Bonetti steigt aus dem Wagen und
betrachtet eine Weile die Fachwerkfassade des Hotels „Kaiserhof“. Er ist zum
“Butzbacher Literaturherbst” eingeladen und wird heute Abend aus seinen „Bad
Nauheimer Elegien“ vortragen. In diesem Werk geht es um die Endlichkeit des
Daseins im Allgemeinen und um seine chronischen Verdauungsbeschwerden im
Besonderen. Er ist wie immer auf den Punkt vorbereitet. Er kennt nicht nur den
Namen des Oberbürgermeisters, der im übrigen Erwin Schlonz heißt und die
Veranstaltung mit einer kurzen Laudatio einleiten wird, sondern hat sich auch
über die Geschichte und die aktuellen Probleme der entzückenden Kleinstadt
kundig gemacht.
In Butzbach wurde 1957
„Frauenarzt Dr. Kober“ mit Liselotte Pulver und Günter Pfitzmann gedreht. Im
Gasthaus „Alte Post“ hat Goethe 1805 eine Mahlzeit eingenommen und – wie es auf
einer Messingtafel heißt – „ausgiebig dem Wein zugesprochen“. Das kubistische
Gemälde „Butzbach und Klarinette“ von Pablo Picasso hängt in der Neuen
Pinakothek in München. Eigentlich ist der ganze Ort eine soziale Plastik im
Sinne von Joseph Beuys.
Bis zum Ende des ersten
Weltkriegs waren hier die hessischen Garde-Dragoner stationiert, die im
Sieben-Tage-Krieg gegen Preußen von 1799 den Rückzug der kurfürstlichen Truppen
gesichert haben. Noch heute erinnert ein Brunnen mit Pferdemotiven an diesen Teil
der lebhaften Butzbacher Geschichte. Napoleon hat im Dezember 1812 bei seiner
Rückkehr vom Russlandfeldzug beim Schneidermeister Bläulich einen Wintermantel
bestellt und nie abgeholt. Er ist im historischen Museum der Stadt ausgestellt.
Berühmte Söhne und Töchter der
Stadt sind Arnold Germesheimer (1857-1921), Erfinder der gestreiften Zahnpasta,
Luise Waffelmacher (1904-1989), Professorin für Chemie an der Fernuniversität
Goslar und Begründerin der asymmetrischen Synthese von gechlortem Bromaxin, und
Ronny Müller (1948-2011), Linksaußen von Eintracht Frankfurt. Die
Ehrenbürgerwürde erhielten Otto von Bismarck (1877), Paul von Hindenburg (1917)
und Adolf Hitler (1933, 2007 aberkannt).
Das größte Problem der Stadt und
des gesamten Wetterau-Kreises ist der Nachwuchs. Er leidet unter Kurzatmigkeit
und Fettleibigkeit, nach dem zwanzigsten Geburtstag geht er auch gerne nach
Köln oder Berlin. Oft bekommt der 1. FC Butzbach keine elf Spieler für eine
Partie gegen den Erzrivalen Kesselheim zusammen (Butzbach war dem
heimtückischen Landgrafen Giselbert von Kesselheim bis 1638 tributpflichtig).
Bevor Bonetti sich auf den Weg
in die Stadthalle macht, verspeist er im Restaurant „Ratskelleria“ mit gutem
Appetit eine „hessische Schnitzeltasche“, ein paniertes Schweineschnitzel, das
mit Handkäse und Speck gefüllt ist, und mit grüner Soße, Bratkartoffeln und
tomatisiertem Champagnerkraut serviert wird. Dazu trinkt er ein Glas Butzbacher
Pils aus der örtlichen Brauerei, die seit 1466 besteht.
P.S.: Wenn man Wikipedia glauben
möchte, bezeichnet „Butzbach“ auch das Kniegelenk des tasmanischen Geckos,
einen Berg in Thüringen und eine Bucht auf der Taka-Tuka-Insel. Henry Butzbach
(1868-1937) saß als Senator für Wisconsin acht Jahre im amerikanischen
Parlament.





