Freitag, 31. Juli 2020

Warum wir nicht mehr auf den Auslöscher drücken sollten


Neulich saß ich mit ein paar Freunden auf der Terrasse eines Restaurants und wir sprachen über unsere Reisepläne. Wir stellten fest: Es gibt keine. Alle bleiben in diesem Sommer zuhause und selbst für den Herbst sind bestenfalls Wochenendausflüge geplant. Keiner hat in diesem Jahr in einem Flugzeug gesessen, keiner hat ein Hotel gebucht. Diverse Reisen sind natürlich wegen Corona storniert worden, aber ich konnte ein generelles Desinteresse am Reisen feststellen.

Vielleicht liegt es an unserem Alter. Wir haben schon alles gesehen. Nimmt man die vergangenen Reisen aller Beteiligten zusammen, ist die Weltkarte fast komplett. Nord-, Mittel- und Südamerika, Karibik, Nord-, Ost- und Südafrika, Russland, China, Japan, Indien, Australien, Indonesien und Europa sowieso komplett. Jetzt erzählen mir die Leute von der „rheinhessischen Toskana“ oder dem Rheingau. Ich selbst war seit acht Jahren nicht mehr im Ausland und ich habe – Pandemie hin oder her – nicht das geringste Interesse, mich in den nächsten Jahren wieder auf den Weg zu machen.

Es bleiben die Erinnerungen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich keine Fotografien von meinen Reisen habe. Die Ausnahme sind drei Prag-Reisen in den Achtzigern, als ich mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen Kafkas Welt dokumentiert habe. Ich war auf der Golden Gate Bridge und der chinesischen Mauer, ich war im Louvre und im Kreml, ich habe Löwen und Elefanten in freier Wildbahn gesehen und im Amazonas-Dschungel übernachtet. All das habe ich nur als Bild im Gedächtnis, es gibt keine Fotos.

Die Menschen, mit denen ich unterwegs war, haben allerdings fotografiert und mir einige Bilder hinterlassen. Merkwürdigerweise sind es hauptsächlich Fotografien von mir. Mein Gesicht interessiert mich jedoch als Reiseeindruck am allerwenigsten. Schließlich sehe ich es sowieso jeden Tag im Badezimmer. Ich bin froh, dass ich meine Zeit nicht mit Fotografieren verschwendet habe. Viele Menschen investieren ihre Zeit und ihre Energie in Urlaubsfotos, anstatt den Anblick einfach zu genießen. Man kann sich die Zeit nehmen und eine halbe Stunde eine schöne Landschaft betrachten – oder man macht ein Foto und hetzt weiter. Schließlich hat man sie ja „im Kasten“.

Gar nichts hat man. Die kleinen Bilder, die man nach Hause mitbringt, vermitteln nichts von der wahren Größe und Schönheit eines Anblicks. Ich kann mich noch nach Jahrzehnten an einzelne Reiseszenen erinnern, weil ich schon auf der Reise wusste, dass mir nichts außer der Erinnerung bleiben würde. Diese Bilder habe ich immer bei mir, der verregnete Morgen auf dem französischen Campingplatz, als wir uns mit einer paar Flaschen Cinzano in mein Auto gesetzt und Musik gehört haben, während sich draußen die Côte d’Azur der versprochenen Postkartenidylle verweigerte, das nette Gespräch mit dem Rentnerpärchen in einem Waschsalon in Boston.

Was wird aus den vielen Urlaubsfotos? Bestenfalls werden sie einmal angeschaut und dann vergessen. Sie sind nur ein Surrogat. Wir können unser Gedächtnis nicht mit den Mitteln der modernen Technik auslagern. Mir helfen meine Notizen, die ich mir auf den Reisen mache. Ein paar Stichwörter, ein paar Sätze. Manchmal schreibe ich auch nach meiner Rückkehr ein paar Seiten. Wenn man Jahre später zufällig über diese Notizen stolpert, geht eine Tür auf. Der Abend in einem walisischen Pub, am Nachbartisch spricht man Gälisch. Allein auf den Stufen einer antiken Ruine auf Capri, weil man keine Lust auf die blaue Grotte hatte. Das kleine Kind im Zugabteil, das mir großzügig ein Stückchen von seiner Brezel anbietet.

Die Bilder, die wir in unseren Fotoalben und Handys haben, können uns nichts bieten, wenn es ums Reisen geht. Sie halten diese Momente nicht fest. Sie erzählen keine Geschichte, sie sagen nichts darüber aus, wie wir uns in diesem Augenblick gefühlt haben. Wenn man den Auslöser drückt, löscht man Erinnerungen aus.


Donnerstag, 30. Juli 2020

Morgen, Kinder, wird's was geben

Am 1. August wird in Berlin der Großkampftag der Realitätsleugner und Verschwörungsfanatiker stattfinden. Der Veranstalter, die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“, rechnet mit einer halben Millionen Teilnehmern. Es könnten aber auch viel mehr werden (siehe unten).

Stephan Bergmann, der Pressesprecher der Bewegung, war, nach Tagesspiegel-Angaben, zuvor Trance-Coach, Trommelbauer, Sonnentänzer sowie Gründer eines „Vereins für indianische Lebensweisen“. Es wird auch ein Chemtrail-„Experte“ sprechen. Wir dürfen gespannt sein.


Drei Steine


Es kamen drei Steine geflogen

Ihr Name war einerlei

Sie flogen in hohem Bogen

Stein eins, Stein zwei und Stein drei


Live aus dem Literaturschlachthof Wichtelbach


Blogstuff 468

“Just because some of us can read and write and do a little math, that doesn't mean we deserve to conquer the Universe.” (Kurt Vonnegut)

Die Jahre von 33 bis 45 waren bei mir 1999 bis 2011 und ich habe sie nicht als finster in Erinnerung.

15. Juli 1984: Stefan Bellof gewinnt mit einem Porsche 956 das 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring. Er gewann in diesem Jahr sechs von elf Rennen und wurde Sportwagen-Weltmeister. Mein erstes Autorennen. Ein Jahr später verlor er in der Eau Rouge in Spa sein Leben.

Peter Rühmkorf schrieb in sein Tagebuch: „Gefühl wiedermal von einem bis auf den Grund verfehlten Schriftstellerleben. Opus magnum ohne die mindeste öffentliche Resonanz; kein einziges Buch bislang in eine Fremdsprache übersetzt und bei Auslandsreisen als sozusagen Meisterbrief oder Diplom vorzuweisen; aufs Ganze gesehen nur 2112 Bücher in Hardcover erschienen und der Rest kleene Bändchen, Hefte.“ Die Kollegen hatten es also auch nicht einfach. 

Bei einer Hinrichtung in den USA macht man ein EKG mit erstaunlichem Ergebnis: Erst zwei Minuten später ist der Delinquent tot. https://en.wikipedia.org/wiki/John_Deering_(murderer)

Dreißig Jahre deutsche Einheit. Da wird man uns wieder die Geschichte der „friedlichen Revolution“ erzählen. War es eine Revolution? Wer waren die Köpfe der Revolution, welche Namen fallen uns ein? Wer wurde von den revolutionären Massen aufs Schild gehoben, welche grundlegenden Veränderungen gab es? Das sind die nüchternen Fakten: Das Volk wählte den blutleeren CDU-Bürokraten und Stasi-Spitzel Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten, statt Veränderungen forderten die angeblichen Revolutionäre ein Leben als Bundesbürger und die entsprechenden Verhandlungen führten ein Westdeutscher namens Kohl und ein Russe namens Gorbatschow. Wo ist der deutsche Danton, der deutsche Lenin oder der deutsche Che Guevara? Die DDR brach zusammen, der Staat wurde von den Machthabern aufgegeben. Es gab nie eine Revolution in Deutschland.

P.S.: Die SED hatte 2,3 Millionen Mitglieder. Über Nacht wurde, in bester deutscher Tradition, aus einem Volk von Mitläufern ein Volk von Widerstandskämpfern.

P.P.S.: Kein Politiker der Wende machte nach der Einheit in der Bundesrepublik Karriere (Ullmann, Weiß, Böhme, M. Merkel, Schorlemmer, Schnur, Bohley, Schult, Eppelmann, Lengsfeld, Reich usw.). Wer erinnert sich noch an das Neue Forum oder den Demokratischen Aufbruch? Günter Nooke von Demokratie Jetzt ging 1996 in die CDU und darf heute als „Afrikabeauftragter“ der Bundesregierung auftreten. Damit ist er der Erfolgreichste. Angela Merkel hatte mit dem Fall der Mauer nichts zu tun, ihre politische Tätigkeit begann im Februar 1990 in der Hauptgeschäftsstelle des Demokratischen Aufbruchs für den Stasi-Spitzel Schnur.

Thievery Corporation - The Outernational Sound. https://www.youtube.com/watch?v=fP_UJEniNhM


Mittwoch, 29. Juli 2020

Leise weht der Wind des Todes

Blogstuff 467

"Trinken ist wahrscheinlich sicherer als Sport. Da verletzt man sich nicht, man bekommt nur einen Kater!" (Kimi Räikkönen) 

Der typische AfD-Wähler ist in seinem Ausländerhass schizophren oder zumindest inkonsequent. Er will, dass die Migranten alle niederen Tätigkeiten erledigen, für die sich die Deutschen zu schade sind. Tellerwäscher, Putzfrau usw. Aber die Migranten sollen sich, nachdem sie stumm und klaglos ihre Arbeit verrichtet haben, unsichtbar machen. Am liebsten wäre es ihm, die Putzfrau würde morgens mit dem Flugzeug aus Istanbul kommen und nach Feierabend sofort zurückfliegen. Es ist dem Rechtsextremisten unerträglich, den Migranten in einem Geschäft zu begegnen oder im Restaurant am Nebentisch zu sehen. Sein Albtraum ist die schwarze Familie, die im Nebenhaus einzieht.

Breslau 1924: Egon Erwin Kisch erfindet die Kisch-Lorraine.

Letzten Freitag stand ich im Supermarkt vor dem Regal mit Zeitungen und Zeitschriften. Da überkam mich plötzlich der verrückte Einfall, zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Tageszeitung zu kaufen. Ich lese gerade einen Roman von Max Hermann-Neiße, der 1920 veröffentlicht wurde. Da sitzen Leute in Cafés und lesen Zeitung. Vielleicht probiere ich das auch mal? Es ist neun Uhr morgens und alles, was REWE zu bieten hat, ist die BILD und das Regionalblatt. Und ein einziges Exemplar der Süddeutschen Zeitung. Keine FAZ, keine Welt, keine Taz, nix. Ich nehme es in die Hand und bin erschrocken, wie dünn es ist. Richtig mager. Früher waren die großen Tageszeitungen dick und schwer. Die Samstagsausgabe der FAZ mit den Stellenanzeigen wog mindestens ein Kilo. Und jetzt dieses schwindsüchtige Blättchen. Dann der Preis: 3,50! Barilla Nudeln sind gerade für 69 Cent im Angebot. Dafür kriege ich zweieinhalb Kilo Nudeln! Natürlich habe ich sie wieder zurückgelegt. Das ist doch Wahnsinn. Für umgerechnet sieben Mark hat man früher einen ganzen Roman bekommen.

"Schafft eure verdammten Ärsche aus der Scheiß-Kiste. Los, los, los, Beeilung! Ich gebe euch Feuerschutz." Wenn man als Actionfilmfan seine Kinder zur Schule bringt.

Natürlich wird es Flugtaxis geben. Aber sie werden einen halben Meter über der Straße fliegen und sich an die Verkehrsordnung halten müssen. Alles andere wäre in Deutschland zu kompliziert.

“Andy Bonetti – bewaffnet und gefährlich“. In diesem Action-Thriller genießt Bonetti das privilegierte Leben eines tadschikischen Aristokraten, der durch eine verlorene Wette gezwungen wird, ein Jahr in einem saarländischen Ghetto zu verbringen. – Gelungene Persiflage auf das Subgenre der Crossover-Multikulti-Dramödie.

Jede Weinflasche ist eine Metapher, pure Metaphysik. Sie kommt voll auf die Welt, leert sich allmählich und landet am Ende im Müll, weil sie nutzlos geworden ist.

Letztlich unterliegen auch die Verschwörungsideologen den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie. Wer die absurdesten Ideen hat und am lautesten schreit, schafft es in den Blickpunkt der Medienöffentlichkeit. Augenblicklich sind das Attila Hildmann und die QAnon-Bewegung, dessen deutscher Botschafter Xavier Naidoo heißt.

David Bowie & Brian Eno - Moss Garden. https://www.youtube.com/watch?v=w4YO4RJjm8E

 


Dienstag, 28. Juli 2020

+++Wichtiger Hinweis in eigener Sache+++



Dr. Sacko von Hodenlohe, der als Subunternehmer Bonetti Media mit Rohpointen beliefert, sagte heute auf einer Pressekonferenz, dass mit einer erheblichen Verteuerung der Blogposts zu rechnen sei, falls er keine rumänischen Humorhelfer auf Werkvertragsbasis mehr einsetzen könne.

Bilderwelten, Weltbilder 34













Saloonkomponisten

Blogstuff 466

Sie werden schon sehen, dass jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest. (Ödön von Horvath)

Er lachte wie einer, der sich mit dem Lachen beeilen muss.

Den ganzen Nachmittag in seinem Kinderzimmer bekifft Marillion hören und unglücklich in Renate aus der 9b verliebt sein, das sind die Achtziger in einem Satz.

Heute steht uns der gesamte Erdball zur Verfügung, wenn wir uns an einem anderen Ort vergnügen wollen als zuhause – sofern wir den Segnungen des Wohlstands teilhaftig geworden sind. Aber das war es auch schon. Wir kennen den ganzen weiten Weg bis zu den Gitterstäben, aber die Welt außerhalb dieses Planeten bleibt uns verschlossen. Nur eine Handvoll Menschen hat vor Jahrzehnten einmal den lächerlich nahen Mond erreicht, vom Rest des Sonnensystems und des Universums quasseln wir nur. Wir bleiben Gefangene, die sich selbst den Käfig bis zum Hals zuscheißen.

Seine Druckerei hatte sich auf hochwertige Schmuckbinden für Zigarren spezialisiert und mit dem Niedergang der Rauchkultur ging es auch mit seinem Geschäft bergab. Und so wanderte er eines Tages nach Irland aus und wurde Whiskeybrenner.

Wieso glauben wir eigentlich, tiefgreifende Veränderung könne es nur ohne Gewalt geben? Wie viele Leute musste man in Frankreich köpfen, bis sich die Demokratie durchgesetzt hat? Wie viele Nazis mussten erschossen oder aufgehängt werden, bis man in Deutschland eine Demokratie aufbauen konnte? Welches Imperium ist ohne Krieg entstanden?

Früher hatten die alten weißen Männer ihren Hobbykeller, jetzt haben sie Twitter, FB und den Kommentarbereich diverser Medien. Weil sie alle beratungsresistent und im Besitz ewiger Wahrheiten sind, sind ihre Diskussionen auch so fruchtlos. Sie wollen sich nicht überzeugen lassen, sie wollen überzeugen und Recht behalten. Ein ewiges Armdrücken auf intellektuell extrem niedrigem Niveau.

Beim Boxen heißt Burn Out technischer K.o.

Schade, dass wir nicht in einem Film sind, sondern im echten Leben, sonst kämen jetzt Luftballons von der Decke.

„Die Welt“ von Porsche-Poschardt hat eine verkaufte Auflage von 51.000 Exemplaren pro Tag. Da werden sich einige “Wurstblattpoeten” (Max Hermann-Neiße) bald einen neuen Job suchen müssen.

Höcke hat ein Gesicht wie ein steckbrieflich gesuchter Sittenstrolch, dazu die Völkermordvisage von Kalbitz – da braucht man im Wahlkampf gar keine Parolen mehr, man erkennt sofort, wohin die Reise mit der AfD geht.

Empire Of The Sun - We Are The People. https://www.youtube.com/watch?v=hN5X4kGhAtU

 


Montag, 27. Juli 2020

Das Höllenreich der Mitte

Nirgends ist das Leben trauriger als in der Mittelschicht. Eigentlich ist es in Deutschland nur unten oder oben auszuhalten, dazwischen liegt das Höllenreich der Mitte. Natürlich würde ich mich im Zweifelsfall für ein Leben in der Oberschicht entscheiden, aber wenn das nicht klappt – und so geht es vermutlich vielen Menschen –, dann würde ich ein Leben in der Unterschicht vorziehen.

Leistung und Disziplin sind die prägenden Begriffe für die Welt der Mittelschicht. Sie sind in einem permanenten Kampf gegen den Abstieg gefangen, sie leben in ständiger Angst vor dem Absturz. Die Firma macht Pleite und man wird plötzlich arbeitslos. Die Lücke im Lebenslauf als Makel. Die teure Scheidung. Der Verlust des Eigenheims. Die Suchtkrankheit. Überall lauern die Gefahren für den bürgerlichen Lebensstil. Ständig muss man an sich arbeiten, an seiner Karriere, an seinem Körper, an seiner Biographie. Man darf sich keinen einzigen Augenblick der Disziplinlosigkeit leisten. Die Fassade muss gegenüber anderen Angehörigen der Mittelschicht ständig aufrechterhalten werden: Welches Auto fährst du? Wo warst du im Urlaub? Auf welche Schule geht dein Kind?

Der Prolet hat eine Arbeit oder er hat keine. Er hat keine Angst vor dem Arbeitsamt, andererseits hat er auch keine Hoffnung auf eine Karriere. Er lebt von der Hand in den Mund und das ist, bei aller Armut, auch ungeheuer befreiend. Er hat nichts zu verlieren. Diese Angst ist der Mittelschicht vorbehalten. Der Reiche wiederum kennt keine Arbeit und keine Angst vor dem Abstieg. Er hat ein schönes Erbe erhalten und lebt von Mieteinnahmen und Dividenden. Oben und unten ist das Dasein auf die gleiche Weise unbeschwert, wenn es auch in der konkreten Ausprägung nicht unterschiedlicher sein kann.

Sehen wir uns die öffentlichen Debatten an: Die großen Themen wie Emanzipation, Ökologie, Rassismus, Lebensstil und Moral im Allgemeinen sind reine Mittelschichtveranstaltungen. Unterschicht wie Oberschicht leben hingegen völlig ungeniert. Sie sind frei von dieser calvinistischen Strenge, mit der sich die Mittelschichtangehörigen gegenseitig quälen und überwachen. Migranten bezeichnen sich gegenseitig fröhlich als Kanaken, die fünffache Mutter mit Kopftuch kann ihrem Mann das Leben so zur Hölle machen, dass er sich freiwillig in die Shisha-Bar verzieht.

Arbeitslosigkeit, fehlende Rücklagen für das Alter, Alkohol zu jeder Tageszeit oder Vorstrafen wegen Drogen? Ganz unten lebt es sich unbeschwert. Ehebruch, Mülltrennung – da pfeif ich drauf. Ich mache, was ich will. Elektroautos und Gendersternchen waren im Proletariat nie ein Thema. Genauso sieht es bei den Bonzen aus. Wer braucht Moral, wenn er Geld hat? Maserati fahren und das Kindermädchen vögeln, Steuern hinterziehen und Pelzmäntel kaufen. Fertig ist die Laube.

Die Mittelschicht, das ist die Hölle. Niemand ist unfreier und unglücklicher als ein Büroangestellter, der die Eigentumswohnung abstottern muss und die Grünen wählt. Dann beschimpft er die Kindergärtnerin als Rassistin, weil sie eine Indianerparty für die Kinder veranstaltet, denn dieses Gefängnis aus totalitären Glaubensgrundsätzen und Verhaltensmaßregeln macht ihn aggressiv. Wer möchte denn so leben?

Sonntag, 26. Juli 2020

Stefan Rose ist an allem schuld

Der Kollege, der sich heute in seinem neuesten Beitrag innenarchitektonischer Schwerverbrechen rühmt, hat mich neulich auf eine Zeitreise geschickt. Es ging um den guten alten Tabaksbeutel, den ich in den achtziger Jahren immer bei mir hatte. Es waren vorgestern in seinem Blog Artikel von Sven Knoch verlinkt, in denen auch die Tabakwerbung in der Titanic zu sehen war. Tatsächlich habe ich alle erwähnten Marken geraucht, hauptsächlich aber DRUM und Van Nelle. Längst versunkene Erinnerungen an unbeschwerte Jugendtage konnte ich an die Oberfläche befördern – und dann habe ich angefangen, meine alten Titanic-Hefte zu suchen. Ich stieß in einem Schrank auf eine Schicht meines Lebens, in der es hauptsächlich um die Jahre 1990 und 1991. Aber es gab auch andere schöne Fundstücke.

Ich möchte aus einem Brief meiner Oma aus dem Frühjahr 1991 zitieren, den sie mir nach 1 Berlin 36 geschrieben hatte: „Es ist doch schön, wenn alles klappt, da kann man auch später Ansprüche stellen, aber immer auf Zack sein.“ So war meine Oma. Und bekanntlich bin ich heute noch auf Zack.


Ich habe zum Beispiel jede Menge Geld gefunden. Das ist nur ein kleiner Teil meiner zukünftigen Altersvorsorge.




Damals hatte ich noch ein vielfältiges Freizeitprogramm. Ein unscheinbares Kärtchen der Berliner Schaubühne habe ich weggelassen, aber ich war damals jeden Monat im Theater, meistens in der Volksbühne.




Damals gab es spezielle Boulevardblättchen für Ostdeutsche. Hier wird gefordert, der Ex-Staatschef möge in der Produktion arbeiten. Dergleichen Schlagzeilen wünsche ich mir für Scheuer und Amthor.



Die jüngst verblichene Zitty. Damals hatte das Heft von einen Umfang von 276 Seiten!




Das war die letzte Ausgabe der Titanic in Deutschland in den Grenzen von 1949. Wer den Text lesen will, muss das Bild anklicken.






Gibt es Rassismus gegen Weiße?

Es gibt den Rassismus der Weißen gegenüber Afrikanern und Asiaten. Aber gibt es auch Rassismus gegen Weiße? Wo fängt Rassismus an? Vielleicht mit schlechten Witzen. Man macht sich über die Kultur der anderen Menschen lustig:

„Ein Mann bewirft in einer deutschen Stadt einen Beamten mit einer Tomate. Er wird daraufhin festgenommen. Dem Gesetz zufolge wird eine Attacke mit einer grünen Tomate härter bestraft als mit einer weicheren roten. Nach gründlichen Ermittlungen wird jedoch festgestellt, dass es sich im vorliegenden Fall um eine gelbe Tomate gehandelt hat, wozu das Gesetzbuch keine Angaben macht. Mangels Vorschriften wird der Mann ohne Strafe entlassen.“

Darüber lacht man in China. Oder dieser Witz:

„Wenn ein Auto mitten in der Nacht an einer menschenleeren Kreuzung an der Ampel hält, dann muss der Fahrer ein Deutscher sein.“

Noch eine Kostprobe?

„Ein Ausländer verliert eine Münze. Handelte es sich um einen Engländer, so würde dieser nur kurz mit den Schultern zucken und dann seiner Arbeit nachgehen. Ein Amerikaner würde nervös einige Male auf seinem Kaugummi herumkauen. Ein Japaner würde sich schärfster Selbstkritik unterziehen, um solch einen Vorfall in Zukunft zu vermeiden. Der Deutsche hingegen würde zunächst die Polizei verständigen, dann im Umkreis von 100 Metern ein Markierungsraster anlegen und mithilfe einer Lupe jeden einzelnen Quadratmeter durchkämmen.“

Asiaten machen Witze über Weiße, speziell: über teutonische Weiße. Als moderne Kartoffel stehe ich über diesen Späßen. Das muss man aushalten, wenn der ideelle Gesamtururgroßvater mit dem Tropenhelm durch Shanghai stolziert ist. Aber ist es Rassismus? Nein, für mich fällt es unter Humor. So wie deutsche Witze über Österreicher. Aber es ist ein Humor, der nicht aus einer Position der Unterdrückung entsteht und befreiend wirken soll, sondern ein Humor, der die neu gewonnene Überlegenheit über die Dekadenz der „Alten Welt“ Europas dokumentiert.

Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Sollte es ihn tatsächlich jemals geben, wissen wir, dass wir von der Spitze der Nahrungskette verstoßen wurden. Wenn zum Beispiel Andy Bonetti, ein blütenweißer, scheckheftgepflegter und amtlich geprüfter Alman, bei einer Wohnungsbesichtigung die Bude nicht bekäme, weil dem schwarzen Vermieter seine Hautfarbe nicht passt, wäre das Rassismus gegen Weiße. Vorher nicht.

Quelle: https://www.deutsch-chinesische-allgemeine.com/2015/07/07/erkenntnisse-aus-der-gagologie-wie-chinesen-uber-deutsche-lachen/


                                                                                  Das ist Rassismus.


P.S.: Mea culpa. Mea maxima culpa. Dieses Blog strotzt nur so vor rassistischen Formulierungen. Hier ein paar Beispiele:

„Franz-Josef Strauß kommt zurück! Und was muss er sehen? Die Bundesregierung ist jetzt in der DDR (Berlin), die Union hat mit den Sozen fusioniert und alles voller Neger!“ (4.6.2016)

„Horst Seehofer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. In der Bundesregierung, die aus der Kanzlerin, 15 Ministern und 35 Staatssekretären besteht, gibt es niemand mit Migrationshintergrund. Auf jeden Scheißproporz wurde geachtet: Frauen, Junge, selbst eine Quoten-Ossa wurde auf den letzten Drücker rekrutiert – aber Neger werden immer noch wie Neger behandelt.“ (17.3.2018)

„NIGGER!!!“ (27.1.2018)

„Wir wollen in Wilmersdorf ja auch keine Shisha-Bar, weil du dann gleich den ganzen Mückenschwarm von ungewaschenen Kanaken im Kiez hast, die Tulpen aus den Vorgärten klauen und Drogen an unsere Kinder verkaufen.“ (28.10.2018)  

Das muss dieser Rechtsruck sein.

Clayton Bigsby, the World’s Only Black White Supremacist - Chappelle’s Show. https://www.youtube.com/watch?v=BLNDqxrUUwQ


Samstag, 25. Juli 2020

Bloggen am Limit


Blogstuff 465

“Ich habe eine Nacht im Auto geschlafen, weil meine Frau gedacht hat, ich wäre vom Teufel besessen, nur weil ich in eine Chilischote gebissen hatte.“ (Helmut Kohl)

In einem Artikel zur aktuellen Sinus-Jugendstudie heißt es: „Hauptsache, normal und sicher: Die Jugend von heute wünscht sich, in der Mitte der Gesellschaft zu stehen und bürgerlicher Durchschnitt zu sein.“ Arbeit und Familie. Willkommen bei der Generation Amthor. 

Ich habe Zeit / Ich habe keine Zeit. Offenbar geht es um Besitz. Wer keine Zeit hat, ist ein armes Schwein.

Ich weiß nicht, ob es am neuen tschetschenischen Koch in der Kantine liegt, aber inzwischen haben so viele Redakteure von Bonetti Media Reizdarmsyndrom, dass praktisch alle Arbeitsplätze in der Nähe der Toilette sind.

„Die linke Hand lässt sich besser aufhalten.“ (Sigmar Gabriel)

Bonetti ist Gesamtsieger in der Kategorie Kundenzufriedenheit (Focus 27/2020). Wir bedanken uns für Ihr Vertrauen. Mit der Bonetti-Kundenkarte bekommen Sie jetzt drei Prozent Rabatt auf die Mehrwertsteuer in jedem Geschäft.

Schwarzer Humor, schwarze Materie, Schwarzarbeit, Schwarzmarkt, Schwarzwald, Schwarzmalerei, Schwarzlicht und Schwarzfahren – wo bleibt der Aufschrei gegen diese Verunglimpfung der afrodeutschen Bevölkerung? Boykottiert Schwarzkopf-Shampoo!

Haben sich die Nasenlöcher und die Ohren eigentlich im Lauf der Evolution an die menschlichen Finger angepasst oder war es umgekehrt?

Seit Jahren bin ich Stammgast diverser Kneipen und Restaurants und jetzt bin ich ein Fall für die Gastrologie. Findet das Universum das etwa witzig?!

„Bisher sehe ich auf deinem Einkaufszettel nur Hackfleisch, Salami, Käse und Schokolade. Denk doch mal an Obst und Gemüse! Was ist mit den Vitaminen?“ - *Schreibt „Zitronenkuchen“ auf den Zettel*

Hätten Sie’s gewusst? Neugeborene Pygmäen haben dieselbe Hautfarbe wie europäische Babys. Außerdem kommen sie mit glatten Haaren auf die Welt. Nach einigen Wochen verdunkelt sich ihre Haut und die glatten Haare fallen aus.

In einer schmalen Gasse, die vom Marktplatz zur Stadtmauer führt, steht ein kleines Haus. Jeden Samstagabend stieg er die steilen, dunklen Holztreppen hinauf, um seinen Freund Max zu besuchen, der in einem winzigen Mansardenzimmer unter dem Dachgiebel hauste. Max war von der Schule geflogen, aber seine Freunde besuchten ihn gerne, denn er hatte aufregende Bücher, die ihnen allen unbekannt waren. An diesem Abend las er aus Charles Bukowskis „Fuck Machine“.   

Gorillaz - Feel Good Inc. https://www.youtube.com/watch?v=HyHNuVaZJ-k

 

 


Freitag, 24. Juli 2020

Bilderwelten, Weltbilder 33


Google hat Blogger verändert. Einige Dinge sind besser geworden, vieles allerdings schlechter. Dazu gehört, dass ich die Größe der Bilder nicht mehr selbst bestimmen kann. Falls Ihnen die Bilder zu klein sind, sollten sie draufklicken. Das hilft ein wenig.











Pantoffelhelden des Widerstands


“Hilde!”, rief er aus seinem Arbeitszimmer. „Hilde!“

Seine Frau kam aus dem Wohnzimmer und lehnte sich an den Türrahmen. „Ach, Dieter, jetzt schrei doch nicht so. Was gibt’s denn?“

„Der Benno hat mich schon wieder beleidigt. Verschwörungstheoretiker hat er mich genannt. Und der Wodarg wäre ein Scharlatan. Dabei ist der Arzt.“

„Musst du bei dem schönen Wetter den ganzen Tag vor deinem Computer sitzen? Komm doch raus auf den Balkon. Oder mach wenigstens mal das Fenster auf. Man erstickt ja in diesem Mief.“

„Auf den Kommentar muss ich antworten. Ich habe da ein paar neue YouTube-Videos. Da Leute kapieren es einfach nicht. Ich bringe hier Fakten, Fakten, Fakten und die ganzen Schlafschafe können nix außer persönliche Angriffe. Ad hominem, sage ich nur, ad hominem.“

„Ja, das ist jetzt dein neuer Lieblingsausdruck. Und die Schutzmaske ist der Gesslerhut. Von wegen Wilhelm Tell. Das hast du mir schon hundert Mal erzählt. Wie kann man nur sein ganzes Leben im Internet verbringen? Was ist denn eigentlich mit deiner Gitarre? Du wolltest doch mal wieder üben?“

Dieter schwieg und fing verbissen an zu tippen. Benno, Tunix, Gramsci, Fidel und wie sie alle hießen. Seine Freunde aus dem Netz. Alle Opfer der Medienpropaganda. Staatsfunk und Internetseiten, die von Bill Gates finanziert waren. Marionetten des Systems. Abtrünnige. Verräter.

Mit der Gitarre war es auch vorbei. Er war jetzt siebzig. Gicht, Rheuma, Rücken, Blutdruck. Einfach alles. An Gitarre war gar nicht zu denken. Sweet Home Alabama, sein Lieblingsstück. Angeblich rechts, behaupteten irgendwelche jungen Leute. Durfte man nicht mehr bringen. Er hatte es vierzig Jahre lang gespielt, aber natürlich nie auf den Text geachtet. Von Lynyrd Skynyrd wusste er auch nichts, außer dass sie einen merkwürdigen Bandnamen hatten.

Die jungen Leute heutzutage. Die haben doch keine Ahnung. Er war 1968 dabei gewesen. Wenn auch nur in Gütersloh. Dann kam der Radikalenerlass. Aber er war nie irgendwo Mitglied gewesen. Ehrensache als Anarchist. Also entkam er mit knapper Not dem Berufsverbot und hatte vierzig Jahre im Grünflächenamt gearbeitet. Aktiver Umweltschutz. 1975 der Summer of Love, als er Hilde kennenlernte. Mit dem Rucksack durch Griechenland. Wahnsinn! Haste mal ‘ne Drachme, Alter?

Wo war denn jetzt die Datei mit der URL von dem Video? Er musste hier mal dringend Ordnung machen. Eigentlich hatte er ja jede Menge Zeit. Kinder aus dem Haus, Schäfchen im Trockenen, Haus längst abbezahlt und die Rente kam pünktlich. Aber sein Zimmer sah aus, als wäre er fünfzehn und hätte ADHS plus Messi-Syndrom.

Diesen Kommentar noch, dann gucke ich nochmal bei den Blogs der Spielplatzrebellen und von Flattermann Schwammkopf vorbei, dachte er. Und dann gönne ich mir ein Bierchen auf dem Balkon. Was Hilde wohl zum Abendbrot macht? Wo sind denn meine Pantoffeln?

David Bowie - What in the World. https://www.youtube.com/watch?v=gLTFedtVXdY

 


Donnerstag, 23. Juli 2020

Die Zaubermünze


Gelegentlich erzählt der alte Bonetti seinen Enkelkindern eine Geschichte zum Einschlafen. Heute hat er die Geschichte von der Zaubermünze mitgebracht:

Es war einmal eine kleine, schmutzige Kupfermünze. Sie lag im Rinnstein und niemand beachtete sie. Der reiche Herr Wolff sah sie, wollte sich aber wegen eines einzigen Pfennigs nicht bücken. Da kam der arme Herr Schneider des Wegs. Er hob die Münze auf und steckte sie in seine Brieftasche.

Am nächsten Morgen wachte Herr Schneider auf. Er war hungrig, aber es war Monatsende und er hatte kein Geld. Traurig schaute er in seine Brieftasche, wo doch nur die kleine Kupfermünze sein konnte, aber zu seinem Erstaunen war die Brieftasche prall gefüllt mit Geldscheinen. Er ging in ein Kaffeehaus und frühstückte wie ein Fürst, dann ging er in den Supermarkt und kaufte so viele leckere Sachen, wie er tragen konnte. Jetzt war die Brieftasche wieder leer – bis auf die Kupfermünze.

Am nächsten Morgen wiederholte sich das Spiel und so ging es jeden Tag weiter. Herr Schneider kündigte seine Stelle als DHL-Fahrer und lebte glücklich und zufrieden. Bald kannte das ganze Dorf die Geschichte. Das gefiel seinem Nachbarn, dem reichen Wolff, nicht. Der Wolff beschloss, die Münze zu stehlen. Also kletterte er in der Nacht durch das Fenster von Herrn Schneiders Haus. Er fand die Brieftasche auf dem Nachttisch, der arglose Besitzer schlief tief und fest und bemerkte nichts.

Der Wolff steckte die Münze in seine Brieftasche und wartete ein paar Stunden. Als er die Brieftasche wieder hervorzog und hineinsah, waren sämtliche Geldscheine verschwunden. Nur die kleine Kupfermünze war geblieben. Das gibt es doch nicht, sagte er sich, und packte seine gesamte Barschaft in die Brieftasche. Dann fuhr er in die Stadt, weil er sich eine neue Rolex kaufen wollte. Im Uhrengeschäft suchte er sich das neueste Modell aus und zog die Brieftasche hervor. Aber sie war leer!

Da ging er aus dem Geschäft und warf die Brieftasche in den Fluss. Und dort liegt die Zaubermünze noch heute.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen, liebe Kinder? Geld ist weder gut noch böse. In den Händen eines guten Menschen kann es Gutes bewirken, in den Händen eines schlechten Menschen kann es Schlechtes bewirken.

Da riefen die Kinder: „Noch eine Geschichte!“

Also gut:

Es war einmal eine Frau mit drei kleinen Kindern. Ihr Mann war Zigaretten holen gegangen. Das war jetzt drei Jahre her. An diesem Tag wollte sie die Großmutter im Nachbardorf besuchen, die Geburtstag hatte. Sie würde erst gegen Abend wieder zurück sein und darum schärfte sie ihren Kindern ein, auf keinen Fall die Tür aufzumachen, egal was geschehen würde. Dann machte sie sich auf den Weg.

Ein böser Versicherungsvertreter sah, dass die Mutter das Haus verlassen hatte, und schlich heran. Er klopfte an die Tür.

„Wer ist da?“ rief Schantalle, die Älteste, durch die Tür.

„Ich bin ein Clown. Eure Mutter schickt mich, damit ihr Spaß haben könnt.“

Schantalle holte sich einen Stuhl und blickte durch den Türspion. „Warum hast du dann einen grauen Anzug an?“

Der Versicherungsvertreter setzte sich schnell eine rote Clownsnase auf. „Ich kann euch einen guten Witz erzählen.“

Schantalle blieb misstrauisch. „Warum hast du einen Aktenkoffer dabei?“

„Da sind Süßigkeiten drin“, sagte der Vertreter.

„Und warum hast du so ein großes Maul und so scharfe Zähne?“

„Damit ich euch besser fressen kann!“ schrie da der böse Versicherungsvertreter und hämmerte wie ein Besessener mit beiden Fäusten gegen die Tür.

Aber da schliefen Bonettis Enkelkinder schon.

Orange Juice - Falling and Laughing. https://www.youtube.com/watch?v=Cdp6iBgDUpM


                                                 Versicherungsbranche (Symbolbild).


Mittwoch, 22. Juli 2020

Die drei Faulenzer



Auf dem Marktplatz in Ober-Ingelheim gibt es seit einigen Jahren diese Skulpturen, die das Lebensgefühl in Rheinhessen wunderbar illustrieren: "Die drei Faulenzer" von Benedikt Maria Solga.

Das hat nicht nur etwas mit dem Lebensgefühl in einem Drogenanbaugebiet (Wein, Obstbrände) zu tun, sondern es ist hoch politisch. Wer sich der Arbeit verweigert, verweigert sich dem Kapitalismus. Wer keine Ambitionen hat, keinen Ehrgeiz, keine Gier, der schützt sich selbst und andere.

The Newsmaker


Chilly Lemmons. Klingt nach einem Cocktail oder wenigstens nach einer Sängerin. Aber sie arbeitete als Kellnerin. Chilly hatte ein winziges Kellerzimmer, über dessen Wände hundert Jahre alte Kakerlaken krochen. Die Decke war so hoch, dass man sie nicht sehen konnte, und vor dem einzigen Fenster rumpelte und kreischte alle fünf Minuten eine U-Bahn vorbei. Es war ein verdammt tiefer Keller.
Von acht Uhr abends bis zum Morgengrauen bediente sie im Madison Queer Garden in Neukölln. Sie hatte mal die Kotze von Sido aufgewischt, das war ein Highlight ihrer Arbeit gewesen. Ansonsten hingen hier die Leute rum, die Künstler werden wollten, aber noch immer nicht bemerkt hatten, dass sie es nicht schaffen würden.
Früher hatte der Laden schon am Nachmittag auf, aber irgendwann saß an jedem Tisch ein bärtiges Holzfällerhemd mit Dutt vor seinem Macbook und schrieb an einem Roman. Alle zwei Stunden bestellte es einen neuen Chai Latte oder ein Fläschchen Club-Mate, an dem es endlos herumnuckelte. Das war ein deprimierender Anblick und brachte keinen Umsatz.
Nachts bevölkerten Leute wie Señor Coucho die Bar. Er war über vierzig und hatte seinen Stolz längst abgelegt. Das Job-Center bezahlte seine Miete, seine Krankenkasse und ein kleines Taschengeld, das für Brot und Käse reichte. Sein drei Zentner schwerer Leib war mit Tätowierungen wie „All Sachbearbeiter Are Bastards“ und „Socialismo o muerte“ dekoriert. Den Alkohol verdiente er sich mit Gemälden, die er aus Internetfotografien destillierte, meistens grotesk vergrößerte Details von Graffiti oder Berliner Straßenszenen, die in rostiges Eisen gerahmt wurden.
Der dritte White Russian verbreitete gerade Wärme in seinem Bauch und Zuversicht in seinem Herzen, als MC Feinripp an seinen Tisch trat. Er hatte wie immer sein Basecap aus schwarzem Leder auf, die er nur zum Schlafen ablegte, damit niemand seine Halbglatze sah. In guten Zeiten hatte er in Clubs Platten aufgelegt, aber die Zeiten waren nicht gut. Seine Eltern in Westdeutschland zahlten die Miete und den Rest finanzierte er mit der Grasplantage in seiner Wohnung.
„Welch seltener Glanz in unserer bescheidenen Jurte“, begrüßte ihn Señor Coucho und wies mit einer großzügigen Geste auf den Stuhl gegenüber.
„Was bekomme ich denn für diese kostbaren Gewürze?“ fragte MC Feinripp und wedelte mit einem durchsichtigen Plastikbeutel, während er sich setzte.
Señor Coucho ließ den Beutel in den weiten seines bunt gemusterten Ponchos verschwinden und sagte: „Du hast dir gerade einen Zwanzig-Euro-Bonus erworben.“
Schon stand Chilly Lemmons an ihrem Tisch. Hellblaue Kurzhaarfrisur, schwarzes Top und eine Hose aus Schlangenhautimitat.
Gut gelaunt gab der König des Gartenbaus einen Zombie in Auftrag.
Chilly hob eine Braue. „Ist bei dir der Wohlstand ausgebrochen?“
Er grinste nur. „Der Durst kann Berge versetzen. Usbekisches Sprichwort.“
Als sie wieder allein waren, setzte MC Feinripp eine Verschwörermiene auf und senkte die Stimme. „Wir haben jetzt endlich eine Location für die Party gefunden. Todsichere Sache. Garantiert ohne Bullen und Stress.“
***
Josef Nothnagel betrat das Büro des Chefs. Bonetti zündete sich gerade eine Cohiba mit einem Hundert-Zloty-Schein an.
„Nothnagel, wie lange arbeitest du jetzt für mich?“
„Vier Wochen.“
„Warst du schon mal am Westhafen?“
„Nie gehört.“
„Schreib dir mal auf: Lise-Meitner-Straße 45. Direkt am Kanal. Da gehst du zum Chef, der heißt Toni. Du sagst, Andy schickt dich. Dann weiß er Bescheid. Wir mieten die Halle für eine Nacht. Nächste Woche Samstag.“
Als Nothnagel gegangen war, griff Bonetti zum Telefonhörer. „Paule, wir machen das. Für eine Nacht lässt du deinen Club wieder leben. Miete geht auf meine Kappe, dafür habe ich die Story exklusiv. Sag deinen Leuten, sie können die Buschtrommeln anwerfen. Feinripp, Cleopatra und wie sie alle heißen. Erster August. Die Leute sollen mit dem Taxi kommen, ich will da keine Autos stehen sehen. Kann ja sein, dass doch mal ein paar Streifenhörnchen vorbeikommen.“
***
Sonntagabend. Auf Bonettis Schreibtisch begann das Whiskyglas zu vibrieren. Die Druckmaschinen wurden gerade angeworfen. Am Montag würde „The Underground“, Bonettis neues Boulevardmagazin, mit daumendicken Buchstaben auf der Titelseite erscheinen: „DEUTSCHLANDS FETTESTE CORONA-PARTY“. Mit einer tanzenden Chilly Lemmons in Großaufnahme.
Wenn man die Nachrichten selbst macht, gibt es nur Gewinner. Chilly hat zweihundert Euro für das Foto bekommen, die DJs haben Geld verdient, Paule und seine Crew vom „SadoMaso“ in Friedrichshain haben ohne Ende Getränke verkauft, Señor Coucho hat sich frisches Bildmaterial besorgt und zweitausend Partygäste hatten einen Riesenspaß.
Señor Coconut - El Baile Aleman. https://www.youtube.com/watch?v=nGnFF5w5sro

Dienstag, 21. Juli 2020

Eine kleine Horrorshow



Wann wird Maaßen endlich vom Verfassungsschutz beobachtet?




Die Grünen in einer Koalition mit CDU und CSU (Symbolfoto).








Ich bin dein Fahrer, Luke


Blogstuff 464
„Europas führender Operettenkanzler Kurz hat in Südeuropa „kaputte Systeme“ diagnostiziert. Steile These für jemanden, der 1 versoffenen Neonazi zum Vizekanzler beförderte, nachdem der den verfilztesten Teil der Alpen an eine falsche russische Oligarchennichte verscherbeln wollte.“ (Martin Sonneborn)
Die SOKO „Linksextremismus in der hessischen Polizei“ hat heute ihre Arbeit begonnen.
Was ist angesagt in diesem Sommer? Actimel-Kahlua auf Eis. Mit Schirmchen.
Wir sind alle den ganzen Tag damit beschäftigt, uns gegenseitig das Geld abzujagen. Eigentlich müsste es Jagdwirtschaft heißen.
Punk ist erst tot, wenn es ein Punk-Museum gibt. Ach, gibt’s schon? In Reykjavik und nicht in London? Crazy Shit! https://thepunkmuseum.is/
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Verkehrsinsel mitnehmen?
Warum sind Meerschweinchen eigentlich immer so dick? Weil sie den ganzen Tag Salat fressen.
Klopf einfach an meine Tür, sagte sie. Wann immer du willst. Aber ich habe es nie gemacht.
Falls ein Geheimdienst jemals meine Wohnung abhören sollte, stelle ich mir die Arbeit sehr langweilig vor. Ich lebe allein, mit Besuchern spreche ich nur Navajo und ich höre ausschließlich traditionelle japanische Shamisen-Musik.


Die Leute könnten viel Zeit sparen, wenn es fertig ausgemalte Malbücher und komplett gelöste Kreuzworträtselhefte zu kaufen gäbe.
Man kann Esken oder Nowabo keine Vorwürfe in Sachen SPD-Führung machen. Alles, was gerade in ihrer Partei geschieht, ist quasi post mortem.
Sämtliche bemannten Mondmissionen wurden in der Amtszeit von Tricky Dick Nixon durchgeführt, es waren nur US-Amerikaner auf dem Mond. Natürlich macht es misstrauisch, wenn der größte Lügner vor Trump diesen Erfolg feiern darf.
Weiße mit Rastalocken machen sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig. Darüber müssen wir gar nicht mehr diskutieren. Aber was ist mit Pizza und Döner Kebab, wenn sie von Weißen bestellt werden? Oder wie ist das mit einer Pizza mit Leberkäse und süßem Senf als Eskalationsstufe? Ist diese kulturelle Übergriffigkeit nicht irgendwann eine Form des Kolonialismus oder gar des Imperialismus?
James Brown - Papa Don't Take No Mess. https://www.youtube.com/watch?v=pBq3wPHztXQ

Montag, 20. Juli 2020

Warum wir uns endgültig von der Linken verabschieden können


Die links angehauchte Berliner Bourgeoisie mit Diplom in Klugscheißerei rotiert mal wieder um ein paar Straßennamen, anstatt sich mit der wachsenden Armut in der Stadt zu befassen. In Bürgerinitiativen und an Antifa-Stammtischen, die von der weißen Mittelschicht dominiert werden, diskutiert man über die Mohrenstraße. Es gibt doch den Senatsbeschluss, bei Neubenennungen Frauennamen zu verwenden. Ich schlage Margaret-Thatcher-Straße vor.
Ulrich van der Heyden, Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas an der FU Berlin, merkt zurecht an, dass der Kurfürstendamm in Berlin nach dem Brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620 – 1688) benannt wurde (1685 taucht der Name zum ersten Mal auf einer Karte auf), der ein Profiteur des Sklavenhandels gewesen ist. Kann also auch weg. Wie wäre es mit Petra-Kelly-Straße? Hauptsache, der kapitalistische Kommerzkarneval der Modeboutiquen und Juweliere bleibt unangetastet.
Pars pro toto zeigt diese Debatte, wie verkommen die Linke inzwischen geworden ist. Ich spreche nicht von der parlamentarischen Linken, dem munteren Denunziantenstadl im Berliner Reichstag, sondern von den Leuten, die sich – aus mangelnder Reflexion, fehlender Phantasie oder falsch verstandener Tradition – selbst als Linke bezeichnen. Die Wohlstandsgesellschaft im Prenzlauer Berg und in Kreuzberg, die Hammer und Sichel gegen Tofu und Fahrrad eingetauscht haben und sich ganz sicher sind, das sei der gesellschaftliche Fortschritt.
Das Feld der Politik, der eigentlichen Gestaltung, hat diese Linke längst den neoliberalen Parteien überlassen, die sie in Gestalt der Grünen häufig sogar selbst bei Wahlen unterstützt. Die Klimadebatte 2019 war vielleicht der letzte Versuch, noch einmal in der Welt der konkreten Gesetzgebung Fuß zu fassen. Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd, sie waren frustrierend. Trotz der mit hohem Aufwand betriebenen Demonstrationen und öffentlichen Debatten haben sie die Bastionen der Mächtigen nicht erstürmt, obwohl ihre Forderungen bescheiden genug waren: Kapitalismus mit ökologischem Antlitz. Hochnäsig wurden ihre Vorschläge auf St. Nimmerlein („2038“) verschoben.
Also wendet sich die linke Bourgeoisie anderen Projekten zu. Die Vertretung von Minderheiten wie Schwarzen, Transsexuellen oder Flüchtlingen. Gruppen also, die im Land der Angestellten und Rentner die kleinsten Puzzlesteinchen der Gesellschaft darstellen und keine Lobby haben. Ihr moralischer Puritanismus findet darüber hinaus sein Betätigungsfeld in jenen Bereichen, in denen er auf keinen Widerstand trifft: Geschichte, Kultur und Sprache. Mit Inbrunst macht man sich in akademischen Zirkeln an die Säuberung der Geschichte und der Literatur von Rassisten und Frauenfeinden, von Antisemiten und Sklavenhaltern. Sie stürzen sich auf Denkmäler und Straßenschilder, während die neoliberale Karawane seelenruhig weiterzieht. Der Bürger betrachtet derweil gelangweilt derlei Possen und Belanglosigkeiten, beißt in seinen Mohrenkopf und beschäftigt eine Gastarbeiterin als Putzfrau. Und so verabschiedet sich die Linke allmählich aus der Geschichte und der Politik.
Max Romeo - Chase The Devil. https://www.youtube.com/watch?v=WpIAc9by5iU

Sonntag, 19. Juli 2020

Laredo


Manchmal gehe ich mit Google Maps auf Reisen. Treibe mich mit Streetview herum und gehe in Restaurants. Google Maps ist voller Bilder, voller Menschen. Neulich war ich zwei Stunden in der Stadt am Rio Grande.

Schlafende Kunststoff-Mexikaner am Eingang: Ist das schon Rassismus oder noch Folklore?



Du triffst nette Leute:






Ich habe mit dem Essen gespielt:










Werden diese Menschen Trump wählen, nur weil er sich extrem plump bei ihnen einschleimt?