Sonntag, 17. Januar 2021

Die Falle

 

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so gelebt habe, aber es war schön. Es gab keine Uhr, keinen Kalender, kein Handy und kein Fernsehen in meinem Leben. Ich machte einfach den ganzen Tag, worauf ich gerade Lust hatte. Es gab auch keinen Ort, an dem ich länger blieb. Ich fuhr einfach durch die Gegend, immer der Nase nach. Meistens auf Nebenstraßen, manchmal sogar auf Feldwegen.

Zu essen gab es überall genug. In der warmen Jahreshälfte Äpfel, Birnen, Nüsse und Beeren. In der kalten Jahreszeit nahm ich mir aus den Containern hinter den Supermärkten, was ich brauchte. Es ist unfassbar, wieviel kostenloses Essen es in diesem Land gibt. Tütenweise Brötchen, Joghurts, Käse und Schinken. Es tat mir leid, dass ich gar nicht so viel essen konnte und massenweise leckere Sachen liegen lassen musste.

Ich schlief im Auto und, wenn es warm genug war, unter freiem Himmel. Ich wusch mich an Bächen oder ging in einem See schwimmen. Eine Tasche voll Klamotten genügte mir. Gelegentlich ging ich in einen Waschsalon. Während sich meine Jeans und meine Shirts in der Maschine drehten, schaute ich mir die Menschen an, die auf dem Bürgersteig vorüberkamen. Leere Gesichter, den Blick nach unten gerichtet. Ein trauriger Anblick.

So fuhr ich durchs ganze Land. Wenn ich Geld für Benzin brauchte, fragte ich in einem Restaurant, ob sie einen Tellerwäscher brauchen. Wenn man ein paar Lokale abgeklappert hatte, fand man schon was. Acht Stunden für achtzig Euro. Das reichte wieder für fünfhundert Kilometer. Der Job war ganz einfach. Man kratzte die Essenreste vom Teller in den Schweineeimer. Dann stellte man die Teller in die Spülmaschine und räumte sie später in den Schrank. Oft war noch ein halbes Schnitzel oder ein halbes Steak auf dem Teller. Das ließ ich mir natürlich nicht entgehen.

Ab und zu ging ich abends auch mal in eine Kneipe. Einmal hatte ich eine Frau am Edersee in Hessen kennengelernt. Wir gingen zu ihr nach Hause. Wir hatten wild gevögelt und am nächsten Morgen gleich nochmal. Ich blieb dann einfach liegen, als sie zur Arbeit ging. Als sie am Abend wiederkam, sagte sie nichts. Ich blieb zwei Wochen bei ihr. Es war schön, aber eines Tages musste ich einfach weiter. Der Ruf der Straße, das alte Lied. Klingt blöd, ich weiß. Aber wenn man los muss, hilft alles nichts.

Irgendwo in Niedersachsen, auf einer schmalen Landstraße, sah ich irgendwann dieses Schild: „Wir brauchen Sie. Firma Niemeyer stellt ein.“ Ich dachte mir nichts dabei. Dann wieder das gleiche Schild einen Kilometer weiter. Und nochmal. Ich kam in eine Kleinstadt und plötzlich sah ich das Werkstor mit der Inschrift „Niemeyer & Co KG“. Es war November und ich dachte mir: Geh vier Wochen arbeiten und du hast genug Kohle, um den Winter auf Sizilien zu verbringen. Ich hielt an und ging ins Personalbüro. Was soll ich sagen? Ich bekam einen Job.

Seither packte ich jeden Tag Schuhe und Klamotten in Kartons und machte einen Versandaufkleber auf die Vorderseite. Es machte keinen Spaß, aber ich dachte an das Geld. Am Monatsende bekam ich mein erstes Gehalt auf ein Konto, dass ich auf der Stadtsparkasse einrichten musste. Davon gingen fünfhundert Euro an meinen Vermieter. Ich war jede Woche einkaufen gegangen, jeden Samstagabend in die Kneipe und jeden Sonntagmittag in Restaurant. Alles vom Vorschuss, den mir die Firma gegeben und jetzt vom Gehalt abgezogen hatte. Ich war fast pleite! Außerdem hatte mir niemand was von den ganzen Sozialabgaben gesagt. Krankenversicherung, Rentenversicherung und die ganze Scheiße. Wer brauchte sowas? Also blieb ich noch einen zweiten Monat.

Diesmal ging ich sparsamer mit meinem Geld um. Aber das Leben war so unfassbar öde, dass ich es nur mit Alkohol ertrug. In einem Augenblick der Schwäche überlegte ich sogar, mir einen Fernseher zu kaufen. Aber das wäre ja wieder ins Geld gegangen. Ich ernährte mich von billigem Aldi-Fraß und wurde immer dicker. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Rückenschmerzen. Jetzt wurde mir klar, warum die Leute eine Krankenversicherung haben. So gingen die Monate ins Land. Heute ist der 25. Juli und ich bin immer noch Packer bei der Firma Niemeyer.

Ich warne alle Menschen, die diesen Text lesen. Die Sesshaftwerdung des Menschen ist der größte Fehler der Weltgeschichte.

jimmy eat world - 23 - YouTube

Samstag, 16. Januar 2021

Da waren es nur noch zwei

 Wird Laschet der neue Bundeskanzler?

Oder mit Söder der erste CSU-Politiker?

Jedenfalls ist der Weg für Schwarz-Grün frei. Habeck oder Baerbock als Vize-Kanzler?

Merz wird als Trostpflaster ins CDU-Präsidium gewählt und ist vermutlich der nächste Wirtschaftsminister.

Eine Oase der Belanglosigkeit

 

Blogstuff 547

„An der Isar, 100.000 v.Chr. Mit dem ersten Faustkeil entsteht das Privateigentum.“ (CSU: Geschichte der Menschheit)

Meditation. Das ist die Phase vor dem Einschlafen, oder?

Es heißt übrigens Friteurin, nicht Friteuse.

Natürlich müssen wir die Schöpfung bewahren. Aber Kohlekraftwerke sind auch eine Schöpfung. Und das hat ein bisschen mehr gekostet als so ein blöder Wald. Bäume sind zum Beispiel eine Gefahr für Autofahrer. Immer wieder kommt es zu Kollisionen, die für den Mensch tödlich sind. Wie viele Menschen werden jedes Jahr von einem Ast erschlagen?

Die Musterschüler der ersten Corona-Welle trifft es in der zweiten Welle besonders hart. Womöglich war der trügerische Glaube im Sommer, alles sei jetzt vorbei, der Grund. Tschechien hatte in der ersten Welle nur etwa dreihundert Tote zu beklagen, in der zweiten sind es aktuell fast 14.000 Tote. Die Inzidenz lag am 12. Januar bei 853, also fünfmal so hoch wie in Deutschland.

Hätten Sie’s gewusst? Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 in Deutschland strafbar. Aber erst seit 2006 in Österreich und der Schweiz.

Wer hat Kriege begonnen, Weltreiche und Religionen gegründet? Es waren Idealisten und Visionäre, Menschen mit Machtgier oder einer Mission, die die Menschheit ins Unglück gestürzt haben. Der Zyniker hingegen stellt keine Gefahr dar. Er will nichts, er erwartet nichts. Die Welt ist ihm egal.

Stellen Sie sich vor, Jesus würde heute seine Memoiren schreiben und sie fingen mit dem Satz an: „Meine Mutter war eine Jungfrau und mein Vater war ein Geist.“ Kein Verlag würde das drucken.

Freitag: zehn Stunden Internet- und Fernsehausfall in meinem Dorf. Scheuers Digitalisierung läuft wirklich prächtig. Gibt’s das auch in Albanien?

Hätten Sie’s gewusst? Die Demokraten zwangen Anfang 1917 den Zaren zum Rücktritt. Die Bolschewisten haben ihn nach der Abschaffung der Demokratie nur noch erschossen.

Der moderne Mensch lebt nicht ohne Religion. Kapitalismus ist das neue Christentum, Geld ist der neue Gott. Genau wie Gott existiert das Geld nur durch unseren Glauben. Das bunte Papier und das runde Metall sind imaginäre Werte. Die unsichtbare Hand des Marktes ist der heilige Geist. Die Säulenheiligen heißen Friedman und Hayek. Die Börse ist das Gotteshaus. Der Kapitalismus ist die erste Religion in der Geschichte, die den gesamten Planeten umfasst. Wir glauben alle an das Geld. Wir wollen es und wir brauchen es.

We Are Augustines - Headlong Into The Abyss (Audio) - YouTube

 

 

Freitag, 15. Januar 2021

Die Mutter aller Mutationen

 

Als Klaus sein Handy gegen die Wand warf und anfing, wie ein Tier zu brüllen, wussten wir, dass es Zeit war zu gehen. Es hatte ihn erwischt. Aber wohin sollten wir gehen? Mit einem durchgedrehten Mutanten ist keine Wohngemeinschaft möglich. In den Wald? Es war Sommer und sehr warm, aber von was ernährte man sich dort, wenn die Vorräte zu Ende gingen?

Wir setzten uns erst mal ins Auto und überlegten. Dann kam Peter die rettende Idee. Schließlich war es ganz einfach. Wo gibt es genug zu essen und zu trinken? Wo gab es ein Dach über dem Kopf und genügend Platz für alle? Und das alles für lau? Richtig. Im Supermarkt. Wir suchten uns also den größten Supermarkt der Gegend. Er hatte die Größe von mehreren Fußballplätzen. Allein die Weinabteilung war so groß wie ein Handballfeld.

Wenig später kamen Jens, Peter und ich in Gensingen an. Niemand zu sehen. Noch nicht einmal ein Nachtwächter. Seit die Mutation X-42 das Land erfasst hatte, verschanzten sich alle in ihren Häusern und Wohnungen. Wir schlugen mit dem Radkreuz die Scheibe eines Sozialraums an der Rückseite ein, weil wir vermuteten, dass am Haupteingang eine Alarmanlage losgehen würde. Wir liefen in den Markt und mussten über unser Ziel gar nicht reden.

Kurze Zeit später saßen wir auf dem Boden der Spirituosenabteilung. Peter mit Johnny Walker Black Label, Jens mit Wodka und ich mit Ouzo. Wenn die Apokalypse kommt, ist der Supermarkt der beste Ort im Universum. Wir lachten und stießen an. Hier würde uns keiner mehr wegbekommen, soviel stand fest. Aber nach einer Stunde kamen uns Zweifel. Wenn wir auf die Idee gekommen waren, würden uns andere folgen. Und dann wäre der Spaß vorbei. Dann würden die Verteilungskämpfe beginnen. Wir waren nur zu dritt und unbewaffnet. Wir mussten den Supermarkt sichern.

Die automatische Tür war aus Glas und fünf Meter breit. Wir errichteten aus Euro-Paletten, die wir mit einem Gabelstapler aus dem Lager transportierten, eine Barrikade. Es war harte Arbeit, aber schließlich hatten wir es geschafft. Im Lager sah es wild aus, weil wir die Ladung von einigen Paletten runterschmeißen mussten. Aber bei leichten Waren wie Klopapier genügte ein kräftiger Schubser von zwei Mann und Jens, der den Staplerschein hatte, konnte die Palette wegfahren. Am Ende parkte er beide Stapler direkt vor der Barrikade, damit die Paletten nicht weggedrückt werden konnten.

Nach der ganzen Schufterei waren wir wieder nüchtern und total hungrig. Wir holten uns Wurst und Brot und krönten unser Nachtmahl mit ein paar Flaschen Champagner. Jetzt hatten wir es geschafft. Endlich sicher. Wir wurden müde und überlegten, wo wir schlafen sollten. Matratzen gab es nicht im Angebot und so baute sich jeder in der Klamottenabteilung aus Daunenjacken, Sockenbündeln, Pullovern und Kleidern ein eigenes Nest. Das war die erste Nacht unseres neuen Lebens.

Am nächsten Morgen überlegten wir beim Frühstück, wie es weitergehen sollte. Wie sollten wir uns warme Mahlzeiten machen? Im Sozialraum war eine Mikrowelle. Wir machten uns ein paar Mikrowellengerichte zum Mittagessen. Als wir um den Tisch saßen, wurde uns natürlich klar, dass das offene Fenster eine Schwachstelle war. Wie konnten wir das übersehen? Wir holten uns Werkzeug aus der Heimwerkerabteilung, nahmen zwei Paletten auseinander und vernagelten die Fensteröffnung. Sicherheitshalber trugen wir den Tisch und die Stühle in den Supermarkt, nahmen die Mikrowelle mit und schlossen die Tür des Sozialraums von außen ab. Wir würden es hören, wenn von dieser Seite Gefahr drohte.

So lebten wir zwei Wochen friedlich vor uns hin. Es gab ein paar Romane in einem Regal im Non-Food-Bereich, dazu Zeitungen und Zeitschriften. Mit den Akkus unserer Handys gingen wir vorsichtig um. Keiner hatte daran gedacht, sein Ladegerät mitzunehmen, als wir überstürzt die WG verlassen hatten. Die Nachrichten waren nicht gut. Deutschland löste sich ganz allmählich in seine Bestandteile auf. Niemand ging zur Arbeit, niemand hielt sich an die Regeln und die Mutanten tobten durch die Straßen. Nur wenige Polizisten stellten sich ihnen entgegen, die Regierung war an einen geheimen Ort gebracht worden und die Bundeswehr existierte praktisch nicht mehr.

Nach zwei Wochen fiel der Strom aus. Damit verloren wir natürlich auch den Tiefkühlbereich und die Kühlschränke. Wir machten uns Sorgen, was passieren würde, wenn die ganzen Lebensmittel zu stinken anfangen würden. Aber wir fanden eine Lösung. Es gab eine Treppe auf das Flachdach. Also schafften wir den ganzen Mist nach draußen und warfen es vom Dach. Es gab genügend Konserven und haltbare Lebensmittel wie Salami und Knäckebrot. Dosenöffner gab es in der Haushaltswarenabteilung. Kerzen und Feuerzeuge waren auch genügend da. Wir hatten endlos Einwegbesteck, Pappteller, Mineralwasser, Bier und Wein. Süßigkeiten und Chips. Wir würden sicher nicht verhungern oder verdursten.

Aber wir hatten ein neues Problem. Die Toilette und die Dusche neben dem Sozialraum funktionierten nicht mehr. Also benutzte jeder von uns einen Eimer, den wir vom Dach leerten. Die Körperpflege reduzierten wir auf ein Minimum, weil wir damit kostbares Trinkwasser verschwendeten. Es hatte aber auch einen Vorteil. Ab diesem Tag tranken wir nur noch Bier und Wein. Zum Frühstück gab es H-Milch und alkoholfreies Bier. Wir rasierten uns die Schädel mit Einwegrasierern, damit wir uns das Haarewaschen sparen konnten. Klamotten zum Wechseln gab es ja genug im Supermarkt, obwohl wir bald aussahen wie rumänische Wanderarbeiter.

Wir entdeckten die Spielwarenabteilung für uns. Wir hatten die Auswahl zwischen Dutzenden Brettspielen. Wir spielten stundenlang Risiko, Monopoly oder Siedler. Wir spielten Karten um das Münzgeld, das es in rauen Mengen in den Kassen gab. Manchmal spielten wir sogar Lego, wenn wir betrunken waren. Es gab auch genügend Fußbälle und wir spielten in den Gängen. Peter erfand Fußballgolf. Wir stellten Weidenkörbe im Supermarkt auf und man musste mit möglichst wenig Schüssen den Ball vom Startpunkt in den Korb schießen.

Gelegentlich saßen wir auf dem Dach und machten uns aus Kartonage, Papiergeld und leeren Obstkisten ein kleines Feuerchen, auf dem wir uns etwas Warmes zu essen machten. Noch konnte man die Eier essen und die eingeschweißte Bratwurst, aber auch das würde bald vorbei sein. An kalte Suppen aus der Blechdose würden wir uns eines Tages gewöhnen müssen.  

Dann kam der Tag, vor dem wir uns alle gefürchtet hatten. Ein paar Autos hielten vor dem Supermarkt, als Jens gerade seinen Eimer vom Supermarktdach leerte. Das Glas der Eingangstür splitterte. Ein paar Männer mit Eisenstangen und Vorschlaghämmern versuchten, den Supermarkt zu stürmen, aber die Barrikade hielt. Nach einer Weile fuhren sie wieder weg. Leider haben wir keine Nachrichten mehr von draußen bekommen, weil unsere Akkus leer sind. Wir können es hier noch ein paar Monate aushalten. Dann gehen wir hinaus uns sehen uns die neue Welt an.

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„Was machst du da?“

„Ich schreibe über unser Leben.“

Talking Heads - This Must Be The Place - YouTube

 


Donnerstag, 14. Januar 2021

Besteuert endlich den Neid!

 

Friedrich Merz hat mal wieder recht, wenn er sich über die vorgeschlagene Neidsteuer beschwert. Der Kanzler der Herzen, der am Samstag als erster digital gewählter Parteivorsitzender die schnöde Welt analoger Analogien, um nicht zu sagen: Analorgien … aber ich schweife ab.

Deutschland 2021: Neid und Missgunst beherrschen das Land. Jedes klitzekleine Privatflugzeug, jeder gebrauchte italienische Sportwagen, jede Villa am Tegernsee, jeder Nerzmantel wird zum Gegenstand des Zorns. Es reicht, wenn man heute zum gehobenen Mittelstand gehört, wie der Visionär aus dem Sauerland, um sich seines Lebens im Sterne-Restaurant nicht mehr sicher zu sein.

Aber was trägt denn der Pöbel zum Steueraufkommen bei? Ein Lieferfahrer oder eine Krankenschwester zahlen vielleicht ein paar tausend Euro Einkommenssteuer im Jahr. Bei einem Vorstandsvorsitzenden wie Bonetti oder einem Spieler des FC Bayern sind es Millionen. Millionen! Auf Immobilien wird eine Grundsteuer fällig, obwohl mir das Land doch schon gehört. Unternehmen zahlen Gewerbesteuer, Umsatzsteuer und Körperschaftssteuer. Ohne Merz und Bonetti gäbe es überhaupt keine Straßen und keine Schulen, keine Kultur und keinen Sozialstaat.

Ich fordere: Senkung des Spitzensteuersatzes auf 30 Prozent und eine Neidsteuer für jede Anfeindung der Leistungsträger in den sozialen Medien. Die Quandts haben sich ihren Platz in der Mittelschicht hart erarbeitet. Leistung muss sich wieder lohnen.

Bilderwelten, Weltbilder 59

 














Mittwoch, 13. Januar 2021

Älgel im Paladies

 

Jetzt hat auch die PARTEI ihren ersten handfesten Skandal. Die einstige Satire-Veranstaltung rund um Titanic-Redakteur Sonneborn hat inzwischen 50.000 Mitglieder und sitzt mit zwei Abgeordneten im Europa-Parlament. Einer von ihnen ist gerade aus der Partei ausgetreten: Nico Semsrott. Grund: Ein Witz, in dem mit der Schwierigkeit der Asiaten, L und R zu unterscheiden, gespielt wird. Das ist Rassismus, sagen die einen, das ist Satire, sagen die anderen. Bei den Europa-Wahlen 2014 und 2019 habe ich die PARTEI gewählt. Jetzt bin ich verunsichert. Eigentlich wollte ich sie im Herbst ins Berliner Abgeordnetenhaus wählen. Bin ich ein Rassist?

Wenn beispielsweise die Überschrift dieses Blogposts rassistisch ist, muss ich meinen Blog gründlich überprüfen. Erst durften wir keine Witze über Türken und Frauen mehr machen, dann keine über Homosexuelle, über Schwarze und jetzt keine über Asiaten. Okay, das ist ein Fortschritt. Wie geht es weiter? Sind Witze über Schwaben noch zeitgemäß? Die können alles außer Hochdeutsch. Darf ein Franzose Witze über Deutsche machen? Ossis über Wessis und umgekehrt? Ist der Begriff Rassismus nicht selbst rassistisch, weil es gar keine Rassen gibt? Man soll nur noch Witze über „die da oben“ machen. Kennt jemand einen guten Witz über Bezos oder die Quandts? Bonetti sehl tlaulig. So hat er sich das linksgrün-versiffte Bionade-Biedermeier nicht vorgestellt.

Ich freue mich auf ein paar wütende „Ein Leser weniger“-Kommentare. Gerne auch mit Erklärungen, über was man lachen darf. Oberlehrerhafter Ton, gönnerhaft vorgetragene Gehässigkeiten. Bevorzugt von blütenweißen teutonischen Cis-Männern, die jeden Sommer die Ficki-Ficki-Buden in Saigon bevölkern.