Freitag, 31. Januar 2020

Prima Klima


Es sind 15 Grad, seit Mitte Januar blühen die Blumen. Im Garten summt und brummt es. Die Singvögel begrüßen den Frühling. Es ist unheimlich schön draußen.




Im Nebel des Grauens


"Gerade die Tatsache, dass Tradition heute beschworen werden muss, zeigt, dass sie ihre Macht über die Menschen verloren hat." (Max Horkheimer: Kritik der instrumentellen Vernunft)
Neulich habe ich mal wieder in einem alten Suhrkamp-Bändchen von Habermas geschmökert. "Die Neue Unübersichtlichkeit" von 1985. Sieh an, dachte ich mir. Offensichtlich hat die Unübersichtlichkeit der Gegenwart nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. In einem Aufsatz geht es um die Kulturkritik der Neokonservativen. "Die neukonservative Lehre, die bei uns im Laufe der siebziger Jahre über die Presse in den politischen Alltag eingesickert ist, folgt einem einfachen Schema. Ihm zufolge beschränkt sich die moderne Welt auf technischen Fortschritt und kapitalistisches Wachstum." Beklagt wird die "Priesterherrschaft der neuen Klasse"; gemeint sind die Linksintellektuellen, die über Medien und das Bildungssystem die Bundesrepublik kulturell beherrschen würden. Das gilt alles auch für das Jahr 2020. Fortschrittsglaube und Wachstumsfetischismus sind inzwischen zur Leitkultur geworden, die Medien sind alle linksgrünversifft, wie man es in rechten Kreisen gerne formuliert, und man bedient sich weiterhin fröhlich des Opfer-Narrativs, wo man in Wirklichkeit längst an der Macht ist.
Der Aufsatz von Habermas erschien zuerst im Herbst 1982. Damals begann ganz offiziell die konservative Ära mit der Ernennung von Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Seither haben konservative Kanzlerinnen und Kanzler in diesem Land geherrscht. Von einer Herrschaft der Linksintellektuellen - ganz abgesehen von ihrer Stilisierung zur herrschenden Klasse - ist nichts mehr zu sehen. Wo sind die Linksintellektuellen? Da fällt mir gar kein Name ein. Wo sind überhaupt namhafte Linke, die den Begriff verdienen? Wo sind die Intellektuellen, gleich welcher Couleur?
Als Lösung bieten uns die Konservativen, damals wie heute, eine Rückbesinnung auf die Tradition, auf die "gute, alte Zeit" an, ohne die Ironie zu bemerken, dass gerade ihre kritiklose Fortschrittsgläubigkeit und ihr entfesselter Kapitalismus, der immer weitere Lebensbereiche und soziale Beziehungen monetarisieren möchte, das tradierte Leben zum Verschwinden bringt. Es war die Regierung Kohl, die das Kabelfernsehen und die Privatsender zugelassen hat. Beim Thema Internet werden Jugendschutz und gesellschaftliche Wirkungen noch nicht einmal ernsthaft diskutiert. Der Markt soll es regeln und die Verantwortung des Einzelnen wird zur Rechtfertigung eigener Passivität. Das war früher anders, liebe CDU/CSU, liebe SPD, liebe FDP, liebe Grüne. In den letzten vierzig Jahren haben gerade die Konservativen und die Konzerne einen Großteil der Traditionsbestände zerschlagen - und lamentieren gleichzeitig über die Bewahrung irgendeiner deutschen Leitkultur, die es längst nicht mehr gibt. Genau mein Humor.
Parallel zum Verlust der Traditionen können wir auch einen Verlust der Utopien feststellen. Unser einziges Ziel ist die Verhinderung einer Katastrophe. Die Gegenwart hat nicht nur die Vergangenheit aufgefressen, sondern auch die Zukunft.
„Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab. (…) Und je komplexer die steuerungsbedürftigen Systeme werden, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit dysfunktionaler Nebenfolgen. Wir erfahren täglich, dass sich Produktivkräfte in Destruktivkräfte, Planungskapazitäten in Störpotentiale verwandeln.“ (Jürgen Habermas: Die Neue Unübersichtlichkeit)
Foreigner – Urgent. https://www.youtube.com/watch?v=rpko5y1lR1s

Donnerstag, 30. Januar 2020

Annegret 7 antwortet nicht


Blogstuff 387
„Kein Bettler schlägt ein Almosen aus, kein Hund eine Bratwurst, kein Krämer eine Lüge.“ (deutsches Sprichwort)
Mein Gehirn ist die Schnittstelle zwischen Traum und Wirklichkeit.
Wenn Politiker schon keine Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft haben, sollen sie uns wenigstens gut unterhalten. Trump, Johnson, Bolsonaro, Selenskyj – das sind Politikdarsteller. Egozentriker ohne Programm, ohne einen Plan. Aber sie sind alle demokratisch gewählt. Die Mehrheit verachtet die Politik, also wählt sie Politiker, die sie verachten kann.
Eigentlich kann man ja nicht mit Laktoseintoleranz auf die Welt kommen, oder? Wie sollte man als Baby ohne Milch überleben? Vielleicht kann man einen Säugling aber auch mit Cola großziehen, schließlich sind da auch Nährstoffe drin. Wie ist das mit anderen Unverträglichkeiten? Wie sind die Leute, die wegen einer Erdnuss schon mit dem Hubschrauber in die Uni-Klinik gebracht werden müssen, überhaupt durch die Evolution gekommen?
Gitarre habe ich nie gelernt, aber vom Luftgitarre-Spielen weiß ich, dass ich Linkshänder wäre.
„Er war der Emir der Empörung, der Warlord der Wut, der Zar des Zorns, der Sheriff des Streits, der Baron der Besserwisserei, …“ Anfang eines biographischen Textes über Andy Bonetti.
+++Eilmeldung+++Deutsche Bahn streicht alle Züge nach Bayern. #coronavirus
1969 nahm der Bund 40 Milliarden Euro Steuern ein (damals natürlich noch in DM). 2018 waren es 322 Milliarden, also acht Mal so viel. Natürlich gab es Inflation und die Wiedervereinigung, aber die Bundesregierung schwimmt im Geld. Trotzdem waren die Schulen Straßen 1969 in einem besseren Zustand als heute.
Ich sage jetzt nicht mehr, dass ich nach dem Mittagessen ein Nickerchen mache, sondern ich bezeichne die Stunde auf dem Sofa als autogenes Training. Image ist harte Arbeit.
Ich bin bekennender Globulisierungsgegner.
Orwell prophezeite den Überwachungsstaat. Da hat er den Kapitalismus unterschätzt. Heute haben wir Überwachungskonzerne.

P.S.: AKK will nicht mehr im Karneval auftreten.
Carl Douglas - Kung Fu Fighting. https://www.youtube.com/watch?v=g75QS0nNldA

Mit Bonettis patentiertem Schutzanzug können Sie auch während einer Coronaviruspandemie das Haus verlassen.

Mittwoch, 29. Januar 2020

Deutscher Meister – Hunsrück steht Kopf!


Bei uns in Rheinland-Pfalz wird die Fastnacht noch ernst genommen. Das bestätigt eine Meldung aus der farbenprächtigen Welt des Gardetanzsports. Sofia Kaska vom TSV Rhein-Nahe Stromberg, nur einen Steinwurf vom Bonetti-Gedenkdorf Schweppenhausen entfernt, hat in Aachen die deutsche Junioren-Meisterschaft der Tanzmariechen gewonnen. Außerdem hat die Showtanzgruppe Five Elements vom gleichen Verein, die als amtierender deutscher Meister mit dem Thema „Die Wüste lebt“ – der Klimawandel hat nämlich durchaus auch eine komische Komponente – die Vize-Meisterschaft gewonnen.
Okay, die Meldung ist schon etwas älter. Das Turnier war am 30. November 2019. Aber sie hat es erst jetzt auf die Titelseite der aktuellen Ausgabe der Neuen Binger Zeitung geschafft. Das ist gelebte Gemütlichkeit, so ist Rheinland-Pfalz. Fröhlich und verpeilt, faul und sympathisch. Davon kann sich die Großstadt mit ihrer Hektik und ihrer schlechten Laune eine Scheibe abschneiden. Helau and Goodbye!

Métro, boulot, dodo


Übersetzung: Pendeln, arbeiten, schlafen.
Es ist die Routine, die uns mit fünfzig Jahren nervös macht. Die Zeit rast vorüber, gestern war Silvester, morgen ist Fastnacht und du wälzt dich nachts dreimal von links nach rechts und schon ist es Ostern. Die Zeit läuft immer schneller, weil wir nur noch unsere Routinen verfolgen. Du steigst jeden Tag in das gleiche Auto, fährst immer an denselben Häusern vorbei, wartest an der gleichen Ampel und im Aufzug ins Büro kennst du jeden Knopf mit Vornamen.
Da bleibt nichts, was dein Kopf abspeichern kann. Routinen werden nicht im Gedächtnis abgebucht, nur besondere Ereignisse. Also haben wir den Eindruck, das Leben verginge immer schneller. Es liefe uns davon. Was ist die Lösung? Raus aus dem Alltag. Nicht nur eine oder zwei Wochen. Lange. Auch die räumliche Distanz ist wichtig. Geh weg! Dein Arbeitsplatz und dein Zuhause sollten dir fremd vorkommen, wenn du wieder zurückkehrst. Oder man geht für immer. Neuer Job, neue Wohnung, neues Glück.
Als ich noch am Wissenschaftszentrum Berlin gearbeitet habe, führte ich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Work-Life-Balance etwa achtzig ausführliche Interviews (jeweils ein bis zwei Stunden) zu diesem Thema. Ein Teil der Interviewpartner hatte ein Sabbatical gemacht. Da gab es zum Beispiel eine junge IT-Managerin, Mitte dreißig, die eine Abteilung geleitet hat. Sie erzählte mir, wie befreiend das Sabbatical gewesen ist. Sie war mit ihrem Motorrad in Nord- und Südamerika unterwegs. Sie hat andere Menschen getroffen und Orte besucht, die sie nie zuvor gesehen hatte. Das Jahr kam ihr vor wie vier Jahre. Sie hatte ein neues Kapitel ihrer persönlichen Geschichte aufgeschlagen.
Es gibt viele Gründe für ein Sabbatical. Die einen wollen aus der Routine ausbrechen, die anderen sind von ihrer Arbeit erschöpft oder stehen kurz dem Burnout. Jetzt habe ich einen alten Bekannten getroffen, der ab Ostern ein Sabbatical macht. Im vergangenen Jahr hat er einen fürchterlichen Verlust erlitten. Sein Sohn, gerade 25 Jahre alt, starb an Leukämie. Es hat ihn so hart getroffen, dass er mit seinem Leben nicht mehr weitermachen konnte wie bisher. Klinikaufenthalt, Gruppentherapie, Einzeltherapie. Jetzt setzt er mit der Auszeit ein Zeichen für den Neuanfang. Er will den Jakobsweg gehen, danach in Nepal wandern. Laufen ist sein Ding. Er will sich ein Jahr lang freilaufen. Und dann weitersehen. Vielleicht steigt er ganz aus. Unterwegs hat er Zeit, um nachzudenken, um Abstand zu gewinnen und aus der Distanz sein bisheriges Leben zu beurteilen. Er ist 55, seine Ehe wurde schon vor Jahren geschieden, der zweite Sohn ist längst ausgezogen (er lebte bei ihm) und er hat dreißig Jahre sehr gut verdient.
Ein zweites Leben. Bei mir war es die schwere Depression 2013. Seit sieben Jahren lebe ich neu. Ich habe niemanden bei den Interviews getroffen, der das Sabbatical bereut hätte. Es lohnt sich, über einen Neustart nachzudenken. Man gewinnt mehr, als man verliert.
Bruce Springsteen - Dancing in the Dark. https://www.youtube.com/watch?v=129kuDCQtHs

Dienstag, 28. Januar 2020

Bilderwelten, Weltbilder 7


Kreuzfahrt im Häusermeer


Blogstuff 386
„Nur die Phantasielosen flüchten sich in die Realität.“ (Arno Schmidt)
Ein Schwachmat wie Gabriel soll als Aufsichtsrat die Deutsche Bank kontrollieren. Man nennt das "Zwei-Augenklappen-Prinzip".
„Während er schläft, dringt ein Virus in seine Lunge ein, dessen explosionsartig vermehrte Kräfte er zeitlebens nicht mehr unter Kontrolle bekommt.“ Der letzte Satz eines Traums. Es ging um einen alten Mann, der vor langer Zeit im Wald bewusstlos geschlagen und liegengelassen wurde. Ich wurde zu einem Bankett eingeladen, das ihm zu Ehren veranstaltet wurde, und sollte ihn nach der Feier kennenlernen. Dazu kam es nicht mehr, weil der Harndrang mal wieder stärker als jede Fantasie gewesen ist.
Filmhandlung: Ex-Cop soll Ex-Politiker einen Ex-Mafiosi vom Hals halten. Filmmusik: Ex-Rapper. Jetzt fehlt mir nur noch ein guter Titel.
Der Spatz: der Opel unter den Singvögeln.
„ACHTUNG BELÄSTIGTUNG!!! Am 3.7.2019 (Gestern bestellt) und heute 4.7.2019 Belästigt Der Lieferfahrer meine Frau bei WhatsApp!!! Fragt wie es ihr geht usw.?! Hallo?! Was ist kaputt mit diesem Fahrer?! Soll ich damit zu Polizei gehen? Letzte Warnung oder Anzeige geht raus!“ (Google Mops, Bewertung)
Schön sind auch die Antworten: „Antwort vom Inhaber: Ebenso ein sehr subjektives Feedback und keinesfalls glaubwürdig. Auch hier scheint ein persönliches Problem vorzuliegen.“ „Es ist doch sehr schade das gerade Sie unser Personal so sehr in den Dreck ziehen. Ihre Aussage entspricht keineswegs der Wahrheit, denn unser Personal versteht Deutsch.“ (Google Mops, anderes Lokal)
Dialog: „war freitag bei euch essen, hab seitdem immense schweissausbrüche, magenkrämpfe und habe mich schon mehrfach übergeben müssen!!!! werde gleich ins krankenhaus fahren und hoffe das es keine lebensmittelvergiftung ist!!!! burger schmeckte gammelig - ranzig und sah schon sehr grau und grün aus. hätte das offenbart doch nicht mehr essen sollen!!!!“ --- „Unsere Burger sind keinesfalls gammelig und diese Bewertung mehr als unangemessen. Unsere Restaurants unterliegen sehr strengen Auflagen und Kontrollen. Sehr schade daher, dass hier so ein Versuch der Rufschädigung stattfindet!“
So, wie wir gerne wären, sind wir nun mal nicht.
Würde man uns mit all den Dingen beerdigen, die wir zu Lebzeiten besessen haben, würden wir nicht in Gräbern liegen, sondern in Gruben. Riesige, tiefe Gruben.
Das Schimpfwort “Wendehals” ist völlig in Vergessenheit geraten.
Hätten Sie’s gewusst? Der Erbeskopf im Hunsrück ist mit 816 Metern der höchste deutsche Berg westlich des Rheins. #hunsrückwissen
Lola Albright - How High the Moon. https://www.youtube.com/watch?v=_BKO4J11a-c

Diesen Sekt habe ich gestern Abend getrunken. Sehr lecker und frisch wie am ersten Tag. Gundersheimer Höllenbrand aus Rheinhessen, Jahrgang 1990. So alt wie die Berliner Republik. Das nenne ich Qualität – was man vom Rest des Landes nur bedingt behaupten kann. Heute habe ich einen französischen Rotwein aus dem Jahr 1972 genossen. In diesem Jahr wurde ich eingeschult. Der Weinkeller ist voller Erinnerungen.

Montag, 27. Januar 2020

Dog McSuckerbone



Der Deutschrapper Dog McSuckerbone, bürgerlicher Name Sultan Malikowski, wurde am 7. März 1992 in Pirmasens geboren. Sein Vater ist ein polnischer Feuerschlucker und seine Mutter eine tunesische Teilzeitputzfrau, Teilzeitkellnerin und Teilzeitfahrerin für einen vietnamesischen Lieferservice.
Nach dem Abitur studierte McSuckerbone Medienästhetik und Pädagogik in Münster und Karlsruhe. Der diplomierte Musiktherapeut arbeitete ein Jahr in einer Gehörlosen-Kita, bevor er als Rapper Karriere machte. Sein erster Hit „Fück düsch“ handelt von einer fiktiven Sexorgie mit Lady Bitch Ray, Hazel Brugger und Philipp Amthor. Aufgrund des pornographischen Inhalts durfte der Song im Bayerischen Rundfunk und bei Radio Vatikan nicht gespielt werden.
Zum Skandal kam es, als er auf seiner ersten LP MC Zahngold, DJ Always Ultra, Peter Maffay und Philipp Amthor beleidigte. In seinem Lied „Türkenschwänze“ coverte er den Beat von Bushidos „Algebra kotzt mich an“, worauf es zu einem Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht kam, der unentschieden ausging. Im Film „Ein Todesstern, der deinen Namen trägt“ spielt er einen schwarzen Rapper, der einen weißen Rapper imitiert, um sich über ihn lustig zu machen. Oder umgekehrt. Als er bei „Maischberger“ eingeladen war, zog er vor laufender Kamera blank und schüttete Philipp Amthor ein Glas Wasser ins Gesicht.
In den Medien wird McSuckerbone kontrovers diskutiert. Die New York Times schreibt, er wolle mit Songs wie „Immer voll in die Fresse“ und den häufig pornographischen Inhalten nur Aufmerksamkeit generieren, um möglichst schnell Karriere zu machen. Le Monde attestiert ihm eine aufklärerische Einstellung. Er wolle für die Situation der Migranten in Europa, speziell der Polo-Tunesier, sensibilisieren. Der Pinneberger Morgenbote schreibt, er sei „einfach gnadenlos überschätzt“. Ein Video von einer Intimrasur erzielte bis Januar 2020 7,5 Millionen Aufrufe.
Dog McSuckerbone lebt allein in einer WG in Ratingen mit zwei Katzen.
Bruce & Bongo – Geil. https://www.youtube.com/watch?v=w_P3uwRiimo

Sonntag, 26. Januar 2020

Der Blogführer spricht


Bonetti Media wird seine Arbeit in diesem Jahr von 365 Tagen auf 366 steigern. Bonetti braucht keinen Urlaub:
https://www.youtube.com/watch?v=SBF8Tc9HkcE

Dreißig Minuten Realität


Machen wir uns nichts vor. Andy Bonetti ist nur eine Kunstfigur. In Wirklichkeit bin ich alt, dick, männlich, weiß, heterosexuell und verlasse nur noch selten das Haus. Ich darf mich glücklich schätzen, eine Haushaltshilfe und einen Gärtner zu beschäftigen, die mich von allen weltlichen Arbeiten befreien, so dass ich mich ausschließlich der Kunst, namentlich der Vogelstimmenimitation und der präapokalyptischen Lyrik, widmen kann. Dennoch bin ich gezwungen, gelegentlich das Haus für Einkäufe oder Besuche zu verlassen.
Heute war ich im Nachbarort, um im Supermarkt einige Einkäufe zu erledigen. In diesen dreißig Minuten haben mich tatsächlich zwei fremde Frauen angesprochen, eine davon sogar jung (!) und blond (!!).
Die erste Begegnung war am Pfandautomaten. Ich hatte mehrere Tüten mit Pfandflaschen bei mir, weil ich diesen entwürdigenden Moment mit der bockigen Maschine, die gerne die Identifikation von Flaschen verweigert und wirre Befehle gibt, so weit wie möglich hinauszögere. Ich hatte wie üblich irgendwelche Billigklamotten an, in denen ich schon zwei Nächte geschlafen hatte, weil ich mich für den Einkauf nicht extra umziehe, und nur ein letzter Rest von Würde mich davor bewahrt, im Bademantel und in Filzpantoffeln bei Rewe vorzusprechen.
Eine Frau trat hinter mich, sah stöhnend in den randvollen Einkaufswagen und schenkte mir einfach ihre leere Flasche. Dann ging sie. Wortlos. Hätte ich einen leeren Kaffeebecher in der Hand gehabt, wäre vermutlich ihr Kleingeld darin gelandet. Ich gehe mit meinem Neun-Euro-Pfandbon und einem Zehn-Euro-Schein einkaufen. Wein, Schokolade und Mikrowellen-Hamburger. Ich packe alles auf das Band.
Da spricht mich eine junge blonde Frau an, bereits dezent adipös, wie bei uns im Hunsrück ab dem 20. Geburtstag üblich.
„Tschuldigung. Schmecken diese Burger?“
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Die sind sogar noch schlechter als bei McDonalds.“
Sie schaut mich weiter an.
„Aber ich bin zu faul, mir richtige Burger zu machen. Obwohl ich alles zu Hause habe: Patties, Buns, Ketchup undsoweiter.“
Ich fange an, mich zu rechtfertigen. Für Schweinefraß. Für mein ganzes Leben. Für die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz im Jahr 2020. Es ist so peinlich. Selbst die Kassiererin sieht mich nur mitleidig an.
Ich werde von zwei fremden Frauen angesprochen. In den seltenen Momenten, in denen ich überhaupt noch vor die Tür gehe. Und es ist trotzdem einfach nur deprimierend.
Die Burger schmecken beschissen. Danach tröste ich mich mit Wein und Schokolade. Wie lange geht dieses Leben eigentlich noch?
P.S.: Gestern war ich ausnahmsweise mal länger weg. Party in einem anderen Dorf. Sechzig Leute. Ich war - amtlich bestätigt - der letzte Gast und bin heute um 13 Uhr wieder zu Hause gewesen.
Sheryl Crow - All I Wanna Do. https://www.youtube.com/watch?v=a-SaoaXfz6E

Samstag, 25. Januar 2020

Bilderwelten, Weltbilder 6








Die Tragödie der Gewöhnlichkeit


Blogstuff 385
„Die Hand, die man nicht abhauen kann, muss man küssen.“ (Sprichwort)
Gestern hat ein Deutscher sechs Deutsche ermordet. Heute interessiert das niemanden mehr. Stellen Sie sich vor, ein Syrer oder ein Afghane hätte die sechs Deutschen ermordet. Die Nazis in den sozialen Medien würden doch bis Ostern jeden Tag komplett ausrasten.
Wir erleben gerade beim Thema Klimawandel die fünf Phasen der Trauer und des Sterbens nach Elisabeth Kübler-Ross parallel. Einige leugnen den Klimawandel, einige werden wütend und protestieren, andere wiederum verhandeln z.B. über CO2-Zertifiktate und neue Steuern oder werden depressiv und erwarten den Weltuntergang. Die letzte Gruppe akzeptiert den Wandel – inzwischen gehöre ich dazu.
Der kleine Junge war vielleicht zwei Jahre alt. „Fang deinen Schatten“, sagte ich zu ihm. Er lachte glucksend und taumelte, die Arme ausgebreitet, ein paar Schritte vorwärts.
In Berlin gibt es sogar ein luxemburgisches Lokal, mit Coq au Riesling und Kniddelen, das sind kleine gebratene Mehlknödel mit Speck, Grieben und Lisanto, einem luxemburgischen Schinken. Das Bistro finden Sie in der Leonhardtstraße 13, gegenüber dem Amtsgericht Charlottenburg.
Denken wir in diesem Januar auch mal an die notleidenden Schlittenverkäufer. #Klimawandel
An der Fassade des Bundestags sollten Gebetsmühlen angebracht werden. Immer, wenn sie gedreht werden, erklingen leise die Floskeln der Politiker.
Erst werden die Tampons zwanzig Cent billiger, jetzt wollen die Frauen einen weiblichen James Bond. Wenn die Emanzipation in diesem Tempo weitergeht, komme ich gar nicht mehr mit. Gibt es bald einen Girl's Day in meinem Golfclub?
Aus Versehen zwei Taschentücher aus einem vollen Päckchen rausziehen und dann die nächsten zehn Minuten damit verbringen, das zweite wieder ins Päckchen zurück zu fummeln. Sie kennen das.
Erfolg macht verdächtig. Wer keinen Verlag, keine Galerie oder keinen Musikkonzern hat, ist independent, vielleicht sogar underground und authentisch. Immerhin klingt das besser als arbeitslos.
1978: Wir beziehen unser Haus in Schweppenhausen. Damals gab es in dem Dorf 15 Weinbaubetriebe, zwei Kneipen, eine Schnapsfabrik und sogar einen Puff. Bis auf meinen Stammwinzer ist von der ganzen Pracht und Herrlichkeit nichts geblieben.
Damals kaufte die Familie die Küche samt Geräten und die Waschmaschine von Miele. Vor zwei Jahren ging der Herd kaputt, jetzt folgte die Waschmaschine. 42 Jahre Laufzeit. In meiner Kindheit, als niemand den Begriff Nachhaltigkeit kannte, wurden solche Geräte gebaut. Man nannte es vor langer Zeit Qualität. Ich bin gespannt, wie lange die neue Waschmaschine für 399 Euro halten wird.
Rose Royce - Car Wash 1976 Disco Purrfection Version. https://www.youtube.com/watch?v=0OB21STOdak

Freitag, 24. Januar 2020

Genau mein Humor


Nach Ex-Kanzler und Ex-SPD-Chef Schröder wechselt jetzt auch Ex-Vize-Kanzler und Ex-SPD-Chef Siggi Pop in den Aufsichtsrat eines Unternehmens. Während Schröder für seinen Job noch bis nach Moskau fahren muss, hat es Gabriel mit Saurons Geldturm in Frankfurt auch in Sachen Arbeitsweg gut getroffen.
Draghi bekommt derweil das Bundesverdienstkreuz für seine Nullzinspolitik als EZB-Chef, die deutsche und andere Sparer jährlich Milliarden kostet. Aber man kann ja auch bei der Deutschen Bank Aktien kaufen, niemand wird zu einer sicheren Geldanlage gezwungen.
Scheuer ist derweil auf dem besten Weg zu einer Juraprofessur: "Ich habe keinen Fehler gemacht. Ich habe einfach eine andere Rechtsauffassung als der EuGH." Ein Kommentar für die Ewigkeit.

Genau mein Humor.

Dennis


Ich habe Dennis viel zu verdanken. Jahrelang waren die Briefe und später die Mails, die ich von ihm bekam, meine letzte Verbindung zur Heimat meiner Jugend. Wir waren seit der Grundschule miteinander befreundet. Ein witziger und warmherziger Mensch, dem es allerdings an Aufmerksamkeit für die pädagogischen Bemühungen unserer Lehrerinnen und Lehrer mangelte. Dennis Distelbrand ist in der kleinen Stadt am Rand des Pfälzer Waldes geblieben und hat eine Lehre als Elektriker gemacht, während ich nach Hamburg gegangen bin.
Regine war ihr Name. Regine Blaufuß. Meine große Jugendliebe. Wir lernten uns in der elften Klasse kennen und wurden ein Paar. Sie hatte einen Platten gehabt und mich um meine Luftpumpe gebeten. Ich pumpte ihren Reifen auf und wie sich herausstellte, hatten wir den gleichen Heimweg. Vier Wochen später der erste Kuss. Zwei Jahre später der erste Sex. Und ein Jahr nach dem Abitur – ich machte gerade Zivildienst im Jugendzentrum – wurde sie schwanger. Nach einer Party im JUZ, bei der ich am Tresen gearbeitet hatte, fingen mich ihre beiden älteren Brüder ab. Wenn ich Regine nicht heirate, würden sie mich totschlagen. Um die Ernsthaftigkeit ihres Vorschlags zu unterstreichen, trat mir einer der Brüder in die Weichteile. Ich krümmte mich auf dem Boden. Sie ließen mich liegen und verschwanden in die Nacht.
Ich beschloss, die Stadt zu verlassen. Mit einem Rucksack, in dem nicht mehr als ein paar Klamotten und Bücher waren, fuhr ich am nächsten Tag nach Hamburg. Ich schrieb Regine einen Brief und telefonierte am Abend mit meiner Mutter, um ihr meine neuen Lebenspläne zu erklären. Damals lebte ich allein mit meiner Mutter, mein Vater war schon lange tot. Es gab keine Vermisstenanzeige, im Jugendzentrum wollte man keinen Ärger mit den Behörden. Für die restlichen Monate überwies man mir meinen Sold und ich hob in Hamburg per EC-Karte Geld von meiner pfälzischen Stadtsparkasse ab. Ich ergatterte ein WG-Zimmer in Altona und begann, Philosophie zu studieren.
Viele Jahrzehnte waren die Briefe von Dennis meine Nabelschnur in die Vergangenheit. Er berichtete, wie es meinen Freunden und Regine ging. Sie hatte in Holland eine Abtreibung machen lassen und arbeitete als Bibliothekarin in der örtlichen Stadtbücherei. Sie hatte nie wieder einen Freund und blieb unverheiratet. Dennis hatte einen gut bezahlten Job als Facharbeiter in einer Fabrik für Druckmaschinen, eine hübsche Frau und zwei Kinder. Auch unsere anderen Freunde führten ein schönes Leben. Michael studierte Medizin in Kaiserslautern und wurde Hausarzt, Peter eröffnete ein Sportgeschäft in der Innenstadt. Es freute mich, wenn ich regelmäßig Post aus der alten Heimat erhielt. Alles war gut.
Aber dann meldete sich Dennis plötzlich nicht mehr. Ich schrieb ihm Mails, aber er antwortete nicht. Monatelang kein Lebenszeichen von ihm. Nach einem halben Jahr wurde ich unruhig. Das lag nicht in seiner Art. Wir hatten keinen Streit, es gab keine Auseinandersetzung. Der Tonfall der Mails war immer entspannt gewesen, oft machten wir Witze über unsere gemeinsame Zeit und die Streiche, die wir anderen gespielt hatten. Ich entschloss mich, einen Zug in die Heimat zu nehmen, und nachzusehen, was passiert war.
Gegenüber dem Bahnhof der kleinen Stadt, dessen verwitterte Fassade alt und rissig geworden war, lag unsere alte Stammkneipe. Das „Midnight Express“ gab es immer noch. Ich ging hinein und setzte mich an die Theke. Eine junge Frau spülte gerade Gläser und ich fragte nach dem Wirt. Sie rief nach ihm und Heinz-Joachim, von allen nur Heijo genannt, kam zu mir.
„Mensch, Heijo. Es ist schon lange her. Kannst du dich noch an Ingmar Schönleber erinnern?“
Er sah mich schweigend an.
„Früher war ich immer mit Dennis, Michael und Peter hier. Wir hatten unseren Tisch hinten links in der Ecke.“
Da leuchteten seine Augen auf. „Na klar, Dennis war Stammgast hier.“
„Der Bursche meldet sich gar nicht mehr. Was ist mit ihm passiert?“
„Vor sechs Monaten gestorben. Leberzirrhose. Nachdem er seinen Job verloren hatte, lungerte er nur noch in der Fußgängerzone rum. Hartz IV hatte er meistens schon zur Monatsmitte durchgebracht, danach bettelte er vor dem Einkaufszentrum.“
Ich konnte es nicht fassen. „Aber was ist mit seiner Ehefrau, seiner Familie?“
„Dennis? Der war nie verheiratet. Ich habe ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Den Job in der Fabrik hat er schon seit fünf Jahren nicht mehr.“
Ich überlegte einen Augenblick. „Kannst du dich noch an Regine erinnern?“
„Ja, ihre Brüder kommen regelmäßig am Samstagabend hierher.“
„Was ist aus ihr geworden?“
„Sie hat jung geheiratet. Einen Handwerker aus Pirmasens. Sie hat inzwischen drei Kinder und lebt dort in einem Haus am Stadtrand.“
Was war mit der Stadtbibliothek? War ich etwa Vater geworden, ohne es zu wissen? Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, während mir Heijo in aller Seelenruhe von Michael und Peter erzählte. Michael saß wegen Anlagebetrug im Gefängnis und Peter war vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben.
Ich bedankte mich und ging hinaus.
Jetzt stehe ich am Grab von Dennis und bedanke mich bei ihm. Er hat mich über dreißig Jahre lang vor diesen ganzen Tragödien bewahrt.
Foreigner – Urgent. https://www.youtube.com/watch?v=rpko5y1lR1s

Donnerstag, 23. Januar 2020

Bilderwelten, Weltbilder 5








Der 14. Earl of Limebuckle


Er hatte eine geradezu talibanöse Gesichtsbehaarung und eine Visage wie eine genmanipulierte Kartoffel. Jeden Mülleimer inspizierte er akribisch. Gelegentlich zog er mit einem Lächeln eine Pfandflasche heraus, die er in einen riesigen blauen Müllsack stopfte.
Ich beobachtete ihn eine Weile, während er näherkam. Dann trank ich meine Wasserflasche leer und hielt sie ihm entgegen.
„Vielen Dank“, sagte er. „Kann ich mich einen Augenblick setzen?“
„Selbstverständlich“, antwortete ich ihm. „Die Parkbänke sind für alle da.“
Er musste sechzig oder siebzig Jahre alt sein. Mit einem leisen Ächzen ließ er sich neben mir nieder.
„Das ist harte Arbeit, oder? Ich meine: Flaschen sammeln.“
„Nein, ich habe Glück gehabt.“
„Glück?“ fragte ich ungläubig.
„Ja. Ich kann mich glücklich schätzen, das wunderbare Leben auf den Straßen Berlins zu genießen.“
„Das ist nicht ihr Ernst.“
„Doch, ich hatte schon immer viel Glück im Leben. 1988 war ich zur Flugshow in Ramstein eingeladen. In letzter Sekunde rief mein Chef an und gab mir einen dringenden Auftrag. Damals kamen siebzig Leute ums Leben.“
„Unglaublich“.
Er kratzte sich den Nasenrücken. „Im August 2001 war ich zu einem Bewerbungsgespräch im World Trade Center eingeladen. Aber ich habe den Job nicht bekommen. Am 1. September hätte ich anfangen sollen. Bei den Terroranschlägen gab es dreitausend Tote.“
Ich war sprachlos.
„Über Weihnachten und Silvester 2004 hatte ich einen Thailand-Urlaub gebucht. Aber kurz zuvor habe ich mir ein Bein gebrochen. Also musste ich die Reise stornieren. Bei dem Tsunami starben über zweihunderttausend Menschen.“
Inzwischen starrte ich den Mann mit offenem Mund an, der von seinem Leben in einem Tonfall erzählte, als sei es ein ewiges Picknick im Sonnenschein gewesen.
„Können Sie sich an das Erdbeben in Haiti 2010 erinnern? Ich war da. Als es losging, war ich gerade auf dem Meer, um zu angeln. Ich habe es gar nicht richtig mitbekommen, aber als ich in den Hafen kam, war alles zerstört. Über dreihunderttausend Tote.“
„Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ich bin Cletus Elwood McRib, der 14. Earl of Limebuckle. Stets zu Ihren Diensten.”
Dann lachte er, schnappte sich seinen riesigen Müllsack voller Pfandflaschen und ging davon. Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Information Society - What's On Your Mind. https://www.youtube.com/watch?v=ijAYN9zVnwg

Mittwoch, 22. Januar 2020

Bilderwelten, Weltbilder 4


Kritik des Kapitalismus


Vor der Industrialisierung hat die Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet. Damals gab es gelegentlich Bauernaufstände, die sämtlich gescheitert sind. Danach folgte die Arbeiterschaft, die erfolglos Revolutionen veranstaltet hat. Jetzt haben wir die Angestellten, die sich an Reformen abarbeiten, die nichts bringen. Das Pendel schlägt nicht mehr, es hängt bewegungslos in der Mitte.
Was ist politisch Mitte? Die urdeutsche Mittelschicht in den Großstädten. Sie setzt die Agenda, an ihr richten sich die Programme aller Parteien aus. Ich spreche nur eine Selbstverständlichkeit aus, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. Schließlich gibt es noch viele andere Menschen in diesem Land.
Nach den neuesten Daten des „Trust Barometer“ der amerikanischen Kommunikationsagentur Edelman glauben nur noch 12 Prozent, dass der Kapitalismus ihnen persönlich nützt und sie von einer wachsenden Wirtschaft ausreichend profitieren. 55 Prozent sind der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft. 55 Prozent! Was für ein Wählerpotential. Wenn wir jetzt eine kapitalismuskritische Partei in Deutschland hätten – nicht auszudenken …
Welche Systemopposition mit Massenbasis gibt es 2020 in Deutschland? Fridays for Future von links, AfD von rechts. Nazis und Kinder. Die einen wollen einen entfesselten Kapitalismus ohne Demokratie, die anderen wollen echte Demokratie ohne Kapitalismus. Die saturierte schwarzgrünrotgelbe Mittelschicht gibt sich derweil der spätrömischen Dekadenz des hedonistischen Konsums hin. Kommt das Pendel wieder in Bewegung?
P.S.: „Weltweit leisten Frauen & Mädchen täglich weit über 12 Milliarden Stunden Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit – unbezahlt. Würde man ihnen auch nur einen Mindestlohn für diese Arbeit zahlen, wären das umgerechnet über 11.000.000.000.000 US-Dollar pro Jahr“, schreibt Oxfam. Problem: Wenn wir Frauen fair bezahlen, können wir uns doch den ganzen Kapitalismus nicht mehr leisten!
Pointer Sisters - I’m so excited. https://www.youtube.com/watch?v=rQqwG_rQx7A

Dienstag, 21. Januar 2020

Der Hausierer


Das kleine Haus war fast völlig von Efeu überwuchert und stand in einer Seitenstraße. Aber irgendwo musste er ja anfangen. Nach kurzem Zögern klingelte er.
Es dauerte eine Weile. Dann öffnete eine ältere Dame die Tür. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und eine Perlenkette.
„Sie wünschen?“
„Ich möchte mit Ihnen über Literatur sprechen.“
Sie sah ihn verwundert an.
„Über welche Literatur?“
„Über meine. Ich …äh … schreibe Kurzgeschichten.“
Wie zum Beweis zeigte er ihr seinen Musterkoffer aus hellbraunem Leder.
„Sie schreiben? Was sind denn das für Kurzgeschichten?“
„Es geht meistens um das Leben in dieser Stadt, um das Leben als Künstler.“
Sie sah ihn eine Weile an.
„Gut. Ich hole meine Lesebrille. Warten Sie einen Augenblick.“
Er war erleichtert. Vielleicht gefiel ihr das Material. Vielleicht würde sie ihm ein paar Geschichten abkaufen. Vielleicht könnte er sich heute eine warme Mahlzeit leisten.
Das Leben als Schriftsteller ohne Verlag, ohne Buchverkäufe und ohne Lesungen ist viel schwieriger, als es sich die Leute vorstellen. Es gibt tausende wie ihn, aber nur einen, der an Ihrer Tür klingelt.
The Kinks – Lola. https://www.youtube.com/watch?v=LemG0cvc4oU

Montag, 20. Januar 2020

Dorfkinder


Ich finde es als Dorfkind toll, dass Julia Klöckner uns in ihre Kampagne "Der Verbraucher ist an allem schuld" einspannt. Oder geht es um Dorftinder, damit ich nicht meine Cousine heiraten muss?

"Niemals dürfen Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden." (Armin Laschet).




Die Kampagne "Du entscheidest" wälzt die Verantwortung für Tierquälerei in der Landwirtschaft vom zuständigen Ministerium auf die Bürger ab. Mitmachen, Kinder!

Anlässlich der jährlichen Fressmesse in Berlin erinnert Frau Klöckner an ihr politisches Vorbild Helmut Kohl.

Mit dem Taxi nach Mallorca


Blogstuff 384
"Den Umstand, dass wir den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, haben wir meines Erachtens dem Amerikaner zu verdanken." (Gerhard Polt)
Es gibt so viele wichtige Dinge, für die ich mich engagieren müsste. Grundgesetz, Tierwohl, Klimawandel. Aber ich sage, wie es ist. Mein Tag ist schon voller Aktivitäten: Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Gelegentlich eine Zwischenmahlzeit. Ein Nickerchen hier und da. Musik hören. Bücher. Und um 20 Uhr mache ich die Glotze an. Der Tag ist oft so schnell um, ich kann es selbst kaum glauben. Beim Aufwachen denke ich noch über gesellschaftliches Engagement nach und am Nachmittag ist mir klar, dass auch heute die Zeit zu knapp wird.
Harry und Meghan verzichten auf ihre Privilegien. Sie werden nicht mehr als königliche Hoheit bezeichnet. In Zukunft wird ihnen nicht mehr die Tür aufgehalten, sie müssen sie selbst öffnen. Ich könnte nicht so leben. Oder sie haben Hunger und können nicht mehr den Butler beauftragen, ein paar Chicken Nuggets in den Ofen zu schieben, sondern müssen es selbst machen. Wie crazy ist das?
Da die GroKo offenbar über die volle Laufzeit geht, da den Totgesagten bekanntlich ein langes Leben beschert ist, wird es Zeit, den Taschenrechner zu bemühen. Kohl war 5871 Tage Kanzler. Wenn Merkel ihn einholen will, muss sie bis zum 18. Dezember 2021 durchhalten. Das heißt: bei langwierigen Koalitionsverhandlungen hat sie eine Chance, den Dicken aus Oggersheim noch zu kriegen. Überholen ohne einzuholen hieße für die Schlaftablette aus der Uckermark, auch am vierten Advent, am 19. Dezember, noch im Amt zu sein.
Wer würde einem Menschen widersprechen, der aggressiv ist und nur noch schreit? Wie erreicht man empörte und zornige Menschen mit Argumenten? Die Taktik der Wutbürger ist aufgegangen. Flüchtlingshilfe wird zum Tabu, Witze über Umweltverschmutzung („Omagate“) werden als Angriff auf die Gesellschaft bewertet. Primitive Propaganda + Emotion – das Erfolgsrezept der AfD.
Das waren noch Zeiten: „Der Mani Kongo saß auf einem Thron aus Holz und Elfenbein, Insignien seiner Macht waren eine Peitsche aus dem Schweif eines Zebras, ein mit Fellen und Tierköpfen behängter Gurt sowie eine kleine Mütze. Seine Untertanen mussten sich ihm auf allen vieren nähern und durften ihm weder beim Essen noch beim Trinken zusehen, taten sie es doch, drohte ihnen die Todesstrafe.“
James Bond. Gewalt – Liebe. Gewalt – Liebe. Immer in schnellem Wechsel. Das ist das Erfolgsgeheimnis dieser Serie seit sechzig Jahren.
Restaurantkritik Burger King Alexanderplatz: „Der BK auf dem Alexanderplatz ist der furchtbarste, mir bekannte der Kette in ganz Berlin. Ständig überfüllt, schmutzig, ungemütluch und die Berger sind eigentlich nie mit Liebe zubereitet.“ --- „Absolut nicht zu empfehlen.Ich weiß genau wie sie in der Küche arbeiten.Habe selber über 5 Jahre dort gearbeitet!!!!wirklich wenn ihr wüsstet“.
Laid Back – Bakerman. https://www.youtube.com/watch?v=yByP88jUQH4

Bonetti hasst Paparazzi.