Montag, 18. November 2019

Bei den Guerilleros


Diese Mücken. Diese verdammen Mücken! Ich klatsche mir mit der flachen Hand in den Nacken, aber es ist schon zu spät. Dieses Sirren ganz nah an meinen Ohren macht mich verrückt. Aber wir müssen weiter. Hier sind wir nicht sicher. Wenn man nicht in Bewegung bleibt, ist man verloren. Pablo hat es uns immer wieder erklärt.
Auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald machen wir Rast. Wir können kein Feuer machen, der Rauch würde uns verraten. Das Brot ist alt und hart, dazu gibt es Leberwurst aus verbeulten Büchsen. An einem Bach habe ich meine Trinkflasche mit Wasser gefüllt. Aber es kreist auch eine Flasche Wein. Immerhin etwas. So kann ich den ewig gleichen Fraß einen weiteren Tag ertragen.
Als wir gerade unsere Rucksäcke packen, kommt ein Späher. Er hat eine Drohne gesehen. Sicher suchen sie nach uns. Also rennen wir los. Die Hitze ist mörderisch. Geht dieser Sommer denn nie zu Ende? Aber wir tun das alles für die Sache der Gerechtigkeit. Für die Freiheit. Für die Zukunft der Menschheit. Und ein bisschen tue ich das alles für Tanja.
Wir erreichen das Ufer eines kleinen Flusses. Nirgendwo in dieser Wildnis ist eine Brücke zu sehen. Das Ufer ist schlammig und mit unseren Stiefeln sinken wir tief in den Morast. Wir nehmen die Rucksäcke ab und halten sie über unseren Köpfen fest, während wir hinüberschwimmen. Am anderen Ufer verstaucht sich ein Genosse den Knöchel, als er die Böschung hochklettert. Er unterdrückt den Schrei. Wir schleppen ihn weiter.
Natürlich haben wir kein Eis, um den geschwollenen Knöchel zu kühlen. Wir umwickeln ihn mit einer ganzen Rolle Toilettenpapier. Schon morgen würden wir es wieder brauchen. Die hygienischen Bedingungen in diesem Urwald sind katastrophal und die Hälfte unserer Truppe leidet an Durchfall. Aber wenigstens sind wir vorläufig sicher.
Wir haben keine Karte und natürlich auch keine Handys, sonst hätte man uns orten können. Aber Pablo, unser Maximo Lider, der in seinem früheren Leben den Namen Paul Koslowski getragen hat, kennt sich aus. Er stammt aus einem der wenigen Dörfer dieses riesigen Waldgebiets. Als es dämmert, beginnen wir, Feuerholz zu sammeln, und alsbald sitzen wir um ein knisterndes Lagerfeuer.
Pablo erzählt vom Ziel unseres revolutionären Kampfes. Die Maschinen bereiten sich auf die Weltherrschaft vor. Wichtige Positionen seien schon von Cyborgs, von künstlichen Maschinen, besetzt. Man erkenne sie an den offensichtlichen Fehlfunktionen in ihrem Sozialverhalten: Donald Trump, Boris Johnson, Friedrich Merz und Uli Hoeneß. Deswegen würde man auf die Guerilla, die gegen die Maschinen kämpft, Jagd machen. Das leuchtet ein. Allerdings habe ich in den vier Wochen, die ich jetzt Guerillero bin, noch keinen Gegner gesehen.
Damals war ich in der Fußgängerzone von Kaiserslautern Tanja begegnet, der Tochter von Pablo. Sie schlich sich gelegentlich in die Stadt, um Proviant zu besorgen und neue Kämpfer zu rekrutieren. Tanja! Lange blonde Haare, tiefgrüne Augen und eine Figur zum Niederknien. Jetzt sitze ich hier als Revolutionär im Pfälzer Wald und hoffe, dass ich ihr Herz erobern kann. Und immer die verdammten Mücken!
Beach Boys - Help Me Rhonda. https://www.youtube.com/watch?v=QPnBrK6D26g

Sonntag, 17. November 2019

Bilder gegen den Herbst



2000


Das Jahrzehnt neigt sich dem Ende entgegen und schwuppdiwupp ist ein Fünftel dieses Jahrhunderts schon wieder Geschichte. Die Zwanziger Jahre sind nur noch wenige Wochen entfernt. Erinnert sich noch jemand an den Anfang? Milleniumsparty und Nine-Eleven. Aber was war dazwischen? Was war im Jahr 2000 eigentlich los?
Beginnen wir mit dem Wort des Jahres: Schwarzgeldaffäre. Helmut Kohls illegale Parteispenden sind das erste große Thema des dritten Jahrtausends. Aus Birne wird Abrissbrine, Kronprinz Schäuble tritt als CDU-Vorsitzender zurück und wird niemals Kanzler.
Unwort des Jahres: national befreite Zone. Wir hatten schon lange vor der AfD die Nazi-Seuche an der Hacke.
In Österreich nimmt eine Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ ihre Arbeit auf. Die Dotcom-Blase platzt, die Kurse der Internetaktien stürzen ins Bodenlose. Putin wird russischer Präsident. In Hannover ist die EXPO 2000. Deutschland scheidet als Gruppenletzter mit nur einem Punkt nach drei Spielen in der Vorrunde der Fußballeuropameisterschaft aus. Bei Paris stürzt eine Concorde ab, der Flugbetrieb mit den Überschallmaschinen wird eingestellt.
Wir müssen den Tod diverser Berühmtheiten beklagen: Don Martin, Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt aka Friedrich Stowasser, Ernst Jandl, Walter Matthau und Emil Zatopek.
Absteiger bzw. Haarprobe des Jahres: Christoph Daum. Anschließend fristlose Entlassung als Trainer von Bayer Leverkusen und Kündigung seines Vertrags als Bundestrainer ab 1. Juni 2001. Wäre mit ihm das Sommermärchen 2006 anders verlaufen?
Aufsteigerin des Jahres: Angela Merkel. Sie wird am 10. April 2000 Bundesvorsitzende der CDU, lässt 2002 Stoiber-Bledl bei der Bundestagswahl roadrunnermäßig gegen die Wand laufen und regiert seit 2005 den ganzen Saftladen namens BRD.
Them / Van Morrison - It's all over now, Baby Blue. https://www.youtube.com/watch?v=58-DCkdGL5s

Samstag, 16. November 2019

Herkunft


A: Woher kommen Sie?
B: Aus Schweppenhausen.
A: Nie gehört. Was ist denn da in der Nähe?
B: Da ist nichts in der Nähe.



Die wundervollen Grachten von Schweppenhausen sind eine Reise wert.




Unser Wein schmeckt in allen Lebenslagen, liebe Lesende.

„Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“


1997 hielt der damalige Bundespräsident Herzog im Berliner Adlon-Hotel seine berühmte Ruck-Rede. Es klingt alles seltsam bekannt, das Ende der Ära Kohl gleicht dem Ende der Ära Merkel:
„Ich komme gerade aus Asien zurück. In vielen Ländern dort herrscht eine unglaubliche Dynamik. (…) Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft.“
„Was ist los mit unserem Land? Im Klartext: Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression - das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll.“
„Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" sprach schon von der "deutschen Krankheit". Das ist gewiss übertrieben. Aber so viel ist doch richtig: wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, dass Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist. Das ist ungeheuer gefährlich; denn nur zu leicht verführt Angst zu dem Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle. Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der Zukunft.“
„Zuerst müssen wir uns darüber klar werden, in welcher Gesellschaft wir im 21. Jahrhundert leben wollen. Wir brauchen wieder eine Vision. Visionen sind nichts anderes als Strategien des Handelns. Das ist es, was sie von Utopien unterscheidet.“ „Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland. Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“
„Und wieder glaube ich an die jungen Leute. Natürlich kenne auch ich die Umfragen, die uns sagen, dass Teile unserer Jugend beginnen, an der Lebens- und Reformfähigkeit unseres "Systems" zu zweifeln. Ich sage ihnen aber: wenn ihr schon "dem System" nicht mehr traut, dann traut euch doch wenigstens selbst etwas zu!“
Inzwischen ist ein Ruck durch Deutschland gegangen. Ein Rechtsruck. Und im Rückspiegel erscheint eine Vision …

Freitag, 15. November 2019

Erdogan - schaflos in Seattle


Colonel Clickbait schlägt wieder erbarmungslos zu. Eine getürkte Überschrift und ein paar flaue Witze. Vor dem Wochenende muss alles raus.







Die Wiedergeburt des Banalen aus dem Geist der Dummheit


Blogstuff 365
„Wann gehst du endlich?“ (Andy Bonetti: Geisel der Raute - Erweckungspredigt eines Ungläubigen)
Ich verstehe sie nicht. Sie spricht ohnehin sehr leise, aber im Lärm dieser Bar – Musik, klirrende Gläser, mindestens ein Dutzend Stimmen – kann ich sie überhaupt nicht hören. Also versuche ich, ihre Lippen zu lesen. „Hilf mir“. Was soll das? „Noch einmal: „Hilf mir“. Ich soll ihr helfen? Sie deutet mit dem Kopf auf etwas hinter mir. Jetzt verstehe ich. „Hinter dir“. Sie sagt es die ganze Zeit. Aber es ist schon zu spät. Eine Pranke auf meiner Schulter. „Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen“. Ich kenne diese Bassstimme, aber es fällt mir kein Name dazu ein.
Greise sehen immer vertrocknet aus. Wir sterben nicht, wir verdunsten.
Der letzte Mensch auf der Welt ist Präsident von Amerika und Russland, Papst und Fußballweltmeister. Zugleich ist er aber auch gar nichts.
Ändern kannst du es ohnehin nicht. Aber du kannst verhindern, dass es dich beschädigt. Lass es nicht zu nahe an dich heran. #GroKo-Endlosschleife
Neu heißt nicht besser. Das wissen wir alten Hasen inzwischen auch. Aber wenigstens neu. Man ist mit so wenig zufrieden, wenn der Orthopäde wichtiger wird als die Kanzlerin. #gleichesThema
Island ist eine kleine Insel. Deswegen gibt es auch nur einen einzigen Björk-Witz:
„Mein Frosch heißt Björk.“
*Geste des Erwürgens mit beiden Händen spielen*
„BJÖRK!“
Sie machen sich keine Vorstellung, wie es ist, wenn sie nach Jahren eines ihrer Bücher aufschlagen und einen Tippfehler finden. Der Tag ist gelaufen, eigentlich ihr ganzes Leben. Für diese Augenblicke wurde in Japan ursprünglich Harakiri erfunden. Völliger Ehrverlust. Du stürzt dich in dein Schwert.
Die jungen Leute malen sich schon mit zwanzig oder dreißig Jahren die komplette Haut mit Tattoos zu. Was soll das? Warum lassen sie ihrem späteren Ich keinen Platz zum Ausdruck? Ihrem vierzigjährigen oder siebzigjährigen Ich? Das ist eine Art von Arroganz sich selbst gegenüber. Was du dir mit zwanzig auf den Leib zeichnen lässt, könnte ja mit fünfzig nicht mehr zu deinem Ich passen. Also lass doch wenigstens für deine komplette geistige Entwicklungsgeschichte Platz auf deinen Körper.
„Nach 1.5 Std warten und sehr unfreundliches Personal kam die Pizza Gorgonzola ohne Gorgonzola! Hm. Nie wieder!“ (Kundenkommentar, Lieferando, Berlin)
Garbage - Stupid Girl. https://www.youtube.com/watch?v=rdw-e9UXW50