Sonntag, 16. Dezember 2018

Jede Menge Ärger

Mitternacht, Nebel, Hafen. Ich hätte fünfzig Euro für das Licht einer fahlen Mondsichel bezahlt. Aber ich muss meinen Informanten treffen, Jacques Bordellier. Nur er kennt den Namen des Mörders. Monatelange Undercover-Arbeit findet heute ihr Ende, Jacques ist der Schlüssel zur Lösung des Falls.
Ein Schatten löst sich aus der Dunkelheit. Ich höre Schritte.
„Sind Sie es, Monsieur Bordellier?“ flüstere ich heiser.
„Ja, Mister Bonetti.“
Er zündet ein Streichholz an und für wenige Augenblicke kann ich das müde, traurige Gesicht des Ex-Sträflings erkennen.
„Haben Sie die Information.“
„Ja.“
„Und?“
„Der Name des Mörders ist …“
Ein Schuss gellt durch die Nacht. Jacques sinkt melodramatisch zu Boden.
Ich beuge mich über ihn.
„Der Name, Bordellier. Der Name!“
„A …“
„Ja?“
„A …“
„Irgendwas mit A, okay. Aber wie geht es weiter?“
„Aua.“
Er schließt die Augen und furzt. Mein Informant ist tot. Fünfzig Euro für einen Schnaps, denke ich, und gehe nach Hause.
Frank Sinatra: Anything Goes. https://www.youtube.com/watch?v=pbxDiRlBRGc

Der erste Schnee ist da!

Stolze fünf Zentimeter (Wehe, ich höre jetzt einen dummen Spruch!).
Nimm das, St. Moritz!
Ski und Rodel gut in Schweppenhausen.

Samstag, 15. Dezember 2018

Der feine Unterschied

Sie sind ein muslimischer Ex-Knacki und schießen ein paar Leute über den Haufen. Vorher rufen Sie „Allahu akbar“. Sofort kennt alle Welt Ihren Namen und Ihren Lebenslauf. ARD-Brennpunkt + AfD mit Schaum vor dem ungewaschenen Maul. Staatschefs legen Blumen nieder, ganze Völker sind traumatisiert. Im Umkreis von tausend Kilometern haben alle Besucher der Weihnachtsmärkte die Hosen voll, wenn sie sich den ersten Glühwein einpfeifen. Lustlos bekennt sich der IS erst Tage später zur Tat.
Sie sind ein österreichischer Graf und schießen ein paar Leute über den Haufen. Für diese Meldung interessiert sich bestenfalls die Rinnsteinpresse. Kann passieren, ist ja auch irgendwie menschlich so kurz vor Weihnachten. Wir sind doch alle im Stress.
Graf Tono Goess, der als höflich und hilfsbereit bekannt ist, erschießt stilgerecht im Schloss der Familie seinen 92jährigen Vater. Weil er von ihm seit der Kindheit gegängelt wurde. Und vermutlich weil er ihm den bescheuerten Vornamen zu verdanken hat. Warum wartet er, bis der Alte 92 ist?
Dann erschießt er seinen kleinen Bruder. Es geht um die Erbschaft, also um viel Geld.
Anschließend muss die böse Stiefmutter namens Margherita dran glauben.
Sie liegt jetzt in einem Kühlfach des Leichenhauses und ist – Achtung! – eine
FROZEN MARGHERITA
https://www.youtube.com/watch?v=1vfSk-6tIvo

Wissenswertes über Herbert Auerbach

Er war fünfzig Jahre alt, aber er sah wesentlich älter aus. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass er einmal jung gewesen war. Es gab ein Foto von seiner Einschulung, aber selbst auf diesem Bild sah er schon uralt aus. Ein alter Mann in kurzen roten Hosen.
Er war nicht musikalisch. Beim Londoner Symphonieorchester hätte man ihn noch nicht mal das Furzkissen bedienen lassen.
Mit einer Dressurschule für Katzen ist er vor einigen Jahren kläglich gescheitert.
Er war immer einer von den Typen, die entweder tief in der Scheiße steckten oder direkt daneben standen.
In den Falten seiner Stirn nisteten das Misstrauen und die Niedertracht, der Neid und der Zorn. Sein ganzes Gesicht war das Ergebnis einer Enttäuschung, einer Demütigung, die viele Generationen vor ihm begonnen haben musste.
Ihn konnte nichts mehr beeindrucken. Er hatte Zynismus im Endstadium.
Niemand konnte in teuren Designerklamotten so billig aussehen wie er.
Er hatte Schultern wie ein Kleiderbügel aus der Kinderabteilung und hätte seine Mutter für fünf Euro verkauft. Okay, vier Euro.
Er hatte die haarigsten Hände, die ich jemals außerhalb eines Zoos gesehen habe.
Er saß im Bus immer in der letzten Reihe, damit er sehen konnte, ob er verfolgt wurde.
Er baute seine Erzählungen grundsätzlich so weit aus, bis jeder, wirklich jeder froh war, wenn sie vorbei waren.
Sein verwüstetes Gesicht mit den grauenhaften Zähnen sah aus, als wäre er das Ergebnis einer Samenspende von Steve Buscemi, die an eine Alkoholikerin abgegeben wurde.
Nur sein ewiger Husten war ansteckend, nicht sein Lachen.
Wenn er den Kopf schüttelte, wurden die Hautfalten unterhalb seines Kinns in rhythmische Schwingungen versetzt. Sie bewegten sich noch eine Weile weiter, wenn er den Kopf nicht mehr schüttelte.
Er konnte unglaublich gut schwitzen. Nach einem Schnitzel mit Bratkartoffeln war sein Hemd feuchter als bei einem kenianischen Marathonläufer bei Kilometer 38.
Stiff Little Fingers - Wasted Life. https://www.youtube.com/watch?v=eeG5Pl-5e1Q

Freitag, 14. Dezember 2018

Steine, Spuren

Am 24. November wurden vor dem Haus, in dem ich in Berlin wohne, sechzehn „Stolpersteine“ verlegt. Seit 1992 verlegt Gunter Demnig diese Betonwürfel, die auf einer Messingplatte die Namen der Opfer des NS-Terrors tragen. Etwa 70.000 gibt es in ganz Deutschland und in anderen europäischen Ländern.
Sechzehn Menschen in diesem Haus. Vierzehn wurden ermordet, ein Ehepaar konnte 1939 noch über Genua nach Shanghai fliehen. Zu diesem Ehepaar habe ich im Anhang die Biographien angefügt, sie waren damals bekannte Musiker. Deswegen kamen zu der Zeremonie, bei der etwa dreißig Leute anwesend waren, auch der Direktor der nahen Musikhochschule und eine Geigerin, die einige klassische Stücke spielte.
Der Künstler hat leider kein einziges Wort gesagt. Er kam wie ein Handwerker, verlegte die Steine und fuhr vor Ablauf der Zeremonie wieder davon. Ein engagierter Bewohner unseres Hauses, der die Verlegung der Stolpersteine initiiert hatte, hielt eine Rede und stellte uns die einzelnen ehemaligen Bewohner unseres Hauses vor.
Besonders perfide war ein Briefwechsel, den er recherchieren konnte. Eine Versicherungsgesellschaft schrieb mehrfach an die Gestapo und fragte, ob die Versicherungskunden schon verstorben seien, damit man die fällige Lebensversicherung an die Reichskasse auszahlen könne. Das Wissen über den Holocaust war also weiter verbreitet als mancher vermutet. Die Geldgier der Nazis war ein weiterer Grund für die Ermordung vieler Juden und anderer Opfer.
Leider waren einzelne Mitglieder unserer Eigentümergemeinschaft dagegen, die Kosten von 120 Euro pro Stein aus der Gemeinschaftskasse zu bezahlen, aber es fanden sich Paten für alle sechzehn Steine. Während der Zeremonie legte eine Passantin spontan den ersten kleinen Stein auf einen der Namen. Der einzige jüdische Bewohner des Hauses konnte nicht anwesend sein, da er aus beruflichen Gründen in Asien unterwegs war. Allein in Wilmersdorf gab es 13.200 Opfer des Nazi-Regimes.
Mein herzlicher Dank geht an alle, die sich für das Gedenken an den Holocaust engagiert haben.
Henry Margolinski: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002053
Irene Margolinski: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00005297

Tsunami in der Teetasse


Blogstuff 259
„Der einsame Reisende kommt am weitesten.“ (Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht)
Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft erscheint die lange erwartete geostrategische Studie „Luxemburg – Volk ohne Raum“ von Prof. h.c. mult. Andy Bonetti.
Die Bewegung der „Gelbwesten“ in Frankreich zeigt uns, dass die Konfliktlinie Arm gegen Reich, Proletariat gegen Bourgeoisie, noch sehr lebendig ist. Hier geht es nicht um links oder rechts, Mann vs. Frau, hier geht es um den Existenzkampf der Unterschicht.
Warum essen wir Gänse, aber keine Schwäne? Ich finde Gänse viel sympathischer. Schwäne sind so arrogant, so abgehoben und hochnäsig. Sie sind die Düsseldorfer unter den Schwimmvögeln. Aber die netten Gänse würde ich am liebsten knuddeln, auch Enten sind voll in Ordnung.
Er beendete das Fallen und ging übergangslos in die Phase des Liegens über.
Die „Mietpreisbremse“ der GroKo ist ein schönes Beispiel, wie im Raumschiff Berlin gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Die Bewohner des Elfenbeinturms, die Meister des Glasperlenspiels, beschließen ein Gesetz und haben scheinbar das Problem gelöst. Umsetzen muss es der einzelne Bürger, in diesem Falle der Mieter. Der Staat hilft ihm nicht, er spricht zu ihm wie das Orakel von Delphi.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti lebte in seiner Jugend zeitweise in Miete und musste sich als Aufsichtsrat verdingen, um zum Einkommen der Familie beizutragen.
Wenn der SPIEGEL Boulevardpresse ist, müsste man die BILD eigentlich als Rinnsteinpresse bezeichnen.
Die Grünen als Partei der bürgerlichen Mitte, angereichert mit Veganer-Lametta und Pandabärenfolklore.
Natürlich hatte er einen Plan. Ziemlich oft sogar, aber nie den gleichen. Wer sein Leben nach einem einzigen Plan ausrichtet, muss völlig wahnsinnig sein.
Wenn Trump nach Berlin kommt, knalle ich ihn einfach ab. Das ist gelebte Völkerfreundschaft.
Wenn man an der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien hält, betritt man eine Welt, die jedem Besucher schlagartig klar macht, warum die Menschheit ein monströser Scheißhaufen ist und keine Zukunft hat. Hier gibt es in schäbigen Baracken Schnaps, gefälschte Zigaretten, Gartenzwerge, Tinnef und Talmi in absurder Form und niederschmetternder Qualität. Auf der Straße gibt es Nutten und Drogen. Es ist das Ende der Welt und das Ende der Zeit.
Ich kann auch mit Zahlensymbolen operieren. „1894“ steht auf meinem T-Shirt – A H I D. Adolf Hitler ist doof.
Höhepunkt politischer Korrektheit: Als Weiße mit Rastafrisur können Sie heutzutage bei der Commerzbank arbeiten, aber kein Reggaekonzert besuchen, weil Sie sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig gemacht haben. Das Tragen von Baskenmützen sollte auch verboten werden, weil die Basken eine unterdrückte Minderheit in Europa sind. Was ist mit dem Didgeridoo und der Ukulele? Oder mit sprachlichen Aneignungen wie „meschugge“ und „Savoir-vivre“?
Er ist wieder da. Irgendwo in Bayern, heißt es. Ich sitze als Beifahrer in einem Auto – mit Marco Reus am Steuer. Es liegt tiefer Schnee auf den Straßen, Marco telefoniert aufgeregt, wir cruisen und schlittern durch die Stadt. „Wie viel Geld hast du?“ fragt er mich. Ich habe 250 Euro in bar und kann notfalls noch Geld abheben. Marco hat auch noch ein paar Kröten. Wir beschließen, nach Bayern zu fahren und uns diese Nazi-Drecksau zu schnappen. (Traum vom 23.11.2018)
Theodor Shitstorm – Rock’n Roll. https://www.youtube.com/watch?v=6Fr2L1ikV3I

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Erotica

Das erotische Leben eines Mannes hat erstaunlich oft mit Krankenschwestern und Ärztinnen zu tun, für einige von uns beginnt dieser Lebensabschnitt im geheimnisvollen Reich der Medizin, so wie unser Leben im Regelfall in einem Krankenhaus beginnt. Für die bedauerlichen Exemplare meines Geschlechts war es zu meiner Jugendzeit der eiskalte Griff einer steinalten Ärztin ins zarte Gemächte, sicherlich der Tiefpunkt der demütigenden Musterung im Kreiswehrersatzamt, nicht selten Auslöser lebenslanger Traumata beim Anblick medizinischen Personals. Nicht so bei mir.
Es war Frühling 1980, die Sonne schien, die Vöglein zwitscherten um die Wette, als ich zu einer Operation in eine Mainzer Klinik musste. Nichts Aufregendes, eine Leistenoperation. Aber der Arzt, der meinen Unterleib untersuchte, ordnete eine Rasur des Schambereichs an. Ich war dreizehn Jahre alt und hatte es nun amtlich, dass ich genug Haare am Sack hatte. An dem Tag, an dem die beiden blutjungen und bildschönen Krankenschwestern mit einem verschwörerischen Lächeln das Zimmer betraten, wurde ich zum Mann.
Beide hatten dunkelbraunes langes Haar, eine mit wilden Locken, eine glatt und glänzend. Während die Schwester mit dem glatten Haar neben dem Bett stand und mir abwechselnd ins Gesicht lächelte und auf meine erblühende Mannespracht starrte, packte die Gelockte einen Einmalrasierer aus und beugte sich tief über meine Familienjuwelen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat. Es war aufregend, schön und nahm einfach kein Ende. Damals hatten die Krankenschwestern noch extrem kurze weiße Kittel an, die weit über den Knien endeten, und nicht diese schlabbrigen blauen Hosen und Hemden, die man heutzutage trägt und in denen sie aussehen wie Fabrikarbeiterinnen.
Noch heute finde ich ein Krankenschwesterkostüm sehr erotisch. Während meines Zivildienstes im Altersheim bin ich mal bei einem Betriebsausflug mit einer drallen Blondine Geisterbahn gefahren, weil sie das unbedingt wollte. In der Finsternis zwischen Gespenstern und Geköpften küsste sie mich wild. Ich schob meine Hand unter ihr T-Shirt, sie hatte keinen BH an, es war wie im Film. Die Welt der Erotik besteht nicht nur aus schwarzem Leder, sondern auch aus weißen Kitteln. Und Sie, liebe Lesende, dürfen jetzt über die äußerst delikate Frage nachdenken, ob ich in jenem unvergesslichen Frühling eine Erektion hatte oder nicht.
Madness – It Must Be Love. https://www.youtube.com/watch?v=vmezIIrFQmY