Nach langer, schwerer Krankheit
erwache ich eines Morgens und bin gesund. Ich habe wochenlang im Bett gelegen
und am Ende nichts mehr gegessen und getrunken.
Ich fühle mich kräftig genug für
einen Spaziergang. Die frische Luft wird mir guttun. Ich fliege förmlich die
Stufen hinunter und betrete den Bürgersteig. Ein Nachbar geht vorüber. Ich nicke
ihm höflich zu, aber er sieht durch mich hindurch, offenbar in Gedanken.
Den Supermarkt lasse ich rechts liegen
und gehe zur U-Bahnstation. Geld für eine Fahrkarte habe ich nicht, aber um
diese Uhrzeit wird ohnehin nur selten kontrolliert. Die Sonne scheint und der
Grunewald lockt. An der nächsten Station entern ein paar BVG-Schergen die Bahn.
Das wird teuer. Aber ich werde gar nicht kontrolliert. Glück gehabt.
Ich steige aus. Vor dem Bahnhof
steht ein Imbisswagen. Jetzt eine Bratwurst. Wurst, das deutscheste aller
Worte. In seinem Klang ist der Sinn unserer ganzen Nation verborgen. Wurst.
Aber ich habe keinen Hunger, von Geld ganz zu schweigen.
Auf dem Waldweg bin ich ganz
allein. Zwischen den Bäumen liegt noch Schnee, aber ich spüre die Kälte nicht.
Bald kommt der Frühling. Der hellblaue Himmel ist nah und fern zugleich.
Im Freien fühle ich mich wohl.
Wie lange habe ich diesen Wald nicht mehr gesehen? Ich atme tief ein, zum
ersten Mal seit langem, ohne einen Hustenkrampf zu bekommen.
Am Ufer des Wannsees. Ich fühle
mich ganz leicht. Ein Windstoß erfasst mich. Ich stelle mir vor, dass ich
weggeweht werde und über das Wasser tanze wie ein welkes Blatt.



