„Wahrlich,
ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Büchern,
das habt ihr mir getan.“ (Bonetti 25, 40)
Es heißt, man soll seinen Helden
nie im wirklichen Leben begegnen.
Es war vier Uhr nachmittags, als
ich das „Love is in the hair“ betrat. Ein ehemaliger Friseursalon, der zu einer
Kneipe umgebaut worden war. Das Schild über dem Eingang hatte man hängen
lassen. Stammgäste von Uli, dem Wirt,
nannten die Kaschemme einfach nur das „Loch“.
Er saß in einer Ecke am Tresen,
der Glücksspielautomat neben ihm piepste. Ein ausgeblichenes Shirt mit der
Aufschrift „Hard Rock Café Leverkusen“ spannte über seinem Bierbauch, der über
den Gürtel hing. Mit glasigen Augen schaute er in das Whiskyglas vor ihm. Die
Literaturlegende, von seinen weiblichen Fans einfach nur „Love God“ genannt.
Andy Bonetti.
Sein Anblick hatte nichts mit den
Fotos auf den Innenseiten seiner Buchcover zu tun. Aufgedunsenes Gesicht, ein
handbreiter Scheitel, wo man seine berühmte Elvis-Tolle vermutet hätte,
warzenbedeckte Wurstfinger.
Ich setzte mich zwei Barhocker
weiter und bestellte mir einen Asbach-Cola on the rocks. Nach einer Weile kamen
wir ins Gespräch. Von seinem Esprit war nichts geblieben. Er dachte, Witze über
Holländer seien geistreiche Bemerkungen, und lästerte über Heinrich Böll und
Hermann Hesse. Was machte dieser Mann eigentlich in Moabit?
Dann fing er an, über das neue
Buch zu sprechen, an dem er gerade arbeitete. Es geht um einen dreibeinigen
Hund namens Gregory, der bei einer jungen Frau lebt. Er kann mit Mary sprechen,
aber mit keinem anderen Menschen. Die Geschichte spielt in den frühen sechziger
Jahren in Manitoba. Mary lernt einen Mountie kennen, sie heiraten und ziehen
zusammen. Gregory verstummt und verlässt eines Nachts das Haus. Er geht auf
Wanderschaft und lernt, dass er auch mit Waschbären und Eichhörnchen sprechen
kann. Bonetti sagte, er sei sich über den Ausgang der Geschichte noch
unschlüssig.
Irgendwann war er so besoffen,
dass Uli ihn rauswarf. Er konnte nicht mehr selbständig laufen, also
packte ich ihn und legte meinen Arm um seine Schultern. Auf die Frage, wo er
wohne, sagte er mir, er könne sich nicht erinnern. Also nahm ich ihn mit nach
Hause.
Auf der Fahrt kotzte er aus dem
Fenster und hinterließ breite Schlieren auf meiner Beifahrerseite. Beim Sternburg-Schlummifix
zeigte Bonetti mir seine Tätowierung auf dem Oberarm. S.O.B. Sons of Bockenheim.
Später gestand er mir, er sei völlig abgebrannt. Selbst seine Unterwäsche sei
nur geleast. Er schlief auf der Couch und plünderte am nächsten Morgen meinen
Kühlschrank.
Bonetti blieb eine Woche.
Schließlich warf ich ihn raus.