Freitag, 22. Juni 2018

Menschheitsfinsternis


Blogstuff 221
„Ganz allgemein gilt, dass nur der Mensch gierig ist, der unbefriedigt ist. Die Gier ist immer das Ergebnis tiefer Enttäuschung. Ob es um die Gier nach Macht, nach Essen oder etwas anderem geht, die Gier ist immer das Ergebnis einer inneren Leere.“ (Erich Fromm)
Ich träume, ich würde ein Formular ausfüllen und damit den „Freunden der totalen Menschheitsfinsternis“ beitreten. Nach dem Aufwachen gebe ich den Begriff in eine Suchmaschine ein und siehe da: Es gibt ihn schon.
Eigentlich wollte ich mal eine Weile nichts schreiben. Einfach einen Monat lang nicht gleich jeden Mist notieren, der mir durch die Birne segelt. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, mein Notebook zu Hause zu lassen, bevor ich nach Berlin gereist bin. Aber es ist wie bei einer defekten Klospülung: Es läuft einfach durch mich durch. Mir fällt was ein, ich schreib es auf, mir fällt was ein, ich schreib es auf, immer weiter …
Wer ist verrückt, wer ist normal? Die Normalen sind die Mehrheit, ganz einfach. Was aber, wenn sich die Mehrheit verrückt verhält? Wenn sie sich permanent selbst schädigt, beispielsweise durch die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen? Als Einzelperson wäre die Menschheit ein Fall für die Psychiatrie.
Hätten Sie’s gewusst? Mamma Mirácoli ist gar nicht aus Italien.
Eines Tages wird eine Tiefgaragenebene in meiner Geburtsstadt Ingelheim nach mir benannt werden. Ich weiß es genau.
Es heißt immer, wir können nichts ändern. Das stimmt nicht. Wir können nur sehr wenig ändern. Du bist einer von sieben Milliarden, also kannst du den siebenmilliardsten Teil ändern.
Da Frauen in früheren Zeiten der Zugang zu hochprozentigen Alkoholika verwehrt wurde, gab es entsprechende „Duftwasser“ zu kaufen, die von den Frauen heimlich getrunken wurden. Berühmt waren 4711 und andere Eaux de Cologne (70 bis 85 Volumenprozent Alkohol), Klosterfrau Melissengeist (79%) und Frauengold (16%). Auch Doppelherz (17%), WICK MediNait (18%) und Galama (15%) fallen in die Kategorie der Arznei als heimlicher „Stimmungsaufheller“.
Als ich den Eiffelturm geerbt habe, sagten meine Freunde natürlich alle: Du Glückspilz, Du hast ausgesorgt. Aber weit gefehlt, liebe Lesende. Die Betriebskosten sind exorbitant und die Einnahmen, die ich mit den Eintrittskarten und dem Restaurant erziele, sind bei weitem nicht so hoch wie ich erwartet hatte. Der Turm ist jedoch seit dem 18. Jahrhundert im Familienbesitz. Deswegen habe ich bisher alle Käufer aus arabischen Ländern und den USA tapfer abgewehrt.
Gelegentlich trifft man bei deutschen Nachnamen auf lateinisch klingende Begriffe. Das liegt nicht daran, dass diese Menschen ihre Vorfahren bis zur Zeit von Julius Cäsar zurückverfolgen können, sondern am modischen Trend der Latinisierung im Mittelalter und der Renaissance. Es klang einfach cooler, so wie man heute internationale Vornamen wie Kevin oder Schantalle verwendet. Man hat damals den alten deutschen Nachnamen ins Lateinische übersetzen lassen. So wurde aus dem Herrn Fischer ein Herr Piscator, aus Frau Berg eine Frau Montanus oder aus Friedrich Kaufmann ein Fridericus Mercator.
Politik: Austronat Superwastl Kurz trifft den Dominator Söderus Rex.

Magazine - The Light Pours Out of Me. https://www.youtube.com/watch?v=0J1sOQdvudc

Donnerstag, 21. Juni 2018

Blogger 3000

„Wer nichts wird und wer nichts kann, der geht zu Post und Eisenbahn.
Ist auch dies dir nicht gelungen, machst du in Versicherungen.
Bist du einfach blöd geboren, gehst du unter die Autoren.“
(unbekannt)

Es war auf der großen internationalen Messe in Hannover. Jeder kennt die „Blogger 3000“. Hier treffen sich Autoren, Fotografen, Designer, Verleger und Start-Up-Investoren. Wir hatten gerade Andy Bonettis phantastischen Vortrag „In sieben einfachen Schritten zum Welterfolg“ gehört und waren euphorisch.
Ich saß mit ein paar jungen Kollegen in einer Bar und wir unterhielten uns über unsere Zukunftsaussichten in der Branche. Neben mir saß ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, der sich Strawberry High nannte. In Wirklichkeit hieß er Kuno Grindberg. Die anderen waren von den Poetry Ultras Neukölln.
„Ich will Schriftsteller werden“, sagte er und sog an seinem Cuba Libre.
„Wieviel verdienst du im Augenblick mit dem Schreiben?“ fragte ich ihn.
„Ich habe ein Werbebanner auf meiner Seite. Ein paar Euro im Monat.“
Ich blickte in die Thekenrunde. „Irgendjemand mehr?“
Alle schüttelten die Köpfe.
„Wenn ich genügend Kurzgeschichten zusammen habe, biete ich sie einem Verlag an“, sagte Strawberry High und sah mich tapfer an.
„Verlage veröffentlichen nur in Ausnahmefällen Kurzgeschichten. Sie wollen Romane. Das predigen ihnen ihre Marketing-Abteilungen seit Jahrzehnten.“
„Warum?“
„Weil sich Romane besser verkaufen“, antwortete ich ihm. „Um als Autor vom Schreiben leben zu können, musst du mindestens 20.000 Exemplare im Jahr an die Leser bringen.“
„Das verstehe ich nicht.“
Die anderen hörten aufmerksam zu, als ich ihnen die Rechnung erklärte.
„Nehmen wir an, dein Buch kostet zehn Euro im Laden. Im Regelfall bekommst du zehn Prozent Honorar vom Verkaufspreis und die Sache mit der Mehrwertsteuer lasse ich jetzt mal weg, sonst wird es zu kompliziert. Wenn du 20.000 Bücher im Jahr verkaufst, verdienst du also 20.000 Euro. Davon holt sich der Staat mindestens 2.500 über die Steuer und die Krankenkasse kostet dich nochmal dasselbe. Bleiben dir 15.000 im Jahr, also 1.250 Euro im Monat. Davon kann man leben, aber es nicht viel.“
Ich ließ es eine Weile sacken und nahm einen tiefen Zug aus dem Weizenbierglas.
„Aber 20.000 Leser im Jahr ist doch kein Ding“, sagte Strawberry High schließlich. „Ich habe mehr als 20.000 Seitenzugriffe auf meinem Blog im Monat.“
„Das sind immer die gleichen paar tausend Leute, die deine Texte umsonst lesen. Das heißt noch nicht, dass sie deine Bücher kaufen. Was glaubst du wie viele Autoren – Sachbücher und Promi-Autobiographien mal ausgenommen – 20.000 und mehr Bücher im Jahr verkaufen?“
„Keine Ahnung.“
„Ich war mal mit Sten Nadolny auf einer Tagung eingeladen. Es ging um das Thema Zeit. Auf dem Rückweg haben wir im Speisewagen gesessen und ein wenig geplaudert. Damals war ich so alt wie ihr. Ich habe ihn gefragt, wie viele Leute in Deutschland so wie er von Literatur leben können. Er fragte mich nach meiner Schätzung. Ich war so naiv und habe zweihundert gesagt. Er hat nur gelacht. Weniger als hundert und etliche davon haben einen reichen Ehepartner, eine Erbschaft, einen Redakteursposten oder eine Professur im Hintergrund.“
Die jungen Leute schwiegen betreten.
„Jetzt seit ihr deprimiert, oder?“
Keine Antwort. Schließlich sagte Strawberry High: „Soll ich mit dem Schreiben aufhören?“
„Nein“, sagte ich. „Du willst auch gar nicht mit dem Schreiben aufhören. Du bist Künstler, du kannst gar nicht anders. Aber such‘ dir einen Job, mit dem du die Miete zahlen kannst und krankenversichert bist. Ein Job, der dir genug Zeit zum Schreiben lässt. Wenn du dir jeden Tag um die Miete oder um die nächste Mahlzeit Sorgen machen musst, hast du den Kopf nicht frei. Es geht dir dann so wie einem Krebskranken, der sich auch nicht mehr auf seine Arbeit am Text konzentrieren kann. Bonetti ist eine Ausnahme. Er hat es doch selbst erklärt: ein Prozent der Autoren verdienen 99 Prozent des Geldes und 99 Prozent der Autoren verdienen ein Prozent des Geldes. Das ist die Wahrheit.“
Kraftwerk - Der Telefonanruf. https://www.youtube.com/watch?v=15UQO9j5aFw

Mittwoch, 20. Juni 2018

Der Neue

Es waren zwei Kinder, die ihn zuerst gesehen haben. Irgendwo am Stadtrand waren sie in ihr Spiel vertieft und sahen ihn erst spät, als er auf der Straße zwischen den ersten Häusern auftauchte. Als sie den lähmenden Schrecken überwunden hatten, rannten sie los, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Er ging weiter in die Stadt hinein. Fenster und Türen wurden eilig geschlossen. Hinter den Gardinen sah man die Gesichter neugieriger Bürger. Er hatte es nicht eilig. An der ersten Kneipe blieb er stehen und öffnete die Tür.
Schweigend betrat er den Gastraum. Als sie ihn sahen, zerstob die Menge der Gäste augenblicklich und drängte sich hinter ihm zur Tür hinaus. Die Kellnerin stieß einen spitzen Schrei aus und ließ das Tablett fallen. Sie verschwand in der Küche. Selbst der Wirt, ein glatzköpfiger Riese mit wildem Blick und goldenen Ohrringen, verdrückte sich nach hinten.
Der Mann holte sich in aller Seelenruhe ein Bier aus dem Kühlschrank und trank in langen Zügen aus der Flasche. Dann setze er sich an einen der leeren Tische und schien sich ein wenig auszuruhen.
Es dämmerte schon, als er das Lokal verließ. Auf der Straße stand ein Streifenwagen. Als ihn die Polizisten erblickten, sprangen sie aus dem Wagen und rannten davon.
Er ging in die Stadt. Auf dem großen Platz vor dem Rathaus wichen die Menschen ihm aus. Die Händler verließen ihre Buden, alle gingen eilig davon. Hinter ihm lugten Menschen um die Ecke und beobachteten ihn.
Der Mann nahm sich eine Bratwurst vom Rost eines Imbissstands und aß sie. Dann nahm er sich noch eine Bratwurst und schlenderte gemächlich zum Rathaus. Er ging die Treppe hinauf. Niemand würde ihn aufhalten. Er war sich ganz sicher.
Blue Boy - Remember Me. https://www.youtube.com/watch?v=fKKNPLowteY

Dienstag, 19. Juni 2018

ENDLICH !!! Merkel erklärt Netzausbau zur Chefsache





Nächster Punkt: Wasserwirtschaft




P.S.: Die Redaktion entschuldigt sich für einen Tippfehler. Es muss natürlich "Brauwasser" heißen, nicht "Brauchwasser".

Zeichnungen 7

Was ist Gott?

1. Gott ist unsichtbar. Er ist Geist. Er ist überall, aber wir können ihn nicht sehen oder fühlen.
2. Gott ist ewig. Es wird ihn immer geben. Er hat weder Anfang noch Ende.
3. Gott ist der Schöpfer allen Lebens, aber er kann sich nicht um alles Leben kümmern.
4. Gott ist nicht an allem schuld, aber wer gottgefällig lebt und sich an seine Gebote hält, hat gute Chancen auf ein schönes Leben.
5. Gott liebt uns, aber manchmal muss er uns bestrafen.
6. Gott ist Ordnung, die göttliche Ordnung. Sein Gegner ist Satan, Satan ist das Chaos.
7. Gott hat keine Grenzen.
8. Gott ist so groß, dass niemand ihn völlig verstehen kann.
9. Gott ist Weisheit. Vertrauen wir ihm einfach.
10. Gott ist allmächtig. Du sollst nicht andere Götter haben neben ihm.
Unser Gott ist der Markt. Nicht das Geld, sondern der Markt. Er hat alle Attribute, die wir Gott zusprechen.
The Passions - I'm in Love with a German Film Star. https://www.youtube.com/watch?v=iLn_oMd1DQU

Montag, 18. Juni 2018

Russen und Deutsche

Ich habe am Ingelheimer Gymnasium fünf Jahre lang Russisch gelernt. 1980 bis 1985. In einer Zeit des Russenhasses, die der jetzigen Epoche in nichts nachsteht. 1984 haben wir mit dem Russisch-Kurs eine Reise nach Moskau und Leningrad unternommen. Die russische Reiseführerin zeigte uns im heutigen Petersburg die Massengräber ihrer Vorfahren, ohne uns junge Menschen zu beschuldigen. Sie zeigte einfach nur die Opfer der Nazi-Belagerung - ohne Pathos, ohne Anklage. Mehr als eine Million Menschen verloren damals ihr Leben – fünfzigmal mehr als beim Luftangriff auf Dresden.
Die Russen hätten auch 2018 viele Gründe, nachtragend zu sein. #Sanktionen. Aber sie sind es nicht. Deutsche Länderspiele wurden nicht in Petersburg oder Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, angesetzt. So primitiv würden die Russen niemals sein. Aber die deutschen Medien begeben sich auf ein Niveau der Berichterstattung herab, als würde es sich bei einem Staat wie Russland nicht um eine Kulturnation ersten Ranges handeln, sondern um ein gigantisches Konzentrationslager. Soviel Kritik hätte ich mir vor einigen Tagen gegenüber Nordkorea und Trump gewünscht.

Zeichnungen 6

Finger im Popo

Mexiko. Die erste Niederlage in einem WM-Auftaktspiel seit 1982. Gestern habe ich noch über 1982 geschrieben, gestern  sind wir ist die DFB-Auswahl nach 36 Jahren erneut schmachvoll gescheitert.
Was ist passiert, höre ich Sie, liebe sportinteressierte Lesende, fragen. Mach uns schlau, geschätzter Kiezschreiber, ruft die fußballbegeisterte Gemeinde. Hier ist meine Analyse.
Natürlich lag es, oberflächlich betrachtet, am lustlosen Auftritt, an der Ideen- und Bewegungslosigkeit der deutschen Mannschaft. Aber die Schuld liegt natürlich auch bei uns. In Wackernheim – oder wie ich es seit ein paar Tagen nenne: Wackutinki. Ein Brüller, oder? Sollte es mich beunruhigen, dass mir Wortspiele auf diesem Niveau inzwischen auch im nüchternen Zustand einfallen? Egal. Zurück zur Spielanalyse.
Dreizehn. Die Unglückszahl. Damit fängt es an. Wir sind an diesem Nachmittag dreizehn Personen, die sich um den Fernseher versammelt haben. Den Hund rechne ich nicht mit. Es ist ohnehin nur ein kleiner Hund, der durch die permanente Einforderung von Streicheleinheiten und Nahrungsmitteln, die für ihn nicht geeignet sind (dazu komme ich später), nicht ins Mannschaftsgefüge passen will.
Ich habe, einem meiner zahlreichen Ticks nachgebend, sofort die Menschen im Raum durchgezählt. Aber ich will nichts sagen. Ich kann mir die Reaktion der anderen schon denken: Wenn du gehst, sind wir nur noch zwölf. Ich habe mich sowieso schon unbeliebt gemacht, weil ich bei unserem Tippspiel der Einzige war, der auf ein Unentschieden gesetzt hat. Defätist! Alle anderen haben selbstverständlich auf einen deutschen Sieg gesetzt. Bereits vor dem Abspielen der Nationalhymne wird es sehr einsam um mich.
Der zweite Fehler: die Trikots. Niemand hat eines der Original-WM-Trikots für schlappe 125 Euro gekauft. Auch das Replica-Shirt für 90 Euro sehe ich nicht. Stattdessen sind die meisten Fans in zivil gekommen. Ich zum Beispiel in einem dunkelblauen T-Shirt, das ich den Anwesenden frech als Auswärtstrikot von Uganda präsentiere. Einige alte Deutschland-Trikot mit drei (!) Sternen, billige Discounter-Imitationen, dazu Flip-Flops und kurze Hosen. So kann man nicht antreten!
Der dritte Fehler: Anstatt – wie es sich für heimatverbundene Deutsche geziemt – Bratwürste auf den Grill zu werfen und eine Schüssel Kartoffelsalat auf den Tisch zu stellen, gab es Pizzabrötchen. Pizza! Italien!! Die sind ja noch nicht mal qualifiziert!!!
Der vierte Fehler: Normalerweise haben wir die Sammelkarten der Mannschaftsaufstellung komplett und legen sie vor den Fernseher. #Ritual #Talisman #Amulett #Aberglaube
Aber dann ist Hector verletzt, Plattenhardt spielt für ihn. Hat jemand den Plattenhardt, ruft die Gastgeberin verzweifelt. Den Plattenhardt! Niemand. Ich habe Sandro Wagner doppelt, der in einem Paralleluniversum den Ausgleich geschossen hat.
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
P.S.: Laut einer Verschwörungstheorie, die ich ausdrücklich nicht teile, aber gerne verbreite, hat Angela Merkel bei ihrem Besuch der Mannschaft in Südtirol die Order ausgegeben, möglichst früh aus dem Turnier auszuscheiden, um zu vermeiden, dass die Spieler von einem Despoten wie Putin den Pokal überreicht bekommen. Dann muss die Kanzlerin auch nicht nach Moskau reisen. Der Austausch von Pokalen fällt ohnehin in den Bereich der geltenden Sanktionen. Niemand verärgert die Amerikaner, die sich nicht qualifiziert haben, und wir gehen einem Spiel gegen den Iran aus dem Weg.
Les Humphries Singers – Mexico. https://www.youtube.com/watch?v=HkJR88iwDk4

Sonntag, 17. Juni 2018

Zeichnungen 5

Fußballweltmeisterschaft 1982

Fünf Mark hat das Sonderheft der Zeitschrift „Sport“, die es schon lange nicht mehr gibt (der Herausgeber „Deutscher Sportverlag“ existiert allerdings noch und befasst sich mit Galopprennen), damals gekostet. 1982. Die Mittelstufe des Gymnasiums lag gerade hinter mir. Nach dem Endspiel der WM habe ich meinen sechzehnten Geburtstag gefeiert. Das Heft habe ich natürlich aufgehoben.
Was für eine Mannschaft, die mit Trainer Josef „Jupp“ Derwall aus Würselen (kein Witz) nach Spanien fährt. Sturmgiganten wie Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Fischer und Horst Hrubesch werden für die Tore sorgen. Im Mittelfeld zaubern Paul Breitner und Felix Magath. In der Abwehr warten das Bollwerk Stielike – Kaltz – Briegel und die Förster-Buben. Harald „Toni“ Schumacher steht im Tor. Junge Talente wie Lothar Matthäus, Hans Peter „Hansi“ Müller oder Pierre Littbarski ergänzen die Truppe; verletzungsbedingt fehlt Bernd Schuster.
Wer wird Weltmeister? Im Heft geben die Experten ihre Tipps ab. Günter Netzer sagt: Deutschland. Helmut Kohl und Karl Dall auch. Bernie Ecclestone tippt auf Brasilien. Thomas Gottschalk auf Brasilien oder Deutschland. Frank Elstner sieht es genauso. Bekanntlich hat Italien damals das Endspiel im Bernabeu-Stadion in Madrid gewonnen.
Diego Maradona ist mit sechs Millionen Mark pro Jahr der Spieler, der am meisten verdient. Zwei Drittel des Geldes kommen von Konzernen, für die er Werbung macht. Davon können deutsche Spieler nur träumen. Im Interview sagt der Kölner Torwart Schumacher: „500.000,- netto oder 600.000. Ja, da würde ich sofort gehen, auch nach Saudi-Arabien.“ Deutschlands Kapitän Rummenigge verdient beim FC Bayern 40.000 Mark im Monat, ohne Nebeneinkünfte. Peanuts aus heutiger Sicht. Für die Übertragungsrechte müssen ARD und ZDF unglaubliche sechs Millionen Mark hinblättern!
Ich habe mich damals auf das Turnier gefreut, das Sonderheft war jeden Pfennig wert. Und dann das! Auftaktniederlage gegen Algerien. Der Nichtangriffspakt gegen Österreich im letzten Gruppenspiel, so dass beide Mannschaften in die nächste Runde kamen. Seither finden die letzten Gruppenspiele immer parallel statt, um Schummeleien wie die „Schande von Gijón“ zu verhindern. Das Halbfinale gegen Frankreich, die legendäre „Nacht von Sevilla“ mit dem ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte, war das spannendste Spiel, das ich je gesehen habe. Schließlich die unrühmliche 3:1-Schlappe gegen Italien im Endspiel.
P.S.: Zu Weihnachten bekam ich damals den Bildband „Fußball-WM 1982“ von Frank Beckenbauer. Der „Kaiser“ war zu diesem Zeitpunkt noch Spieler für den HSV (zu diesem Zeitpunkt in der 1. Bundesliga), aber nicht mehr für die Nationalelf. Er hat trotzdem auf seine Weise Geld mit der WM verdient und für den Bertelsmann-Verlag  seinen Namen verkauft  ein Buch gemacht. Im Vorwort schrieb er: „Die WM hat mir Spaß gemacht. Ich habe mit Freude für dieses Buch gearbeitet. (…) Und ich habe dabei eines festgestellt: Zum Trainer würde ich nicht taugen.“ Zwei Jahre später war er Nachfolger von Derwall.
P.P.S.: Die WM 1982 war das erste Turnier mit 24 Mannschaften, vorher waren es immer sechzehn gewesen. Viele Fans fanden das damals nicht gut. 2026 wird mit 48 Mannschaften in drei Ländern gespielt. Tendenz: irgendwann sind alle etwa zweihundert Verbände dabei, die WM ist immer und überall.
Jenny Rock - Douliou Douliou St-Tropez. https://www.youtube.com/watch?v=bWYWWrnXzsc

Samstag, 16. Juni 2018

Zeichnungen 4

Regen, Restalkohol, Resignation – ein ganz normaler Tag


Blogstuff 220
„Das Internet macht mit Humor das, was die Pornografie mit Sex gemacht hat – Vervielfältigung, Verflachung, Abstumpfung.“ (Hazel Brugger)
Je älter du wirst, desto mehr Pfeile stecken in deinem Fleisch. Von manchen Wunden weißt du, dass sie nicht mehr heilen werden.
„In guten Geschichten wird nun mal gefickt und gekackt, gekotzt und gestorben. Aber versuchen Sie mal, diesen Stoff im heutigen Fernsehen unterzubringen. Der Raum wird enger, der Kampf um die Freiheit härter.“ (Johnny Malta)
So wurde ich im letzten Vierteljahrhundert zum Fußgänger: 1994 letztes Auto, 1999 letzter Mietwagen (Elsass), 2002 letztes Mal am Steuer (Leute nach einer Party nach Hause gefahren), 2013 wurde mir der Führerschein geklaut.
Wir empfehlen die Roadkill-Paprikafleischwurst der Metzgerei Ehrlich aus Pirmasens.
Ich war einmal im Leben in Oberhausen. Damals hat ein Kumpel von mir in Duisburg gearbeitet. So ein Job bei der Telekom, wo du den ganzen Tag Straße für Straße eine ganze Stadt abklapperst und es wird gemessen, wie der Handy-Empfang ist. Acht Stunden. Jeden Tag. Der Typ kennt tatsächlich sämtliche Straßen im Ruhrgebiet, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls sind wir von Duisburg nach Oberhausen gefahren, um uns das neue „Centro“ anzugucken. Wir waren in einem wahnsinnig teuren Burger-Restaurant namens „Planet Hollywood“, wo sich der Kellner mit Namen vorgestellt hat. Was für eine Scheiße! Danach brauchten wir dringend das normale Leben und sind in eine Kneipe gegangen. So’ne typische Eckkneipe eben. Es war wie im Wilden Westen. Wir kommen rein und mit einem Schlag Totenstille. Drei Typen an der Theke und die Wirtin. Alles schaut uns an, als wären wir gerade mit einem Raumschiff gelandet. Wir setzen uns an einen Tisch und geben zwei Bier und zwei Schnäpse in Auftrag. Nach einigen Minuten fangen die Männer vorsichtig an, ihr Gespräch fortzusetzen. Leise, als würden sie dem Braten nicht trauen. Drei Bier später gehören wir aber schon zum Inventar. Schöne Gegend. Müsste man mal wieder hin.
So läuft es im 21. Jahrhundert: das Gras fällt dir auf den Boden, sofort kommt ein Saugroboter – und weg ist es.
Als wir in der Stadt ankamen, begann sie sofort zu fotografieren. Ein oder zwei Stunden lang. Ich ging wenige Meter hinter ihr und sog mich schweigend voll wie ein Schwamm. Dann setzten wir uns in ein Café. So war völlig erschöpft, aber glücklich. Wir bestellten Kaffee, Gin und Wein, ich begann zu schreiben.
Prag ist kitschig geworden, quietschbunt, völlig überschminkt – so hat die Stadt in der Vergangenheit vermutlich nie ausgesehen.
Liebe Veganer und Mülltrenner! Sehen wir den aktuellen Verhältnissen mit der gebotenen Kühlness ins Auge: Der Natur hilft nur ein dritter Weltkrieg mit Milliarden Toten.
Sie kennen das: Sie haben „soziale Gerechtigkeit“ angeklickt, aber Ihr Zeigefinger ist längst über einer anderen Taste. Wir wollen irgendwann das Neue, das Andere. Wer wollte uns einen Vorwurf machen? In diesem Jahrzehnt ist es eben Konsumschwachsinn. Na und? Zu müde und zu gleichgültig für den Protest.
Er war ganz entspannt, seine Bewegungen waren wie in Zeitlupe, aber ohne Fehler.
Peter Fox - Schwarz zu Blau. https://www.youtube.com/watch?v=yphwzD1XaBY


                               Meine Altersvorsorge: Star Wars-Sammelteller.

Freitag, 15. Juni 2018

Zeichnungen 3





Buster Keaton

„… er hatte jetzt keine Lust auf Leute, Leute waren die, die einem den Tag versauten …“ (Sven Regener: Wiener Straße)
Einer der vielen Vorteile des Alters ist es, seine Zeit nicht mehr mit belanglosen Tätigkeiten, albernen Leidenschaften und der Jagd nach nutzlosem Besitz verbringen zu müssen. Ich kann den ganzen Tag entspannt in meinem Sessel sitzen, ohne das Gefühl zu haben, irgendetwas zu verpassen. Als Gesellschaft genügt mir mein Kater. Ich nenne ihn Buster Keaton, weil er ständig denselben stoischen Gesichtsausdruck hat wie der längst verstorbene Schauspieler. Es ist nur ein Spiel, denn Buster hört ohnehin nicht auf seinen Namen. Letztlich ist er namenlos wie alle Katzen.
Ich habe Buster dressiert. Jetzt kann ich mich mit ihm unterhalten. Einen Kater dressiert? Und er redet? Glauben Sie mir, es geht. Moderne Technik macht es möglich. Ich habe eine Stoffmaus auf Rädern, die ich mit einer Fernsteuerung bewegen kann. Immer, wenn Buster mit seiner Pfote auf die Maus schlägt, ertönt aus einem Lautsprecher ein Satz. Ich habe etwa dreißig Floskeln programmiert. Auch die Unterhaltung mit Menschen beruht letztlich auf einer überschaubaren Anzahl beliebig verwendbarer Allgemeinplätze und sprachlicher Konventionen. Menschliche Kommunikation besteht zu 99 Prozent aus Leere.
„Sollen wir in den Garten gehen?“ frage ich Buster.
Er schlägt nach der Maus. „Morgen ist auch noch ein Tag.“
„Es ziehen tatsächlich einige Wolken auf. Vielleicht regnet es.“
„Das kann man nicht wissen.“
„Soll ich ein wenig lesen?“
„Wenn es dir Spaß macht.“
„Ist es denn richtig, den ganzen Tag im Sessel zu sitzen?“
„Ich finde, du machst das großartig.“
„Vielleicht koche ich mir einen Tee.“
„Achte immer auf deine Gesundheit.“
„Aber dazu müsste ich in die Küche gehen.“
„Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“
„Ist dir denn nicht langweilig, Buster?“
„Man braucht so wenig zum Glück.“
Wie recht dieser Kater doch hat. Und jetzt mache ich ein Nickerchen.
Gary Jules - Mad World. https://www.youtube.com/watch?v=4N3N1MlvVc4

Donnerstag, 14. Juni 2018

Zeichnungen 2

WM-Schlagzeilen 2018



Heißer als Chili: Showdown gegen Mexiko.


Maradona nach 0:5 gegen Schweden: Schlechteste deutsche Mannschaft seit 1978.


Zieht den Koreanern die landestypischen Hosen aus!


Zweites Müller-Eigentor – Wird Lewandowski zwangsarisiert?


Weißes Pulver in kolumbianischem Quartier! Wirklich nur Puderzucker?


Morgen in BILD: Franz Beckenbauers Höschenblitzer!


WM-Aus: Heynckes, Jauch oder Dobrindt – Wer wird neuer Bundestrainer?


1:0 für Putinho! Geheime Kreml-Absprache vor Endspiel?


B. Scheuert: Bayern 2022 mit eigener Nationalmannschaft.


Javansinn! Indonesien WM-Gastgeber 2030.


Eine Hochzeit im Himmel

True love's first kiss. Das zweite Date ist bei Donny im Dark Room des White House.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Zeichnungen aus der alten Republik 1

Früher habe ich nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet. In den nächsten Tagen werde ich ein paar Seiten aus den Jahren 1987 bis 1990 präsentieren.

Lust, Vergnügen & Genuss


Blogstuff 219
„Dat Glück is mit die Doofen.“ (Ruhrpottweisheit)
Die Bewohner der Berliner Innenstadt und die Affen von Gibraltar haben eines gemeinsam: sie leben davon, begafft zu werden.
Mit der Bewegung meines linken Arms versuche ich, eine winzige Fliege von einem Blatt Papier zu verscheuchen. Mein Arm wiegt vermutlich so viel wie eine Milliarde dieser Fliegen. Mit dieser Bewegung habe ich mehr Energie verbraucht als sie in ihrem ganzen Leben. Erreicht habe ich nichts.
Warum nicht auch mal was Englisches eindeutschen? Wo bleibt der Friseursalon mit dem Namen „Heerkatz“? (dauert vielleicht ein bisschen)
Hätten Sie’s gewusst? Mit einer Wasserwaage können Sie auch Mehl wiegen.
Der bayrische Heimatminister Hinnerk van der Kluntje sagte heute auf einer Pressekonferenz …
Populistische Politik bedient dasselbe Bedürfnis wie schlechtes Fernsehen: die Sehnsucht nach einer heilen Welt und Geborgenheit.
Ich habe mir Anarchy™ von Axe™ gekauft. Ich bin einfach der Typ für dieses Deo.
Schwer im Trend: Tampons, die mit Wodka vollgesogen sind, in Anus oder Vagina einführen. Über die Schleimhäute wird der Alkohol aufgenommen und es kommt wesentlich schneller zum erwünschten Rauschzustand als durch orale Einnahme.
Erinnern Sie sich noch an die roten Teufel vom Betzenberg? 1998 waren sie zuletzt deutscher Fußballmeister, dann folgte der Abstieg in die zweite Liga, in diesem Jahr ging es noch eine Etage tiefer in die dritte Liga. Die Parallelen zu den roten Schnarchnasen von der SPD sind offensichtlich. 1998 feierten sie ihren letzten großen Wahlsieg, in diesem Jahr folgte der Abstieg in die zweite politische Liga. Von der Volkspartei zur Partei zwischen fünf und fünfzehn Prozent – wie die Grünen, die AfD, die FDP und die Linken. Werden wir den Abstieg in die dritte Liga, also unter die Fünf-Prozent-Marke, noch erleben?
„The Busted Condom Society“: Treffpunkt aller unerwünschten Kinder. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Stadt eine Ortsgruppe?
Für wen und zu welchem Ende betreibe ich eigentlich den Schreibaufwand? Schreibt man seine Worte nicht jeden Tag in den Sand, bevor die nächste Flut kommt? Selbst eine Buchveröffentlichung ist kein Trost. Die Zeit wischt unsere Bemühungen immer wieder weg. Trotzdem geht es weiter. Ohne Grund, ohne Happy End.
Immer alles positiv sehen! Fehler sind die Basis deines Verbesserungspotentials. Es sei denn, dein Handy war noch in der Hose, die gerade im Schleudergang durch die Waschmaschine rotiert.
Ursache und Wirkung treffen sich: „Manager eines Energiekonzerns während eines Jogginglaufs von Orkan überrascht und vom Baum erschlagen“.
Hätten Sie’s gewusst? 1881 zieht die Familie Bourbon in die Vanille.
Der Satz „In dieser Nacht steckte er den USB-Stick der Liebe in den Laptop des Lebens“ aus dem Homosexuellenmelodram „Arztbesuch im Popoland“ von Heinz Pralinski wurde vom Bundesverband der Schweinezüchter und Literaturkritiker zum schlechtesten Satz des Jahres gekürt.
P.S.: Alle Produkte von Bonetti Media Unlimited werden seit diesem Jahr von Brainforrest Alliance Deutschland (B.A.D.) zertifiziert.
The Alan Parsons Project - The Fall Of The House Of Usher. https://www.youtube.com/watch?v=Y4K6j0m2mxE

Dienstag, 12. Juni 2018

Wo waren Sie an diesem Tag?

„Zerstört durch unseren gewaltigen Intellekt: Wir grübeln und denken und unternehmen nichts. Versager herrschen. Wir schwätzen.“ (Philip K. Dick: Die Wiedergeburt des Timothy Archer)
Zum Glück führe ich ein Tagebuch. Also kann ich immer genau sagen, was ich an einem historisch bedeutsamen Tag gemacht habe.
8.12.1980: Am Abend wird John Lennon in New York ermordet. Zu diesem Zeitpunkt ist es in Ingelheim noch tiefe Nacht. Ich zitiere den kompletten Eintrag vom 9. Dezember: „Aufgestanden: 6:30 Uhr. In der Schule war nichts los. Zum Mittagessen gab’s Gemüsesuppe. Dann war heute nichts mehr los. Heute noch Hausaufgaben gemacht, gespielt, Radio gehört, zu „Edeka“ einkaufen gegangen, Fernsehen gesehen und um 23 Uhr ins Bett. P.S.: Heute Nacht wurde der Ex-Beatle John Lennon erschossen.“
1.10.1982: Kohl wird durch eine Intrige der FDP Bundeskanzler. An diesem Tag kein Eintrag! Aber am 2. Oktober heißt es unter anderem: „Ich unterhielt mich mit X bis vier Uhr morgens. Wir sprachen über Sex. Sie ist noch Jungfrau und ich hätte vielleicht irgendwann mal Chancen bei ihr. War ganz aufschlussreich.“ Außerdem hatte ich an diesem Tag noch eine Niederlage mit dem TuS 09 Schweppenhausen zu verkraften und habe (es war der erste Tag der Herbstferien) mit einem Freund lange Musik gehört. Fußball und Fuck’nRoll. Noch einmal sechzehn sein … Auch in den nächsten Tagen wird Kohl nicht erwähnt. Am 6. Oktober bin ich auf der Buchmesse, am 15. Oktober auf einem Mike Oldfield-Konzert und am 19. Oktober sehe ich zum ersten Mal „Das Leben des Brian“.
12.6.2018: Kim-Trump-Abkommen in Singapur. Ein regnerischer Tag im Hunsrück, vormittags sitze ich an meinem Schreibtisch. Zum Mittagessen gibt es Rinderhackfleisch, Wildreis, Rosenkohl und Zwiebeln. Nachmittags lese ich (Philip K. Dick) und denke über die politischen Ereignisse des Tages nach. Wie wird man das neue Diktatoren-Dream-Team nennen? Krump? Trim? Werden die beiden Bombenfetischisten im Herbst zusammen den Friedensnobelpreis entgegennehmen? Vorher möchte der US-Präsi aber noch Araber und Juden sowie Schalke- und Dortmund-Fans miteinander versöhnen.

Die letzte Kaiserin

Es war eine große Zeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands kam es zu einem ungeahnten Aufschwung der Wirtschaft. Deutsche Industrieprodukte waren überall in der Welt begehrt, der Handel und das Bankwesen blühten. Die politischen Verhältnisse waren innen- und außenpolitisch stabil. Die Lohnarbeiter kuschten brav unter der Knute ihrer Herren und hatten keinerlei parlamentarische Vertretung.
Mit Österreich-Ungarn und Italien hatte man den „Dreibund“ geschlossen, zwischen den Herrscherhäusern in Berlin, Wien und Sankt Petersburg gab es das „Drei-Kaiser-Bündnis“. Mit dem englischen Königshaus waren die Hohenzollern verwandt, das demokratische Frankreich war eine Großmacht ohne Verbündete. Fun Fact: Der Kilimandscharo war der höchste Berg des Deutschen Reichs.
Aber deutsche Großmannssucht, Überheblichkeit und der Irrglaube an die technische, ökonomische, moralische und rassische Überlegenheit führten dieses Reich erst in die Isolation und dann in die Katastrophe der Weltkriege, in den Untergang und die Hölle des Massenmords.
Nach der Wiedervereinigung 1990 begann es ähnlich verheißungsvoll. Heute sind wir unbestritten ein Globalisierungsgewinner und schwimmen im Geld. Andere müssen Schulden bei uns machen, um überhaupt noch die vielen großartigen Erzeugnisse unserer Konzerne bezahlen zu können. „Made in Germany“ ist ein Qualitätssiegel wie zur Zeit des letzten deutschen Kaisers. Wir hatten in den neunziger Jahren viele Verbündete in der Welt. Das Verhältnis zu den Supermächten USA und Russland, zu Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und Ungarn war entspannt, die Lage stabil.
Welche Verbündeten haben wir heute noch? Das Verhältnis zu Russland ist zerrüttet, die Beziehungen zu den USA gehen in diesen Tagen den Bach hinunter. Großbritannien verabschiedet sich mit dem Brexit von der gemeinsamen Politik, Italien widerspricht offen der deutschen Besserwisserei und nimmt die deutsche Hegemonie in der EU nicht mehr hin. Frankreichs konkrete Vorschläge zur Vertiefung des Bündnisses bleiben seit einem Jahr unbeantwortet. Rassismus und Nationalismus sind in Deutschland wieder salonfähig und finden eine wachsende Anhängerschar.
Merkel geht gerade den Weg, den Wilhelm II. gegangen ist. Dazu passt der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Das Ende ist offen. Noch. Aber ein Blick ins Geschichtsbuch genügt. Wenn es den Deutschen zu gut geht, glauben sie, dass sie niemanden mehr brauchen. Der Starke ist am mächtigsten allein, lässt Schiller seinen Helden Wilhelm Tell sagen. Einsam und unverstanden wie 1914.

Montag, 11. Juni 2018

Im Land des Lächelns


Jeden Tag werden eine Milliarde Selfies gemacht. Die Menschen lächeln auf diesen Bildern. Sie posten ihren Optimismus auf Instagram oder auf anderen Seiten im Netz. Das Leben ist schön, so lautet die Botschaft. In Wirklichkeit geht es neunhundert Millionen dieser Leute gerade schlecht (Zahlen von der Bertelsmann-Stiftung Redaktion frei erfunden).
Die Welt geht derweil den Bach hinunter. Ein Narr namens Trump trägt die Krone und schwingt das Zepter aka Handy. Ein Lichtblick sind die Selfies von Matthias Egersdörfer von den Orten seiner Tournee, die ich hier ohne die freundliche Erlaubnis des Künstlers veröffentliche.
Weil die Welt so ein schrecklicher Ort ist und ich selbst von Selfies aus ästhetischen Gründen Abstand nehmen möchte, kommt hier ein Bild fürs Gemüt aus meinem Garten, in dem ich heute sogar einen Schmetterling gesehen habe:

Emilija

„There’’s more room in a broken heart.“ (Carly Simon: Coming Around Again)
Er lag auf dem Bett wie jemand, der gar nicht vorhatte zu schlafen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit offenen Augen. Seine Tage waren leer wie ein japanischer Zen-Garten, aber voller Ruhe und Gelassenheit. Er bewohnte den ersten Stock eines alten Backsteinhauses. Im Erdgeschoss lag die Kneipe, die er bis vor einigen Jahren betrieben hatte. „Lobotomie 21“. Jetzt war der Rollladen der Eingangstür für immer geschlossen.
Der Hinterhof war von einer verwitterten Mauer umgeben. Am hinteren Ende war eine Werkstatt, der er schon seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Neben dem Hoftor war ein Schuppen voller rostigem Trödel. Auf dem Hof stand ein alter Opel Diplomat, der seit zehn Jahren abgemeldet war. Im Hoftor, das aus Holzbrettern bestand, von dem die lindgrüne Farbe abblätterte, war eine kleine Tür eingelassen, durch die er gelegentlich die Straße betrat, wenn er einkaufen ging.
Das Haus lag an den stillgelegten Schienen zwischen einer Großstadt und der Provinz. Unmittelbar an sein Grundstück grenzte ein Gewerbegebiet mit gigantischen fensterlosen Würfeln von Versandhändlern und Logistikzentren. Er sah auf der Straße nur die vielen Lkws, aber keine Menschen, wenn er von seinem Wohnzimmerfenster hinabblickte. Schlafzimmer, Bad und Küche lagen auf der Rückseite des Hauses, vor den Fenstern lagen der Hinterhof und die Gleise.
Eines Tages eröffnete am Ende der Straße eine Imbissbude. Auf dem Weg zum Supermarkt an der Landstraße legte er eine Pause ein, aß eine Currywurst und trank einen Kaffee. Er hörte sich das Fernfahrergequatsche an und plauderte gelegentlich ein paar Takte mit der Würstchenverkäuferin. Sie hieß Emilija und kam aus Lettland. Irgendwann kam er jeden Tag und blieb immer länger. Nachmittags war wenig los und es tat ihm gut, mit einem Menschen zu reden.
Es war im Frühling, als ein Stammgast sich den Spaß erlaubte und zu ihnen sagte: „Ihr würdet ein tolles Paar abgeben.“
Emilija lachte. „Ich brauche keinen Mann.“ Dann warf sie zwei Hände voll Pommes in die Fritteuse.
„Ich interessiere mich nicht für Frauen“, sagte er leise.
Dann sah er Emilija in die Augen.
Am nächsten Tag zog sie bei ihm ein. Es war der Beginn einer wunderbaren Zeit. Sie eröffneten die alte Kneipe wieder. „Trucker’s Delight“ war der neue Name. Das Autowrack verschwand vom Hof und der Schuppen wurde entrümpelt. Morgens duftete es herrlich nach Kaffee, mittags nach Bratwurst. Die Fahrer kamen gerne in das gemütliche Lokal und im Winter hatten sie es warm. Das ist schon die ganze Geschichte. Nichts Besonderes, aber Emilija und ihm gefiel es.

Saint Germain - Sure Thing (feat.John Lee Hooker). https://www.youtube.com/watch?v=y7soACtNgJo

Sonntag, 10. Juni 2018

Drogenszene 2018

“I don't give a shit what the world thinks. I was born a bitch, I was born a painter, I was born fucked. But I was happy in my way. You did not understand what I am. I am love. I am pleasure, I am essence, I am an idiot, I am an alcoholic, I am tenacious. I am; simply I am...” (Frida Kahlo)
Wie können Sie feststellen, ob in Ihrem Viertel mit Drogen gehandelt wird? Wie beschaffen Sie sich gefahrlos Drogen? Hier ein paar aktuelle Tipps:
Kinder: In Ihrem Viertel gibt es auffällig viele Kinder, mehr als noch vor ein paar Jahren? Sie laufen auch sonntags mit einem riesigen Schulranzen durch die Gegend? Keine Sorge. Kinder haben Erddepots als Zwischenlager für die Dealer abgelöst. Sobald der Kunde einen Auftrag erteilt hat, geht der Dealer zu „seinem“ Kind, öffnet den Ranzen und entnimmt die Ware. Polizisten können keine Kinder kontrollieren, ohne sich massiv dem sozialen Druck der Straße auszusetzen.
Turnschuhe: In Ihrem Viertel liegen einzelne Turnschuhe auf dem Bürgersteig? Das ist ein Geheimzeichen. Es bedeutet: Hier gibt es etwas zum Anturnen. Achten Sie auf die Richtung, in die die Spitze des Schuhs zeigt. In diesem Haus bekommen Sie Drogen. Bei Mehrfamilienhäusern gilt es, die Zeichen auf dem Klingelschild richtig zu interpretieren. Bei „Maria Huana“ gibt es Gras zu kaufen, bei „White Horse“ Heroin. „Christel Mett“ ist selbsterklärend.
Neue Nachbarn: Sie haben in Ihrem Haus oder in Ihrer Wohnumgebung neue Nachbarn? Achten Sie wiederum auf das Klingelschild. Steht dort „Kali Haze“, „Amnesia White“, „Jamaican Pearl“ oder „Gärtner“, so verbirgt sich hinter der Wohnungstür eine professionell betriebene Cannabis-Plantage. Gehen hier in unregelmäßigen Abständen langhaarige Bombenleger oder Typen mit Hut und Sonnenbrille ein und aus, die große Säcke schleppen, können Sie ganz sicher sein. Hier bitte nur ab ein Kilogramm aufwärts kaufen.
Eric Burdon - Tobacco Road. https://www.youtube.com/watch?v=mfqq2Jkv64c

Samstag, 9. Juni 2018

Amtlicher WM-Tipp

Seit 1986 sehe ich die Fußballwelt- und europameisterschaften mit Freunden in Wackernheim. Je wichtiger das Spiel, desto voller das Wohnzimmer. Bis zu fünfzehn Leute sitzen dann vor der Glotze. Traditionell wird in Rheinhessen Weißweinschorle und Spundekäs zum TV-Event gereicht. Spundekäs ist vegetarisches Fingerfood, leicht herstellbar und wird mit kleinen Bretzeln genossen. Natürlich gibt es eine Tipprunde, die ich traditionell - mit Ausnahme der WM 2002 - haushoch verliere. Etwa zwanzig Spielerinnen und Spieler haben sich in diesem Jahr mit fünf Euro beteiligt. Früher hat der einzige von uns, der Mathe studiert hat, den Sieger errechnet, heute gibt es Computerprogramme.
Mein Tipp: Deutschland fliegt im Achtelfinale gegen Brasilien raus, Spanien wird Weltmeister. Was denken Sie? Geben Sie Ihren Tipp im Kommentarbereich ab! Schreiben Sie mir nicht, wie unwichtig Fußball ist. Das weiß ich selbst. Wer für den TuS 09 Schweppenhausen und die Spielvereinigung Ingelheim in der Kreisklasse gespielt hat, hat keine Illusionen mehr.
Der erste Gegner der DFB-Auswahl ist Mexiko. Erkennen Sie Lothar Matthäus unter seinem Sombrero? https://www.youtube.com/watch?v=tffACIijQ8k

Kommentare - Feuer frei!

Ab heute darf hier wieder kommentiert werden. Mein Anwalt, ein gewiefter DSGVO-Spezialist aus Berlin, hat mir versichert, dass die aktuelle Rechtslage hinreichend unklar ist. Außerdem braucht die Abmahnindustrie eine klare Adresse. Finden Sie mal Andy Bonettis Villa in Bad Nauheim. "Schweppenhausen" und "Wichtelbach", die hier immer wieder im Text auftauchen, sind reine Fantasieprodukte. Der Kiezschreiber selbst ist offiziell unter einer Adresse gemeldet, wo er praktisch nie zu finden ist. Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich meinen Personalausweis sehe …
Ab heute können Sie also wieder nach Herzenslust trollen, streiten und mir in den Allerwertesten kriechen. Leider habe ich es nicht rückwirkend hinbekommen. Wenn Sie also etwas zum Thema Bademeister Adolf oder zum Populismus-Text zu sagen haben, machen Sie es hier an dieser Stelle.

Ricky Laredo – Schwertmeister des Imperators


Blogstuff 218
„Wie angenehm war es doch, ein Künstler zu sein. Man brauchte sich um keine Regeln zu scheren, trug keine Verantwortung, konnte tun und lassen, was man wollte.“ (Philip K. Dick: Simulacra)
Das waren noch Zeiten: Ich komme am Samstagabend in meine Stammkneipe und die Gäste bilden spontan eine Rettungsgasse bis zur Theke.
Neulich saß ich im Bus neben George Clooney. Es war aber nicht der echte. War nur eine Fälschung. Allein im letzten Monat haben sie drei falsche Clooneys aus dem Verkehr gezogen. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Es laufen immer mehr gefälschte Menschen rum.
Viele haben Globalisierung noch gar nicht kapiert. Man hört nicht nur afrikanische Musik, man hat vielleicht auch einen afrikanischen Nachbarn. Die Chinesen, deren billige Klamotten wir in rauen Mengen kaufen, kommen zu uns und kaufen die Fabriken, in denen wir arbeiten. Wir sehen Hollywood-Filme und bezahlen die Amerikaner mit unseren Daten. Es ist mir schleierhaft, wie die Trumps dieser Welt das wieder entflechten wollen.
Für meine erste Fastenkur habe ich mich in ein künstliches Koma versetzen lassen. Genutzt hat es nix. Die Ärzte haben festgestellt, dass ich über die Luft die Kalorien einer Torte aufnehmen kann, die sich im selben Gebäude befindet.
Die billigen Tricks der Autoren: Aus der albernen Tanja Salami wird die geheimnisvolle Sanja Talami aus dem fernen Teheran.
Ein fürchterlicher Schlag. Plötzlich gibt es ein Vorher und ein Nachher. Aber irgendwann entwickelt man die Kraft zu einer Gegenbewegung und ändert einige Dinge in seinem Leben, bricht mit Gewohnheiten und alten Routinen. Aus der Asche einer negativen Veränderung wachsen positive Veränderungen. Sie sind nicht groß, aber sichtbar – zumindest für dich selbst.
Wir können die Linken bei ihren letzten Aufbäumarbeiten beobachten.
Eine Frau aus Peking erzählt mir, sie würde nie ein Sonnenbad nehmen. Die blassen Menschen aus Nordchina würden in der Sonne nicht braun werden wie die Europäer, sondern gelb. Das sähe nicht schön aus. Vielleicht entstand das Vorurteil von der „gelben Rasse“ ja bei einem Sommerbesuch in China?
Nicht vergessen! Am 7.7. ist der internationale Hausmeisterkongress in Las Vegas.
Er hatte das Finanzamt betrogen, das Job-Center, die GEZ, die Kabelgesellschaft und etliche Konzerne während seiner Zeit als Ladendieb. Er hatte zahllose Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung und das Betäubungsmittelgesetz auf seinem Konto, die nie geahndet wurden. Andererseits hatte er nie seine Freunde oder seine Familie betrogen und er hatte auch keine armen Leute übers Ohr gehauen. Seine Weste war also rein.
Sehen Sie sich in Ihrer Wohnung um! Welcher Teil Ihrer Einrichtung wird im 22. Jahrhundert eine Antiquität sein? Was ist der Müll von morgen?
Ich habe schon als Kind gerne Sachen versteckt. Es ging mir dabei gar nicht um das Versteckte, sondern um das Verstecken selbst. Damals hatte ich weder Wertsachen noch Geheimnisse, die für andere Menschen von Bedeutung gewesen wären. Ich habe sogar kleine Texte in Pappröhren gesteckt und verschlossen. Ich durfte sie erst Jahrzehnte später öffnen. Diese Botschaften waren also quasi in der Zeit versteckt. Später habe ich Geld und USB-Sticks versteckt. Selbst beim Einbruch in meine Wohnung sind sie nicht gefunden worden. Zwei komplette Bücher – „Berliner Asche“ und „Rheinkind“ – wären sonst verloren gegangen.
Wild Cherry - Play That Funky Music (Funky Purrfection Version). https://www.youtube.com/watch?v=AHJk62tnm3A

Freitag, 8. Juni 2018

Es lebe der Populismus – eine Entgleisung

„Vergessen wir nicht, dass das Imperium Romanum auch nur ein skrupelloses Geschäftsunternehmen war und die großen Römer sämtlich Spekulanten waren. Und trotzdem liegt Schönheit über dem Römertum. Für das ‚Imperium Germanicum’ der Zukunft wünsche ich viel tun zu können. Die ungeheuren Dimensionen adeln da alles, was in kleinen Verhältnissen krämerhaft wirkt.“ (Oswald Spengler)
Träge schippert der rostige Datenkreuzer Bonetti durch die Weiten des Internets. Nirgends Hoffnung, nirgends Licht. Das verdammte dreizehnte Jahr der Merkelherrschaft, das Universum wird von den Borg-Drohnen aus Wirtschaft, Politik und Medien dominiert.
Ich bin müde, ich bin alt. Links und rechts von mir sehe ich Blogger in den Staub sinken, ihre Texte verglühen in der Sonne des Konzernkapitalismus. Wie weit werde ich mich noch schleppen? Die DSGVO hat mich den Kommentarbereich, die Musik und die Bilder gekostet. Es laufen nur noch die Notstromaggregate, der WARP-Antrieb ist ausgefallen. Die Mannschaft findet die Antwort auf ihre Fragen im Alkohol, ich bin alleine auf der Brücke. Einer muss da sein, denke ich, einer hält Wache.
Aber dann kommt plötzlich Hoffnung auf. Italien. Sehnsuchtsort. Heimliche Liebe jedes aufrechten Poeten. Il Popolo hat das Establishment hinweggefegt. Die grauen Herren der Berliner Zeitsparkasse verlieren die Kontrolle. Merkel lässt die Bestien ihrer Medien von der Kette. Schnorrer seien sie, die Italiener, Worte wie Arbeitslager klingen unausgesprochen im Hintergrund. Die Griechen haben als erste den Ausbruch aus den Ketten des deutschen Spardiktats gewagt. Sie sind gescheitert. Aber der Spartakus-Aufstand der Italiener ist ungleich stärker. Wir wollen leben! Wir wollen nicht auf Morgen warten!
Amerika ruft derweil einen Handelskrieg gegen die Deutschen aus. Der teutonische Exportchauvinismus kommt von zwei Seiten unter Druck. Drecksautos, die den Planeten verpesten, Chemikalien, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, Maschinen, die sinnlosen Plastikmüll produzieren. Weg damit! Dem ökonomischen Imperium Germanicum wird der Kampf angesagt.
Ich wünsche Euch viel Glück! Das selbstgefällige, besserwisserische Deutschland, an dessen Wesen wieder einmal die Welt genesen soll, braucht richtig was in die Fresse. Schon jammern die Sith-Lords der Volkswirtschaftslehre über sinkende Auftragseingänge und abgeschwächtes Wachstum. YEAH !!!

Das letzte Geheimnis der DDR

Sie galt als das größte Geheimnis von Honecker und Mielke: die „Gesellschaft für lyrische Rätsel“, kurz GLR. Eigentlich stand die Abkürzung für „Geheimes Labor für Raumfahrtsimulation“. Hier sollte die Teilnahme von Kosmonauten der DDR an Weltraummissionen der UdSSR vorgetäuscht werden, falls den Russen mal das Geld ausgehen sollte oder etwas schief gelaufen wäre.
Auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlereviers in der Nähe von Cottbus war das eingezäunte Gebiet der GLR. In einem Gebäude war das Innere einer Raumstation nachgebaut. Kamera und Tonband konnten bei Bedarf sofort von den Mitarbeitern der zuständigen Stasi-Abteilung, Code-Name „Peterchens Mondfahrt“, eingeschaltet werden. Einer der drei Pseudokosmonauten, die im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr arbeiteten, saß immer in voller Montur, d.h. im Raumanzug, den Helm griffbereit, in der Kopie einer Sojus-Kapsel vor dem Steuerpult.
Im zweiten Gebäude lebten Dieter, Olaf und Peter zusammen mit dem vierten GLR-Mitarbeiter. Erich musste keinen Schichtdienst machen. Er war ein lakonischer Phlegmatiker, der sich verpflichtet hatte, im Falle des Todes eines DDR-Kosmonauten die Leiche zu spielen. Wäre ein Kosmonaut im Weltraum verschollen oder seine Leiche nach dem Absturz einer Raumfähre unauffindbar gewesen, hätte man seinen toten Körper bei einer festlichen Bestattung als Held des Sozialismus gewürdigt. Er musste immer eine Zyankalikapsel bei sich tragen. Arbeiten musste er nie. Ihre Bilder waren regelmäßig im Neuen Deutschland und der Aktuellen Kamera zu sehen, so dass die Bevölkerung an den Anblick ihrer Allerweltsgesichter gewöhnt war.
Eine Woche nach dem Rücktritt von Honecker beschlossen die vier Jungs, mit ihrem Geländewagen das Gittertor der Umzäunung zu durchbrechen. Es war eine abenteuerliche Fahrt, die Stasi-Bewacher verfolgten sie mit zwei Wartburg. Es gelang ihnen, die Stasi mit einer kleinen Querfeldeinvorstellung abzuhängen. In einer bedeutungslosen Seitenstraße von Cottbus besuchten sie einen Freund von Olaf, der sie mit Zivilklamotten versorgte und ihnen seinen Trabi im Tausch gegen den Jeep gab. Beim Abschied sagten sie ihm, er müsse den Wohnort und den Namen wechseln, weil die Stasi vermutlich bald bei ihm wäre. Das fand der Freund nicht so gut.
Aber schon quietschten die Reifen und es ging weiter nach Ost-Berlin. Dort tauchten sie in der Menschenmenge unter, die täglich nach West-Berlin pilgerte, um sich McDonald’s und Deichmann anzuschauen. Sie gerieten in Kreuzberg in eine Kiffer-WG und nahmen zum ersten Mal in ihrem Leben Drogen. Ein kleiner brauner Erdklumpen auf einem alten Holztisch, hart und seltsam duftend, wenn man ihn anzündete, sollte ihr Leben verändern. Der Osten brauchte nicht nur Opel und Marlboro – er brauchte Dope in rauen Mengen. Dieter, Olaf, Peter und Erich hatten endlich ihre eigentliche Bestimmung gefunden und dienen auf diese Weise bis heute der Gesellschaft.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Adolf heißt er, Bademeister

Ein alter Mann in Badehosen. Neben ihm eine Polizistin. Sein Haupt ist gesenkt. Wird hier ein Päderast abgeführt, ein Exhibitionist, ein Spanner? Hat der falbe Leib gar öffentliches Ärgernis erregt?
Dem faschistischen Oppositionsführer wurden beim Bad in einem Potsdamer See die Klamotten geklaut. Eine Petitesse oder, um es im Jargon der AfD auszudrücken, ein Vogelschiss. So wie der parlamentarische Arm der Neonazis nur ein Vogelschiss im Vergleich zur NSDAP ist.
Darf man dieses Bild zeigen? Offenbar nicht, denn einige Blätter, die man im vergangenen Jahrhundert durchaus als liberal bezeichnen konnte, verweigern empört den Abdruck. Die von der AfD diffamierte „Lügenpresse“ biedert sich dem rechten Spektrum offen an.
Ulf Poschardt von der „Welt“ twittert, man würde das entwürdigende Bild eines Politikers in Badehosen nicht zeigen. Menschenwürde – ein großes Wort in diesen Tagen, vor allem von der "Höschenblitzer"-Springerpresse. Jochen Bittner von der „Zeit“ bezeichnet die Veröffentlichung als „Zivilisationsbruch“ und vergleicht den Vorgang mit dem Holocaust.
Ist es nicht Majestätsbeleidigung, Gauland in Badehosen zu zeigen? Wer weiß, wo der Mann in fünf Jahren ist? Besser man passt sich der faschistischen Sammlungsbewegung bereits heute an. Bevor man eines Tages in den Folterkellern der Höcke-Jugend landet. Oder wie es Holger Arppe von der AfD ausgedrückt hat:
„Wir müssen ganz friedlich und überlegt vorgehen, uns ggf. anpassen und dem Gegner Honig ums Maul schmieren aber wenn wir endlich soweit sind, dann stellen wir sie alle an die Wand. … Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.“
Friedemann Weise hat es mit seinem Facebook-Beitrag auf den Punkt gebracht:
P.S.: Inzwischen ermittelt der Staatsschutz. Hunderschaften der Polizei durchkämen die Mülltonnen der Umgebung. Die Klamotten wurden derweil in Anatolien entsorgt, wie Hatice Akyün twitterte.

IG GAGA

„Komm schon. Beim letzten Mal hast du Ja gesagt.“ Henry lachte.
„Ich habe nur gesagt, dass ich es mir überlege“, antwortete Stefan.
Die beiden standen im Fahrstuhl. Wiener Straße, Kreuzberg. Feierabend.
„Wann warst du zum letzten Mal im Park?“
Henry sprach einen wichtigen Punkt an. Seit Jahren war er nicht mehr auf der anderen Straßenseite im Görlitzer Park gewesen. Nachdem die Drogenszene von der Polizei vertrieben worden war, hatten sich die christlichen Sekten den Park unter den Nagel gerissen. Tagsüber veranstalteten sie dort ihre Treffen, nachts war der Park gesperrt. Drogen gab es jetzt am Mariannenplatz zu kaufen.
„Samstag gibt es das Abendmahl mit Tofu-Hot Dogs und Riesling.“ Henry ließ nicht locker.
„Vielleicht komme ich mit“, sagte Stefan.
„Ich kann ja mal bei dir klingeln. Kostet ja nichts.“
Dann stiegen sie aus dem Fahrstuhl und gingen in ihre Wohnungen, die sich auf dem gleichen Stockwerk gegenüber lagen.
Am Abend dachte Stefan über die ganze Sache nach. Viele Menschen waren Mitglieder der neuen Sekten geworden. In Berlin war die IG GAGA die Sekte, die am erfolgreichsten in der Anwerbung neuer Anhänger war. Die Abkürzung stand für „Internationale Gemeinschaft – Glauben an God Allmighty“.
Die Mitgliedschaft war kostenlos und er würde endlich mal wieder in den Park kommen. Außerdem könnte er dort Johanna treffen. Sie arbeitete in derselben Abteilung bei Percy Hempel & Tochter in Britz wie er. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Die IG GAGA war auch politisch aktiv. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus hatte sie sieben Prozent bekommen. Sie versprach ein Ende des Egozentrismus und der Ellbogengesellschaft. Sie setzte sich gegen den Islam ein, war aber nicht rechts. Das gefiel Stefan.
Am Samstag ging er mit Henry in den Park. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einer Aldi-Drohne geortet, die sich sofort auf sie stürzte. Sie flog dicht über ihren Köpfen und plapperte Werbesprüche und Sonderangebote vor sich hin. Diese Biester ließen sich nicht abschütteln. Zum Glück waren die Werbedrohnen nur auf öffentlichen Straßen und Plätzen erlaubt, nicht bei religiösen und politischen Veranstaltungen.
Im Görlitzer Parkt wehte das Banner der IG GAGA auf einem hohen Mast, unter dem sich hunderte Menschen versammelt hatten. Henry stellte Stefan dem Priester und anderen Sektenmitgliedern vor. Er wurde von vielen Menschen umarmt, alle lächelten ihn an.
Er würde für immer zu ihnen gehören. Er war nicht mehr allein.