Samstag, 31. August 2019

Strange Machine



Im Gegensatz zu anderen Diskotheken mit ihren grellen Leuchtreklamen und dem Lärm hatte der Eingang zum Club in Ingelheim immer etwas Geheimnisvolles und Verwunschenes, so als würde man einen Zaubergarten betreten.
Den offiziellen Namen „Strange Machine“ verwendete niemand. Auch das Wort „Disco“ fiel nicht. Man ging in den Club. Das Berghain in Berlin kopierte Jahrzehnte später das Konzept. Hauptstadt-Epigonen …
Es war immer dunkel und man musste hinter der Eingangstür eine elend lange Treppe hinunterlaufen, bis man in den schalldichten Katakomben angekommen war. Rätselhafte Zeichnungen an den Wänden, viele Menschen, lange Haare, dichter Rauch.
Ich war so oft dort und habe trotzdem so wenig Erinnerungen. Manchmal stand ich neben dem DJ am Mischpult und legte Lines oder baute Joints. Manchmal starrte ich einfach mit einem Cola-Schoppen in der Hand auf die Tanzfläche. Du hast immer Leute getroffen.

Im Vorraum liefen Videos, in einem Seitenraum standen Flipper. Einmal habe ich im Zorn mit einem Fausthieb die Scheibe eines Flippers zertrümmert, sie zerfiel in tausend winzige Bruchstücke. Ich bin einfach gegangen.
An diesem Punkt erreicht eine andere Erinnerung mein Bewusstsein. Die „Karl’s Passage“, eine drittklassige Miniatur-Mall gegenüber dem Gymnasium. Dort traf ich mich regelmäßig mit einem Freund, um am legendären „Highspeed“ zu flippern. Wir warfen eine Mark ein (fünfzig Cent, d.h. 25 Cent pro Nase und damit weniger als eine Zigarette in heutigen Zeiten – muss man sich mal reinziehen!) und spielten stundenlang. Holten Freispiele und regelmäßig den neuen Highscore – Knack, Knack, Knack. Insider kennen das Geräusch.
Wir warteten, bis endlich der Pony Express am Bahnhof aufmachte. Das erste Bier des Tages. Gibt nix Schöneres. Von dort ging es nachts weiter in den Club. Und am nächsten Tag trafen wir uns wieder am Flipper in der Spielhalle. Das Leben hätte ewig so weitergehen können.
Neil Young - Don't Let It Bring You Down. https://www.youtube.com/watch?v=1jzhLtt_pGQ

Längst ist der Eingang in der Binger Straße 41 überwuchert.
P.S.: Heute treffe ich diesen alten Freund wieder. Wir sind zum Frühschoppen und Mittagessen in einem Biergarten am Rhein verabredet. Nachmittags geht es ins Nachbardorf, wo ich mit anderen Freunden die Bundesliga-Konferenz auf Sky sehen werde (Bayern vs. Mainz 05!) und anschließend bei einem rauschenden Gartenfest die Grillsaison abgeschlossen wird. Neulich bin ich bei einem Abendessen in Berlin vom Gastgeber mit dem Satz abgekanzelt worden, "Wir sind hier nicht in Rheinland-Pfalz!", als ich einen meiner berüchtigten Kalauer zum Besten gegeben habe. Das ist richtig. Aber hier bin ich zu Hause, bei Weck, Worscht & Woi, bei steinalten Zoten aus der Schulzeit und Fußball. So soll es sein, so passt es zusammen.

Freitag, 30. August 2019

Die Klimakrise erreicht die Männerwelt

Okay, Jungs. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Ihr habt es in der Hand!

Die Einschläge kommen näher

Erst Washington



Dann London



Jetzt München

Es kann mir doch keiner erzählen, dass das nur Zufall ist!

Die Wahrheit über Zink


Blogstuff 342
„Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne einen inneren und äußeren Bereich der Einsamkeit, in dem sich die individuelle Freiheit entfalten kann.“ (Herbert Marcuse)

Für Kabarettisten ist Trump ein Alptraum. Sie schreiben mühsam, bei zwei bis drei Kannen Kaffee, einen Sketch. Bis der gedreht und gesendet ist, hat Trump schon wieder Dutzende von Tweets rausgehauen, die den Sketch noch toppen. Der Mann ist in Echtzeit bescheuert, da hast du keine Chance.
Info zu meiner Person: „Menschen mit braunen Augen sind geborene Führungspersonen. Und auch wenn sie das selbst nicht merken, werden sie doch oft von anderen Menschen so angesehen. Außerdem wirken dunkeläugige Menschen vertrauenswürdiger und leidenschaftlicher als andere. Je dunkler das Auge, desto mehr Melanin hat man im Körper. Dieser Stoff wiederum sorgt für ein schneller arbeitendes Gehirn.“ (https://www.gutfuerdich.net/fenster-zur-seele/)
Es ist die coolste Elterngeneration seit Erfindung der Geburt. Männer, die mit fünfzig immer noch Punk hören – aber in Zimmerlautstärke. Frauen, die mit fünfzig Jeans tragen, die auf Kniehöhe industriell gefertigte Löcher aufweisen. Wie können es die verwöhnten Kids wagen, auf Fridays-for-Future-Demos ihren Eltern Vorwürfe in Sachen Lebensstil zu machen? Noch’n Spruch und der Helikopter bleibt in der Garage, Kevin!

Das Wasser kann sich in viele Formen verwandeln: Wir sehen es als Bach, als Wolke, als Hagelkorn, als Nebel, als Träne, als Meer, als Eiswürfel, als Tau, als Raureif usw. Wir unterschätzen es jedes Mal, wenn wir achtlos ein Glas davon trinken.
Wir sind so dünnhäutig geworden. Wir sind in Sekundenschnelle tödlich beleidigt. Es reicht eine einzige falsche oder missverständliche Formulierung. Kritik ist ohnehin „toxisch“. Andererseits müssen wir jeden Menschen, ob Freund oder Fremder, unmittelbar an unseren Empfindungen teilhaben lassen. Mir sind inzwischen Menschen lieber, die in jeder Situation Contenance bewahren und die hohe Kunst des allgemein gehaltenen, aber dennoch nicht oberflächlichen und banal wirkenden Smalltalks beherrschen. Aber leider geht es inzwischen ja selbst beim Thema Wetter um Leben und Tod und beim Fußball um soziale Ungleichheit.
Als ich nach dem Abitur eine Woche in London war, stand nach meiner Rückkehr ein Billardtisch in meinem Kinderzimmer. Das Bett und den Schreibtisch hatte man längst zum Sperrmüll gebracht. Ich bin heute noch dankbar.
Siouxsie And The Banshees – Dazzle. https://www.youtube.com/watch?v=qpI8lsD6VCg

Donnerstag, 29. August 2019

Die Übergabe

Es ist der einfachste Teil meines Jobs.
Oft komme ich eine halbe Stunde vorher. Dann esse ich etwas oder trinke einen Cappuccino. Es ist gar nicht nötig, aber ich bin gerne hier.
Die Fressmeile des Einkaufszentrums bietet viele Möglichkeiten. Thai, Burger, Süßes. Der Kunde erkennt mich an der roten Freizeitjacke, auf der „Ferrari“ steht. Es ist egal, wo ich sitze.
Im Vorbeigehen stellt er eine Tasche mit Geld, Drogen oder Informationen neben mir ab. Wir sehen uns nicht an.
Wenn jeder Beruf so einfach wäre. Es ist ein Segen.
Zehn Minuten später kommt ein anderer Mensch und holt die Tasche ab.
Ich kenne diese Leute nicht. Ich weiß nichts. Ich lebe gut.

Ich hab da mal ne Frage

Ich sitze an meinem Schreibtisch und beobachte eine Hummel, die mit ihrem Schädel gegen die Scheibe donnert. Drei-, viermal. Man könnte ja auch erst einmal landen und die Scheibe abchecken. Nein, immer wieder mit dem Schädel dagegen. Volle Kanüle. Dann fliegt sie ab und kommt nach einer Viertelstunde wieder. Das Spiel geht von vorne los.
Schade, dass man mit Tieren nicht sprechen kann. Ich würde mich mit dieser Hummel gerne über das Thema Motivation unterhalten. Ursache des Handelns. Die große Warum-Frage. Wenn ich doch einmal mit dem Schädel zuerst gegen die Scheibe geflogen bin und ganz offensichtlich mein Ziel, das Innere eines Hauses, nicht erreicht habe, wieso nehme ich danach an, beim zweiten Versuch würde das Ergebnis anders ausfallen? Wo ist denn da der Sinn? Wieso zieht die Hummel keine Schlussfolgerungen aus dem Resultat ihres Handelns? Und dann wundern sich die Tiere, dass sie aussterben.
Nächste Woche: Der Mensch auf der Autobahn und im Flugzeug.

Mittwoch, 28. August 2019

Architekturkritik als Ausdruckstanz – eine Annäherung


Blogstuff 341
„Once, every village had an idiot. It took the internet to bring them all together.” (Robert Bateman)
Ich habe das Gefühl, dass man mir vor zwanzig Jahren noch mehr Respekt entgegengebracht hat, als ich Drehbücher für kambodschanische Pornos geschrieben habe.
In der zukünftigen Welt einer bedingungslosen Bonetti-Diktatur gibt es für die Frage, ob man einen Clown gefrühstückt habe, dreißig Tage Einzelzelle bei Wasser und Brot. Hilft ja nix.
Ist der Verfassungsschutz von Rechtsradikalen unterwandert? Maaßen würde die Frage verneinen.
Fällt es nur mir auf? Es gibt eine klare Korrelation zwischen zunehmenden Chemtrails und Übergewicht in der Bevölkerung. Merke: Dicke Leute machen keinen Aufstand, weil sie nicht mehr hochkommen.
Sie ist schlagfertiger als ein chinesischer Tischtennisspieler.
Kennen Sie Musiker? Das sind unglaubliche Arschlöcher. Ich selbst habe keine Ahnung von Musik. Aber wenn ich mich mal zu einer halben Minute Luftgitarre hinreißen lasse, kommt von diesen Vollidioten natürlich die Frage: „Bist du Linkshänder?“
Bevor Sie es aus der Presse erfahren: Bonetti wird sich nicht gemeinsam mit Gina-Lisa Lohfink um den SPD-Vorsitz bewerben.
In meiner Kindheit gab es Staub. Vor einigen Jahren kam der Feinstaub dazu. Jetzt lese ich den Begriff „Ultrafeinstaub“. Ich staune über diesen Fortschritt und frage mich natürlich, was als nächstes kommt.
Kohleausstieg in Wichtelbach bereits 2019. Lesen Sie alles über das Ende der Grillsaison in der nächsten Ausgabe von „Blogstuff“.
Aufgrund der neuen und sehr strengen Gender-Bestimmungen bei Bonetti Media gibt es in der gesamten Belegschaft ab 1. September nur noch einen heterosexuellen weißen Mann: Andy Bonetti. Das Unternehmen ist bestrebt, eine Frauenquote wie in Hugh Hefners Playboy Mansion zu erreichen.
Gegen diesen Plan hat sich in der Leserschaft spontan die Bewegung #notmybonetti gegründet, die sich jetzt jeden Mittwoch ab 19:30 Uhr in der Volkshochschule Meppen zum Protest-Wichteln mit Fairtrade-Porzellanfiguren aus Guatemala trifft.
Wenn Männer heutzutage nicht den Mund halten können, nennt man es „androgyn“.
Österreich vor der Neuwahl: Der Filz in der Brandung.
Der frühvergreiste Schwiegermuttertraum Philipp Amthor sieht ohne Anzug aus, als ob er jeden Morgen mit dem Bus abgeholt wird.
The Cure - Pictures of You. https://www.youtube.com/watch?v=SG9CXd00QHQ

Dienstag, 27. August 2019

Das Margarine-Zeitalter

Das Faltblatt liegt vermutlich seit 1978 im Küchenschrank. In diesem Jahr ist die Küche eingebaut worden. Die gute, alte Zeit, als man Grau- und Schwarzbrotscheiben dick mit Margarine geschmiert und dann "appetitlich" belegt hat. Mit Sachen aus der Dose. Ketchup & Mayo. Eine Zeitreise mit Botterram.

Herbst, Erwachen

Er wachte in der Morgendämmerung auf. Eine Weile starrte er an die Decke. Es hatte keinen Zweck, auf den Wecker zu schauen. Er würde erst in ein oder zwei Stunden klingeln. Es war zu früh, um diese Zeit musste man nicht wissen, wie spät es war. Er drehte sich auf die Seite und sah zum Fenster hinüber. Langsam drang das leise Geräusch von Nieselregen in sein Ohr.
Im Badezimmer starrte er lange unschlüssig auf sein Spiegelbild. Er war alt, in den tiefen Furchen seines Gesichts nisteten Zorn, Furcht und Weinerlichkeit. Natürlich hatte er auch gestern wieder vergessen, neue Zahnpasta zu kaufen. Zu einer Rasur konnte er sich nicht hinreißen.
Neulich hatte er von einer jungen Inderin gelesen, in deren Bauch die Überreste eines Fötus gefunden worden waren. Ihr Zwillingsbruder. Reste von Knochen, Zähnen und Haaren. Er stellte sich vor, in seinem Bauch wären die Reste eines Zwillings eingeschlossen. Sein früheres Ich. Reste von Hoffnung, Zuversicht und Träumen von einem schönen Leben. Jetzt eingeschlossen in verknorpeltes, warziges Fett unter der haarigen Haut seines Bauchs.
Die letzten beiden Scheiben Graubrot, die leere Plastikverpackung warf er in den Mülleimer unter der Spüle. Ranzige Butter, Marmelade. Eine halbe Flasche Cola Zero. Er musste sich nicht beeilen. Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis der Wecker klingeln würde. Er las die neuesten Meldungen auf dem Display seines Handys.
Der Bürgerkrieg in Görlitz war eskaliert. Inzwischen kämpften nicht nur die Polen und die Antifa gegen die Nazis. Eine Hundertschaft Polizisten war aus Dresden entsandt worden. In der Nacht hatten sie sich auf die Seite der Nazis geschlagen. Mehrere tote Antifaschisten. Die Polen hatten Waffen von ihrer Seite der Grenze geholt und ihrerseits das Feuer eröffnet. Mehrere tote Nazis und Polizisten. Die Lage in der Innenstadt war unübersichtlich. Häuserkampf. Unruhen aus anderen Teilen Sachsens und Thüringens wurden gemeldet.
Er musste sich Vorräte zulegen, dachte er. Konserven, Trinkwasser. Vielleicht auch einen Schlagstock und Tränengas. Es wird ja nicht besser, dachte er. Es besteht kein Anlass zu Sorglosigkeit. Wer lacht, steht unter dringendem Tatverdacht. Die Lage ist ernst und man hält sich am besten aus allem raus. Irgendwann ist es vorbei, so oder so. Ich bin allein, dachte er, mir hilft sowieso niemand. Und die Erniedrigung durch die Banalität des Alltags wird immer größer sein als die Angst vor der Gewalt.
Peter Gabriel – Humdrum. https://www.youtube.com/watch?v=Z-QV-9JTN3w

Montag, 26. August 2019

Peter Lustig erklärt die Vermögenssteuer

Liebe Kinder,
heute sprechen wir über die Vermögenssteuer.
Die SPD will diese Steuer, um den reichen Leuten mehr Geld abzuknöpfen. Klingt komisch, ist aber so.
Das ganze Jahr über sind die Sozis Freunde der Reichen. Warum machen die das?
Heute ist Montag. Am Sonntag sind Wahlen. Die SPD möchte deswegen ganz viele Leute – Achtung, schweres Wort – manipulieren, damit so doch noch ihr Kreuz bei den Pastellrosafarbenen machen.
Nächsten Montag zucken sie dann mit den Schultern und sagen: Mit der Union kann man gar keine Vermögenssteuer machen. Die finden das nämlich doof.
Klingt unkomisch, ist aber bei jeder Wahl so.
Nächste Woche: Wie mache ich einen Hurrikan mit einer Atombombe kaputt. Zu Gast: Onkel Donald aus Amerika.

Die Zukunft Berlins – 1989

„Dreißig Jahre Einheit haben die Deutschen weiter voneinander entfernt als vierzig Jahre Teilung.“ (Andy Bonetti)
„Gewiss war das wuchernde, lärmende, ausgekochte, unverfrorene Berlin der zwanziger Jahre die absolute Antithese zu allem, was die Deutschen in der Provinz für deutsch hielten - ein furchterregender Moloch zwischen Moskau und New York.“
„Nach der Öffnung der Mauer haben die grauen Massen aus dem Umland West-Berlin überschwemmt.“
„Auch Konrad Adenauer versäumte nicht, seine Aversion gegen die gottlose Riesenstadt mit einem Vermerk über ihre geographische Gebundenheit publik zu machen. Der Sitz einer künftigen deutschen Regierung, so ließ er sich auf einer Wahlveranstaltung im Herbst 1946 vernehmen, müsse im Westen sein - dort sei ‚altes deutsches Kulturland und kein Kolonialland‘.“
„Der Stadthistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm sieht die Stadt künftig als großes Armenkaufhaus. (…) Er erwartet ein bis zwei Millionen neue Einwohner – ‚aus allen Ländern des Ostens, auch die Russen werden kommen, das ist klar‘.“
„Berlin-Berlin wächst wieder zu Berlin zusammen, zur Metropole von morgen, zumindest zur Kernstadt eines bärenstarken Lebens- und Wirtschaftsraumes mit fünf Millionen Einwohnern.“
„West-Berliner Wanderer an Ost-Berliner Seeufern, Ost-Berliner Kids in West-Berliner Diskotheken, West-Berliner Makler auf Ost-Berliner Kundenfang - diese Zukunft hat schon begonnen. Mehr scheint nun sehr wohl möglich: ein gesamtberliner Flughafen, ein gesamtberliner Olympia, ein gesamtberliner Smog-Alarmplan.“
„Ein Faltblatt des DDR-Reisebüros (Motto: "Auf gute Nachbarschaft") mit den S- und U-Bahn-Linien beider Stadthälften ist in Vorbereitung, noch vor Jahresende soll die erste Gesamt-Berliner Karte in der DDR erscheinen. Die Presseämter der beiden Stadtverwaltungen wollen von Jahresbeginn an täglich Informationen per Kurier austauschen.“
„‘Das alte Herz Berlins wird wieder schlagen wie früher‘, frohlockte Momper. (…) Kollege Krack schwärmt, Berlin könne zu einer ‚Drehscheibe in der systemübergreifenden Kooperation der Gesellschaftsordnungen, zu einer Säule des künftigen Hauses Europa werden‘.“
„Die bundesdeutsche Staatslinie darf zwar aufgrund der alliierten Bestimmungen noch nicht in die ehemalige Reichshauptstadt fliegen. Doch Lufthansa-Planer rechnen damit, dass die Grenzöffnung der Stadt einen gewaltigen Zuwachs im Luftverkehr bescheren wird. Für das nächste Jahrtausend müsste daher schon jetzt ein neuer Großflughafen geplant werden.“
„Nachdem die Mauer gefallen ist, sind auch der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Manche, vor allem aus dem rechten politischen Spektrum, sehen jedoch auch schon wieder Glanz und Gloria früherer Zeiten heraufziehen. Die Kapitale an der Spree, 74 Jahre lang Regierungssitz erst des Kaiserreichs, dann der Weimarer Republik und schließlich der Nazis, könne nun, da die Einheit der Nation näher rücke, wieder zu Hauptstadtwürden gelangen.“
„‘Vergesst Bonn‘, empfahl die Bild-Zeitung (…). Darüber prangte eine Schlagzeile aus schwarzrotgoldenen Lettern: ‚Berlin wieder Hauptstadt!‘“
Alle Zitate aus SPIEGEL 52/1989

P.S.: Noch ein Schmankerl zum Schluss. „Die beiden deutschen Staaten, wie auch immer vereinigt, werden die stärkste Wirtschaftsmacht der EG sein. Sie werden sich nicht daran hindern lassen, ihren östlichen Landesteil mittels des verruchten, derzeit ja auch tatsächlich verkommenden, Kapitalismus zu kolonisieren, solange dazu noch Zeit ist.“ (Rudolf Augstein im SPIEGEL 46/1989 vom 13.11.1989).
ELO – Turn to Stone. https://www.youtube.com/watch?v=BDhJU_cNCZE

Sonntag, 25. August 2019

Samstag, 24. August 2019

Aufstieg und Fall des Radiergummis

Das 18. Jahrhundert wird von der Masse der halbgebildeten Stände gerne mit Goethe, der Erfindung der Dampfmaschine und der Unabhängigkeit Amerikas verbunden. Was machen Sie aber, wenn Sie sich mit einem graphitbasierten Schreibgerät aus Zedernholz – im Volksmund fälschlicherweise als Bleistift bezeichnet – verschrieben haben? Jetzt ist guter Rat teuer, oder?

1770: ein gewaltiger Sprung für die Menschheit, aber eine Petitesse für den genialen Erfinder Edward Nairne. Der englische Optiker und Instrumentenbauer machte zahlreiche Erfindungen und arbeitete mit berühmten Forschern wie Benjamin Franklin zusammen. Nairne entdeckte, dass man mit Kautschuk Bleistiftstriche entfernen konnte. Er stellte die ersten Exemplare her und gab ihnen den Namen „Rubber“.
Der Durchbruch bei der Herstellung der Radiergummis war das Verfahren der sogenannten Vulkanisierung. Anfangs kam es zu zahlreichen Explosionen, bis der Prozess, insbesondere durch Verkleinerung der Vulkane, beherrschbar wurde. Lange war die genaue Technik des Radierens unbekannt. Unter dem Mikroskop kann man erkennen, dass der Kautschuk des Radierers das Graphit aufnimmt, während es auf dem Papier gerieben wird. Dabei entstehen winzige schwarze Würstchen als Abrieb. Darunter erscheint wieder neuer Kautschuk. So nutzt sich der Radiergummi – ebenso wie der Bleistift – permanent ab, was ihn zur perfekten Ware des aufkommenden Kapitalismus macht.
Heute benutzt man Radiergummis kaum noch zum Radieren. Es sind hübsche Sammlerobjekte geworden, deren schnöde Verwendung als Arbeitsmittel nicht mehr vorgesehen ist. Aktuell schreibt man auf Tastaturen. Die komplette Umstellung der Kommunikation auf Emojis ist in vollem Gange.

Für 2020 plant Apple den iRubber mit eingebautem GPS und Bluetooth.

Trivia und Anekdoten
Es gibt diverse Radiergummis, die es zu zeitloser Berühmtheit gebracht haben. Kafka hat mit einem Hurvinek 59A K.s Vornamen wegradiert. Wir wissen bis heute nicht den genauen Namen des Landvermessers. Bei der Teilung Berlins wurde auf der Stadtkarte der Siegermächte so viel herumradiert, dass die Grenze zum sowjetischen Sektor vom ursprünglich geplanten Stadtschloss zum Brandenburger Tor verlegt wurde, bevor die Amerikaner irgendwas gemerkt haben. Später hat man sicherheitshalber einfach das Stadtschloss gesprengt.
Bei den Olympischen Sommerspielen 1904 in Helsinki gab es die Disziplin des Radiergummiweitwurfs. Es gewann ein gewisser Mario Flötenkönig aus Breslau.
Die blaue Seite des Radiergummis ist übrigens nicht zur Entfernung von Tinte gedacht, wie viele User denken, sondern enthält LSD. Lutschen Sie einfach mal eine Weile „die andere Seite“.
Der Radiergummi ist aber auch anderweitig verwendbar. So entfernen weiße Radiergummis Rostflecken und können bei der Politur von Silberbesteck verwendet werden.
Angela Merkel kann aufgrund ihrer Kautschukallergie keine Radiergummis anfassen. Kompromissvorschläge bei Verhandlungen müssen daher immer wieder neu ausgedruckt werden, weswegen manches Gipfeltreffen erst im Morgengrauen endet.
Nina Hagen - Der Spinner. https://www.youtube.com/watch?v=fxHSbstAUYs

Freitag, 23. August 2019

La Schröderette

Wir sollten das Menschenmaterial bereits an der Rampe von Kinshasa selektieren. Die zufällige Rettung vor dem Ertrinken kann kein ernsthaftes Kriterium bei der Bewerbung für ein Leben in unserem Reich sein. Das zukünftige Dienstpersonal möge in Reih und Glied antreten. Handverlesene Putzfrauen und Tellerwäscher. Zähne und Muskulatur in Ordnung? Sorry, Behinderte. Seid mal realistisch.
Finde ich gut. Wer schreit hier schon wieder "Nazi"? Ausgewählten People of Colour gewähren wir die Chance zu überleben. Wir sind die Guten. Ich sage nur: Polen, Ungarn. Mauer zu Mexiko. Es ist fast schon eine Form der Sozialromantik, wenn jetzt sogar Boat People in meiner Heimatstadt aufgenommen werden sollen. Salvini: Nein - Ingelheim: Ja.
Die Boat People aus Vietnam, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, waren übrigens eine Bereicherung für dieses Land. Kein Terrortoter in vierzig Jahren. Das nur nebenbei. Lesen Sie den Artikel ruhig mal, das SPD-Arschloch im Text ist ein alter Schulkamerad, etliche Jahre Bürgermeister von Heidesheim:
https://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/ingelheim/ingelheim/ingelheim-soll-sicherer-hafen-werden_20372794
P.S.: Ich war früher bei der DLRG Ingelheim. Wenn man einen Menschen vor dem Ertrinken retten kann, tut man es. Wenn man zehn Menschen vor dem Ertrinken retten kann, tut man es. Bei welcher Zahl an Ertrinkenden hört man auf? Kann mir das jemand sagen?

Ihr seid doch alle nicht besser als Jorge Gonzalez!

Frühstück in Poppenbüttel, dem Blankenese des Hamburger Nordens. Ich trinke einen Cappuccino (Filterkaffee war gestern, heute triffst du ja nur noch diese Schmalspurbaristas) und frage meinen alten Kumpel J., was er heute so machen wird. Er hat einen Termin, sagt er. Pediküre.
Ich bin sprachlos. Ein Mann in meinem Alter. Wieso schneidet er sich nicht einfach die Nägel selbst wie jeder Mensch bei uns im Hunsrück? Nein. Er macht einen Termin in einem Nagel-„Studio“ aus, fährt mit der A-Klasse seiner Frau eine halbe Stunde durch die Stadt, um sich von einer Vietnamesin die Fußnägel schneiden zu lassen. Mit dem Auto seiner Frau! A-Klasse! In einem Frauenauto, in dem eigentlich nur Zahnarztgattinnen sitzen! Er selbst hat kein Auto mehr – und ich kenne ihn noch mit Cabrio und 1200er Kawa. Dann gondelt er wieder nach Hause und schon ist der Vormittag rum. Wie schwul ist das denn, frage ich ihn. Hörst du inzwischen auch Musicals? Hast du einen Fahrradhelm im Dino-Design? Das ist doch nicht normal. Das ist hochgradig homosexuell.
Ich lebe einfach schon zu lange in der tiefsten Provinz. Wenn du als Mann in meinem Dorf sagst, dass du einen Termin in einem Nagelstudio hast – PEDIKÜRE! -, dann kannst du auch gleich deine Koffer packen. Persona non grata. Sozialer Kältetod. Dann kannst du genauso gut in einer knallbunten Radlerwurstpelle in die Dorfkneipe gehen und nach alkoholfreiem Bier und Quinoa fragen.
Während seine Tochter in der Schule und seine Frau im Büro ist, wird er sich mittags die Reste von den Spaghetti Bolo warm machen, die wir gestern Abend hatten. Nachmittags hat er eine Schulung. Im Internet. Heißt konkret: Er sieht sich ein YouTube-Video an. Dabei hätte er sich auch bequem die Nägel schneiden können. Hat der Mann keine Nagelschere?! Ich kann es immer noch nicht fassen.
Früher hat ihn seine Firma noch in teuren Seminaren geschult. Da fuhr er für ein paar Tage in ein Fünf-Sterne-Hotel auf Sylt oder am Starnberger See. Vor ihm standen hochbezahlte Dozenten im Nadelstreifenanzug und nach ein paar Power-Point-Präsentationsgrafiken zum Thema Controlling oder Insolvenzrecht ging es mit der ganzen Rasselbande ins Gourmetrestaurant. Alles auf Spesen. Seine Firma hat Kohle ohne Ende. Jetzt sitzt er in Unterhosen vor seinem Laptop und sieht sich ein Video an. Wertschätzung für Mitarbeiter sieht anders aus.
Er soll demnächst durch Deutschland tingeln und den Handwerkskammern eine neue Software andrehen, damit deren Zunftmitglieder ihr Rechnungswesen „vereinfachen“ können. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Hunsrück vor zwanzig Schlachtermeistern sitzt und ihnen das Produkt erklärt, während seine manikürten Fingerchen auf der Tastatur seines Rechners rumklimpern. Hallöchen. Ich bin Jorge von der Reeperbahn. Ich bin so schwul, dass ich meinen Vormittag mit Fußpflege verbringe. Kaufen Sie meine Software. Ich habe eine dreißigminütige Internetschulung gemacht. Haben Sie Mitleid!
Früher war er als Unternehmensberater fest angestellt, jetzt arbeitet er als Selbstständiger. Für die gleiche Firma! Er hat mir das als Fortschritt verkauft. Aber damals hatte er einen fetten Audi als Dienstwagen. Im Zug immer nur 1. Klasse. Flugreisen. Jetzt bekommt er eine Reisekostenpauschale von tausend Euro im Monat. Kein Auto, 2. Klasse und drittklassige Pensionen. Tingeltangel-Bob. Er wird im Herbst 55 und an seiner Stelle wäre mir längst der kalte Angstschweiß den Rücken runter gelaufen. Er ist der einzige Mieter in einer Straße voller Eigentümer und weiß, dass er es nie schaffen wird, aus der Nummer auszukommen. Drückt jeden Monat zwei Riesen ab. Von der Kohle zahlt sein Vermieter die Leasing-Rate und den Sprit für seinen nagelneuen Porsche 911. Erzählt er mir mit dem bornierten Zynismus eines Ulf Poschardt. Scheißleben.
Neulich hatte er einen Bandscheibenvorfall, weil er seinen Arsch nie bewegt. Auf seinem Grabstein wird „Home-Office“ stehen. Jetzt fährt er jeden zweiten Tag durch die halbe Stadt, um bei einer Physiotherapeutin, also einer Gymnastiklehrerin, wie wir es auf dem Land nennen, ein paar Übungen zu machen. Wieso macht er sie nicht einfach jeden Tag zu Hause? Dann hätte er vielleicht auch keine Rückenprobleme. Nein. Eine Stunde im Auto hocken für eine halbe Stunde Kniebeugen oder was weiß ich. Was ist denn nur los mit diesem Land?
P.S.: Habe ich erwähnt, dass J. Nachthemden trägt? Nachthemden, echt jetzt!?! Früher haben wir zusammen gelacht, über Leute ohne Auto, über Nagelstudios, über Fahrradhelme - heute lache ich über ihn, obwohl es eigentlich zum Heulen ist.
Billy Idol - Cradle Of Love. https://www.youtube.com/watch?v=NCZuYS-9qaw

Donnerstag, 22. August 2019

+++breaking news+++ Merkel will Mallorca kaufen

Ins globale Immobiliengeschäft ist Bewegung gekommen.
Angeblich Reservate für spanische Ureinwohner geplant.
Königsberg bald wieder deutsch?
Steinbach fordert: Nennt uns den Preis für Schlesien!
Höcke träumt von Deutsch-Südwest.
FPÖ angeblich an Ibiza interessiert.
Mehr dazu in Kürze.

Once Upon a Time in Wichtelbach


Blogstuff 340
„Wenn ich tot bin, werde ich dann wissen, dass ich einst gelebt habe?“ (Cordwainer Smith: Unter der alten Erde)
Es ist die Meta-Ironie meines Lebens: Ich war noch nie so schwer wie heute und habe noch nie so unbeschwert gelebt.
Wie jeden Morgen habe ich es eilig. Ich schnappe mir die Hose von der Stuhllehne und renne zur U-Bahn. Die Hose kann ich auch noch später anziehen.
Achtung, Wähler in Brandenburg! Hinter der Liste „Karotte des Vertrauens“ verbirgt sich die tschetschenische Veganermafia, die aus Küchenabfällen kaukasischer Krankenhäuser Gemüseschnitzel herstellt, die unter dem Namen „Happy Go Möhre“ bei Lidl angeboten werden.
Darf man über Behinderte Witze machen? Ja, aber nur, wenn es sich um Leichtbehinderte handelt, beispielsweise Lispler oder Saarländer. Ab fünfzig Prozent Behinderung ist es nicht mehr okay.
In dem Augenblick, in dem wir endgültig bewiesen haben, dass Gott nicht existiert, wird er das gesamte Universum auslöschen.
Als das Königreich Bayern noch Kriegsziele hatte: Während des ersten Weltkrieges machte Ludwig III. „durch annexionistische Forderungen von sich reden, wobei diese wieder vor allem auf das Elsass und sogar auf Teile Belgiens mit Antwerpen abzielten, um Süddeutschland durch den Besitz der Hafenstadt an den Welthandel anzubinden. Am 6. Juni 1915 auf dem sogenannten Kanaltag, der Jahresversammlung des 1891 gegründeten Bayerischen Kanalvereins, forderte er den direkten Zugang vom Rhein zum Meer.“ (Wikipedia)
Entweder überquert Greta den Atlantik auf einem Surfbrett oder sie macht sich komplett unglaubwürdig. Meine Meinung.
1607: die erste britische Siedlung in Nordamerika wird gegründet (Jamestown, Virginia). 1619: die ersten afrikanischen Sklaven werden nach Virginia gebracht.
Er ist für sein Alter geradezu unverschämt schön und besitzt einen so unwiderstehlichen Charme, dass ihm jedes Mal stürmischer Applaus entgegenbrandet, wenn er eine Abteilung seines Konzerns betritt: Andy Bonetti.
Mein Neffe ruft mich an. Wir plaudern über dies und das, dann erzählt er mir, er würde nach Paris fahren. Mit dem Zug, das ist lobenswert. Er fragt, wann ich zuletzt in Paris war und ob ich Tipps für ihn hätte. Restaurants und Kneipen. Es war 1996. Ein Jahr vor seiner Geburt. Also: keine Tipps. Und ich fühle mich plötzlich endlos alt.
Werbung: Die unbequemen Wahrheiten – wir kennen sie. Bonetti Media.
Es stehen Wahlen an und es gilt wieder einmal das AMA-Prinzip in allen Parteien: Aktivieren – Motivieren – Abservieren.
Vore Aurora – Envenom. https://www.youtube.com/watch?v=LQ0gIW8OAjg

Mittwoch, 21. August 2019

Das Karma ist ein Lehrer, der keine Worte braucht

Prolog
Hamburg Hauptbahnhof, Montag, 17 Uhr. Ich habe eine Stunde Zeit, bis ich von einer Freundin abgeholt werde. Da ich nichts zu lesen habe und auch kein Smartphone besitze, setze ich mich auf eine Bank und beobachte die abfahrenden Regionalzüge während der Rush-Hour. Ich habe noch nie so viele Menschen rennen sehen. Mehr als die Hälfte der Leute spurtet mit der Aktentasche in der Hand an mir vorbei. Ein Mann um die fünfzig im grauen Dreiteiler sprintet zu einem Zug, bleibt eine Minute unschlüssig vor der Tür stehen und steigt schließlich ein. Einige Minuten später – die Züge halten tatsächlich sehr lange, so dass die Hetzerei völlig sinnlos erscheint – springt er wieder hinaus und rennt zu einem anderen Zug. Ich würde mir gerne seine Geschichten anhören, aber ich kann ihn natürlich nicht fragen. Hier spricht niemand. Hier rennt man schweigend.
Hamburg Hauptbahnhof, Dienstag, 8 Uhr. Wieder Rush-Hour. Niemand rennt. Auf dem Weg zur Arbeit hat es keiner eilig.

Erster Akt
Der ICE von Hamburg nach Frankfurt hat bereits bei Abfahrt 22 Minuten Verspätung. Ich bleibe gelassen. Heute muss ich nur noch in Schweppenhausen ankommen. Nichts weiter. Dann verpasse ich eben den Anschlusszug in Frankfurt. Was soll’s? Dann hole ich mir vielleicht noch eine Currywurst. Positiv denken. Das sind doch Petitessen.
In Hannover haben wir nur noch 16 Minuten Rückstand. Der Anschlusszug kommt plötzlich wieder in Reichweite. Hoffnung keimt auf, diese zutiefst menschliche und doch oft vergebliche Regung.
Dann die Durchsage: Ist ein Arzt im Zug? Notfall in Wagen 5. Soll ich den Duke spielen und aufstehen? Ich habe immerhin einen Doktortitel. Mich eine halbe Stunde ins Bistro setzen und dann mit blasiertem Blick auf meinen Platz zurückkehren?
In Göttingen wartet schon das Notarztteam. Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit, wie es im Bahnjargon heißt. Aber es kommt noch schlimmer.
Meine Nemesis steht plötzlich vor mir.
Eine kleine alte Hexe in geschmacklosen Sommerklamotten. Fettiges Haar und nur noch einen einzigen, gigantisch langen Zahn im Unterkiefer.
Sie fragt nicht: „Ist hier noch frei?“ Sie sagt: „Das muss hier weg!“
Hastig nehme ich meinen Rucksack vom Gangplatz und werfe ihn auf die Gepäckablage.
Wortlos setzt sie sich neben mich. Umständlich kramt sie ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und wischt sich stöhnend den Schweiß von der Stirn. Sterbender Schwan nix dagegen. Dann zieht sie sich umständlich die Jacke aus. Im Sitzen. Obwohl ich mich schon an die Scheibe gepresst habe, rammt sie mir mehrfach den Ellenbogen in die Seite.
Kurze Zeit später kommt der Getränkefritze.
„Bleiben Sie hier!“ schnauzt sie den jungen Mann an. „Kaffee!“
Die Suche nach dem Portemonnaie beginnt. Ellenbogen. Immer und immer wieder. „Ich werde doch noch drei Euro für einen Kaffee haben“, klagt sie. Ihre Jacke rutscht von ihrem Schoß.
Sie nimmt die Jacke und knallt sie mir vor die Brust. „Sie nehmen das jetzt mal“, faucht sie mich an.
Der Getränkemann und ich sehen uns nur an. Deutsche Rentner. Tickende Zeitbomben. Warum kann nicht ein freundlicher Islamist mit seinem Sprengstoffgürtel neben mir sitzen?
Schließlich hat sie ihren Kaffee. Selbstverständlich hat sie sich noch über die Wucherpreise beschwert. Trotzdem kramt sie immer noch in ihrem Rucksack. Ich sehe schon den siedend heißen Kaffee in meinem Genitalbereich. Stattdessen Ellbogen. Es hört nicht auf.
Sie fummelt eine zerfledderte Illustrierte aus dem Rucksack. „FREIZEIT SPASS“. Ellbogen. Dann geht die Suche nach der Brille los. Ellbogen. Und die Fahrkarte muss auch noch mal begutachtet werden. Ellbogen. Ich sehe, dass sie nach Stuttgart will. Von dort aus geht es noch weiter in irgendein schwäbisches Nest. Daher der Dialekt. Schwaben kenne ich ja aus Berlin. Man muss sie einfach gernhaben.
Das zahnlose Weib wird ruhiger. Inzwischen murmelt sie auch immer eine Entschuldigung, wenn sie mich anrempelt. Etwa alle zehn Sekunden. Jetzt fummelt sie wieder in ihrem Rucksack herum und zieht ein Bonbon aus der Nachkriegszeit hervor. Sie bietet es mir an. Ich schüttele stumm den Kopf. Kann nicht reden.
Ich muss meine gesamte dreißigjährige Ausbildung zum Zen-Buddhisten in die Waagschale werfen. Jetzt nicht austicken. Dann ist die Reise vorbei. Ich konzentriere mich im Geiste auf verbale und nonverbale Gewaltexzesse. Mein reichhaltiges Repertoire an Beleidigungen und Schimpfwörtern – im Stillen dekliniere ich es durch. Ich stelle mir vor, wie ich mit einem Vorschlaghammer einen Zimmermannsnagel durch ihre Stirn treibe – aber das könnte mir als Körperverletzung ausgelegt werden.
Schließlich ein erschöpftes Aufzucken religiöser und philosophischer Fragen:
Warum ich?
Wofür werde ich bestraft?
Was passiert als nächstes?

Intermezzo
Durchsage des Schaffners: Der Zug endet heute außerplanmäßig in Frankfurt. Unwetterschäden auf der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim. Reisende nach Stuttgart achten bitte auf weitere Durchsagen.

Zweiter Akt
Aus den Augenwinkeln sehe ich das Entsetzen in ihren Augen. Langsam verwandelt sich ihr Gesicht in eine Maske des Zorns. Äußerlich unbewegt drehe ich mich zum Fenster.
Innerer Reichsparteitag.
Jubelschreie aus hunderttausend Kehlen. Es ist ergreifend. Gänsehaut. Feuchte Augen.
Nächste Szene: Maracana-Stadion. Verlängerung gegen Argentinien. Ich mache das 1:0 und renne in die Fankurve.
Brülle meinen Jubel hinaus.
Die Fans drehen völlig durch. Rasten komplett aus. Ich sehe die Plakate. „Karma hat einen Namen: Deutsche Bahn“. „DB rulez“.
Die alte Vettel ist in Frankfurt gestrandet.
Ich schäme mich der Emotionen nicht, die mich in diesem Augenblick überwältigen, liebe Lesende. Die Schadenfreude ist maßlos, unbeschreiblich. Sie durchströmt mich wie Champagner.
Ich unterdrücke das unbändige Verlangen, gleich jetzt, wo sie neben mir sitzt, die Geschichte aufzuschreiben. Einfach das Notizbuch und den Stift aus meiner Jackentasche zu holen, um diesen Sturm aus Gefühlen und Gedanken für ewig festzuhalten.

Epilog
Endlich sind wir in Frankfurt. Ankunft auf Gleis 7. In Gedanken bin ich schon bei den Anschlusszügen und meiner triumphalen Ankunft im Hunsrück.
Dann sehe ich die vielen Teddys. Die Kerzen, die Botschaften. Natürlich. Hier ist vor einigen Wochen ein kleiner Junge ermordet worden. Auf Gleis 7 vom einfahrenden Zug überrollt. Auf den Schienen, über die wir gerade in den Bahnhof gekommen sind, ist er gestorben. Es ist etwas ganz anderes, an dem Ort zu stehen, als ihn nur in der Tagesschau zu sehen. Tränen schießen mir in die Augen.
In einer Nanosekunde bin ich aus meiner erbärmlichen Eitelkeit gerissen. Gleis 7. Ausgerechnet. Halt dein ungewaschenes Maul, Bonetti. Beschwer dich nie wieder. Sei froh, dass du heute nach Hause kommst, du dämlicher Schwätzer. Das Karma hat mir eine Lektion in Demut erteilt.
Mit leerem Kopf sitze ich in der S-Bahn von Frankfurt nach Mainz. Mir gegenüber sitzen zwei junge Leute, die über ihre Arbeit am Kindertheater sprechen. Froschkönig. Sie drehen sich ihre Kippen für den Augenblick, in dem sie den Zug verlassen können.
Die letzten Kilometer nach Bingen stehe ich in einem uralten Intercity, dessen Wagen mit Menschen vollgestopft sind, weil zwei komplette Wagen für die Passagiere gesperrt sind. Begründung: das Licht geht nicht. Am helllichten Tag im August. Ist mir egal. Bahnwahnsinn. Habe ich heute seit acht Uhr morgens. Es ist halb vier.
Ich lehne vor der Toilette an der Wand, auf dem Boden vor mir eine arabische Mutter mit ihren drei kleinen Kindern. Sie haben Buntstifte und Papier ausgebreitet. Die beiden Mädchen malen mit Rosa und Lila irgendwelche engels- oder prinzessinnenähnliche Figuren, der größere Junge macht auf seinem Smartphone ein Spiel. Die Mutter fragt mich, ob sie die Sachen beiseite räumen soll, damit ich überhaupt an eine der Türen komme. Ich sage, sie soll die Kinder ruhig spielen lassen, und gehe durch die beiden altertümlichen Türen, die sich noch nicht automatisch öffnen lassen, in den nächsten Wagen. Wir verabschieden uns mit einem Lächeln. Es kann so einfach sein.
Bingen. Ich sehe den Rhein, die Weinberge. Ich bin wieder da. Glücklich, traurig. Um eine Lektion reicher.

Dienstag, 20. August 2019

CO2 ist doof

Früher war alles einfacher.
Ein schöner Satz. Jetzt könnte ich eigentlich aufhören. Wir lassen die Feststellung auf uns wirken, seufzen leise und machen uns noch eine Tasse Hagebuttentee.
Es geht natürlich um Umweltschutz und Klimawandel. Thema Nr. 1. Die Leute sind regelrecht verliebt in die Apokalypse und leben die Sehnsucht nach neuen Heldinnen, die uns vor ihr retten sollen, hemmungslos aus. Die eine Hälfte schreit nach Strafe für unsere Sünden, die andere Hälfte hat Angst vor Verboten.
Ich hab’s nicht so mit der Umwelt. Ich gehe kaum aus dem Haus. Ich habe weder Haustiere noch Zimmerpflanzen. Da draußen gibt es ja nicht nur süße Koalabären, sondern auch Zecken und Vogelspinnen. Ich warte lieber auf die Verfilmung der Story durch ein Hollywood-Studio. Dann sehen wir eine andere Frau in der Rolle der berühmten sechzehnjährigen Schwedin. Ich tippe auf Margot Robbie, die gerade mit Tarantino durchstartet.
Wieso war früher alles einfacher? Du warst entweder dafür oder dagegen. Wenn du gegen Autos warst, hast du keins gehabt. Wenn du Autos gut gefunden hast, bist du Manta gefahren. Raucher – Nichtraucher. Fußballfan – Ignorant. Aber CO2 produzieren wir alle, ob wir uns für die Klimakrise interessieren oder nicht. Geht schon beim Atmen los. Ich habe z.B. kein Auto und habe in diesem Jahrzehnt nur einen Flug gemacht (Berlin – Zürich, einfach). Trotzdem habe ich einen ökologischen Fußabdruck wie ein T. Rex. Wegen der gigantischen Wohnfläche, die ich in Berlin, Monte Carlo und Schweppenhausen ganz allein bespiele.
Du musst nur rumsitzen und pro Minute fällen sie wegen dir ein Fußballfeld. Ein Duplo kostet eine Badewanne voll Trinkwasser. Fünf Badewannen. Afrika. Fluchtursachen. Blick in den Spiegel. Es ist zum Kotzen. Machst du nix. Schwarzer Peter.
CO2 ist doof. Ich will ein neues Thema.
Drogen nehmen und rumfahren. https://www.youtube.com/watch?v=71sg-ThOQ6o

Montag, 19. August 2019

Champagner aus dem Zahnputzbecher


Blogstuff 339

„Die meisten Menschen interessieren einen wirklich nicht, habe ich die ganze Zeit gedacht, fast alle, denen wir begegnen, interessieren uns nicht, sie haben uns nichts zu bieten als ihre Massenarmseligkeit und ihre Massendummheit und langweilen uns dadurch immer und überall und wir haben naturgemäß für sie nicht das geringste übrig.“ (Thomas Bernhard)
Waren das noch Zeiten, als Wilmersdorf Milieugrößen wie Otto Schwanz hatte. Was wird man mit diesem Namen? Natürlich: Bordellbesitzer. Er war in den großen Berliner Bauskandal der achtziger Jahre verwickelt, der drei Senatoren der Diepgen-Regierung das Amt kostete, und ging wegen Bestechung 1987 für über sechs Jahre ins Gefängnis, wo er den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung erleben durfte.
„Letzte Warnung. WIR FORDERTEN IM JUNI VOM STAATSRAT 3 WESTPROGRAMME. FRIST IST UM. WIR ERWEITERN DIE OBJEKTELISTE AUF INTERSHOP, LENINDENKMAL, HOTEL BELEVUE, POSTÄMTER USW. BIS 20.12.84. SPRENGEN IST LEICHT, DENN TECHNIK IST EMPFINDLICH, WIE IHR. GRUPPE VOLKSZORN.“ Die Gruppe Volkszorn gab es tatsächlich in der DDR. Sie wollte Westfernsehen im Tal der Ahnungslosen im Osten Sachsens. Die Stasi hat nie die Initiatoren gefunden, aber 1990 hatte sich das Problem ohnehin erledigt.
Es ist ja in Mode gekommen, in jeder politischen Debatte eine Änderung des Grundgesetzes zu fordern. Ich erinnere die Leute dann immer an die Tatsache, dass man dazu eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat braucht. Das finden die Leute dann doof.
Bonetti Media intern: Andy Bonetti ist heute von den Angestellten einstimmig zum attraktivsten Mann im Unternehmen gewählt worden. In seiner kurzen, halbstündigen Dankesrede stellte er den arbeitsfreien Sonntag für alle Eltern über sechzig in Aussicht. Das gilt natürlich nicht für Praktikanten.

Bei ALDI steht hinter mir der Bettler, der sonst immer am Eingang des Einkaufszentrums sitzt, in der Warteschlange. Er kauft ein Brötchen und eine Packung Fleischsalat für insgesamt 89 Cent. Er zahlt fast nur mit Kupfergeld, es sind auch zwei Zehn-Cent-Stücke dabei. Der Ertrag eines Vormittags in Berlin.
Auf der Parkbank neben mir füttert eine alte Frau die Spatzen, es müssen um die fünfzig sein. Ein einzelner Spatz sitzt erwartungsvoll vor mir, obwohl ich gar nichts dabei habe. Ich bin ein Idiotenmagnet.
Im Restaurant höre ich einem Schauspieler am Nachbartisch zu. Während es an meinem Tisch um die beginnende Bundesligasaison geht, höre ich in Stichworten von seinem Leben: Vorabendserie im Fernsehen, lausig bezahlte Theaterproduktionen, der Werbespot für eine Bausparkasse, die unbegabten Schauspielschüler, denen er Unterricht gibt, und die ihren Vätern eins auswischen wollen, die unbezahlten Proben, damit eine Produktion in vier Tagen abgedreht werden kann, Herzblut, vom Marketing im Stich gelassen und zum Nachtisch bitte noch den Apfelstrudel mit Vanilleeis.
Buzz Kull – Dreams. https://www.youtube.com/watch?v=277ao62FLOY