Freitag, 7. Mai 2021

Die Sülze schaut dich an


Ein alter Traum von mir: ein Blogpost nur mit Sülze. Wortspiele zu meinen bisherigen Textbeiträgen sind ausdrücklich erwünscht.







Leider gibt es inzwischen auch „mediterrane Gemüse-Sülze“. Für mich hat Sülze nichts Menschliches. Am Ende wird Sülze sein. Auf Englisch: Soylent Green.

Zum Ausgleich noch zwei schöne Bilder: 



Das zweite Bild habe ich von Google Maps. Gasthaus Herold in Büchenbach / Pegnitz (Franken). Die leckeren Bratwürste sind aus hauseigener Schlachtung und das hier gebraute dunkle Beck’n Bier gehört zu den besten Bieren, die ich je getrunken habe. Am Gasthaus ist auch noch ein Kaugummiautomat. Das macht diesen Ort für mich perfekt. Einzelzimmer mit Frühstück: 30 Euro.


Morgen erfahren Sie, liebe Lesenden, wie es in der Steingasse 6 weitergegangen ist. Ich möchte die Spannung einfach bis ins Unerträgliche steigern.

Donnerstag, 6. Mai 2021

Das Haus in der Steingasse

 

Die Steingasse gehört zum ältesten Teil der Stadt. Die schmalen Fachwerkhäuser sind aus dem 17. Jahrhundert und haben fast durchgehend drei Stockwerke. Das Gewirr der kleinen Gassen ist mit Kopfstein gepflastert und für den Autoverkehr gesperrt. Ich wollte nur zwei oder drei Tage bleiben. Ich hatte mich im Gasthaus zum schwarzen Bären eingemietet, das für sein helles Bier und die hervorragende Ochsenzunge berühmt war.

Als ich durch die Gassen schlenderte, satt und zufrieden nach einem opulenten Mittagessen, das aus Rehterrine, eben jener Ochsenzunge und Kaiserschmarrn nebst drei Humpen Bier bestanden hatte, sah ich, dass eines der Häuser in der Steingasse zu vermieten war. Ich wählte die angegebene Telefonnummer und eine Stunde später stand ich mit dem Vermieter im Haus Steingasse 7. Da es Sommer war, würde ich die Kohleöfen nicht heizen müssen. Küche und Bad im Erdgeschoss waren schlicht, aber sauber. Dazu ein Raum zur Gasse hin, der mehr einer Rumpelkammer glich.

Wir stiegen die Treppe in den ersten Stock hinauf. Hier gab es ein helles Wohnzimmer, ausgestattet mit schweren Ledersesseln, einer Schrankwand voller abgegriffener Schmöker aus dem zwanzigsten Jahrhundert und einem Schreibtisch am Fenster. Immerhin gab es WLAN. Es gefiel mir sofort. Hier würde ich in den nächsten zwei Monaten an meinem neuen Buch arbeiten. Auf demselben Stockwerk gab es noch ein großes Schlafzimmer mit Doppelbett. Der Raum war recht düster, da zwischen dem Fenster und der Rückwand des angrenzenden Hauses kaum zwei Meter Abstand waren.

Die Treppe zum Dachgeschoss war schmal und steil, fast wie eine Leiter. Hier standen nur ein breites Sofa und ein flacher Holztisch. Den Blick über die Stadt hätten andere vielleicht als „malerisch“ bezeichnet. Ich schrieb Sachbücher. Ich beschloss, diesen Raum für gemütliche Nachmittage mit Lektüre und gelegentlichen Nickerchen zu nutzen. Ich hatte vor, über die chinesische Tang-Dynastie zu schreiben, und hatte gerade erst begonnen, mich in das Thema einzulesen. Über die Miete waren der Vermieter und ich schnell einig. Am übernächsten Tag konnte ich einziehen.

Als ich dem Wirt vom schwarzen Bären erklärte, dass ich bald das Quartier wechseln, seinen Fässern und seiner Küche aber die Treue halten wollte, erzählte er mir im Tonfall eines Verschwörers, das Nachbarhaus in der Steingasse, die Nummer 6, stünde seit Jahrzehnten leer. Wilde Gerüchte rankten sich um das Gebäude. Ein Mann habe dort seine gesamte Familie erschlagen und sich dann im Dachgeschoss erhängt. Nach Einbruch der Dunkelheit würde es im Haus spuken und gelegentlich hätte schon so mancher Zecher, der in tiefer Nacht auf dem Heimweg war, ein Licht im obersten Fenster brennen sehen. Die Fassade des Hauses war tatsächlich mit einigen wunderlichen Figuren ausgestattet: gehörnte Kreaturen, verzerrte Fratzen und Zentauren.

Während der ersten Tage in der Steingasse befasste ich mich mit der Strukturierung des geplanten Buchs. Ich bestellte mir online einige Fachbücher, auf die ich allerdings warten musste. Also beschloss ich, mir die Rumpelkammer im Erdgeschoss etwas genauer anzusehen. Tische und Stühle waren übereinandergestapelt, in einem Schrank fand ich zerschlissene Kleider aus grauer Vorzeit. Vielleicht sollte ich hier etwas aufräumen. Am meisten störte mich der ausgetretene, fadenscheinige Teppich, der völlig verstaubt war und in der Mitte des Zimmers lag. Ich begann, ihn zusammenzurollen, und entdeckte eine Falltür im Boden.

Das Haus hatte also einen Keller. Vielleicht würde ich ein paar Flaschen Wein oder Obstler dort unten finden? Die Falltür ließ sich nur schwer und mit einem lauten Knarren öffnen. Ich stieg die Holztreppe hinunter und fand einen Lichtschalter. Der Keller war niedrig und voller Spinnweben. Leere Fässer, ein Stapel Brennholz, Kohlen und ein Regal mit Einmachgläsern. Ich war enttäuscht. Etwas geheimnisvoller hätte meine Entdeckung schon sein können. Ich wollte schon wieder gehen, da sah ich am anderen Ende des Kellers eine Tür.

Im Schloss steckte ein Schlüssel. Ich überlegte nicht lange und drehte ihn. Auf der anderen Seite war ein weiterer Kellerraum. Auch er voller wertlosem Gerümpel. Licht kam nur von einem kleinen Fenster. Ich ging darauf zu und war überrascht, eine weitere Tür zu finden. Sie ließ sich öffnen und ich stand in einem Garten. Laut Stadtplan gab es in der gesamten Altstadt keine Gärten. Die hohen Mauern waren ganz mit Efeu überwuchert, in der Mitte stand eine alte Linde und das Gras war meterhoch. Ich schaute mich um.

Das war nicht die Rückwand meines Hauses. Dieses Haus hatte auf jedem Stockwerk zwei Fenster zum Garten. Das musste das Haus Nummer 6 sein, das seit langer Zeit unbewohnt war. Drei Stufen führten zu einer Tür. Ich drückte die Klinke. Auch sie war unverschlossen. Ich betrat das Haus. Das Erdgeschoss war völlig leer. Ich stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf. Hier fand ich ein paar altertümliche Möbel. Stille. Ich schaute aus dem Fenster auf die Straße und bemerkte, dass die Sonne bereits untergegangen war.

Dann stieg ich in den zweiten Stock. Hinter der ersten Tür, die ich öffnete, war das Schlafzimmer. Ich öffnete die nächste Tür. Die Bibliothek. Am Fenster stand ein Sessel mit einer hohen Lehne. Ich zögerte einen Augenblick. Es war schon recht dunkel und ich musste den Weg zurück in mein Haus finden. Schließlich ging ich doch auf den Sessel zu. Und dann sah ich ihn.

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 5. Mai 2021

Die Ampel ist rot


Wenn sie es finden, geht er zwei Jahre in den Knast. Ohne Bewährung. Aber in diesem Augenblick kann er nichts machen. Er sitzt einfach da und raucht eine Zigarette. Neben ihm sitzt sein Komplize. Die Zollstation ist eine gläserne Box. Er sieht die beiden Beamten, die mit dem Drogenspürhund auf ihren Wagen zugehen. Er kann nur hoffen, dass sie sorgfältig genug gewesen sind.

Schräg gegenüber sitzen zwei junge Nordafrikaner. Er hat ihnen kurz in die Augen gesehen. Sie sind in derselben Branche tätig. Man erkennt sich. Warum sollten Jungs wie sie auch um Mitternacht eine Grenze überqueren? Ohne Gepäck?

Am Abend vorher hatte er mit seinem Komplizen noch „Midnight Express“ auf Video gesehen. Ein Film über Drogenschmuggel in der Türkei. Der Herzschlag der Hauptfigur war zu hören. Er beschleunigte sich. Er wird gefasst und ins Gefängnis gesteckt. Jetzt spürt er seinen eigenen Herzschlag.

Die Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien. Autobahn. Bisher stand die Ampel immer auf Grün. In dieser Nacht zeigt sie das rote Licht. Das Auge des Bösen. Sie haben angehalten. Mussten aussteigen. Jetzt warten sie hier. Ein paar Zollbeamte sitzen unbeteiligt hinter einem Holztresen, während sie warten.

Er sieht, wie der Spürhund ins Heck des Kombis springt. Aufmerksam schnüffelt er in jedem Winkel. Hier ist das Dope versteckt. 1,5 Kilogramm. Ein Kilo ordinärer Platten-Shit für dreitausend Mark. Dazu schwarzer Afghane und Super Polm, gepresster Pollen, eine holländische Spezialität mit hohem THC-Gehalt. Wenn der Hund anschlägt, gehe ich ins Gefängnis, denkt er. Freiheit oder Knast. Jetzt entscheidet es sich.

Das Auto ist voller Werkzeug und soll von der Fahrt zweier Handwerker erzählen. Das ist ihre Tarnung. Das Dope ist sorgfältig in Plastikfolie verpackt, die es bei ihrem Händler in Maastricht immer reichlich gibt. Zuerst haben sie ihn in einer leeren Wohnung in der Innenstadt getroffen, in der nur ein Raum spärlich möbliert war. Später treffen sie sich immer auf einem Hausboot, das am Ufer der Maas liegt.

Sie haben auf einem Feldweg Mörtel angerührt. Das Dope legten sie in einen Plastikeimer und gossen den Mörtel drüber. Während der Mörtel hart wurde, haben sie einen Joint geraucht. Später haben sie noch zwei Kellen in den Eimer gelegt. Das Rauchpiece steckt noch in seinem rechten Strumpf. Wenn die holländische Polizei eine Leibesvisitation macht, gibt es Ärger. Aber nichts im Vergleich zu dem Ärger, der ihnen droht, wenn der Hund zu bellen beginnt.

Er denkt an seinen Freund S. Auf der Flucht vor zwei Zivilfahndern hatte er ein Kilo Kokain in den Weinbergen versteckt. Als er am nächsten Tag zurückkam, um es zu holen, haben sie ihn verhaftet. Zwei Jahre ohne Bewährung. Den Job als Bankkaufmann war er los. Seine Freundin verließ ihn. Danach hangelte er sich von einem miesen Job zum anderen und wurde Alkoholiker.

Oder der große Bruder von M. Banküberfall. Direkt danach ging er mit seinem Komplizen in eine Kneipe, wo sie sich betranken. Dann zahlten sie mit einem Tausend-Mark-Schein. Der Wirt hatte schon im Radio von dem Überfall gehört. Als die beiden Jungs reinkamen, total aufgekratzt, hatte er seelenruhig den Sender auf AFN gewechselt und immer wieder nachgeschenkt. Nachdem er kassiert hatte, rief er die Polizei. Fünf Jahre Bau. Später Drogenentzug und Privatinsolvenz.

Heute entscheidet sich seine Zukunft, denkt er. Ein Leben in Freiheit oder Gefängnis. Seine enttäuschten Eltern. Das abgebrochene Studium. Ein Outlaw in der Kleinstadt, in der er lebt. Kann man sich das überhaupt vorstellen? Ein Leben in der Gefängniszelle?

Der Hund springt aus dem Wagen. Nichts. Auch nicht im Handschuhfach und den Seitenfächern. Die Zöllner kommen in die Station. Sie können weiterfahren. Er nickt nur und verzieht keine Miene. Sie fahren durch Belgien und Luxemburg. Dann überqueren sie die Grenze zu Deutschland. Keine Kontrolle. Eine Stunde später sind sie zuhause.

Das war 1989 oder 1990. Es gab noch keinen europäischen Binnenmarkt und kein Schengener Abkommen. Eine Grenze war noch eine Grenze. Bei der nächsten Tour war die Ampel wieder grün.   

Kylie Minogue - Can't Get You Out Of My Head (Official Video) - YouTube 

Dienstag, 4. Mai 2021

Ich habe es geschafft


Ich habe es geschafft. Ich lebe gut, aber ich lebe nicht wie sie. Ich bin nicht so geworden wie sie, um so zu leben. Ich habe meinen Traum wahr gemacht.

Keine Arbeit.

Keine Vorgesetzte.

Keine Termine.

Keine Verpflichtungen.

Keine Frau.

Keine Kinder.

Keine Steuererklärung.

Keine Lebensversicherung.

Kein Fitnessstudio.

Kein Zeitungs- oder Zeitschriften-Abo.

Kein Smartphone.

Kein Auto.

Kein Fahrrad.

Kein E-Scooter.

Kein Kochbuch.

Kein Parmesanhobel.

Kein Schnellkochtopf.

Keine Bohrmaschine.

Kein Inbus-Schlüssel.

Kein Anzug.

Kein Schlips.

Keine Freizeitklamotten.

Keine Ski-Ausrüstung.

Kein Tennisschläger.

Keine Laufschuhe.

Kein Saugroboter.

Keine Heckenschere.

Keine Weingläser.

Keine Kuchenteller.

Kein Glauben.

Keine Partei.

Kein Verein.

Keine Lebenslügen.

Keine falschen Kompromisse.

Kein verschwendetes Leben.

Obscured By Clouds - YouTube

 

Montag, 3. Mai 2021

Zum Motiv der standesübergreifenden Liebe im Spätwerk Andy Bonettis


Blogstuff 590

„Das Einzige, was man ohne Geld machen kann, sind Schulden“. (Heinz Schenk)

Hätten Sie’s gewusst? Die Frau des Maharadscha heißt Mahagoni.

Ich, ich, ich. Der dumpfe Trommelschlag unserer Zeit.

Jeden Samstagabend tagt der Oberste Sowjet im Wichtelbacher Hof, Postgässchen 3. Zum Glück sind politische Versammlungen noch erlaubt.

Ich werde in EKD-Texte 133 „Nutztier und Mitgeschöpf!“ zitiert (S. 39). Reichweite ist alles, Leute.

Es ist diese unselige Gleichsetzung von Selbstschutz und Staat, der bei den Querdenkern offensichtlich quer in der hohlen Birne steckt. Da gibt es einen tödlichen Virus und ich schütze mich. Punkt. Würde ich auch bei Tornado oder sonst was machen. Wenn der Staat auch Schutzmaßnahmen gut findet, heißt das noch lange nicht, dass ich den Staat gut finde. Tu ich nämlich nicht. Ich schütze nur mich, meine Familie und meine Freunde. Da benutzen die Nazis, Querdenker und Esoteriker die gleiche Kontaktschuldnummer, die sie ihren Kritikern vorwerfen.

Schriftstellertraum: Du sitzt mit total klobigen Eskimohandschuhen an der Tastatur. Der Kopf ist voller Ideen, aber du tippst immer wieder nrsdjyx$. (Nein, im Traum kann man keine Handschuhe ausziehen)

Jeden Tag ist es zweimal fünf vor zwölf und die Welt steht immer noch.

Habe mir den Bildband „Die Geschichte des Rhönrads“ gekauft. Bin enttäuscht (Tagebucheintrag 28.4.2021)

Ayshe zu Ayshe, Staub zu Staub. Darf man heute noch solche Witze machen?

A: „Die beste Fleischerei in Berlin ist Genz in Tempelhof. An den Bratwürsten könnte ich mich totfressen.“ – B: „Da empfehle ich Grieneisen. Bestatter der Herzen. Mit der Grieneisen-No-Return-Card gibt es zwanzig Prozent auf alles außer Tiernahrung.“

Ich habe ja schon lange die Theorie, dass sich die persönliche Entwicklung im Alter noch mal abspielt. Aber diesmal umgekehrt. Ältere Wutbürger, die sich mit der Polizei anlegen, sind in der zweiten Pubertät. Mancher alte Realitätsverweigerer ist in seiner zweiten Trotzphase. Und am Ende kommt dann noch mal die Brei&Windel-Phase.

Haben Sie sich schon mal allein in Unterhosen zu Hause betrunken? Die Finnen haben dafür einen eigenen Begriff: kalsarikännit. Läuft unter der Rubrik „Entspannungstechnik“ wie „Dolce far niente“ bei den Italienern.

Als Kind hatte ich gerne Durchfall, weil ich dann immer Cola und Salzstangen bekommen habe. Das hat damals sogar der Hausarzt „verschrieben“.

Tom's Diner [Long Version] DNA feat. Suzanne Vega (1990) - YouTube


Im „Artcafé Atelier No. 19” tief in der saarländischen Provinz gibt es noch den Toast Hawaii, den seit 1973 niemand mehr gegessen hat. Hier allerdings unter einem neuen Label. Die „Tarte Monet“ entpuppt sich übrigens als hundsgewöhnlicher Flammkuchen mit Speck und Zwiebeln.

 

Sonntag, 2. Mai 2021

Bilderwelten, Weltbilder 75

 












Pension Grünberger


Ich bin ein unbedeutender Mensch. Es gibt nichts an meinem Aussehen, meinem Verhalten oder an meiner Geschichte, das jemandem auffallen würde. Ich lebe in einer kleinen Pension am Stadtrand. Von meinem Fenster aus sehe ich Gleise, die längst überwuchert sind und zu einem stillgelegten Bahnhof führen.

Ich zahle sechshundert Euro im Monat für ein Zimmer mit Bad und Frühstück. Die Pension verfügt über acht Zimmer. Zwei Witwen sind ebenfalls Dauergäste, der Rest sind Handwerker und Vertreter, die meistens nur ein paar Nächte bleiben.

Die Wirtin, Frau Grünberger, ist eine stattliche, wohlbeleibte Frau in ihren späten Fünfzigern, die mit ihrem geistig behinderten Sohn im Erdgeschoss wohnt. Links vom Eingang, zur Straße hin, ist der Frühstücksraum.

Ich arbeite als Pianist in einer Hotelbar in der Innenstadt. Donnerstags bis sonntags spiele ich von neun Uhr abends bis drei Uhr nachts im Excelsior. Meine Musik ist so unauffällig wie ich. Sie stört die Geschäftsreisenden nicht, meistens Männer, die hier ihre Spesen in Form von Whisky oder Cocktails vertrinken.

Frau Grünberger schätzt mich als Dauergast, denn ich verursache keinen Lärm und bringe auch keine anderen Menschen mit in die Pension. Um halb vier schleiche ich die Treppe hinauf und schlafe bis um zwölf.

Ich bin der einzige Gast, der so spät frühstücken darf. Ich genieße die Ruhe und Einsamkeit des leeren Raums. Frau Grünberger bringt mir Kaffee, zwei Brötchen, Butter, Honig und Käse. Es ist jeden Mittag das gleiche Ritual.

Dann gehe ich eine Stunde im Park spazieren, damit Frau Grünberger mein Bett machen und mir ein neues Handtuch bringen kann. Nur bei sehr schlechtem Wetter bleibe ich im Frühstücksraum und lese die Tageszeitung, die dort ausliegt.

So hätte es ewig weitergehen können, aber eines Tages betritt eine junge Frau den Raum. Sie fragt mich, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Sie habe gerade ein Zimmer in der Pension bezogen und wolle nur einen Kaffee in Gesellschaft trinken. Natürlich habe ich nichts dagegen.

Sie fragt mich, ob es mir in der Pension gefalle. Sehr gut, antworte ich, sie ist ruhig und abgelegen. Genau das richtige für mich. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, sagt sie. Ruhe und Abgeschiedenheit seien ihr im Augenblick sehr wichtig.

Ihre schönen, schlanken Hände scheinen die Tasse zu streicheln. Ich kann den Blick nicht von ihr lassen, wenn sich ihre Lippen öffnen. Ihre langen, schwarzen Haare gefallen mir. Die Frau gefällt mir. Ich spüre ihre Wirkung. Sie lächelt mich an.

Als ich in der Nacht nach Hause komme, höre ich Stimmen aus dem Zimmer gegenüber. Ich erkenne ihre Stimme. Ein Mann spricht. Sie streiten. Ich trete näher und lausche an der Tür. Er droht, sie umzubringen, wenn sie nicht zu ihm zurückkehrt. Sie sagt, sie würde um Hilfe schreien.

Ich klopfe an die Tür. Der Mann öffnet. Sein Gesicht ist wutverzerrt. Ich solle verschwinden. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu. Er holt zu einem Schlag aus, aber ich bin schneller. Ich treffe ihn an der Schläfe. Er fällt um, sein Kopf schlägt auf der Ecke der Kommode auf.

Er ist tot. Sie fragt leise, was wir jetzt machen sollen. Ich werfe die Leiche aus dem Fenster in den Garten. Dann gehe ich hinunter und schleppe sie die Gleise entlang bis zum alten Bahnhof. Ich habe den Toten an beiden Beinen gepackt und zerre ihn immer weiter. Die Spuren im Garten sind schnell beseitigt.

Am nächsten Tag ist sie abgereist, als ich zum Frühstück die Treppe hinunterkomme. Frau Grünberger erzählt es mir. Ich nicke nur und gebe mich desinteressiert. Lege eine Scheibe Käse auf mein Brötchen. Ich bin ein unauffälliger Mensch. Völlig unbedeutend.

Bootblacks - Hidden Things - YouTube

 

Samstag, 1. Mai 2021

Die Großstadt-Gärtner

 

Urban Gardening: die linksalternative Variante des Schrebergartens.

Hier finden wir die Deutschtümelei in der zeitgenössischen Variante.

Zehn Menschen kümmern sich um hundert Quadratmeter Kräuter- und Gemüsebeet.

Es gibt einen schriftlichen Gießplan. Um Pünktlichkeit wird gebeten.

Es finden regelmäßige Treffen statt, um die ökologisch korrekte Bewirtschaftung dieser gewaltigen Fläche zu diskutieren. Es gibt ein Protokoll.

Eine Internet-Seite. Selfies mit der ersten eigenen Möhre, Aquarelle von Auberginen.

Geordnete Natur. Nützliche Pflanzen. Wildwuchs wird nicht gerne gesehen.

Schnecken und Kaninchen müssen draußen bleiben.

Das Kollektiv der Gärtner hat einen Namen: die rote Flora.

So machen wir die Welt ein klein wenig besser.

Ein winziges bisschen.

Eigentlich gar nicht.

Chinesische Gießkannen aus Plastik, Spaten aus Kruppstahl, Dünger aus Italien, Latzhosen aus Bangladesch.

Hase aus dem 19. Jahrhundert.

Neulich am Telefon

 

„Hallo, Sie sind mit der Bundeszentrale der CDU in Berlin verbunden. Danke für Ihren Anruf.

Wenn Sie Armin Laschet beschimpfen möchten, drücken Sie die 1.

Wenn Sie aus der Partei austreten wollen, drücken Sie die 2.

Wenn Sie für Markus Söder sind, drücken Sie die 3.

Wenn Sie für Friedrich Merz sind, drücken Sie die 4.

Wenn Sie wissen wollen, für welche politischen Ziele unsere Partei steht, drücken Sie die 5.

Wenn Sie nach der Bundestagswahl eine Koalition als Juniorpartner der Grünen und Kanzlerin Baerbock wollen, drücken Sie die 6.

Wenn Sie einen echten Menschen anschreien wollen, drücken Sie die 7.“

Vandal Moon - The Bomb (feat. vverevvolf) - YouTube

 

Freitag, 30. April 2021

Hexennacht vs. Ausgangssperre

Früher sind wir in der Hexennacht durchs Dorf gezogen und haben Zeug von anderen Leuten zum Dorfplatz geschleppt, wo der Maibaum stand. Diesen Baum musste man gegen Jugendliche von anderen Dörfern verteidigen, die auch unterwegs waren. Blödsinn. Braucht kein Mensch. Gut, dass wir alle zuhause sind. Ist ja auch egal. Hier ein Bild von einer Hexe.

Nächster Blogpost: Spargelneid vs. Impfsaison.



Boredom & Pain

 

Blogstuff 589

„Die Dummheiten wechseln, und die Dummheit bleibt.“ (Erich Kästner)

Batman sorgt für Ordnung in Gotham City. Ohne Ordnung würde die Stadt nicht funktionieren. Deswegen verehren wir den Dark Knight. Immer auf der Seite von Recht und Ordnung, von Polizei und Politik. Außerdem ist Batman reich. Ein reicher Mann, der Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt. Er ist unser Vorbild.

Hätten Sie’s gewusst? Rheinland-Pfalz hat mehr Einwohner als die Mongolei. Die Mongolei ist allerdings 78 x so groß.

Wir nannten es immer Gummistiefeldisko. In irgendeinem abgelegenen Kaff in den Wäldern war Samstagabend im Gemeindehaus oder in der Turnhalle eine Veranstaltung, zu der viele der Bauernjungs tatsächlich in Gummistiefeln kamen. Die Mädchen erschienen in Rüschenbluse und sie alle tanzten wie die Behinderten zu mieser Musik. Entweder von einem selbsternannten „DJ“ oder von einer Amateur-Band, die „Smoke on the water“ oder „Sweet Home Alabama“ spielte, weil sie keine eigenen Lieder hatte und nie welche haben würde. In zehn Meter Höhe drehte sich eine fußballgroße Diskokugel und warf ihr armseliges Glitzern in den trostlosen Saal voller verlorener Seelen. Ich stand mit einer Flasche Bier am Rand und habe diese Abende als stiller Beobachter geliebt.

Es ist eigentlich keine Hütte am Rand der Landstraße, es ist ein offener Stall. Ein Raum, in dem ein paar Decken liegen. Auf einem Brett vor diesem Verschlag sitzen ein kleiner, ausgemergelter Mann und seine Frau. Ein paar kleine Kinder starren dem Bus nach, in dem ich sitze. Nur wenige Pflanzen wachsen auf der rotbraunen Erde. Wie können hier Menschen überleben? Ich werde in ein paar Stunden in Fortaleza in einer Strandbar sitzen und eine Caipirinha trinken. Sie werden die Stadt und das Meer vielleicht nie in ihrem Leben sehen. Ich komme mit einem achtzehnjährigen Brasilianer ins Gespräch. Irgendwann sagt er zu mir, er wünschte, er hätte genauso weiße Haut wie ich. Ich Idiot habe ihm damals erklärt, die Hautfarbe sei nicht wichtig. Heute weiß ich es besser. 

Die Finnen sind schon durchtriebene Schweinepriester. Angeblich sind sie die glücklichsten Menschen der Welt. Wie wird Glück gemessen? Gibt es ein Instrument, das man jemandem in den Hintern steckt und einen Wert anzeigt? Nein. Man fragt die Leute einfach. Finnen geben einfach häufiger die Antwort, sie seien sehr glücklich. Selbstmordrate und Alkoholismus sprechen eine andere Sprache. Warum haben sie nicht mehr Kinder, wenn sie so optimistisch sind? In dem riesigen Land leben etwa so viele Leute wie in Hessen. Es ist wie mit allen Umfragen zu privaten Dingen. Essen? Ganz viel Obst und Gemüse, kaum Fleisch. Trinken? Ein oder zwei Gläser Wein pro Woche. Werfen Sie einfach mal einen Blick in die Mülltonnen und Altglascontainer. Sex? Zweimal pro Woche. Auch nach dreißig Jahren Ehe. Jeder, der mal in einer längeren Beziehung gelebt hat, kann da nur zynisch lachen.

Pierre Moerlen's Gong - Time Is The Key [tracks 1-4] - YouTube


Das Weltraumprogramm Bavaria One nimmt Gestalt an. Wenn Sie in München in das Raumschiff steigen, dann … äh … sind Sie in zehn Minuten …

 

Donnerstag, 29. April 2021

Der Huberbauer spricht

Wer hat unsere schönen Atomkraftwerke abgeschaltet? Die CDU.

Wer hat den Griechen und Italienern unser sauer verdientes Geld in den Rachen geworfen? Die CDU.

Wer hat Millionen Flüchtlinge ins Land gelassen? Die CDU.

Wer hat in den letzten sechzehn Jahren die ganzen blöden Windräder gebaut? Die CDU.

Wer öffnet der gegenderten Sprache Tür und Tor? Die CDU.

Wer hat die deutsche Kohle und den deutschen Bergmann verraten? Die CDU.

Die Christdemokraten sind linke Zecken geworden.

Da wähle ich doch lieber das Original, und nicht die Fälschung.

Bundestagswahl 2021: Die Grünen.

Alles andere ist Quatsch.

Das Polyversum der Geschwätzigkeit

 

„ICH HAB’N DOKTORTITEL UND DU NICH !!!“ (Bonetti auf Twitter zum Thema Menstruationszubehör)

Gibt es eigentlich noch Themen, die nicht politisch aufgeladen sind und kontrovers diskutiert werden? Geschlechterrollen sind ein politisches Thema, die Umwelt und vor allem das Klima, selbst Schweinenackensteaks, Urlaubsreisen und die Antriebsart von Fahrzeugen sind politisch geworden. Das ist einerseits gut, denn es entsteht eine Vielzahl von öffentlichen Diskussionen.

Es ist prinzipiell kein Problem, alles in Frage zu stellen und darüber zu debattieren. Das Problem ist eher, dass es keine Instanz gibt, die den Erkenntnisprozess moderiert. Weder die Politik noch die Medien spielen noch eine nennenswerte Rolle. Beide mögen Fachwissen akkumulieren und bewerten, aber sie sind nur zwei Stimmen unter vielen. Wenn jeder sich für einen Experten hält und alle anderen für Laien, gibt es kein Ergebnis. Man muss nichts mehr wissen, um mitreden zu können.

Die Diskussionen laufen endlos weiter, die Gesellschaft entwickelt sich nicht weiter, sondern zerfällt in eine unüberschaubare Zahl von Lagern. Schließlich sind die Gruppen, die z.B. über Ernährung und Mobilität diskutieren, nicht deckungsgleich. Es gibt den vegan lebenden Dieselfahrer ebenso wie den Fahrradfahrer, der gerne Fischstäbchen isst. Es gibt kein soziologisches Modell mehr, das diese zersplitterte Gesellschaft noch abbilden könnte.

Fragmentierung nennen das die Wissenschaftler, wenn sie über Gräben und Risse sprechen. Reflexive Moderne nannte man das in den Neunzigern, als man die Vielzahl der Debatten noch als positive Entwicklung betrachtet hat. Die mangelnde Struktur dieser Debatten, ihre Emotionalität und die Tatsache, dass mit dem Internet noch dem größten Schwachsinn eine landesweite bzw. internationale Plattform gegeben wird, empfinde ich inzwischen als Rückschritt. Wir haben unseren Bestand an Selbstverständlichkeiten und Gemeinsamkeiten schneller verbraucht als gedacht.

Robert Palmer - Every Kinda People (Official Video) - YouTube



 

Mittwoch, 28. April 2021

Noch mehr Kassenbons

 


In diesem Haushalt gibt es eine Hackfleisch-Gemüse-Pfanne mit Kartoffeln. Billig-Hackfleisch für 1,89 €, aber zwei Schachteln Kippen für 16 €. Abends mit Chips und Brezeln vor dem Fernseher. Es fehlen Bier, Schnaps und Wein. Hefe? Backt in der dritten Corona-Welle immer noch jemand sein Brot selbst? Insgesamt ein sehr deutscher Kassenbon.



Hier haben wir offenbar einen mega-woken Genossen von den Grün-Wählern, der sich praktisch ausschließlich flüssig ernährt. Sechs Flaschen Wein – der größte Posten auf dem Bon. Drei Flaschen Innocent-Fruchtsaft, der teurer als der Wein ist. Blue Break enthält Algen-Extrakt, ein angebliches Superfood, das aber laut Apotheken-Umschau nutzlos ist. Bami Goreng statt Bratwurst. Paella mit Meeresfrüchten. Ist der Kunde aus der Großstadt aufs Land gezogen? Milch mit Erdbeergeschmack. Da will einer nicht erwachsen werden.



Ich tippe auf einen Mann mit Geld. Teurer Schinken, dazu SPIEGEL und eine TV-Zeitschrift. Es gibt Burger zum Abendessen, morgen dann Würstchen mit Kartoffelsalat. Mayo, Tomaten und saure Gurken sind für die Burger, aber Salat kauft er nicht. Typisch Mann. Es ist ein Basis-Burger ohne Käse und Bacon. Zwischen die Hälften des Buns kommt nur das Patty, Ketchup, Mayo, Gurke, Tomate. Zwiebeln hat er vermutlich noch zuhause. Wieder Müller-Thurgau. Wieder Milch mit Erdbeergeschmack + einmal Banane. Scheint sehr beliebt zu sein. Und eine ganze Kiste Fanta. Da sind vermutlich noch Kinder im Spiel. Papa kauft ein. Aber bitte nix Gesundes.



Hier war eindeutig eine Frau am Werk. Unmengen an Obst und Gemüse. Mehr Käse als Schinken. Kein Mann hat jemals Artischockenherzen gekauft. Kein Alkohol, keine Würste, kein Bierschinken. Stattdessen Kefir und eine Salatgurke. Was macht man mit so einer Gurke? Salat? Zu Burgern passen sie jedenfalls nicht.



Hier noch ein Kassenbon von unserem unübertroffenem Landmetzger im Nachbardorf als Bonusmaterial. Er lag in einem Rewe-Einkaufswagen.

P.S.: Einer der Kassenbons ist von mir. Erraten Sie, welcher es ist? Gewinnen Sie ein Meet&Greet mit Andy Bonetti im Best Western Ulan-Bator (Anreise auf eigene Kosten).

Ph.D - I Won't Let You Down - YouTube

Dienstag, 27. April 2021

Eklektizismus


Es gibt eine Form von schamlosem Opportunismus, der mich sprachlos macht. Ich denke zum Beispiel an die Seereise von Greta Thunberg zurück, als Menschen, die sich einen Dreck um das Klima und den Umweltschutz scheren, die halbe Schweine auf den Grill packen und mit dem SUV zum Briefkasten um die Ecke fahren, plötzlich die Öko-Bilanz einer solchen Fahrt aufstellten, um sich in Häme über ein Mädchen zu ergehen, das sich zurecht Sorgen um die Zukunft macht. Oder die ganzen Miles&More-Spackos, die lustvoll einer Luisa Neubauer ihre Flugkilometer vorrechneten.

Heute erleben wir sie wieder. Sie haben das Grundgesetz für sich entdeckt. Jetzt müssen die Menschenrechte für ihren Egoismus, ihre Bequemlichkeit und ihren Mangel an Solidarität und Empathie herhalten. Dieselben Menschen, denen vor einigen Jahren das Grundrecht auf Asyl oder der real existierende Überwachungsstaat völlig egal waren, inszenieren sich jetzt als Opfer einer totalitären Diktatur, die ihnen den Biergarten und den Shopping-Nachmittag im Einkaufszentrum verbieten will. Aus dem Angebot einer Schutzimpfung wird die Zwangsimpfung und sie fabulieren von Konzentrationslagern, in die man sie als Widerstandskämpfer zweifellos stecken wird.

Man nennt dieses beliebige Aufgreifen von Argumentationen auch Eklektizismus. Man pickt sich aus dem Angebot an Denkweisen und Begründungszusammenhängen das heraus, was einem gerade in den Kram passt. Wohin fließt die destruktive Energie der Wutbürger, Verschwörungsschwurbler, Esoteriker und Welterklärer, wenn die Pandemie vorbei ist? Kämpfen sie für ihre Freiheit als Autofahrer? Wieso entmündigt uns der Staat durch Tempolimits? Warum 50 km/h in der Stadt und 100 km/h auf der Landstraße? Diese Werte sind doch so willkürlich wie die Inzidenz-Werte! Geben Sie Reisefreiheit, Sire! Geht es den Staat etwas an, ob ich angeschnallt bin oder nicht? Ich darf doch auch Zigaretten rauchen und Bier trinken, obwohl es ungesund ist! Bevormundung durch den Nanny-Staat! Was ist mit meiner Versammlungsfreiheit, wenn es darum geht, einen Sterbenden mit anderen Autofahrern an einem Unfallort anzugaffen? Das wird man doch wohl noch fordern dürfen!

Oder wie wäre es mit der "Klimalüge"? Die Bäume sterben nicht am Klimawandel, sondern mit dem Klimawandel. Es gibt keine Übertrockenheit. Der Planet wäre ein halbes Jahr später sowieso gestorben. Das ist alles eine Verschwörung. Dahinter stecken Elon Musk mit seinen Autofabriken, die Grünen, die Stromkonzerne und die Hersteller von Windrädern. Ich lasse mir meinen Holzkohlegrill nicht nehmen! Hunderte von Kindern sind qualvoll erstickt, weil ihnen ein Windrad die Luft zum Atmen genommen hat. Alte Menschen dürfen bei Hitze nicht vor die Tür. Denkt doch mal an die psychischen Schäden! Berufsverbot für die Arbeiter im Braunkohlebergbau. Was ist mit ihren Grundrechten? Was ist mit meinem Grundrecht auf einen drei Tonnen schweren Diesel-SUV und eine Harley für den Sonntagsausflug ins Grüne? Kommt jetzt die ÖPNV-Pflicht? Dann trage ich den Judenstern mit der Aufschrift "Busgegner". Wir treffen uns alle vor dem Reichstag. Attila Hildmann erklärt uns das noch mal mit dem Adrenochrom, das sich die Baerbock spritzen lässt, um jünger auszusehen.

The Zombies - She's Not There - YouTube

 

Montag, 26. April 2021

Bonetti – Geladen und entsichert

 

Blogstuff 588

„Is there anybody out there?” (Pink Floyd)

Optimismus ist doch auch nur eine dieser Kiffer-Vokabeln.

Vor dem Haus ein Steingarten, hinter dem Haus dreht ein Mähroboter einsam seine Runden. Schweppenhausen 2021.

Ein gläserner Palast bleibt ein Palast.

Hätten Sie’s gewusst? Der Signature Avocado Chili Cheese von McDonald’s hat genauso viel Kalorien wie 1,5 Liter Weißwein.

Savoir-vivre, Dolce Vita, Fleiß & Disziplin. In welchem Land möchten Sie leben?

Warum zeigt man Bonanza und die Waltons nicht mehr? Was ist mit der Partridge Family und Welcome back, Kotter?

Es ist eine gewaltige Kulturleistung unserer Gesellschaft, die Menschen auszublenden, die eigentlich die Arbeit für uns alle leisten. Die Leute, die Nahrungsmittel produzieren und transportieren, die Sachen herstellen und reparieren, die sich um kranke, arme und alte Menschen kümmern. In den Medien sehen wir immer nur die ewig gleichen Labersäcke und Wichtigtuer.

Als Schriftsteller wird man oft gefragt, wie man eigentlich zum Schreiben gekommen ist. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, habe ich mir manchmal ein Buch aus dem Wohnzimmerregal genommen und getan, als ob ich es lesen würde. Obwohl ich damals das Alphabet noch gar nicht konnte. Meine Eltern und meine große Schwester lasen schließlich auch ständig. Wenn ich gefragt wurde, was ich da lesen würde, habe ich mir einfach eine Geschichte ausgedacht, die angeblich in dem Buch stünde. So war das. Ist mir gerade eingefallen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, seine Memoiren zu schreiben? Mit sechzig, mit siebzig? Ich habe ein blaues Schulheft aus dem Jahr 1978 gefunden. Da war ich zwölf Jahre alt. Titel meiner Autobiographie: „Mein Leben“. Das ist sehr originell. Leider habe ich damals nur das erste Kapitel vollendet. Es ist eine präzise Beschreibung meines Kinderzimmers und enthält auch alle Namen meiner Stofftiere. Mehr nicht. Verdammt! Wie war meine Lebensbilanz 1978?

Manchmal habe ich den Eindruck, die ganze menschliche Existenz ist peinlich. Was machen wir hier eigentlich?

Ich war acht Jahre der Fitnesstrainer von Peter Altmaier.

Kann das sein? Laut einem Kalorienrechner im Internet habe ich einen Tagesbedarf von 4200 Kalorien. Ein Liter Wein hat 700 Kalorien. Das wären sechs Liter! Das schaffe ich beim besten Willen nicht. Ich muss also mehr essen.

Pee Wee Ellis - Cold Sweat/Licking Stick - YouTube




Ich sollte mehr italienisch-deutsch-türkische Fusionsküche testen.

 

Sonntag, 25. April 2021

Der Code II

 

Den ersten Mann tötete er, als er an der Tür klopfte. Er wartete einfach, bis er die billige Tür eingetreten hatte. Dann brach er ihm das Genick.

Er rannte ins Bad und kletterte aus dem Fenster. Er blieb stehen und wartete, bis der zweite Mann um die Ecke kam. Zwei Schüsse in den Oberkörper. Vorsichtig kam er näher. Eine Kugel in den Kopf.

Es war Zeit, sich ein neues Heim zu suchen. Als er seine Tasche holte, durchsuchte er den ersten Mann. Tatsächlich: BND. Er hatte erwartet, dass der deutsche Geheimdienst die Kollegen von der CIA einschalten würde.

Er fuhr los und dachte nach.

Vor einigen Wochen hatte er das Geheimnis des BND gelöst. Die Daten von bestimmten Rezepten bei Chefkoch.de waren ein Code. Die ersten vier Ziffern in den Anleitungen von „Reinhard Gehlen“ zum Thema Fleisch (Schweinebraten, Sauerbraten, Schmorbraten, Rinderbraten usw.) waren DAX-Aktien, deren Kauf empfohlen wurde.

Beispiel: Der BND hatte durch eine zuverlässige Quelle erfahren, dass das Bundesverfassungsgericht den Berliner Mietendeckel kippt. Also sollten Vonovia-Aktien gekauft werden, um vom Anstieg der Kurse zu profitieren. Vonovia = VONO = 22 – 15 – 14 – 15.

Ihm waren die merkwürdigen Zahlen aufgefallen, als er nach einem Rezept für einen Rollbraten gesucht hatte. 22 Gramm Salz, 15 Gramm Pfeffer, 14 Gramm Knoblauch und 15 Gramm Thymian? Kein Teelöffel Salz, keine Knoblauchzehe? Dann kam erst: 500 Gramm Schweinefleisch. Reinhard Gehlen veröffentlichte einmal pro Woche ein Bratenrezept mit solchen Zahlenangaben.

Seine Kuchenrezepte waren noch viel merkwürdiger. Genau 55 Rosinen und 444 Gramm Zucker? Aber das war die Postleitzahl eines Dorfs im Hunsrück. Wieso erwähnte Gehlen, es sei der Lieblingskuchen von Dschingis KHAN? In Großbuchstaben. Vielleicht ein Autokennzeichen KH-AN. Die nächste Zahl – 635 Milliliter Milch machte das Kennzeichen komplett.

Er war in das Dorf gefahren. Es war nicht sehr groß. Nur vor dem Feuerwehrhaus gab es einen öffentlichen Parkplatz. Dort stand ein alter Opel mit dem Kennzeichen KH-AN 635. Er brach den Kofferraum auf und fand die Tasche mit den 500.000 Euro.

Er fuhr zum Flughafen Hahn, der nicht weit entfernt war. Eine Stunde später saß er in einer Maschine nach London. Von dort flog er nach Chicago.

Füllte der BND mit diesen Geschäften seine schwarzen Kassen? Finanzierte er verdeckte Operationen, KSK-Munitionslager oder die NPD? Jedenfalls fand er im Internet keinen Bericht über das verschwundene Geld. Er war auch nicht zur Fahndung ausgeschrieben.

Ab jetzt musste er in Bewegung bleiben, das war klar.

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Samstag, 24. April 2021

Bilderwelten, Weltbilder 74


 










Der Code

 

Er war den ganzen Tag gefahren. Nebenstraßen. Kein Highway, kein Freeway.

Das Motel war weit weg von jeder Stadt.

Kein Ausweis. Er füllte einen Zettel aus, bezahlte bar und bekam den Schlüssel.

Ein Zimmer auf der Rückseite. Nr. 17. Kingsize-Bett, Fernseher und Klimaanlage.

In der Ferne eine bedeutungslose Bergkette. Das Gras fast farblos.

Ein Swimmingpool. Hellblaue Kacheln. Niemand benutzte ihn.

Der Wagen war ein Problem. Er fuhr in eine Stadt, hundert Kilometer entfernt. Er ließ ihn auf einem Supermarktparkplatz stehen, kaufte einen Gebrauchtwagen in bar und fuhr zurück.

Das Zimmer gefiel ihm. Jeden Tag zahlte er für eine Nacht. Keine Fragen. Bargeld hatte er genug. Eine ganze Tasche voll Fünfzig-Dollar-Scheine.

Morgens frühstückte er in einem Diner. Ein paar Kilometer entfernt. Eier, Schinken, Hash Browns. Kaffee und Orangensaft. Für den Rest des Tages kaufte er in einem kleinen Laden ein.

Er saß nachmittags mit einer Zeitung am Pool, abends mit Sandwiches und Bier vor dem Fernseher.

Zwei Wochen später hatten sie ihn gefunden.

Fortsetzung folgt

Freitag, 23. April 2021

Was für eine Hammer-Woche!

Gab es in diesem Jahr eine turbulentere Woche als die aktuelle?

Die J.P. Morgan-Bank, ein Leitwolf der Wall Street, reitet eine Attacke gegen die europäischen Fußballtradition und macht zwölf Top-Clubs ein unmoralisches Angebot über 3,5 Milliarden, wenn sie ihre Ehre verkaufen. Alle zwölf Clubs unterschreiben.

Ein überforderter Provinz-Hallodri namens Armin Laschet wird Kanzlerkandidat der Union und womöglich unser nächster Regierungschef.

53 Ronin aus der drittklassigen deutschen Fernsehwelt, die wir mit unseren Gebühren jahrzehntelang gemästet haben (allein für seine Rolle in 38 Münster-Tatorten hat Liefers so viel Geld verdient, dass es für eine Villa in Dahlem reichen würde), proben den Zwergenaufstand und schließen sich in Bekennervideos den Querdenkern an.

Der Bundestag beschließt ein Gesetz gegen die Pandemie, in dem der Grenzwert für Maßnahmen auf die krumme Zahl 165 festgelegt wird, weil die am Montag eben der deutsche Durchschnittswert war. Die neuen Maßnahmen sind völlig nutzlos.

Wir haben erst Freitagnachmittag! Morgen wird Bayern München deutscher Meister und am Sonntag tauchen vermutlich Nacktfotos vom Papst auf.


Der CDU-Bundesvorstand hat sich entschieden.

Liebe deinen Vermieter

 

Als ich auf die Welt kam, war ich 48 Jahre alt.

Ich saß an einem Schreibtisch und blickte auf meine Hände. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Vor mir lag ein Stapel Bankauszüge. Kugelschreiber. Ein zugeklapptes Notebook. Aber ich konnte mich nicht an mein Leben erinnern.

Ich stand auf und ging in den Flur. Ich sah fünf Türen. Die Wohnungstür war geschlossen, die anderen vier Türen standen offen. Eine Küche, ein Badezimmer, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Alle leer. Ich war allein.

Im Badezimmerspiegel betrachtete ich mein Gesicht. Kurze, graue Haare, Geheimratsecken. Dunkelblaue Augen, eine schmale Nase, kein Bart. Falten an den Augen, Tränensäcke, dichte Augenbrauen.

Ich sah in meinen Hosentaschen nach. Eine Brieftasche. Mein Name war Burkhard von Gallenstein. Adresse: Schloßallee 23, 13156 Berlin. Geboren am 14. März 1973 in Düsseldorf. Jede Menge Bargeld und zwei Kreditkarten.

Ich ging zurück ins Arbeitszimmer und studierte die Bankauszüge. Woher bekam ich mein Gehalt? Ich stellte fest, dass ich nicht berufstätig war. Offensichtlich besaß ich vier Wohnungen in der Stadt. In Charlottenburg, Lankwitz, Dahlem und Köpenick.

Bruttoeinnahmen von über sechstausend Euro monatlich. Davon gingen etwa zwölfhundert Euro für Nebenkosten, Grundsteuer und Hausverwaltung ab. Für meine eigene Wohnung zahlte ich knapp vierhundert Euro Wohngeld. Kosten für ein Auto tauchten in den Auszügen nicht auf.

Auf der Kommode an der Wohnungstür fand ich ein Schlüsselbund. Ein Schlüssel passte ins Schloss. Ich verließ das Haus und fuhr mit der Tram bis zum U-Bahnhof Osloer Straße. Von dort aus fuhr ich mit der U 9 zum Zoo und mit dem Bus die Kantstraße runter.

Mein Mieter in Charlottenburg hieß Michael Tilkowski. Ich klingelte und es wurde mir geöffnet. Als er mich an der Wohnungstür erblickte, wurde er kreidebleich.

„Herr von Gallenstein. Sie kommen wegen der Mietnachzahlung.“

Ich war verblüfft und sagte nur „Hallo“.

„Bitte, bitte, bitte. Schmeißen Sie mich nicht aus der Wohnung. Ich habe nicht so viel Geld im Haus, aber ich werde alles zurückzahlen. Ich brauche nur mehr Zeit.“

Dann ging er auf die Knie und umklammerte meine Beine. Tränen liefen ihm über sein Gesicht.

„Meine Frau ist im achten Monat schwanger. Ich bin in Kurzarbeit und weiß nicht, ob ich meinen alten Job als Kellner behalten kann. Haben Sie ein Herz, Herr von Gallenstein. Bitte!“

Ich half dem kleinen Mann auf und drückte ihn stumm an meine Vermieterbrust. In welches Leben war ich hineingeraten?   

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