whiskey In The Well? - Lucky Millinder (Wynonie Harris, vocal) - YouTube

Freitag, 26. Februar 2021

Der Kassenbon des Monats

Zur Feier des Geburtstags meiner Schwester vor vier Wochen und der zweiten Impfung meines Vaters Anfang der Woche gab es heute ein opulentes Familienessen, mit dessen Bestellung wir einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der hiesigen Gastronomie geleistet haben. Ich hatte Skrei mit Petersilienstampf und Möhren.

Anschließend war ich im Supermarkt und habe wieder einmal die Kassenbons fremder Leute gesammelt. Hier ein interessanter Fall. Wer kauft solche Mengen Fleisch und fast nichts anderes? Wenn ich den Schinken für 1,69 € auf 100 gr taxiere, komme ich auf  1,718 kg Fleisch. Hier hat offensichtlich ein Mann eingekauft, dem die Begriffe vegan und woke unbekannt sind. Aber ich befinde mich ja auch im Hunsrück. Das sollte mich also nicht wundern. Aber für wen sind die teuren Schnittblumen? Ist es ein Grill-Date? Grobe Bratwurst und rote Rosen?



Was sieht ein Journalist?


Morgens sieht er sich selbst im Badezimmerspiegel, er sieht seinen Kaffee, sein Müsli und das Handydisplay.

Dann sieht er den Straßenverkehr. Er sieht andere Autos. Andere Menschen sieht er nur verschwommen. Er hat keine Zeit, um auf sie zu achten. Er betrachtet eine rote Ampel und wartet.

In der Redaktion sieht er Menschen, die den gleichen Job machen wie er. Er sieht stundenlang auf den Monitor. Meldungen der Nachrichtenagenturen. Artikel und Kommentare konkurrierender Journalisten aus anderen Redaktionen. Zum Mittagessen sieht er ein belegtes Brötchen und eine Kaffeetasse mit einem lustigen Spruch.

Er sieht am Nachmittag die Kollegen in der Redaktionskonferenz. Er sieht wieder seinen Monitor, weil er noch einen kurzen Artikel über einen Streik in Berlin-Mitte schreiben muss. Vier Jahre Grundschule, neun Jahre Gymnasium, sechs Jahre Universität und zwei Jahre Volontariat befähigen ihn für diese Tätigkeit.

Anschließend betrachtet er die Welt ein zweites Mal für eine Weile durch die Windschutzscheibe.

Abends sieht er auf seinen Fernseher, auf seinen Computer, auf sein Handy. Vielleicht sieht er fantastische Welten in einem Computerspiel. Vielleicht sieht er auch seine Frau und seine Kinder.

Manchmal geht er mit Freunden in die Kneipe. Er hat dieselbe Hautfarbe, eine vergleichbare akademische Ausbildung und den gleichen Sozialstatus wie sie. Es geht um Aktien und Eigentumswohnungen. Über das lächerliche Leben im Prenzlauer Berg, das längst zum Klischee erstarrt ist, und das sie niemals ändern möchten.

Sie haben in Wirklichkeit nichts gesehen. Sie schreiben für uns. Sie sind unsere Augen und Ohren. Der Auflagenschwund ist dramatisch.

Loverboy - Working for the Weekend (Official Audio) - YouTube




Donnerstag, 25. Februar 2021

Sieben auf einen Streich

 

Es lohnt sich, im „Superwahljahr“ 2021 mal wieder auf die Tatsache hinzuweisen, dass es in unserem politischen System namens Demokratie strukturell nicht angelegt ist, das ökonomische System namens Kapitalismus zu ändern. Im Gegenteil ist die Demokratie der Burgwall, der die gesellschaftlichen Kräfte der Kritik am Kapitalismus absorbieren und umlenken soll. Nur demokratisch gewählte Parteipolitiker haben die theoretische Möglichkeit, das System zu verändern.

Alle anderen Formen wie Demonstrationen oder Petitionen besitzen nicht die Legitimation, die das Parlament besitzt. Daher sind sie regelmäßig zum Scheitern verurteilt. Daran ändert auch eine huldvoll gewährte Audienz für die klimabewegte Jugend bei Kanzlerin Merkel nichts. Wandelt sich eine kritische soziale Bewegung in eine Partei, wird sie Teil des Verteidigungssystems, das der Konzernkapitalismus zum Schutz seiner Interessen entwickelt hat, wie die Grünen eindrucksvoll beweisen.

Es ist auch müßig, auf die Erfahrungen von Weimar hinzuweisen. Der politisch interessierte Mensch weiß, dass der Kapitalismus seinen Burgwall neu streichen kann: von bunt zu braun. In den Medien wird es bewusst ausgeblendet, erfahrene Politiker sprechen von „marktkonformer Demokratie“, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Faschismus und Diktatur bilden noch immer das Drohpotential der herrschenden Klasse. Insofern kann man die Pandemie und die sie begleitenden Maßnahmen auch als willkommene Möglichkeit eines groß angelegten Manövers betrachten, um die Belastbarkeit der Bevölkerung in dieser Hinsicht zu prüfen. Das Volk gehorcht und ersetzt die wegbrechenden Profite der Konzerne mit Steuergeldern.

Wer persönlich Politik gestalten will, ist gezwungen, sich einer Massenorganisation anzuschließen und die „Ochsentour“ durch die zahllosen Hierarchieebenen einer Partei auf sich zu nehmen. Wer sich mit dem Ausfüllen eines Wahlzettels begnügt, findet ein reichhaltiges Angebot vor, das sich bei näher Betrachtung als uniformes Produkt in unterschiedlichen Verpackungen darstellt. Substanzielle Kritik am Warenfetischismus, an der Zurichtung des Menschen zum geräuschlos funktionierenden Arbeitnehmer und Steuerzahler, an ökonomischer Expansion um jeden Preis und irreversibler Umweltzerstörung ist nicht vorgesehen.

Die AfD als neue Partei ist nichts anderes als der rechte Flügel der Union, der in der Flüchtlingskrise in die Defensive geraten ist, und eine neoliberale Konkurrenzorganisation der FDP, die im Gründungsjahr der AfD, 2013, gerade aus dem Bundestag geflogen war. Den letzten Kritikern des kapitalistischen Systems bleiben die Kleinparteien, die regelmäßig im Burggraben namens Fünf-Prozent-Hürde absaufen. Echte Alternativen sind nicht vorgesehen. Wer sie sucht, bekommt schnell den Eindruck, er müsse sich gegen die gesamte Zivilisation stellen.

Wir haben keine Wahl im Wortsinn. Die Entscheidung, an den Wahlen nicht teilzunehmen, ist nicht nur das Resultat politischer Apathie und Resignation. Sie kann auch Ausdruck einer persönlichen Analyse der Herrschaftsverhältnisse sein. Viel Spaß beim Ausfüllen der Zettel und bei der spannenden Show mit den Hochrechnungen. Ich habe Besseres zu tun.  

The Outfield - Your Love (Official HD Video) - YouTube

 

Mittwoch, 24. Februar 2021

Gratis-Download: Die fünf besten Anlagetipps 2021

 

Blogstuff 564

„Er ist ein Sklave seiner Einfälle. Eine unsichtbare Macht, deren Quelle in ihm oder außerhalb liegen mag, lässt ihm keine Ruhe, bis er noch den letzten Mist, der ihm gerade durchs Hirn geflattert ist, zu Papier gebracht hat.“ (Goethe über Bonetti, in: Superbusen 11/97)

Früher hat man eine Frau kennengelernt, wenn man ihr von einem Baustellengerüst hinterher gepfiffen hat. Wie macht man das heute? Wegen der Maske fallen ja auch viele non-verbale Signale weg, mit Ausnahme des Mittelfingers.

Haben Sie schon mal in völliger Finsternis in Ihrer Badewanne gelegen? Und dann hören Sie drei harte Faustschläge an Ihrer Wohnungstür? Willkommen bei den Short-Plots von Bonetti Media.

Wenn man als dicker Mensch vor dem Fernseher sitzt, kann man die vielen Speckterrassen zur Ablage der Fernbedienung und der Snacks nutzen.

FDR wurde 33 Tage nach Hitlers Vereidigung zum Reichskanzler US-Präsident und starb 18 Tage vor ihm am 12. April 1945.

Bonetti Media, der Stützstrumpf der Demokratie.

TAZ-Schlagzeile: „Schwarzfußindianer wegen Rassismus angezeigt.“

Ich sitze auf der Parkbank und schreie die vorbeilaufenden Jogger an: „Vor wem läufst du eigentlich weg?“

Die Mitarbeiter von Bonetti Media bekommen jeden Morgen das Personal Briefing von der Geschäftsleitung: Arbeite hart, arbeite schnell, arbeite länger. Das macht die DNA des Konzerns aus. Deswegen ist Bonetti Deutschlands Blogger Nr. 1. Wir brauchen keine Gewerkschaft, wir verteilen Aktienoptionen.  

Wenn ich besser Fußball spielen könnte, wäre ich systemrelevant.

Leute, die glauben, mit der Corona-Impfung von Bill Gates gechippt zu werden, vertrauen auch auf Alexa und haben in jedem Zimmer einen Rauchmelder von der NSA.

Wir folgen Reizen wie die Tiere. Nahrung? Wir öffnen als Kind automatisch den Mund. Geld? Wir öffnen als Erwachsene automatisch die Hand. Lob? Erfolg? Wir schwimmen hinterher wie der dämlichste Goldfisch im Aquarium. Dann dürfen wir uns aber auch nicht darüber wundern, dass Politiker uns wie Kinder behandeln.

Wenn Covid-19 vorbei ist, muss Keith Richards Gitarrenunterricht nehmen.

Ich freue mich jede Nacht aufs Einschlafen. Meine Träume sind wesentlich interessanter als mein Leben.

1941 HITS ARCHIVE: The Booglie Wooglie Piggy - Glenn Miller (Tex Beneke & The Modernaires, vocal) - YouTube

 

Dienstag, 23. Februar 2021

Das Essen ist ausgezeichnet

 

Gisela und Hartmut Mörbel sitzen im Chez Pierre, einem Restaurant, das sich seinen Stern im Guide Michelin redlich verdient hat. Das Ehepaar Mörbel hat sich das Abendessen auch redlich verdient. Frau Mörbel hat den ganzen Tag in ihrer Anwaltskanzlei verbracht, Herr Mörbel ist Vorstandsvorsitzender der Mörbel Kieswerke AG.

Als Aperitif wählen sie ein Glas Champagner. Veuve Cliquot. Das ist Frau Mörbels Lieblingsmarke. Der Oberkellner stellt Ihnen das heutige Menü vor. Es klingt ausgezeichnet.

Als Vorspeise gibt es Gänseleberparfait mit karamellisierten Macadamia-Nüssen und getrockneten Aprikosen. Dazu trinken sie einen 2018 Scharzhofberger Riesling Kabinett, perfekt gekühlt und eine vorzügliche Begleitung zu den verschiedenen Aromen, die sich gerade an ihrem Gaumen entfalten.

Ihr Kellner heißt Gojko Zukanovic, aber sie beachten ihn gar nicht. Er ist seit über zehn Jahren in Deutschland und seit zwei Jahren im Chez Pierre. Im Bürgerkrieg in den neunziger Jahren hat er seine Eltern verloren, ein Bruder ist im Kampf gefallen, seine Schwester lebt in London. Nach dem Brexit fürchtet sie, ausgewiesen zu werden.

Als zweiten Gang gibt es Bressehuhn mit gedünsteter Artischocke und schwarzem Trüffel. Dazu ein Glas 2015 Grand Cru “Clos du Vougeot”. In der Küche garniert Hussam al-Sayed aus Syrien gerade einen Nachtisch mit Mandelsplittern. Er ist vor fünf Jahren über die Türkei und Griechenland nach Deutschland geflüchtet. Seine Frau und seine kleine Tochter leben immer noch in einem Flüchtlingslager auf Lesbos. Sie können nur telefonieren.

Die Krönung des Abends ist der Atlantik Hummer mit Imperial Kaviar, Baby Oktopus und Meerkräuter-Salat. Als Getränk serviert ihnen Gojko einen 2008 Jaspis Spätburgunder Alte Reben trocken. Im Nebenraum der Küche macht M’Bamakan Konaté gerade den Abwasch. Er kam vor einem Jahr mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer. Seine Frau ist bei der Überfahrt verdurstet. Er schickt jeden Monat Geld an seine Familie in Mali.

Zum Nachtisch gibt es frische Waldbeeren mit Valrhona Schokolade auf Crepes, dazu noch einen 2016 Chevalier-Montrachet Grand Cru. Der libanesische Küchenjunge, dessen Namen wir uns nicht merken müssen, hat die Beeren heute Morgen vom Großmarkt geholt. Die Mörbels sind zufrieden. Das Essen ist ausgezeichnet.

P.S.: Morgen früh kommt die weißrussische Ex-Journalistin Alina Swerewa zum Putzen. Auch sie hätte uns eine Geschichte zu erzählen, wenn wir ihr zuhören würden.

Richard Wagner -Rienzi- Overture - YouTube

Montag, 22. Februar 2021

Zahlen runter, Zahlen rauf – Seuche & Business

 

Blogstuff 563

„Denn die Zukunft ist immer ein Snob gegenüber der Vergangenheit, und schon immer hatte sie ihren Spaß auf Kosten der Naivität von gestern.“ (Ben Hecht: 1001 Nachmittage in New York)

Im Jahr 2071 werden die Menschen verwundert auf die Bilder unserer Gegenwart schauen. Vielleicht werden die älteren unter ihnen sogar so etwas wie sentimentale Rührung empfinden, wenn sie uns betrachten. Unsere altmodische Kleidung, unsere merkwürdigen Frisuren. Die klobigen Automobile, die wir noch von Hand bedienen mussten. Die albernen Reklametafeln. Die Modegeschäfte, wo man doch längst in vollautomatischen Bekleidungszentren, die ein 3-D-Modell unseres Körpers haben, maßgeschneiderte Klamotten bestellen kann, deren Muster und Stoff wir zuhause im Internet ausgesucht haben. Das verkeimte Bargeld, das von Hand zu Hand gewandert ist. Die grotesken Berufe, die man damals hatte. Vielleicht ist nur die Politik gleich geblieben.

Ein Sonntag im Februar. Es sind zwanzig Grad im Schatten und in der Sonne ist es fast schon zu warm, obwohl ich nur ein T-Shirt und Shorts trage. Die Bienen brummen von Blüte zu Blüte und im Garten des Nachbarn spielen die Kinder mit dem Hund. Das muss diese neue Normalität sein, von der alle sprechen.

Ich bin so alt, ich kenne nicht nur Raider, sondern auch den alten Milky Way-Riegel. Erinnerungsflimmern an den Rändern Ihres Monitors. Damals war das einfach ein Mars-Riegel ohne Karamellcreme. 1990 wurde die Rezeptur geändert (Todsünde!) und der Inhalt sah nun weißlich aus. Ich habe ihn probiert. Der Geschmack war einfach nur mies. Kein Vergleich. Damit war ich natürlich draußen.

Es sind immer die Migranten, die sich nicht assimilieren wollen, die den Hass der Rechten auf sich ziehen. Menschen, die ihrer Kultur und ihrer nicht-christlichen Religion treu bleiben möchten. Ferner sind es Menschen, die sich nicht assimilieren können, weil sie keine weiße Haut haben. Polen und Italiener sind darum nie Ziel des rechten Hasses, aber Muslime und Afrikaner. Juden leben seit 1700 Jahren in Mitteleuropa. Sie haben sich nie assimiliert, sind ihrer Religion treu geblieben, öffnen sie auch nicht für Konvertiten, heiraten meist untereinander und wagen es, sich für Gottes auserwähltes Volk zu halten. Sie hat der Hass schon immer in besonderem Maße getroffen. Diese Weigerung, sich unterzuordnen, erträgt der deutsche Herrenmensch nicht.

In den finsteren Winkeln der Psyche, in jenem Morast, den wir euphemistisch als Charakter bezeichnen, wächst der Hass, lange gedüngt durch Enttäuschungen und Demütigungen. Dann bricht er plötzlich hervor, gerne durch ein Erweckungserlebnis in der Gruppe, wo er sich explosionsartig vermehren kann wie ein Virus. Es gibt viele Beispiele in der Geschichte, QAnon und Querdenker sind aktuelle Erscheinungen dieses Phänomens.

The Beta Band - Dry The Rain ( High Audio Quality ) - YouTube

Sonntag, 21. Februar 2021

Aufstieg und Fall von Fatty Arbuckle, dem Erfinder der Tortenschlacht

 

Roscoe “Fatty” Arbuckle war 1921, vor genau einhundert Jahren, auf der Höhe seines Ruhms. Er war der erste Schauspieler der Welt, der mehr als eine Million Dollar im Jahr verdiente. Aber sein Skandal gab Hollywood den Ruf eines Sündenpfuhls, den es bis heute nicht mehr losgeworden ist.



Fatty wurde 1887 in Kansas geboren und hatte acht Geschwister. Seine Mutter starb früh und mit elf Jahren musste er bereits als Laufbursche in einem Hotel arbeiten. Er sang bei der Arbeit und wurde von einem Profi-Sänger entdeckt, der ihm einen Auftritt in einer Talentshow vermittelte. Fatty fiel vor Aufregung in den Orchestergraben, das Publikum tobte und so begann seine Karriere am Vaudeville, den Kleinkunstbühnen in Amerika. Ab 1904 ging er mit einer Theatergruppe auf Tournee und wurde bald der Star des Ensembles.

1908 heiratete er und tourte durch China und Japan. 1909 begann er seine Filmkarriere bei der Selig Polyscope Company, die 1896 von dem Magier William Selig gegründet worden war. In dieser Zeit versuchte der berühmte Tenor Enrico Caruso, ihn zu einer Ausbildung als Opernsänger zu bewegen, weil er von Fattys Stimme begeistert war. Aber Arbuckle blieb dem Stummfilm treu.

1913 gab es die erste Tortenschlacht der Filmgeschichte in „A Noise from the Deep“. Arbuckles Erfindung ist bis heute ein fester Bestandteil der Komödie. Ein Jahr später ging er zu Paramount Pictures und verdiente tausend Dollar am Tag plus 25 Prozent der Einnahmen an den Kinokassen. 1918 bekam er einen Drei-Jahres-Vertrag über drei Millionen Dollar, das entspricht etwa 50 Millionen Euro. Fatty war jetzt ein Star. Er förderte den Briten Charlie Chaplin und entdeckte Buster Keaton und Bop Hope. Er hasste allerdings seinen Künstlernamen. Manche Fans nannten ihn auch „King of Whales“.

Und dann kam der Skandal. Am 5. September 1921 nahm er sich mit zwei Freunden aus dem Filmgeschäft drei Hotelzimmer in San Francisco. Sie luden ein paar Freundinnen ein und machten Party. Während dieser Feier erkrankte die Schauspielerin Virginia Rappe und ein Arzt wurde gerufen. Er stellte lediglich einen starken Alkoholrausch fest, doch sie starb drei Tage später an einer Bauchfellentzündung infolge eines Blasenrisses. Eine der anwesenden Frauen beschuldigte Arbuckle, sie vergewaltigt zu haben. Er soll sie durch sein Körpergewicht erdrückt haben. Bei der anschließenden Autopsie konnten jedoch keine Anzeichen einer Vergewaltigung festgestellt werden. Zudem litt Virginia Rappe an chronischer Blasenentzündung. Fatty stritt die Tat vehement ab.


Das Hotelzimmer nach der Party.

Es gab insgesamt drei Prozesse, am Ende wurde Arbuckle freigesprochen. Aber die Presse hat ihn längst zum Sündenbock gemacht, er war das Symbol der verfallenden Sitten in Hollywood. Fattys Ruf war zerstört und seine Karriere zu Ende. Moralapostel im ganzen Land hatten die Todesstrafe für ihn gefordert und die Studiobosse forderten seine Kollegen auf, sich von ihm zu distanzieren. Arbuckle wurde heroin- und alkoholsüchtig. 1931 gelang ihm noch ein kurzes Comeback. Am 29. Juni 1933, kurz nach dem Ende der Dreharbeiten an seinem letzten Film, starb Roscoe „Fatty“ Arbuckle an Herzversagen. Seine Asche wurde in den Pazifik gestreut.

Einige von Fattys Gags wurden später von Chaplin, Keaton und anderen übernommen: Best of Roscoe "Fatty" Arbuckle silent comedy - YouTube

Samstag, 20. Februar 2021

Bilderwelten, Weltbilder 65


 










Leck mich am Arsch, Bonetti wird gendersensibel


Blogstuff 562

„Die Einkünfte aus meinen Büchern reichen inzwischen für Kaviar und Champagner. Eines Tages werde ich so weit sein, davon auch meine Wohnung bezahlen zu können.“ (Oscar Wilde)

Es heißt jetzt nicht mehr Aktionär, sondern Person mit Aktienbesitz. Aus den Alkoholikern werden nicht etwa Alkoholiker*innen, sondern Alkoholsüchtige. Aus den Amateuren werden Beginnende. Aus dem Anbieter wird die angebotsmachende Person. Anhänger sind Unterstützende. Der Astronaut ist eine ins Weltall reisende Person. Marxisten müssen jetzt ganz tapfer sein. Die Arbeiterklasse wurde abgeschafft. Es gibt nur noch die arbeitende Klasse. Nächste Woche: das B.

Geschickt gendern – Das Genderwörterbuch

Der aggressive Nihilismus saturierter Senioren, die man für nichts mehr begeistern kann, weil sie alles zu kennen glauben. Für manche Menschen ist der Tod eine Erlösung vom Sein.

Wenn die Natur zu Besuch in der Stadt ist, im Winter beispielsweise in Form von Schnee, wird der Stadtmensch misstrauisch und der Zeitungsmensch noch viel misstrauischer. Droht das Verkehrschaos oder eine Wetterkatastrophe? Wir könnten uns auch einfach über die unschuldige Schönheit, über die in der Sonne leuchtende weiße Pracht freuen. Das kleine Schauspiel vollzieht sich selten genug und ist auch nicht von Dauer. Aber die meisten Menschen ziehen es vor, argwöhnisch aus dem Fenster zu schauen, bevor sie sich wieder ihren Computer-Monitoren, Handy-Displays und Fernsehbildschirmen zuwenden.

Der Trümmerhaufen des Wolkenkratzers war pyramidenförmig und besaß ein kleines Plateau auf der Spitze. Hier saß ein aztekischer Priester und vollführte sein Ritual. Vor der Pyramide stand ein Ägypter und fragte sich, wer hier wohl begraben lag.

Wenn ich auf dem Weg von einem bayrischen Gasthaus nach Hause den Kellner parodiere („Wuist no a Hoibe?“), ist es nicht ausländerfeindlich. Schließlich sind die Bayern ja keine Ausländer. Wenn ich es auf dem Rückweg von einem österreichischen Lokal mache („Mecht der gnädige Herr no an Verlängerten, bittscheen?“), ist es auch nicht weiter schlimm, obwohl der Österreicher ja ein Ausländer ist. Wenn ich es aber auf dem Rückweg von einer Pizzeria mache („Darf ich Ihne bringe no eine Espresso auffe die ’ause?“), bin ich ein Rassist. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, ich käme aus einem koscheren Restaurant.

Ich hau jetzt mal eine knallharte Prognose raus, an die sich 2024 niemand mehr erinnern wird, wenn es soweit ist: Die Republikanische Partei wird Ivanka Trump als Präsidentschaftskandidatin aufstellen.

Querdenker und Corona-Leugner leiden unter dem Märtyrersyndrom. Sie erwarten ihre Internierung in Lager, Zwangsimpfung inklusive Ortungschip und eine menschenfeindliche Diktatur, während das gewöhnliche Leben einfach weitergeht und man ihnen nur mit Gleichgültigkeit, schlimmstenfalls mit Spott begegnet.   

Beloved - YouTube

Freitag, 19. Februar 2021

CDU - It's magic

Man muss halt nur die CDU machen lassen. Jedenfalls ist das Problem mit dem Rechtsextremismus gelöst. Früher hat ein Schamane ein Wort auf einen Zettel geschrieben und es in einem magischen Ritual verbrannt. So schafft man die Dinge aus der Welt, folks! 

connect on Twitter: "Rechtsextremismus ist für die Tonne. Heute, ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag in #Hanau, wollen wir gemeinsam zeigen, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus oberste Priorität hat. Dafür braucht es alle. Auch Dich! Mach mit & zeige Haltung. https://t.co/u3kRX1Evxm" / Twitter

Sie sind gefeuert!


„Ihre wildesten Drohungen und Untergangsprophezeiungen und ihr endloser Redeschwulst haben die Tendenz, von Tag zu Tag mehr zu verblassen und auf der Totenbahre der Zeit zu landen. Hierin liegt eine uralte Lektion für alle Schreiber: dass der Sturm unbeständiger ist als das Meer und dass all die Ängste, die uns verstören, (…) auf Dauer gesehen von geringem Interesse sind (…).“ (Ben Hecht: 1001 Nachmittage in New York)

Ingo Waschewski hatte Theaterwissenschaften und Medientheorie studiert, danach hatte er eine Zusatzausbildung zum Psychodramatiker gemacht. Er hatte gerade ein Praktikum beim Charlottenburger Tageblatt angefangen und stand vor dem Schreibtisch des Chefredakteurs.

„Sie sind also der Neue?“

„Ja, Herr Sternburg.“

„Wir werden Ihnen den Job von der Pike auf beibringen. Gehen Sie raus auf die Straße und bringen Sie mir ein paar Geschichten. Verstanden?“

Waschewski schlenderte durch die Straßen und hielt die Augen offen. Aber es passierte nichts. Also setzte er sich in ein Café und studierte auf seinem Handy den aktuellen Polizeibericht. Vielleicht gab es eine gute Story. Aber der ganze Mist – Drogenhandel, Schlägereien, Autounfälle – interessierte ihn nicht. Die Kellnerin brachte ihm seinen Milchkaffee.

„Haben Sie nicht eine gute Geschichte für mich?“ fragte er sie.

Da gerade wenig zu tun war, erzählte ihm die Kellnerin von ihrem kleinen Sohn. Er hatte einen Gehirntumor und sie war völlig verzweifelt. Es war allerdings ein gutartiger Tumor und die Operation war gut verlaufen. Nach vier Wochen in einer Reha-Klinik in Brandenburg war er wieder zuhause und würde in diesem Sommer in die Schule kommen. Er spielte schon wieder mit seinen Freunden aus dem Kindergarten.

Was für eine schöne Geschichte. Waschewski machte sich Notizen. Da setzte sich ein älterer Herr an den Nachbartisch.

„Sie sind wohl Schriftsteller“, sagte der Mann.

„Nein, ich mache gerade ein Praktikum bei einer Zeitung und soll Geschichten sammeln.“

„Dann passen Sie mal auf.“ Bei einem Bier und einem Obstler erzählte der Alte von seiner Zeit im Theater. Er hatte an den Boulevardbühnen auf dem Ku’damm gearbeitet. Mit Harald Juhnke, Hildegard Knef und Günter Pfitzmann hatte er auf einer Bühne gestanden. Er hatte ein paar schöne Anekdoten, wie sie nach der Vorstellung noch in den Kneipen versackt waren.

Waschewski schrieb eifrig mit.

„Ich habe die Telefonnummer von einem Freund, der auf Borneo tolle Abenteuer erlebt hat. Wollen Sie ihn mal anrufen?“

Waschewski rief an. Der Mann am Telefon erzählte, er hätte als Tierschützer gearbeitet und etliche Orang-Utans gerettet. Vom Kampf gegen Brandrodung und Umweltzerstörung.

Als Waschewski in die Redaktion zurückkam, klopfte er gleich beim Chefredakteur an.

„Das ging ja schnell“, sagte Sternburg erfreut.

„Ich habe drei großartige Stories“, begann der Praktikant und erzählte.

„Was soll ich mit dem Scheiß?“ fragte Sternburg. „Ich brauche Mord, Totschlag oder einen Bandenkrieg. Das wollen die Leute lesen.“

„Aber ich würde gerne positive Meldungen bringen“, widersprach Waschewski.

„Sie sind ja völlig übergeschnappt“, brüllte der Chefredakteur. „Sie sind gefeuert! Verschwinden Sie!“  

RSS Disco - White Bird - YouTube

 

Donnerstag, 18. Februar 2021

Gaukler und Possenreißer

 

Blogstuff 561

„Jedenfalls ist es besser, ein eckiges Etwas zu sein als ein rundes Nichts.“ (Friedrich Hebbel)

Wenn der Weg das Ziel ist, kann ich doch stehenbleiben. Dann bin ich schon da, oder? Versteh ich nicht.

Warum sind Smoothies so ein Erfolg? Weil sie uns das lästige Kauen von Obst sparen.

Es ist das absolute Highlight der Woche: Ich dusche endlich mal wieder, rasiere mich, putze mir gründlich die Zähne, klatsche mir das teure Aftershave auf die Backen, ziehe mir meinen Sonntagsanzug an, stecke eine Blume ins Knopfloch – und dann fahre ich zu Rewe einkaufen.

Ist Übergewicht eine schwere Krankheit?

Wer Parlamentsgebäude stürmt, kennt den konkreten Ablauf der Demokratie nicht.

Werden wir in Berlin jemals wieder in Teenagerkotze ausrutschen? #lockdownverlaengerung

Ausraststätte

Der größte Kritiker des Schweins / War früher selber eins

Wenn man früher einen kaputten Schuh hatte, ging man zum Schuster. Ich kann mich noch an seine Werkstatt in der Ingelheimer Bahnhofsstraße erinnern. Es duftete herrlich nach Leder, sehr intensiv. Der Mann war kein einfacher Dienstleister, sondern ein Handwerkermeister, dem man sich mit Ehrfurcht und Respekt näherte, so als wäre er ein Schuhdoktor.

Vergesst niemals den Namen von Chuck Wörlpulinger. Mit seinem Bachelor in Numismatik steht ihm eine große Zukunft bevor.

Wenn man die Hierarchie eines Unternehmens verstehen möchte, setzt man sich einfach in die Kantine und beobachtet die Leute. Am schönsten Tisch, direkt am Fenster, sitzt der Chef mit seinem Hofstaat. Am Tisch daneben sind die Arrivierten und Karrieristen. In den dunklen Ecken sitzt das Fußvolk. Dann gibt es noch den Frauentisch. Und der Typ, der allein am Tisch vor den Toiletten sitzt, ist der Neue. Höchststrafe: Du wirst an den Cheftisch gerufen und bekommst coram publico einen Anschiss, der sich gewaschen hat.

Kommentatoren sind ausgeprägte Kulturfolger, die sich erfolgreich in von Bonetti Media geschaffenen Lebensräumen etablieren konnten. Sie haben eine ambivalente Rolle in vielen Kulturen weltweit: Einerseits werden ihnen Klugheit und Humor unterstellt, andererseits werden sie als Unheilsbringer und Schädlinge bekämpft.

Irgendwo auf der Welt (Somewhere in the World) - Comedian Harmonists - YouTube

 

Mittwoch, 17. Februar 2021

Wichtelbach kommt nicht zur Ruhe

 

Manchmal ist in einer Stunde hier im Dorf mehr los als in Berlin. Erst landet eine Armada von Wildgänsen auf einer Wiese am Dorfrand. Sie veranstalten einen Heidenlärm, offenbar sind sie gerade aus dem Süden zurück und ganz aufgeregt. Der Frühling ist da. Ich kippe das Fenster vor meinem Schreibtisch, um es besser hören zu können. Kurz danach die Sirene am Feuerwehrhaus. Es ist etwas passiert! Der Übungsalarm ist immer dienstags um 18 Uhr. Dann höre ich Fahrzeuge mit Sirenen durch das Dorf rasen. Wenige Minuten später landet ein Rettungshubschrauber mit großem Getöse auf der Wiese vor der Schlossgartenhalle. Was für eine Aufregung. Hier in Wichtelbach kommst du nicht zum Arbeiten. Völlig unmöglich. Hektik des Landlebens.

Wollt ihr die totale Freizeit?

 




Bonetti fährt Skateboard


Blogstuff 560

„Es gibt Tage, wo das Leben übertrieben flau ist. Zu Bett gehen; weiter hilft nichts mehr.“ (Heinrich Mann)

Ich stand nur ein einziges Mal auf einem Skateboard, das war in den siebziger Jahren. Ich stellte erst meinen rechten Fuß auf das Ding und wollte dann den linken Fuß nachholen. Alles woran ich mich erinnern kann, ist ein bunter Wirbel von Bildern. Ich landete auf der Straße und hatte am Knie ein Loch in meiner nagelneuen Hose. Meine Mutter war begeistert und nähte zur Strafe knallrote Lederherzen auf beide Hosenbeine. So musste ich in die Schule gehen. Ich sah aus wie ein Kindergartenkind. Mit fünfzehn. Ich habe in dieser Hose meinen Führerschein gemacht und hatte mein erstes Date. Ich bin über das erste Date nie rausgekommen. Was passiert beim zweiten Date? Bietet man sich das Du an?

Nicht vergessen: Wenn Corona hinter uns liegt, haben wir immer noch Armin Laschet.

Dreimal machte Deutschland im 20. Jahrhundert die Erfahrung eines Wandels zur Demokratie und jedes Mal war diese Zeit mit Not und Elend verbunden. 1918 befreiten sich die Deutschen von Monarchie und autoritärem Militärstaat, es folgten Hunger, Massenarbeitslosigkeit, Inflation und eine Seuche („Spanische Grippe“). Mit dem politischen Aufbruch verband sich das Gefühl der Niederlage und der Ausgrenzung (Versailler Vertrag, Völkerbund ohne Deutschland). Die Siegermächte achteten darauf, dass Deutschland einen bürgerlichen Parlamentarismus bekam und nicht in Richtung Bolschewismus abdriftete. 1945 wurden die Deutschen vom Nazi-Staat befreit und bekamen von den Alliierten quasi eine Demokratie auf Rezept. Es war die Zeit des Zusammenbruchs, des Elends in den zerstörten Städten, der Kriegsverbrecherprozesse, der endlosen Züge der Vertriebenen aus dem Osten. 1990 machten die Ostdeutschen eine ähnliche Erfahrung. Sie bekamen mit der Demokratie zugleich Massenarbeitslosigkeit, eine zusammengebrochene Wirtschaft und die Demütigung durch die Sieger aus dem Westen. Den Satz „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ hört man darum regelmäßig. Den Satz „Ich bin stolz, ein Demokrat zu sein“ hört man nie.

Traum: Es klingelt und ich öffne dem Pizza-Boten die Haustür. Er drückt mir einen Kassenbon von einem halben Meter Länge in die Hand und geht an mir vorbei. Ich laufe ihm nach. Er geht durch das Wohnzimmer und das Esszimmer in die Küche. Dort steht ein zweiter Mann vom Pizzadienst und hat einen Fragebogen in der Hand. Er stellt mir Fragen zu meinen Freunden und meiner Familie. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze, auf der steht: Jogi Löw Rücktritt. Erst jetzt merke ich, dass sie mir einen Streich spielen. Durch die offene Haustür kommt ein dritter Mann in die Küche. Er sieht genauso aus wie ich und trägt auch die gleichen Klamotten. Er sagt: „Einer von uns beiden muss gehen.“ Ich wache auf und wundere mich, dass ich im Elternschlafzimmer bin. Ich höre ein Rauschen aus dem Bad und gehe hin. Die Toilette ist kaputt, das Wasser läuft aus der Wand. Überall sind Schalter und Wasserhähne, aber egal, was ich drücke oder zudrehe, das Wasser läuft weiter. Dann merke ich, dass das Bad weiß gekachelt ist, mein Bad ist aber grün. Ich träume, stelle ich erleichtert fest und wache auf.

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Dienstag, 16. Februar 2021

Bonetti Media Home Entertainment präsentiert: Götterdämmerung


Es war Winter und die Revolutionäre hatten den Zarenpalast gestürmt. Es war gerade niemand zuhause und die Terrassentür war nicht abgeschlossen. Die rote Garde konnte ihr Glück kaum fassen. Andächtig schweigend streiften sie durch das prachtvolle Anwesen und staunten über die zahlreichen Gemälde und goldenen Kerzenhalter.

Im Tanzsaal bildeten sie einen Stuhlkreis und setzten sich, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

„Hallo erstmal, ich bin der Holgi und soll das Treffen leiten.“

„Hallo, Holgi“, riefen alle im Chor.

„Habt ihr denn Vorschläge, was wir jetzt machen sollen?“ fragte er.

Anke meldete sich. „Also, ich finde, das mit dem Klima ist total wichtig. Wir müssen unbedingt was für den Klimaschutz machen.“

„Wir könnten die Heizung und den Strom abstellen. Jetzt gleich“, sagte Uwe.

„Ich denke, wir sammeln erstmal Ideen und überstürzen nichts“, sagte Holgi, der nur eine Jeansjacke anhatte.

„Ich habe jede Menge Hefe. Wir können zusammen Brot backen“, rief Thorben.

„Wir müssen das Geld abschaffen. Das ist unser Unglück. Ohne Geld kein Kapitalismus“, wusste Jutta.

Alle applaudierten spontan.

„Die Produktionsmittel müssen vergesellschaftet werden. Keine Herren, keine Knechte. Solidarische Produktion und nur das Lebensnotwendigste“, dozierte Stefan.

„Vegane Ernährung. Wir werden kein Fleisch mehr essen, keinen Käse und keine Eier“, sagte Tanja.

„Das sind echt viele gute Vorschläge. Danke, Genossinnen und Genossen. Ich habe alles aufgeschrieben. Mein Vorschlag wäre: Wir legen unser letztes Geld zusammen, bevor wir das Kapital endgültig abschaffen, und gehen noch mal richtig einkaufen. Und wir gehen nachher mal runter in den Weinkeller und gucken, was da so los ist.“

Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer revolutionären Tage. Und das kam zwei Monate später, als Bonetti aus seinem Winterurlaub auf den Malediven zurückkam. Er stürmte in den Saal, schoss mit seiner Jagdflinte dreimal in die Decke, dass der Putz nur so hagelte, und jagte den ganzen blutleeren Haufen von Schwätzern und Taugenichtsen auseinander.  

Brainticket - Places of Light - YouTube

Montag, 15. Februar 2021

Live aus Mainz: Rosenmontag

Ich bin gerade in Mainz angekommen. Was ist los, liebe Närrinnen und Narrhallesen? Keine Stimmung, keine Leute, keine Musik. Ich habe extra ein Indianerkostüm angezogen, um gegen die identitätspolitische Gesinnungsdiktatur zu protestieren. War die Fastnacht nicht auch immer schon eine Gelegenheit, sich gegen die staatliche Obrigkeit aufzulehnen? Saturnalien als gesellschaftliches Ventil und so? Die wenigen Menschen, die ich in der Ferne sehe, sind alle als Arbeitnehmer und Konsumenten verkleidet. Irgendwie gruselig.   


Sons Of The Pioneers - Tumbling Tumbleweeds (The Big Lebowski BSO) | La Gran Fiestoski - YouTube

Bonetti – Überleben ist seine Rache

 

Blogstuff 559

“People will remember you better if you always wear the same outfit. Scientists have invented a love drug, but it only works on bugs. The Space People will contact us when they can make money by doing so.” (Talking Heads)

Wer schreibt, verändert nichts. Wer verändert, schreibt nicht.

„Das ist kein Bierbauch. In diesem Bereich habe ich die wertvollen Omega-3-Fettsäuren gespeichert.“

+++breaking news+++Bekanntlich will Bill Gates alle Menschen chippen, um die Weltherrschaft zu erlangen. Es sind Nano-Bots in Supermärkten aufgetaucht. Essen Sie kein Obst und Gemüse! Wenn Sie nicht zu einem seelenlosen Roboter werden wollen, dürfen Sie nur Hamburger und Pizza essen+++breaking news+++

Der neue Trend: Einfach keine Meinung haben.

Ich will keine Milliarden, mir genügen Millionen.

Wie praktisch: Karfreitag fällt immer auf einen Freitag und Ostermontag immer auf einen Montag.

Es ist schick geworden, niemandem mehr zu vertrauen. Nihilismus in Reinkultur. Die Politik lügt, die Wissenschaft lügt, die Medien lügen, die Unternehmen lügen, der Nachbar lügt, der Kollege lügt. Alle sind sie fremdbestimmt und von fernen Mächten gesteuert, die wir nicht kennen können. Auf was können wir uns verlassen? Ist die Erde eine Kugel? Bin ich der Vater meines Kindes? Gibt es noch Recht und Gesetz? Ist alle Welt Lüge? Wir können uns mit dieser Denkmode bis in den kollektiven Irrsinn bringen. Das ist kein Problem.

Wird es bei der Fußball-WM 2022 in Katar Stadionwurst und Bier geben?

Was fehlt: Kardinal Woelki, der Ajatollah Khomeini von Köln. Die Firma mit dem Kreuz-Logo.

Wenn Sie mit Ihrer Erzähling eine Kulturikone schaffen wollen, muss Ihre Hauptfigur einen unvergesslichen Satz sagen. Zum Beispiel „Asta la vista, baby“, „Yippie-Ya-Ye, Schweinebacke“ oder „Möge die Macht mit dir sein“. In der berühmten Westernserie Ricky Laredo von Bonetti Media ist es der Spruch „Ich will den ganzen Käse“.

Aufgrund meines phantastischen Body-Mass-Index bin ich jetzt in Impfgruppe 2, die ab Anfang April dran ist. Tipp: Man kann sich bis dahin auch eine Leberzirrhose ansaufen und rückt ebenfalls in Gruppe 2. Die einen haben sich hochgearbeitet, die anderen haben sich hochgeschlafen – ich habe mich hochgefressen. Sie können sich hochsaufen. Wir leben in einem wunderbaren Land.

P.S.: Kai Diekmann und Karl-Theodor zu Guttenberg haben jetzt Beraterverträge bei Bonetti Media. Gute Leute!

Draggin the Line - Tommy James - YouTube

Sonntag, 14. Februar 2021

Die Kunst und das Leben

 

Neulich habe ich einen autobiographischen Roman über Michelangelo gelesen. Kunst lernte man damals in der Werkstatt eines Meisters. Kunst war ein Geschäft wie jedes andere auch. Man hatte Kunden, Aufträge und Arbeit – wenn man gefragt war. Heute ist das Berufsbild des Künstlers, vor allem des Schriftstellers, wesentlich mehr von Romantik geprägt. Kunst und der schnöde Mammon? Das gehört nicht zusammen. Der Künstler ist arm, er ist ein verkanntes Genie und er hat im Laufe seines Lebens viele Verletzungen erlitten, die ihn für einen gewöhnlichen Brotberuf wie Metzger oder Maurer unfähig machen.

Während in der Renaissance der Beruf des Schriftstellers noch relativ unbekannt war, der Buchdruck war ja gerade erst erfunden worden, gibt es heute vergleichsweise viele Menschen, die versuchen, vom Schreiben zu leben. Aber die erfolgreichen Autoren haben sich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht der Kunst gewidmet, sondern recht unverblümt dem Kommerz. Berühmte Autoren wie Stephen King oder Michael Crichton schreiben Horrorromane, Thriller und Krimis. Wer auf dem begehrten Stapel an der Kasse der Buchhandlung landen will, sollte sich von Begriffen wie Literatur und Poesie verabschieden und seinen Weg mit Monstern und Leichen pflastern. 

Der Literat hat ein Außenseiter zu sein, ein Bohémien, der sich über materielle Dinge keine Sorgen machen muss, weil seine Kunst weit über der Sphäre des gewöhnlichen Broterwerbs steht. Er soll nicht über Mietrückstände und sein leeres Konto sprechen. Wir wollen von ihm keine Klagen hören. Er hat sich der mönchischen Lebensweise, der kargen Einfachheit des Lebens in einer spärlich ausgestatteten Eremitage hingegeben und nur in dieser Reinheit der minimalistischen Existenz möchten wir ihn sehen. Wir erlauben ihm Alkohol und Drogen, Rausch und Wahnsinn, weil sie Teil dieses Lebens am Rande der Gesellschaft sind. Aber wir wollen kein Gejammer hören, gerade in Zeiten der Pandemie nicht, denn er ist letztlich nicht systemrelevant.

Ace - How Long HD - YouTube