Mittwoch, 1. April 2020

Wer gewinnt in der Schlacht gegen das Virus?


Wer überlebt ökonomisch die Corona-Krise? Die Konzerne. Wer überlebt nicht? Viele Unternehmen aus dem Mittelstand und die kleinen Krauter, die Restaurants, die Kleinbauern, die Künstler usw. Es findet also gerade ein Konzentrationsprozess statt, aus dem der globale Kapitalismus gestärkt hervorgehen wird.

Große Konzerne und große Agrarunternehmen versorgen uns, große Unterhaltungskonzerne bespaßen uns, große Konzerne organisieren Information und Kommunikation (und, nebenbei bemerkt, die große Koalition regiert uns) – dieser Konzentrationsprozess ist seit Jahrzehnten zu beobachten und beschleunigt sich gerade, während wir alle ängstlich zu Hause sitzen und nicht mehr über die wirklichen Veränderungen der Welt nachdenken.
Aber die Umsätze, die Gewinne, die Aktienkurse brechen ein, könnte man einwenden. Die Konzerne werden sich erholen, die Graswurzelökonomie nicht. Die Konzerne werden überleben, wie in der Finanzkrise die Banken überlebt haben. Wer ist an der Börse notiert? Die Großen oder die Kleinen, die Starken oder die Schwachen, die Bonzen oder die Proleten? Die Kurse werden wieder steigen, denn angesichts des Konzentrationsprozesses werden die Oligopole mehr Umsätze und Gewinne machen als je zuvor.
Die Konzerne haben im Überlebenskampf den längeren Atem und werden außerdem von Banken und Regierungen gestützt. Auch die staatlichen Mittel sind begrenzt, letztlich entscheiden also Politiker und Banker, wer ökonomisch überleben darf und wer sterben muss. Ein weiterer Vorteil: Im Angesicht der kommenden Massenarbeitslosigkeit ist der Fachkräftemangel, so es ihn den je im medial verbreiteten Umfang gegeben haben sollte, kein Problem mehr. Es werden mehr Menschen für den Mindestlohn schuften als je zuvor, was wiederum die Gewinne sprudeln lässt.
Es gilt wie zu allen Zeiten: Follow the money. Cui bono? Es sind selbstverständlich die Eliten, die sich gerade in ihren Prachtvillen und auf ihren Luxusyachten vor dem Elend der Welt verschanzen und auf das Ende der Pandemie im nächsten Winter warten. Auf staatlicher Ebene werden die reichen Industriestaaten gegenüber den Schwellen- und Entwicklungsländern profitieren. Für diese Prognose benötigt man keine Kristallkugel. Die Sieger sind immer die Gleichen.
P.S.: Ich sage ausdrücklich nicht, dass die Pandemie von den großen Konzernen ausgelöst wurde. Ich sage nur, dass sie von der Pandemie am meisten profitieren werden.
Beatles - You're Gonna Lose That Girl. https://www.youtube.com/watch?v=uFxikIlpnFw

Dienstag, 31. März 2020

Trittbrettfahrer en gros et en détail


Es gibt die großen Abzocker wie Adidas, H&M oder Deichmann, aber auch in den unteren Sphären des Kapitalismus suchen windige Geschäftemacher nach Profit.

Die zehn besten Durchhalteparolen


Blogstuff 410
„Mitten im tiefsten Winter wurde mir bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“ (Albert Camus)
In den sechziger Jahren haben die Frauen ihre BHs verbrannt. Ich werde meine Hosen verbrennen, denn ich verlasse nie wieder das Haus. Der Lockdown ist das Paradies für Misanthropen.
Ich fange an, mit den schwindenden Vorräten zu improvisieren. Wurstwasser-Daiquiri. Rezept auf Anfrage.
Ich schaue mir jetzt immer die Fernsehgottesdienste an. Rotwein habe ich genügend im Haus und ein Knoppers dient als Hostie.
Idee für einen Film: Jemand reist mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit, um den Ausbruch der Pandemie zu verhindern. Ich könnte mir Bruce Willis in der Hauptrolle vorstellen. Arbeitstitel: „12 Bats“.
27. März. Heute habe ich zum ersten Mal von der Corona-Pandemie geträumt. In diesem Traum fuhr ich trotz Reiseverbots nach Berlin. Mein Haus war eingerüstet, weil es gerade renoviert wurde, also musste ich es durch den Hintereingang betreten. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl auf meine Etage. Hier gab es eine große Bäckerei und andere Läden, sogar ein Frühstücksrestaurant. Die Etage war riesig und in viele Nebengänge verzweigt. Ich ging in meine Wohnung. Schon der erste Raum war gigantisch, größer als meine gesamte echte Wohnung. Es gab sogar eine Bar. Ich stellte meinen Koffer ab und ging wieder hinaus auf die Straße. Ich traf eine alte Schulfreundin, die mich bei meinem Spaziergang begleitete. Sie erklärte mir, dass ich mir alles nur einbilden würde. Ich dachte mir: Dann bildest du dir diese Frau auch nur ein. Ich strengte mich an, sie zu ignorieren, und tatsächlich war sie bald verschwunden. Ich kam an einem Biergarten vorüber, wo ein Freund von mir allein an einem Tisch saß. Ich setzte mich zu ihm und bestellte beim Kellner ein Weizenbier und Weißwürste. Dann wachte ich auf.
In Berlin ist es inzwischen verboten, allein auf einer Parkbank zu sitzen und ein Buch zu lesen.


Die „spanische Grippe“, die von 1918 bis 1920 zwischen 25 und 50 Millionen Menschenleben gekostet hat, hatte in Kansas/USA ihren Ursprung und kam mit der U.S. Army nach Europa. Die USA waren in den Krieg eingetreten, um die Kredite der amerikanischen Banken an Frankreich und Großbritannien zu retten, die Anfang 1917 vor einer drohenden Niederlage gegen die Mittelmächte standen. Geld regiert die Welt.
Den geplanten Buchtitel “Forever Andy – Pandemie der guten Laune“ kann ich auch in die Tonne kloppen.
Wer trägt eigentlich die Frühjahrskollektion von Prada, wenn alle zu Hause sind?
Peter Frampton - Do You Feel Like We Do. https://www.youtube.com/watch?v=U0wVJE3Vf8k

Tentin Quarantino, mein neuer Held.

Montag, 30. März 2020

Bilderwelten, Weltbilder 17











Toilettenpapier – ein Besinnungsaufsatz


„Dass sich die einen mehr nehmen als die anderen, nennt man in diesen Tagen ‚hamstern‘, und es ist verpönt. Dass sich die einen mehr nehmen als die anderen, nennt man sonst Marktwirtschaft, und es ist heilig.“ (Bernd Ulrich)
Seien Sie vernünftig, haben sie uns gesagt. Kaufen Sie mit Maß und Mitte, haben sie uns gesagt. Wer hamstert, verhält sich unsolidarisch, haben sie gesagt. Also haben sich viele Menschen klug verhalten und sind ruhig geblieben. Über die Menschen, die gehamstert haben, wurde gelacht. Sie wurden zum Gespött der Leute, sie wurden in den Medien – ob kommerziell oder sozial – an den Pranger gestellt wie SUV-Fahrer und Flugreisende im vergangenen Jahr.
Jetzt ist das Toilettenpapier alle. Jeder, ob arm oder reich, steht vor leeren Regalen. Plötzlich kann der Zahnarzt, der mit dem Porsche Cayenne beim Bioladen vorfährt, seiner juwelengeschmückten Gattin nicht einmal so etwas Gewöhnliches wie Scheißhauspapier besorgen. Die Kinder des Immobilienmaklers verstehen die Welt nicht mehr. Papa, Klopapier ist alle. Jetzt stehen die ganzen Schlaumeier und Moralapostel dumm da und wissen nicht weiter. Hätteste mal gehamstert, als noch Zeit war, du feiner Pinkel. So mancher Hartz IV-Empfänger besitzt mehr Toilettenpapier als du. Wie stehst du jetzt mit deinen ganzen Moneten vor deiner Familie da?

Klopapierporn.


Nehmt das, ihr Versicherungsfritzen, ihr Zahnärzte, ihr Immobilienmakler, ihr Manager: Mit Stand 28.3.2020 verfügt die Festung Bonetti, sicher geborgen hinter Wall und Graben, über Toilettenpapier für zwei Monate, Taschentücher für einen weiteren Monat, drei Küchenrollen, ein Paket Papierservietten mit Weihnachtsmotiv, das ich im Esszimmerschrank gefunden habe, und zwei prallgefüllte blaue Säcke mit Altpapier. Sicherheitshalber habe ich online nochmal nachgefasst und vergangene Woche 96 Rollen dreilagiges Klopapier geordert.
Ich soll euch arroganten Wichsern etwas abgeben? Könnt ihr euch das überhaupt leisten? Jetzt faselt ihr alle von Solidarität, wie damals, als wir eure Scheißbanken mit unserem Geld retten durften, nur damit ihr euch wieder die Taschen mit Mondgehältern und Boni vollstopfen konntet. Drauf geschissen!
P.S.: Für Heiratsanträge nutzen Sie bitte den Kommentarbereich.
New Order: Love Less. https://www.youtube.com/watch?v=c_QlZ_qhGUA

So geht’s dahin, das Haus des Agamemnon.

Sonntag, 29. März 2020

Wichtige Information zum Ernährungsnotstand


Die gute Nachricht: Es gibt eine staatliche Notfallreserve, falls in einem Krisenfall der Markt versagt.
Die schlechte Nachricht: Es gibt nur Reis, Erbsen, Linsen, Kondensmilch, Brotgetreide (Weizen, Roggen) und Hafer. Über Getränke finde ich nichts. Da bleibt uns nur das Leitungswasser.
Im Augenblick geht es uns noch hervorragend, selbst in einem gottverlassenen Kaff wie Schweppenhausen habe ich die Auswahl zwischen vier verschiedenen Lieferdiensten, darunter sogar ein Inder.

Dunkelheit


„Ist die vollkommene Leere schwarz oder weiß?“
Ich habe alles, was ich brauche. Ein Bett, einen Sessel, ein Radio. Mein Zimmer hat eine Doppeltür. Einmal am Tag ertönt ein Gong. Dann darf ich die Tür öffnen und finde im Zwischenraum der Türen ein Tablett mit Essen. Die zweite Tür ist geschlossen. Es dient meiner Sicherheit. Was mir fehlt, ist das Licht.
Es begann vor einem Jahr. Die Krankheit brach in einer Stadt aus, die etwa hundert Kilometer entfernt war. Nicht jeder wurde krank. Nur drei Prozent der Infizierten. Aber anfangs starben viele Menschen. Die rätselhafte Krankheit verändert die Haut. Licht tötet uns. Auch ich habe mich angesteckt.
Noch gibt es kein Heilmittel, aber in den Laboratorien wird geforscht. Im Radio höre ich jeden Tag von den Fortschritten. Schon im nächsten Jahr soll alles vorbei sein. Unsere Provinz wurde zur Sperrzone erklärt. Alle Kranken sind in speziellen Häusern isoliert und leben in absoluter Finsternis.
Einmal in der Woche wird die gesamte Station verdunkelt. Dann dürfen wir unsere Zimmer verlassen. Wir tasten uns zum großen Aufenthaltsraum am Ende des Flurs. Wir sind etwa zwölf Menschen. Zwei Stunden lang können wir uns unterhalten. Es tut gut, die Stimmen der anderen zu hören. Wir erzählen uns Geschichten aus der Vergangenheit und diskutieren über die Nachrichten, die wir gehört haben.
Heute Nachmittag ist es wieder soweit. Ich habe beschlossen, mich im Aufenthaltsraum zu verstecken, wenn die zwei Stunden um sind. Die Dunkelheit ist nicht auszuhalten. Ich werde sehen, was passiert, wenn die Pfleger das Licht einschalten. Ich werde mich befreien. Ich werde nach draußen rennen. In die Sonne. Ich werde leben oder sterben.
P.S.: Diesen Text habe ich schon am 8. März geschrieben. Damals gab es noch keinen Corona-Toten in Deutschland. Es ist seither so viel dazwischen gekommen, was ich vorher posten wollte. Unglaublich.
Anne Clark - Our Darkness. https://www.youtube.com/watch?v=OguHIyNNblM