Donnerstag, 31. Mai 2018

Warte auf den nächsten Tag

Er hatte eine Penthouse-Wohnung mit Blick über die ganze Stadt. In alle vier Himmelsrichtungen erstreckte sich eine begrünte Terrasse. Durch die Panoramascheiben seines Wohnzimmers konnte er das Regierungsviertel und die Stadtmitte bis zum Fernsehturm sehen. Er wusste nicht einmal, wie hoch die Miete für seine luxuriösen hundertvierzig Quadratmeter war.
Maximilian Birkenklang hatte es geschafft. Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium mit 35 Jahren. Lupenreine Parteikarriere. Seine Frau wartete in seinem Reihenhaus im Sauerland, wo er seinen Wahlkreis hatte. Er nippte an seinem Gin Tonic und sah schweigend aus dem Fenster.
Das Kanzleramt schien zu brennen. Auf den Straßen waren Schüsse zu hören. Die Beamten vom Sicherheitsdienst hatten ihn in seine Dienstwohnung gebracht und ihm eingeschärft, sie nicht zu verlassen. Dann waren sie in die Nacht verschwunden. Keine Anrufe, keine Mails, nichts. Birkenklang saß in seinem schwarzen Ledersessel und wartete.
Die Nachrichtenlage war unübersichtlich. Die öffentlich-rechtlichen Sender berichteten von einem Putsch der Bundeswehr gegen die Regierung. Er sah die verwackelten Bilder einer Panzerkolonne auf dem Ku’damm. Die Privatsender erzählten eine andere Geschichte: Innenminister Seehofer habe die Bundespolizei, die bayrische Landespolizei und die Geheimdienste zum Sturz der Regierung aufgerufen. Merkel sei bereits von ihren eigenen Personenschützern verhaftet und ins Gefängnis nach Moabit gebracht worden.
Was sollte er glauben? Auf seiner Timeline bei Facebook blühten die Gerüchte. Der Russe würde hinter der ganzen Sache stecken. Von einem kontrollierten Aufstand der Muslime war die Rede. Wütende AfD-Wähler forderten die User auf, jeden Menschen auf der Straße zu erschießen, der wie ein Türke, ein Araber oder ein Nordafrikaner aussah. Linke Gruppen riefen zur Revolution und zur Enteignung der Ausbeuter auf. Jetzt sei endlich die Zeit gekommen, die Paläste der Reichen zu stürmen.
Die Lage war ernst. Selbst der Aktienhandel an der Frankfurter Börse war ausgesetzt worden. Der ARD-Brennpunkt hörte gar nicht mehr auf. Birkenklang schaltete auf CNN um. Vielleicht wussten die Amerikaner mehr? Dort berichtete ein Korrespondent, der die Vorgänge aus seinem Hotelfenster im Adlon beobachtete, dass Polizei und Militär sich im Kampf um die Macht befänden. Die Generäle der Bundeswehr hätten die Verteidigungsministerin von der Leyen abgesetzt. Als man sie verhaften wollte, hätten sie eine Militärdiktatur ausgerufen, die Neuwahlen organisieren wolle. Unterstützung hätten die Generäle von AfD-Anhängern und anderen rechten Kräften in ganz Deutschland. Überall sei das Militär aus den Kasernen ausgerückt und habe Rathäuser und Sender besetzt.
Birkenklang nahm einen tiefen Zug aus der Ginflasche. Für welche Seite sollte er sich entscheiden? Du musst ruhig bleiben, sagte er sich. Warte erstmal ab. Am Ende schlägst du dich auf die Seite der Gewinner. So hatte er es immer gemacht.
Jemand klopfte an seine Wohnungstür.
Wer war es? Würde man ihn befreien oder verhaften? Sollte er aufstehen oder einfach sitzenbleiben?
Sein ganzes Leben hing von diesem Klopfen ab.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Harlekin

„Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein.“ (Thomas Kapielski)
Einige Kilometer von unserem Dorf entfernt liegt San Daniele. Der Ort ist nicht sehr groß, aber es gibt ein paar Geschäfte, ein paar Lokale und eine große Piazza in der Mitte. Gegenüber der Kirche gibt es ein gemütliches Weinlokal und ich beschloss eines Tages, dort Stammgast zu werden.
Ich ging hinein und setzte mich an einen Tisch in der Ecke. An den Wänden waren viele Fotografien aus alten italienischen Filmen. Adriano Celentano und Ornella Muti, Sophia Loren und Marcello Mastroianni waren auf den Bildern zu sehen. Ich bestellte ein Glas Wein und betrachtete mir die Bilder und die anderen Gäste im Lokal. Junge und ältere Pärchen, die Lastwagenfahrer an der Theke, die gerne auf ein Glas herein kamen, und die Kartenspielerrunde am großen Tisch in der Mitte, verwegen aussehende Männer in Nadelstreifenanzügen mit dicken Zigarren und öligem Haar.
Auf dem Weg nach Hause machte ich ein Spiel. Ich wollte so schnell wie möglich wieder zu Hause sein, also rannte ich auf der Piazza los. Quer über den Platz, die steile Treppe an der Kirche hinauf und dann die Straße, die in die Felder führte. Schon vor dem Ortsausgang ging mir die Puste aus. Schwer keuchend ging ich den Rest des Weges bis zu unserem Dorf.
Bei meinen nächsten Besuchen begann der Wirt, den unbekannten Gast ein wenig auszufragen. Angeregt durch die Filmplakate und Fotos erzählte ich ihm, ich würde noch bei meiner Mutter wohnen, die mir das Geld für den Gasthausbesuch freundlicherweise zur Verfügung stelle. Ich verriet ihm, dass ich aus Strugazzi sei, von einem Leben als Filmstar träume und mich gerne als Harlekin verkleide. Das alles stimmte natürlich nicht, aber es machte mir Spaß, die Geschichte weiterzuspinnen. Bald hatte ich die Rolle des ortsfremden Idioten, der hinter seinem Rücken mit dem Spitznamen „Arlecchino“ bezeichnet wurde.
Auf dem Weg in unser Dorf rannte ich und alle Leute in San Daniele dachten, ich würde zu spät nach Hause kommen. Sie lachten, wenn sie sich vorstellten, dass ich Ärger mit meiner Mutter bekäme. Ich wurde immer besser. Bald konnte ich nicht nur den Weg in die Felder rennen, sondern den ganzen kilometerlangen Heimweg. Ich steigerte mich von Mal zu Mal und wurde ein richtig guter Läufer.
Dann kam der große Abend. Ich bestellte nicht nur Wein, sondern auch das beste Essen von der Speisekarte. Der Wirt machte große Augen und ich erzählte ihm, meine Mutter hätte mir an diesem Tag besonders viel Geld mitgegeben, weil es mein Geburtstag sei. Ich trank einige Gläser vom teuersten Wein und wurde dann so verwegen, mich an den Kartenspielertisch zu setzen. Ich fragte, ob ich mitspielen dürfe, und die Männer mit den Zigarren und dem öligen Haar grinsten nur. Ich verlor eine Menge Geld, das der Wirt auf meine Rechnung schrieb. Als ich zahlen wollte, sagte ich ihm, er solle mir noch zehn Celentano-DVDs, die er in seinem Lokal verkaufte, in eine Tüte packen.
Der Wirt kam mit den Filmen und seinem Rechnungsblock. Er konnte sich vor Lachen kaum halten, als er die Zahlen aufschrieb. Alle Menschen im Lokal lachten und ich lachte mit ihnen zusammen. Was für ein schöner Abend! Was für ein schöner Geburtstag!
„732 Euro“, sagte der Wirt.
„Ich habe kein Geld“, antwortete ich ihm ruhig.
„Was?!“
„Ich habe kein Geld.“
Dann rannte ich mit einem Affenzahn aus dem Lokal, über die Piazza, die steile Treppe an der Kirche hinauf bis nach Hause, ohne mich auch nur einmal umzudrehen.
P.S.: Geträumt am 30.4.2018.

Dienstag, 29. Mai 2018

25 Jahre Solingen

Ich hatte mir ja vorgenommen, nichts mehr aus dem Netz zu klauen oder zu verlinken, weil so ein erwerbs- und einkommensloser (Loser! sic!!) Spacko wie ich ja von der ersten Abmahnung wie ein leeres Bonbonpapierchen die Straße hinuntergeweht wird. Aber auf meinen Stammesbruder Glumm muss ich doch aus gegebenem Anlass hinweisen:
https://glumm.wordpress.com/2018/05/29/25-jahre-brandanschlag/

Schwedische Ungewissheiten


Blogstuff 215
„Vielleicht glaubte ich an jenem Ersten Mai etliche Jahre später, als ich meine Berliner Wohnung verließ und mit der U-Bahn von Wilmersdorf nach Kreuzberg fuhr, ich müsse Versäumtes nachholen (…). Wo muss man sein, um dabei zu sein, wie kommt man aus seiner Verpuppung heraus, aus dem Kokon von Kunststoffkindheit, Nutellakindern, Niveatöchtern?“ (David Wagner: Meine nachtblaue Hose)
Idee für einen Film: Eine Familie fährt in den Winterurlaub und vergisst, ein Fenster im Erdgeschoss zu schließen. Als sie zurückkommen, haben sich ein Schneeleopard und eine Schneeeule im Haus eingenistet. In der ersten Nacht kommt es zu ein paar verhängnisvollen Begegnungen. Okay, kein Wahnsinnsstoff, aber für RTL sollte es reichen.
In einem Traum bin ich Mitglied einer britischen Jugendgang. Wir fahren mit Autos Rennen auf der Landstraße und versuchen, cooler als die anderen Gangs zu sein. Außerdem wollen wir die Mädchengang beeindrucken, die von gutaussehenden blonden Zwillingen – brutale Biester, die niemals lachen – angeführt wird. Es gibt ein abgelegenes und verlassenes Haus, wo sich die Gangs treffen. Eines Tages liegt ein Paket Pillen, Drogen im Wert von über zehntausend Pfund, auf der Wiese vor dem Haus. Das Problem: direkt neben dem Paket schlägt ein offenes Stromkabel wild um sich und aus einer Leitung tritt Wasser aus. Funken spritzen, gelegentlich brennt das Gras. Wir überlegen, wer von uns mutig genug ist, das Paket zu holen. Joe the Leg, das Omegamännchen unserer Gang (er hat nur ein Bein), soll es machen, aber er weigert sich. Leider wache ich auf, bevor ich weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Je weiter unten du bist, umso gigantischer wird das Comeback.
Die American Clown Association, Baltimore (ACAB) hat am Bundesgerichtshof der USA eine Millionenklage gegen Stephen King eingereicht, weil der Autor mit seinem Roman „Es“ dem Berufsstand der Clowns unermesslichen Schaden zugefügt und eine weltweite Angst vor Clowns ausgelöst hat.
Warum haben Waschmaschinen eigentlich Fenster?
Spätestens mit fünfzehn sollte einem klar sein, dass man jeden Tag belogen und beschissen wird. Vielleicht hilft es, wenn man aufhört, sich zu wundern? Es gibt ja auch einige schöne Seiten dieser Gesellschaftsform. Stellen Sie sich vor, Sie lebten allein im Wald. Sie würden zwar Hopfen und Gerste finden, womöglich sogar anbauen, aber sie könnten nicht brauen. Sie könnten Kartoffeln anbauen, aber Sie wären nicht in der Lage, die Knollen zu frittieren. Schon eine Würstchenbude ist eine zivilisatorische Errungenschaft, für die wir dankbar sein sollten.
Angstphantasie: Ich bin in der Umkleidekabine eines Herrenausstatters und probiere eine Hose an. Ich ziehe den Reißverschluss zu – sie ist zu eng. Als ich sie wieder ausziehen will, klemmt er. Ich bekomme die Hose nicht herunter, so lange ich es auch probiere. Ich trete auf Socken in den Gang, wo die Verkäuferin wartet. Auf meine Bitte, mir zu helfen, versucht sie ihr Bestes. Es geht nicht. Schließlich kniet sie vor mir, aber der Reißverschluss klemmt immer noch. Sie holt den Geschäftsführer, aber auch er schafft es nicht. Beide knien jetzt vor meinem Genitalbereich, neugierige Kunden umringen uns, Fotos werden gemacht, die in alle Welt gehen. Ich kann mich nicht bewegen, meine Schuhe, meine eigene Hose mit der Brieftasche und dem Hausschlüssel liegen noch in der Umkleidekabine. Werden wir die Feuerwehr holen müssen? Zu allem Überfluss meldet sich, wie immer in Stresssituationen, mein Reizdarmsyndrom. Ich muss dringend auf die Toilette! Sehen Sie, und darum bestelle ich meine Hosen im Internet.
TV-Tipp: „Susis Traum“, Arte, 21:45. Auf ihrer abenteuerlichen Reise mit dem Einrad durch den Kaukasus findet Susi zu sich selbst. Dokudramödie.

Montag, 28. Mai 2018

Ein Abend mit Franz im Schlossbistro

„Das Schloss hatte ihn also zum Schriftsteller ernannt. Das war einerseits ungünstig für ihn, denn es zeigte, dass man im Schloss alles Nötige über ihn wusste, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd aufnahm. Es war aber andererseits auch günstig, denn es bewies seiner Meinung nach, dass man ihn unterschätzte und dass er mehr Freiheit haben würde als er hätte von vornherein hoffen dürfen.“ (Andy Bonetti: Der Schlüssel)
Es dämmerte schon, als ich mich durch den hüfthohen Schnee eine Straße hinauf kämpfte. Die Fenster der Häuser waren nicht erleuchtet und gaben nur einen schwachen Widerschein der winterlichen Einöde, durch die ich mich mühsam und mit immer geringer werdenden Kräften bewegte.
Da sah ich in der Ferne ein paar Lichter. Es waren die Glühbirnen einer Lichterkette, die den Eingang eines Wirtshauses schmückten. Von drinnen hörte ich lautes Gelächter, das in tosenden Applaus überging. Ich beschloss, hier ein Weilchen auszuruhen und eine Tasse Tee, vielleicht auch einen Kräuterlikör zu meiner Stärkung zu bestellen.
Als ich den Gastraum betrat, stand ich in dampfender Hitze. Es war wie in einer Sauna. Durch die feuchten Schwaden konnte ich kaum etwas erkennen. Der Raum war fast leer, nur in einer Ecke saß ein winziger hagerer Mann mit einer riesigen Frau. Ich setzte mich an einen der breiten rechteckigen Holztische und nahm Mütze und Schal ab.
Eine ältere Frau mit einer weißen Schürze kam und deutete wortlos auf das Schild mit der Tischreservierung, das ich übersehen hatte. Ich stand auf und folgte ihr. Auch auf den anderen Tischen waren Schilder, offenbar führte sie mich zu einem freien Platz. Mit einer Handbewegung deutete sie in eine Richtung.
Nach wenigen Schritten begriff ich, dass ich hinter der Theke war. Unmittelbar vor mir stand ein dicker Glatzkopf mit einem Handtuch über der Schulter, der seelenruhig ein paar Biere zapfte. Offenbar stand ich im Weg, denn er reichte die vollen Gläser über meinen Kopf hinweg der Kellnerin.
Schließlich verschwand der Wirt in der Küche und ich ging hinter der Theke in einen kleinen Flur, wo ein Holzstuhl und ein schmales Tischchen auf mich warteten. Am Ende des Ganges sah ich die Toiletten. Nach einer Weile, ich weiß nicht, wie lange ich gewartet hatte, und dachte schon, man habe mich vergessen, kam die Kellnerin und fragte, was ich wünsche.
Hungrig geworden, gab ich eine Bulette mit Senf und Brot in Auftrag. Dieser Wunsch wurde abschlägig beschieden. Man könne mir aber ein Schmalzbrot bringen. Tee oder Kräuterlikör gab es auch keinen, so dass ich ein kleines Bier orderte. Die Kellnerin nickte mit dem Kopf, ohne mich dabei anzusehen, und verschwand. Im Einzelnen überraschte es mich, im Ganzen hatte ich es freilich erwartet.
Ich holte mein Notizbuch hervor und schrieb einige Zeilen über meine Anreise an diesen Ort. Augenblicklich stand der Wirt neben mir und fragte, was ich aufschreiben würde. Ob mich ein Amt geschickt habe, um das Lokal zu prüfen. Ob denn die Obrigkeit einen braven und aufrechten Geschäftsmann wie ihn nicht endlich in Ruhe lassen könne, rief er laut und in klagendem Ton. Womit er diese ewigen Kontrollen als treuer Bürger und Steuerzahler denn verdient habe.
Ich beruhigte ihn mit einer knappen Geste und versicherte ihm, ich sei ein Schriftsteller, der ihm und seinen Geschäften durchaus wohlwollend, insbesondere jedoch hungrig und durstig gegenüber stünde. Da begann der Wirt zu lachen. Ein Schriftsteller, rief er immer wieder, ein Schriftsteller. Die Gäste und die Kellnerin - ja selbst der Koch - kamen herbeigelaufen. Es war, als wollte ihr Gelächter niemals enden.

Sonntag, 27. Mai 2018

Superwastl: Mach uns den Rommel!

Österreichs Superkanzler Superwastl "Shorty" Kurz fordert ein Afrika-Korps. Großartig! Weiter so, Superwastl!

Die Firma Blunzinger

„Ich habe meinen Betrieb inzwischen völlig auf Ukrainer umgestellt. Der Wettbewerb ist ja gnadenlos geworden. Da konnte ich mir gar keine Polen mehr leisten. Natürlich sind jetzt auch viele Syrer auf dem Markt, aber wir verarbeiten halt hauptsächlich Schweinefleisch. Da ist der Syrer generell schwierig. Wegen der Religion. Außerdem gibt’s natürlich immer eine gewisse Seuchengefahr. Wenn ich hier einen Mitarbeiter habe, der mir eine Seuche, einen Virus oder sonst was einschleppt, da kann ich dichtmachen. Aber der Ukrainer – einwandfrei. Den lasse ich einmal desinfizieren, wenn er hier ankommt, und das war’s. Fleißig sind sie auch. Das ist zum Beispiel der Herr Iwanow.“ Anton Blunzinger zeigt auf einen jungen Mann. Der Mann hört auf, eine Schweinehälfte zu zerlegen, und sieht den Chef an. „Du schön weiterarbeiten, gell? Schön arbeiten. Die Ukrainer, die wir hier haben, sind jung und gesund. Da kann man nicht meckern. Ich zahle ihnen den Mindestlohn. Selbstverständlich. Man ist ja kein Unmensch. Diese Leute sind mit wenig zufrieden. Sie sind es ja auch von Zuhause nicht anders gewohnt. Gewerkschaften kennen die gar nicht. Von der Seite habe ich nichts zu befürchten. Untergebracht sind sie in Containern hier auf dem Schlachthof. Einfach, aber sauber. Es ist natürlich nicht das Waldorf Astoria, hahaha. Verstehen Sie? Es ist keine Luxusunterkunft. Aber den Ukrainern gefällt es gut bei uns. In der Mittagspause werden sie in der Kantine verpflegt. Schnitzel, Würste, Schweinebraten. Es ist ja genug da, hahaha. Veganer haben wir hier keine, das können Sie mir glauben. Für Unterkunft und Verpflegung ziehen wir den Beschäftigten eine Pauschale von 700 Euro im Monat ab. Wir haben auf dem Betriebsgelände auch einen Laden, da können die Mitarbeiter alles kaufen, was sie brauchen, Brot und Bier und Zigaretten. Selbst Obst gibt es da. Sie brauchen das Werksgelände also praktisch gar nicht verlassen. Um zehn Uhr abends wird sowieso zugesperrt und von unserem Gewerbegebiet bis in die Stadt ist es sehr weit. Da geht praktisch keiner hin. Da gibt es also auch keinen Ärger mit der Bevölkerung wegen der vielen Ausländer bei uns. Ich kann Ihnen sagen, seit wir auf Ukrainer umgestellt haben, können wir unsere Wurstwaren zehn Prozent günstiger anbieten als die Konkurrenz. Der Umsatz steigt, der Gewinn auch. Und falls die anderen Fabriken nachziehen, dann stellen wir auf Vietnamesen um. Das ist gar kein Problem.“

Samstag, 26. Mai 2018

Rotschwänzchen Junior - So musste es ja kommen

Nachdem ich neulich ein Foto vom Rotschwänzchenkind veröffentlicht habe, haben mich seine Eltern prompt verklagt. DSDSVO. Ich habe gegen das Grundrecht auf Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten verstoßen. Rechtsanwalt Hugo Habicht aus Wichtelbach hat mich abgemahnt, dass es nur so geraucht hat. Jetzt muss ich zwanzig Millionen Euro Strafe zahlen oder vier Prozent vom Jahresumsatz. Vier Prozent … bei meinen Erfolgen als Schriftsteller wären das glatt zwei Euro. Zahlbar in Sonnenblumenkernen. Ab jetzt bringe ich nur noch Bilder wie das hier:

Neulich im Gasthaus Trollmühle

Ein älterer Herr sitzt allein an einem Tisch. Ein Mann mit Bierbauch und Bluthochdruckgesicht kommt herein. Er kommt am Tisch des älteren Herren vorbei und bleibt plötzlich stehen.
„Sind Sie nicht dieser … dieser Ding? Ich komme jetzt nicht auf den Namen.“
Der ältere Herr sieht den Mann eine Weile an, sagt aber nichts.
„Ich hab Sie doch im Fernsehen gesehen. Wie hieß die Sendung noch? ‚Abenteuer heute‘, oder? Heißen Sie nicht Becker?“
„Mein Name ist Semmelkorn“, sagt der ältere Herr mit gereiztem Unterton.
„Semmelkorn, genau! Jetzt weiß ich’s wieder. Martin Semmelkorn, der berühmte Bergsteiger. Ja, Wahnsinn!“
„Markus Semmelkorn. Ich wurde damals tatsächlich im Fernsehen vorgestellt. Ich bin nachts allein auf dem Nanga Parbat gewesen.“
„Unglaublich! Der Markus Semmelkorn. Der Bergsteiger. Hier in meiner Stammkneipe. Ich glaub’s ja nicht. Was hat Sie denn hierher verschlagen?“
„Ich hatte Durst und bin auf ein Bier hereingekommen.“
„Ich werd‘ verrückt. So eine Berühmtheit. Was machen Sie inzwischen?“
„Ich bin halt viel daheim.“
„Klettern Sie keine Berge mehr hoch?“
„Nein. Ich hatte eine schwere Hüftoperation. Ich bin ja auch schon 78 Jahre alt.“
„Ein Wahnsinn. Der berühmte Markus Semmelkorn. Da sitzt er, beim einfachen Volk sozusagen.“
„Ja.“
„Und was machen Sie jetzt so den ganzen Tag, wenn Sie nicht mehr im Himalaya sind oder im Fernsehen?“
„Nicht viel. Ich lese oder ich sitze auf dem Balkon.“
„Das glaubt mir kein Mensch. Der Bergsteiger aus dem Fernsehen. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Nein, hier ist besetzt.“

Freitag, 25. Mai 2018

In eigener Sache

Da ich das ganze Konjunkturprogramm für Juristen und Programmierer namens DSGVO nicht durchschaue und auch keinen Bock habe, mich da einzuarbeiten, gilt ab heute:
Kommentarfunktion ist abgeschaltet.
Bilder und Musik aus den Weiten des Internets gibt's nicht mehr.
Werbung hat es hier sowieso nie gegeben. Bonetti Media Unlimited ist ein geheimnützlicher Verein mit Sitz in der Karibik.
Ich lasse jetzt die Rollläden herunter und warte auf den Abmahnanwalt der Kanzlei Schäbig & Stiefsohn.



Alle Bonettistas treffen sich heute Abend bei der alten Blutbuche, Ihr wisst schon. Dreimal den Ruf des Waldkäuzchens ausstoßen. Erkennungszeichen: eine Flasche Riesling und/oder Roth-Händle ohne Filter.

Der verführerische Glanz leerer Worte


Blogstuff 214
„Tatsache ist, dass die Anarchisten niemandem passen. Vor allem passen sie den Herren nicht, weil sie dann nicht mehr befehlen können. Sie passen aber auch den Armen nicht, weil die, wenn die Herren verschwinden, niemanden mehr haben, auf den sie schimpfen können.“ (Luigi Malerba: Geschichten vom Ufer des Tibers)
Wer hätte das gedacht? Eine rechtsextreme Partei wie die CSU ist zu einem Rechtsruck fähig, um eine noch extremistischere Partei wie die AfD rechts zu überholen. #Polizeiermächtigungsgesetz.
Jens Spahn im Bundeskabinett – das ist gelebte Inklusion.
Warum heißt der chinesische Oberbonze eigentlich „Römisch Elf“?
Betrachtet man einen einzelnen Menschen, ist sein kultureller Hintergrund schnell erklärt. Dann kommen wir zu seinem öden und langweiligen Lebensalltag. Ist das Sammeln von Pilzen und Kräutern besser als der Einkauf im Supermarkt? Ist das Gespräch am Lagerfeuer besser als das Gespräch in der Kneipe? Ist die SOKO Kaiserslautern im ZDF ein Kulturfortschritt?
Beim Mittagessen – ich sitze in der Sonne bei meinem Stammgriechen in der Güntzelstraße – werde ich Augenzeuge eines harmlosen Unfalls. An der Ampel bremst der Fahrer eines Motorrollers zu heftig, der Roller fällt um, er und seine Tochter fallen hin. Beide stehen auf, nix passiert. Dahinter hält ein zweiter Motorroller, auf dem die Mutter und ein weiteres Kind sitzen. Schon eine Minute später ist die Polizei da. Passanten bleiben stehen und glotzen. Eine Familie setzt sich an den Nachbartisch und sofort beginnt die Legendenbildung, obwohl sie den Unfall gar nicht gesehen hat. Das Kind habe keinen Helm getragen. Falsch, es hat nach dem Unfall den Helm abgenommen. Es sei am Knie verletzt. Falsch, es hat keine Schramme abbekommen. Der Vater habe fahrlässig gehandelt, weil sich ein vierjähriges Kind nicht richtig am Vater festhalten könne. Woher wissen sie das Alter des Mädchens? Der kleine Sohn, deutlich im Vorschulalter, ergänzt gegenüber dem später eingetroffenen Opa altklug, die Polizei sei gekommen und habe nichts gemacht.
Im Herbst habe ich ein paar alte Zeitungen im Garten vergraben. Und siehe da: Im Frühling ist eine Lüge gewachsen.
Das neue Firmenmotto von Bonetti Media: „Gemeinsam können wir über die Galaxis herrschen.“
Ich arbeite gerade an einem rattenscharfen Drehbuch, das ich Hollywood anbieten werde. Rodriguez oder Tarantino. An Halloween landen nachts die Außerirdischen und ein Gammastrahl oder so trifft die ganze Stadt. Alle verwandeln sich in die Wesen, als die sie verkleidet sind. Also ein verkleideter Vampir wird zu einem echten Vampir und so weiter. Monster kämpfen gegen Hexen, Batman gegen den Joker. Es ist die Hölle los. Niemand bemerkt, wie sich die Außerirdischen unter die Menschen mischen und die Stadt übernehmen.
Ich bin mal wieder auf ein Industrieprodukt reingefallen. Ich bin nicht reingelegt worden, ich habe durch tätige Mithilfe, durch einen sinnlosen Einkauf, dazu beigetragen, eine schädliche Ernährungsweise zu erhalten. Heute also „Mousse Zitrone“ von Dr. Oetker. Schmeckte natürlich tutti kompletti nach Chemie. Ich lese die Zutatenliste. Na klar: Wasser, Zucker, Chemikalien. Aber neu war die Zutat Luft. „Aufgeschlagen mit Luft“. Clever. Jetzt verkaufen sie uns auch Luft. Was ist noch billiger als Wasser oder Zucker? Eben. Und ich Idiot kaufe gleich zwei Becher von dem Zeug.
Amerika wurde nur zufällig entdeckt, weil es den Weg nach Indien versperrte. Dafür reißen die Amerikaner heutzutage ganz schön das Maul auf.


Viele Dinge in meinem Leben sind schwarz. Die Ray Ban ist allerdings ein Fake und mein Kalender ist zwar von der Deutschen Bank, aber ich bin nur ein gewöhnlicher Sparkassenkunde. Ich mag Lakritze und schwarze Bohnen.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Sexueller Missbrauch von Gemüse - die Fakten

Neues von Rotschwänzchen Junior

Offenbar ganz verzückt von "La Vie En Rose" (Grace Jones) nahm der Piepmatz zwei Meter vor meinem Fenster Platz und lauschte. Selbst als ich aufstand und ihn dreimal mit Blitz (!) fotografierte, rührte er sich nicht. Hielt er die Musik für einen anderen Vogel? Oder gefällt ihm einfach der Sound? Ich werde aus den jungen Leuten heutzutage einfach nicht mehr schlau …


Amor patriae – die Saat des Blöden

„Wo Heimat aufgehört hat, Heimat zu sein, entsteht das Heimatmuseum oder das Reservat.“ (Gerhard Polt, Hanns Christian Müller: Da schau her)
Sie ist wieder erwacht, die Liebe zum Vaterland, die Liebe zur Heimat und - vorläufig hinter vorgehaltener Hand - die Liebe zum arischen Blut. Patriotische Gefühle bewegen das deutsche Gemüt, völkische Bekenntnisse liegen im Trend. Andere Länder haben es vorgemacht: USA, Polen, Ungarn, Österreich. In deutschen Landen wurden Sachsen und Bayern zuerst ergriffen. Das Trennende wird wieder betont, das Gemeinsame verhöhnt. Die politische Integration Europas und die globale ökonomische Integration werden, trotz ihrer Erfolge, in Zweifel gezogen. Nationaler Pathos, nationale Alleingänge statt internationaler Zusammenarbeit – das ist die Parole der neuen Epoche.

Nach dem Ende der Ideologien haben wir nur noch die beiden geistigen Korsettstangen, die wir schon in den Jahrhunderten zuvor hatten: den Staat und die Religion. Da die Religion in unserem Land nur noch rudimentäre Bedeutung hat, bleibt der Staat. Und da wir – im Gegensatz zur Bibel im religiösen Bereich – auf staatlicher Ebene keinen festgeschriebenen Wertekanon haben, ringen wir jetzt um den Begriff der Leitkultur. Im vergangenen Jahrhundert machten wir den Schutz der Umwelt zu einer ministeriellen Aufgabe und zu einem tragenden Element von Regierungskompetenz, jetzt ist es der Schutz der Heimat, so als ob das Dirndl oder die Blasmusik auf einer roten Liste der vom Aussterben bedrohten Kulturgüter stünden. Ausgerechnet ein Bayer, Horst Seehofer, wird erster deutscher Heimatminister – da hätte man auch wieder einen Österreicher nehmen können.
Wenn an einem starken Wir politisch und medial gebastelt wird, darf ein starkes Gegenüber nicht fehlen. Die Anderen, das sind Muslime, Afrikaner und andere Menschen, die sich schon optisch von den Deutschen abheben. Bald werden es auch wieder die Franzosen und die Juden sein, die angelsächsische Krämerseele und der brutale Russe, diese ewige Bedrohung aus den Tiefen Asiens. Die Anderen, das sind nicht unsere Freunde. Bestenfalls Konkurrenten, eigentlich aber Feinde. Hieß es ehemals „Volk ohne Raum“, als man den Deutschen neue Agrarflächen in Osteuropa erobern wollte, so heißt es heute „Volk ohne Zukunft“. Der Deutsche soll in seinem eigenen Stammland verdrängt und ausgerottet werden. Durch Zuwanderung und durch Gebärmaschinen, die „immer neue Kopftuchmädchen produzieren“, wie es der SPD-Rechtsaußen und Wegbereiter des Neofaschismus Thilo Sarrazin einst so unnachahmlich formuliert hat.
Die Vaterlandsliebe findet erst ihre wahre Erfüllung, wenn das Vaterland bedroht ist. Wenn es von sinisteren Feinden umstellt und sogar, im aktuellen Fall, vom Feind durchdrungen wird. Merkel hat das trojanische Pferd in die Festung gelassen, eine Million Sarazenen sind ihm entstiegen. In unseren Städten und Dörfern, also mitten unter uns, verbünden sich die Fremden mit den anderen Fremden, mit den Polen, Italienern und Türken. Gemeinsam wollen sie uns vernichten. Und wir geben diesen Leuten auch noch Wohnungen und Arbeit. Für jedes Kind, das sie in die Welt setzen, und das nichts Besseres zu tun hat, als am Stamm der Leitkultur, an dieser einst so mächtigen Eiche, zu sägen, zahlen wir diesem Lumpenpack auch noch Kindergeld!
Was wäre der deutsche Patriotismus noch wert, wenn das Land nicht akut vom Untergang bedroht wäre? Wir brauchen dieses Drama, diesen verzweifelten Kampf um unsere Zukunft, die tränennassen Gesichter besorgter Bürger, während in unseren deutschen Fabriken Menschen aus aller Herren Länder Maschinen, Chemikalien und Autos für unsere Stellung als Exportweltmeister produzieren. So bleibt uns am Stammtisch bei Bier und Schweinebraten genügend Zeit für eine neue Runde Selbstmitleid. Wir sind die Besten! Aber alle anderen wünschen uns nur das Schlechteste. Da kann man nur froh sein, dass unsere Bundeswehr im Augenblick höchstens für Luxemburg eine Bedrohung darstellt.
Zur Heimatliebe gehört natürlich auch das Bild einer Heimat, die sich unsere Liebe wahrlich verdient hat. Unser Land ist nicht nur schön, seine Wälder, seine Berge und seine Menschen, sondern es trägt auch eine blütenweiße Weste. Nichts darf diese Liebe trüben, unsere warme Muttererde ist nicht mit Blut besudelt. Auschwitz? Eine Lüge. Weltkrieg? Ohne Versailles kein Hitler. Kolonialismus? Andere hatten die Sklaverei. Kreuzzüge? Verrechnen wir mit den Toten vom Breitscheidplatz. Nichts darf unseren Blick auf die Schönheit und Reinheit Deutschlands trüben.
Es versteht sich von selbst, dass Heimat mit Abstammung verbunden ist. In der Heimat wurde man geboren, die Eltern und die Großeltern wurden ebenfalls in dieser Heimat geboren. Warum dürfen wir mit unserem Glück nicht allein sein? Was wollen die Fremden eigentlich alle hier? Aber im wirklichen Leben kommt um fünf die polnische Putzfrau und der Lieferjunge mit der Pizza ist leider auch nicht blond. Vaterlandsliebe ist ein Spiel für gnadenlose Opportunisten, naive Vollidioten und echte Blut-und-Boden-Nazis, die seit 1945 darauf warten, aus der zertrümmerten Gruft des Führerbunkers wieder ans Licht zu kriechen.
Wilson Pickett - Land of 1000 Dances. https://www.youtube.com/watch?v=3mz_EXHKGHs

Mittwoch, 23. Mai 2018

Helikoptereltern

Letztes Jahr um diese Zeit habe ich vom Schreibtisch aus eine Kohlmeisenfamilie beobachten können – er, sie, zwei Kinder -, deren Nachwuchs sich mit großer Freude an der porösen Außenlackierung meines Fensters zu schaffen gemacht hat. Sie rupften Teile ab und warfen sie über Wochen in das Rosenbeet.
Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal ein junges Rotkehlchen im Garten, dessen Mutter oder Vater akribisch die ersten Flugstunden überwacht. Heute beobachte ich eine halbe Stunde lang über den Monitor hinweg ein fast ausgewachsenes Kind Marke Hausrotschwanz, das von seinen Eltern endlos gefüttert wird. Wieviel passt eigentlich in so einen kleinen Vogel hinein?
Wenn Sie mich fragen: typisch Helikoptereltern.



Suchbild. Wo ist das Vögelchen?



Vom Profi vergrößert. Wer braucht schon Photoshop?

P.S.: Mein Vater hat in seinem Garten neulich einen Reiher fotografiert. Einen Reiher! Da kann ich mit meinen Singvögeln natürlich nicht mithalten. Aber er wohnt mit seiner Frau auch am Rhein …


Der Besuch

Er ging ins Badezimmer und hatte gerade den Reißverschluss seiner Jeans geöffnet, als er die kleine Flasche sah, die langsam an die Oberfläche schwebte. Er holte sie aus der Toilette und spülte sie im Waschbecken ab. In der Flasche war eine Schriftrolle. Er schraubte den Deckel ab und löste die Schleife, von der die Rolle zusammengehalten wurde. Dann las er die folgende Geschichte, die ihn auf so rätselhafte Weise erreicht hatte:
Meine Türklingel funktioniert schon seit Jahren nicht mehr. Ich habe sie nie reparieren lassen, denn ich erwarte ohnehin keinen Besuch. Daher war ich sehr überrascht, als ich an jenem Morgen ein Klopfen hörte. Kein zaghaftes Klopfen, wie es unter Nachbarn üblich ist. Es war ein herrisches Klopfen und es wiederholte sich kurz darauf. Es war ein Klopfen, das nach Ärger klang.
Ich zog meinen Bademantel an und schlurfte zur Tür. Zwei Polizisten in schwarzen Uniformen standen vor mir.
„Lang lebe die Kanzlerin“, sagten die Polizisten im Chor.
„Lang lebe die Kanzlerin“, murmelte ich zurück. Die übliche Grußformel.
„Sind Sie Johnny Malta?“
„Ja“, sagte ich. „Ist irgendwas passiert?“
„Wir haben uns ihre Zahlen angesehen, Mister Malta. Sie haben in den letzten Monaten nie mehr als fünfzig Euro für Lebensmittel ausgegeben. Das ist ein Verstoß gegen das Wachstumsgesetz und wird mit einem Bußgeld von hundert Euro bestraft.“
Ich war verblüfft. „Es ist verboten, sparsam zu leben?“
„Ja. Seit 2024 gibt es das Gesetz. Lesen Sie keine Nachrichten? Diese Maßnahme dient zur Stabilisierung des Bruttosozialprodukts. Fünfzig Euro! Niemand kann von so wenig Geld existieren. Erhalten Sie illegal Lebensmittel, die Sie nicht mit Ihrer Kreditkarte bezahlen?“
„Nein“, antwortete ich. „Aber ich verdiene im Augenblick nicht viel. Ich kaufe mir Toastbrot und Margarine, ab und zu ein paar Tomaten. Ich trinke Leitungswasser. Das ist doch nicht verboten, oder?“
Der ältere der beiden Polizisten studierte das Display seines Smartphones. „Sie verbrauchen auch verdächtig wenig Strom. Nur etwa ein Viertel des durchschnittlichen Verbrauchs pro Person. Was haben Sie dazu zu sagen?“
Ich kratzte mich am Kopf. „Ich benutze den Herd nicht. Der Kühlschrank ist abgeschaltet, ich nutze Energiesparlampen. Eigentlich brauche ich nur meinen Computer und abends ein wenig Licht zum Lesen.“
„Laut Ihren Kontodaten haben Sie seit einem halben Jahr kein Geld mehr verdient. Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Schriftsteller. Ich arbeite an meinem neuen Buch.“
Der Polizist tippte auf seinem Display herum. „Von Ihrem letzten E-Book wurde gerade einmal acht Exemplare verkauft. Acht. Einen Verlag oder einen Literaturagenten haben Sie auch nicht. Ihre Tätigkeit kann man wohl kaum als Beruf bezeichnen.“
„Doch, doch. Ich schreibe schon seit vielen Jahren Bücher. Ich bin sehr beschäftigt.“
Der Polizist ließ seinen Blick an meinem Bademantel entlang bis zu meinen zerschlissenen Filzpantoffeln und wieder zurück zu meinem Gesicht gleiten.
„Sie melden sich spätestens nächste Woche im Job-Center. Dort wird man Ihnen eine neue Tätigkeit zuweisen. Sie werden wieder lernen, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, das seinen Pflichten als Konsument nachkommt.“
Ich sah stumm über seinen Stahlhelm in den düsteren Hausflur. Er hätte es nicht begriffen. Ich muss schreiben, ich kann gar nicht anders. Die Geschichte ist da, sie ist in meinem Kopf, also muss ich sie aufschreiben. Warum muss der Bergsteiger den Berg besteigen? Weil der Berg da ist. Ganz einfach. Es gibt keine zweite Möglichkeit. Ich brauche die Zeit zum Schreiben, sonst werde ich wahnsinnig.
„Ihr Verhalten schadet dem Volk“, sagte er und drückte mir den Zahlungsbefehl über einhundert Euro in die Hand.
„Dem Volk? Ich schade doch höchstens den Konzernen und dem Staat“, sagte ich.
„Wo ist da der Unterschied?“ fragte der Polizist und drehte sich um, ohne eine Antwort abzuwarten.
Dann ging er mit seinem Kollegen die Treppe hinunter.
Lang lebe die Kanzlerin.
Bush - Cold Contagious. https://www.youtube.com/watch?v=pjZj4auT0l8

Dienstag, 22. Mai 2018

DSGVO - Was sich für Sie ändert

Soweit ich das kapiert habe - und ich bin etwa dreißig Minuten im Netz unterwegs gewesen und habe von PANIK bis ALLES COOL viel gelesen - werde ich ab sofort in diesem Blog nur noch über meinen Stuhlgang und den Hamster meines Neffen berichten. Unterlassen Sie bitte in Zukunft Kommentare, weil die mit "Daten" verbunden sind.
Bilder gibt's in Zukunft nur noch so:
Oder bestenfalls so:
P.S.: Während Sie diesen Text lesen und sich die Bilder anschauen, werden folgende Daten von Ihnen erhoben: aktueller Kontostand, sexuelle Wunschträume, peinliche Kindheitserlebnisse, tatsächliche Kleidergröße und Kühlschrankinhalt. Die Server von Bonetti Media stehen in Panama City, Rechtsweg 99. Ihre Daten gehen meistbietend an die Industrie und einfach so an Ihre Nachbarn.

Die ultimative Medienkritik

Gestern lief auf 3Sat die herrliche Screwballkomödie „Sein Mädchen für besondere Fälle“ mit Cary Grant aus dem Jahr 1940. Viele von Ihnen dürften die Neuverfilmung des Stoffs von Billy Wilder mit Jack Lemmon und Walter Matthau von 1974 kennen: „Extrablatt“. Der Film beruht auf dem Theaterstück „The Front Page“ von Ben Hecht, der selbst lange als Journalist gearbeitet hat.
Hier wird gezeigt, wie Journalisten lügen, dass sich die Balken biegen, für kleines Geld bereitwillig zur Konkurrenz wechseln, mit Politikern mauscheln und faule Deals mit der Polizei machen. Das Stück wurde 1928, also vor neunzig Jahren, zum ersten Mal aufgeführt. Bis heute ist dieser Medienkritik nichts mehr hinzuzufügen, nur die Technik hat sich mit Radio, Fernsehen und Internet verändert. Die Methoden der Presse bleiben immer gleich.
https://www.youtube.com/watch?v=22RmDNSbKQc
Ben Hecht war als Journalist auch in Deutschland und erlebte die Revolutionszeit von 1918 mit. Er machte die Erfahrung, dass die ganzen Revolutionswirren und die Weimarer Republik nur eine Inszenierung des Militärs waren, um die Siegermächte gegen die Russen auszuspielen. Später ging er als erfolgreicher Drehbuchautor nach Hollywood. Von ihm stammen die Skripts zu einigen Marx Brothers- und Hitchcock-Filmen. Seine letzte Arbeit war „Casino Royale“ von 1967. Allein die Lektüre des Wikipedia-Eintrags zu seiner Person ist ein Vergnügen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Hecht

Futurismus im 19. Jahrhundert


Blogstuff 213
„Lerne, mit Essstäbchen zu rudern.“ (Konfuzius zugeschrieben)
Ich ging rückwärts aus dem Flurhaus durch die Türwohnung. Ich zog meine Pantoffelfilze an und ging in die Kammerspeise. Aus der Flaschenbier trank ich Bierflaschen. Heute war Tagfrei, gestern war Abendsonne. Das würde noch heiter werden.
Am 15. Juni findet das Gründungstreffen der neuen Bewegung „Pro Adipositas – mein Bauch gehört mir“ im Gasthaus „Beim Hax’nwirt“ statt. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten.
Tagebuch, 21.2.1992: „Was folgt, ist ein tagelanges Erwachen. Du wachst durch Tage hindurch auf. Eine endlose Weile lang begreifst du gar nichts, dann beginnt die Zeit der Dämmerung. Es wird langsam hell im Kopf und der Regen klopft an deine Fenster. Wenn du schließlich da bist, bemerkst du es zunächst nicht. Keine Erinnerung an einen Weg dorthin – wenn du aufwachst, bist du einfach schon lange da.“
Inzwischen liegen viele Fakten hinter dir und wenige Möglichkeiten vor dir. Früher war es umgekehrt.
Die stille Verachtung im Blick einer Katze.
Ist es eine Metapher für die GroKo? Ist es irgendwas von der Metaebene, aus dem Hochparterre des gepflegten Geschwafels? Aber wenn man Rotwein trinkt, wird die Scheiße hinterher schwarz.
Das Publikum zeigt die kläglichste Form der Haltung: die Erwartungshaltung.
Hätten Sie’s gewusst? In Alabama arbeitet gerade ein Team forensischer Humoristen an einem tödlichen Witz, der gegen die Russen eingesetzt werden soll.
Allgäuer Klötenwurst – da will man gar nicht wissen, was drin ist.
Neues vom Berliner Job-Center. Ein Bekannter von mir ist wegen seiner Rückenprobleme jetzt Frührentner. Die Rente erreicht aber nicht Hartz IV-Niveau, er beantragt also die Aufstockung seiner Bezüge. Wie reagiert das Job-Center? Man will den 62 Jahre alten Mann mit kaputtem Rücken – Achtung! – zum Altenpfleger umschulen. Kannst du dir nicht ausdenken.
Gesundheitsminister in Not! Jens Spahn wartet auf eine Spenderseele.
Vor dem Aufzug. Ein Mann ist in seine Musik vertieft. Er will mit seinem Fahrrad rauf. Zusammen passen wir nicht in die kleine Kabine. Er lässt mir den Vortritt. Er habe ja Musik und könne warten. Ich frage ihn, was er hört. Seine eigene Musik, sagt er. Er mache seine Musik selbst. Dit ist Berlin. Hätte ihm sagen sollen, dass ich meine Bücher selbst mache.
Witze über chinesisches Essen nimmt die Blogstuff-Redaktion nicht mehr entgegen. „Nr. 57: Gefüllter Reishändler auf durchgeschmortem Kabelsalat“ – das ist nicht komisch und eigentlich auch eine Form von Diskriminierung.
Immer im Trend sind Dialoge aus dem Themenbereich „Wetter“:
A: „Neulich war ich in einer Aufführung des ‚Schwanensee‘. Da waren doch tatsächlich Flamingos auf der Bühne.“
B: „Das ist der Klimawandel. Ein Wahnsinn!“
Baits - For the Show. https://www.youtube.com/watch?v=8VZuwkwUfvY

Montag, 21. Mai 2018

Der Tag am Meer

8. Mai. Ostseebad Prerow, Darß. Vor zehn Jahren habe ich zuletzt das Meer gesehen. Das war im Hafen von Yokohama. Barfuß am Strand – das ist noch länger her. Wurde mal wieder Zeit.
Die Fantastischen Vier - Tag am Meer. https://www.youtube.com/watch?v=uFX_ZQCPerk

Die Bloggerin

Eines Tages fand ich durch Zufall das Blog einer alten Schulfreundin. Sie schrieb dort unter dem Pseudonym „Prinzessin Vielleicht“. Es war ein sehr schlichtes Blog und sie hatte auch nicht sehr viele Einträge geschrieben. Die letzten Einträge handelten davon, dass niemand ihr Blog lesen würde. Es gäbe keine Kommentare und auch in den Statistiken würden keine Seitenaufrufe verzeichnet. Das allerletzte Posting stammte aus dem Jahr 2013.
Ich rief einen Freund an, der zehn Jahre mit ihr zusammen gewesen war. Er sagte mir, sie sei im Jahr 2013 verstorben. Völlig vereinsamt und ohne Job habe sie Selbstmord begangen.
Ich konnte mich noch gut an ihr kleines, verhärmtes Gesicht erinnern. Ihr Haar hatte die Farbe von Ahornsirup. Sie war nur einsfünfzig groß und kaufte auch als Erwachsene ihre Kleider in der Kinderabteilung. Sie wirkte immer so verloren und hoffnungslos. Vielleicht wusste sie, dass sie nie eine Chance bekommen würde.
Es wäre nie jemand auf ihrer Internetseite gelandet, auch wenn sie ewig gewartet hätte. Sie hatte es versucht, sie hatte das Beste aus der Situation machen wollen. Ihre Einsamkeit überwinden, eine Botschaft hinaussenden. Sie hatte vielleicht noch einen winzigen Rest Hoffnung, aber es war aussichtslos gewesen.
Ich frage mich, ob sie es gewusst hat. Ob sie gewusst hat, dass es keine Hoffnung für sie gibt. Ob sie das Blog eröffnet hat, obwohl sie wusste, dass es aussichtslos sein würde. Ich werde es nie erfahren.

Sonntag, 20. Mai 2018

Zwei Freunde

Er sagte, er habe sich vergiftet, und zeigte mir die leere Flasche mit einem Totenkopf auf dem Etikett. Ich glaubte ihm nicht.
Er sagte, er habe sich erhängt, und zeigte mir das Seil. Ich glaubte ihm nicht.
Er sagte, er habe sich ertränkt, und zeigte mir das Meer. Ich glaubte ihm nicht.
Er sagte, er habe sich erschossen, und zeigte mir das Loch in seiner Stirn. Da glaubte ich ihm.

Kleinkunst





Ruhm

Wir wollten alle das große Leben und ganz nebenbei, wie in den amerikanischen Romanen, die letzten Fragen klären. Früher Heldentod und Altersweisheit, alles zusammen und irgendwie gigantisch, verstehst du? Aber berühmt bin ich dann nur durch dieses Foto geworden. Nach der Filmpremiere in München. Ich saß im Porsche von Christian Ulmen, der auf dem Parkplatz völlig besoffen den Mercedes von Fatih Akin rammt. Ich knalle mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe und das Blut läuft an meinem Gesicht hinunter, als ich aussteige. Ich stehe einfach völlig verloren in der Nacht und irgendein Fotograf macht dieses Bild, das durch die Presse ging. Das war alles. Ansonsten hätte niemand jemals meine Bücher gelesen.

Samstag, 19. Mai 2018

Geschafft! Bayern holt das Single

Bilder einer großen Zeit


1986: Das Ende meiner Karriere als Schwarz-Weiß-Fotograf.




Im selben Jahr geht es in Farbe weiter. Zunächst noch unscharf bei einem Urlaub am Edersee.




Dann rattenscharf auf dem Klappsofa.

Exklusiv: Royal Wedding Newsticker


Das Brautpaar. Wir dürfen uns auf süße Kinder freuen.




Hat keinen Hafturlaub bekommen: Der Vater von "Renault" Megan Merkel.




Immer dabei, wenn es Torte gibt: Die Queen.

Wer in Bremen noch Asyl bekommen hat



Briefe, Erinnerungen

Der alte Schuhkarton mit Briefen steht auf seinem Schreibtisch. Er stöbert in Erinnerungen und freut sich, dass es damals weder Mails, SMS oder WhatsApp gegeben hat. Lena, Yasmin, Dorothee. Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt der Liebe und des Rauschs.
Dazwischen das amtliche Schreiben mit dem Absender „Kreis Aachen, Der Oberkreisdirektor“. Keine Briefmarke, aber die durch Unterschrift und Stempel bestätigte Zustellung am 7.11.1989. Zwei Tage vor dem Fall der Mauer, zwei Tage vor dem Beginn einer neuen Epoche. Der graublaue Umschlag enthält einen Bußgeldbescheid in blassem Rosa.
Als „Tatort“ wird Simmerath und die B 399 angegeben, auf der er sich damals in „Fahrtrichtung Monschau“ bewegt haben muss. Bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h war er mit achtzig Sachen unterwegs. Fahrzeugart: Toyota. Amtliches Kennzeichen: KH-AN 982. Beweismittel: Automatische Geschwindigkeitsmessung mit Frontphotographie. Wegen dieser Ordnungswidrigkeit musste er 100 DM bezahlen, plus 27 DM für die Kosten des Verfahrens.
Ein billiges Vergnügen, bedenkt man, welche kostbare Fracht er damals von Maastricht über unbewachte Landstraßen in die Heimat transportierte. Der Verkaufspreis der gesamten Lieferung lag bei etwa 20.000 DM. Eine schöne Erinnerung, „I.A.“ unterschrieben vom Verwaltungsangestellten Becker. Geblitzt wurde sein dunkelblauer Corolla am 23.8.1989 um 18:03. Gott schütze diese braven und korrekten Beamten.
In der folgenden Nacht träumt er von einem Besuch bei seinem Geschäftspartner. Um der alten Zeiten Willen kauft er ein kleines Stück aus seiner erlesenen Sammlung. In der nächsten Traumsequenz sitzt er an einem Kaffeehaustisch und öffnet einen dicken Umschlag, angeblich eine Büchersendung aus Amsterdam. Dem diskreten Wirt, der es ihm ermöglicht, seine Geschäfte über sein Etablissement abzuwickeln, schiebt er seinen Anteil in einer Stoffserviette über den Tisch. Ganz so elegant liefen die Geschäfte damals nicht, aber er erwacht am nächsten Morgen mit einem Lächeln.
So manches verjährt im Laufe eines Lebens, aber die Briefe und Erinnerungen bleiben uns erhalten.
Velvet Underground - Pale Blue Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=KisHhIRihMY

Freitag, 18. Mai 2018

Gewinner des Bonetti-Fotowettbewerbs 2018

1. Preis: "Amerika, Land der Extremitäten"



2. Preis: "Heinz Pralinski wartet seit fünfzig Jahren auf eine sexuelle Belästigung"



3. Preis: "Symbolbild 8752"

Shamisen-Musik. https://www.youtube.com/watch?v=_k0wyAIkPhM

Die Wiederentdeckung des Käsebrots


Blogstuff 212

„Die Wiedergeburt des Revolutionärs aus dem Geist des Partisanen. Mag der Partisan in einer Industriegesellschaft ein Hund auf der Autobahn sein. Es kommt darauf an, wie viele Hunde sich auf der Autobahn versammeln.“ (Heiner Müller)
Es waren unruhige Zeiten, als er in B. eintraf. Vor dem Bahnhof wurde laut gerufen und an der Imbissbude gab es keine Buletten mehr.
Aus den Kleinanzeigen eines Stadtmagazins: „Dominanter Medienunternehmer mit einem Gehänge wie ein Lipizzanerhengst sucht devoten Sklaven für bedingungslose Korrektur- und Layoutarbeiten (kein Sex). Kennwort: Bonetti.“ – „Abschließbare Diskettenbox günstig abzugeben.“
Ich würde gerne einmal in Surinam Urlaub machen. Aber leider gilt Delphinragout dort als Delikatesse. Das macht mir die Reise unmöglich.
Hätten Sie’s gewusst? Heinz Pralinski fuhr in jungen Jahren eine rote Ente, die er „Millenium Duck“ nannte. Wichtelbachs Antwort auf Han Solo.
Hilft der Spitzname „Snowball“ einem übergewichtigen Albino wirklich?
Wenn du dich zum Frühstück mit einer angebrochenen Tüte Tortilla-Chips zufrieden gibst, hast du in deinem Leben irgendwas falsch gemacht.
„Was fällt Ihnen zu 1987 ein?“ – „Das Buchstabenrodeo in Wisconsin. Ich bin Zweiter geworden.“
Nichts ist unendlich. Noch nicht einmal die Anzahl der subatomaren Teilchen im Universum. Die Zahl ist einfach nur sehr lang. Aber eine großkotzige Amöbe wie der Mensch, dessen Leben nur einen Wimpernschlag lang dauert, hantiert natürlich gerne mit schwergewichtigen Begriffen wie Unendlichkeit herum.
Endlich habe ich den Titel für meine Memoiren gefunden, die ich 2031 – zu meinem 65. Geburtstag – veröffentlichen werde: „Wir Rentner vom Bahnhof Zoo.“
Ich träume, dass ich am Rand eines Feldweges auf einer Wiese sitze. Auf meinem Schoß habe ich ein Notizbuch, in das ich gerade etwas hinein schreibe. Ich bin der Überzeugung, dass man über jeden Gegenstand und jeden Augenblick etwas schreiben kann, weil jeder Gegenstand und jeder Augenblick es verdient hat. Gerade schreibe ich eine kleine Geschichte mit dem Titel „Der beste Keks der Welt“. Zwei junge Japanerinnen in dunkelblauen Kleidern kommen vorbei. Sie schauen zu mir herüber und gehen wortlos vorbei. Ich blättere in meinen Notizen und überlege, wie viele Notizbücher ich eigentlich momentan benutze und was ich alles noch ins Reine schreiben muss.
Ein Mann konzentriert sich sehr lange und macht dann einen gewaltigen Sprung. Ich bin in der gleichen Zeit genauso weit gekommen wie er. Aber ich bin geschlendert, also hat es niemand gemerkt.
Er war eine Null auf der Skala von eins bis zehn.
Der Regen lief in langen Bahnen die Fensterscheibe hinab, die Stadt schien vor seinen Augen zu zerfließen. Dächer flossen die Fassaden hinab und verschwanden im Gulli. Alles löste sich im Regen auf. Menschen wurden zu Farbkleksen, die sich mit den Mauern und Straßen vermischten und schließlich verschwanden.
Eines Tages werden die Fenster durch Monitore ersetzt. Im Wohnzimmer sieht man über Wälder hinweg auf eine Bergkette am Horizont, in der Küche blickt man auf eine Wüste und vor dem Schlafzimmer liegt Schnee. Man kann den Ausblick beliebig ändern und ist nicht mehr gezwungen, die deprimierenden Häuser auf der anderen Straßenseite betrachten zu müssen. Rollläden oder Vorhänge braucht man auch nicht mehr, das Licht der Monitore macht den Raum taghell.
The Crusaders - Street Life. https://www.youtube.com/watch?v=-iVR7WLsvAg

Ein bewaldeter Hügel, der sich in einem Bergsee spiegelt.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Bonettis Nippelgate - Ist die Grenze überschritten?


Modigliani, Bonettis alter Kumpel aus dem VHS-Kurs Aktmalerei, ist für dieses Machwerk verantwortlich.

Unterwegs in Berlin II

Im U-Bahnhof Osloer Straße gibt es ein Nagelstudio, das zur Vorhalle hin offen ist. So stelle ich mir die Pediküre in Hongkong vor.
Dicke Türkenjungs mit Vollbärten. Die hässliche alte Deutsche mit Kurzhaarfrisur. Eine besoffene Frau um die dreißig, Bierflasche in der Hand. Sie beschimpft sich selbst und steigt Kurfürstenstraße aus, am Hausfrauen- und Junkie-Strich.
An der U-Bahnstation setze ich mich auf eine Bank. Die Frau neben mir drückt ängstlich ihre Handtasche an sich. Ich grinste sie an. „International gesuchter Taschendieb“, sage ich. „Mein Geheimnis ist meine Fluchtgeschwindigkeit“. Als Dicker wirke ich einfach beruhigend auf meine Umwelt.
Das ist der Unterschied zwischen Touri-Gegend und Kiez. Mittags bei meinem Stamm-Inder: Linsensuppe, Chicken Madras und ein Mango Lassi für 9,40. Abends mit einer Freundin auf der Dachterrasse des Bikinihauses: Hot Dog und 0,25l Craft Beer für 10,80.
„Zum böhmischen Dorf“, Sanderstraße 11. Coole Kneipe, schwarz gestrichene Wände, die den Laden auch bei Tageslicht in angenehme Dunkelheit hüllen. Highlight ist das tschechische Tankbier. Unpasteurisiertes Pilsener Urquell, flüssiges Gold, das auf Samtpfoten die Kehle hinabläuft. Früher gab es das nur in Tschechien, jetzt kann man es auch in Neukölln genießen. An der Ecke Kotti, nur ein paar Schritte von der U-Bahnstation Schönleinstraße entfernt, gibt es nach dem Kneipenabend noch einen sensationellen Dürüm Döner.
Ich beobachte einen gescheiterten Trickbetrug im „Jing Yang“ in Steglitz: ein Mann, der eher verunsichert und ängstlich wirkt, anstatt wütend zu sein, behauptet gegenüber der Wirtin, am Abend zuvor 3 x Ente to go zurückgebracht zu haben, weil das Essen in der Tüte aus den Behältern gefallen sei. Nun will er das Geld zurück. Er sagt, eine andere Frau hätte ihn bedient. Viele Kellner oder Wirte bezahlen vermutlich an diesem Punkt, um das Aufsehen im Lokal zu vermeiden. Er bekommt aber kein Geld, die Wirtin ist immer da und beschäftigt keine Kellnerinnen. Er könne seinen Ausweis zeigen, er arbeite in einem Fitness-Studio um die Ecke und wollte mit dem Essen seine hochschwangere Freundin überraschen. Seine Geschichte ist zu lang, um glaubwürdig zu sein. Wer zeigt freiwillig seinen Personalausweis? Warum hat er das Geld nicht bei der Reklamation am Abend zuvor verlangt? Warum hat er keine Quittung? Er verspricht, wieder zu kommen.
Ein paar Tage später, bei meinem nächsten Besuch (Feuertopf!), frage ich die Wirtin. Natürlich hat sie ihn nie wieder gesehen. Dafür ist einen Tag zuvor ein junges Paar nach dem Essen davongerannt, ohne zu bezahlen. Obwohl viele Tische nicht besetzt waren, hatten sie den Tisch in der Mitte nahe des Ausgangs gewählt. Nach dem Essen ging erst der Mann nach draußen, um zu telefonieren. Als die Wirtin gerade in der Küche war, rannte die Frau hinterher. Überhaupt erzählen mir Nachbarinnen und Freunde viel von Diebstählen und Betrügereien, letztes Jahr wurde ich ja zum ersten Mal selbst Zeuge eines Handtaschendiebstahls und einem Nachbarn wurden 1500 Euro aus der Jacke gestohlen, die er im Restaurant über die Stuhllehne gehängt hatte. Berlin ist nicht Haiti, um das Blogmotto des Kiezneurotikers zu zitieren, aber mit Neapel kann es sich vergleichen lassen.
Eine entspannte Stadtrundfahrt durch den Berliner Süden, der in den Reiseführern nicht vorkommt – garantiert null Sehenswürdigkeiten, aber hundert Prozent Berlin: Am Bahnhof Zoo in den M 46 einsteigen und bis Endhaltestelle Britz-Süd fahren, mit dem 181er weiter bis Endhaltestelle Walter-Schreiber-Platz. Falls es zufällig kein Sonntag ist, können Sie bei „Försters feine Biere“ in der Bornstraße 20 fränkisches und bayrisches Bier vom Fass genießen. Dann mit der U 9 zurück zum Zoo.
Zwei kleine Jungs mit Kippa auf dem Kopf kommen mir allein auf dem Bürgersteig entgegen. Einer im Grundschulalter, einer im Vorschulalter, sie gehen Hand in Hand. Ich bin erleichtert, als sie kurz darauf in einem Hauseingang verschwinden. Es ist traurig, dass man sich inzwischen diese Sorgen machen muss.
New Radicals - You Get What You Give. https://www.youtube.com/watch?v=DL7-CKirWZE

Eine Stunde vor Erstellung dieser Rechnung habe ich bei Biersommelier Förster eingecheckt. In Fachkreisen nennt man das eine Druckbetankung.

Der letzte Restaurantbesuch vor der Abreise. Lange Wochen karger Selbstverköstigung stehen mir bevor.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Das Bonetti-Girl des Jahres

Manet – Olympia.

Bernhard Jäger

„Und seine Augen strichen über das vollbeladene Bücherregal, über die stattliche Brigade von Büchern hin, die in Habachtstellung dastanden und auf denen mein Name wie das Auge eines Panthers aus dem ledernen Dunkel leuchtete.“ (Ray Bradbury: Der wunderbare Tod des Dudley Stone)
Er wusste nicht sehr viel über den Schriftsteller, dessen Werk er geradezu verehrte. Bernhard Jäger. Geboren 1966. Zu seinem Privatleben fand man bei Wikipedia überhaupt nichts, dafür lange Inhaltsangaben und Analysen zu seinen Romanen. Die Vielfalt der Figuren und Geschichten wurde gerühmt, jeder Roman war aus der Perspektive eines anderen Menschen geschrieben. Auch die Sprache war stets eine andere, Jäger überraschte seine Leser mit neuen Perspektiven, kein Buch war wie das andere.
In einem Interview hatte er gelesen, dass Jäger ein altes Holzhaus auf Hiddensee bewohnte. Eines schönen Tages beschloss er darum, den Schriftsteller zu besuchen. Er würde ganz höflich an der Haustür um ein Autogramm auf dem Vorblatt seines Lieblingsromans „Ein Sonntag ohne Sonne“ bitten und hoffte, den berühmten Autoren in ein kleines Gespräch zu verwickeln. Er fuhr mit dem Zug nach Rügen und setzte mit der Fähre auf die kleine Insel über. Er war überrascht, wie bereitwillig die Einheimischen ihm den Weg zum Haus seines Idols zeigten.
Er fühlte sein Herz schlagen und ein Kloß saß ihm im Hals, als er bei Herrn Jäger klingelte. Eine Frau öffnete ihm und fragte, was er wünsche. Er wolle nicht stören, sagte er, er hätte gerne den Schriftsteller um eine Widmung für ein Buch gebeten. Die Frau lächelte und bat ihn ins Haus. Sie bot ihm einen Platz im Wohnzimmer an und versprach, ihren Mann zu rufen.
Kurz darauf erschien Bernhard Jäger. Ein gewaltiger Mann mit breiten Schultern und einem schwarzen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte. Er trug dunkelgrüne Cordhosen, ein weißes Hemd und eine schwarze Weste. Sein Besucher holte das zu signierende Buch hervor und äußerte zaghaft seinen Wunsch. Lächelnd nahm Jäger das Buch und schrieb die Widmung. Er fragte seinen Gast, ob er nicht auf eine Tasse Kaffee bleiben wolle. Hoch erfreut willigte der Mann ein. Endlich war er dem großen Künstler nahe. Endlich konnte er ihn fragen, wie er auf die ganzen Ideen in seinen Büchern kam, wie er arbeitete, was er für die Zukunft plante. Er war ganz aufgeregt.
Es sei gar nicht so schwierig, sagte Jäger. Er sei ein guter Zuhörer, das sei das ganze Geheimnis. Er bat seinen Gast, doch ein wenig von sich zu erzählen. Geschmeichelt begann der Mann, von seinem Beruf als Briefträger zu erzählen, in dem man allerlei erleben konnte. Frauen, die mit offenem Morgenmantel öffneten. Männer, die mit offenem Morgenmantel öffneten. Schwatzhafte Rentner und geheimnisvolle Gestalten. Nach etwa zwei Stunden entschuldigte sich Jäger. Er müsse ein wenig arbeiten, bat seinen Gast jedoch, noch ein wenig zu bleiben. Während Frau Jäger ihm ein Stück Schokoladenkuchen mit Sahne servierte, hörte man aus dem Nachbarzimmer, wie Jäger an der Schreibmaschine arbeitete.
Nach zwei Stunden kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Es war schon spät und er bat seinen Gast, doch zum Abendessen zu bleiben. Es gäbe Heilbutt und er habe noch eine Flasche französischen Rotwein im Hause. Der Mann wusste gar nicht, wie ihm geschah. Es war ein Wunder! Er war von dem berühmten Mann nicht abgewiesen worden, sondern genoss die Gastfreundschaft und die intime Nähe zu seinem Idol. Träumte er? Seine Kollegen würden ihm nie glauben, was er hier gerade erlebte.
Das Esszimmer leuchtete festlich im Kerzenschein und das Essen war vorzüglich. Nach dem Essen bot Jäger seinem Gast eine Zigarre an und sie rauchten gemütlich, als Jäger seinen Gast nach seinen Jugenderinnerungen fragte. Der Mann begann zu erzählen. Von seiner Kindheit mit einem trunksüchtigen Vater, der im Gefängnis landete. Von seiner Flucht aus der Provinz nach Berlin im Alter von fünfzehn Jahren. Von seiner ersten Liebe, von Reisen und von Abenteuern.
Es war schon spät geworden. Jetzt fuhr keine Fähre mehr nach Rügen. Jäger bat seinen Gast, doch auf dem Sofa im Wohnzimmer zu übernachten. Benebelt vom Wein nickte er matt. In der Nacht hörte er, wie Jäger seine Schreibmaschine bearbeitete. Irgendwann schlief er ein und als er am nächsten Morgen aufwachte, sah er wie einen Mond das breite Gesicht des Schriftstellers über sich.
Nach dem Frühstück erzählte der Mann wieder seine Geschichten, wieder verschwand Jäger in sein Arbeitszimmer, um zu schreiben. Er fühlte sich durch das Interesse des Schriftstellers geschmeichelt. Hatte ihm je ein Mensch so geduldig zugehört wie Bernhard Jäger? Am Nachmittag die gleiche Prozedur. Irgendwann fiel dem Mann nichts mehr ein. Ob er noch eine Geschichte erzählen könne, fragte der Schriftsteller. Der Mann verneinte.
Eine Woche später wurde seine Leiche an den Strand von Rügen gespült. Drei Monate später erschien „Wirf dein Leben in den Briefkasten“ von Bernhard Jäger. Es wurde ein großer Erfolg.
The Police - Bring On The Night. https://www.youtube.com/watch?v=Bz1mEMiNPHQ