Montag, 18. Juni 2018

Finger im Popo

Mexiko. Die erste Niederlage in einem WM-Auftaktspiel seit 1982. Gestern habe ich noch über 1982 geschrieben, gestern  sind wir ist die DFB-Auswahl nach 36 Jahren erneut schmachvoll gescheitert.
Was ist passiert, höre ich Sie, liebe sportinteressierte Lesende, fragen. Mach uns schlau, geschätzter Kiezschreiber, ruft die fußballbegeisterte Gemeinde. Hier ist meine Analyse.
Natürlich lag es, oberflächlich betrachtet, am lustlosen Auftritt, an der Ideen- und Bewegungslosigkeit der deutschen Mannschaft. Aber die Schuld liegt natürlich auch bei uns. In Wackernheim – oder wie ich es seit ein paar Tagen nenne: Wackutinki. Ein Brüller, oder? Sollte es mich beunruhigen, dass mir Wortspiele auf diesem Niveau inzwischen auch im nüchternen Zustand einfallen? Egal. Zurück zur Spielanalyse.
Dreizehn. Die Unglückszahl. Damit fängt es an. Wir sind an diesem Nachmittag dreizehn Personen, die sich um den Fernseher versammelt haben. Den Hund rechne ich nicht mit. Es ist ohnehin nur ein kleiner Hund, der durch die permanente Einforderung von Streicheleinheiten und Nahrungsmitteln, die für ihn nicht geeignet sind (dazu komme ich später), nicht ins Mannschaftsgefüge passen will.
Ich habe, einem meiner zahlreichen Ticks nachgebend, sofort die Menschen im Raum durchgezählt. Aber ich will nichts sagen. Ich kann mir die Reaktion der anderen schon denken: Wenn du gehst, sind wir nur noch zwölf. Ich habe mich sowieso schon unbeliebt gemacht, weil ich bei unserem Tippspiel der Einzige war, der auf ein Unentschieden gesetzt hat. Defätist! Alle anderen haben selbstverständlich auf einen deutschen Sieg gesetzt. Bereits vor dem Abspielen der Nationalhymne wird es sehr einsam um mich.
Der zweite Fehler: die Trikots. Niemand hat eines der Original-WM-Trikots für schlappe 125 Euro gekauft. Auch das Replica-Shirt für 90 Euro sehe ich nicht. Stattdessen sind die meisten Fans in zivil gekommen. Ich zum Beispiel in einem dunkelblauen T-Shirt, das ich den Anwesenden frech als Auswärtstrikot von Uganda präsentiere. Einige alte Deutschland-Trikot mit drei (!) Sternen, billige Discounter-Imitationen, dazu Flip-Flops und kurze Hosen. So kann man nicht antreten!
Der dritte Fehler: Anstatt – wie es sich für heimatverbundene Deutsche geziemt – Bratwürste auf den Grill zu werfen und eine Schüssel Kartoffelsalat auf den Tisch zu stellen, gab es Pizzabrötchen. Pizza! Italien!! Die sind ja noch nicht mal qualifiziert!!!
Der vierte Fehler: Normalerweise haben wir die Sammelkarten der Mannschaftsaufstellung komplett und legen sie vor den Fernseher. #Ritual #Talisman #Amulett #Aberglaube
Aber dann ist Hector verletzt, Plattenhardt spielt für ihn. Hat jemand den Plattenhardt, ruft die Gastgeberin verzweifelt. Den Plattenhardt! Niemand. Ich habe Sandro Wagner doppelt, der in einem Paralleluniversum den Ausgleich geschossen hat.
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
P.S.: Laut einer Verschwörungstheorie, die ich ausdrücklich nicht teile, aber gerne verbreite, hat Angela Merkel bei ihrem Besuch der Mannschaft in Südtirol die Order ausgegeben, möglichst früh aus dem Turnier auszuscheiden, um zu vermeiden, dass die Spieler von einem Despoten wie Putin den Pokal überreicht bekommen. Dann muss die Kanzlerin auch nicht nach Moskau reisen. Der Austausch von Pokalen fällt ohnehin in den Bereich der geltenden Sanktionen. Niemand verärgert die Amerikaner, die sich nicht qualifiziert haben, und wir gehen einem Spiel gegen den Iran aus dem Weg.
Les Humphries Singers – Mexico. https://www.youtube.com/watch?v=HkJR88iwDk4

Sonntag, 17. Juni 2018

Zeichnungen 5

Fußballweltmeisterschaft 1982

Fünf Mark hat das Sonderheft der Zeitschrift „Sport“, die es schon lange nicht mehr gibt (der Herausgeber „Deutscher Sportverlag“ existiert allerdings noch und befasst sich mit Galopprennen), damals gekostet. 1982. Die Mittelstufe des Gymnasiums lag gerade hinter mir. Nach dem Endspiel der WM habe ich meinen sechzehnten Geburtstag gefeiert. Das Heft habe ich natürlich aufgehoben.
Was für eine Mannschaft, die mit Trainer Josef „Jupp“ Derwall aus Würselen (kein Witz) nach Spanien fährt. Sturmgiganten wie Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Fischer und Horst Hrubesch werden für die Tore sorgen. Im Mittelfeld zaubern Paul Breitner und Felix Magath. In der Abwehr warten das Bollwerk Stielike – Kaltz – Briegel und die Förster-Buben. Harald „Toni“ Schumacher steht im Tor. Junge Talente wie Lothar Matthäus, Hans Peter „Hansi“ Müller oder Pierre Littbarski ergänzen die Truppe; verletzungsbedingt fehlt Bernd Schuster.
Wer wird Weltmeister? Im Heft geben die Experten ihre Tipps ab. Günter Netzer sagt: Deutschland. Helmut Kohl und Karl Dall auch. Bernie Ecclestone tippt auf Brasilien. Thomas Gottschalk auf Brasilien oder Deutschland. Frank Elstner sieht es genauso. Bekanntlich hat Italien damals das Endspiel im Bernabeu-Stadion in Madrid gewonnen.
Diego Maradona ist mit sechs Millionen Mark pro Jahr der Spieler, der am meisten verdient. Zwei Drittel des Geldes kommen von Konzernen, für die er Werbung macht. Davon können deutsche Spieler nur träumen. Im Interview sagt der Kölner Torwart Schumacher: „500.000,- netto oder 600.000. Ja, da würde ich sofort gehen, auch nach Saudi-Arabien.“ Deutschlands Kapitän Rummenigge verdient beim FC Bayern 40.000 Mark im Monat, ohne Nebeneinkünfte. Peanuts aus heutiger Sicht. Für die Übertragungsrechte müssen ARD und ZDF unglaubliche sechs Millionen Mark hinblättern!
Ich habe mich damals auf das Turnier gefreut, das Sonderheft war jeden Pfennig wert. Und dann das! Auftaktniederlage gegen Algerien. Der Nichtangriffspakt gegen Österreich im letzten Gruppenspiel, so dass beide Mannschaften in die nächste Runde kamen. Seither finden die letzten Gruppenspiele immer parallel statt, um Schummeleien wie die „Schande von Gijón“ zu verhindern. Das Halbfinale gegen Frankreich, die legendäre „Nacht von Sevilla“ mit dem ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte, war das spannendste Spiel, das ich je gesehen habe. Schließlich die unrühmliche 3:1-Schlappe gegen Italien im Endspiel.
P.S.: Zu Weihnachten bekam ich damals den Bildband „Fußball-WM 1982“ von Frank Beckenbauer. Der „Kaiser“ war zu diesem Zeitpunkt noch Spieler für den HSV (zu diesem Zeitpunkt in der 1. Bundesliga), aber nicht mehr für die Nationalelf. Er hat trotzdem auf seine Weise Geld mit der WM verdient und für den Bertelsmann-Verlag  seinen Namen verkauft  ein Buch gemacht. Im Vorwort schrieb er: „Die WM hat mir Spaß gemacht. Ich habe mit Freude für dieses Buch gearbeitet. (…) Und ich habe dabei eines festgestellt: Zum Trainer würde ich nicht taugen.“ Zwei Jahre später war er Nachfolger von Derwall.
P.P.S.: Die WM 1982 war das erste Turnier mit 24 Mannschaften, vorher waren es immer sechzehn gewesen. Viele Fans fanden das damals nicht gut. 2026 wird mit 48 Mannschaften in drei Ländern gespielt. Tendenz: irgendwann sind alle etwa zweihundert Verbände dabei, die WM ist immer und überall.
Jenny Rock - Douliou Douliou St-Tropez. https://www.youtube.com/watch?v=bWYWWrnXzsc

Samstag, 16. Juni 2018

Zeichnungen 4

Regen, Restalkohol, Resignation – ein ganz normaler Tag


Blogstuff 220
„Das Internet macht mit Humor das, was die Pornografie mit Sex gemacht hat – Vervielfältigung, Verflachung, Abstumpfung.“ (Hazel Brugger)
Je älter du wirst, desto mehr Pfeile stecken in deinem Fleisch. Von manchen Wunden weißt du, dass sie nicht mehr heilen werden.
„In guten Geschichten wird nun mal gefickt und gekackt, gekotzt und gestorben. Aber versuchen Sie mal, diesen Stoff im heutigen Fernsehen unterzubringen. Der Raum wird enger, der Kampf um die Freiheit härter.“ (Johnny Malta)
So wurde ich im letzten Vierteljahrhundert zum Fußgänger: 1994 letztes Auto, 1999 letzter Mietwagen (Elsass), 2002 letztes Mal am Steuer (Leute nach einer Party nach Hause gefahren), 2013 wurde mir der Führerschein geklaut.
Wir empfehlen die Roadkill-Paprikafleischwurst der Metzgerei Ehrlich aus Pirmasens.
Ich war einmal im Leben in Oberhausen. Damals hat ein Kumpel von mir in Duisburg gearbeitet. So ein Job bei der Telekom, wo du den ganzen Tag Straße für Straße eine ganze Stadt abklapperst und es wird gemessen, wie der Handy-Empfang ist. Acht Stunden. Jeden Tag. Der Typ kennt tatsächlich sämtliche Straßen im Ruhrgebiet, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls sind wir von Duisburg nach Oberhausen gefahren, um uns das neue „Centro“ anzugucken. Wir waren in einem wahnsinnig teuren Burger-Restaurant namens „Planet Hollywood“, wo sich der Kellner mit Namen vorgestellt hat. Was für eine Scheiße! Danach brauchten wir dringend das normale Leben und sind in eine Kneipe gegangen. So’ne typische Eckkneipe eben. Es war wie im Wilden Westen. Wir kommen rein und mit einem Schlag Totenstille. Drei Typen an der Theke und die Wirtin. Alles schaut uns an, als wären wir gerade mit einem Raumschiff gelandet. Wir setzen uns an einen Tisch und geben zwei Bier und zwei Schnäpse in Auftrag. Nach einigen Minuten fangen die Männer vorsichtig an, ihr Gespräch fortzusetzen. Leise, als würden sie dem Braten nicht trauen. Drei Bier später gehören wir aber schon zum Inventar. Schöne Gegend. Müsste man mal wieder hin.
So läuft es im 21. Jahrhundert: das Gras fällt dir auf den Boden, sofort kommt ein Saugroboter – und weg ist es.
Als wir in der Stadt ankamen, begann sie sofort zu fotografieren. Ein oder zwei Stunden lang. Ich ging wenige Meter hinter ihr und sog mich schweigend voll wie ein Schwamm. Dann setzten wir uns in ein Café. So war völlig erschöpft, aber glücklich. Wir bestellten Kaffee, Gin und Wein, ich begann zu schreiben.
Prag ist kitschig geworden, quietschbunt, völlig überschminkt – so hat die Stadt in der Vergangenheit vermutlich nie ausgesehen.
Liebe Veganer und Mülltrenner! Sehen wir den aktuellen Verhältnissen mit der gebotenen Kühlness ins Auge: Der Natur hilft nur ein dritter Weltkrieg mit Milliarden Toten.
Sie kennen das: Sie haben „soziale Gerechtigkeit“ angeklickt, aber Ihr Zeigefinger ist längst über einer anderen Taste. Wir wollen irgendwann das Neue, das Andere. Wer wollte uns einen Vorwurf machen? In diesem Jahrzehnt ist es eben Konsumschwachsinn. Na und? Zu müde und zu gleichgültig für den Protest.
Er war ganz entspannt, seine Bewegungen waren wie in Zeitlupe, aber ohne Fehler.
Peter Fox - Schwarz zu Blau. https://www.youtube.com/watch?v=yphwzD1XaBY


                               Meine Altersvorsorge: Star Wars-Sammelteller.

Freitag, 15. Juni 2018

Zeichnungen 3





Buster Keaton

„… er hatte jetzt keine Lust auf Leute, Leute waren die, die einem den Tag versauten …“ (Sven Regener: Wiener Straße)
Einer der vielen Vorteile des Alters ist es, seine Zeit nicht mehr mit belanglosen Tätigkeiten, albernen Leidenschaften und der Jagd nach nutzlosem Besitz verbringen zu müssen. Ich kann den ganzen Tag entspannt in meinem Sessel sitzen, ohne das Gefühl zu haben, irgendetwas zu verpassen. Als Gesellschaft genügt mir mein Kater. Ich nenne ihn Buster Keaton, weil er ständig denselben stoischen Gesichtsausdruck hat wie der längst verstorbene Schauspieler. Es ist nur ein Spiel, denn Buster hört ohnehin nicht auf seinen Namen. Letztlich ist er namenlos wie alle Katzen.
Ich habe Buster dressiert. Jetzt kann ich mich mit ihm unterhalten. Einen Kater dressiert? Und er redet? Glauben Sie mir, es geht. Moderne Technik macht es möglich. Ich habe eine Stoffmaus auf Rädern, die ich mit einer Fernsteuerung bewegen kann. Immer, wenn Buster mit seiner Pfote auf die Maus schlägt, ertönt aus einem Lautsprecher ein Satz. Ich habe etwa dreißig Floskeln programmiert. Auch die Unterhaltung mit Menschen beruht letztlich auf einer überschaubaren Anzahl beliebig verwendbarer Allgemeinplätze und sprachlicher Konventionen. Menschliche Kommunikation besteht zu 99 Prozent aus Leere.
„Sollen wir in den Garten gehen?“ frage ich Buster.
Er schlägt nach der Maus. „Morgen ist auch noch ein Tag.“
„Es ziehen tatsächlich einige Wolken auf. Vielleicht regnet es.“
„Das kann man nicht wissen.“
„Soll ich ein wenig lesen?“
„Wenn es dir Spaß macht.“
„Ist es denn richtig, den ganzen Tag im Sessel zu sitzen?“
„Ich finde, du machst das großartig.“
„Vielleicht koche ich mir einen Tee.“
„Achte immer auf deine Gesundheit.“
„Aber dazu müsste ich in die Küche gehen.“
„Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“
„Ist dir denn nicht langweilig, Buster?“
„Man braucht so wenig zum Glück.“
Wie recht dieser Kater doch hat. Und jetzt mache ich ein Nickerchen.
Gary Jules - Mad World. https://www.youtube.com/watch?v=4N3N1MlvVc4

Donnerstag, 14. Juni 2018

Zeichnungen 2

WM-Schlagzeilen 2018



Heißer als Chili: Showdown gegen Mexiko.


Maradona nach 0:5 gegen Schweden: Schlechteste deutsche Mannschaft seit 1978.


Zieht den Koreanern die landestypischen Hosen aus!


Zweites Müller-Eigentor – Wird Lewandowski zwangsarisiert?


Weißes Pulver in kolumbianischem Quartier! Wirklich nur Puderzucker?


Morgen in BILD: Franz Beckenbauers Höschenblitzer!


WM-Aus: Heynckes, Jauch oder Dobrindt – Wer wird neuer Bundestrainer?


1:0 für Putinho! Geheime Kreml-Absprache vor Endspiel?


B. Scheuert: Bayern 2022 mit eigener Nationalmannschaft.


Javansinn! Indonesien WM-Gastgeber 2030.


Eine Hochzeit im Himmel

True love's first kiss. Das zweite Date ist bei Donny im Dark Room des White House.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Zeichnungen aus der alten Republik 1

Früher habe ich nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet. In den nächsten Tagen werde ich ein paar Seiten aus den Jahren 1987 bis 1990 präsentieren.

Lust, Vergnügen & Genuss


Blogstuff 219
„Dat Glück is mit die Doofen.“ (Ruhrpottweisheit)
Die Bewohner der Berliner Innenstadt und die Affen von Gibraltar haben eines gemeinsam: sie leben davon, begafft zu werden.
Mit der Bewegung meines linken Arms versuche ich, eine winzige Fliege von einem Blatt Papier zu verscheuchen. Mein Arm wiegt vermutlich so viel wie eine Milliarde dieser Fliegen. Mit dieser Bewegung habe ich mehr Energie verbraucht als sie in ihrem ganzen Leben. Erreicht habe ich nichts.
Warum nicht auch mal was Englisches eindeutschen? Wo bleibt der Friseursalon mit dem Namen „Heerkatz“? (dauert vielleicht ein bisschen)
Hätten Sie’s gewusst? Mit einer Wasserwaage können Sie auch Mehl wiegen.
Der bayrische Heimatminister Hinnerk van der Kluntje sagte heute auf einer Pressekonferenz …
Populistische Politik bedient dasselbe Bedürfnis wie schlechtes Fernsehen: die Sehnsucht nach einer heilen Welt und Geborgenheit.
Ich habe mir Anarchy™ von Axe™ gekauft. Ich bin einfach der Typ für dieses Deo.
Schwer im Trend: Tampons, die mit Wodka vollgesogen sind, in Anus oder Vagina einführen. Über die Schleimhäute wird der Alkohol aufgenommen und es kommt wesentlich schneller zum erwünschten Rauschzustand als durch orale Einnahme.
Erinnern Sie sich noch an die roten Teufel vom Betzenberg? 1998 waren sie zuletzt deutscher Fußballmeister, dann folgte der Abstieg in die zweite Liga, in diesem Jahr ging es noch eine Etage tiefer in die dritte Liga. Die Parallelen zu den roten Schnarchnasen von der SPD sind offensichtlich. 1998 feierten sie ihren letzten großen Wahlsieg, in diesem Jahr folgte der Abstieg in die zweite politische Liga. Von der Volkspartei zur Partei zwischen fünf und fünfzehn Prozent – wie die Grünen, die AfD, die FDP und die Linken. Werden wir den Abstieg in die dritte Liga, also unter die Fünf-Prozent-Marke, noch erleben?
„The Busted Condom Society“: Treffpunkt aller unerwünschten Kinder. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Stadt eine Ortsgruppe?
Für wen und zu welchem Ende betreibe ich eigentlich den Schreibaufwand? Schreibt man seine Worte nicht jeden Tag in den Sand, bevor die nächste Flut kommt? Selbst eine Buchveröffentlichung ist kein Trost. Die Zeit wischt unsere Bemühungen immer wieder weg. Trotzdem geht es weiter. Ohne Grund, ohne Happy End.
Immer alles positiv sehen! Fehler sind die Basis deines Verbesserungspotentials. Es sei denn, dein Handy war noch in der Hose, die gerade im Schleudergang durch die Waschmaschine rotiert.
Ursache und Wirkung treffen sich: „Manager eines Energiekonzerns während eines Jogginglaufs von Orkan überrascht und vom Baum erschlagen“.
Hätten Sie’s gewusst? 1881 zieht die Familie Bourbon in die Vanille.
Der Satz „In dieser Nacht steckte er den USB-Stick der Liebe in den Laptop des Lebens“ aus dem Homosexuellenmelodram „Arztbesuch im Popoland“ von Heinz Pralinski wurde vom Bundesverband der Schweinezüchter und Literaturkritiker zum schlechtesten Satz des Jahres gekürt.
P.S.: Alle Produkte von Bonetti Media Unlimited werden seit diesem Jahr von Brainforrest Alliance Deutschland (B.A.D.) zertifiziert.
The Alan Parsons Project - The Fall Of The House Of Usher. https://www.youtube.com/watch?v=Y4K6j0m2mxE

Dienstag, 12. Juni 2018

Wo waren Sie an diesem Tag?

„Zerstört durch unseren gewaltigen Intellekt: Wir grübeln und denken und unternehmen nichts. Versager herrschen. Wir schwätzen.“ (Philip K. Dick: Die Wiedergeburt des Timothy Archer)
Zum Glück führe ich ein Tagebuch. Also kann ich immer genau sagen, was ich an einem historisch bedeutsamen Tag gemacht habe.
8.12.1980: Am Abend wird John Lennon in New York ermordet. Zu diesem Zeitpunkt ist es in Ingelheim noch tiefe Nacht. Ich zitiere den kompletten Eintrag vom 9. Dezember: „Aufgestanden: 6:30 Uhr. In der Schule war nichts los. Zum Mittagessen gab’s Gemüsesuppe. Dann war heute nichts mehr los. Heute noch Hausaufgaben gemacht, gespielt, Radio gehört, zu „Edeka“ einkaufen gegangen, Fernsehen gesehen und um 23 Uhr ins Bett. P.S.: Heute Nacht wurde der Ex-Beatle John Lennon erschossen.“
1.10.1982: Kohl wird durch eine Intrige der FDP Bundeskanzler. An diesem Tag kein Eintrag! Aber am 2. Oktober heißt es unter anderem: „Ich unterhielt mich mit X bis vier Uhr morgens. Wir sprachen über Sex. Sie ist noch Jungfrau und ich hätte vielleicht irgendwann mal Chancen bei ihr. War ganz aufschlussreich.“ Außerdem hatte ich an diesem Tag noch eine Niederlage mit dem TuS 09 Schweppenhausen zu verkraften und habe (es war der erste Tag der Herbstferien) mit einem Freund lange Musik gehört. Fußball und Fuck’nRoll. Noch einmal sechzehn sein … Auch in den nächsten Tagen wird Kohl nicht erwähnt. Am 6. Oktober bin ich auf der Buchmesse, am 15. Oktober auf einem Mike Oldfield-Konzert und am 19. Oktober sehe ich zum ersten Mal „Das Leben des Brian“.
12.6.2018: Kim-Trump-Abkommen in Singapur. Ein regnerischer Tag im Hunsrück, vormittags sitze ich an meinem Schreibtisch. Zum Mittagessen gibt es Rinderhackfleisch, Wildreis, Rosenkohl und Zwiebeln. Nachmittags lese ich (Philip K. Dick) und denke über die politischen Ereignisse des Tages nach. Wie wird man das neue Diktatoren-Dream-Team nennen? Krump? Trim? Werden die beiden Bombenfetischisten im Herbst zusammen den Friedensnobelpreis entgegennehmen? Vorher möchte der US-Präsi aber noch Araber und Juden sowie Schalke- und Dortmund-Fans miteinander versöhnen.

Die letzte Kaiserin

Es war eine große Zeit. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands kam es zu einem ungeahnten Aufschwung der Wirtschaft. Deutsche Industrieprodukte waren überall in der Welt begehrt, der Handel und das Bankwesen blühten. Die politischen Verhältnisse waren innen- und außenpolitisch stabil. Die Lohnarbeiter kuschten brav unter der Knute ihrer Herren und hatten keinerlei parlamentarische Vertretung.
Mit Österreich-Ungarn und Italien hatte man den „Dreibund“ geschlossen, zwischen den Herrscherhäusern in Berlin, Wien und Sankt Petersburg gab es das „Drei-Kaiser-Bündnis“. Mit dem englischen Königshaus waren die Hohenzollern verwandt, das demokratische Frankreich war eine Großmacht ohne Verbündete. Fun Fact: Der Kilimandscharo war der höchste Berg des Deutschen Reichs.
Aber deutsche Großmannssucht, Überheblichkeit und der Irrglaube an die technische, ökonomische, moralische und rassische Überlegenheit führten dieses Reich erst in die Isolation und dann in die Katastrophe der Weltkriege, in den Untergang und die Hölle des Massenmords.
Nach der Wiedervereinigung 1990 begann es ähnlich verheißungsvoll. Heute sind wir unbestritten ein Globalisierungsgewinner und schwimmen im Geld. Andere müssen Schulden bei uns machen, um überhaupt noch die vielen großartigen Erzeugnisse unserer Konzerne bezahlen zu können. „Made in Germany“ ist ein Qualitätssiegel wie zur Zeit des letzten deutschen Kaisers. Wir hatten in den neunziger Jahren viele Verbündete in der Welt. Das Verhältnis zu den Supermächten USA und Russland, zu Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und Ungarn war entspannt, die Lage stabil.
Welche Verbündeten haben wir heute noch? Das Verhältnis zu Russland ist zerrüttet, die Beziehungen zu den USA gehen in diesen Tagen den Bach hinunter. Großbritannien verabschiedet sich mit dem Brexit von der gemeinsamen Politik, Italien widerspricht offen der deutschen Besserwisserei und nimmt die deutsche Hegemonie in der EU nicht mehr hin. Frankreichs konkrete Vorschläge zur Vertiefung des Bündnisses bleiben seit einem Jahr unbeantwortet. Rassismus und Nationalismus sind in Deutschland wieder salonfähig und finden eine wachsende Anhängerschar.
Merkel geht gerade den Weg, den Wilhelm II. gegangen ist. Dazu passt der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Das Ende ist offen. Noch. Aber ein Blick ins Geschichtsbuch genügt. Wenn es den Deutschen zu gut geht, glauben sie, dass sie niemanden mehr brauchen. Der Starke ist am mächtigsten allein, lässt Schiller seinen Helden Wilhelm Tell sagen. Einsam und unverstanden wie 1914.

Montag, 11. Juni 2018

Im Land des Lächelns


Jeden Tag werden eine Milliarde Selfies gemacht. Die Menschen lächeln auf diesen Bildern. Sie posten ihren Optimismus auf Instagram oder auf anderen Seiten im Netz. Das Leben ist schön, so lautet die Botschaft. In Wirklichkeit geht es neunhundert Millionen dieser Leute gerade schlecht (Zahlen von der Bertelsmann-Stiftung Redaktion frei erfunden).
Die Welt geht derweil den Bach hinunter. Ein Narr namens Trump trägt die Krone und schwingt das Zepter aka Handy. Ein Lichtblick sind die Selfies von Matthias Egersdörfer von den Orten seiner Tournee, die ich hier ohne die freundliche Erlaubnis des Künstlers veröffentliche.
Weil die Welt so ein schrecklicher Ort ist und ich selbst von Selfies aus ästhetischen Gründen Abstand nehmen möchte, kommt hier ein Bild fürs Gemüt aus meinem Garten, in dem ich heute sogar einen Schmetterling gesehen habe:

Emilija

„There’’s more room in a broken heart.“ (Carly Simon: Coming Around Again)
Er lag auf dem Bett wie jemand, der gar nicht vorhatte zu schlafen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit offenen Augen. Seine Tage waren leer wie ein japanischer Zen-Garten, aber voller Ruhe und Gelassenheit. Er bewohnte den ersten Stock eines alten Backsteinhauses. Im Erdgeschoss lag die Kneipe, die er bis vor einigen Jahren betrieben hatte. „Lobotomie 21“. Jetzt war der Rollladen der Eingangstür für immer geschlossen.
Der Hinterhof war von einer verwitterten Mauer umgeben. Am hinteren Ende war eine Werkstatt, der er schon seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Neben dem Hoftor war ein Schuppen voller rostigem Trödel. Auf dem Hof stand ein alter Opel Diplomat, der seit zehn Jahren abgemeldet war. Im Hoftor, das aus Holzbrettern bestand, von dem die lindgrüne Farbe abblätterte, war eine kleine Tür eingelassen, durch die er gelegentlich die Straße betrat, wenn er einkaufen ging.
Das Haus lag an den stillgelegten Schienen zwischen einer Großstadt und der Provinz. Unmittelbar an sein Grundstück grenzte ein Gewerbegebiet mit gigantischen fensterlosen Würfeln von Versandhändlern und Logistikzentren. Er sah auf der Straße nur die vielen Lkws, aber keine Menschen, wenn er von seinem Wohnzimmerfenster hinabblickte. Schlafzimmer, Bad und Küche lagen auf der Rückseite des Hauses, vor den Fenstern lagen der Hinterhof und die Gleise.
Eines Tages eröffnete am Ende der Straße eine Imbissbude. Auf dem Weg zum Supermarkt an der Landstraße legte er eine Pause ein, aß eine Currywurst und trank einen Kaffee. Er hörte sich das Fernfahrergequatsche an und plauderte gelegentlich ein paar Takte mit der Würstchenverkäuferin. Sie hieß Emilija und kam aus Lettland. Irgendwann kam er jeden Tag und blieb immer länger. Nachmittags war wenig los und es tat ihm gut, mit einem Menschen zu reden.
Es war im Frühling, als ein Stammgast sich den Spaß erlaubte und zu ihnen sagte: „Ihr würdet ein tolles Paar abgeben.“
Emilija lachte. „Ich brauche keinen Mann.“ Dann warf sie zwei Hände voll Pommes in die Fritteuse.
„Ich interessiere mich nicht für Frauen“, sagte er leise.
Dann sah er Emilija in die Augen.
Am nächsten Tag zog sie bei ihm ein. Es war der Beginn einer wunderbaren Zeit. Sie eröffneten die alte Kneipe wieder. „Trucker’s Delight“ war der neue Name. Das Autowrack verschwand vom Hof und der Schuppen wurde entrümpelt. Morgens duftete es herrlich nach Kaffee, mittags nach Bratwurst. Die Fahrer kamen gerne in das gemütliche Lokal und im Winter hatten sie es warm. Das ist schon die ganze Geschichte. Nichts Besonderes, aber Emilija und ihm gefiel es.

Saint Germain - Sure Thing (feat.John Lee Hooker). https://www.youtube.com/watch?v=y7soACtNgJo

Sonntag, 10. Juni 2018

Drogenszene 2018

“I don't give a shit what the world thinks. I was born a bitch, I was born a painter, I was born fucked. But I was happy in my way. You did not understand what I am. I am love. I am pleasure, I am essence, I am an idiot, I am an alcoholic, I am tenacious. I am; simply I am...” (Frida Kahlo)
Wie können Sie feststellen, ob in Ihrem Viertel mit Drogen gehandelt wird? Wie beschaffen Sie sich gefahrlos Drogen? Hier ein paar aktuelle Tipps:
Kinder: In Ihrem Viertel gibt es auffällig viele Kinder, mehr als noch vor ein paar Jahren? Sie laufen auch sonntags mit einem riesigen Schulranzen durch die Gegend? Keine Sorge. Kinder haben Erddepots als Zwischenlager für die Dealer abgelöst. Sobald der Kunde einen Auftrag erteilt hat, geht der Dealer zu „seinem“ Kind, öffnet den Ranzen und entnimmt die Ware. Polizisten können keine Kinder kontrollieren, ohne sich massiv dem sozialen Druck der Straße auszusetzen.
Turnschuhe: In Ihrem Viertel liegen einzelne Turnschuhe auf dem Bürgersteig? Das ist ein Geheimzeichen. Es bedeutet: Hier gibt es etwas zum Anturnen. Achten Sie auf die Richtung, in die die Spitze des Schuhs zeigt. In diesem Haus bekommen Sie Drogen. Bei Mehrfamilienhäusern gilt es, die Zeichen auf dem Klingelschild richtig zu interpretieren. Bei „Maria Huana“ gibt es Gras zu kaufen, bei „White Horse“ Heroin. „Christel Mett“ ist selbsterklärend.
Neue Nachbarn: Sie haben in Ihrem Haus oder in Ihrer Wohnumgebung neue Nachbarn? Achten Sie wiederum auf das Klingelschild. Steht dort „Kali Haze“, „Amnesia White“, „Jamaican Pearl“ oder „Gärtner“, so verbirgt sich hinter der Wohnungstür eine professionell betriebene Cannabis-Plantage. Gehen hier in unregelmäßigen Abständen langhaarige Bombenleger oder Typen mit Hut und Sonnenbrille ein und aus, die große Säcke schleppen, können Sie ganz sicher sein. Hier bitte nur ab ein Kilogramm aufwärts kaufen.
Eric Burdon - Tobacco Road. https://www.youtube.com/watch?v=mfqq2Jkv64c

Samstag, 9. Juni 2018

Amtlicher WM-Tipp

Seit 1986 sehe ich die Fußballwelt- und europameisterschaften mit Freunden in Wackernheim. Je wichtiger das Spiel, desto voller das Wohnzimmer. Bis zu fünfzehn Leute sitzen dann vor der Glotze. Traditionell wird in Rheinhessen Weißweinschorle und Spundekäs zum TV-Event gereicht. Spundekäs ist vegetarisches Fingerfood, leicht herstellbar und wird mit kleinen Bretzeln genossen. Natürlich gibt es eine Tipprunde, die ich traditionell - mit Ausnahme der WM 2002 - haushoch verliere. Zehn Spieler haben sich in diesem Jahr mit fünf Euro beteiligt. Früher hat der einzige von uns, der Mathe studiert hat, den Sieger errechnet, heute gibt es Computerprogramme.
Mein Tipp: Deutschland fliegt im Achtelfinale gegen Brasilien raus, Spanien wird Weltmeister. Was denken Sie? Geben Sie Ihren Tipp im Kommentarbereich ab! Schreiben Sie mir nicht, wie unwichtig Fußball ist. Das weiß ich selbst. Wer für den TuS 09 Schweppenhausen und die Spielvereinigung Ingelheim in der Kreisklasse gespielt hat, hat keine Illusionen mehr.
Der erste Gegner der DFB-Auswahl ist Mexiko. Erkennen Sie Lothar Matthäus unter seinem Sombrero? https://www.youtube.com/watch?v=tffACIijQ8k

Kommentare - Feuer frei!

Ab heute darf hier wieder kommentiert werden. Mein Anwalt, ein gewiefter DSGVO-Spezialist aus Berlin, hat mir versichert, dass die aktuelle Rechtslage hinreichend unklar ist. Außerdem braucht die Abmahnindustrie eine klare Adresse. Finden Sie mal Andy Bonettis Villa in Bad Nauheim. "Schweppenhausen" und "Wichtelbach", die hier immer wieder im Text auftauchen, sind reine Fantasieprodukte. Der Kiezschreiber selbst ist offiziell unter einer Adresse gemeldet, wo er praktisch nie zu finden ist. Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich meinen Personalausweis sehe …
Ab heute können Sie also wieder nach Herzenslust trollen, streiten und mir in den Allerwertesten kriechen. Leider habe ich es nicht rückwirkend hinbekommen. Wenn Sie also etwas zum Thema Bademeister Adolf oder zum Populismus-Text zu sagen haben, machen Sie es hier an dieser Stelle.

Ricky Laredo – Schwertmeister des Imperators


Blogstuff 218
„Wie angenehm war es doch, ein Künstler zu sein. Man brauchte sich um keine Regeln zu scheren, trug keine Verantwortung, konnte tun und lassen, was man wollte.“ (Philip K. Dick: Simulacra)
Das waren noch Zeiten: Ich komme am Samstagabend in meine Stammkneipe und die Gäste bilden spontan eine Rettungsgasse bis zur Theke.
Neulich saß ich im Bus neben George Clooney. Es war aber nicht der echte. War nur eine Fälschung. Allein im letzten Monat haben sie drei falsche Clooneys aus dem Verkehr gezogen. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Es laufen immer mehr gefälschte Menschen rum.
Viele haben Globalisierung noch gar nicht kapiert. Man hört nicht nur afrikanische Musik, man hat vielleicht auch einen afrikanischen Nachbarn. Die Chinesen, deren billige Klamotten wir in rauen Mengen kaufen, kommen zu uns und kaufen die Fabriken, in denen wir arbeiten. Wir sehen Hollywood-Filme und bezahlen die Amerikaner mit unseren Daten. Es ist mir schleierhaft, wie die Trumps dieser Welt das wieder entflechten wollen.
Für meine erste Fastenkur habe ich mich in ein künstliches Koma versetzen lassen. Genutzt hat es nix. Die Ärzte haben festgestellt, dass ich über die Luft die Kalorien einer Torte aufnehmen kann, die sich im selben Gebäude befindet.
Die billigen Tricks der Autoren: Aus der albernen Tanja Salami wird die geheimnisvolle Sanja Talami aus dem fernen Teheran.
Ein fürchterlicher Schlag. Plötzlich gibt es ein Vorher und ein Nachher. Aber irgendwann entwickelt man die Kraft zu einer Gegenbewegung und ändert einige Dinge in seinem Leben, bricht mit Gewohnheiten und alten Routinen. Aus der Asche einer negativen Veränderung wachsen positive Veränderungen. Sie sind nicht groß, aber sichtbar – zumindest für dich selbst.
Wir können die Linken bei ihren letzten Aufbäumarbeiten beobachten.
Eine Frau aus Peking erzählt mir, sie würde nie ein Sonnenbad nehmen. Die blassen Menschen aus Nordchina würden in der Sonne nicht braun werden wie die Europäer, sondern gelb. Das sähe nicht schön aus. Vielleicht entstand das Vorurteil von der „gelben Rasse“ ja bei einem Sommerbesuch in China?
Nicht vergessen! Am 7.7. ist der internationale Hausmeisterkongress in Las Vegas.
Er hatte das Finanzamt betrogen, das Job-Center, die GEZ, die Kabelgesellschaft und etliche Konzerne während seiner Zeit als Ladendieb. Er hatte zahllose Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung und das Betäubungsmittelgesetz auf seinem Konto, die nie geahndet wurden. Andererseits hatte er nie seine Freunde oder seine Familie betrogen und er hatte auch keine armen Leute übers Ohr gehauen. Seine Weste war also rein.
Sehen Sie sich in Ihrer Wohnung um! Welcher Teil Ihrer Einrichtung wird im 22. Jahrhundert eine Antiquität sein? Was ist der Müll von morgen?
Ich habe schon als Kind gerne Sachen versteckt. Es ging mir dabei gar nicht um das Versteckte, sondern um das Verstecken selbst. Damals hatte ich weder Wertsachen noch Geheimnisse, die für andere Menschen von Bedeutung gewesen wären. Ich habe sogar kleine Texte in Pappröhren gesteckt und verschlossen. Ich durfte sie erst Jahrzehnte später öffnen. Diese Botschaften waren also quasi in der Zeit versteckt. Später habe ich Geld und USB-Sticks versteckt. Selbst beim Einbruch in meine Wohnung sind sie nicht gefunden worden. Zwei komplette Bücher – „Berliner Asche“ und „Rheinkind“ – wären sonst verloren gegangen.
Wild Cherry - Play That Funky Music (Funky Purrfection Version). https://www.youtube.com/watch?v=AHJk62tnm3A

Freitag, 8. Juni 2018

Es lebe der Populismus – eine Entgleisung

„Vergessen wir nicht, dass das Imperium Romanum auch nur ein skrupelloses Geschäftsunternehmen war und die großen Römer sämtlich Spekulanten waren. Und trotzdem liegt Schönheit über dem Römertum. Für das ‚Imperium Germanicum’ der Zukunft wünsche ich viel tun zu können. Die ungeheuren Dimensionen adeln da alles, was in kleinen Verhältnissen krämerhaft wirkt.“ (Oswald Spengler)
Träge schippert der rostige Datenkreuzer Bonetti durch die Weiten des Internets. Nirgends Hoffnung, nirgends Licht. Das verdammte dreizehnte Jahr der Merkelherrschaft, das Universum wird von den Borg-Drohnen aus Wirtschaft, Politik und Medien dominiert.
Ich bin müde, ich bin alt. Links und rechts von mir sehe ich Blogger in den Staub sinken, ihre Texte verglühen in der Sonne des Konzernkapitalismus. Wie weit werde ich mich noch schleppen? Die DSGVO hat mich den Kommentarbereich, die Musik und die Bilder gekostet. Es laufen nur noch die Notstromaggregate, der WARP-Antrieb ist ausgefallen. Die Mannschaft findet die Antwort auf ihre Fragen im Alkohol, ich bin alleine auf der Brücke. Einer muss da sein, denke ich, einer hält Wache.
Aber dann kommt plötzlich Hoffnung auf. Italien. Sehnsuchtsort. Heimliche Liebe jedes aufrechten Poeten. Il Popolo hat das Establishment hinweggefegt. Die grauen Herren der Berliner Zeitsparkasse verlieren die Kontrolle. Merkel lässt die Bestien ihrer Medien von der Kette. Schnorrer seien sie, die Italiener, Worte wie Arbeitslager klingen unausgesprochen im Hintergrund. Die Griechen haben als erste den Ausbruch aus den Ketten des deutschen Spardiktats gewagt. Sie sind gescheitert. Aber der Spartakus-Aufstand der Italiener ist ungleich stärker. Wir wollen leben! Wir wollen nicht auf Morgen warten!
Amerika ruft derweil einen Handelskrieg gegen die Deutschen aus. Der teutonische Exportchauvinismus kommt von zwei Seiten unter Druck. Drecksautos, die den Planeten verpesten, Chemikalien, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, Maschinen, die sinnlosen Plastikmüll produzieren. Weg damit! Dem ökonomischen Imperium Germanicum wird der Kampf angesagt.
Ich wünsche Euch viel Glück! Das selbstgefällige, besserwisserische Deutschland, an dessen Wesen wieder einmal die Welt genesen soll, braucht richtig was in die Fresse. Schon jammern die Sith-Lords der Volkswirtschaftslehre über sinkende Auftragseingänge und abgeschwächtes Wachstum. YEAH !!!

Das letzte Geheimnis der DDR

Sie galt als das größte Geheimnis von Honecker und Mielke: die „Gesellschaft für lyrische Rätsel“, kurz GLR. Eigentlich stand die Abkürzung für „Geheimes Labor für Raumfahrtsimulation“. Hier sollte die Teilnahme von Kosmonauten der DDR an Weltraummissionen der UdSSR vorgetäuscht werden, falls den Russen mal das Geld ausgehen sollte oder etwas schief gelaufen wäre.
Auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlereviers in der Nähe von Cottbus war das eingezäunte Gebiet der GLR. In einem Gebäude war das Innere einer Raumstation nachgebaut. Kamera und Tonband konnten bei Bedarf sofort von den Mitarbeitern der zuständigen Stasi-Abteilung, Code-Name „Peterchens Mondfahrt“, eingeschaltet werden. Einer der drei Pseudokosmonauten, die im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr arbeiteten, saß immer in voller Montur, d.h. im Raumanzug, den Helm griffbereit, in der Kopie einer Sojus-Kapsel vor dem Steuerpult.
Im zweiten Gebäude lebten Dieter, Olaf und Peter zusammen mit dem vierten GLR-Mitarbeiter. Erich musste keinen Schichtdienst machen. Er war ein lakonischer Phlegmatiker, der sich verpflichtet hatte, im Falle des Todes eines DDR-Kosmonauten die Leiche zu spielen. Wäre ein Kosmonaut im Weltraum verschollen oder seine Leiche nach dem Absturz einer Raumfähre unauffindbar gewesen, hätte man seinen toten Körper bei einer festlichen Bestattung als Held des Sozialismus gewürdigt. Er musste immer eine Zyankalikapsel bei sich tragen. Arbeiten musste er nie. Ihre Bilder waren regelmäßig im Neuen Deutschland und der Aktuellen Kamera zu sehen, so dass die Bevölkerung an den Anblick ihrer Allerweltsgesichter gewöhnt war.
Eine Woche nach dem Rücktritt von Honecker beschlossen die vier Jungs, mit ihrem Geländewagen das Gittertor der Umzäunung zu durchbrechen. Es war eine abenteuerliche Fahrt, die Stasi-Bewacher verfolgten sie mit zwei Wartburg. Es gelang ihnen, die Stasi mit einer kleinen Querfeldeinvorstellung abzuhängen. In einer bedeutungslosen Seitenstraße von Cottbus besuchten sie einen Freund von Olaf, der sie mit Zivilklamotten versorgte und ihnen seinen Trabi im Tausch gegen den Jeep gab. Beim Abschied sagten sie ihm, er müsse den Wohnort und den Namen wechseln, weil die Stasi vermutlich bald bei ihm wäre. Das fand der Freund nicht so gut.
Aber schon quietschten die Reifen und es ging weiter nach Ost-Berlin. Dort tauchten sie in der Menschenmenge unter, die täglich nach West-Berlin pilgerte, um sich McDonald’s und Deichmann anzuschauen. Sie gerieten in Kreuzberg in eine Kiffer-WG und nahmen zum ersten Mal in ihrem Leben Drogen. Ein kleiner brauner Erdklumpen auf einem alten Holztisch, hart und seltsam duftend, wenn man ihn anzündete, sollte ihr Leben verändern. Der Osten brauchte nicht nur Opel und Marlboro – er brauchte Dope in rauen Mengen. Dieter, Olaf, Peter und Erich hatten endlich ihre eigentliche Bestimmung gefunden und dienen auf diese Weise bis heute der Gesellschaft.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Adolf heißt er, Bademeister

Ein alter Mann in Badehosen. Neben ihm eine Polizistin. Sein Haupt ist gesenkt. Wird hier ein Päderast abgeführt, ein Exhibitionist, ein Spanner? Hat der falbe Leib gar öffentliches Ärgernis erregt?
Dem faschistischen Oppositionsführer wurden beim Bad in einem Potsdamer See die Klamotten geklaut. Eine Petitesse oder, um es im Jargon der AfD auszudrücken, ein Vogelschiss. So wie der parlamentarische Arm der Neonazis nur ein Vogelschiss im Vergleich zur NSDAP ist.
Darf man dieses Bild zeigen? Offenbar nicht, denn einige Blätter, die man im vergangenen Jahrhundert durchaus als liberal bezeichnen konnte, verweigern empört den Abdruck. Die von der AfD diffamierte „Lügenpresse“ biedert sich dem rechten Spektrum offen an.
Ulf Poschardt von der „Welt“ twittert, man würde das entwürdigende Bild eines Politikers in Badehosen nicht zeigen. Menschenwürde – ein großes Wort in diesen Tagen, vor allem von der "Höschenblitzer"-Springerpresse. Jochen Bittner von der „Zeit“ bezeichnet die Veröffentlichung als „Zivilisationsbruch“ und vergleicht den Vorgang mit dem Holocaust.
Ist es nicht Majestätsbeleidigung, Gauland in Badehosen zu zeigen? Wer weiß, wo der Mann in fünf Jahren ist? Besser man passt sich der faschistischen Sammlungsbewegung bereits heute an. Bevor man eines Tages in den Folterkellern der Höcke-Jugend landet. Oder wie es Holger Arppe von der AfD ausgedrückt hat:
„Wir müssen ganz friedlich und überlegt vorgehen, uns ggf. anpassen und dem Gegner Honig ums Maul schmieren aber wenn wir endlich soweit sind, dann stellen wir sie alle an die Wand. … Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.“
Friedemann Weise hat es mit seinem Facebook-Beitrag auf den Punkt gebracht:
P.S.: Inzwischen ermittelt der Staatsschutz. Hunderschaften der Polizei durchkämen die Mülltonnen der Umgebung. Die Klamotten wurden derweil in Anatolien entsorgt, wie Hatice Akyün twitterte.

IG GAGA

„Komm schon. Beim letzten Mal hast du Ja gesagt.“ Henry lachte.
„Ich habe nur gesagt, dass ich es mir überlege“, antwortete Stefan.
Die beiden standen im Fahrstuhl. Wiener Straße, Kreuzberg. Feierabend.
„Wann warst du zum letzten Mal im Park?“
Henry sprach einen wichtigen Punkt an. Seit Jahren war er nicht mehr auf der anderen Straßenseite im Görlitzer Park gewesen. Nachdem die Drogenszene von der Polizei vertrieben worden war, hatten sich die christlichen Sekten den Park unter den Nagel gerissen. Tagsüber veranstalteten sie dort ihre Treffen, nachts war der Park gesperrt. Drogen gab es jetzt am Mariannenplatz zu kaufen.
„Samstag gibt es das Abendmahl mit Tofu-Hot Dogs und Riesling.“ Henry ließ nicht locker.
„Vielleicht komme ich mit“, sagte Stefan.
„Ich kann ja mal bei dir klingeln. Kostet ja nichts.“
Dann stiegen sie aus dem Fahrstuhl und gingen in ihre Wohnungen, die sich auf dem gleichen Stockwerk gegenüber lagen.
Am Abend dachte Stefan über die ganze Sache nach. Viele Menschen waren Mitglieder der neuen Sekten geworden. In Berlin war die IG GAGA die Sekte, die am erfolgreichsten in der Anwerbung neuer Anhänger war. Die Abkürzung stand für „Internationale Gemeinschaft – Glauben an God Allmighty“.
Die Mitgliedschaft war kostenlos und er würde endlich mal wieder in den Park kommen. Außerdem könnte er dort Johanna treffen. Sie arbeitete in derselben Abteilung bei Percy Hempel & Tochter in Britz wie er. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Die IG GAGA war auch politisch aktiv. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus hatte sie sieben Prozent bekommen. Sie versprach ein Ende des Egozentrismus und der Ellbogengesellschaft. Sie setzte sich gegen den Islam ein, war aber nicht rechts. Das gefiel Stefan.
Am Samstag ging er mit Henry in den Park. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einer Aldi-Drohne geortet, die sich sofort auf sie stürzte. Sie flog dicht über ihren Köpfen und plapperte Werbesprüche und Sonderangebote vor sich hin. Diese Biester ließen sich nicht abschütteln. Zum Glück waren die Werbedrohnen nur auf öffentlichen Straßen und Plätzen erlaubt, nicht bei religiösen und politischen Veranstaltungen.
Im Görlitzer Parkt wehte das Banner der IG GAGA auf einem hohen Mast, unter dem sich hunderte Menschen versammelt hatten. Henry stellte Stefan dem Priester und anderen Sektenmitgliedern vor. Er wurde von vielen Menschen umarmt, alle lächelten ihn an.
Er würde für immer zu ihnen gehören. Er war nicht mehr allein.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Reichstag 1995





Das Museum

„Ich bin Science-Fiction-Autor. Ich verkaufe Träume. Mein Leben ist ein Traum.“ (Philip K. Dick: Valis)
Der Raum hatte kein Fenster. Der alte Mann lag im Krankenbett, diverse Maschinen kontrollierten seine Körperfunktionen. Er sah auf seine Hände hinab. Sie waren voller Runzeln und Flecken. Wie alt war er inzwischen?
Dann kamen die drei Historiker. Jeden Morgen das gleiche Ritual. Sie fragten, ob es ihm gut gehe. Sie überprüften die Nährstoffzufuhr und seine Daten. Dann drehten sie einen winzigen Hahn auf. Die Droge floss über eine Kanüle in die Vene seines rechten Arms.
Er wachte in seinem Kinderzimmer auf. Die Sonne schien hell, er sah den makellos blauen Himmel. Seine Mutter erschien in der Tür. Der Frühstückstisch in der Küche war schon gedeckt. Es gab Toastbrot mit Butter und Marmelade. Ein Glas Milch mit Erdbeergeschmack. Er mochte den Geschmack von Milch nicht. Deswegen standen im Küchenschrank Behälter mit Pulver in den Geschmacksrichtungen Vanille, Banane und Erdbeere, die man in die Milch einrühren konnte.
Er war in der Schule. Der Mathematikunterricht interessierte ihn nicht. Er sah aus dem Fenster oder unterhielt sich flüsternd mit seinem Nachbarn. Nachmittags spielte er Fußball mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft. Abends sah er fern. Die Droge ermöglichte es ihm, sich exakt an jede Minute zu erinnern. Alles war in seinem Unterbewusstsein gespeichert. Jetzt konnte er den ganzen Tag noch einmal erleben.
Der alte Mann sprach die ganze Zeit und seine Erzählungen wurden aufgezeichnet. Er konnte von den Stränden berichten und von den Bergen. Vom Leben in der großen Stadt und einem Besuch auf dem Bauernhof. Er hatte studiert und später als Angestellter in einem Konzern gearbeitet. Er hatte jeden Tag die Nachrichten gesehen und wurde für die Historiker auf diese Weise zu einem lebenden Geschichtsbuch. Er hatte viele Bücher gelesen, die auf diese Weise der Nachwelt erhalten blieben.
„Wie lange werden wir diesen Mann noch verwenden können, Mister Grey?“
„Er ist schon sehr alt. Er wird vermutlich sterben, bevor er uns alles erzählt hat. Lassen Sie ihn nur einen Tag pro Monat seines Lebens wiederholen. Vergessen Sie die Nächte, vergessen Sie die Träume.“
„Glauben Sie, diese vielen banalen Details seiner Erinnerungen werden uns helfen?“
„Eines Tages werden wir auf die Oberfläche zurückkehren, Mister Dark. Unsere Kinder sollen das Leben der alten Welt nicht vergessen. Wir werden Computersimulationen herstellen, die es kommenden Generationen ermöglichen, die Vergangenheit zu studieren. Wir haben nicht mehr viele Menschen, die sich an die alten Zeiten erinnern können. Das Gedächtnis dieses Mannes ist ein Museum der Erinnerungen.“
„Wir sind mehr als nur Historiker“, sagte Mister Black, der bisher geschwiegen hatte. „Wir sind die Zukunft.“

Dienstag, 5. Juni 2018

Der Mann mit dem goldenen Zahnstocher


BS 217
„Ein Querflötenspieler, gefangen im Körper eines Metzgereifachangestellten; ein hart arbeitendes Genie, das sich erfolgreich zu einem solitären Gesamtkunstwerk und einer immerwährenden Projektionsfläche für seine zahllosen Fans in aller Welt stilisiert hat.“ (Thomas Mann über Andy Bonetti)
Wir sollten Adolf Gauland und Joseph Höcke für ihre Fascho-Sprüche dankbar sein, denn mit jedem „Vogelschiss“ kommt die AfD einem Parteiverbot wieder ein Stück näher. Was unterscheidet die AfD eigentlich noch von der NPD?
Im Europa des 20. Jahrhunderts sind diverse indigene Völker ausgestorben: die Tramper, die CB-Funker, die Maultrommelspieler.
Wie ich das große Seehundrennen vor Helgoland gewonnen habe? Vor dem Start habe ich meinen Seehund Pauli mit Salatöl eingerieben, damit er gut im Wasser liegt. Leider ist es rausgekommen.
Das Geheimnis großer Diktatoren: Mit leeren Händen kann man gut klatschen.
Fakt: Die Love Parade hat in Deutschland mehr Menschenleben gekostet als der islamistische Terror.
Die jüdische Religion hat ihre Vorteile. Seit tausenden Jahren warten ihre Anhänger auf den Messias und haben sich nicht von Jesus und seinen „Wundern“ einseifen lassen. Es gibt keinen Weltuntergang, keinen Himmel und keine Hölle, kein Leben nach dem Tod. Das ist in meinen Augen realistisch und akzeptabel. Aber leider gibt es 613 Ver- und Gebote für den Alltag, die das Leben vor dem Tod zu einem Alptraum machen. Man darf am Sabbat nicht mit dem Fahrstuhl fahren, Bacon-Cheeseburger sind verboten (der Verzehr bricht gleich zwei Regeln: kein Schweinefleisch, Milchiges und Fleischiges nicht zusammen essen) und „Dass man nicht Sternen- und Planetendienst treibe, auch nicht Anderen zu Gefallen“. Schade – gerade für mich als Trekkie. „Dass man nicht esse und trinke, wie Fresser und Säufer“ (Verbot Nr. 195) finde ich auch doof – ist aber Auslegungssache, oder?
„Was macht die Gesundheit?“ – „Meine Putzfrau hat einen Bandscheibenvorfall. Ich weiß gar nicht, wie ich die nächsten Wochen überstehen soll.“
Ich nenne sie immer „das Fräulein Inka vom Vorschlagswesen“. Meine Lieblingskollegin. Sie hat jeden Tag neue Ideen. Ganz spontan. Oder wie ich es nenne: ohne nachzudenken.
In der Mitte der Hauptstadt eines fernen Planeten stehen vier Türme auf einem riesigen kreisrunden Platz. Es sind die vier Säulen der Macht: Versorgung, Frieden, Gesundheit und Schicksal. In den ersten drei Türmen sind jeweils ein Parlament und eine Verwaltung, der vierte Turm ist leer. Die Parlamente sind einander gleichgestellt und treffen alle Entscheidungen, es kann also nur ein 3:0 oder ein 2:1 in den Abstimmungen geben. Ein Patt in einem der Parlamente oder zwischen den Parlamenten ist also ausgeschlossen. Im Schicksalsturm ist nur ein Computer, der entweder Ja oder Nein sagt – ohne Begründung. Es kann also am Ende ein 4:0, ein 3:1 oder ein 2:2 geben. Bei Unentschieden wird die Entscheidung ein Jahr lang vertagt und kann dann wieder herbeigeführt werden. (Traum nach Philip K. Dick-Lektüre)
Häuptling Thursty Horse vom Stamme der Kulmbacher.
Der Vater ihres Kindes arbeitete als Clown. Das klingt erst mal sehr lustig, aber es ist kein einfacher Beruf. Es gibt keine festangestellten Clowns, man weiß nie, wie sich die Auftragslage entwickelt. Man hat auch noch nie gehört, dass jemand als kleiner Clown angefangen und dann ein Clownunternehmen aufgebaut hat. Er hat auch nie Unterhalt gezahlt, nachdem er sie verlassen hatte.
Alter, kurzarmiger Roboter. #Ackerboy

Die Entführung

Sie war an einen Stuhl gefesselt und wir hatten sie geknebelt, um ihr Geschrei schon im Ansatz zu unterbinden.
„Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte ich zu ihr.
Die Augen der Justizministerin gaben mir eine andere Antwort. Sie dachte offenbar, sie sei in den Händen von mordlüsternen Terroristen.
Ich zeigte ihr die Schafschermaschine.
„Wir werden Ihnen eine Glatze schneiden“, sagte ich.
Sie schüttelte wie wild den Kopf, aber ich fing einfach an.
„Wir behandeln Sie so, wie Sie die Mieter und Internet-User behandeln“, erklärte ich ihr, während ihr Haar in langen Strähnen auf den Boden fiel.

Montag, 4. Juni 2018

Elf Freunde sollt ihr sein

Nächste Woche beginnt wieder einmal das völkische Ringen um den Endsieg im Finale. Die Fußballweltmeisterschaft ist die sportliche Apotheose des Nationalismus. Seit 2006 ist auch Deutschland wieder satisfaktionsfähig, schwarz-rot-golden prangt uns jede Duplo-Packung im Supermarkt entgegen. Panini wirft die Heiligenbildchen millionenfach unters Volk. Wir freuen uns auf gaskammervolle Fanmeilen. Keine Olympischen Spiele und schon gar keine Paralympics werden das je schaffen.
Wie tief sich der Nationalismus, der letztlich nur ein sprachlich verbrämter Rassismus ist, der sich auf die Idee eines biologisch klar definierten Volkskörpers stützt, in die Köpfe eingenistet hat, sieht man an der Debatte um Özil und Gündogan, die sich mit dem Präsidenten aus dem Land ihrer Familien fotografieren ließen. Für jeden echten Nationalisten war es schon vorher klar, dass nur reinrassige Germanen das blütenweiße Hemd mit dem Reichsadler tragen dürfen.
Das nationalistische Hetzblatt „Der Spiegel“ stimmt uns diese Woche auf den neuen politischen Feind ein. Nach den Griechen und Russen sind es jetzt die Italiener, auf die sich die Geschütztürme deutscher Drohungen und deutschen Selbstmitleids gedreht haben. Natürlich ist es nur zu unserem Schutz. Wir müssen uns verteidigen, denn die Italiener mögen uns angeblich nicht mehr. Diese Schnorrer verprassen den ganzen Tag unser Geld, liegen faul in der Sonne und fressen Spaghetti statt Königsberger Klopse. Wir haben es immer gewusst. Feindschaft als Selbstverteidigung. Fragen Sie die Polen!
Wem das alles noch zu milde ist, wer es deftiger und härter braucht, dem wird vom faschistischen Demagogen Gauland reichlich eingeschenkt. Im Sportpalast bringt er die Höcke-Jugend mit seiner Vogelschiss-Metapher auf den orgiastischen Höhepunkt. Lasst uns Hitler und Auschwitz vergessen und in den Schulen wieder alle drei Strophen des Deutschlandlieds singen. Am besten zu jeder vollen Stunde. Die Bayern hängen Kreuze in die öffentlichen Gebäude? Das reicht nicht. Wir brauchen Hakenkreuze.

Das siebte Jahr

„Abends früh ins Bett
Suppe ohne Fett
Morgens Arsch warm
Fliegeralarm“
(in einer Duisburger Kneipe am Nachbartisch gehört)
Wir trafen uns im Apartment von Bubka Rettich, drei alte Freunde aus Schultagen. Bubka lebte wie ein Waschbär auf der Müllkippe, in seiner Wohnung konnte man alles fallenlassen – es war längst egal.
Seine roten Speckbacken zitterten vor Aufregung. „Zeigt mal, was ihr bekommen habt.“
Ich holte das Ergebnis meiner Bemühungen aus einer zerknitterten Papiertüte.
„Och“, sagte Mortimer Hastings. „Das sind ja nur Endsieg-Kekse und Endsieg-Zigaretten.“
„Es ist Monatsende. Ich habe nur noch Marken für Lebensmittel und Zigaretten übrig.“
„Verdammter Krieg“, maulte Bubka in weinerlichem Tonfall.
„Die verfluchte Regierung hat einen Deal mit Aldi gemacht. Auf meine ganzen Lebensmittelmarken bekomme ich nur Sachen der Hausmarke Endsieg. Wie soll man von zweihundert Gramm Brot am Tag und fünf Kilo Kartoffeln im Monat überhaupt leben?“ Ich war genauso frustriert wie meine Freunde.
„Seht mal, was ich hier habe.“ Hastings zog eine Flasche Gin aus seiner zerschlissenen Jacke.
„Alter Finne!“ Bubka schrie fast.
„Wie hast du das gemacht?“ fragte ich ihn.
„Fünf-Finger-Discount“, sagte Hastings lässig und schraubte den Verschluss auf. Er mochte seinen Vornamen nicht, deswegen nannten wir ihn Hastings.
„Darauf steht Arbeitslager“, bemerkte Bubka bewundernd, dann ließ er mit einem leisen Gluckern den ersten Schluck die Kehle hinunterrinnen.
„Ist das Arbeitslager schlimmer als das siebte Kriegsjahr?“ gab ich zu bedenken.
Wir rauchten eine Zigarette und schwiegen.
Ich hatte noch Glück gehabt. Ich arbeitete für Bonetti Media. Vor dem Krieg hatte ich Kriminalgeschichten geschrieben. Billige Verbrechen auf billigem Papier. Sechzig Seiten pro Heft. Ein Heft im Monat. Jetzt musste ich Landser-Geschichten schreiben. Die Kollegen aus der Zeitungsredaktion mussten die Hurra-Meldungen des Verteidigungsministeriums in seriös klingende Berichte umformulieren. Der ganze Verlag war auf Kriegsproduktion umgestellt worden.
Bubka arbeitete in einer Fabrik, die vor dem Krieg Spielzeugautos hergestellt hatte. Jetzt produzierten sie Spielzeugpanzer. Hastings war Kellner in einem Weinlokal, in dem der Riesling inzwischen in einem Verhältnis von eins zu drei mit Wasser gemischt war.
Alles war inzwischen auf Kriegsproduktion umgestellt und rationiert. Das Benzin, das Brot, die Margarine, Wurstersatz und Käsesurrogat. Richtiges Fleisch gab es schon lange nicht mehr. Ein Paar neue Schuhe pro Jahr. Im Fernsehen kamen nur noch Wiederholungen und Nachrichten vom angeblich bevorstehenden Endsieg. Das Militär kontrollierte das Internet und alle anderen Kommunikationskanäle. Die Kriegsregierung nannte sich „Die Erneuerung“, der Kriegskanzler hieß Neumann.
Alle hassten den Krieg, alle hassten die Regierung. Wie war es überhaupt so weit gekommen?

Sonntag, 3. Juni 2018

High Companion

Ich bin noch nie in einem Hochhaus gewesen, das so edel war. Selbst der Fahrstuhl war mit Mahagoni getäfelt und ein livrierter Diener drückte die Knöpfe.
Die Tür zum Apartment wurde mir von einem Butler geöffnet. Ich ging mit meinem Werkzeugkasten ins Wohnzimmer. Dort saßen sie alle.
Melissa McCarthy, Jonah Hill, Sarah Silverman, Seth McFarlane. Rund um den Wohnzimmertisch. Und ihre Bong war am Arsch. Angeblich runtergefallen, als einer von den vier Stars kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte.
Ich habe die Bong repariert. Das ist mein Job. Ich bin der High Companion. Ich habe auch ihren Koks-Spiegel poliert und die Crack-Pfeife gereinigt. Deswegen ruft man uns. Deswegen sind wir da.
High Companion. Telefon: 555-88810. Mail-Adi: info@high.com

Stralsund & Gorch Fock








Samstag, 2. Juni 2018

Es ist Ihnen auch schon passiert, oder?

Die Toilettenschüsseln bedeutender Männer


Blogstuff 216
„Das Gedächtnis glaubt, ehe das Wissen sich erinnert.“ (William Faulkner: Licht im August)
Es heißt, Frauen könnten nachts im Tiefschlaf noch das kleinste Kinderwimmern hören. Ich höre, während ich im dritten Stock vor dem Fernseher sitze, wie eine Autotür vor dem Haus zugeschlagen wird. An der hastigen Art des Zuschlagens, an der Lautstärke und am Klang der Autotür, die auf ein billiges Modell hinweist, das in unserem Viertel nicht üblich ist, erkenne ich, dass meine Pizza geliefert wird. Gelassen bewege ich mich zur Wohnungstür, so wie der Lieferant sich zur Haustür bewegt. Als es klingelt, bin ich gerade an der Tür angekommen, um den elektrischen Öffner zu aktivieren. Nach Jahrzehnten der Pizzabestellungen habe ich eine Fähigkeit entwickelt, die vermutlich in die DNA folgender Generationen eingehen wird. Gäste sind immer ganz erstaunt. Hat der Mann seherische Fähigkeiten? Er geht aus dem Wohnzimmer in Richtung Tür, bevor es überhaupt geklingelt hat. Ich salbadere dann gerne, dass den Menschen diese besondere Verbindung zum Universum verloren gegangen sei, das Gespür, der Instinkt oder der Glaube fehle einfach.
Traum: Ich bin in einem Museum, in der Mitte des Saals ist ein Modell aufgebaut. Es heißt „Die Gesellschaft“. Auf der herrlichen Dachterrasse voller Blumen, sorgfältig manikürter Buchsbäume und Palmen ist das Penthouse „Sommer“. Eine schöne Frau mit einer Goldkette und Diamantringen liegt in der Sonne, die lachenden Kinder spielen mit dem Hund. In den Zimmern sieht man Luxusmöbel, teure Gemälde und Hightech-Equipment. Darunter ist der erste Stock „Frühling“. Die Menschen tragen bunte, aber billige Klamotten. Die Möbel sind neu, aber es ist alles Plunder von IKEA oder der Poco-Domäne. Die Kinder liegen vor dem Fernseher. Im Erdgeschoss „Herbst“ sind man vergrämte Menschen in zerschlissenen grauen Hosen und Hemden. Die Möbel sind alt und vergammelt, Tapetenmuster aus den Siebzigern, Röhrenfernseher, nackte Glühbirnen baumeln von der Decke. Durch kleine verstaubte Fenster sieht man ins Kellergeschoss „Winter“. Dort sitzen zitternde Menschen in Lumpen vor einem kalten Ofen. Hier gibt es weder Möbel noch Fernseher.
TV-Tipp: „El Heinz“, saarländisches Kampfkunstepos, 20:15, SWR.
Hätten Sie’s gewusst? Jutta Gelbfisch und Max Jeschke aus der Rübenstraße in Moabit wurden unter dem Namen „Sigrid & Kai“ als Tierbändiger (weiße Pudel) in Las Vegas berühmt.
Ich kenne drei Logos mit einem roten Stern: San Pellegrino, Heineken, Nordkorea.
Schauen Sie nie in einen Spiegel, wenn Sie einen Alptraum haben. Ich habe es getan. Mein Gesicht war leichenblass, ohne Mund und ein Auge war vollkommen rot. Ich trat näher und betrachtete dieses eine Auge. Es war, als würde ich in einen Vulkan hinabschauen. Eine lodernde Hölle. Als routinierter Träumer sprang ich aus dem Fenster. Normalerweise kommt man nicht unten an, sondern wacht vorher auf. Diesmal war es anders. Wieso habe ich schlecht geträumt? Am Tag und am Abend zuvor habe ich einen neuen persönlichen Rekord im Lesen aufgestellt: 375 Seiten! Bisher lag der Rekord bei 320 Seiten an einem Tag. „Onkel Toms Hütte, Berlin“ von Pierre Frei. Ein Kriminalroman um einen Serienmörder im Herbst 1945 mit furchtbaren Rückblenden via Opferbiographien in die unfassbaren Nazi-Jahre mit Gestapo-Terror, KZ und Bombenkrieg. Für Freunde einer gepflegten Nachtruhe nicht zu empfehlen.
Wie empfindlich und mäkelig die Leute sind. Als würde Deutschland aus 80 Millionen Mitgliedern des Hochadels bestehen.
„Mehr! Schneller!“ So bellt der Wirtschaftswissenschaftler. „Mehr! Schneller!“ Auch das Kapital hat seinen Rottweiler.
Im Internet bin ich Datenproduzent. Der fette Konzern ist nur Datenkonsument. Ist das schon die Revolution, Onkel Charlie?
Demo gegen die AfD, Berlin, 27.5.2018. Copyright: Jens Schulze.

Freitag, 1. Juni 2018

Wirtshausgedicht

Nach Bier und Würsten
Soll es dich dürsten
Graubrot in Scheiben
Sollst du vermeiden

Zu gebratenen Gänsen
Sollst du dich wenden
Kartoffeln und Braten
Sollst du entraten

Erbsen und Bohnen
Sollst du belohnen
Lauch und Karotten
Sollst du verspotten

Fenchel und Beeren
Sollst du verehren
Kraut und Rüben
Sollen dich betrüben

Zu Zander und Forellen
Sollst du dich gesellen
Auf Schnaps nach Gedichten
Sollst du niemals verzichten

Seine Welt

„Es war, als trüge er in sich, irgendwo in dieser trägen, ächzenden Fleischmasse, das Geheimnis: das, was sie alle bewegte und aufweckte, ein Versprechen auf etwas, das über den Stumpfsinn vollgestopfter Bäuche und monotoner Tage hinausging.“ (William Faulkner: Licht im August)
Es war natürlich die absolute Sensation des Jahres 2020. Darauf hatte die Welt schon viele Jahre gewartet. Aber es war dann doch etwas anders, als wir alle erhofft hatten.
Das Raumschiff der Außerirdischen war recht klein. Es klinkte sich in eine Erdumlaufbahn ein, ohne Kontakt mit uns aufzunehmen. Die Chinesen entdeckten es zuerst und sendeten eine Botschaft.
Es stellte sich heraus, dass das Raumschiff von einem intergalaktischen Konzern zu uns geschickt worden war. Alle hundert Jahre kontrollierte man den Planeten Erde. Vor fünfzigtausend Jahren hatte das Unternehmen hundert Gruppen mit je hundert gezüchteten Homo Sapiens auf der Erdoberfläche ausgesetzt. Man hatte sie mit grundlegenden Technologien wie Feuermachen, Hüttenbau, Jagd und der Herstellung von Waffen, Bekleidung und Behausungen vertraut gemacht.
Jetzt war man natürlich über die Entwicklung der Menschheit zwischen 1920 und 2020 erstaunt. Die Außerirdischen berichteten den Chinesen, dass sie sich über die Fortschritte ehrlich freuen würden. Nicht alle Setzlinge, die man im Laufe der Jahrmillionen in der Galaxie ausgesät habe, hätten sich so erfreulich entwickelt.
Zunächst herrschte auf der Erde großes Erstaunen, dann bekannten der Papst, der Dalai Lama und ein Sprecher der Hindus, dass man von diesen Dingen längst wusste. Der intergalaktische Konzern, der gerne ungenannt bleiben wollte, gab zu verstehen, dass er keinerlei Interesse an weiterer Kommunikation oder technologischer Hilfe für die Erdlinge habe.
Als Andy Bonetti die Meldung über den wahren Ursprung der Menschheit gelesen hatte, war er unglaublich deprimiert und zog sich endgültig in seine Privatwelt zurück. Er hatte sich auf zehn Hektar Land, das hermetisch abgeriegelt war, das Jahr 1975 nachbauen lassen. Eine Kleinstadt im Stil seiner Kindheit. Das Haus, in dem er aufgewachsen war. Gegenüber ein Tengelmann und der kleine Laden, wo er als Kind Comics und Süßigkeiten gekauft hatte.
Drei Fernsehsender, die das alte Programm abspielten: Dalli Dalli, Musik ist Trumpf, Bonanza und Raumschiff Enterprise. Im Radio liefen die Bay City Rollers, Frank Zappa und Vicky Leandros. Deutschland war Fußballweltmeister, Uli Hoeneß hatte noch nicht den Endspielelfmeter der EM 1976 verschossen. Kein Internet, keine Handys, aber Ariel-Werbung mit Clementine und Raider statt Twix.
Er ist nie wieder aus dieser Welt aufgetaucht. Und wir dürfen hoffen, dass die Firma aus dem Weltraum 2120 den Acker nicht umpflügt, weil hier alles aus dem Ruder gelaufen ist.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Warte auf den nächsten Tag

Er hatte eine Penthouse-Wohnung mit Blick über die ganze Stadt. In alle vier Himmelsrichtungen erstreckte sich eine begrünte Terrasse. Durch die Panoramascheiben seines Wohnzimmers konnte er das Regierungsviertel und die Stadtmitte bis zum Fernsehturm sehen. Er wusste nicht einmal, wie hoch die Miete für seine luxuriösen hundertvierzig Quadratmeter war.
Maximilian Birkenklang hatte es geschafft. Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium mit 35 Jahren. Lupenreine Parteikarriere. Seine Frau wartete in seinem Reihenhaus im Sauerland, wo er seinen Wahlkreis hatte. Er nippte an seinem Gin Tonic und sah schweigend aus dem Fenster.
Das Kanzleramt schien zu brennen. Auf den Straßen waren Schüsse zu hören. Die Beamten vom Sicherheitsdienst hatten ihn in seine Dienstwohnung gebracht und ihm eingeschärft, sie nicht zu verlassen. Dann waren sie in die Nacht verschwunden. Keine Anrufe, keine Mails, nichts. Birkenklang saß in seinem schwarzen Ledersessel und wartete.
Die Nachrichtenlage war unübersichtlich. Die öffentlich-rechtlichen Sender berichteten von einem Putsch der Bundeswehr gegen die Regierung. Er sah die verwackelten Bilder einer Panzerkolonne auf dem Ku’damm. Die Privatsender erzählten eine andere Geschichte: Innenminister Seehofer habe die Bundespolizei, die bayrische Landespolizei und die Geheimdienste zum Sturz der Regierung aufgerufen. Merkel sei bereits von ihren eigenen Personenschützern verhaftet und ins Gefängnis nach Moabit gebracht worden.
Was sollte er glauben? Auf seiner Timeline bei Facebook blühten die Gerüchte. Der Russe würde hinter der ganzen Sache stecken. Von einem kontrollierten Aufstand der Muslime war die Rede. Wütende AfD-Wähler forderten die User auf, jeden Menschen auf der Straße zu erschießen, der wie ein Türke, ein Araber oder ein Nordafrikaner aussah. Linke Gruppen riefen zur Revolution und zur Enteignung der Ausbeuter auf. Jetzt sei endlich die Zeit gekommen, die Paläste der Reichen zu stürmen.
Die Lage war ernst. Selbst der Aktienhandel an der Frankfurter Börse war ausgesetzt worden. Der ARD-Brennpunkt hörte gar nicht mehr auf. Birkenklang schaltete auf CNN um. Vielleicht wussten die Amerikaner mehr? Dort berichtete ein Korrespondent, der die Vorgänge aus seinem Hotelfenster im Adlon beobachtete, dass Polizei und Militär sich im Kampf um die Macht befänden. Die Generäle der Bundeswehr hätten die Verteidigungsministerin von der Leyen abgesetzt. Als man sie verhaften wollte, hätten sie eine Militärdiktatur ausgerufen, die Neuwahlen organisieren wolle. Unterstützung hätten die Generäle von AfD-Anhängern und anderen rechten Kräften in ganz Deutschland. Überall sei das Militär aus den Kasernen ausgerückt und habe Rathäuser und Sender besetzt.
Birkenklang nahm einen tiefen Zug aus der Ginflasche. Für welche Seite sollte er sich entscheiden? Du musst ruhig bleiben, sagte er sich. Warte erstmal ab. Am Ende schlägst du dich auf die Seite der Gewinner. So hatte er es immer gemacht.
Jemand klopfte an seine Wohnungstür.
Wer war es? Würde man ihn befreien oder verhaften? Sollte er aufstehen oder einfach sitzenbleiben?
Sein ganzes Leben hing von diesem Klopfen ab.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Harlekin

„Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein.“ (Thomas Kapielski)
Einige Kilometer von unserem Dorf entfernt liegt San Daniele. Der Ort ist nicht sehr groß, aber es gibt ein paar Geschäfte, ein paar Lokale und eine große Piazza in der Mitte. Gegenüber der Kirche gibt es ein gemütliches Weinlokal und ich beschloss eines Tages, dort Stammgast zu werden.
Ich ging hinein und setzte mich an einen Tisch in der Ecke. An den Wänden waren viele Fotografien aus alten italienischen Filmen. Adriano Celentano und Ornella Muti, Sophia Loren und Marcello Mastroianni waren auf den Bildern zu sehen. Ich bestellte ein Glas Wein und betrachtete mir die Bilder und die anderen Gäste im Lokal. Junge und ältere Pärchen, die Lastwagenfahrer an der Theke, die gerne auf ein Glas herein kamen, und die Kartenspielerrunde am großen Tisch in der Mitte, verwegen aussehende Männer in Nadelstreifenanzügen mit dicken Zigarren und öligem Haar.
Auf dem Weg nach Hause machte ich ein Spiel. Ich wollte so schnell wie möglich wieder zu Hause sein, also rannte ich auf der Piazza los. Quer über den Platz, die steile Treppe an der Kirche hinauf und dann die Straße, die in die Felder führte. Schon vor dem Ortsausgang ging mir die Puste aus. Schwer keuchend ging ich den Rest des Weges bis zu unserem Dorf.
Bei meinen nächsten Besuchen begann der Wirt, den unbekannten Gast ein wenig auszufragen. Angeregt durch die Filmplakate und Fotos erzählte ich ihm, ich würde noch bei meiner Mutter wohnen, die mir das Geld für den Gasthausbesuch freundlicherweise zur Verfügung stelle. Ich verriet ihm, dass ich aus Strugazzi sei, von einem Leben als Filmstar träume und mich gerne als Harlekin verkleide. Das alles stimmte natürlich nicht, aber es machte mir Spaß, die Geschichte weiterzuspinnen. Bald hatte ich die Rolle des ortsfremden Idioten, der hinter seinem Rücken mit dem Spitznamen „Arlecchino“ bezeichnet wurde.
Auf dem Weg in unser Dorf rannte ich und alle Leute in San Daniele dachten, ich würde zu spät nach Hause kommen. Sie lachten, wenn sie sich vorstellten, dass ich Ärger mit meiner Mutter bekäme. Ich wurde immer besser. Bald konnte ich nicht nur den Weg in die Felder rennen, sondern den ganzen kilometerlangen Heimweg. Ich steigerte mich von Mal zu Mal und wurde ein richtig guter Läufer.
Dann kam der große Abend. Ich bestellte nicht nur Wein, sondern auch das beste Essen von der Speisekarte. Der Wirt machte große Augen und ich erzählte ihm, meine Mutter hätte mir an diesem Tag besonders viel Geld mitgegeben, weil es mein Geburtstag sei. Ich trank einige Gläser vom teuersten Wein und wurde dann so verwegen, mich an den Kartenspielertisch zu setzen. Ich fragte, ob ich mitspielen dürfe, und die Männer mit den Zigarren und dem öligen Haar grinsten nur. Ich verlor eine Menge Geld, das der Wirt auf meine Rechnung schrieb. Als ich zahlen wollte, sagte ich ihm, er solle mir noch zehn Celentano-DVDs, die er in seinem Lokal verkaufte, in eine Tüte packen.
Der Wirt kam mit den Filmen und seinem Rechnungsblock. Er konnte sich vor Lachen kaum halten, als er die Zahlen aufschrieb. Alle Menschen im Lokal lachten und ich lachte mit ihnen zusammen. Was für ein schöner Abend! Was für ein schöner Geburtstag!
„732 Euro“, sagte der Wirt.
„Ich habe kein Geld“, antwortete ich ihm ruhig.
„Was?!“
„Ich habe kein Geld.“
Dann rannte ich mit einem Affenzahn aus dem Lokal, über die Piazza, die steile Treppe an der Kirche hinauf bis nach Hause, ohne mich auch nur einmal umzudrehen.
P.S.: Geträumt am 30.4.2018.