Montag, 18. Juni 2018

Finger im Popo

Mexiko. Die erste Niederlage in einem WM-Auftaktspiel seit 1982. Gestern habe ich noch über 1982 geschrieben, gestern  sind wir ist die DFB-Auswahl nach 36 Jahren erneut schmachvoll gescheitert.
Was ist passiert, höre ich Sie, liebe sportinteressierte Lesende, fragen. Mach uns schlau, geschätzter Kiezschreiber, ruft die fußballbegeisterte Gemeinde. Hier ist meine Analyse.
Natürlich lag es, oberflächlich betrachtet, am lustlosen Auftritt, an der Ideen- und Bewegungslosigkeit der deutschen Mannschaft. Aber die Schuld liegt natürlich auch bei uns. In Wackernheim – oder wie ich es seit ein paar Tagen nenne: Wackutinki. Ein Brüller, oder? Sollte es mich beunruhigen, dass mir Wortspiele auf diesem Niveau inzwischen auch im nüchternen Zustand einfallen? Egal. Zurück zur Spielanalyse.
Dreizehn. Die Unglückszahl. Damit fängt es an. Wir sind an diesem Nachmittag dreizehn Personen, die sich um den Fernseher versammelt haben. Den Hund rechne ich nicht mit. Es ist ohnehin nur ein kleiner Hund, der durch die permanente Einforderung von Streicheleinheiten und Nahrungsmitteln, die für ihn nicht geeignet sind (dazu komme ich später), nicht ins Mannschaftsgefüge passen will.
Ich habe, einem meiner zahlreichen Ticks nachgebend, sofort die Menschen im Raum durchgezählt. Aber ich will nichts sagen. Ich kann mir die Reaktion der anderen schon denken: Wenn du gehst, sind wir nur noch zwölf. Ich habe mich sowieso schon unbeliebt gemacht, weil ich bei unserem Tippspiel der Einzige war, der auf ein Unentschieden gesetzt hat. Defätist! Alle anderen haben selbstverständlich auf einen deutschen Sieg gesetzt. Bereits vor dem Abspielen der Nationalhymne wird es sehr einsam um mich.
Der zweite Fehler: die Trikots. Niemand hat eines der Original-WM-Trikots für schlappe 125 Euro gekauft. Auch das Replica-Shirt für 90 Euro sehe ich nicht. Stattdessen sind die meisten Fans in zivil gekommen. Ich zum Beispiel in einem dunkelblauen T-Shirt, das ich den Anwesenden frech als Auswärtstrikot von Uganda präsentiere. Einige alte Deutschland-Trikot mit drei (!) Sternen, billige Discounter-Imitationen, dazu Flip-Flops und kurze Hosen. So kann man nicht antreten!
Der dritte Fehler: Anstatt – wie es sich für heimatverbundene Deutsche geziemt – Bratwürste auf den Grill zu werfen und eine Schüssel Kartoffelsalat auf den Tisch zu stellen, gab es Pizzabrötchen. Pizza! Italien!! Die sind ja noch nicht mal qualifiziert!!!
Der vierte Fehler: Normalerweise haben wir die Sammelkarten der Mannschaftsaufstellung komplett und legen sie vor den Fernseher. #Ritual #Talisman #Amulett #Aberglaube
Aber dann ist Hector verletzt, Plattenhardt spielt für ihn. Hat jemand den Plattenhardt, ruft die Gastgeberin verzweifelt. Den Plattenhardt! Niemand. Ich habe Sandro Wagner doppelt, der in einem Paralleluniversum den Ausgleich geschossen hat.
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
P.S.: Laut einer Verschwörungstheorie, die ich ausdrücklich nicht teile, aber gerne verbreite, hat Angela Merkel bei ihrem Besuch der Mannschaft in Südtirol die Order ausgegeben, möglichst früh aus dem Turnier auszuscheiden, um zu vermeiden, dass die Spieler von einem Despoten wie Putin den Pokal überreicht bekommen. Dann muss die Kanzlerin auch nicht nach Moskau reisen. Der Austausch von Pokalen fällt ohnehin in den Bereich der geltenden Sanktionen. Niemand verärgert die Amerikaner, die sich nicht qualifiziert haben, und wir gehen einem Spiel gegen den Iran aus dem Weg.
Les Humphries Singers – Mexico. https://www.youtube.com/watch?v=HkJR88iwDk4

Sonntag, 17. Juni 2018

Zeichnungen 5

Fußballweltmeisterschaft 1982

Fünf Mark hat das Sonderheft der Zeitschrift „Sport“, die es schon lange nicht mehr gibt (der Herausgeber „Deutscher Sportverlag“ existiert allerdings noch und befasst sich mit Galopprennen), damals gekostet. 1982. Die Mittelstufe des Gymnasiums lag gerade hinter mir. Nach dem Endspiel der WM habe ich meinen sechzehnten Geburtstag gefeiert. Das Heft habe ich natürlich aufgehoben.
Was für eine Mannschaft, die mit Trainer Josef „Jupp“ Derwall aus Würselen (kein Witz) nach Spanien fährt. Sturmgiganten wie Karl-Heinz Rummenigge, Klaus Fischer und Horst Hrubesch werden für die Tore sorgen. Im Mittelfeld zaubern Paul Breitner und Felix Magath. In der Abwehr warten das Bollwerk Stielike – Kaltz – Briegel und die Förster-Buben. Harald „Toni“ Schumacher steht im Tor. Junge Talente wie Lothar Matthäus, Hans Peter „Hansi“ Müller oder Pierre Littbarski ergänzen die Truppe; verletzungsbedingt fehlt Bernd Schuster.
Wer wird Weltmeister? Im Heft geben die Experten ihre Tipps ab. Günter Netzer sagt: Deutschland. Helmut Kohl und Karl Dall auch. Bernie Ecclestone tippt auf Brasilien. Thomas Gottschalk auf Brasilien oder Deutschland. Frank Elstner sieht es genauso. Bekanntlich hat Italien damals das Endspiel im Bernabeu-Stadion in Madrid gewonnen.
Diego Maradona ist mit sechs Millionen Mark pro Jahr der Spieler, der am meisten verdient. Zwei Drittel des Geldes kommen von Konzernen, für die er Werbung macht. Davon können deutsche Spieler nur träumen. Im Interview sagt der Kölner Torwart Schumacher: „500.000,- netto oder 600.000. Ja, da würde ich sofort gehen, auch nach Saudi-Arabien.“ Deutschlands Kapitän Rummenigge verdient beim FC Bayern 40.000 Mark im Monat, ohne Nebeneinkünfte. Peanuts aus heutiger Sicht. Für die Übertragungsrechte müssen ARD und ZDF unglaubliche sechs Millionen Mark hinblättern!
Ich habe mich damals auf das Turnier gefreut, das Sonderheft war jeden Pfennig wert. Und dann das! Auftaktniederlage gegen Algerien. Der Nichtangriffspakt gegen Österreich im letzten Gruppenspiel, so dass beide Mannschaften in die nächste Runde kamen. Seither finden die letzten Gruppenspiele immer parallel statt, um Schummeleien wie die „Schande von Gijón“ zu verhindern. Das Halbfinale gegen Frankreich, die legendäre „Nacht von Sevilla“ mit dem ersten Elfmeterschießen der WM-Geschichte, war das spannendste Spiel, das ich je gesehen habe. Schließlich die unrühmliche 3:1-Schlappe gegen Italien im Endspiel.
P.S.: Zu Weihnachten bekam ich damals den Bildband „Fußball-WM 1982“ von Frank Beckenbauer. Der „Kaiser“ war zu diesem Zeitpunkt noch Spieler für den HSV (zu diesem Zeitpunkt in der 1. Bundesliga), aber nicht mehr für die Nationalelf. Er hat trotzdem auf seine Weise Geld mit der WM verdient und für den Bertelsmann-Verlag  seinen Namen verkauft  ein Buch gemacht. Im Vorwort schrieb er: „Die WM hat mir Spaß gemacht. Ich habe mit Freude für dieses Buch gearbeitet. (…) Und ich habe dabei eines festgestellt: Zum Trainer würde ich nicht taugen.“ Zwei Jahre später war er Nachfolger von Derwall.
P.P.S.: Die WM 1982 war das erste Turnier mit 24 Mannschaften, vorher waren es immer sechzehn gewesen. Viele Fans fanden das damals nicht gut. 2026 wird mit 48 Mannschaften in drei Ländern gespielt. Tendenz: irgendwann sind alle etwa zweihundert Verbände dabei, die WM ist immer und überall.
Jenny Rock - Douliou Douliou St-Tropez. https://www.youtube.com/watch?v=bWYWWrnXzsc

Samstag, 16. Juni 2018

Zeichnungen 4

Regen, Restalkohol, Resignation – ein ganz normaler Tag


Blogstuff 220
„Das Internet macht mit Humor das, was die Pornografie mit Sex gemacht hat – Vervielfältigung, Verflachung, Abstumpfung.“ (Hazel Brugger)
Je älter du wirst, desto mehr Pfeile stecken in deinem Fleisch. Von manchen Wunden weißt du, dass sie nicht mehr heilen werden.
„In guten Geschichten wird nun mal gefickt und gekackt, gekotzt und gestorben. Aber versuchen Sie mal, diesen Stoff im heutigen Fernsehen unterzubringen. Der Raum wird enger, der Kampf um die Freiheit härter.“ (Johnny Malta)
So wurde ich im letzten Vierteljahrhundert zum Fußgänger: 1994 letztes Auto, 1999 letzter Mietwagen (Elsass), 2002 letztes Mal am Steuer (Leute nach einer Party nach Hause gefahren), 2013 wurde mir der Führerschein geklaut.
Wir empfehlen die Roadkill-Paprikafleischwurst der Metzgerei Ehrlich aus Pirmasens.
Ich war einmal im Leben in Oberhausen. Damals hat ein Kumpel von mir in Duisburg gearbeitet. So ein Job bei der Telekom, wo du den ganzen Tag Straße für Straße eine ganze Stadt abklapperst und es wird gemessen, wie der Handy-Empfang ist. Acht Stunden. Jeden Tag. Der Typ kennt tatsächlich sämtliche Straßen im Ruhrgebiet, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls sind wir von Duisburg nach Oberhausen gefahren, um uns das neue „Centro“ anzugucken. Wir waren in einem wahnsinnig teuren Burger-Restaurant namens „Planet Hollywood“, wo sich der Kellner mit Namen vorgestellt hat. Was für eine Scheiße! Danach brauchten wir dringend das normale Leben und sind in eine Kneipe gegangen. So’ne typische Eckkneipe eben. Es war wie im Wilden Westen. Wir kommen rein und mit einem Schlag Totenstille. Drei Typen an der Theke und die Wirtin. Alles schaut uns an, als wären wir gerade mit einem Raumschiff gelandet. Wir setzen uns an einen Tisch und geben zwei Bier und zwei Schnäpse in Auftrag. Nach einigen Minuten fangen die Männer vorsichtig an, ihr Gespräch fortzusetzen. Leise, als würden sie dem Braten nicht trauen. Drei Bier später gehören wir aber schon zum Inventar. Schöne Gegend. Müsste man mal wieder hin.
So läuft es im 21. Jahrhundert: das Gras fällt dir auf den Boden, sofort kommt ein Saugroboter – und weg ist es.
Als wir in der Stadt ankamen, begann sie sofort zu fotografieren. Ein oder zwei Stunden lang. Ich ging wenige Meter hinter ihr und sog mich schweigend voll wie ein Schwamm. Dann setzten wir uns in ein Café. So war völlig erschöpft, aber glücklich. Wir bestellten Kaffee, Gin und Wein, ich begann zu schreiben.
Prag ist kitschig geworden, quietschbunt, völlig überschminkt – so hat die Stadt in der Vergangenheit vermutlich nie ausgesehen.
Liebe Veganer und Mülltrenner! Sehen wir den aktuellen Verhältnissen mit der gebotenen Kühlness ins Auge: Der Natur hilft nur ein dritter Weltkrieg mit Milliarden Toten.
Sie kennen das: Sie haben „soziale Gerechtigkeit“ angeklickt, aber Ihr Zeigefinger ist längst über einer anderen Taste. Wir wollen irgendwann das Neue, das Andere. Wer wollte uns einen Vorwurf machen? In diesem Jahrzehnt ist es eben Konsumschwachsinn. Na und? Zu müde und zu gleichgültig für den Protest.
Er war ganz entspannt, seine Bewegungen waren wie in Zeitlupe, aber ohne Fehler.
Peter Fox - Schwarz zu Blau. https://www.youtube.com/watch?v=yphwzD1XaBY


                               Meine Altersvorsorge: Star Wars-Sammelteller.

Freitag, 15. Juni 2018

Zeichnungen 3





Buster Keaton

„… er hatte jetzt keine Lust auf Leute, Leute waren die, die einem den Tag versauten …“ (Sven Regener: Wiener Straße)
Einer der vielen Vorteile des Alters ist es, seine Zeit nicht mehr mit belanglosen Tätigkeiten, albernen Leidenschaften und der Jagd nach nutzlosem Besitz verbringen zu müssen. Ich kann den ganzen Tag entspannt in meinem Sessel sitzen, ohne das Gefühl zu haben, irgendetwas zu verpassen. Als Gesellschaft genügt mir mein Kater. Ich nenne ihn Buster Keaton, weil er ständig denselben stoischen Gesichtsausdruck hat wie der längst verstorbene Schauspieler. Es ist nur ein Spiel, denn Buster hört ohnehin nicht auf seinen Namen. Letztlich ist er namenlos wie alle Katzen.
Ich habe Buster dressiert. Jetzt kann ich mich mit ihm unterhalten. Einen Kater dressiert? Und er redet? Glauben Sie mir, es geht. Moderne Technik macht es möglich. Ich habe eine Stoffmaus auf Rädern, die ich mit einer Fernsteuerung bewegen kann. Immer, wenn Buster mit seiner Pfote auf die Maus schlägt, ertönt aus einem Lautsprecher ein Satz. Ich habe etwa dreißig Floskeln programmiert. Auch die Unterhaltung mit Menschen beruht letztlich auf einer überschaubaren Anzahl beliebig verwendbarer Allgemeinplätze und sprachlicher Konventionen. Menschliche Kommunikation besteht zu 99 Prozent aus Leere.
„Sollen wir in den Garten gehen?“ frage ich Buster.
Er schlägt nach der Maus. „Morgen ist auch noch ein Tag.“
„Es ziehen tatsächlich einige Wolken auf. Vielleicht regnet es.“
„Das kann man nicht wissen.“
„Soll ich ein wenig lesen?“
„Wenn es dir Spaß macht.“
„Ist es denn richtig, den ganzen Tag im Sessel zu sitzen?“
„Ich finde, du machst das großartig.“
„Vielleicht koche ich mir einen Tee.“
„Achte immer auf deine Gesundheit.“
„Aber dazu müsste ich in die Küche gehen.“
„Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“
„Ist dir denn nicht langweilig, Buster?“
„Man braucht so wenig zum Glück.“
Wie recht dieser Kater doch hat. Und jetzt mache ich ein Nickerchen.
Gary Jules - Mad World. https://www.youtube.com/watch?v=4N3N1MlvVc4