Montag, 15. April 2024

Der große Tag


Wichtelbach hat einen Feiertag, den es nirgends auf der Welt gibt: den Andy-Bonetti-Tag. An diesem Tag wird dem berühmtesten Promi gehuldigt, den die Stadt jemals hervorgebracht hat. Vergessen Sie Berti Vogts und Johann Lafer. Es ist der 17. April, der Tag, an dem der erste Groschenroman des Jahrhundertliteraten veröffentlicht wurde.

An diesem Tag sind alle Straßen und Häuser mit seinem Konterfei geschmückt. Es gibt Blumenkränze und Girlanden in seinem Lieblingszustand, sorry: seiner Lieblingsfarbe (blau). Die Schulkinder schreiben Gedichte und malen Bilder für Bonetti. Die Menschen essen den ganzen Tag Bonettis Leibgerichte: Corn Dogs, Brombeermuffins und Fettuccine Miracoli. Am Nachmittag findet eine große Parade der Bonetti-Fans statt. Aber eigentlich ist hier jeder Bonetti-Fan.

Abends wird der Feiertag mit einer Theateraufführung gekrönt, anschließend gibt es ein halbstündiges Feuerwerk. Das ist der Inhalt des Stücks:

Es regnet, als der Hunger den jungen Bonetti aus seinem winzigen Zelt treibt. Der Campingplatz von Wichtelbach liegt zwischen dem Gefängnis und der Müllkippe. Wieder hat er die ganze Nacht an seinem ersten Roman geschrieben. Jetzt ist er fertig. Er fährt per Anhalter nach Frankfurt und legt dem berühmten Verleger Blofeld sein Manuskript vor.

Blofeld beginnt zu lesen: „Es ist Mitternacht an den Docks von Wichtelbach. Rocky Palermo sieht auf seine Taschenuhr. Würde Jerry Handsome wirklich kommen? Da tippt ihm jemand von hinten auf die Schulter. Palermo dreht sich um und blickt in den Lauf einer abgesägten Schrotflinte. „Ich habe schon viel von dir gehört, Handsome“, sagt Palermo betont lässig, „aber ich hörte, du wärst tot.“ Dann lässt er sich geschickt zur Seite abrollen und zieht in einer einzigen fließenden Bewegung seine zwanzig Pfund schwere 100er-Magnum. Die Kugel trifft den erbarmungslosen Schurken genau ins rechte Auge und er fällt ins Hafenbecken, wo seine Leiche mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf der Wasseroberfläche treibt.“

Blofeld blickt auf, Bonetti kann dem Jahrhundertverleger kaum in die Augen schauen.

„Bonetti! Das ist genial. Das ist groß. Das wird ein Erfolg. Ich werde ihr Buch verlegen.“

So fing alles an. Formulierungen wie „Die pulsierende Lava seiner feurigen Lenden brachte die wollüstige Olga zu Schreien des feuchten Entzückens“ sind inzwischen Teil der Weltliteratur wie Goethe- und Shakespeare-Zitate.

Dann kommt natürlich noch die Szene, in der Bonetti völlig aufgedunsen in seiner Luxussuite auf dem Bett liegt und Corn Dogs in sich reinstopft. Literaturnobelpreis, Scheidung, zweiter Literaturnobelpreis, zweite Scheidung usw. Sie kennen das.   

 

Samstag, 13. April 2024

BILD erwischt Bonetti: Ohne Lappen im Ferrari

 

Blogstuff 942

Alle Jahre wieder kommt die Weihnachtszeit - und die Kriminalstatistik. Ein Fest für Vereinfacher und Demagogen. Die Ausländer sind unser Unglück. Lauter Verbrecher. Ich habe mich schon im Grundstudium in den Achtzigern mit diesen Zahlen auseinandersetzen dürfen. Ein Seminar Statistik, ein Seminar Empirische Sozialforschung. Es ist eigentlich ganz einfach. Wer verübt mehr Gewaltverbrechen? Männer oder Frauen? Männer. Junge oder Alte? Junge. Arme oder Reiche? Arme. Es gibt also überproportional viel arme junge Männer, die gewalttätig werden. Oft gegenüber anderen armen jungen Männern. Und in dieser Gruppe gibt es überproportional viele Migranten und Flüchtlinge. Ist seit Jahrzehnten so. Also kein Grund, deswegen die AfD zu wählen. Immer dran denken: Nazis sind eine invasive Art.  

Die Lebensmittelindustrie reagiert auf die Cannabisfreigabe: Biskin Hanföl, Barilla Cannabispesto, Leibniz-Haschkeks – nur echt mit den 52 Zähnen. Demnächst: Heroinbrötchen.

Wenn Sie ernsthaft zunehmen möchten, kaufen Sie sich eine Fritteuse. Frittieren Sie alles, auch Ihre Zahnpasta. Geben sie den verschiedenen Teilen Ihres Bauches liebevolle Namen wie Donutland oder Schnitzelinsel. Ganz wichtig: keine überflüssigen Bewegungen. Gewichtszunahme erreicht man auch durch Bewegungsmangel. Wenn Sie das Gewicht eines Renault Twingo erreicht haben, suchen Sie einen Arzt auf.

Wenn die Geschichte mit der Arche Noah wirklich stimmen würde, wären am Ende nur die Löwen von Bord gegangen.

Gute Nachricht: Der merkwürdige Fleck auf meinem rechten Handrücken ist kein schwarzer Hautkrebs. Sondern Edding. Trotzdem waren die sechs Stunden in der Notaufnahme sinnvoll, denn jetzt habe ich endlich Gewissheit.

Warum zahle ich eigentlich jeden Monat Unsummen an die AOK, wenn sie noch nicht mal meine Delphintherapie auf den Bahamas finanziert?

Einfach mal durch die U-Bahn rennen und „Ihr kriegt mich nicht lebend“ rufen.

Hätten Sie’s gewusst? Volkswagen war der offizielle Sponsor des Zweiten Weltkriegs.

Ich kann Leute mit Schönheitsoperationen nicht ernstnehmen. Wenn ich acht oder fünfzehn Operationen mache, würde ich auch gut aussehen.

Meine Eltern haben mir damals einen Zauberwürfel geschenkt. Ich habe das blöde Teil natürlich nicht kapiert. Da habe ich einfach alle Seiten rot lackiert – Problem gelöst.

Wissing fordert ein Fahrverbot für Autos. Wie blöd kann die FDP noch sein? Damit sind die nächsten Wahlen endgültig verloren.  

Donnerstag, 11. April 2024

The Bloodhound Inn

 

Es ist die verrückteste und angesagteste Bar von ganz Berlin. Jeder will dorthin, aber nur wenige kennen den Weg.

Man fährt auf ein verlassenes Industriegelände in Adlershof. Hier hat früher der VEB Plaste und Elaste die Kondome für den halben osteuropäischen Markt hergestellt. Man sucht das Verwaltungsgebäude und fährt in den dritten Hinterhof. Dort gibt es eine Stahltür, an die man klopfen muss.

Ein schmales Schiebefenster öffnet sich. Dann sagt man das Passwort, für das viele in der Berliner Undergroundszene morden würden und das nie ein Tourist erfahren wird: „Bier.“

Schon ist man drin. Im Eingangsbereich sind eine Reihe crazy Haken angebracht, an die man seine Jacken hängen kann. Die ganze Inneneinrichtung ist extrem abgefahren. Auf der linken Seite ist ein langer Holztresen mit Hockern, rechts sind bequeme Clubsessel und kleine Cocktailtischchen. Um die Beleuchtung geheimnisvoller zu machen, wurden nur 50-Watt-Birnen verwendet.

Die Musik ist sicher nicht jedermanns Geschmack, aber damit muss man in einer Avantgarde-Bar rechnen. Die größten Hits der achtziger und neunziger Jahre. Zwischen elf und zwölf Uhr ist die DJ-Bobo-Hour. Die Songs laufen auf Zimmerlautstärke, so dass man sich gut unterhalten kann.

Der Barkeeper ist ein alter Hase, der schon Harald Juhnke seine Drinks gemixt hat. Er ist um die sechzig, korpulent, hat immer ein Geschirrtuch über der Schulter und benutzt Worte wie „verhohnepipeln“ und „knorke“. Formulierungen von geradezu zauberischem Glanz.

Man trinkt hier am liebsten Wodka-O, Gin Tonic, Whisky-Cola und Berliner Kindl. Für die ganz Verwegenen gibt es auch noch Jägermeister mit Red Bull. Hinter den Toiletten ist der sogenannte Darkroom, der nicht ganz so hell ist. Hier kann man Karaoke singen oder Tischfußball spielen.

Ich bin schon ein bisschen stolz, zu diesem elitären Publikum zu gehören. Habe ich schon die kostenlosen Salzstangen und Erdnüsse erwähnt?

Mittwoch, 10. April 2024

Ein Job mit Zukunft

 

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?“

„Oh, ich sehe ihn jeden Tag.“

„Und wo?“

Sie zeigt mir das Fotoalbum.

„Nein, wann haben Sie Ihren Mann zuletzt getroffen, Frau Schmidt?“

„Das weiß ich nicht. Deswegen sollen Sie ihn ja suchen.“

Ich sehe die Urne auf der Kommode. Aufschrift: „Herr Schmidt“.

„Ich mache mich gleich auf die Suche.“

„Das freut mich. Ich vermisse ihn sehr.“

Mein Name ist Raider-Jonas Delgado. Ich bin nicht stolz auf meinen Job. Auf meiner Visitenkarte steht „Privatdetektiv“. Obwohl ich keinerlei Ausbildung habe. Ich suche mir meine Kundschaft in Altersheimen. Auch Katzen und Hunde werden gerne vermisst, selbst wenn sie schon lange tot sind. Demenz ist eine echte Marktlücke. Ich bekomme zweihundert Euro pro Tag.

Mein erster Fall war eine Nachbarin. Ich habe ihr die Einkaufstüten in den zweiten Stock getragen. Dann bat sie mich, alles in den Kühlschrank und die Speisekammer zu räumen. Danach hat sie mir noch einen Kaffee gekocht und wir sind ins Gespräch gekommen.

Ihren Mann habe ich nach einer Minute im Internet entdeckt. Die meisten Todesanzeigen gibt es ja heute auch schon online. Gianlucca di Melanzane war bereits vor drei Jahren gestorben. Ich habe ihr eine volle Woche berechnet. Ein halbes Jahr später nochmal.

Warum sollte ich das Geld nicht nehmen? Herr Schmidt ist übrigens auf Dienstreise in Mexiko.

Montag, 8. April 2024

Sieger lernen von Siegern


Blogstuff 941

Im Fernsehen zeigen sie eine 100km-Wanderung, für die man auch noch 70 Euro Startgeld zahlen muss. Woher nehmen die Leute eigentlich ihren sinnlosen Ehrgeiz? Ich würde nach zwei Kilometern an der nächsten Pommesbude haltmachen und dann einfach liegenbleiben.

Viele Leute fragen mich, warum ich so unverschämt gut in Form bin. Dann sage ich immer, ich gehe zwei Stunden am Tag ins Gym. Okay, das ist der Name einer Konditorei um die Ecke. Was für eine sensationelle Geschäftsidee. Und Fitnesstorte haben sie auch noch.

Kann sich noch jemand an John Matuszak erinnert, der den furchterregenden Sloth im Film „Goonies“ gespielt hat? Er wurde nur 38 Jahre alt, gewann zweimal den Superbowl und war für wilde Partys und Drogenmissbrauch bekannt. Eine echte Hollywood-Karriere.

Wenn es um Verkehr geht, reden alle immer nur über Autofahrer und Radfahrer, manchmal auch über Bahnfahrer. Aber was ist mit uns Fußgängern? Den Schildkröten des Straßenverkehrs, den ewig Vergessenen?

Ich mag Physik nicht. Diese bescheuerte Rivalitätstheorie kapiert kein Mensch und was soll die Nummer mit der Katzenkiste.

Ich bin zur Testamentseröffnung meiner Tante mit einer Stretch-Limo vorgefahren und habe nur ihre Porzellanentensammlung bekommen.

Bei den Elben von Majoran! Endlich habe ich das perfekte Online-Rollenspiel gefunden. Ich bin ein Druide der siebten Ebene und suche die magische Waffel von Fragola. Als nächstes muss ich zum finsteren Berg von Bungalo hinter den tödlichen Sümpfen von Viertelerde, aber ich habe nur den unsichtbaren Hut des uskanesischen Khans und den heiligen Stützstrumpf der Watussi-Indianer dabei.

Wir haben jetzt in Wichtelbach den Fattie-Run. Tausende machen mit und zahlen pro gelaufenen Kilometer einen Euro. Davon werden Fettabsaugungen und Sofas finanziert.

Der große Ländervergleich:

Croissant – Hörnchen 1:0

Entrecôte – Schweineschnitzel 2:0

Rotwein – Weißbier 3:0

Bouillabaisse – Backfisch 4:0

Crème brûlée – Rote Grütze 5:0

Baguette – Vollkornbrot 6:0

Warum lebe ich noch hier?

Sonntag, 7. April 2024

Heiter mit trüben Aussichten

 

Blogstuff 940

„Wann kostet der Döner wieder drei Euro?“ (Olaf Scholz)

Ich habe mich damals für eine Rolle als Zwerg in „Herr der Ringe“ beworben. Dazu habe ich mich neben einer zwei Meter großen Cola-Dose fotografieren lassen. Leider habe ich nie eine Antwort bekommen.

Um der Polizei die Ermittlungen zu erleichtern, habe ich eine Liste mit den Namen meiner potenziellen Mörder angelegt. Sie ist ziemlich lang geworden.

Unweit von Wichtelbach wurde jetzt bei Ausgrabungen ein altes Lager des ägyptischen Heeres gefunden. Ein dreieckiger Stein, der aus einem Weinberg ragte, entpuppte sich als Spitze einer Pyramide. Ferner wurden eine Porzellanfigur der Nofretete und die Nase von Kleopatra gefunden. Dazu Sandalen, Sandalen, Sandalen. Danach ein Speer und ein Helm, dann wieder Sandalen. Möglicherweise war es auch eine ägyptische Sandalenfabrik. Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Aber es gab auch die eine oder andere Mumie. Es soll ein Museum mit Falafelstand gebaut werden. Wir berichten weiter.

Seit zwei Wochen lungert ein Saxophonspieler vor meinem Haus rum. Was soll das? Von mir bekommt er kein Geld.

Ich war schon immer ein Nerd. Vermutlich war ich das einzige Kind, dessen Zimmer eine eigene Flagge hatte. Zuerst nannte ich meine fünfzehn Quadratmeter „Republik Adlerstein“ und einmal im Monat wurde ich von meinen Stofftieren zum Präsidenten gewählt. Später war es dann das „Königreich Adlerstein“. Meine Eltern mussten eine Urkunde unterschreiben, mit der sie das Gebiet abtraten. Es war nicht immer einfach mit mir – aber ich hatte das einzige Kinderzimmer mit einer monatlich erscheinenden Zeitung.

Viele wissen es gar nicht, auch weil ich es nicht an die große Glocke hänge, aber ich engagiere mich seit einem Monat ehrenamtlich. Ich bringe rumänischen Waisenkindern Breakdance bei, um sie von der Straße zu holen.

Gestern habe ich auf der Seite meines Notebooks eine Taste entdeckt. Ich wusste gar nicht, dass dieses Gerät einen Becherhalter hat.

1492: Die Indianer denken, Kolumbus würde nur drei Tage bleiben.

Ab nächste Woche im ZDF: „Wettervorhersage – Der Film“. Teil 1 bis 12.

„Mein Gott, die Toilette ist verstopft. Was sollen wir tun?“ – „Jetzt kann uns nur noch einer helfen: Montgomery Hudson.“ Und da kommt er auch schon angeflogen, mit seinem Superklempnerumhang und dem goldenen Pömpel.

„Es war Laktoseintoleranz.“

„Sie haben zwölf Kühe erschossen.“

„LAKTOSEINTOLERANZ!“

Samstag, 6. April 2024

Neulich beim Psychologen

 

Ich möchte mit Ihnen über mein Blog sprechen.

Warum möchten Sie über Ihren Blog sprechen?

Ich fühle mich seit einiger Zeit nicht mehr wohl.

Warum fühlen Sie sich nicht mehr wohl?

Weil ich manchmal so blöde Kommentare bekomme.

Welche Kommentare?

Von Leuten, die eine ganz andere Meinung haben oder meinen Humor nicht verstehen.

Warum verstehen die Leser Ihren Humor nicht?

Vielleicht ist er zu kompliziert? Vielleicht setzt er zu viel voraus?

Was genau setzt er voraus?

Fachwissen. Man sollte sämtliche Comedy-Shows und -serien gesehen haben.

Was stört Sie noch?

Manchmal bekomme ich auch überhaupt keinen Kommentar. Dann fühle ich mich so hilflos. War der Text nicht gut genug?

Was glauben Sie, warum schreiben Ihnen die Leute an manchen Tagen nichts.

Ich habe nur elf Follower. Weniger als Jesus.

Warum vergleichen Sie sich mit Jesus?

Weil ich glaube, dass ich richtig gut bin.

Woher nehmen Sie das Wissen?

Im Traum ist mir Rudi Carrell erschienen. Er sagte, ich würde immer besser.

Träumen Sie auch von anderen Menschen?

Ja. Peter Frankenfeld und Harald Juhnke. Die finden mich auch gut.

Haben Sie Probleme beim Schreiben?

Nein. Ich schreibe jeden Tag.

Sehr gut. Dann sollten Sie versuchen, Ihre Sorgen zu vergessen. Stellen Sie sich immer die Frage: Wird dieses Problem in fünf Jahren noch wichtig sein?

Danke, Herr Doktor. Sie haben mir sehr geholfen.