Donnerstag, 13. Dezember 2018

Erotica

Das erotische Leben eines Mannes hat erstaunlich oft mit Krankenschwestern und Ärztinnen zu tun, für einige von uns beginnt dieser Lebensabschnitt im geheimnisvollen Reich der Medizin, so wie unser Leben im Regelfall in einem Krankenhaus beginnt. Für die bedauerlichen Exemplare meines Geschlechts war es zu meiner Jugendzeit der eiskalte Griff einer steinalten Ärztin ins zarte Gemächte, sicherlich der Tiefpunkt der demütigenden Musterung im Kreiswehrersatzamt, nicht selten Auslöser lebenslanger Traumata beim Anblick medizinischen Personals. Nicht so bei mir.
Es war Frühling 1980, die Sonne schien, die Vöglein zwitscherten um die Wette, als ich zu einer Operation in eine Mainzer Klinik musste. Nichts Aufregendes, eine Leistenoperation. Aber der Arzt, der meinen Unterleib untersuchte, ordnete eine Rasur des Schambereichs an. Ich war dreizehn Jahre alt und hatte es nun amtlich, dass ich genug Haare am Sack hatte. An dem Tag, an dem die beiden blutjungen und bildschönen Krankenschwestern mit einem verschwörerischen Lächeln das Zimmer betraten, wurde ich zum Mann.
Beide hatten dunkelbraunes langes Haar, eine mit wilden Locken, eine glatt und glänzend. Während die Schwester mit dem glatten Haar neben dem Bett stand und mir abwechselnd ins Gesicht lächelte und auf meine erblühende Mannespracht starrte, packte die Gelockte einen Einmalrasierer aus und beugte sich tief über meine Familienjuwelen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat. Es war aufregend, schön und nahm einfach kein Ende. Damals hatten die Krankenschwestern noch extrem kurze weiße Kittel an, die weit über den Knien endeten, und nicht diese schlabbrigen blauen Hosen und Hemden, die man heutzutage trägt und in denen sie aussehen wie Fabrikarbeiterinnen.
Noch heute finde ich ein Krankenschwesterkostüm sehr erotisch. Während meines Zivildienstes im Altersheim bin ich mal bei einem Betriebsausflug mit einer drallen Blondine Geisterbahn gefahren, weil sie das unbedingt wollte. In der Finsternis zwischen Gespenstern und Geköpften küsste sie mich wild. Ich schob meine Hand unter ihr T-Shirt, sie hatte keinen BH an, es war wie im Film. Die Welt der Erotik besteht nicht nur aus schwarzem Leder, sondern auch aus weißen Kitteln. Und Sie, liebe Lesende, dürfen jetzt über die äußerst delikate Frage nachdenken, ob ich in jenem unvergesslichen Frühling eine Erektion hatte oder nicht.
Madness – It Must Be Love. https://www.youtube.com/watch?v=vmezIIrFQmY

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Perfides Albion!

Es ist egal, was Ihr in den nächsten Monaten macht, degenerierte Engländer. Ihr könnt uns nicht entkommen, Eure kleine Insel liegt immer noch wehrlos vor der Küste unseres Imperiums. Wir kennen Eure geheimen Wünsche. Ihr wollt von einem Hunnen beherrscht werden. Von einem Nazi in schwarzem Leder. Mit einer Peitsche. Ihr könnt ohne Deutschland nicht leben, selbst in den Adern der Royal Family fließt deutsches Blut. Ohne diese Obsession seid Ihr nur ein schäbiges Stück Nichts. Wir sehen uns wieder. Brüssel. Berlin. Skagerrak.
Euer Written Word Artist Keith Schreiber

Tenpole Tudor - Wunderbar. https://www.youtube.com/watch?v=3bx7QFFlV9M
Monty Python: https://www.youtube.com/watch?v=YzRbC7lQ-EQ

Mieten ist das neue Rauchen


Blogstuff 258
„Die Kunst ist ein so schönes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zurückzuführen, um ihn denken zu lehren und sehen; um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Kräfte weckt und steigert.“ (Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde)
Ozzy Osbourne wurde mal von seinem Arzt gefragt, welche Drogen er nimmt und ob er eine Liste machen könnte. Ozzy antwortete, die Liste mit den Drogen, die er nicht nimmt, wäre wesentlich kürzer. So geht es mir mit den Dingen, die ich gerne esse und trinke.
Ich bin auf dem Weg von Berlin in den Wilden Westen aka Hunsrück mit einer fast leeren Reisetasche unterwegs, nur meine handschriftlichen Notizen und drei Bücher habe ich dabei. Bin ich a) ein Schauspieler, der in einem Film über Zugreisen mitspielt und sich als Method Actor in die Rolle einarbeitet, wegen eines Rückenleidens aber keine schwere Tasche tragen kann, b) ein Agent, der sich als Reisender tarnt und in einem ICE ohne Gepäck auffallen würde, oder c) ein Kurier, der auf der Rückreise ist, nachdem er in Berlin den Inhalt der Tasche (Drogen? Leichenteile? Geheimpapiere?) abgeliefert hat? Alles falsch. Ich bin einfach ein komischer Kauz. Exzentriker brauchen keine Begründungen für ihr seltsames Verhalten.
Meinen letzten öffentlichen Auftritt als Schriftsteller hatte ich 2006 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Der direkte Kontakt zum Leser ist unglaublich kräfteraubend und deprimierend. Danach kann ich tagelang nicht schreiben, deswegen habe ich es aufgegeben. Natürlich schmeichelt es der eigenen Eitelkeit, wenn man Bücher signiert. Aber es wiegt den Aufwand an Zeit und Energie nicht auf. Obwohl ich damals um ein Haar im Hotelzimmer einer jüdischen Professorin gelandet wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Es ist Herbst, die Jahre werden kürzer.“ (Andy Bonetti, 52)
Stellen Sie sich vor, Sie wären mit einem Künstler verheiratet. Sie kommen nach einem langen und harten Arbeitstag nach Hause und der feine Herr liegt auf dem Sofa. Er hat noch nicht mal den Abwasch gemacht. Sie verdienen das Geld und er hat „Kunst“. Geben Sie sich über die Verdienstmöglichkeiten eines Künstlers keinen großen Hoffnungen hin. In den Medien sind immer nur die wenigen erfolgreichen Exemplare zu bewundern. Dieses Leben wird Ihnen sehr schnell auf den Nerv gehen. Künstler sind schlimmer als Katzen – und in der Haltung wesentlich kostspieliger.
„Einmal Magenbluten durch einen Kalauer, bitte!“ – „Warum gibt es eigentlich Zahnpasta, aber keine Zahnpizza?“ – „Danke, reicht.“
Man entwickelt sich immer weiter – gerne auch mal abwärts.
Meldung des Tages: „Die Bundesregierung will die Schulen mit Milliardenbeträgen unterstützen, damit sie mit digitalen Tafeln ausgestattet werden können. Kreidehersteller nachbörslich schwach.“
Erster Advent. Auf den Tischen meines Stamm-Vietnamesen in Berlin stehen Plastikblumen in leeren Weizenbiergläsern. Ich liebe diese Form der Besinnlichkeit.
Mit sorgfältig ausgewählten und auswendig gelernten Formulierungen bewegt er sich durch das Interview. Gelassen, ohne behäbig zu wirken, behutsam, ohne zu langweilen, engagiert, ohne aggressiv zu sein, wandelt er auf dem schmalen Pfad zwischen brachialem Eigenlob und falscher Bescheidenheit. Jetzt kommt die Moderatorin zur Kernfrage: „Können Sie“ – kleine Kunstpause – „Kanzler?“ Bonetti lächelt. Auf diese Frage haben ihn seine Spin Doctors intensiv vorbereitet.
Aus aktuellem Anlass: Eric Clapton – Peaches and Diesel. https://www.youtube.com/watch?v=mFH-sxtpkJ4

Dienstag, 11. Dezember 2018

Das verrückte Promi-Plätzchenbacken mit dem Kiezschreiber


Nein, das ist nicht Hasan „Brazzo“ Salihamidžić vom FC Bayern, das bin ich auf der Kurischen Nehrung im Sommer 2000.



Dieser Cartoon hängt über der Kaffeemaschine in der Kiezschreiber-Redaktion.



Diese Puppe wünsche ich mir von Ihnen, liebe Lesende, zu Weihnachten. Sonst nichts.



Sicher haben Sie seit Tagen auf meinen Kommentar zur neuen CDU-Spitze gewartet. Das ist er.

Wie die Verschwörung wirklich läuft

Kennen Sie das Bankhaus Stralauer? Sehen Sie, keiner kennt es. Obwohl es überall in Berlin Filialen dieser Bank gibt. Aber keiner würde jemals eine dieser Filialen betreten, weil man ja kein Kunde ist. Heute möchte ich Ihnen das Geheimnis verraten, das hinter dem Bankhaus Stralauer steckt.
Hier verbergen sich die Eingänge zu Berlins exklusivem U-Bahn-Netz. Neben dem bekannten Netz der BVG, das für gewöhnliche Menschen, für Hinz und Kunz, für Sie und Ihre Familie angelegt wurde, gibt es noch ein First Class-Netz mit eigenen Bahnhöfen und Tunneln. Haben Sie sich noch nie gefragt, warum Bauvorhaben in Berlin so teuer sind und so lange dauern. Das Geld und die Arbeitszeit der Ingenieure und Arbeiter werden für das geheime Netz gebraucht.
In den Zügen sind Prominente, Politiker, Industrielle und Berlin-Insider wie ich unterwegs. Selbstverständlich müssen wir keine Fahrkarten kaufen. Die Züge kommen alle drei Minuten, jeden Tag, jede Nacht. Wir sitzen in bequemen Polstersesseln und hören gute Musik. Natürlich gibt es auch Speisewagen, wo es Lachshäppchen und Sekt bis zum Abwinken gibt.
Neulich habe ich den Regierenden Bürgermeister getroffen, der im Keller des Roten Rathauses übrigens eine eigene Station hat. Ich habe ihn gefragt, wie es mit dem Bau des First Class-Flughafens vorangeht, der mit abgezweigten BER-Milliarden gerade in Blumberg nordöstlich von Berlin entsteht. Schließlich wollen Menschen wie Herr Müller und ich nicht mit Hinz und Kunz – Sie verstehen?
Eröffnung sei im nächsten Sommer, sagte er mir. Spezielle Flugzeuge kämen zum Einsatz, in denen es nur Plätze der ersten Klasse gäbe. Im Abfertigungsgebäude selbstverständlich Sterne-Gastronomie und Brandschutz vom Feinsten, keine lästigen Security-Checks, denn die wären ja bei unsereinem nicht nötig.
Wurde aber auch höchste Eisenbahn, antwortete ich. Dann lachten wir alle, wir lachten über diese Stadt und über die Dämlichkeit der Steuerzahler.
***
Vor der Wiedervereinigung hat die Regierung in Bonn jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag nach Berlin überwiesen, mit dem der berühmt-berüchtigte Filz aus Baulöwen, Finanzjongleuren und Politikern alimentiert wurde. Als damit Schluss war, machte man erst einmal auf Pump weiter. Der Bankenskandal und die zerrütteten Finanzen der Stadt waren das Ergebnis. Jetzt hat man den Flughafenneubau als Geldzapfsäule installiert. Er wird erst eröffnet, wenn ein neues Fass ohne Boden aufgemacht werden kann.
Konkret läuft die Sache genauso wie die Geldwäsche in der Gastronomie. Niemand kann im Nachhinein juristisch einwandfrei belegen, wie viele Gäste an einem Abend im Lokal waren und wie viele Essen und Getränke verkauft wurden. Übrig bleiben nur Abrechnungen, z.B. mit Lieferanten. Der Papierkram ist immer sauber, da über den eigentlichen Betrug natürlich nicht Buch geführt wird.
BER: Wer kann bei einer Buchprüfung wirklich sagen, ob in jenem Monat X zwei oder zehn Bagger auf der Baustelle waren? Ob die fünftausend Arbeitsstunden, die abgerechnet wurden, auch tatsächlich geleistet wurden? Vielleicht waren es nur tausend? Die Wirtschaftsprüfer, die in einem solchen Fall eingesetzt werden, haben die Baustelle nie gesehen. Sie kennen nur die Abrechnungen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, ebenso wie die beteiligten Unternehmensberatungen, haben nur Interesse an ihrem Honorar und Folgeaufträgen. Niemand aus dem Reich der grauen Anzugträger mit BWL-Hintergrund würde jemals den Ehrgeiz entwickeln, einen Skandal aufzudecken. Sollten die Bücher tatsächlich nicht stimmen, berichten sie es treuherzig den beteiligten Firmen und sicher nicht der Polizei.
Wenn sich Auftraggeber und Auftragnehmer einig sind, kann die beauftragte Baufirma Phantasiesummen abrechnen und den zuständigen Herren von der Bauleitung eine schöne Provision auf ein anonymes Konto in einer Steueroase zukommen lassen. Auf dem Papier ist alles in Ordnung. Diese Art von Kriminalität ist schwer nachzuweisen. Misstrauische Politiker bekommen Schmiergeld oder eine fette Parteispende, Journalisten fehlt die Zeit und die Kompetenz für eine aufwendige Recherche.
Max Romeo - Chase The Devil. https://www.youtube.com/watch?v=WpIAc9by5iU

Montag, 10. Dezember 2018

The cloudless blue


Blogstuff 257

 „Berge hammwa nich, aber wennwa welche hätten, wärense die höchsten.“ (Berliner Spruch)

In der U8 Richtung Hermannplatz: „Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Andrea, ich bin aussichtslos und verkaufe das Straßenmagazin ‚Vorwärts‘. Fünfzig Prozent vom Erlös gehen an die SPD, fünfzig Prozent bekomme ich. Ich freue mich auch über eine kleine Spende, damit ich mir was zu essen kaufen kann. Oder geben Sie uns wenigstens bei einer Meinungsumfrage Ihre Stimme. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen schönen Tag noch.“

Aus unserer neuen Rubrik „Juwelen der Unterhaltungskunst“: Was reimt sich auf Helsinki? Wasserski, Wasserski.

Manche kriegen von Begriffen wie Nation oder Heimat schon einen Schwips, vom Reich und von der Rasse sind sie regelrecht besoffen.

Habeck ist der neue Guru. Der macht auch Hackfleisch wieder lebendig.

Ich habe mein ganzes Geld in Quinoa und Grünkern investiert, nicht in Aktien. Läuft. Wenn Sie demnächst die Werbung sehen:„Sojaschnitzel aus eigener Schlachtung – Tofuwurst aus Freilandhaltung“, da stecke ich dahinter.

Zurück im knallharten Blogbusiness: Ackerboy. Freut mich sehr. Schaut bitte massenhaft rein!

https://ackerbaupankow.blogspot.com/

Schach ist der ultimative Zweikampf. Es geht nicht um körperliche Überlegenheit, um Macht oder Besitz. Glück, Beliebtheit oder Bekanntheit spielen auch keine Rolle. Zwei Menschen setzen sich an einen Tisch mit Spielfiguren und schweigen. Es ist der reine Kampf der Gehirne, Zivilisation und Kultur in Perfektion. In den letzten fünftausend Jahren ist wenig Vergleichbares auf diesem Niveau entwickelt worden.

Nach dem alkoholfreien Bier und der zucker- und koffeinfreien Cola müssen wir demnächst mit dem THC-freien Joint rechnen.

Hätten Sie’s gewusst? Jenes süße Blätterteiggebäck, das in Deutschland den ordinären Namen „Schweinsohr“ bekommen hat, bezeichnet man in der Schweiz als Dessertpreussen oder Prussiens. Wer hat’s erfunden? Das Rezept für Blätterteig brachten die Kreuzritter im Spätmittelalter aus dem arabischen Raum mit. Die Franzosen behaupten, das Gebäck, das sie selbst als Cœurs de France oder Palmier bezeichnen, wäre 1848 in Paris erfunden worden.

Auf der Fahrt nach Berlin komme ich im Abteil mit einem alten Schwaben ins Gespräch. Er war zuletzt vor dreißig Jahren in Berlin, als die Mauer noch stand. Damals hat er als Busfahrer eine Schulklasse nach West-Berlin gefahren. Weil er auf der Transitstrecke in der DDR auf einem Rastplatz angehalten hat, weil die Kinder unbedingt auf die Toilette mussten, hielten ihn die Vopos drei Stunden fest und lasen ihm aus einem dicken Buch das Transitabkommen vor. Darüber regt er sich heute noch auf. Ist ja auch viel Geld in den Osten geflossen, meint er. Aber die Richtung stimmt, was die Regierung Merkel angeht. Bis auf die Flüchtlinge. Als wir am Hauptbahnhof aussteigen, fragt er mich, ob er die leere Plastikflasche mitnehmen kann, die ich auf dem Tisch stehen gelassen hatte, als kleine Geste gegenüber den Reinigungskräften. Natürlich, sage ich, gerne. Er wird sie bei seinem dreitägigen Aufenthalt in der Hauptstadt in seinem riesigen Koffer mitschleppen und am Montag im Schwabenland gegen 25 Cent eintauschen. Aus solchen kleinen Szenen besteht Deutschland.

Tony Joe White - Polk Salad Annie. https://www.youtube.com/watch?v=MCSsVvlj6YA


Sonntag, 9. Dezember 2018

Berlin, wie es einmal war

Was waren das für schöne Zeiten, als ich 1991 nach Kreuzberg gezogen bin. Die Straßen waren sauber, die Bürgersteige nicht minder, und die Menschen konnten einander vertrauen.
Dennoch begab es sich zu dieser Zeit, dass mein Fahrrad gestohlen wurde. Ich ging also zur nächsten Polizeiwache und meldete die Straftat. Der zuständige Beamte war entsetzt, als er von dem Diebstahl hörte, und schüttelte fassungslos den Kopf. Dann sah er mir tief in die Augen und drückte mich fest an seine uniformierte Brust.
Sofort nahm er eine Beschreibung zu Protokoll und faxte sie an sämtliche Berliner Dienststellen. Die Mannschaftswagen rückten mit Blaulicht aus und alsbald durchkämmte eine Hundertschaft den Wrangelkiez. Fernbahnhöfe, Flughäfen und der Autobahnring wurden überwacht, Hubschrauber kreisten über der Stadt und sicherheitshalber wurde die Grenze zu Polen geschlossen. Radio- und Fernsehsender unterbrachen das laufende Programm für Sondersendungen.
Und heute? Der Beamte fragt Sie höchstens, was Sie bei der Polizei verloren haben, und erklärt Ihnen, dass Sie das Fahrrad für hundert Euro am Maybachufer zurück kaufen können.
Queen - Bicycle Race. https://www.youtube.com/watch?v=GugsCdLHm-Q

Donnerstag, 15. November 2018

Auf Wiedersehen

„Bahnhof Bad Nauheim. Mit einem Seufzer der Erleichterung stellen die acht Träger die Sänfte am Bahnsteig ab. Meister Bonetti, Literaturnobelpreisträger und Liebhaber der kulinarischen Künste, erhebt sich von seiner Ottomane. Sein Kammerdiener Johann gibt ihm noch einen sanften Schubs, dann steht er vor dem Zug. Der von der Firma Pullman Palace Car Company handgeschmiedete Eisenbahnwagen ist ganz in den Farben Bordeauxrot und Gold gehalten. Das Personal hilft ihm die wenigen Stufen hinauf und der Meister lässt sich in einen schweren Ledersessel fallen. Seine Zofe tupft ihm die Schweißtropfen von der Stirn und streift ihm die Seidenpantoffel über die Füße. Es ist wieder einmal an der Zeit, seine Latifundien in der Hauptstadt mit einem Besuch zu beehren und ein wenig das Leben der kleinen Leute zu studieren, um seinem geneigten Publikum von der ach so grausamen Welt da draußen zu berichten. Der Bonetti-Zug. Seit Jahren erfolgreich. Er hat immer freie Fahrt. Während schlecht gelaunte und schlecht bezahlte Angestellte in ihren billigen Dritte-Welt-Zügen auf die Weiterfahrt warten, rauscht der Bonetti-Zug durch das Land. Mit einem milden Lächeln quittiert der Meister ein Glas Moët & Chandon Brut Impérial, das ihm von seinem zwergwüchsigen Lakaien Billy Masser auf einem Silbertablett serviert wird.“ (Lukretzia Zwicklbauer: Andy Bonetti - Tausendsassa und Prophet)
Liebe Lesende!
Die nächsten Wochen bin ich wieder offline. Also richtig raus aus dem E-Business. Keine Texte, Kommentare werden nicht freigeschaltet und Mails kann ich nicht beantworten.
Sollten Sie in den nächsten Wochen einem großen, gutaussehenden Mann begegnen, der ein Kamerateam im Schlepptau hat – das bin ich. Arte dreht gerade eine zwölfteilige Dokumentation über mein Leben als Literaturikone.
Ich melde mich im Dezember mit fangfrischem Content aus der Hauptstadt. Bis dahin alles Gute!
Euer verdienter Blogger des Volkes

Ihr Völker der Welt, schaut auf dieses Video: John F. & Die Gropiuslerchen - Berlin, Berlin (1987). https://www.youtube.com/watch?v=8ypOJ_05KV0
P.S.: Der Name Billy Masser ist ein Hinweis auf einen Seelenverwandten von Andy Bonetti, der vor zweihundert Jahren mit einem Gespann aus vier weißen Hirschen durch Berlin zu fahren pflegte. Finden Sie es heraus!

Mittwoch, 14. November 2018

Kapitalismus und Rassismus, Episode 624

War die erste Weltausstellung, die 1851 im Londoner Crystal Palace stattfand, noch eine reine Leistungsschau der industriellen Bourgeoisie, bei der es für die Arbeiterschaft spezielle Führungen und ermäßigten Eintritt gab, um sie von den Errungenschaften des Fortschritts zu überzeugen, wurden ab der Weltausstellung 1867 in Paris ebenso die Errungenschaften des Imperialismus und des Kolonialismus präsentiert. Es gab Pavillons, in denen Menschen aus nicht-europäischen Ländern zu besichtigen waren. 1893 wurden in Chicago alle „Rassen“ nach ihrer „Fortschrittlichkeit“ geordnet vorgestellt. Es gab zum Beispiel ein „Schweizerdorf“ und ein „Negerdorf“. In St. Louis wurde 1904 ein komplettes philippinisches Dorf auf zwanzig Hektar aufgebaut, das von 1200 Darstellern bewohnt war. Im Rahmen dieser Weltausstellung fanden auch die Olympischen Sommerspiele statt, an denen allerdings nur Weiße teilnehmen durften. Für die Angehörigen der „wilden und primitiven Stämme“ wurden gesonderte „Anthropologischen Spiele“ organisiert, in denen sie zur Belustigung des weißen Publikums gegeneinander antraten.

Die ultimative Pampa

Das Schöne am Hunsrück ist ja: Da ist nix. Da will keiner hin und wenn du mit 18 deinen Führerschein hast, dann haust du auch sofort ab. Wald, Wald, eine Wiese, dahinter wieder Wald. Im Hunsrück gibt es Dörfer, da leben vielleicht fünfzig Leute. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die wissen, dass es mal eine Wiedervereinigung gab.
1945, bei Kriegsende, da haben die Leute schon mitbekommen, was los war. Der Pfarrer hat am Kirchturm ein weißes Bettlaken rausgehängt, alle haben die Türen und Fenster zugemacht, dann kam der Amerikaner. Fuhr mit seinen Jeeps und Panzern auf der einen Seite ins Dorf rein, fuhr auf der Hauptstraße durch den Ort und auf der anderen Seite wieder raus, ohne auch nur einen einzigen Kaugummi oder eine Zigarette zu hinterlassen.
Bei der Maueröffnung war es schon anders. Erst nach über einem Monat rollte der erste Trabant durchs Dorf. Fürchterlich laut und schrecklich qualmend wie der Drache aus dem Nibelungenlied, aber dann kam nur ein winziges hellblaues Auto vorbeigeknattert. Ein Zonen-Kolumbus entdeckt den Hunsrück. Angehalten hat er natürlich auch nicht. Wie die Amerikaner.
Bis heute hat man hier nur mit dem Telekom-Netz Handy-Empfang. Besucher mit anderen Anbietern schauen mich jedes Mal fassungslos an. Manche jungen Leute müssen warten, bis sie am Montag in die Kreisstadt zur Schule fahren, um mitzukriegen, was am Wochenende auf der Welt oder bei WhatsApp los war. Dann lachen die anderen Schüler über die blöden Hunsrücker. Dieser Landstrich ist Deutsch-Uganda, da machst du nix.
Madness - Baggy Trousers. https://www.youtube.com/watch?v=Dc3AovUZgvo

Das "Theater der Träume" in Wichtelbach.

Dienstag, 13. November 2018

Sie sind da!

Absolut glaubwürdige Sichtung eines UFOs über Schweppenhausen.

Die gute Nachricht: Sie wollen kein Geld.



Das ist das unbearbeitete Bild. Unten spiegelt sich mein Schreibtisch, oben können Sie meine Esszimmerlampe recht gut erkennen (Doppelspiegelung wegen Doppelfenstern).

Ihre Bonetti-Mediathek empfiehlt: Ein Unding der Liebe

"Lass mich einschläfern und bestell die Müllabfuhr!"
Vor dreißig Jahren wurde der sehr empfehlenswerte Roman "Ein Unding der Liebe" von Ludwig Fels fürs Fernsehen verfilmt. Genau das Richtige für einen Novemberabend, zieht einen extrem runter, ist aber der Hammer. Hier die Links für drei Stunden mit meinem Lieblings-Underdog der Achtziger:
https://www.youtube.com/watch?v=FDnQ3auQVKU
https://www.youtube.com/watch?v=hUjsb_XI_0U
P:S.: Leider ist die Bildqualität prähistorisch.

The best brain in the game


Blogstuff 256
„Der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit, sondern die Illusion, wissend zu sein.“ (Stephen Hawking)
Das Geheimnis meines Selbstbewusstseins: Ich lache über mich, bevor es die anderen tun.
Wissen Sie, warum die Grünen so erfolgreich sind? Da läuft ein moderner Ablasshandel – aber die Kirchen gehen diesmal leer aus. Der Sommer war zu heiß und zu trocken, der Klimawandel marschiert mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts und zerstört unsere Zukunft? Ich wähle die Grünen und alles ist gut. Ich fahre mit meinem Geländewagen 100.000 Kilometer im Jahr und sitze alle vier Wochen im Flugzeug? Grün wählen und die Sache ist abgehakt. Tierarten werden ausgerottet und Mutter Natur geht den Bach runter? Der sympathische Dr. Habeck und die Quotenschnecke werden es schon richten.
Wir nehmen anderen Lebewesen die Kinder weg – Lämmer, Kälber, Ferkel – und fressen sie einfach auf. Und trotzdem behaupten wir, zivilisiert zu sein. Wow!
Stellen Sie sich vor, die Kfz-Steuer würde nicht individuell und nach Fahrzeuggröße berechnet, sondern pro Haushalt erhoben. Jeder Haushalt zahlt die gleiche Kfz-Steuer. Egal, ob die Bewohner des Haushalts ein Auto haben oder nicht. Egal, wie viele Autos von den Bewohnern gefahren werden. Wenn Sie zwei Wohnsitze haben, aber kein Auto besitzen – so wie ich beispielsweise -, müssen Sie doppelt zahlen. Dieses System wäre höchst ungerecht, oder? Aber die Rundfunkgebühren werden auf diese Weise erhoben. Jeder Haushalt zahlt, ob er die öffentlich-rechtlichen Medien nutzt oder nicht. Ein Fünf-Personen-Haushalt zahlt so viel wie ein Single-Haushalt. Ich zahle doppelt, einmal in Schweppenhausen, einmal in Berlin. Das könnte man auch besser organisieren, in anderen Bereichen geht das ja auch.
Wenn man bei Google Maps „Nothing“ eingibt, kommt man zu einem Ort gleichen Namens in Arizona, an der Landstraße 93 nordwestlich von Phoenix. Es ist eigentlich nur eine Art Farm in der Pampa. Ich denke da sofort an „Money for Nothing“ von den Dire Straits.
„Fahrpläne, Sparpläne, Schaltpläne – kleinbürgerlicher Utopismus im Zeitalter des Atomweckers und der kapitalgedeckten Lebensversicherung“. Andy Bonettis neues Werk fasst die gesellschaftliche Entwicklung der letzten dreißig Jahre zusammen und gibt einen Ausblick auf den Rest unserer Zeit. In jeder guten Bahnhofsbuchhandlung. Nur für kurze Zeit!
Bis 1945 haben wir alles angegriffen, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Nach 1945 hat uns niemand mehr angegriffen, obwohl wir es sicher verdient hätten. Was machen wir? In tausend ferne Kriege ziehen. Das ist die Geschichte der BRD.
„Wer ist des Staates Untertan? Der Arme ists! – Nicht der Reiche auch? – Nein, denn seine Basis ist Selbstbesitz und seine Überzeugung, daß er nur sich angehöre! – Den Armen fesseln die Schwäche, die gebundenen Kräfte an seine Stelle. – Die Unersättlichkeit, der Hochmut, die Usurpation fesseln den Reichen an die seine. Sollten die gerechten Ansprüche des Armen anerkannt werden, dann wird er mit unzerreißbaren Banden der Blutsverwandtschaft am Vaterlandsboden hängen, der seine Kräfte der Selbsterhaltung weckt und nährt, denn die Armen sind ein gemeinsam Volk, aber die Reichen sind nicht ein gemeinsam Volk, da ist jeder für sich und nur dann sind sie gemeinsam, wenn sie eine Beute teilen auf Kosten des Volkes.“ (Bettina von Arnim)
1989/90, als Westdeutschland schon auf dem Weg nach Europa, vor allem auf dem Weg zu dessen Sandstränden im Süden, zu Sangria, Metaxa und Toskana (die Akademiker-Variante) war, erreichten die Ostdeutschen erst einmal die Trauminsel BRD. Sie kamen nach Deutschland, als wir gerade gingen. Wir spitzten in jenem Augenblick die Lippen zum Kuss und träumten vom Dolce Vita, als uns Mandy aus Dresden von hinten die Arme um den Hals legte und ein „Daach. Wie gehds dänne?“ ins Ohr hauchte.
Budgie – Breadfan. https://www.youtube.com/watch?v=54H3EUAzpVg

Montag, 12. November 2018

Neuwahlen - Jetzt !!!

Malibu brennt

Was wir uns nicht trauen – Mutter Natur macht’s einfach: Die Villen der Bonzen brennen! Das Zehn-Millionen-Dollar-„Anwesen“ von ZDF-Nervensäge Thomas Gottschalk ist nur noch eine Ruine. Lady Gaga und Miley Cyrus sind auf der Flucht vor den Flammen. Vermutlich haben linksradikale Kräfte aus der SPD den Brand gelegt. Two and a half men fühlen sich im Augenblick noch in ihrem Strandhaus sicher, aber ein Tsunami wird kommen, Freunde der Anarchie. Den Rest besorgt ein Erdbeben - und der Blitz, der in Donald Trump einschlägt. Ein kurzes Auflodern seines blondierten Haarspraygebildes, das war’s. Wäre ich Nero, würde ich mir jetzt meine Harfe bringen lassen.
Merke: Von der Natur lernen, heißt siegen lernen.





Ach, komm. Einen hammwa noch. Zum 69. Geburtstag der kapitalistischen BRD in diesem Jahr, liebe Genossinnen und Genossen:


Meine Forderung:

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ (Nick Hornby: Fever Pitch)



Ich kann als Fußball-Fan nur das beurteilen, was ich auf dem Spielfeld sehe. Der Pass war gut / nicht gut. Der Schuss war gut / nicht gut. Die Torwartparade war gut / nicht gut. Das Dribbling war erfolgreich / führte zum Ballverlust. Der Elfmeter ist gerechtfertigt / nicht gerechtfertigt. Alles, was außerhalb des Platzes passiert, kann ich als Fan nicht beurteilen. Wie ist die Arbeit des Trainers während der spielfreien Tage? Wie läuft eine Trainingseinheit ab? Macht der Sportdirektor seine Arbeit gut? Beobachtet der Scout die richtigen Spieler? Ist das Management erfolgreich? Treffen die Verantwortlichen die richtigen Entscheidungen? All das kann ich als Laie nicht einschätzen. Ich könnte eine Woche oder einen Monat neben dem Trainer am Spielfeldrand stehen, bei jeder Übung, bei jedem Aufwärmen, bei jedem Spiel und anschließend noch in jeder Besprechung neben ihm sitzen. Trotzdem weiß ich nicht, ob er ein guter Trainer ist. Ich könnte ein vierwöchiges Praktikum im Büro des Sportdirektors machen oder im Büro des Vereinspräsidenten. Es würde mir nichts nützen, denn ich weiß nicht, wie ein guter Manager arbeitet. Für uns Fans ist der Verein eine Black Box. Auf der einen Seite kommen Spieler, Trainer, Manager, Ärzte und Therapeuten rein – auf der anderen Seite kommt eine Zahlenkette heraus, die aus Dreiern, Nullen und Einsen besteht. Sind viele Dreier dabei, scheint alles in der Black Box zu funktionieren. Sind viele Nullen dabei, scheint es in der Box nicht zu funktionieren. Es nutzt mir auch nichts, wenn ich die Box öffne wie die Motorhaube eines Autos. Ich sehe nichts. Egal, wie lang ich gucke. Daher sollten wir uns bei den Debatten auch auf den eigentlichen Sport konzentrieren.

Fußball hat nicht die Funktion, als Gegenstand für intellektuelle Debatten zu dienen. Scheiß doch auf Sachen wie „Spielsystem“ oder „Viererkette“. Fußball ist ein Thema, das uns mit wildfremden Menschen verbinden kann. Fußball ist das perfekte Gesprächsthema, denn das Wetter ist auf Dauer zu langweilig und Politik ist eine heikle Angelegenheit. Über Fußball kann man immer sprechen. Es ist ein Erinnerungsraum, den man mit anderen Menschen teilen kann. Jeder Fan kann dutzende Geschichten zum Besten geben. Wo habe ich das 7:1 gegen Brasilien gesehen? Wie habe ich mit Freunden den WM-Titel von 1974, 1990 oder 2014 gefeiert? Was hat man im Stadion erlebt? Welche Spiele hat man live gesehen?
Fußball ist der perfekte Rückzugsort vom sogenannten normalen Leben. Es ist eine eigene Welt, die – zumindest früher einmal – von schrägen Typen wie Littbarski oder Libuda bevölkert war. Im Stadion und im Gespräch mit anderen Fans gibt es weder Grenzen noch Klassengegensätze. Ob du Professor oder Maurer bist, zählt im Gespräch nicht mehr. Die Erfahrung der Fans ist unabhängig vom Bildungsgrad auf dem Papier. Egal, wie es dir gerade geht, du trittst durch diese Tür und bist in der Welt der Bundesliga, der Kreisliga oder einer anderen Parallelgesellschaft deiner Wahl. Buddha spricht von den vier Wahrheiten des geistig Edlen. Du hast die Liga, den Pokal, die internationalen Wettbewerbe und die Nationalmannschaft. Es ist ein Ort, an dem auch Singles Gefühle haben dürfen. An dem Agnostiker den Fußballgott anflehen. Wo Sagengestalten tief fallen können und Luzifer persönlich Pressekonferenzen gibt (ich nenne keinen Namen).
(Auszug aus dem Essay „Der Tag, an dem eine Silberkugel zwischen den Augen von Uli Hoeneß einschlug“)
The Stranglers - Skin Deep. https://www.youtube.com/watch?v=j5UfE2BbYSQ 

Sonntag, 11. November 2018

Faktencheck: Die gute alte Zeit

Die Bertelsmänner haben etwa 11.000 Leute in fünf europäischen Ländern befragt und herausgefunden, dass zwei Drittel von ihnen glauben, früher sei alles besser gewesen. Woher kommt diese irrwitzige Nostalgie? Möglicherweise haben zwei Drittel der Bevölkerung auch einfach ein schlechtes Gedächtnis.
Früher gab es im Auto weder Sicherheitsgurte, Nackenstützen oder Airbags. Die Leute sind im Auto gestorben wie die Fliegen.
Es gab Abgase aus Autos, Fabrikschornsteinen und Kohleöfen, so dass es regelmäßig zu Smogalarm kam – in Zeiten, wo niemand das Wort Umweltschutz kannte. Die Leute hätten über unsere heutigen Grenzwerte nur ungläubig den Kopf geschüttelt.
In jedem Raum wurde geraucht. Kinder wurden mit Zigarren, Pfeifen und filterlosen Zigaretten zugequalmt. Selbst vor dem Einschlafen musste noch schnell eine Kippe geraucht werden, weswegen viele Menschen in ihren Betten verbrannten.
Früher liefen noch echte Nazis rum. In rauen Mengen. Nicht diese armseligen Neonazis. Ich rede von Massenmördern.
Es gab kein Internet. Ich wiederhole: kein Internet.
Keine Playstation. Nur Brettspiele.
Flugreisen waren unbezahlbar oder führten ausschließlich nach Mallorca und an die Costa Brava.
Das Fernsehprogramm war noch schlechter als heute. Auch wenn man es kaum glauben mag.
Politiker und Gewerkschafter waren korrupt (#Flick, #NeueHeimat).
Das war nur mal eine erste Sammlung von Fakten. Bitte ergänzen Sie den Text, falls Sie über vierzig Jahre alt sind und die gute alte Zeit™ selbst erlebt haben.

1975: Die Helmstraße in West-Berlin.

Fachkräftemangel im Praxistest

Überall fehlen Fachkräfte, hört man. Millionen offene Stellen unbesetzt. Personal dringend gesucht. Okay. Hiermit bewerbe ich mich bundesweit. Als Fachkraft. Schließlich kann ich als Universalgenie alles. Ich fange auch gerne gleich als Chef an. Morgens die Arbeit verteilen und dann Zeitung lesen – warum nicht? Mal sehen, was passiert. Ich werde über die hereinströmenden Angebote berichten.

Bewerbung

Ich bin:
- Akademiker und habe den schwarzen Gürtel in Politikwissenschaft (Dr. phil.)
- 52 Jahre alt
- Ledig
- Gesund (bis auf meine Gicht, Bluthochdruck und gelegentlich Tourette)
- Berufserfahrung als Wissenschaftler, Journalist, Schriftsteller

Ich kann:
- Hochdeutsch, Rheinhessisch, Englisch, Gebärdensprache (Schulterzucken, Mittelfinger)
- Schreiben
- Ordnung in Unordnung bringen, Unordnung in Ordnung bringen
- Stundenlang auf einem bequemen Stuhl in geschlossenen Räumen sitzen
- Social Skills: renitent, faul, gefräßig

Ich erwarte:
- Eine Tätigkeit, die meiner Qualifikation entspricht
- Sechs Wochen bezahlten Urlaub im Jahr
- Einzelzimmer mit Mini-Bar oder Home Office
- Ein Monatsgehalt von mindestens 3000 Euro netto, gerne mehr

Ernstgemeinte Zuschriften bitte im Kommentarbereich deponieren.

Lilli Berlin - Ostberlin-Wahnsinn. https://www.youtube.com/watch?v=BUnzv6cgFb0

Samstag, 10. November 2018

Die Fotos des Monats






Vor hundert Jahren

Wir sind in unserer mediengesteuerten Erinnerungskultur auf den 9. November konditioniert. Was ist mit dem 19. Januar 1919? Das Datum kann man sich eigentlich sehr gut merken. Dennoch ist es längst vergessen. An diesem Tag fand die erste demokratische Wahl in Deutschland statt. Ein weiteres Novum: Frauen durften zum ersten Mal an den Wahlen teilnehmen, aus der die Nationalversammlung hervorging, die bis 1920 die Weimarer Verfassung ausgearbeitet hatte. Am 6. Juni 1920 fanden die ersten Wahlen zum Deutschen Reichstag statt.
Ebenso vergessen wird mit schöner Regelmäßigkeit der 10. November 1918. Dieser Tag ist der eigentliche Urknall der Demokratie. Ein Tag nach Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik trafen sich dreitausend Vertreter der revolutionär gestimmten Räte, die noch am selben Tag von den Arbeitern und Soldaten des Landes gewählt worden waren, im Zirkus Busch in Berlin zu einer Räteversammlung.
Bereits am Tag zuvor hatte der letzte Reichskanzler der Hohenzollern, Max von Baden, ein Cousin von Willem Zwo, dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers übergeben. Eberts „Mehrheitssozialdemokraten“ (MSPD) und der rechte Flügel der USPD, ein Spaltprodukt der SPD, konnten in der Räteversammlung die Mehrheit erringen und wurden als „Rat der Volksbeauftragten“ bestätigt. Sie führten ab diesem Zeitpunkt die Regierungsgeschäfte, übernahmen aber große Teile des alten Regierungsapparats von Kaisers Gnaden. Diese Kontinuität der Verwaltungseliten kennen wir von 1945 (#Globke) und 1990.
Noch am Abend des 10. Novembers verbündete sich der „Rat der Volksbeauftragten“ mit der Reichswehr (Ebert-Groener-Pakt), um eine sozialistische Revolution zu verhindern. Die USPD trat im darauffolgenden Monat aus dem Rat aus. Der Spartakusaufstand Anfang Januar 1919, der zum Sturz der Ebert-Regierung führen sollte, wurde wenig später von der herrschenden Sozialdemokratie und der Armee blutig niedergeschlagen, teilweise mithilfe rechter „Freikorps“. Luxemburg und Liebknecht lebten bei der Wahl zur Nationalversammlung schon nicht mehr.
Nach den Berliner Märzkämpfen, der Niederschlagung der Münchner Räterepublik und anderen Aufständen mit insgesamt etwa fünftausend Toten gab es von den Proletariern, von den Menschen also, die das Ende des Weltkriegs, der Monarchie und des preußischen Militarismus erkämpft hatten, keinen Widerstand gegen die bürgerlichen Führer der sogenannten Arbeiterpartei mehr. Die Republik, die der Sozialdemokrat Scheidemann am 9. November am Fenster des Reichstags ausgerufen hatte, trug den gewaltsamen Sieg über die Republik davon, die Liebknecht am gleichen Tag auf dem Balkon des Berliner Stadtschlosses verkündet hatte - bis 1933 eine politische Bewegung die Macht übernahm, die sich als wesentlich rücksichtsloser und brutaler erweisen sollte.
Für einen kurzen Augenblick glaubte das Volk an diesem 10. November 1918, die Macht zu haben. Aber die mutigen Arbeiter, Matrosen und Soldaten wurden von den Sozialdemokraten, ihren angeblichen Interessenvertretern, verraten. Die Chance für einen wahrhaft demokratischen Neubeginn, in dem sich das Volk wirklich als Souverän fühlen durfte, wurde vertan. 1949 und 1990 wiederholte sich dieses Schauspiel, als die Parteipolitiker erneut die Regeln des Zusammenlebens im Alleingang definierten. Bis heute hat die Bundesrepublik keine Verfassung, über die das Volk abstimmen durfte. Die SPD, die Partei von Noske und Schröder, gibt es merkwürdigerweise immer noch.
P.S.: Der Frauenanteil betrug in der Nationalversammlung 8,7 Prozent, im ersten Reichstag lag er bei 8 Prozent und sank bis zur letzten Wahl 1933 auf 3,8 Prozent.
***
Es ist natürlich nur Spekulation, aber dennoch ein lohnenswerter Gedankengang:
Was wäre geschehen, wenn Deutschland im November 1918 eine sozialistische Räterepublik bekommen hätte?
Wenn Großkapital und Militär entmachtet worden wären?
Wenn die Reichtümer, die von den Eliten über Jahrhunderte gehortet worden sind, an die hungernde Bevölkerung verteilt worden wären, um die Not in jenem Winter zu lindern?
Vielleicht wäre die Zusammensetzung der Nationalversammlung nach der Wahl 1919 eine andere gewesen?
Die Weimarer Republik eine andere, da sie eine andere Verfassung bekommen hätte?
Vielleicht hätten das Großkapital und das Militär, allen voran der Kriegsverbrecher Hindenburg, nicht dem Nationalsozialismus zur Macht verhelfen können, weil es sie gar nicht mehr gegeben hätte?
Vielleicht wären der Weltkrieg und der Holocaust verhindert worden?
Dann hätte es womöglich auch keine deutsche Teilung und keine Mauer in Berlin gegeben?
Keinen Kalten Krieg, kein atomares Wettrüsten, vielleicht noch nicht einmal Nuklearwaffen?
So vieles wäre wahrscheinlich ganz anders gelaufen in der Geschichte. Wer weiß?
Led Zeppelin – Kashmir. https://www.youtube.com/watch?v=sfR_HWMzgyc

Freitag, 9. November 2018

Die ersten Ossis in West-Berlin

Wie immer ist heute am 9. November dreifacher Gedenktag. Maueröffnung, Reichspogromnacht und Abdankung von Willem Zwo, wobei letzteres heute einen runden Geburtstag feiert. Dazu morgen mehr in diesem Blog.
Zu den üblichen Geschichten, die zu diesem Datum erzählt werden, gehört, dass West-Berlin an jenem Novembertag 1989 zum ersten Mal von Menschen aus dem „Ostblock“, also den kommunistischen Staaten des Warschauer Pakts, überrannt wurde. Das ist falsch. Vor den Bürgern der DDR kamen die Polen in die eingemauerte Enklave des Westens.
Bereits Anfang 1989 hob die polnische Regierung die Visumpflicht für Reisen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin auf. Die Folge dieses Beschlusses konnte ich bald darauf bei einem Berlin-Besuch besichtigen. Südlich des Potsdamer Platzes bis zum Landwehrkanal entstand der sogenannte „Polenmarkt“. Denn laut den Regularien der Alliierten (Berlin Kommandatura Order Nummer 7) durften sich Polen bis zu 31 Tage in West-Berlin aufhalten, während sie für eine Reise nach West-Deutschland eine Einladung, fünfzig West-Mark und eine gültige Krankenversicherung benötigten. Bis zu 15.000 Polen kamen täglich per Bus, Bahn oder Auto, um hier Textilien, Zigaretten, Alkohol und Trödel aller Art zu verkaufen.
Offiziell hat es diesen Markt nie gegeben, er entstand einfach wie die Schwarzmärkte nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Berliner und die Touristen war er damals eine Attraktion. Bis zu hunderttausend Menschen waren hier am Wochenende versammelt. Da es keine Toiletten gab, stank der Ort bald zum Himmel. Diebstahl und Prostitution blühten, allerdings auch der Berliner Einzelhandel, denn die Polen kauften für das verdiente Geld Fernseher, Stereoanlagen, Fotoapparate und Videorekorder in rauen Mengen.
Der Ansturm der Polen, nicht nur der Flohmarkthändler, auch der Konsumenten, auf West-Berlin verebbt erst Ende 1990. Diese erste Begegnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Ende des Kalten Kriegs prägt das Bild vom armen und angeblich diebischen Polen bei manchen Menschen bis zum heutigen Tag. Von Marzahn aus fährt derzeit dreimal am Tag ein Shuttle-Bus zum Polenmarkt hinter der deutsch-polnischen Grenze. Die Zigaretten und der Schnaps sind immer noch billig, dazu kaufen die Leute Topfpflanzen, Handtaschen und Wurst. Auch diese Geschichte begann 1989 – leider ist sie vergessen worden.

Honeckers Mädchen

Es ist die späte Rache der SED: Angela Merkels Lebenswerk als Kanzlerin. Sie hat mit sturer Beharrlichkeit die Union aus CDU und CSU von einem konservativen Vierzig-Prozent-Bollwerk auf 25 Prozent geführt. Ohne die CSU hat die Partei, deren Vorsitzende sie ist, keine zwanzig Prozent mehr.
Sie hat reihenweise die Karrieren ihrer Konkurrenten ruiniert, man nennt sie daher auch „schwarze Witwe“ und spricht vom Friedhof hinter dem Kanzleramt. Sie hat in drei Großen Koalitionen die einstmals stolze SPD auf 14 Prozent runtergeprügelt. Merkel vollendete Schröders Projekt, aus der Sozialdemokratie wurde eine CDU light für kleine Angestellte und Studienräte. Es ist ihr auf diesem Wege gelungen, den Hauptkonkurrenten um das Kanzleramt durch ihren beharrlichen Phlegmatismus tödlich zu erschöpfen und endgültig überflüssig zu machen.
Sie hat in vier Jahren schwarz-gelber Koalition die FDP von vierzehn auf vier Prozent gedrückt und sie um ein Haar vernichtet. Die Liberalen haben sich nur mühsam von diesem Fausthieb der Kanzlerin erholt, weswegen uns Lindners instinktives Zurückschrecken nach einem ersten Besuch im Knusperhäuschen der Sondierungsgespräche nicht wundern darf. Beinahe hätte Merkel im vergangenen Jahr auch noch die Grünen in die Finger gekriegt. Aber sie hatten Glück und liegen jetzt bei über zwanzig Prozent.
Fazit: Merkel hat das stabile Parteiensystem der alten Bundesrepublik völlig ruiniert.
Was bleibt sonst noch von der Ära Merkel? Windräder und Asylanten. Deutschland wird lange brauchen, um sich von dieser verheerenden Kanzlerschaft zu erholen.
P.S.: Das war natürlich nur Spaß. In Wirklichkeit war die angeblich mächtigste Frau der Welt nur ein Papierschiffchen auf den Wellen des kapitalistischen Siegeszugs nach 1989. Materialismus – Egoismus („Me First“ gab es lange vor „America First“) – Tribalismus (Zersplitterung der Gesellschaft in absurde Zweikämpfe wie Mann-Frau, Ost-West, Nord-Süd, Hetero-Homo, Köln-Düsseldorf, BVB-FCB usw). Divide et impera und Halleluja.
Public Image Ltd – Rise. https://www.youtube.com/watch?v=Nv0efmUKP9s

Donnerstag, 8. November 2018

Eine sentimentale Reise


Wann wird an dieser Fassade eine Messingplatte mit meinem Namen angebracht?



Das ist das Haus, in dem ich die ersten 23 Jahre nach meiner Geburt im Ingelheimer Krankenhaus verbracht habe. Das Fenster oben rechts ist das Fenster meines Kinderzimmers. Dort stand mein Schreibtisch, dort hämmerte ich – wie heute noch mit zwei Fingern - auf meiner Schreibmaschine die ersten Texte. Ich stehe für das Foto auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. Es ist Samstagvormittag, der Bürgersteig wird gerade von einem etwa zehnjährigen Mädchen gefegt. Ihr kleiner Bruder macht den Dreck auf eine Kehrschaufel und bringt ihn in die Mülltonne. So sind die Kids in der Provinz 2018, ihr ewigen Kulturpessimisten. Sauber und ordentlich. Future is now.
Jedenfalls schaut mich das Mädchen neugierig an und ich erkläre ihr, ich hätte in ihrem Alter im Haus gegenüber gewohnt, weswegen ich es jetzt fotografieren würde. Sie sagt nur „Aha“. Das war’s. Aber vielleicht ist mein Leben auch gar nicht so interessant. Streichen Sie „vielleicht“. Alte Menschen reden zu viel. Ich bin alt.



Dieses Hochhaus nannte man in meiner Jugend das „Tengelmann-Haus“, weil unten ein Tengelmann-Supermarkt war. Außerdem war in einem der Geschäftsräume „Urmes“, ein Kiosk, in dem es Comics, Süßigkeiten ab zwei Pfennig und Plastikfiguren (Cowboys, Dinosaurier usw.) gab. Hier war auch das Restaurant „Dalmatiner Stuben“ der Familie Jevtic. Sie wohnten in dem Hochhaus, der Sohnemann war damals einer meiner drei besten Freunde.



Hier wohnte Jan, der zweite der Freunde. Martin, der dritte, wohnte im Nachbarhaus von mir. Eine kleine Welt mit einem Radius von wenigen hundert Metern. Jan lebt heute als Musiker in L.A.



Das Viertel entstand Anfang der sechziger Jahre. Es wirkt extrem gepflegt. Auch „mein“ Haus (siehe erstes Bild) ist neu gestrichen und renoviert.



Das ist meine Grundschule. Sie ist unverändert geblieben. Vier Jahre, an die ich kaum Erinnerungen habe. Das erste „harte“ Schimpfwort habe ich auf dem Schulhof hinter dem Gebäude gelernt. Ficker. Ich wusste damals gar nicht, was das bedeuten sollte. Ich musste öfter wegen meiner „Streiche“ ins Lehrerzimmer, wo mich die versammelte Mannschaft der Erwachsenen zur Sau machen durfte. Solche Situationen nehme ich bis heute nicht ernst.



Früher war hinter der Schule die Welt zu Ende. Die Wiesen und Wälder begannen, wo wir machen konnten, was wir wollten. Wir spielten Verstecken und Krieg oder legten Feuer. Heute sind dort jede Menge neue Wohnhäuser, ein Gewerbegebiet, ein Bolzplatz und eine Halfpipe für Skater. Mitte der siebziger Jahre kam der erste Junge mit einem Skateboard in unser Viertel. Ich stellte mich mutig mit einem Fuß auf das Brett und stieß mich mit dem anderen Fuß ab, wie er es uns gezeigt hatte. Eine Millisekunde später segelte ich in hohem Bogen durch die Luft. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, klaffte in meiner Hose und natürlich auch im dazugehörigen Knie ein schönes Loch. Meine Mutter war begeistert. Die neue Hose! Zur Strafe nähte sie zwei knallrote Lederflicken auf die Hose, so dass ich noch bescheuerter aussah wie der Rest der Menschheit in meiner Kindheit. Das ist eine kurze Zusammenfassung meiner kompletten Karriere als Skateboarder – bis heute.
Aus meinem alten Kiez, Ingelheim-West, fahre ich zurück in die Innenstadt. An der Bushaltestelle komme ich mit einem Marokkaner ins Gespräch. Als der Bus hält, lädt er mich mit seiner Jahreskarte ein und ich muss keinen Cent bezahlen. Danke! Bei herrlichem Sonnenschein - im November! - treffe ich einen alten Schulfreund, der beim Italiener auf der Ingelheimer Piazza sitzt und Maracuja-Schorle trinkt. Er ist Tontechniker beim Radio und wir reden über alte Zeiten und Musik. Dann kommt meine Schwester dazu, mit der ich zum Essen verabredet bin. Es ist, als ob ich nie weg gewesen wäre.
Thee Oh Sees - Encrypted Bounce (A Queer Sound). https://www.youtube.com/watch?v=9wwi9-WVdiI

Mittwoch, 7. November 2018

Hitler war ja eigentlich Kommunist

Colonel Clickbait weiß: Hitler zieht immer. Mehr als tausend nackte Weiber.

Blogstuff 255
„Wir sind nicht reifer als die Amerikaner, wir sind bloß unbewaffnet.“ (Hagen Rether)
Rätsel der abendländischen Hochkultur: Warum sind eigentlich schwarze T-Shirts so beliebt, auf denen ein Skelett abgebildet ist, das auf einem Motorrad fährt?
Haben Sie auch schon mal ein Päckchen Wurst im Kühlschrank gefunden, das vier Wochen über dem Verfallsdatum war? Wie kriege ich jetzt die Überleitung zu Horst Seehofer?
Warum hat es eigentlich nach meinen drei Jahren als Kiezschreiber im Wedding keinen Nachfolger gegeben? Schließlich gibt es ja auch jedes Jahr einen Stadtschreiber in Mainz. Die Antwort ist ganz einfach: Wer hätte es machen sollen? Es wäre in jedem Falle ein Abstieg für Berlin gewesen. Smiley.
„Uns kann keener“. Das Berliner Pendant zum bayerischen „Mia san mia“.
Ich lernte Balthasar Wucherpfennig bei einem Beach-Monopoly-Turnier auf Husum kennen. (Beginn einer Kurzgeschichte)
Es ist nur ein mentaler Restbestand des Monotheismus und der Monarchie, wenn Menschen glauben, es gäbe eine einzelne Person oder eine Gruppe von Personen, die den globalen Kapitalismus steuern. Erschießt die reichsten und mächtigsten hundert Leute – nichts wird sich ändern.
Früher kickten wir immer leere Coladosen die Straße lang. Wo sind heute die Dosen geblieben? Trittin mit seinem blöden Dosenpfand!
Von den Hell’s Angels zu Blackrock: „Ich war ziemlich aufsässig, das fing mit 13, 14 Jahren an. Ich war ein Typ, der sich nicht hat leiten lassen. Ich habe relativ früh Probleme mit meinen Eltern bekommen, ich hatte schulterlange Haare, bin mit dem Motorrad durch die Stadt gerast, mein Stammplatz mit zwei Freunden war die Pommesbude auf dem Marktplatz bei uns um die Ecke, ich habe angefangen zu rauchen und Bier zu trinken.“ https://www.tagesspiegel.de/politik/interview-aus-dem-jahr-2000-es-gab-auch-mal-einen-anderen-friedrich-merz/23251880.html
Es war in den frühen neunziger Jahren, als ich in einer WG in Kreuzberg, Skalitzer Ecke Lübbener, mit Freunden gekocht habe. Eine dieser herrlich unübersichtlichen Wohnungen mit knapp zweihundert Quadratmetern, zehn Zimmern und einer Riesenküche. Die Freundin meines Kumpels war Chilenin und wir kochten irgendetwas Megascharfes. Ich saß mit einem Glas Wein am Küchentisch und schnippelte friedlich Zwiebeln und anderes Gemüse. Damals kannte man sich mit scharfen Sachen noch nicht so gut aus, jedenfalls hatte die Chilenin winzige rote Chilischoten mitgebracht, die in einer Schüssel auf dem Tisch standen. Natürlich musste ich diese verlockende Frucht probieren und nahm eine ganze Schote in den Mund. Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht, oder? Während der dramatischen Wiederbelebungsversuche – der Hubschrauber des Roten Kreuzes schwebte über SO 36 - gelang es der Chilenin, mir ein Bonbon in den Mund zu schieben. Falls Sie also einmal denselben Fehler gemacht haben wie ich damals, lutschen sie ein Bonbon. Das regt den Speichelfluss an und spült allmählich die Höllenmoleküle von ihren Schleimhäuten.
Small Faces - Itchycoo Park. https://www.youtube.com/watch?v=14ViwvgtvbA

Dienstag, 6. November 2018

Novemberhelden

„Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“ (Goethe über Berlin, 1823)
Berliner Originale gibt es ja nur noch in Erinnerungen. Das berühmteste Exemplar ist der „Hauptmann von Köpenick“, der Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt, dessen Geschichte von Carl Zuckmayer verewigt wurde. Drei weniger bekannte Menschen, die in diese Kategorie passen, möchte ich heute vorstellen. Zwei von ihnen habe ich persönlich getroffen.
Der Ansager
Er ist den ganzen Tag im U-Bahn-Netz der BVG unterwegs. Ein großer, kräftiger, junger Mann. Er steht an der Tür und macht die Ansage. „Zurückbleiben, bitte!“ „Nächster Halt: Spichernstraße.“ „Sie können auf die U-Bahn-Linie U 9 umsteigen.“ Am Anfang dachte ich, die Stimme käme aus einem Lautsprecher. Klar, deutlich und mit einer Seelenruhe, als würden ihn die Verkehrsbetriebe dafür bezahlen. Er wirkt sehr professionell, gar nicht verrückt. Es scheint ihm großen Spaß zu machen. Seine Ansagen ergänzt er durch Informationen wie „Dieser Zug hat zwölf Wagen und 48 Türen.“ Leider habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen.
Der Sendermann
Der Urvater aller Aluhutträger, Chemtrail-Liebhaber und anderer Verschwörungstheoretiker, möglicherweise aber auch der erste Whistleblower in der Geschichte Berlins. Sicher ist er ein früher Mahner vor dem Überwachungsstaat der Gegenwart. Ich habe ihn nie persönlich erlebt, sein Wirken umfasst die Jahre 1972 bis 1975. Entweder haben ihn damals die Amerikaner einkassiert oder er ist auf Bonnies Ranch gelandet, der Berliner Nervenheilanstalt.
Der Sendermann, ein stämmiger rotbäckiger Mann, war häufig auf dem Kurfürstendamm unterwegs. Er trug einen kegelförmigen Hut, mit dem er sich womöglich vor den Strahlen der Geheimdienste schützen wollte. Er trug Transparente mit Botschaften wie „Abschirmdienst – Spitzel – Verbrecher sind mit Sendern an ihrem Körper“. Manchmal nutzte er auch ein Megaphon und rief den Leuten zu: „Bürger! Entwickelt Initiative! In jedem 3. Haus CIA und Abschirmdienst mit Sendern! Wehrt Euch! Der Verfassungsschutz foltert Bürger mit Sendern!“
Seine Warnungen pinselte und sprühte er auch häufig auf Häuserwände und nahm damit die Graffiti-Bewegung vorweg. „Folter mit Sendern! Die Berliner werden mit Sendern gefoltert - der BND und die CIA sind mit dabei.“ Das war seine Message, die er auch mit Flugblättern und in Studentenversammlungen verbreitete. Er überzog ganz West-Berlin mit seinen Botschaften, die heute aktueller sind denn je. Mitte der siebziger Jahre verliert sich seine Spur.


Tüten-Paula
Tüten Paula residierte bevorzugt auf den Parkbänken des Kurfürstendamms oder auf den Bänken der anliegenden U-Bahn-Stationen. Um sich herum hatte sie einen Schutzwall aus prall gefüllten Plastiktüten unbekannten Inhalts aufgebaut, die offenbar sehr wertvoll waren. Näherte man sich ihr oder blickte sie nur an, fing sie an zu fauchen, zu keifen und zu schimpfen. So aggressiv sind heutzutage noch nicht mal die Leute bei Facebook.
Am liebsten saß sie, gelegentlich auch einen Sturzhelm und Sonnenbrille tragend, an der Ecke Grolmanstraße. Ein vertrauter Anblick für die regelmäßigen Besucher und die Anwohner, wenn sie dort die Tauben fütterte, wo heute Udo Walz der Prominenz die Haare schneidet, und vor sich hin pöbelt. Almosen wurden entrüstet zurückgewiesen. Geld brauchte sie offenbar keins. Wer war diese Frau? Auch die Presse rätselte. Die schlichte Wahrheit: die Frau war eine Rentnerin aus Halberstadt und kehrte 1998 dorthin zurück.
The Selecter - Out On The Streets. https://www.youtube.com/watch?v=Ryzt8Mqvpgw
P.S.: Verschwörungstheorie der Woche: Der Verfassungsschutz hat in der SPD „linksradikale Kräfte“ entdeckt. In der SPD! Natürlich wird der Geheimdienstboss entlassen. Wer steckt dahinter? Linksradikale. Wer sonst? Warum wird die SPD noch nicht vom Verfassungsschutz beobachtet?

Montag, 5. November 2018

Nippelgate

Heutzutage ist das Fotografieren ja kein Problem. Selbst mit einem Handy und einer guten App kann man relativ schnell eine passable Aufnahme hinkriegen. In meiner Jugend, im Zeitalter der Spiegelreflexkameras und der vielen Objekte, die man immer wieder wechseln musste, war das etwas anspruchsvoller. Mir hat mal ein alter Fotograf, zu dem ich immer meine Filme zum Entwickeln gebracht habe, erzählt, wie er seine Studioaufnahmen machte.
Man muss sich einen kleinen Mann mit schlohweißen Haaren und einem Holzbein vorstellen. Sein Auftrag: Aktfotos von einer Frau. Ungewöhnlicher Auftrag für unsere Kleinstadt in den achtziger Jahren, aber der Mann hat damals jede Mark mitgenommen. Für die Aktaufnahme war es wichtig, dass bei der jungen Dame beide Nippel erigiert waren. Bis der alte Mann aber seine Kamera justiert hatte, Licht – Schärfe – tralala, war meist ein Nippel schon wieder in die Brustwarze zurückgesunken.
Deswegen musste der Fotograf – und ab diesem Punkt wurde seine Schilderung mit beiden Händen unterstützt – immer wieder zur Frau gehen – tock, tock, tock – und den Nippel bearbeiten. Er sagte mir, er hätte an dem Nippel herumgedreht wie an einem Radioknopf, bis er stand. Dann ging er wieder zurück zu seinem Kamera – tock, tock, tock – und versuchte ein Foto zu machen. Es konnte aber durchaus sein, dass in der Zwischenzeit der zweite Nippel wieder eingeschlafen war. Also ging es wieder zu den Nippeln, die er „wie Radioknöpfe“ bearbeitete, wie er lächelnd berichtete, bis das Bild im Kasten war.
Erotik war in meiner Jugend noch harte Arbeit. Nix Computer, das war Handwerk im Wortsinne.
Das ist aber nichts gegen die folgende Nippelgeschichte, der ich bis heute eine posttraumatische Belastungsstörung verdanke. Ich sitze mit einer Freundin in einem Berliner Steakhaus und sie hat ihr Kind dabei. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die Steaks werden serviert und der Kleene fängt im gleichen Moment an zu plärren. Wenn sie jetzt zur Toilette geht, um das Kind zu stillen, ist ihr Steak hart und kalt, bis sie zurückkommt. Also schneide ich ihr das Steak klein, damit sie es, zusammen mit den Pommes, bequem mit einer Hand essen kann. Ein Kind am Tisch an die Zapfanlage zu legen, ist in Kreuzberg kein Ding. Niemand würde etwas sagen und natürlich nahm auch keiner Notiz von unseren Aktion.
Während der Zwerg also seine Druckbetankung bekam, aßen wir unsere Steaks und unterhielten uns. Madame hatte ihr Steak wie immer blutig bestellt und so hatte ich den Eindruck, ich würde mit einer Wikingerbraut zu Mittag essen. Wilde, lange, blonde Haare, meerblaue Augen, blutiges Fleisch zwischen den Zähnen, während sie lacht und redet, dazu der Sohnemann an der Brust. Was für ein Bild! Leider konnte ich nicht umhin, einen flüchtigen Blick auf die Brust zu werfen, die ich dereinst in Schulzeiten liebkost hatte und die ich nun zum profanen Zwecke der Ernährung erneut entblößt sah. Der Nippel war zur Größe eines Bauarbeiterdaumens angeschwollen und dunkelrot bis lila verfärbt. Ich verlor kein Wort darüber und kaute mein Rindfleisch wie in Trance.
Seitdem sehe ich den weiblichen Körper nicht mehr mit der unschuldigen Begierde meiner frühen Jahre. Ich kann dieses Bild einfach nicht mehr vergessen. In meiner Erinnerung wird dieser Nippel immer größer.
The English Beat - Save It for Later. https://www.youtube.com/watch?v=uAQ5JatwGrE

Sonntag, 4. November 2018

UK rulez


Greenwich 1972.

Bevor in den nächsten Monaten das ultranationalistische Britain-Bashing einsetzt, möchte ich hier die Argumente nennen, warum das Vereinigte Königreich zu den großartigsten Ländern der Erde gehört:
Pink Floyd
Ultravox
The Police
Depeche Mode
Sex Pistols
Joy Division
The Clash
Queen
The Beatles
Motörhead
Talk Talk
The Who
Roxy Music
Deep Purple
Das ist nur meine persönliche Auswahl, man könnte ewig so weitermachen (Shakin’ Stevens!). Und ich mag die Sandwiches. Diese Menschen machen einfach großartige Sandwiches. Monty Python. Mit Schirme, Charme und Melone. Ergänzen Sie bitte selbst weitere Stichworte.
Wir Deutschen haben einen imposanten Friedhof voller Komponisten, Schriftsteller und Philosophen zu bieten. Dazu Helene Fischer und die Schweinehaxe.
Venom - In League With Satan. https://www.youtube.com/watch?v=D5wUr4Lut4A

London 1935.

Samstag, 3. November 2018

Aus dem Bembel ins Gerippte – Äppelwoi und Spaß dabei


Blogstuff 254
„Erst wenn der letzte Diesel gestorben ist, werdet ihr merken, dass man Elektroautos nicht essen kann.“ (Heinz Pralinski)
Kann sich noch jemand an die Typen erinnern, die mit einem schwarzen Aktenkoffer in die Schule gekommen sind? Die hatten immer Hemden an, nie T-Shirts oder Sweat-Shirts. Die Hemden hatten Brusttaschen und in den Brusttaschen steckten Kugelschreiber. Ich habe ja erst in der Uni mit dem Aktenkoffer angefangen. Soziologie-Seminar. Schwarzer Anzug, Sonnenbrille, Budapester Schuhe. Im Aktenkoffer war meine Bong, sonst nichts.
Hatte sonst noch jemand außer mir seine Monatskarte in einem Kunstlederetui mit Plastikfenster an einer Kordel um den Hals hängen?
Wow! Ich habe eine ehemalige studentische Hilfskraft gegoogelt, mit der ich vor zwanzig Jahren ein Projekt gemacht habe. Beeindruckend: http://aiapgh.org/news/meet-michelle-fanzo/
Ich war 1968 dabei. Ha – Ha – Haribo. Dazu habe ich im Kinderwagen die Ghettofaust geballt. Also erzählt mir nix.
Jogi Löw wird vielleicht einmal länger im Amt gewesen sein als Angela Merkel.

Foodporn ist out. Neuer Trend: Fotografieren Sie Ihre Unterhosen auf der Wäscheleine. Fragen Sie nicht, machen Sie’s einfach!
Im Vorderhaus ist eine Kneipe. Rechts vom Tresen führt ein Gang zu den Toiletten. Öffnen Sie die letzte Tür. Vor Ihnen liegt der gepflasterte Hof, der von der Straße nicht zu erreichen ist. Überqueren Sie ihn und betreten Sie den Spielsalon im Hinterhaus. Hier sitzen mindestens tausend Jahre Knast.
Wir dürfen uns von den CSFG-Regierungen der Zukunft nicht mehr erwarten als von der aktuellen GroKo.
Im letzten Kabinett von Schröder (2002-2005) waren sieben Männer und sechs Frauen. Im letzten Kabinett Merkel sitzen neun Männer und sechs Frauen. Im 15. Bundestag (2002-2005) lag der Frauenanteil bei den Abgeordneten bei 32,5 Prozent, im aktuellen Bundestag liegt er bei 30,7 Prozent. In Sachen Frauen fällt bei mir Frau Merkel in erster Linie ihre eigene Karriere ein – und dann die alberne Frauenquote in Aufsichtsräten (die bekanntlich nicht die Konzernleitung bilden, die immer noch fest in Männerhand ist). Von den sechzehn Bundesländern werden zwei von Frauen regiert.
Ich habe mal einen kleinen Block geschenkt bekommen, den man von oben zuklappen konnte, so wie in den amerikanischen Krimis. Also beschloss ich eines Nachmittags nach der Schule, Privatdetektiv zu werden. Ich ging auf die Straße, wo mir gleich ein kleiner, alter Mann mit schwarzem Pullover verdächtig vorkam. Also verfolgte ich ihn. Er lief einige hundert Meter durch mein Viertel und ich notierte mir alles, während ich hinter ihm her schlich und mir dabei alles in allem sehr unauffällig vorkam. Dann er verschwand er in einem Haus und kam auch eine ganze Weile nicht mehr heraus. Mir wurde langweilig und so endete meine Zeit als Privatdetektiv.
Die Verhältnisse in Deutschland können sich nur durch externe Ereignisse ändern. Erschütterungen der Europäischen Union beispielsweise nach dem Brexit oder einem Euro-Austritt Italiens. Eine Wirtschaftskrise durch einen Handelskrieg mit den USA, da Protektionismus Gift für die Exportnation wäre. Kernfrage: Wie stark wird der wachsende Nationalismus die internationale Ordnung verwüsten? Aus eigener Kraft wird dieses Land keinen Politikwechsel schaffen. Seit der konservativen Revolution Reagan/Thatcher/Kohl vor fast vierzig Jahren drehen wir uns im Kreis, für das untere Drittel der Gesellschaft ist es eine Abwärtsspirale. Deutsche Politik bleibt rechts, möglicherweise wird sie eines Tages durch externe Schocks auch rechtsextrem wie in Österreich, Polen oder Ungarn.
Orkestra Obsolete - Blue Monday. https://www.youtube.com/watch?v=cHLbaOLWjpc