Montag, 31. Dezember 2018

Und wieder ist ein Jahr vollbracht

https://www.timeanddate.de/countdown/silvester-party
Sie kennen Bonetti Media als eherne Zitadelle der Tradition, an der sich seit vielen Jahren die Wellen der Erneuerung vergeblich brechen, ohne auch nur einen einzigen Stein aus dem kulturellen Welterbe dieses Jahrhundertblogs lösen zu können. Darum gibt es auch heute, wie seit Äonen, zum Jahreswechsel Händels Feuerwerksmusik.
Hier eine passende Standardphrase einfügen  Kommen Sie gut ins neue Jahr, liebe Lesende. Es ist das letzte eines äußerst mittelmäßigen Jahrzehnts. Aber es gibt eine gute Nachricht: In einem Jahr fangen die wilden Zwanziger an.
Am heutigen Tag verbreiten die Meinungsroboter unseres Konzerns nur eine einzige Botschaft: Wir wünschen Ihnen Glück, Gesundheit und Spaß 2019. Denken Sie immer daran: Sie können dieses Jahr nicht an Zalando zurückschicken.
https://www.youtube.com/watch?v=i7vJ2UFbeXA
P.S.: Eine gute Nachricht habe ich noch für Sie. Der Asteroid 2002 NT7 wird die Erde am 1. Februar 2019 nicht treffen. Das haben Wissenschaftler der NASA herausgefunden.
https://edition.cnn.com/2018/12/28/movies/blade-runner-predictions-2019-trnd/index.html?fbclid=IwAR0T8fnN_BgSngOJTX8_d_5jh5YI5F7KRocC-m1HRN3rca1SJ8KpzrjIGlo

Der letzte Traum des Jahres

Gibt es etwas Schöneres, als von Literatur zu träumen? Ja. Es ist der Traum, im Mittelpunkt eines handfesten Literaturskandals zu stehen. Mir ist es in der vergangenen Nacht gelungen.
Ich bin, zusammen mit etwa zehn anderen Kolleginnen und Kollegen, auf Einladung eines Brüderpaars in einer fremden Kleinstadt. Die beiden Brüder, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, haben einen kleinen Literaturverlag. Vielleicht ist es eine Weihnachtsfeier, vielleicht ein Jubiläum. Jedenfalls sind wir in einem Gasthaus versammelt. Weite Teile des Traums handeln vom Verzehr und vom Trinkgenuss. Es gibt verschiedene Biere vom Fass, Schnäpse, Schweinebraten und Würste – kurz, alle Dinge, auf die ich wegen meiner Gicht verzichten muss und die genau darum umso hartnäckiger in meinen Träumen auftauchen.
In unserer Runde ist auch ein russischer Dissident, ein Regimekrititker, der eine regimekritische Veröffentlichung im Verlag der Brüder plant. Am späten Abend, ich bin bereits satt und müde, bekommen wir mitgeteilt, dass der russische Geheimdienst Agenten in diesem Lokal hatte. Es sind Fotos, unter anderem auch von mir, im Netz oder sonstwo aufgetaucht. Auch habe man einen Mann beobachtet, der mich gezeichnet hätte. Ich kann mich an den blassen, glatzköpfigen Mittvierziger erinnern, der immer zu mir hinübergeschaut hat. Ich hatte gedacht, er schriebe etwas auf. Schließlich waren ja Literaten anwesend.
Der russische Dissident wird ab jetzt von riesigen ukrainischen Muskelmännern beschützt, die mit ihm in einem schwarzen SUV davonfahren. Ich stelle mir vor, wie ich die Geschichte zu Papier bringe und sie mindestens der ZEIT, vielleicht auch dem New Yorker oder so anbiete und damit schlagartig weltberühmt werde, weil in der Kleinverlagsszene schließlich nur selten etwas Aufregendes passiert.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Armut ist die Lösung

Ich habe meine Angestellten sehr lange im palastartigen Anwesen von Bonetti Final Solutions nachdenken lassen, wie wir die Probleme der Welt lösen können. Die Antwort ist ganz einfach: Armut.
Arme Menschen fahren kein Auto. Sie kaufen sich keinen SUV – sie kennen noch nicht mal die Problematik mit dem Diesel. Arme Menschen benutzen kein Flugzeug. Die Mobilität der Armen ist ökologisch korrekt. Entweder bewegen sie sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad, außerhalb Afrikas und Indiens auch gelegentlich mit dem Bus.
Arme Menschen essen keine Filetsteaks. Sie können sich keinen Thunfisch leisten, keinen Kaviar, keine Austern. Arme Menschen essen die Reste, die wir über die sogenannten „Tafeln“ verteilen oder in die sogenannte „Dritte Welt“ verschiffen. Sie lassen sich problemlos aus dem Schweineeimer ernähren.
Wenn wir die Zahl der Armen erhöhen, wird der Tourismus in Venedig oder der Serengeti kein Problem mehr sein. Arme Menschen bleiben zu Hause. Wir müssen natürlich die Miete erhöhen, damit selbst das Zuhausebleiben ein Luxus wird. In ihren ranzigen Absteigen werden sie mit dem Ramsch der Unterhaltungsindustrie und Alkohol ruhig gestellt.
Wenn das Kapital auf wenige Reiche konzentriert ist, wird diese Welt nicht kollabieren. Soziale Gleichheit wäre das Ende der Zivilisation. Bildung ist Sprengstoff, niemand braucht kluge Diener. Wir müssen wieder lernen, die Massen in Demut und Abhängigkeit zu halten.


In der Villa Bonetti brennt noch Licht - wir arbeiten an den Lösungen für die Zukunft.
Deodato - Also sprach Zarathustra. https://www.youtube.com/watch?v=qJK3eUP5Hvg

Samstag, 29. Dezember 2018

Augsteins Märchenstunde

Sie wollen Reportagen, die ihr Weltbild bestätigen und sich lesen wie ein Groschenroman? Warum geben Sie Geld für den SPIEGEL aus, wenn Sie auch bei Bonetti Media glücklich werden können? Los geht’s:
Es war ein Morgen im Mai, Traudl Baba saß im Wartezimmer einer deutschen Behörde, ihr Mann Ali hielt ihre Hand, als sie erfuhren, dass kein Landvermesser benötigt wurde. Ali Baba, Teppichhändler aus Aleppo, Asylantragsnummer 0815-007 beim Landratsamt Wichtelbach, schüttelte traurig den Kopf. Seine Augen waren gerötet. Die vielen Tränen, der endlose Schmerz, die Katzenhaarallergie. Nur Gott und Relotius kennen die Gründe.
Noch bis vor Kurzem lebten sie in einem Container, nun haben sie eine eigene Wohnung. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, aber sie wollen nicht länger nur Flüchtlinge, Menschen mit Nummern und Aktenzeichen, bleiben. Sie wollen in Deutschland CDU wählen, Steuern zahlen und sich über das beschissene Fernsehprogramm aufregen.
Zum Essen und Beten sitzen sie im Wohnzimmer. Eine syrische Familie, barfuß vor einem Kacheltisch mit Spitzendecke und einer Schrankwand aus den Wirtschaftswunderjahren in Görlitz (1951 – 1953). Auf dem Boden liegt ein ausgewaschenes Bärenfell, vor den Fenstern hängen gehäkelte Gardinen. Als Familie mit vier Kindern bekommen sie jeden Monat 1800 Euro. Die Deutschen würden dafür nicht viel verlangen, nur dass sie die Sprache lernen, Uli Hoeneß gut finden und die Wale retten.
"Alles gut" und "kein Problem", das waren die ersten Worte, die die Babas in Deutschland lernten. Am Anfang benutzte Ali Baba sie ständig: zur Begrüßung, zum Verabschieden, zum Entschuldigen, zum Dankesagen. Er sagte sie, wenn Vermieter am Telefon auflegten, sobald er seinen Namen nannte, wenn er sich auf Arbeitsstellen bewarb, aber keine Antworten bekam, wenn er mühsam sein erstes SPIEGEL-Interview führte.
Als Flüchtling müsse man dankbar sein, glaubt Ali Baba, als Flüchtling müsse man froh sein, in einem Land wie Deutschland zu leben. Er blickt hoch zur Decke, in der Wohnung über ihnen läuft Musik. Die Nachbarn hören Herbert Grönemeyer, sie hören dauernd das Lied "Mensch": "Momentan ist richtig / Momentan ist gut / Nichts ist wirklich wichtig / Nach der Ebbe kommt die Flut". Er tupft sich die Tränen aus den Augen, es ist einfach schön hier.
Die Deutschen, sagt seine Frau, sind großherzig zu Fremden, aber hart mit sich selbst. Sie trennen ihren Müll nach Glas, Plastik und Papier, und sie führen Hunde an einer Leine wie Kamele. Sie lieben Reinlichkeit und Regeln, sie machen sich das Leben lieber schwer als einfach, und sie halten sich gern an Verbote. "Eigentlich", sagt Traudl Baba, "wären sie die besseren Muslime."
Die Babas kennen auch die AfD und eine Frau mit kurzen Haaren, die davon redete, auf Flüchtlinge zu schießen. Die Partei dieser Frau, verstanden die Babas, habe Angst, dass noch mehr Araber nach Deutschland kommen, dass Muslime wie sie hier Kinder zeugen, dass deutsche Familien eines Tages aussterben. Zu einer traditionellen deutschen AfD-Familie gehöre ein Vater, der bereit ist, ehrlich zu arbeiten, eine Mutter, die sich um Haushalt und Erziehung kümmert, und viele Kinder, die keinen Ärger machen und ihre Eltern respektieren.
Russlan, ihr Sohn, macht gerade ein Praktikum bei Maschmeyer, er beginnt dort eine Ausbildung als Hütchenspieler. Er möchte, sobald er sein erstes Geld verdient, in eine eigene Wohnung ziehen. Er mag deutsche Autos und blonde Mädchen. Er kann verstehen, warum einige Deutsche vor jungen Männern wie ihm Angst haben. Schließlich hat jeder SPIEGEL-Leser Angst vor Ausländern.
Um zu testen, wie integriert er ist, hat Ali Baba vor ein paar Monaten den Einbürgerungstest des Bundesamts für Migration gemacht, er trägt den Titel "Leben in Deutschland" und umfasst 33 von insgesamt 310 Fragen, die deutschen Behörden für ein Leben in diesem Land offenbar wichtig erscheinen: Wie heißt der Hund von Markus Söder? Wer war Kapitän der deutschen Fußballweltmeistermannschaft von 1974? Warum ist es am Rhein so schön? Wie viele Primzahlen passen in ein U-Boot? Wo holt der Bartel den Most?
Natürlich ist er durchgefallen. Die Babas sahen einander an, sie blieben ganz ruhig. "Inschallah", sagte Traudl, wenn Gott will. "Alles gut", sagte Ali, kein Problem.
http://www.spiegel.de/spiegel/syrische-fluechtlingsfamilie-die-deutscher-sein-moechte-als-viele-deutsche-a-1160311.html
P.S.: Der Mangel an Information und der wahllose Wechsel von der Gegenwarts- in die Vergangenheitsform gehören zu den Stilmitteln des SPIEGEL.

Deutschland (Symbolbild).

Freitag, 28. Dezember 2018

Armut mal anders gedacht

Kinder, was war der Kapitalismus noch schön in meiner Kindheit. Nehmen wir nur mal den Versicherungsvertreter. Das war ein lustiger Geselle mit einer ordentlichen Portion Pomade im Haar, einer, der Geschichten erzählen konnte und den jeder mochte. Der Cousin meines Vaters. Wenn er sonntags zu Besuch kam, wurde Kaffee gekocht und Kuchen aufgetischt. Ich mochte ihn sehr, so witzig und beliebt wollte ich auch mal sein, wenn ich erwachsen war. Selbst habe ich ja kaum geredet als Kind, aber ich habe immer gerne zugehört. Er sah aus wie die Leute in den Nachkriegsfilmen. Solche Gesichter gibt es heute gar nicht mehr. Irgendwann nach der zweiten Tasse Kaffee hat er dann mal die Unterlagen aus seiner Aktenmappe geholt. Ob noch alles in Ordnung ist. Er hat uns nie neue Versicherungen aufgeschwatzt. Gelegentlich hat mein Opa umständlich etwas unterschrieben. Ich habe ihn sonst niemals schreiben sehen. War nicht sein Ding. Grubenarbeiter, später Maurer. Damals war dieser Mann für die Versicherungen in einigen Dörfern zuständig, aber es ging noch nicht um Abzocke. Man kannte sich. Hätte er jemand übers Ohr gehauen, hätte er sich nirgendwo mehr blicken lassen können. Heute würde ich keinen Versicherungsfritzen mehr ins Haus lassen. Aber es kommt ja sowieso niemand mehr. Typen wie er sind ausgestorben. Geht alles nur noch übers Netz. Kohle für irgendeinen anonymen Konzernboss in einer Steueroase, Vertrauen Fehlanzeige. Ich kann die Sentimentalität der Menschen heutzutage gut verstehen. Wir sind heute in gewisser Hinsicht reicher und ärmer zugleich.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

90 % Rabatt auf diese Bilder - alles muss raus!


Demnächst in Ihrem Kino.



Haben Sie für Silvester genug Wasser im Haus?



Die Zigarette danach … - nach dem Gottesdienst natürlich.



Es ist ein Ledersofa aufgetaucht, das genauso wie Sting aussieht.



Es sind Weihnachtsgeschenke wie diese, die ich hasse wie die Pest, TANTE JUTTA !


Montag, 24. Dezember 2018

Neulich in Charlottenburg

Gelegentlich gibt uns Gott einen Beweis seiner Existenz. Man muss nur die Augen offen halten. Diese Geschichte hat sich im Sommer 2018 wirklich zugetragen:
Dieter hatte in seiner Autowerkstatt ein Teil für seinen 1976er Käfer Cabrio geordert, das er selbst einbauen wollte. James, ein Mitarbeiter der Werkstatt und aus dem schönen Nigeria stammend, hielt an jenem Nachmittag vor Dieters Haus. Dabei parkte sein Van einen Stellplatz zu, der für einen Kleinwagen gerade ausreichend war.
James klingelte und Dieter kam runter auf die Straße. Als beide auf dem Bürgersteig standen, Dieter in abgeschnittenen Jeans und T-Shirt, James in einem Overall, kam eine Frau angefahren. VW Lupo.
Sie ließ die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite herunter und rief: „Kann der Neger mal seinen Laster wegfahren? Ich will hier parken.“
Dieter starrte sie ungläubig an und fing an zu lachen. Er hörte gar nicht mehr auf.
Die Frau schaute die beiden Männer wütend an, zeigte ihnen den Mittelfinger und gab dann Vollgas.
Krach!
An der nächsten Straßenecke war sie einem von rechts kommenden BMW frontal in die Seite gefahren.
James bestieg seinen Van, passierte mit einem milden Lächeln ganz langsam die Unfallstelle und winkte der Frau, die inzwischen ausgestiegen war, freundlich zu.
Halleluja!
Prince – One of Us. https://www.youtube.com/watch?v=wN-4Lk49_7o
Peter Gabriel – Not One of Us. https://www.youtube.com/watch?v=dbwQ0Wy3ljQ

Ich wünsche Ihnen, liebe Lesende, frohe Weihnachten.



P.S.: Bei mir gibt’s an Heiligabend in diesem Jahr ein buntes Potpourri aus Christentum, Kapitalismus und Exotik. Zuerst gehe ich mit meiner Familie in einen Gottesdienst, danach gehen wir in ein chinesisches Restaurant, wo wir zwischen Frühlingsrolle und Chop Suey die Geschenke austauschen. Lobet den Herrn, vielen Dank und guten Appetit.

Sonntag, 23. Dezember 2018

Im Tal des gelben Todes


Blogstuff 263

„Alles grau in grau. Halb-Engel kämpfen gegen Halb-Teufel. Niemand weiß, wo die Front verläuft.“ (John le Carré: Agent in eigener Sache)
Fun Facts For Fans: Die Börsenkapitalisierung der Deutschen Bank beträgt derzeit noch 14 Milliarden Euro, der Wert des größten kanadischen Marihuana-Herstellers Canopy Growth beträgt 8,7 Milliarden Euro, Kurs steigend. Seit der Cannabis-Legalisierung in Kanada am 17. Oktober 2018 steigen auch andere Drogenhersteller wie Brauereien und Tabakkonzerne ins Geschäft ein.
https://hanfjournal.de/2018/12/21/anheuser-busch-steigt-ins-cannabusiness/
https://diepresse.com/home/wirtschaft/unternehmen/5544501/MarlboroMutter-investiert-Milliarden-in-Cannabis
Die ersten Wochen nach der mexikanischen Besetzung des Hunsrücks waren am schlimmsten. Ich weiß gar nicht mehr, was eigentlich der Anlass war. Im Radio lief nur noch Mariachi-Musik und im Fernsehen Telenovelas. Von 12 bis 16 Uhr war plötzlich Siesta – wie der Mittagsschlaf in der Kita. Warum nicht? Im Prinzip hatten wir damit die Zwanzig-Stunden-Woche. Sombrero war jetzt angesagt, wenn man ins Postamt musste. Die Frauen waren von der neuen Mode ja begeistert. In Sachen Essen und Trinken war es natürlich eine Verbesserung, das muss ich zugeben. Enchiladas, Fajitas und Tacos, Tequila und Mescal. Jetzt sind drei Monate vergangen und ich fühle mich eigentlich schon sehr wohl in Nova Mexico.
Nicht lange nachdenken – unser Betriebsmotto bei Bonetti Media. Mexican Music (Mariachi). https://www.youtube.com/watch?v=919VXer591k
Bukarest, das Helsinki des Ostens.
Es gibt Tage, da könnte ein Flaschengeist erscheinen und mir sagen, ich hätte drei Wünsche frei. Meine Antwort wäre: Currywurst, Pommes und Bier. Manchmal muss es einfach sein, da machst du nix.
Man spricht immer nur von Säufern, nie von Säuferinnen. Eigentlich müsste es doch „Säuferinnen und Säufer“ heißen, „Säufer*innen“ oder „Saufende“.
Der Film spielt im Körnermilieu irgendwo zwischen glücklichen Kühen, gespülten Joghurtbechern und selbstbestimmtem Fallobst. „Being Annalena Bärlauch“. Jetzt im Kino.
Bonetti Media – offizieller Partner des Weihnachtsmanns.
Es gibt nicht nur kompensatorischen Konsum, sondern auch kompensatorischen Zorn. Im Beruf muss man jovial, freundlich und geschmeidig sein – aber im Straßenverkehr, im Internet und als politischer Wutbürger lebt man die Gegenseite seines Charakters aus. Persönlichkeitsspaltung wird zum Merkmal einer ganzen Generation.
Wie jeden Morgen nimmt er zwei Züge aus seiner Purpfeife, bevor er sich ganz entspannt auf den langen Weg in die Küche macht. All the way down to Fridge City.
Die Walnuss hat eine Sollbruchstelle rund um ihren Äquator. Die Bäume sind schlau.
Hätten Sie’s gewusst? Im Mittelalter war das Bonbon noch gar nicht erfunden. Damals lutschte man kleine Steine, die man vorher in Honig getaucht hatte.
„November. Ein ganzer Bus voller Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Woher nehmen die stummen Gestalten die Kraft für ihre tägliche Reise?“ (Renate, 11. Klasse, Deutsch Grundkurs)
Sie kennen die Stefan Müller Kapelle? Dann kennen Sie auch den Katzenstefan und Nikolaus Höhle & die schlechten Samen. Steve Miller Band – The Joker. https://www.youtube.com/watch?v=YZo88P1Ie94

Samstag, 22. Dezember 2018

Doppelplusungut

Es ist noch dunkel, als Gromek das Haus verlässt. Nebel, Feindseligkeit und Schrittgeschwindigkeit auf der Autobahn. Endlich ist er am Ziel. Hier oben ist der Blick klar und weit. Erleichtert zeigt er dem Mann an der Pforte seinen Ausweis.
Das Verlagshaus ist eine eigene Welt. Hier ist man unter sich, man versteht sich. Gromek ist seit zwei Jahren freier Mitarbeiter, aber er kann sich begründete Hoffnung auf eine Festanstellung als Redakteur machen. Seine Texte, sein Stil kommen an. Er betritt sein Büro im fünften Stock. Über dem Tal liegt immer noch Nebel.
Auf seinem Tablet findet er die hausinterne Mail seines Ressortleiters:
„21.12.2018. Die Drohnen-Störaktion über dem Londoner Flughafen Gatwick droht den Flugbetrieb am siebtgrößten Airport Europas auch den kompletten Freitag über lahmzulegen. Trotz des Einsatzes von Armee und Polizei wurden am Donnerstagabend wieder Flugroboter über dem Rollfeld gesichtet, sodass das Start- und Landeverbot bis auf Weiteres in Kraft bleibt.“ (dpa)
Machen Sie daraus tausend Worte.
C.R.
Gromek macht sich sofort an die Arbeit. Über die Homepage des Flughafens erfährt er den Namen des Geschäftsführers: Stewart Wingate. Er wählt die angegebene Telefonnummer.
„Herr Wingate ist noch nicht im Haus“, erklärt ihm eine Sekretärin auf Englisch.
„Geben Sie mir die Pressestelle“, verlangt Gromek. Er wird durchgestellt.
Zu dieser frühen Stunde hält nur eine Praktikantin die Stellung. Sie weiß auch nicht mehr, als in der Pressemitteilung steht.
Je weniger du das Thema kennst, umso schneller hast du den Text geschrieben, hatte sein Kollege Dietmar Schneewind immer gesagt. Gromek öffnet eine neue Datei und beginnt zu schreiben.
***
„Das ist ein erster Vorgeschmack auf das Chaos, das uns beim Brexit erwartet“, sagt Stewart Wingate und zündet sich die nächste Zigarette an, obwohl im Tower strenges Rauchverbot herrscht. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Meldungen über abgebrochene Flüge. In Gatwick geht an diesem Tag nichts mehr. Die Flugzeuge, die Millionen Menschen zu ihren Lieben an Weihnachten bringen sollen, bleiben an diesem Tag am Boden.
Eine Mutter wiegt ihr schreiendes Kind in den Armen. Sie ist seit zwanzig Stunden am Flughafen, die Tränen haben ihr Make-up verschmiert. „Sehen Sie nur, bei Emirates gibt es Sandwiches und heißen Tee.“ Sie selbst möchte mit Ryanair zu ihren Verwandten nach Frankfurt-Hahn. „Niemand sagt uns, wann es hier weitergeht.“
Trevor Burns hat Hände wie Toilettendeckel, die schicke Uniform kann seine Muskulatur kaum bändigen. Der Commander der Special Forces schüttelt grimmig den Kopf. „Es begann am Cyber Monday, als Amazon zum ersten Mal Drohnen für 99 Pfund im Angebot hatte. Die Kids sind ganz verrückt danach. Wir würden sie gerne abschießen, aber die Regierung hat Angst vor der miesen Publicity, wenn ein Kind verletzt werden würde.“
Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen heißt es, radikale Öko-Aktivisten stünden hinter der Aktion, da in der Umgebung der Gelbfußzeisig sein Brutgebiet habe. Auch wird auf eine Facebook-Gruppe „Spaß mit Drohnen“ hingewiesen, auf der russische Bots immer wieder Vorschläge für Streiche machen würden.
Mit mehr als 45 Millionen beförderten Passagieren im vergangenen Jahr ist Gatwick der siebtgrößte Flughafen in der EU - und der zweitgrößte Großbritanniens, hinter dem europaweiten Spitzenreiter London-Heathrow.
Simon & Jan - Leck mich. https://www.youtube.com/watch?v=bMU7kt5gCCE
P.S.: Der „Spiegel“ ist im politischen Journalismus, was die Deutsche Bank einmal in der Finanzindustrie war: der Platzhirsch. Die Aktie der Deutschen Bank ist inzwischen von einstmals 116 Euro auf sieben Euro abgestürzt. Die Selbstdarstellung des „Spiegel“, die in der heutigen Ausgabe gipfelt, in der man sich selbst zur Top-Story macht, ist an Heuchelei und Eigenliebe nicht mehr zu übertreffen. Es fehlt eigentlich nur noch Jakob Augstein, der das Victory-Zeichen macht. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Das illustrierte Heftchen wird es sicher weiterhin am Kiosk geben, so wie es den „Stern“ trotz der unvergessenen Hitler-Tagebücher immer noch gibt oder die Drecksbank aus Frankfurt trotz hunderter Skandale – aber ernst nehmen kann man das Hamburger Boulevardmagazin nicht mehr, brutalstmögliche Aufklärung hin oder her. #selbstbespiegelung


Freitag, 21. Dezember 2018

Ad maiorem Bonetti gloriam


Blogstuff 262
„Put your hand on your heart and hail the gorgeously written novels of Andy Bonetti.“ (Colonel Hardcover, Bonettis erster Verleger)
Er gab den Widerstand auf und ließ sich einfach in die Arme der Erdanziehungskraft fallen.
Goethe in Bingen am Rhein: „Niemand schämt sich der Weinlust, sie rühmen sich einigermaßen des Trinkens.“ Über Ingelheim, das er ebenfalls 1814 besuchte, schrieb er: „Der rothe Ingelheim Wein schmeckte gut, so wie überhaupt diese Tage her nur gute Sorten getrunken wurden.“
„Sie wollen mich verhaften? Aber ich arbeite für die Regierung“, sagt Julia Klöckner vom Rücksitz ihrer Limousine, als ich mich zum Wagenfenster hinunter beuge. Mir ist schon klar, dass die ganze Situation absurd ist, aber ich bin Polizeibeamter und wir haben die Anweisung, alle Mitarbeiter des Imperiums, die wir in ihren Autos und Raumschiffen antreffen, zu verhaften. Am Ende bringen wir nur zwei schwere Jungs zur Polizeiwache, die wir in einem BMW mit Münchner Kennzeichen erwischt haben. Ich bin hungrig und gehe zum Automaten hinüber, aber dort gibt es keine Schokoriegel, sondern nur Büromaterial. (Traum vom 8.12.2018)
Im Frühjahr 1982 stand mein Leben auf der Kippe. Ich war in der zehnten Klasse und in vier Fächern drohte mir eine 5 im Jahreszeugnis. Meine Eltern erklärten mir, im Falle des Sitzenbleibens eine Lehrstelle für mich zu suchen, etwa als Dachdecker. Arbeiten statt Abhängen! Es ging um die alles entscheidende Französisch-Arbeit, die Grammatik im Allgemeinen und die unregelmäßigen Verben im Besonderen zum Gegenstand haben sollte. Ich wusste schon vorher, dass ich keine Chance haben würde. Also nahm ich mein Leben in die Hand und fuhr am Nachmittag ins Gymnasium, das ich in schöner Selbstverständlichkeit unverschlossen fand, ging in unser Klassenzimmer, setzte mich auf meinen angestammten Platz und übertrug in stundenlanger Arbeit alle unregelmäßigen Verben des Französischen auf die Schulbank. Der Coup gelang, ich bekam eine 3+ und war in dieser äußerst schwierigen Angelegenheit unter den fünf Besten meiner Klasse. Beim Abschlusszeugnis glänzte ich mit einer 4 in Französisch. In den anderen drei Problemfächern Chemie, Physik und Mathematik schaffte ich eine weitere 4 und konnte den Rest mit anderen Noten (Sport, Kunst) ausgleichen. Was ich nicht bedacht hatte, war die Tatsache, dass auch jeder andere Mensch die unregelmäßigen Verben auf meinen Tisch lesen konnte, so zum Beispiel unsere Französisch-Lehrerin Frau Friedrich. Wir sahen uns kurz in die Augen. Sie hat bis heute geschwiegen. Und so kam ich doch noch in die Oberstufe, konnte Französisch, Chemie und Physik abwählen und machte Abitur, konnte anschließend studieren und wurde schließlich Blogger. Ohne das stille Einverständnis dieser wunderbaren Frau gäbe es all diese Texte nicht. Ich würde auf gedeckte Dächer zurückblicken, nicht auf Postings.
Verschwörungstheorie: Die Bombenanschläge des IS oder von Al Qaida wurden uns seit dem Terrorakt vom Breitscheidplatz als Gasexplosionen, d.h. als normale Unfälle, verkauft.
Hier an der politischen Basis in Schweppenhausen wird noch mit Zahlen operiert, die der einfache Bürger versteht. Das Betriebsergebnis des Forstwirtschaftsplans: „Ertrag 702 €, Aufwand 767 €, Ergebnis minus 65 €.“ Hoffentlich akzeptiert die EZB unseren Schuldschein. # QE
Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen stammen und Kaufleuten und Juristen, es sind Rechnungen und Paragraphen. Wer ist als erster Mensch auf die Idee gekommen, einen klugen Gedanken aufzuschreiben?
Werbung: „Asche zu Asche – wir vollstrecken wirkungsvoll Testamente aller Art.“
„Sauron Luzifer Schwallmeyer, hast du deine Hausaufgaben gemacht?“ – „Ja, ich habe sie den Flammen der Hölle übergeben, Lord Vader.“
Wichteln bei der Bonetti Media-Weihnachtsfeier. Ich gewinne ein 51-teiliges Werkzeugset. Fünfzig Schrauben und einen Schraubenzieher. Drecksladen. „Dem Publikum dienen, der Welt dienen“, lautet das verlogene Verlagsmotto. Dem alten Andy, geht’s doch nur ums Geld.
Kelis - Trick Me. https://www.youtube.com/watch?v=zI339U6GS9s

Virginia Woolfs Arbeitstisch, 1965.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Relotius-Tagebücher gefunden !!!

Nein, Colonel Clickbait hat wieder zugeschlagen. Zu Rudolf Augsteins Zeiten wäre es noch ein Skandal gewesen, aber 2018 hat der SPIEGEL endgültig seinen Platz auf dem Presseboulevard zwischen BILD und STERN gefunden. Sagen, Sagen, Sagen – und immer an die Auflage denken.

Machen wir weiter mit dem Maler Conrad Felixmüller. Das erste Bild heißt „Der Zeitungsjunge“, das zweite Bild „Der Dichter“. Journalismus und Literatur, einstmals sauber getrennt und nur von den ganz Großen wie Kisch im Einzelfall vereint, sind im SPIEGEL zu einer unheilvollen Melange geworden. Der klassische Stil des einstmals renommierten Nachrichtenblatts war immer, am Einzelfall, am persönlichen Schicksal die großen Linien der Politik und der Geschichte zu erzählen. Viele Stücke fangen mit der Perspektive einer konkreten Person an, die uns wie ein Scout in den Dschungel des jeweiligen Narrativs führt.

Am Ende eines blutigen Tages, an dem ein Shitstorm durch das Atrium der „Spiegel“-Zentrale am Ericusgraben in der Hamburger Hafencity gefegt ist, sitzt Randy Bonetzky (Name von der Redaktion geändert) in einem Hotelzimmer und sagt: "Das war es wert.“ Kurz vor dem Ende seiner Recherche kommen sich Glanz und Elend in seinem Leben noch einmal ganz nah. In der Badewanne liegt der regungslose Relotius, auf dem zerwühlten Hotelbett das Tagebuch. Das Dokument, das es nicht geben darf, ist in schwarzes Leder gebunden. Die Spur führt zu Putin, dem Drahtzieher dieser Jahrhundertattacke auf das selbsternannte Sturmgeschütz der Demokratie. Aber „Onkel Wanja“, wie sie alle den Paten im Kreml nennen, ist an diesem Morgen nicht zu sprechen. Die Geschichte der Qualitätsmedien muss in weiten Teilen neu geschrieben werden. Die vierte Gewalt ist in Wahrheit die fünfte Kolonne Moskaus. Es sind exakt 378 Seiten Dynamit, die der vielfach preisgekrönte Journalist für das Kiezschreiber-Blog gesichert hat. Bonetzky geht langsam zum Fenster und blickt nachdenklich in die graue Morgendämmerung über der Elbe.

Ihr Vorteil bei Bonetti Media: Hier verschwimmen Fakten und Fiktion schon seit fünfzig Jahren. Mindestens.



Andrea Berg - Du hast mich tausendmal belogen. https://www.youtube.com/watch?v=gzSqJfLHIRM

Alles Verbrecher!

Es ist ja bekannt, dass praktisch alle Billig-Pizzerias in Berlin Geldwaschanlagen des organisierten Verbrechens sind. Entweder steckt die Mafia, der Vatikan oder irgendjemand aus dem Kaukasus dahinter. Echte Italiener betreiben eine Osteria oder eine Trattoria. Aber das „Stronzo“ in der Onkel-Bräsig-Straße (Neukölln) schießt in dieser Hinsicht den Vogel ab.
Als ich das Lokal betrat, fand ich nur einen leeren Raum vor. Kabel hingen von der Decke, keine Tische und nur ein Stuhl. Auf diesem Stuhl saß ein unrasierter Mann, der einen schwarzen Nadelstreifenanzug, eine Sonnenbrille und einen verwegenen Hut trug. Erst bemerkte er mich gar nicht. Oder er tat so, als sei ich gar nicht da. Aber ich war da, das wusste ich ganz genau. Ich hatte mich noch am Morgen im Badezimmerspiegel gesehen. Schließlich sah er zu mir auf.
Ich sagte ihm, dass ich gerne eine Pizza Mista mit Schinken, Salami und Pilzen hätte. Kein Problem, sagte er, und zückte sein Handy. Er sagte irgendetwas in einer sehr fremden Sprache und nach fünfzehn Minuten äußerst unangenehmen Wartens und Schweigens brachte ein Lieferjunge die Pizza in einem neutralen Pappkarton. Er gab sie dem Mann, ich gab ihm sieben Euro und ging mit der Pizza nach Hause.
The President Of The United States - Ça Plane Pour Moi. https://www.youtube.com/watch?v=YgzbelU8vj4

Mittwoch, 19. Dezember 2018

All the way down to Bruchköbel


Blogstuff 261
„Sein Zimmer ist klein, aber wenn er das Licht ausschaltet, wird es unermesslich groß. Er kann endlos in eine Richtung laufen, ohne auf eine Wand zu treffen.“ (Johnny Malta: Kleine Fluchten)
Früher hat man neue Tierarten entdeckt, heute sind es Opfergruppen. Wann sind endlich die Dicken dran, die überall diskriminiert werden? Ich fordere Parkplätze direkt vor dem Eingang der Supermärkte, weil Dicke nicht so weit laufen können, und eine Extra-Kasse für Menschen, die gewichtsmäßig herausgefordert sind, weil sie nicht so lange stehen können. Größere Sitzplätze in Flugzeugen und Zügen, außerdem sind die ICE-Toiletten viel zu klein. Hiermit gründe ich die Deutsche Interessengemeinschaft für chronisch Kaloriensüchtige (D.I.C.K.).
Bandname: A Mouthful of Taco Cheese.
Warum sind Sie eigentlich nie berühmt gewesen, werden mich die Altenpfleger eines Tages fragen. Weil ich der Medienmaschinerie nicht gehorcht habe. Ich habe mich niemals angepasst. Bin mir selbst treu geblieben und so weiter. Klingt gleich viel besser als „Ich hab's nicht geschafft“, oder?
Tragisch: Ich kenne einen Mann, der nach der Scheidung den Nachnamen seiner Ex-Frau angenommen hat, damit er denselben Namen hat wie seine beiden Kinder. Und der Name ist auch noch so richtig beschissen. Leider verbietet es mir die Diskretion, den Namen jenes verdienten Kulturredakteurs preiszugeben.
Jesus hat nie Sport gemacht.
Werbung: Heinz Pralinski präsentiert sein neues Werk „Der nächste Rotwein ist immer der schwerste.“ Zusammen mit sechs Flaschen Merlot zum Subskriptionspreis von 49,90 Euro.
Seine neue Band heißt „Die Eskalation“. Wenn Sie mehr erfahren wollen, lesen Sie den Polizeibericht.
Warum wird Narzissmus als gesellschaftlich akzeptierte Droge so verharmlost und sogar durch Weiterbildungsseminare gefördert, obwohl die destruktive Wirkung der Selbstsucht medizinisch längst erwiesen ist?
Ab 18 Uhr zählen Kalorien bekanntlich doppelt. Mein Tipp: Schon um 17 Uhr zu Abend essen, dafür aber etwas mehr, weil es bis zum Frühstück länger dauert.
„Stevie Wonder blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück.“ Darf man das noch schreiben?
Ich möchte jetzt nicht grundlos philosophisch werden, aber hat uns Mutter Natur nicht sehr oberflächlich gestaltet? Die Fassade mag ja – in jungen Jahren und auch nur bei ausgewählten Exemplaren der Gattung – durchaus gefällig und bisweilen sogar verführerisch sein, aber unter der grotesk dünnen Tünche des Hautsacks findet sich eine Ansammlung grässlicher Organe und Körperflüssigkeiten. Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihre eigene Leber vor sich liegen sehen. Ekelhaft. Und erst die Lunge oder das Gehirn. Im Verborgenen ist unser Körper der reinste Horror. Der Mann schießt dabei den Vogel ab, denn eines seiner Organe, namentlich das Geschlechtsorgan, ist aus dem Hautsack herausgestülpt und baumelt in all seiner Hässlichkeit zwischen den Beinen herum. Danke für nichts, schnöder Weltgeist!
P.S.: Wegen Alexa musste ich meinen Papagei verkaufen.
Joe Jackson: Breaking Us Into. https://www.youtube.com/watch?v=zZhaJP97qPc

Dienstag, 18. Dezember 2018

Die ökonomische Fachfrage der Woche

Heute geht es um die Frage: Lohnt sich der Weg zum Pfandautomaten überhaupt?
Des Öfteren sehe ich, wenn ich meine gebrauchten Weinflaschen in die Altglastonne unseres Hinterhofs schmeiße, leere Bierflaschen zwischen den Schnapsbuddeln. Im ersten Moment denke ich: Da hat ja einer das Pfandgeld nicht nötig, oder? Für einen kurzen Augenblick denke ich sogar: Nimm sie doch raus und trag sie zu Edeka.
Aber wenn mich jemand sieht? Dann gehöre ich endgültig zu den Elenden, die Pfandflaschen sammeln müssen. Jugendarmut, Altersarmut – mit 52 ist man irgendwo dazwischen. Prekariat, Gelbwesten, Unterschicht. Unbefreites und hoffnungsloses Lumpenproletariat, von dem sich die Armani-Linken unter Lara Sagenknecht längst abgewendet haben. Also lasse ich sie in der Tonne liegen.
Lohnt es sich überhaupt, rein ökonomisch betrachtet, Pfandflaschen zum Automaten zu tragen? Da sind natürlich erst einmal die Reinigungskosten. Ich brauche Spülmittel und Wasser, denn ich kann die Bierflaschen ja nicht total dreckig in den Supermarkt tragen. Hashtag multiresistente Keime. In Sachen Joghurtbecher und Mayonnaisetube erwartet es die EU von uns ja auch.
Dazu kommen die persönlichen Energiekosten. Ich verbrauche beim Tragen der Tüte und beim Laufen zum Einkaufszentrum wertvolle Kalorien, die ich in Form von – sagen wir mal – Bier wieder zu mir nehmen muss. Und das alles für vielleicht 72 Cent. Kennen Sie den mitleidigen Blick an der Kasse, wenn man den Bon einlöst? Ich hätte das Geld natürlich auch spenden können, dafür gibt es ein kleines Kästchen neben dem Pfandautomaten. Es ist übrigens durchsichtig. Hashtag Moralkeule.
Ich bin am Ende der Aktion nicht nur völlig ausgepumpt von der ganzen Arbeit und habe wertvolle Lebenszeit verschwendet, sondern ich bin auch noch eine egozentrische Drecksau, weil ich den Armen nicht geholfen habe. Ich stecke also in einem Dilemma. Soll ich die Pfandflaschen in Zukunft auch wegwerfen? Oder an einem öffentlichen Mülleimer platzieren? Aber ich kenne die Lösung:
Wein. Rotwein, Weißwein, Sekt. Aus der Region. Das ist ökologisch und ich muss mir um das Thema Pfand nie wieder Gedanken machen. Gott segne unsere deutschen Winzer, deren Produkte in pfandfreien Glasflaschen ausgeliefert werden, die ich direkt hinterm Haus der Wiederverwertung in unserem hervorragenden Recyclingsystem zuführen kann. Bier ist sowieso ungesund. Prost!
Prefab Sprout – King Of Rock’n Roll. https://www.youtube.com/watch?v=BmMY21aQDjg

Montag, 17. Dezember 2018

Lyonel Feininger

Künstlerische Intelligenz


Blogstuff 260
„Die Zeit seid ihr. Seid ihr gut, sind auch die Zeiten gut.“ (Augustinus)
Der Attentäter von Straßburg wird von den deutschen Ermittlungsbehörden als ein Mensch beschrieben, der eine „von rücksichtslosem Profitstreben geprägte Persönlichkeitsstruktur“ habe. Kann man diese Terroristen nicht präventiv inhaftieren? Ich denke da an Leute wie den CDU-Parteivorsitzenden der Herzen Fritz von Schwarzenfels.
Das wird den Söder freuen: Nach Einsteins Relativitätstheorie vergeht die Zeit umso schneller, je weiter man vom Erdmittelpunkt entfernt ist. In den bayrischen Alpen ticken also die Uhren nicht nur anders, sondern auch schneller als an der Nordseeküste. Da kommen leicht mal ein paar Mikrosekunden pro Jahr zusammen!
Kurze Zusammenfassung der Ergebnisse der Klimakonferenz von Katowice:
Es wird ein detailliertes Berichtswesen etabliert. Durch „Naming and shaming“ wird der moralische Druck auf die Staaten erhöht. Ob das funktionieren wird? Kann man bei Leuten wie Trump oder Bolsonaro, Putin oder Xi mit Moral überhaupt etwas erreichen? Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, in Ihrem Wohnviertel werden durch öffentliche Aushänge die Ökobilanzen der größten Umweltzerstörer, der SUV-Fahrer, Vielflieger usw., veröffentlicht. Wer von Ihren Nachbarn wird tatsächlich Konsequenzen ziehen und auf den ÖPNV umsteigen oder den Wochenendtrip nach Barcelona stornieren? Irgendein Waldorf-Lehrer wird vielleicht seinen Opel Astra abmelden, aber die Reichen werden weiterhin mit den Schultern zucken. Greta Thunberg (15) formulierte es so: „Euch gehen die Entschuldigungen aus. Und uns geht die Zeit aus.“
Veranstaltungshinweis: FDP-Podiumsdiskussion zum Thema „Gelbwesten – müssen wir jetzt Angst vor unserem Dienstpersonal haben?“ Ort: Villa Krupp. Zeit: 18. Dezember, 20 Uhr. Teilnehmer: Wolfgang Kubicki, Oliver Kahn, Karl Lagerfeld und Til Schweiger.
Neulich habe ich in Berlin zwei Stunden und fünfzehn Minuten auf eine Lieferpizza gewartet. Das ist Rekord. Natürlich habe ich die Tür nicht mehr aufgemacht. Ich habe vor, dieses Thema literarisch zu bearbeiten und es mit Handpuppen in einem Kindertheater zu inszenieren:
Pizzamann klingelt, mit dunkler Stimme (jenseits der Tür, wie der böse Wolf): „Hallo, hier ist Ihre Pizza. Wie immer schön heiß und fettig.“
Kundin, mit piepsiger Stimme, lispelnd: „Geh weg, böser Pizzamann! Du kommst viel zu spät.“
Kommen wir zu einem angenehmeren Thema: Trinken. Ich bin großer Fan des tschechischen Tankbiers, das es seit einigen Jahren auch in Berlin gibt. Das „böhmische Dorf“ in Neukölln hatte ich schon vorgestellt. Jetzt war ich in den „Schwarzwaldstuben“ in der Tucholskystraße in Mitte, wo man zum köstlichen Bier mittags noch zwei verschiedene Gerichte angeboten bekommt.
Kennen Sie den Typus Jens Spahn noch aus Ihrer Schulzeit? Hellblaues Hemd statt Ramones-Shirt, ein Vier-Farb-Kugelschreiber (das Pendant zum heutigen iPhone) in der Brusttasche, Pullunder im Winter, mit Aktenkoffer statt Schultasche, in der ersten Reihe sitzend und bei der Klassenfahrt im Zug natürlich im Lehrerabteil zu finden, so sexy wie ein orthopädischer Schuh, wurde nie zum Klassensprecher gewählt, obwohl er es jedes Mal versucht hat.
Feiern die Zeugen Jehovas eigentlich Silvester?
Geht mir tierisch aufs Trommelfell: The Troggs – Wild Thing. https://www.youtube.com/watch?v=Hce74cEAAaE

Sonntag, 16. Dezember 2018

Jede Menge Ärger

Mitternacht, Nebel, Hafen. Ich hätte fünfzig Euro für das Licht einer fahlen Mondsichel bezahlt. Aber ich muss meinen Informanten treffen, Jacques Bordellier. Nur er kennt den Namen des Mörders. Monatelange Undercover-Arbeit findet heute ihr Ende, Jacques ist der Schlüssel zur Lösung des Falls.
Ein Schatten löst sich aus der Dunkelheit. Ich höre Schritte.
„Sind Sie es, Monsieur Bordellier?“ flüstere ich heiser.
„Ja, Mister Bonetti.“
Er zündet ein Streichholz an und für wenige Augenblicke kann ich das müde, traurige Gesicht des Ex-Sträflings erkennen.
„Haben Sie die Information.“
„Ja.“
„Und?“
„Der Name des Mörders ist …“
Ein Schuss gellt durch die Nacht. Jacques sinkt melodramatisch zu Boden.
Ich beuge mich über ihn.
„Der Name, Bordellier. Der Name!“
„A …“
„Ja?“
„A …“
„Irgendwas mit A, okay. Aber wie geht es weiter?“
„Aua.“
Er schließt die Augen und furzt. Mein Informant ist tot. Fünfzig Euro für einen Schnaps, denke ich, und gehe nach Hause.
Frank Sinatra: Anything Goes. https://www.youtube.com/watch?v=pbxDiRlBRGc

Der erste Schnee ist da!

Stolze fünf Zentimeter (Wehe, ich höre jetzt einen dummen Spruch!).
Nimm das, St. Moritz!
Ski und Rodel gut in Schweppenhausen.

Samstag, 15. Dezember 2018

Der feine Unterschied

Sie sind ein muslimischer Ex-Knacki und schießen ein paar Leute über den Haufen. Vorher rufen Sie „Allahu akbar“. Sofort kennt alle Welt Ihren Namen und Ihren Lebenslauf. ARD-Brennpunkt + AfD mit Schaum vor dem ungewaschenen Maul. Staatschefs legen Blumen nieder, ganze Völker sind traumatisiert. Im Umkreis von tausend Kilometern haben alle Besucher der Weihnachtsmärkte die Hosen voll, wenn sie sich den ersten Glühwein einpfeifen. Lustlos bekennt sich der IS erst Tage später zur Tat.
Sie sind ein österreichischer Graf und schießen ein paar Leute über den Haufen. Für diese Meldung interessiert sich bestenfalls die Rinnsteinpresse. Kann passieren, ist ja auch irgendwie menschlich so kurz vor Weihnachten. Wir sind doch alle im Stress.
Graf Tono Goess, der als höflich und hilfsbereit bekannt ist, erschießt stilgerecht im Schloss der Familie seinen 92jährigen Vater. Weil er von ihm seit der Kindheit gegängelt wurde. Und vermutlich weil er ihm den bescheuerten Vornamen zu verdanken hat. Warum wartet er, bis der Alte 92 ist?
Dann erschießt er seinen kleinen Bruder. Es geht um die Erbschaft, also um viel Geld.
Anschließend muss die böse Stiefmutter namens Margherita dran glauben.
Sie liegt jetzt in einem Kühlfach des Leichenhauses und ist – Achtung! – eine
FROZEN MARGHERITA
https://www.youtube.com/watch?v=1vfSk-6tIvo

Wissenswertes über Herbert Auerbach

Er war fünfzig Jahre alt, aber er sah wesentlich älter aus. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass er einmal jung gewesen war. Es gab ein Foto von seiner Einschulung, aber selbst auf diesem Bild sah er schon uralt aus. Ein alter Mann in kurzen roten Hosen.
Er war nicht musikalisch. Beim Londoner Symphonieorchester hätte man ihn noch nicht mal das Furzkissen bedienen lassen.
Mit einer Dressurschule für Katzen ist er vor einigen Jahren kläglich gescheitert.
Er war immer einer von den Typen, die entweder tief in der Scheiße steckten oder direkt daneben standen.
In den Falten seiner Stirn nisteten das Misstrauen und die Niedertracht, der Neid und der Zorn. Sein ganzes Gesicht war das Ergebnis einer Enttäuschung, einer Demütigung, die viele Generationen vor ihm begonnen haben musste.
Ihn konnte nichts mehr beeindrucken. Er hatte Zynismus im Endstadium.
Niemand konnte in teuren Designerklamotten so billig aussehen wie er.
Er hatte Schultern wie ein Kleiderbügel aus der Kinderabteilung und hätte seine Mutter für fünf Euro verkauft. Okay, vier Euro.
Er hatte die haarigsten Hände, die ich jemals außerhalb eines Zoos gesehen habe.
Er saß im Bus immer in der letzten Reihe, damit er sehen konnte, ob er verfolgt wurde.
Er baute seine Erzählungen grundsätzlich so weit aus, bis jeder, wirklich jeder froh war, wenn sie vorbei waren.
Sein verwüstetes Gesicht mit den grauenhaften Zähnen sah aus, als wäre er das Ergebnis einer Samenspende von Steve Buscemi, die an eine Alkoholikerin abgegeben wurde.
Nur sein ewiger Husten war ansteckend, nicht sein Lachen.
Wenn er den Kopf schüttelte, wurden die Hautfalten unterhalb seines Kinns in rhythmische Schwingungen versetzt. Sie bewegten sich noch eine Weile weiter, wenn er den Kopf nicht mehr schüttelte.
Er konnte unglaublich gut schwitzen. Nach einem Schnitzel mit Bratkartoffeln war sein Hemd feuchter als bei einem kenianischen Marathonläufer bei Kilometer 38.
Stiff Little Fingers - Wasted Life. https://www.youtube.com/watch?v=eeG5Pl-5e1Q

Freitag, 14. Dezember 2018

Steine, Spuren

Am 24. November wurden vor dem Haus, in dem ich in Berlin wohne, sechzehn „Stolpersteine“ verlegt. Seit 1992 verlegt Gunter Demnig diese Betonwürfel, die auf einer Messingplatte die Namen der Opfer des NS-Terrors tragen. Etwa 70.000 gibt es in ganz Deutschland und in anderen europäischen Ländern.
Sechzehn Menschen in diesem Haus. Vierzehn wurden ermordet, ein Ehepaar konnte 1939 noch über Genua nach Shanghai fliehen. Zu diesem Ehepaar habe ich im Anhang die Biographien angefügt, sie waren damals bekannte Musiker. Deswegen kamen zu der Zeremonie, bei der etwa dreißig Leute anwesend waren, auch der Direktor der nahen Musikhochschule und eine Geigerin, die einige klassische Stücke spielte.
Der Künstler hat leider kein einziges Wort gesagt. Er kam wie ein Handwerker, verlegte die Steine und fuhr vor Ablauf der Zeremonie wieder davon. Ein engagierter Bewohner unseres Hauses, der die Verlegung der Stolpersteine initiiert hatte, hielt eine Rede und stellte uns die einzelnen ehemaligen Bewohner unseres Hauses vor.
Besonders perfide war ein Briefwechsel, den er recherchieren konnte. Eine Versicherungsgesellschaft schrieb mehrfach an die Gestapo und fragte, ob die Versicherungskunden schon verstorben seien, damit man die fällige Lebensversicherung an die Reichskasse auszahlen könne. Das Wissen über den Holocaust war also weiter verbreitet als mancher vermutet. Die Geldgier der Nazis war ein weiterer Grund für die Ermordung vieler Juden und anderer Opfer.
Leider waren einzelne Mitglieder unserer Eigentümergemeinschaft dagegen, die Kosten von 120 Euro pro Stein aus der Gemeinschaftskasse zu bezahlen, aber es fanden sich Paten für alle sechzehn Steine. Während der Zeremonie legte eine Passantin spontan den ersten kleinen Stein auf einen der Namen. Der einzige jüdische Bewohner des Hauses konnte nicht anwesend sein, da er aus beruflichen Gründen in Asien unterwegs war. Allein in Wilmersdorf gab es 13.200 Opfer des Nazi-Regimes.
Mein herzlicher Dank geht an alle, die sich für das Gedenken an den Holocaust engagiert haben.
Henry Margolinski: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002053
Irene Margolinski: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00005297

Tsunami in der Teetasse


Blogstuff 259
„Der einsame Reisende kommt am weitesten.“ (Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht)
Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft erscheint die lange erwartete geostrategische Studie „Luxemburg – Volk ohne Raum“ von Prof. h.c. mult. Andy Bonetti.
Die Bewegung der „Gelbwesten“ in Frankreich zeigt uns, dass die Konfliktlinie Arm gegen Reich, Proletariat gegen Bourgeoisie, noch sehr lebendig ist. Hier geht es nicht um links oder rechts, Mann vs. Frau, hier geht es um den Existenzkampf der Unterschicht.
Warum essen wir Gänse, aber keine Schwäne? Ich finde Gänse viel sympathischer. Schwäne sind so arrogant, so abgehoben und hochnäsig. Sie sind die Düsseldorfer unter den Schwimmvögeln. Aber die netten Gänse würde ich am liebsten knuddeln, auch Enten sind voll in Ordnung.
Er beendete das Fallen und ging übergangslos in die Phase des Liegens über.
Die „Mietpreisbremse“ der GroKo ist ein schönes Beispiel, wie im Raumschiff Berlin gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Die Bewohner des Elfenbeinturms, die Meister des Glasperlenspiels, beschließen ein Gesetz und haben scheinbar das Problem gelöst. Umsetzen muss es der einzelne Bürger, in diesem Falle der Mieter. Der Staat hilft ihm nicht, er spricht zu ihm wie das Orakel von Delphi.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti lebte in seiner Jugend zeitweise in Miete und musste sich als Aufsichtsrat verdingen, um zum Einkommen der Familie beizutragen.
Wenn der SPIEGEL Boulevardpresse ist, müsste man die BILD eigentlich als Rinnsteinpresse bezeichnen.
Die Grünen als Partei der bürgerlichen Mitte, angereichert mit Veganer-Lametta und Pandabärenfolklore.
Natürlich hatte er einen Plan. Ziemlich oft sogar, aber nie den gleichen. Wer sein Leben nach einem einzigen Plan ausrichtet, muss völlig wahnsinnig sein.
Wenn Trump nach Berlin kommt, knalle ich ihn einfach ab. Das ist gelebte Völkerfreundschaft.
Wenn man an der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien hält, betritt man eine Welt, die jedem Besucher schlagartig klar macht, warum die Menschheit ein monströser Scheißhaufen ist und keine Zukunft hat. Hier gibt es in schäbigen Baracken Schnaps, gefälschte Zigaretten, Gartenzwerge, Tinnef und Talmi in absurder Form und niederschmetternder Qualität. Auf der Straße gibt es Nutten und Drogen. Es ist das Ende der Welt und das Ende der Zeit.
Ich kann auch mit Zahlensymbolen operieren. „1894“ steht auf meinem T-Shirt – A H I D. Adolf Hitler ist doof.
Höhepunkt politischer Korrektheit: Als Weiße mit Rastafrisur können Sie heutzutage bei der Commerzbank arbeiten, aber kein Reggaekonzert besuchen, weil Sie sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig gemacht haben. Das Tragen von Baskenmützen sollte auch verboten werden, weil die Basken eine unterdrückte Minderheit in Europa sind. Was ist mit dem Didgeridoo und der Ukulele? Oder mit sprachlichen Aneignungen wie „meschugge“ und „Savoir-vivre“?
Er ist wieder da. Irgendwo in Bayern, heißt es. Ich sitze als Beifahrer in einem Auto – mit Marco Reus am Steuer. Es liegt tiefer Schnee auf den Straßen, Marco telefoniert aufgeregt, wir cruisen und schlittern durch die Stadt. „Wie viel Geld hast du?“ fragt er mich. Ich habe 250 Euro in bar und kann notfalls noch Geld abheben. Marco hat auch noch ein paar Kröten. Wir beschließen, nach Bayern zu fahren und uns diese Nazi-Drecksau zu schnappen. (Traum vom 23.11.2018)
Theodor Shitstorm – Rock’n Roll. https://www.youtube.com/watch?v=6Fr2L1ikV3I

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Erotica

Das erotische Leben eines Mannes hat erstaunlich oft mit Krankenschwestern und Ärztinnen zu tun, für einige von uns beginnt dieser Lebensabschnitt im geheimnisvollen Reich der Medizin, so wie unser Leben im Regelfall in einem Krankenhaus beginnt. Für die bedauerlichen Exemplare meines Geschlechts war es zu meiner Jugendzeit der eiskalte Griff einer steinalten Ärztin ins zarte Gemächte, sicherlich der Tiefpunkt der demütigenden Musterung im Kreiswehrersatzamt, nicht selten Auslöser lebenslanger Traumata beim Anblick medizinischen Personals. Nicht so bei mir.
Es war Frühling 1980, die Sonne schien, die Vöglein zwitscherten um die Wette, als ich zu einer Operation in eine Mainzer Klinik musste. Nichts Aufregendes, eine Leistenoperation. Aber der Arzt, der meinen Unterleib untersuchte, ordnete eine Rasur des Schambereichs an. Ich war dreizehn Jahre alt und hatte es nun amtlich, dass ich genug Haare am Sack hatte. An dem Tag, an dem die beiden blutjungen und bildschönen Krankenschwestern mit einem verschwörerischen Lächeln das Zimmer betraten, wurde ich zum Mann.
Beide hatten dunkelbraunes langes Haar, eine mit wilden Locken, eine glatt und glänzend. Während die Schwester mit dem glatten Haar neben dem Bett stand und mir abwechselnd ins Gesicht lächelte und auf meine erblühende Mannespracht starrte, packte die Gelockte einen Einmalrasierer aus und beugte sich tief über meine Familienjuwelen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat. Es war aufregend, schön und nahm einfach kein Ende. Damals hatten die Krankenschwestern noch extrem kurze weiße Kittel an, die weit über den Knien endeten, und nicht diese schlabbrigen blauen Hosen und Hemden, die man heutzutage trägt und in denen sie aussehen wie Fabrikarbeiterinnen.
Noch heute finde ich ein Krankenschwesterkostüm sehr erotisch. Während meines Zivildienstes im Altersheim bin ich mal bei einem Betriebsausflug mit einer drallen Blondine Geisterbahn gefahren, weil sie das unbedingt wollte. In der Finsternis zwischen Gespenstern und Geköpften küsste sie mich wild. Ich schob meine Hand unter ihr T-Shirt, sie hatte keinen BH an, es war wie im Film. Die Welt der Erotik besteht nicht nur aus schwarzem Leder, sondern auch aus weißen Kitteln. Und Sie, liebe Lesende, dürfen jetzt über die äußerst delikate Frage nachdenken, ob ich in jenem unvergesslichen Frühling eine Erektion hatte oder nicht.
Madness – It Must Be Love. https://www.youtube.com/watch?v=vmezIIrFQmY

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Perfides Albion!

Es ist egal, was Ihr in den nächsten Monaten macht, degenerierte Engländer. Ihr könnt uns nicht entkommen, Eure kleine Insel liegt immer noch wehrlos vor der Küste unseres Imperiums. Wir kennen Eure geheimen Wünsche. Ihr wollt von einem Hunnen beherrscht werden. Von einem Nazi in schwarzem Leder. Mit einer Peitsche. Ihr könnt ohne Deutschland nicht leben, selbst in den Adern der Royal Family fließt deutsches Blut. Ohne diese Obsession seid Ihr nur ein schäbiges Stück Nichts. Wir sehen uns wieder. Brüssel. Berlin. Skagerrak.
Euer Written Word Artist Keith Schreiber

Tenpole Tudor - Wunderbar. https://www.youtube.com/watch?v=3bx7QFFlV9M
Monty Python: https://www.youtube.com/watch?v=YzRbC7lQ-EQ

Mieten ist das neue Rauchen


Blogstuff 258
„Die Kunst ist ein so schönes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen, um ihn denken zu lehren und sehen; um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Kräfte weckt und steigert.“ (Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde)
Ozzy Osbourne wurde mal von seinem Arzt gefragt, welche Drogen er nimmt und ob er eine Liste machen könnte. Ozzy antwortete, die Liste mit den Drogen, die er nicht nimmt, wäre wesentlich kürzer. So geht es mir mit den Dingen, die ich gerne esse und trinke.
Ich bin auf dem Weg von Berlin in den Wilden Westen aka Hunsrück mit einer fast leeren Reisetasche unterwegs, nur meine handschriftlichen Notizen und drei Bücher habe ich dabei. Bin ich a) ein Schauspieler, der in einem Film über Zugreisen mitspielt und sich als Method Actor in die Rolle einarbeitet, wegen eines Rückenleidens aber keine schwere Tasche tragen kann, b) ein Agent, der sich als Reisender tarnt und in einem ICE ohne Gepäck auffallen würde, oder c) ein Kurier, der auf der Rückreise ist, nachdem er in Berlin den Inhalt der Tasche (Drogen? Leichenteile? Geheimpapiere?) abgeliefert hat? Alles falsch. Ich bin einfach ein komischer Kauz. Exzentriker brauchen keine Begründungen für ihr seltsames Verhalten.
Meinen letzten öffentlichen Auftritt als Schriftsteller hatte ich 2006 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Der direkte Kontakt zum Leser ist unglaublich kräfteraubend und deprimierend. Danach kann ich tagelang nicht schreiben, deswegen habe ich es aufgegeben. Natürlich schmeichelt es der eigenen Eitelkeit, wenn man Bücher signiert. Aber es wiegt den Aufwand an Zeit und Energie nicht auf. Obwohl ich damals um ein Haar im Hotelzimmer einer jüdischen Professorin gelandet wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Es ist Herbst, die Jahre werden kürzer.“ (Andy Bonetti, 52)
Stellen Sie sich vor, Sie wären mit einem Künstler verheiratet. Sie kommen nach einem langen und harten Arbeitstag nach Hause und der feine Herr liegt auf dem Sofa. Er hat noch nicht mal den Abwasch gemacht. Sie verdienen das Geld und er hat „Kunst“. Geben Sie sich über die Verdienstmöglichkeiten eines Künstlers keinen großen Hoffnungen hin. In den Medien sind immer nur die wenigen erfolgreichen Exemplare zu bewundern. Dieses Leben wird Ihnen sehr schnell auf den Nerv gehen. Künstler sind schlimmer als Katzen – und in der Haltung wesentlich kostspieliger.
„Einmal Magenbluten durch einen Kalauer, bitte!“ – „Warum gibt es eigentlich Zahnpasta, aber keine Zahnpizza?“ – „Danke, reicht.“
Man entwickelt sich immer weiter – gerne auch mal abwärts.
Meldung des Tages: „Die Bundesregierung will die Schulen mit Milliardenbeträgen unterstützen, damit sie mit digitalen Tafeln ausgestattet werden können. Kreidehersteller nachbörslich schwach.“
Erster Advent. Auf den Tischen meines Stamm-Vietnamesen in Berlin stehen Plastikblumen in leeren Weizenbiergläsern. Ich liebe diese Form der Besinnlichkeit.
Mit sorgfältig ausgewählten und auswendig gelernten Formulierungen bewegt er sich durch das Interview. Gelassen, ohne behäbig zu wirken, behutsam, ohne zu langweilen, engagiert, ohne aggressiv zu sein, wandelt er auf dem schmalen Pfad zwischen brachialem Eigenlob und falscher Bescheidenheit. Jetzt kommt die Moderatorin zur Kernfrage: „Können Sie“ – kleine Kunstpause – „Kanzler?“ Bonetti lächelt. Auf diese Frage haben ihn seine Spin Doctors intensiv vorbereitet.
Aus aktuellem Anlass: Eric Clapton – Peaches and Diesel. https://www.youtube.com/watch?v=mFH-sxtpkJ4

Dienstag, 11. Dezember 2018

Das verrückte Promi-Plätzchenbacken mit dem Kiezschreiber


Nein, das ist nicht Hasan „Brazzo“ Salihamidžić vom FC Bayern, das bin ich auf der Kurischen Nehrung im Sommer 2000.



Dieser Cartoon hängt über der Kaffeemaschine in der Kiezschreiber-Redaktion.



Diese Puppe wünsche ich mir von Ihnen, liebe Lesende, zu Weihnachten. Sonst nichts.



Sicher haben Sie seit Tagen auf meinen Kommentar zur neuen CDU-Spitze gewartet. Das ist er.

Wie die Verschwörung wirklich läuft

Kennen Sie das Bankhaus Stralauer? Sehen Sie, keiner kennt es. Obwohl es überall in Berlin Filialen dieser Bank gibt. Aber keiner würde jemals eine dieser Filialen betreten, weil man ja kein Kunde ist. Heute möchte ich Ihnen das Geheimnis verraten, das hinter dem Bankhaus Stralauer steckt.
Hier verbergen sich die Eingänge zu Berlins exklusivem U-Bahn-Netz. Neben dem bekannten Netz der BVG, das für gewöhnliche Menschen, für Hinz und Kunz, für Sie und Ihre Familie angelegt wurde, gibt es noch ein First Class-Netz mit eigenen Bahnhöfen und Tunneln. Haben Sie sich noch nie gefragt, warum Bauvorhaben in Berlin so teuer sind und so lange dauern. Das Geld und die Arbeitszeit der Ingenieure und Arbeiter werden für das geheime Netz gebraucht.
In den Zügen sind Prominente, Politiker, Industrielle und Berlin-Insider wie ich unterwegs. Selbstverständlich müssen wir keine Fahrkarten kaufen. Die Züge kommen alle drei Minuten, jeden Tag, jede Nacht. Wir sitzen in bequemen Polstersesseln und hören gute Musik. Natürlich gibt es auch Speisewagen, wo es Lachshäppchen und Sekt bis zum Abwinken gibt.
Neulich habe ich den Regierenden Bürgermeister getroffen, der im Keller des Roten Rathauses übrigens eine eigene Station hat. Ich habe ihn gefragt, wie es mit dem Bau des First Class-Flughafens vorangeht, der mit abgezweigten BER-Milliarden gerade in Blumberg nordöstlich von Berlin entsteht. Schließlich wollen Menschen wie Herr Müller und ich nicht mit Hinz und Kunz – Sie verstehen?
Eröffnung sei im nächsten Sommer, sagte er mir. Spezielle Flugzeuge kämen zum Einsatz, in denen es nur Plätze der ersten Klasse gäbe. Im Abfertigungsgebäude selbstverständlich Sterne-Gastronomie und Brandschutz vom Feinsten, keine lästigen Security-Checks, denn die wären ja bei unsereinem nicht nötig.
Wurde aber auch höchste Eisenbahn, antwortete ich. Dann lachten wir alle, wir lachten über diese Stadt und über die Dämlichkeit der Steuerzahler.
***
Vor der Wiedervereinigung hat die Regierung in Bonn jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag nach Berlin überwiesen, mit dem der berühmt-berüchtigte Filz aus Baulöwen, Finanzjongleuren und Politikern alimentiert wurde. Als damit Schluss war, machte man erst einmal auf Pump weiter. Der Bankenskandal und die zerrütteten Finanzen der Stadt waren das Ergebnis. Jetzt hat man den Flughafenneubau als Geldzapfsäule installiert. Er wird erst eröffnet, wenn ein neues Fass ohne Boden aufgemacht werden kann.
Konkret läuft die Sache genauso wie die Geldwäsche in der Gastronomie. Niemand kann im Nachhinein juristisch einwandfrei belegen, wie viele Gäste an einem Abend im Lokal waren und wie viele Essen und Getränke verkauft wurden. Übrig bleiben nur Abrechnungen, z.B. mit Lieferanten. Der Papierkram ist immer sauber, da über den eigentlichen Betrug natürlich nicht Buch geführt wird.
BER: Wer kann bei einer Buchprüfung wirklich sagen, ob in jenem Monat X zwei oder zehn Bagger auf der Baustelle waren? Ob die fünftausend Arbeitsstunden, die abgerechnet wurden, auch tatsächlich geleistet wurden? Vielleicht waren es nur tausend? Die Wirtschaftsprüfer, die in einem solchen Fall eingesetzt werden, haben die Baustelle nie gesehen. Sie kennen nur die Abrechnungen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, ebenso wie die beteiligten Unternehmensberatungen, haben nur Interesse an ihrem Honorar und Folgeaufträgen. Niemand aus dem Reich der grauen Anzugträger mit BWL-Hintergrund würde jemals den Ehrgeiz entwickeln, einen Skandal aufzudecken. Sollten die Bücher tatsächlich nicht stimmen, berichten sie es treuherzig den beteiligten Firmen und sicher nicht der Polizei.
Wenn sich Auftraggeber und Auftragnehmer einig sind, kann die beauftragte Baufirma Phantasiesummen abrechnen und den zuständigen Herren von der Bauleitung eine schöne Provision auf ein anonymes Konto in einer Steueroase zukommen lassen. Auf dem Papier ist alles in Ordnung. Diese Art von Kriminalität ist schwer nachzuweisen. Misstrauische Politiker bekommen Schmiergeld oder eine fette Parteispende, Journalisten fehlt die Zeit und die Kompetenz für eine aufwendige Recherche.
Max Romeo - Chase The Devil. https://www.youtube.com/watch?v=WpIAc9by5iU

Montag, 10. Dezember 2018

The cloudless blue


Blogstuff 257

 „Berge hammwa nich, aber wennwa welche hätten, wärense die höchsten.“ (Berliner Spruch)

In der U8 Richtung Hermannplatz: „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Andrea, ich bin aussichtslos und verkaufe das Straßenmagazin ‚Vorwärts‘. Fünfzig Prozent vom Erlös gehen an die SPD, fünfzig Prozent bekomme ich. Ich freue mich auch über eine kleine Spende, damit ich mir was zu essen kaufen kann. Oder geben Sie uns wenigstens bei einer Meinungsumfrage Ihre Stimme. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen schönen Tag noch.“

Aus unserer neuen Rubrik „Juwelen der Unterhaltungskunst“: Was reimt sich auf Helsinki? Wasserski, Wasserski.

Manche kriegen von Begriffen wie Nation oder Heimat schon einen Schwips, vom Reich und von der Rasse sind sie regelrecht besoffen.

Habeck ist der neue Guru. Der macht auch Hackfleisch wieder lebendig.

Ich habe mein ganzes Geld in Quinoa und Grünkern investiert, nicht in Aktien. Läuft. Wenn Sie demnächst die Werbung sehen:„Sojaschnitzel aus eigener Schlachtung – Tofuwurst aus Freilandhaltung“, da stecke ich dahinter.

Zurück im knallharten Blogbusiness: Ackerboy. Freut mich sehr. Schaut bitte massenhaft rein!

https://ackerbaupankow.blogspot.com/

Schach ist der ultimative Zweikampf. Es geht nicht um körperliche Überlegenheit, um Macht oder Besitz. Glück, Beliebtheit oder Bekanntheit spielen auch keine Rolle. Zwei Menschen setzen sich an einen Tisch mit Spielfiguren und schweigen. Es ist der reine Kampf der Gehirne, Zivilisation und Kultur in Perfektion. In den letzten fünftausend Jahren ist wenig Vergleichbares auf diesem Niveau entwickelt worden.

Nach dem alkoholfreien Bier und der zucker- und koffeinfreien Cola müssen wir demnächst mit dem THC-freien Joint rechnen.

Hätten Sie’s gewusst? Jenes süße Blätterteiggebäck, das in Deutschland den ordinären Namen „Schweinsohr“ bekommen hat, bezeichnet man in der Schweiz als Dessertpreussen oder Prussiens. Wer hat’s erfunden? Das Rezept für Blätterteig brachten die Kreuzritter im Spätmittelalter aus dem arabischen Raum mit. Die Franzosen behaupten, das Gebäck, das sie selbst als Cœurs de France oder Palmier bezeichnen, wäre 1848 in Paris erfunden worden.

Auf der Fahrt nach Berlin komme ich im Abteil mit einem alten Schwaben ins Gespräch. Er war zuletzt vor dreißig Jahren in Berlin, als die Mauer noch stand. Damals hat er als Busfahrer eine Schulklasse nach West-Berlin gefahren. Weil er auf der Transitstrecke in der DDR auf einem Rastplatz angehalten hat, weil die Kinder unbedingt auf die Toilette mussten, hielten ihn die Vopos drei Stunden fest und lasen ihm aus einem dicken Buch das Transitabkommen vor. Darüber regt er sich heute noch auf. Ist ja auch viel Geld in den Osten geflossen, meint er. Aber die Richtung stimmt, was die Regierung Merkel angeht. Bis auf die Flüchtlinge. Als wir am Hauptbahnhof aussteigen, fragt er mich, ob er die leere Plastikflasche mitnehmen kann, die ich auf dem Tisch stehen gelassen hatte, als kleine Geste gegenüber den Reinigungskräften. Natürlich, sage ich, gerne. Er wird sie bei seinem dreitägigen Aufenthalt in der Hauptstadt in seinem riesigen Koffer mitschleppen und am Montag im Schwabenland gegen 25 Cent eintauschen. Aus solchen kleinen Szenen besteht Deutschland.

Tony Joe White - Polk Salad Annie. https://www.youtube.com/watch?v=MCSsVvlj6YA


Sonntag, 9. Dezember 2018

Berlin, wie es einmal war

Was waren das für schöne Zeiten, als ich 1991 nach Kreuzberg gezogen bin. Die Straßen waren sauber, die Bürgersteige nicht minder, und die Menschen konnten einander vertrauen.
Dennoch begab es sich zu dieser Zeit, dass mein Fahrrad gestohlen wurde. Ich ging also zur nächsten Polizeiwache und meldete die Straftat. Der zuständige Beamte war entsetzt, als er von dem Diebstahl hörte, und schüttelte fassungslos den Kopf. Dann sah er mir tief in die Augen und drückte mich fest an seine uniformierte Brust.
Sofort nahm er eine Beschreibung zu Protokoll und faxte sie an sämtliche Berliner Dienststellen. Die Mannschaftswagen rückten mit Blaulicht aus und alsbald durchkämmte eine Hundertschaft den Wrangelkiez. Fernbahnhöfe, Flughäfen und der Autobahnring wurden überwacht, Hubschrauber kreisten über der Stadt und sicherheitshalber wurde die Grenze zu Polen geschlossen. Radio- und Fernsehsender unterbrachen das laufende Programm für Sondersendungen.
Und heute? Der Beamte fragt Sie höchstens, was Sie bei der Polizei verloren haben, und erklärt Ihnen, dass Sie das Fahrrad für hundert Euro am Maybachufer zurück kaufen können.
Queen - Bicycle Race. https://www.youtube.com/watch?v=GugsCdLHm-Q

Donnerstag, 15. November 2018

Auf Wiedersehen

„Bahnhof Bad Nauheim. Mit einem Seufzer der Erleichterung stellen die acht Träger die Sänfte am Bahnsteig ab. Meister Bonetti, Literaturnobelpreisträger und Liebhaber der kulinarischen Künste, erhebt sich von seiner Ottomane. Sein Kammerdiener Johann gibt ihm noch einen sanften Schubs, dann steht er vor dem Zug. Der von der Firma Pullman Palace Car Company handgeschmiedete Eisenbahnwagen ist ganz in den Farben Bordeauxrot und Gold gehalten. Das Personal hilft ihm die wenigen Stufen hinauf und der Meister lässt sich in einen schweren Ledersessel fallen. Seine Zofe tupft ihm die Schweißtropfen von der Stirn und streift ihm die Seidenpantoffel über die Füße. Es ist wieder einmal an der Zeit, seine Latifundien in der Hauptstadt mit einem Besuch zu beehren und ein wenig das Leben der kleinen Leute zu studieren, um seinem geneigten Publikum von der ach so grausamen Welt da draußen zu berichten. Der Bonetti-Zug. Seit Jahren erfolgreich. Er hat immer freie Fahrt. Während schlecht gelaunte und schlecht bezahlte Angestellte in ihren billigen Dritte-Welt-Zügen auf die Weiterfahrt warten, rauscht der Bonetti-Zug durch das Land. Mit einem milden Lächeln quittiert der Meister ein Glas Moët & Chandon Brut Impérial, das ihm von seinem zwergwüchsigen Lakaien Billy Masser auf einem Silbertablett serviert wird.“ (Lukretzia Zwicklbauer: Andy Bonetti - Tausendsassa und Prophet)
Liebe Lesende!
Die nächsten Wochen bin ich wieder offline. Also richtig raus aus dem E-Business. Keine Texte, Kommentare werden nicht freigeschaltet und Mails kann ich nicht beantworten.
Sollten Sie in den nächsten Wochen einem großen, gutaussehenden Mann begegnen, der ein Kamerateam im Schlepptau hat – das bin ich. Arte dreht gerade eine zwölfteilige Dokumentation über mein Leben als Literaturikone.
Ich melde mich im Dezember mit fangfrischem Content aus der Hauptstadt. Bis dahin alles Gute!
Euer verdienter Blogger des Volkes

Ihr Völker der Welt, schaut auf dieses Video: John F. & Die Gropiuslerchen - Berlin, Berlin (1987). https://www.youtube.com/watch?v=8ypOJ_05KV0
P.S.: Der Name Billy Masser ist ein Hinweis auf einen Seelenverwandten von Andy Bonetti, der vor zweihundert Jahren mit einem Gespann aus vier weißen Hirschen durch Berlin zu fahren pflegte. Finden Sie es heraus!

Mittwoch, 14. November 2018

Kapitalismus und Rassismus, Episode 624

War die erste Weltausstellung, die 1851 im Londoner Crystal Palace stattfand, noch eine reine Leistungsschau der industriellen Bourgeoisie, bei der es für die Arbeiterschaft spezielle Führungen und ermäßigten Eintritt gab, um sie von den Errungenschaften des Fortschritts zu überzeugen, wurden ab der Weltausstellung 1867 in Paris ebenso die Errungenschaften des Imperialismus und des Kolonialismus präsentiert. Es gab Pavillons, in denen Menschen aus nicht-europäischen Ländern zu besichtigen waren. 1893 wurden in Chicago alle „Rassen“ nach ihrer „Fortschrittlichkeit“ geordnet vorgestellt. Es gab zum Beispiel ein „Schweizerdorf“ und ein „Negerdorf“. In St. Louis wurde 1904 ein komplettes philippinisches Dorf auf zwanzig Hektar aufgebaut, das von 1200 Darstellern bewohnt war. Im Rahmen dieser Weltausstellung fanden auch die Olympischen Sommerspiele statt, an denen allerdings nur Weiße teilnehmen durften. Für die Angehörigen der „wilden und primitiven Stämme“ wurden gesonderte „Anthropologischen Spiele“ organisiert, in denen sie zur Belustigung des weißen Publikums gegeneinander antraten.

Die ultimative Pampa

Das Schöne am Hunsrück ist ja: Da ist nix. Da will keiner hin und wenn du mit 18 deinen Führerschein hast, dann haust du auch sofort ab. Wald, Wald, eine Wiese, dahinter wieder Wald. Im Hunsrück gibt es Dörfer, da leben vielleicht fünfzig Leute. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die wissen, dass es mal eine Wiedervereinigung gab.
1945, bei Kriegsende, da haben die Leute schon mitbekommen, was los war. Der Pfarrer hat am Kirchturm ein weißes Bettlaken rausgehängt, alle haben die Türen und Fenster zugemacht, dann kam der Amerikaner. Fuhr mit seinen Jeeps und Panzern auf der einen Seite ins Dorf rein, fuhr auf der Hauptstraße durch den Ort und auf der anderen Seite wieder raus, ohne auch nur einen einzigen Kaugummi oder eine Zigarette zu hinterlassen.
Bei der Maueröffnung war es schon anders. Erst nach über einem Monat rollte der erste Trabant durchs Dorf. Fürchterlich laut und schrecklich qualmend wie der Drache aus dem Nibelungenlied, aber dann kam nur ein winziges hellblaues Auto vorbeigeknattert. Ein Zonen-Kolumbus entdeckt den Hunsrück. Angehalten hat er natürlich auch nicht. Wie die Amerikaner.
Bis heute hat man hier nur mit dem Telekom-Netz Handy-Empfang. Besucher mit anderen Anbietern schauen mich jedes Mal fassungslos an. Manche jungen Leute müssen warten, bis sie am Montag in die Kreisstadt zur Schule fahren, um mitzukriegen, was am Wochenende auf der Welt oder bei WhatsApp los war. Dann lachen die anderen Schüler über die blöden Hunsrücker. Dieser Landstrich ist Deutsch-Uganda, da machst du nix.
Madness - Baggy Trousers. https://www.youtube.com/watch?v=Dc3AovUZgvo

Das "Theater der Träume" in Wichtelbach.