Dienstag, 3. Februar 2026

Läuft die CDU/CSU gerade Amok?

 

Pünktlich zum Auftakt des Wahljahres, im März wird in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt, bläst die Union zum Generalangriff auf die Bürger. Die Panzerkreuzer Merz, Söder und Reiche feuern aus allen Rohren.

·         Krankenstand. Schaut man sich den Krankenstand nach Berufsgruppen an, haben Wissenschaftler und die oberste Managementebene die wenigsten Tage p.a. und die Pflegekräfte die meisten. Wer hätte das gedacht? Staatsdiener sind viel länger krankgeschrieben als Angestellte aus der Privatwirtschaft. Möglicherweise spielt auch die Überalterung der Bevölkerung eine Rolle. In den nächsten Jahren gehen die geburtenreichsten Jahrgänge der Bundesrepublik in Rente. Löst sich das „Problem“ dann von selbst?

·         Mehrarbeit. Kann jetzt die Regierung bestimmen, wie lange wir arbeiten? Noch gilt die Tarifautonomie: Arbeitgeber und Arbeitnehmer handeln die Arbeitsverträge selbständig aus. Oder leben wir jetzt im Sozialismus? Das ist ein massiver Eingriff des Staates ins Wirtschaftsleben.

·         Lifestyle-Teilzeit. Kampfbegriff der konservativen Boulevardmedien. Viele Frauen arbeiten nur halbtags, weil es zu wenig Kita-Plätze und zu wenig Angebote zur nachschulischen Betreuung gibt. In diesem Zusammenhang könnte man auch über Fehlanreize wie das Ehegattensplitting sprechen.

·        Work-Life-Balance. Früher hieß das mal “Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Dazu gehört z.B. die Flexibilisierung der Arbeitszeit über Arbeitszeitkonten, der Wechsel von Voll- zu Teilzeit in der Phase der intensiven Kinderbetreuung – und zurück, wenn die Kinder im Teenageralter sind oder das Haus verlassen. Natürlich gehören auch hier Betreuungsangebote zur Diskussion. Die Denunzierung der Familien durch die Unionspolitiker wird nicht zu mehr Geburten in diesem Land führen.

·         Rentenalter. Natürlich kommt auch dieser alte Hut wieder, wenn einem gar nichts mehr einfällt. Sollen die Alten eben länger arbeiten. Vielleicht haben diese Leute aber auch gar keine Lust, sich den Befehlen des Kanzlers zu beugen?

·         Krankenkassenreform. Wenn ich in Zukunft Ohrenschmerzen habe, zahlt die Krankenkasse, wenn ich Zahnschmerzen habe, zahle ich selbst? Ich bitte um genauere Erklärung. Erst vor wenigen Wochen wurden die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung erhöht, jetzt werden die Leistungen gekürzt.

·         Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Je nach Wahnwitz der beteiligten Politiker und Unternehmer werden der erste oder die ersten drei Krankheitstage nicht mehr bezahlt. War da nicht auch irgendwas mit Tarifautonomie?

Da werden die CDU-Landespolitiker in allen fünf Bundesländern, in denen in diesem Jahr gewählt wird (+ Kommunalwahl in Bayern) alle Händevoll zu tun haben. Den Anfang machen Anfang März die Schwaben, denen man gerade weißmachen will, sie seien alle Faulpelze und Blaumacher. Viel Erfolg am Wahlkampfstand und bei den Kundgebungen.  

 

Montag, 2. Februar 2026

Die Traumsequenz - Apotheose und Wendepunkt im Werk Bonettis

 

Aus einer Rezension  zu „Andy Bonetti und der Fluch des Jadedrachen“ im „Bad Nauheimer Morgen“:

Die berühmte Traumsequenz sei ihm bei der Niederschrift besonders schwer gefallen, hat Andy Bonetti in einem seiner seltenen Interviews einmal berichtet. Er habe nicht nur die Traumsequenz in der Nacht vor der Niederschrift tatsächlich geträumt, sondern auch die Niederschrift dieser Traumsequenz. Und zwar Zeile für Zeile. Er habe am Morgen nach dem Aufwachen sogar gedacht, die Traumsequenz wäre längst geschrieben, und war sehr erstaunt, sie in der entsprechenden Datei nicht vorzufinden. Unglücklicherweise habe er sich an diesem Morgen aber nicht mehr an den Inhalt der Traumsequenz erinnern können, dafür aber sehr lebhaft an die geträumte Niederschrift der Traumsequenz. Die Niederschrift der Traumsequenz hätte er sogar mehrmals hintereinander geträumt, so Bonetti im Interview. Er wäre im Traum sehr zufrieden mit dem Text gewesen, nach dem Erwachen sei aber alles wie weggewischt gewesen. Aus den wenigen Trümmerteilen seiner Erinnerung habe er dann die berühmte Traumsequenz quasi improvisieren müssen. Was heute Unterrichtsstoff im Deutsch-Leistungskurs an jedem Gymnasium der Bundesrepublik ist, wurde also tatsächlich nie geträumt. Gerade darum ist die berühmte Traumsequenz ein hervorragendes Beispiel für die Ausdruckskraft und Wirkmächtigkeit von Andy Bonetti. Viele halten die Traumsequenz in „Andy Bonetti und der Fluch des Jadedrachen“ für den Höhepunkt seines dichterischen Schaffens, vergleichbar nur mit Franz Kafkas Erzählung „Ein Traum“ und der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler.

 

Sonntag, 1. Februar 2026

Der leere Himmel

Old Monkeytown. Ein Stadtteil von Wichtelbach, den ein Wichtelbacher nie betreten würde. Die Mieten sind billig, weil die Vermieter Angst haben. Das Bier ist billig, weil die Späti-Typen Angst haben. Die Drogen sind billig, weil die Dealer Angst haben.

Wir sind gekommen, um uns den Kongolesen zu holen. Zu meinem Team gehört Biff, der so cool ist wie ein toter Grönlandwal. Rango, der seine Waffe schneller zieht als sein Schatten. Er hat schon mal eine Eidechse erschossen, die völlig unschuldig war. Und Schlotterbeck, der Scharfschütze, der sich im Hintergrund hält. Er kommt aus dem Norden von Schleswig und bezeichnet Holsteiner Schnitzel als süddeutsche Spezialität.   

Am Haus des Kongolesen erwartet uns Sperrfeuer aus mehreren Waffen. Es sieht aus wie ein Feuerwerk. Irgendjemand muss ihn gewarnt haben, als wir mit Blaulicht und Sirene vorgefahren sind.

 Am Fenster erscheint eine Silhouette. Schlotterbeck feuert und schreit „Da Shvainepigs“. Er ist deutscher Herkunft, aber ich habe dieses Wort gegoogelt. Nichts. Ein unbekannter Begriff. Aber die Gegner haben einen Mann weniger. Wer immer das auch war. Hätte ich während dieses Einsatzes gegen einen Drogendealer ein SWAT-Team anfordern sollen? Die hätten uns doch ausgelacht.

 Rango hat eine kostenlose Probewoche im Fitnessstudio gemacht. Er war einmal kacken und hat fünf Handtücher mitgehen lassen. Ich fürchte, ich lenke von der Schießerei ab. Biff hat übrigens den Todesstern aus Lego zusammengebaut.

Ich habe mal als Fahrer für einen Lieferservice gearbeitet. Damals gab es noch kein Navi, ich bin nie irgendwo angekommen und habe die Pizza selbst gegessen. Am ersten Tag hatte ich schon zweihundert Euro Schulden. Aber das hat auch nichts mit der Schießerei zu tun.

 Es gibt zwei Zeitpfeile in meinem Leben, Einer führt zum Tod, einer zum Weltuntergang. Ich weiß nicht, welcher Pfeil in dieser endlosen Ballerei als erster trifft. Woher haben diese Leute die ganze Munition?  

Biff hat seinen Aktenschrank im Büro verschoben und dahinter ein Zimmer gefunden, dass keine Tür zum Flur hat. Dort hat er ein Geheimschlafzimmer mit Minibar und Campingklo eingerichtet. Auf Partys hält er Fremde mit Sätzen wie „In meiner Kirchengemeinde habe ich eine Reformdebatte angestoßen“ auf Abstand. Die Schießerei geht weiter. Haben die Kongolesen ein Tonband angeschaltet und sind längst durch die Hintertür abgehauen?

Dann ist es endlich fünf und wir haben Feierabend. Morgen kommen wir wieder her und schnappen uns die Bande.

 

Samstag, 31. Januar 2026

You can slide me the buckle down

 

Blogstuff 1274

„Mir ist kein Wortspiel zu blöd.“ (Liam Niesen)

Verstörende Bilder von Senator Ted Cruz (Republikaner). Er ballert auf einem Schießstand mit einer Maschinenpistole, deren Lauf mit rohem Speck und Aluminiumfolie umwickelt ist. Danach ist durch die Hitze der Speck gebraten und Cruz isst ihn vor laufender Kamera. Welcher deutsche Politiker käme auf diese Idee? 

Ein nasskalter Wintertag, wir liegen bei Halbzeit schon 0:6 zurück und rauchen in der Kabine mit gesenkten Köpfen unsere Zigarette, während uns der Trainer anbrüllt. Warum sind wir damals überhaupt nochmal auf den Platz gegangen? Ich habe es vergessen.

Alt, aber geil? Frag nach Wilhelmine. Unsere achtzigjährige Stute züchtigt dich mit ihrer Rute. Schwarzer Lederfaltenrock kostet extra. Wähl die 030/19181918.

Meldungen aus der Zukunft: „27.12.2026. Besitzer von Geschenkboutique erhängt aufgefunden. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass in diesem Jahr niemand mehr seinen sinnlosen Scheiß gekauft hat, sondern alle auf Nächstenliebe, Familienglück und Gemütlichkeit gesetzt haben.“

Vor einigen Jahren wurde ich an der Supermarktkasse (warum eigentlich „Super“?) immer nach der Postleitzahl gefragt. Vermutlich wissen die Marketing-Fuzzies (warum eigentlich nicht „Supermarketing“?) jetzt, dass die Kunden aus der Nachbarschaft kommen und nicht aus Ulan-Bator.

Schokolade – mein Crack. Und mein Kryptonit.

Erst machst du einen Blog, dann kommt die Rubrik „Links der Woche“, weil dir selbst nichts mehr einfällt, und am Ende sitzt du nackt auf dem Küchenboden, den Lauf deiner Knarre im Mund, und suchst nach Gründen, nicht abzudrücken.

1538: Der deutsche Kaiser Winnibald IV. führt ein Tempolimit von 20 km/h für Pferde und Fuhrwerke in allen Städten ein.

„Mein wertvollster Besitz ist die Uhr meines Großvaters. Er hat sie während des ganzen Zweiten Weltkriegs in seinem Hintern versteckt.“ – „Wo ist er damals gewesen?“ – „In Rio.“

Ich bin jetzt in der Selbsthilfegruppe „Anonyme Blogger“. Ich hoffe, ich werde die Sucht des täglichen Bloggens damit los.

Mit diesem Material können Sie sich ein paar Pointen selbst basteln:

My lovely Mr. Singing-Club

Studentenverbindung Alpha Gimmi Obi

Annemarie Müller-Thurgau

Was wurde aus Hitlers Hund Blondie nach 1945?

Freitag, 30. Januar 2026

Trump in der Niagara-Falle


Blogstuff 1273

Ich war ein knallharter Abteilungsleiter. Als ich einmal einen von meinen vier Leuten entlassen musste, habe ich sie alle in den Konferenzraum gebeten und ihnen dann eine Pistole auf den Tisch gelegt. Sie sollten die Sache selbst regeln. Zehn Minuten später hörte ich einen Schuss.

Auszüge aus dem neuesten Gedicht von Bonetti: „Im Flugverkehr, im Flugverkehr / Hat es der deutsche Storch sehr schwer.“

Ich war 1990 an der Ostfront. Ich habe arglosen Zonendeppen Versicherungen gegen Tsunamis und Angriffe von Urweltmonstern angedreht. Meine Kommerzverbrechen verfolgen mich bis heute. Aber bei der Deutschen Bank hat niemand jemals Fragen gestellt.

„Diese ganze kriminalisierte Organität oder organisierte Kriminalität – damit wollte ich nie etwas zu tun haben. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit meinen Leuten das Polizei-Hauptquartier stürmen würde. Wer macht so was? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Alles begann, als ich in der U-Bahn einem Mann die Schultertasche gestohlen habe. Plötzlich hatte ich ein Kilo Koks. Als ich es an einen Puffbesitzer weiterverkaufen wollte, fragte er mich, zu welcher Gang ich gehöre. Ich konnte ihm ja schlecht erzählen, ich sei ein Taschendieb. Also habe ich die „Muchachos“ erfunden. Mit der Kohle habe ich andere Geschäfte finanziert und bald hatte ich ein paar Mitarbeiter, später mehr, als ich einen Konkurrenten ausgeschaltet habe, und dann wurde es immer größer und größer, bis ich den Überblick verloren hatte. Harte Drogen haben mir in dieser Zeit auch nicht wirklich geholfen, meine Dinge auf die Reihe zu bekommen.“ (Jack Crack alias Tobias Winterfeldt bei seinem ersten Verhör)  

Als Kind bin ich gerne mit meiner Vater am Sonntag zum Frankfurter Flughafen gefahren. Damals gab es noch eine Besucherterrasse für Menschen, die einfach nur zuschauen wollten und keinen Flug gebucht hatten. Es gab nur eine Startbahn und dahinter war der amerikanische Teil des Flughafens, wo schlanke Jagdbomber und dickbäuchige Transportmaschinen standen. Ich saß mit meiner Limonade und einem Stück Kuchen auf der Terrasse und sah mir stundenlang die Starts und Landungen der Maschinen an, die aus aller Welt kamen. Damals gab es z.B. noch PanAm. Heute würde man es Plane Watching nennen.

Neulich im Café. Am Nachbartisch eine Rentnerin und ein Rentner, beide über achtzig. Sie: „Ich war im Kino. Avatar.“ Er: „Wie war’s?“ Sie: „Ist ja eigentlich nicht so mein Ding. Aber die Effekte - und alles in 3D.“ Welcome to the old power generation. Türkin an einem anderen Tisch zu den Regierungsmaßnahmen zur Verschärfung der Berufstätigkeit: „Dann müssen wir noch mehr arbeiten. Aber die ukrainischen Damen können jeden Morgen ausschlafen.“

„Scharfzüngig“. Niemand benutzt dieses Wort. Es ist so ein Ausdruck aus der Rubrik „Dummes Gelaber von Journalisten“, wenn sie was zu einem Kabarettisten schreiben sollen.

Das peinlichste Lied der deutschen Musikgeschichte. #Neue Innerlichkeit. Purple Schulz - Sehnsucht [Lyrics]

 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Das Zeitalter der Kleptokraten

 

Blogstuff 1272

„Alle Bürger sollen nach Einkommen und Vermögen zu öffentlichen Lasten beitragen [...] Die Erbschaftssteuer dient auch dem Zwecke, die Ansammlung von Riesenvermögen in den Händen einzelner zu verhindern.“ (Bayerischen Verfassung, Art. 123)

Schon in der Zeit des Neoliberalismus galt es, sich hemmungslos die Taschen vollzumachen. Aber mit Trump beschleunigt sich der Niedergang noch einmal und es ist kein neuer Luther und kein neuer Lenin in Sicht.

Null Grad, ein Zentimeter Schnee. Der Nahverkehr fällt teilweise aus und die Müllabfuhr kommt nicht. Wegner spielt Tennis. Berlin – doof und hässlich.

Immer, wenn ich das Wort „Kriegstreiber“ lese, denke ich an „Kiezschreiber“.

Ich bin in den siebziger Jahren großgeworden und war glühender SF-Fan. Kein Autor hat sich die Zukunft so vorgestellt, wie die Gegenwart ist: Botox, Handysucht, Oldschool-Großmachtpolitik, eine oberflächliche Welt voller Lügen ohne das geringste Anzeichen von Fortschritt. Es ist noch nicht einmal eine richtige Dystopie, es ist einfach nur erbärmlich.

Aus Bonettis Memoiren: „1974 konnte ich drei Wochen das Haus nicht verlassen. Ich saß mit einem gebrochenen Bein, das eingegipst war, auf dem Sofa. In dieser Zeit brachte ich mir selbst Gitarre, Trompete, Klavier, Chinesisch und Karate bei. So entstand einige Zeit später mein erstes Solo-Album Shanghai Echos.“

Bei Kriegsbeginn 1939 war die amerikanische Armee nicht größer als die heutige Bundeswehr, weniger als 200.000 Mann. Hitler hatte 4,5 Millionen Soldaten. Bei Kriegsende kämpften jeweils 12 Millionen Mann für die USA und für die Sowjetunion.

Russland ballert mit Drohnen und Raketen, aber an der eigentlichen Front bewegen sich Putins Truppen schon lange nicht mehr. Ist der Bär im Winterschlaf oder am Ende? Derweil beginnt demnächst das fünfte Kriegsjahr …

Am Montag rief mal wieder ein Immobilienmakler wegen dem Haus (des Hauses, ich weiß) in Schweppenhausen an, das wir vor einem Jahr verkauft haben. Wie lange steht man noch in diesen Adressdateien, die offenbar fleißig weiterverkauft werden?

Es gibt doch einen Gott: Bei einer Demonstration der Anhänger von Samba-Trump Bolsonaro in Brasilia schlug der Blitz ein, es gab Dutzende Verletzte.

Friedrich Merz verlangt vom deutschen Volk nicht mehr als der Kaiser vor über hundert Jahren: Disziplin, Opferbereitschaft und unerschütterlichen Glauben an das Reich.

CDU warnt: Bei einem weiteren Ausbau der Windkraftanlagen wird in Deutschland der Wind knapp.

Worüber lachen Naturwissenschaftler? „Wie nennt man einen Möbelpacker? Objektträger.“ Burner.

Gerade wieder bei der wunderbaren Amelie gehört: Samuel Barber - Adagio for Strings

 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Der Holginator

 

Superman hat sich immer in einer Telefonzelle umgezogen. Das hat er nie verstanden. In einer Telefonzelle sieht einen doch jeder. Aber es gibt ja sowieso keine Telefonzellen mehr. Holgi macht es wie jeder andere große Held. Er geht in die Herrenumkleidekabine von C&A.

Dann kommt er heraus. Das Haar zu einem stahlharten Dutt gebunden, in seinem blau-weiß-gestreiften Shirt mit einem großen roten H darauf, schwarzer Umhang, entschlossener Blick, Umhängetasche aus Jute, Oberarme wie Birkenzweige: DER HOLGINATOR.

Alle Verkaufsgespräche verstummen schlagartig, alte Frauen lassen ihre Handtaschen fallen, die ersten Akkorde von „Eye of the tiger“ kommen aus den Lautsprechern. Er ist da. Berlins Superheld ist wieder im Einsatz.

Was ist passiert?

Vor zwei Stunden wurde das Fernwärmesystem der Stadt lahmgelegt. Darunter auch das Regierungsviertel. Schlagartig wird es in hunderttausenden Haushalten eiskalt. Kanzler Merz sitzt im Zobelmantel und mit Fellmütze im Kanzleramt und bläst vor Wut weiße Wölkchen in die Luft.

Ein Bekennerschreiben wird auf indymedia veröffentlicht. Eine Terrorgruppe namens ICE behauptet, sie sei für den feigen Anschlag verantwortlich. Sofort wird der Fernverkehr auf allen Berliner Bahnhöfen eingestellt und die Polizei umstellt die Verwaltungszentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz.

Wo ist der Bürgermeister? Schwerer Nebel liegt über der Villa Wegner, kurz VW genannt. Berlins Spitzenpolitiker der Herzen managt die Katastrophe gewohnt routiniert vom Homeoffice aus. Kein Grund, bei diesem Sauwetter das Haus zu verlassen. Außerdem ist Wochenende, ich sage nur Work-Life-Balance. In seinem Büro brummt der Heizlüfter. Seine beiden Hunde Fiffi und Lumpi liegen zu seinen Füßen und sehen ihm bei der Arbeit zu. Er bestellt, nach Rücksprache mit seinem Parteifreund Spahn, zehn Millionen Wolldecken bei Amazon. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Dann geht er Tennis spielen, verstaucht sich bei einem Rückhand-Slice den Knöchel und muss ins Krankenhaus.

Jetzt kommt die Stunde des Holginators. Er weiß natürlich, dass Trumps Privatmiliz hinter dem Anschlag steckt. Erst hat er seine innenpolitischen Feinde terrorisiert, jetzt kommen die außenpolitischen Feinde an die Reihe. Wo sind die ICE-Schurken jetzt? Er fährt mit der U-Bahn zum Pariser Platz und betritt die amerikanische Botschaft. Da sitzen sie und spielen Poker, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Der Holginator holt einen Batzen selbstgemachten Tofu aus seiner Umhängetasche und stopft sie dem verblüfften Anführer in den Mund. Dann presst er ihm die Lippen zusammen und hält ihm die Nase zu. Winselnd vor Reue gibt der Attentäter auf, nachdem er alles geschluckt hat.

Zwei Stunden später haben die Trump-Terroristen das Fernwärmenetz wieder repariert. Der Holginator sagt ihnen, sie dürften Berlin nie wieder betreten. Für mindestens drei Monate.



Holgis Freunde