Mittwoch, 31. August 2022

Die Farbe des Alters

 

Sein Zimmer ist grau.

Sein Tisch ist grau.

Sein Stuhl ist grau.

Sein Schrank ist grau.

Sein Teppich ist grau.

Seine Bücher sind grau.

Seine Haare sind grau.

Sein Leben ist grau.

Dienstag, 30. August 2022

Zum Tod von Gorbatschow ein uralter Text

 

Meine Fernsehkarriere

Es war im Sommer 1993, als meine kometenhafte, besser: silvesterraketenartige, nein: wunderkerzenmäßige Karriere beim Fernsehen begann. Wie ein asthmatisches Glühwürmchen zog ich einige Wochen lang meine Bahn über den Medienhimmel von Berlin, in jenen Pioniertagen der Privatsender, als jeder tapfere Absolvent eines geisteswissenschaftlichen Studiengangs, der vor diesen damals noch lokomotivgroßen Kameras nicht schreiend davonlief, die Chance bekam, ein Weltstar zu werden.

FAB („Fernsehen aus Berlin“), eine zum damaligen Zeitpunkt in einem Hinterhof der Nollendorfstraße logierende Produktionsgesellschaft mit eigenem Sendebetrieb, suchte damals Nachwuchskräfte, die Magazinbeiträge für einen neuen Sender namens VOX schreiben und drehen sollten. Ich erinnere mich an heitere und unbeschwerte Redaktionssitzungen mit Manuel Werner, der mit seiner ruhigen dunklen Stimme die Novizen an das Medium heranführte.

Ein Themenvorschlag, den ich auf meiner Liste hatte: Warum lächeln die Ziffernblätter der Uhren in der Werbung immer? Sie stehen grundsätzlich auf zehn vor zwei oder zehn nach zehn, oder? Mörderidee. Ich weiß. Von meinem nächsten Vorschlag habe ich sogar noch ein fertiges Skript. Überflüssig zu erwähnen, dass er nie gedreht und ausgestrahlt wurde, da VOX relativ schnell von Eigenproduktionen zum Abspielen von Serienaltglas überging. Es ist eine Parodie auf Verschwörungstheorien – bevor dieses Wort überhaupt in unserem Sprachraum heimisch wurde. Geplant war der Beitrag für die Sendung „Canale Grande“ mit Dieter Moor.


Der letzte Stasi-Akten-Skandal

Ton: Wer ist nicht alles in den Stasi-Akten aufgetaucht. Staunen und namenloses Entsetzen lösen die Namen der entlarvten Spione aus. Doch im untersten Winkel der Gauck’schen Aktenberge ruht der allerschaurigste Fall von Geheimnisverrat: der Fall Michail Sergejewitsch Gorbatschow, genannt Gorbi. Exklusiv für Canale Grande werden wir Ihnen die Karriere dieses Mannes schildern. Ja, es ist wahr: Gorbatschow war ein Agent. Agent des amerikanischen Geheimdienstes!

Bild: Portraitfotos von Stasi-IMs (Lothar de Maizière, Manfred Stolpe, Heiner Müller u.a.), am Ende Gorbatschow-Portrait und eine Luftaufnahme des Pentagon/Washington.

Ton: 1962. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges beschließt das Pentagon, die kommunistische Bedrohung mit einer neuen Strategie zu beantworten. Die Infiltration der sowjetischen Elite durch die CIA soll die entscheidende Wende im Kampf der Systeme bringen. Man beginnt, unter den jungen aufstrebenden Bürokraten der Nomenklatura inoffizielle Mitarbeiter anzuwerben. Diese neuen Agenten, „Schläfer“ genannt, sollen jedoch nicht für belanglose Aufgaben wie Informationsbeschaffung verschlissen werden. Sie sollen erst tätig werden, wenn sie am Ende ihres Marsches durch die Institutionen angelangt sind. Unter ihnen ein Mann, der Geschichte machen wird: Michail Gorbatschow.

Bild: „1. Akt: Die Anwerbung“. Kalter Krieg (US- und SU-Waffen, Kuba-Krise), junge Sowjetbürokraten auf Parteitagen und in der Propaganda, Kreml, Portrait des jungen Gorbatschow.

Ton: Es ist uns gelungen, seinen ehemaligen Führungsoffizier in den USA zu interviewen. William Cody ist inzwischen 85 Jahre alt und lebt in Buffalo.

Frage: Wie kamen Sie auf Gorbatschow?

Antwort: Er ist uns als junger Parteisekretär in Stawropol aufgefallen. Man konnte ihn immer sehr gut an diesem komischen Fleck auf der Stirn erkennen.

Frage: Wie konnten Sie all die Jahre unbemerkt Kontakt mit ihm halten?

Antwort: Wir trafen uns nur sehr selten. Wir organisierten vor allem die gegenseitige Unterstützung der „Schläfer“, die natürlich nichts voneinander wissen durften. Auffällige Geschenke oder Überweisungen hat es im Übrigen nie gegeben.

Frage: Warum schweigt die CIA beharrlich zu den Vorwürfen?

Antwort: Weil es so aussehen soll, als wäre unser System überlegen gewesen. Der Präsident wollte das so.

Bild: Aufnahme des Interviewten von schräg hinten. Englischer Text, der auf Deutsch übersprochen wird.

Ton: Während die USA im Katzenjammer des verlorenen Vietnamkriegs versinken und ein korrupter Präsident das Land regiert, tickt die Zeitbombe im Inneren des roten Imperiums. Scheinbar mühelos machen viele „Schläfer“ Karriere. Doch niemand ist so erfolgreich wie Gorbatschow. Er wird Generalsekretär der KPdSU und ernennt sich bald zum Präsidenten der Sowjetunion. Die CIA ist so überrascht, dass sie zunächst untätig bleibt. Um auf den unverhofften Erfolg ihres Mannes in Moskau angemessen reagieren zu können, wird im Jahr 1989 der ehemalige CIA-Chef George Bush als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Es kann losgehen.

Bild: „2. Akt: Der Aufstieg“. Vietnam-Krieg, Nixon-Portrait, sowjetische Parteitage, Gorbatschow als neuer Generalsekretär im März 1985, Bush-Portrait (60er Jahre), seine Ernennung zum US-Präsidenten.

Ton: Ein ehemaliger Vertrauter Gorbatschows berichtet.

Frage: Wie konnte man ein Weltreich so schnell und gründlich abwickeln?

Antwort: Die Sowjetunion war ein autoritäres System. Ist man erst mal ganz oben, hat man alle Macht der Welt.

Frage: Warum sollte die UdSSR aufgelöst werden?

Antwort: Der ganze Marxismus war eine Schnapsidee. Unser Land blutete für den Rüstungswettlauf mit den Amerikanern. Wir wollten lieber schnelle Autos bauen, gute Fernseher und Kühlschränke haben.

Frage: Was machen Sie heute?

Antwort: Ich leite ein chinesisches Restaurant in Shanghai.

Bild: Gesicht unkenntlich, Nonsens-Russisch, Deutsch übersprochen.

Ton: Die Entsorgung des Warschauer Pakts erfolgt in rasch aufeinander folgenden Schritten. Zunächst wird die sowjetisch besetzte Zone, auch DDR genannt, dem Westen übergeben. Dann werden die Verbündeten entlassen. Hierfür erhält Gorbatschow seinen ersten Lohnscheck. Er bekommt 1990 den Friedensnobelpreis und damit eine siebenstellige Summe. Im darauffolgenden Jahr löst er die Sowjetunion auf, erklärt die Sache mit dem Kommunismus für beendet und öffnet das Land für Pornographie und Kabelfernsehen. Danach geht er in die verdiente Frührente.

Nur die DDR-Staatssicherheit, die bereits 1987 durch einen Überläufer eine Liste der „Schläfer“ erhalten hatte, und Erich Honecker wissen ebenfalls von den hochbrisanten Zusammenhängen. Ihr Eingreifen kommt auf tragische Weise zu spät. Honecker findet sich bald darauf im Gefängnis wieder und wird kurze Zeit später nach Feuerland verbannt.

Bild: „3. Akt: Der Auftrag“. Mauerfall, Wiedervereinigung, Machtwechsel im Ostblock, Ceaușescu-Erschießung, Zerfall der UdSSR, Mielke- und Honecker-Portraits, Honecker-Prozess und Ausweisung.

Ton: Über die Hintergründe erklärte uns ein ehemaliger Stasi-Major folgendes:

Als wir von den konterrevolutionären Absichten des Genossen Gorbatschow erfuhren, haben wir natürlich versucht gegenzusteuern. Doch die heroischen Versuche unseres Generalsekretärs des ZK der SED Erich Honecker, den Sozialismus zu retten, endeten tragisch. Als er Gorbatschow während dessen Besuchs anlässlich des 40. Jahrestags der DDR-Gründung im Oktober 1989 direkt auf den Sachverhalt ansprach, ließ dieser Honecker fallen und wenig später die Mauer öffnen. Die historischen Folgen sind bekannt: der Klassenfeind übernahm unseren Staat.

Bild: Gesicht unkenntlich, Stimme verzerrt (stark sächsischer Akzent).

Ton: Wer war Gorbatschow wirklich? Muss die Geschichte in weiten Teilen neu geschrieben werden? Das historische Ringen zwischen Kapitalismus und Kommunismus – letztlich entschieden durch einen billigen Geheimdiensttrick? Empörte Reaktionen in aller Welt. (Fiktive Bürgerkommentare und Politikerstatements)

Bild: Gorbi-Portrait. Kurze Szenen mit Leuten auf der Straße und Interviewausschnitte mit angeblichen Politikern. 

Ursulinen

 

Ursulinen haben nur einen Fernsehsender: Bibel-TV.

Ursulinen dürfen keine Kruste essen, nur das innere Grau von Schwarzbrot.

Ursulinen glauben, die Beatles wären immer noch zusammen.

„Kinder, wir spielen Frisbee im Park.“ Aber die Ursulinen dürfen nicht mitkommen.

Ursulinen machen keinen Führerschein, denn Gott lenkt für sie auf allen Wegen.

Ursulinen tragen keinen Bikini, sonst wäre Jesus umsonst gekreuzigt worden.

Ursulinen in einer Disco – supercringe.

Ein unerwarteter Gast


Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab und lauschte.

Eine fremde Stimme sagte: „Ich muss Sie warnen. Der Tod ist auf dem Weg zu Ihnen.“

Ich bedankte mich und legte auf. Einen Augenblick später klingelte es an meiner Wohnungstür.

Ich ging zur Tür und rief: „Es ist niemand zuhause.“

Dann ging ich zurück ins Wohnzimmer.

Der Tod saß schon auf meinem Sofa. Entgegen landläufigen Vorstellungen trug er keine Kutte, sondern einen schwarzen Anzug von Armani. Er hatte keinen Totenkopf, sondern sah aus wie Christian Lindner. Statt einer Sense hatte er die neueste Ausgabe der Financial Times in der Hand.

Er lächelte mich an und sagte: „Guten Tag, ich möchte mit Ihnen über Ihr Lebenszeitbudget sprechen.“




Montag, 29. August 2022

Essen in Berlin

 

Jemenitisches Restaurant, Huttenstraße 7, Moabit. Das Lokal hat den Charme der Dritten Welt: einfache Möblierung, keine Musik, keine Bilder, bestellt und direkt bezahlt wird an der Kasse. Aber lassen Sie sich nicht täuschen, ich habe selten so eine natürliche Gastfreundschaft genossen, die ohne leere Floskeln und falsches Lächeln auskommt. Als erstes kommt ein Fladenbrot, etwa dreißig Zentimeter Durchmesser, dass man zunächst gar nicht anfassen kann, weil es gerade frisch gebacken wurde. Dann kommt mein Essen. Kennen Sie das Tandoori-Prasseln beim Inder? Hier brodelt es vulkanartig in einer Eisenschüssel. Jetzt verstehe ich den Sinn des zusätzlichen Tellers. Er ist eine Art Abklingbecken, denn in der Schüssel blubbern auch nach zehn Minuten noch kochend heiße Blasen an die Oberfläche. Ich habe Fasha bestellt, zartgekochtes Rindfleisch in einer gut gewürzten, aber nicht scharfen Soße. Ich habe noch nie jemenitisch gegessen – und auch nichts, das geschmacklich in diese Richtung geht. Die Portion hätte locker für zwei Leute gereicht und alles war sehr lecker. Preis: 10,90 € + ein Becher jemenitischen Tee für 1,50 = 12,40 €.

Katyusha, Neue Bahnhofsstraße 23, Friedrichshain. Zum ersten Mal im Leben betrete ich ein sibirisches Restaurant. Es ist winzig, aber sympathisch und mit Liebe zum Detail eingerichtet. Als Vorspeise bestelle ich eine sibirische Boulette, sehr lecker, mit heißem Krautsalat, der geschmacklich an das mährische Kraut der tschechischen Küche erinnert. Als Hauptgericht nehme ich sibirische Klöße, die mit Pilzen und Zwiebeln gefüllt sind, dazu gibt es Schmand und Gemüse. Als Getränk empfehle ich ein eiskaltes Kwas.

Portofino, Kantstraße 63, Charlottenburg. Ich hatte hier in Corona-Zeiten schon Pizza bestellt. Sensationell. Krosser Boden, beste Zutaten. Meine Numero Uno ist die Inferno mit Spanferkelbraten, Auberginenscheiben, Peperoncini und heftigem Knoblauchpesto. Zum ersten Mal betrete ich das Restaurant. Seit 1964 bekommt man hier das komplette Programm, das Portofino ist der älteste Italiener in Berlin. Mein Scaloppa ai Porcini in Sahnesoße ist ein Gedicht. Vorab eine kleine Aufmerksamkeit, die man in Deutschland selten serviert bekommt: Weißbrot, Olivenöl und Pfeffer, dazu ein kleiner Teller. Wir wissen, was zu tun ist.

Angkor Borey, Großbeerenstraße 26, Kreuzberg. Ich war schon oft in thailändischen und vietnamesischen Restaurants, aber ich habe noch nie kambodschanisch gegessen. Das Lokal ist eine One-Woman-Show und total winzig. Vier Tische mit je vier Sitzgelegenheiten, dahinter die offene Küche, so dass man sehen kann, wie die Wirtin alles frisch zubereitet. Ich habe schon lange nicht mehr so gut asiatisch gegessen, das Essen ist schön scharf und nicht an deutsche Empfindlichkeiten angepasst. Alle Hauptgerichte kosten unter zehn Euro. Witzig: Eine Gästin fragte nach der Toilette und bekam einen Schlüssel in die Hand gedrückt. Das Klo ist um die Ecke, vermutlich im Hinterhof. Fazit: extrem empfehlenswert (das Essen).

La tia Rica, Knesebeckstraße 92, Charlottenburg. Chilenische Küche, ein weiteres Novum für mich. Sehr erfreulich der Gruß aus der Küche. Eine herrlich aggressive Chilipaste und ein kleiner Tomaten-Zwiebel-Salat mit warmem Mais- und Weißbrot. Mein Taschenkrebsauflauf war ausgezeichnet, überhaupt gibt es eine umfangreiche Fisch- und Meeresfrüchtekarte. Die Tageskarte ist voller Überraschungen. Reservierung empfohlen.

Ristorante Luardi, Meinekestraße 24, in unmittelbarer Nähe des Kranzlerecks am Ku’damm. Der ultimative Tipp für den Berlin-Novizen, der die Highlights der Hauptstadt abklappern möchte. Sehr guter „echter“ Italiener mit günstigem Mittagsmenü: jede Pizza/Pasta mit einem Softdrink und einem Kaffee für 11,50 €. Und die Kellner sind sooo italienisch, hier bedient sie kein Student aus Bielefeld. Auf dem Bürgersteig steht ein Koberer, der die Passanten anspricht. „Zwei Plätze für die Damen?“ – „Nee, Lidl.“

 Die beste Currywurst gibt es immer noch bei der Currybaude, Bahnhof Gesundbrunnen. Currywurst 2 €, Pommes 1,60 € und Schultheiß 1,50 €. So schlimm kann die Inflation gar nicht werden.

Sonntag, 28. August 2022

Sommerlektüre

 

Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Barry Eisler – Tokio Killer

Sven Regner – Wiener Straße

Fernando de Scirocco (Künstlername von Ferdinand von Schirach) - Gott   

Ders. und Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft

Matthias Debureaux – Die hohe Kunst, Freundschaften zu beenden

Bodo Kirchhoff – Parlando

Ich habe in Berlin noch ein paar andere Bücher gelesen, aber diese sieben kann ich Ihnen empfehlen. Wenn man seine Zeit nicht mit Internet und TV verplempert und es am heimischen Ventilator sowieso am schönsten ist, hat man genügend Zeit für die Lektüre. Ich habe übrigens auch keine einzige Zeitung gekauft. Gab es im August nennenswerte Nachrichten?

P.S.: Als Klassiker empfehle ich „Die Gebrüder Kamasutra“ von Oleg Trotzkojewski.

P.P.S.: Natürlich war ich auch mit dem 9€-Ticket in der Stadt unterwegs. Zu den kulinarischen Erlebnissen gibt es morgen einen Text.

 

Bonetti trifft Precht


„Menschenskind, Precht, es ist Krieg. Und da kommen Sie mit Ihrer Waldorf-Pädagogik um die Ecke. ‚Ihr müsst miteinander reden‘, sagen Sie. ‚Klärt die Sache in einem ruhigen Gespräch‘. Sie haben keine Ahnung von der menschlichen Natur.“

Bonetti hob die Linke und gab Precht eine schallende Ohrfeige. Der Möchtegern-Philosoph sah ihn fassungslos an. Dann hob Bonetti die rechte Hand und gab ihm eine weitere Ohrfeige. Precht taumelte zurück.

„Jetzt bist du wütend, oder? Du würdest mich jetzt gerne schlagen, habe ich recht?“

Bonetti deutete auf sein Kinn. „Hierhin bitte.“

Precht funkelte ihn wütend an, dann ballte er die Fäuste und rannte auf Bonetti zu.

Bonetti trat im letzten Augenblick einen Schritt zur Seite und ließ ihn über sein ausgestrecktes Bein stürzen. Dann stellte er sich mit beiden Füßen auf Prechts Kopf und hüpfte ein wenig auf und ab.

„Möchtest du mit mir sprechen?“

Precht schwieg.

„Du redest doch sonst so gerne.“

Keine Antwort.

„Ich höre, wie deine Knochen knacken. Gleich wird dein Schädelei aufbrechen und dein Hirn quillt heraus wie Zahnpasta.“

Bonetti ließ von ihm ab und Precht rannte davon wie eine gesengte Sau.

 

Samstag, 27. August 2022

Sommer-Haiku

 

Die Abendsonne

Knallt wirklich volle Kanne

Durch meine Fenster

Konsensstreifen am Himmel

 

Blogstuff 719

„Stark die Macht ist im jungen Bonetti.“ (Meister Judo)

Am 1. August 1992 bin ich in meiner Wilmersdorfer Wohnung eingezogen, am 2. August 2022 komme ich in Berlin an. Dreißig Jahre Bürgertum haben ihre Spuren hinterlassen. Es lebe die FDP!

Geld spricht nicht. Aber Geld ist der Zwingherr, unter dessen Knute wir alle tanzen. Wenn ein Politiker, der ja in Wahrheit keinerlei Macht über uns hat, davon spricht, dass wir Energie sparen sollen, lachen wir ihn zurecht aus. Aber wenn wir unseren Energieverbrauch nicht mehr bezahlen können, ändern wir unser Verhalten.

In Wichtelbach wünscht man sich das ganze Jahr über eine frohe Weinnacht.

Wir kennen das Datum der ersten Eisenbahnfahrt, aber wir wissen nicht, wer sich als Erster vor den Zug geworfen hat.

Im Restaurant Matreshka in Berlin stehen auf der Speisekarte das Moskauer Schnitzel und die sibirische Boulette friedlich neben dem ukrainischen Schweinebraten.

Ich habe mir auch mehr vom Leben erwartet, aber dann habe ich eben doch meine philippinische Fußpflegerin geheiratet.

Anfahrt mit dem ICE nach Frankfurt. Ich höre die Frage eines keinen Jungen. „Ist das New York?“ Sein Vater antwortet ihm: „Nein, das ist Frankfurt.“ Darauf wieder der Junge: „Spricht man hier noch deutsch?“

Was wurde eigentlich aus dem Heuchelpunk in Nadelstreifen aka Kiezneurotiker?

Hätten Sie’s gewusst? Goethe hat 1933 Deutschland aus Protest gegen die Nazis verlassen und ist nach Italien ausgewandert.

Prager Hopfenstuben, Karl-Marx-Allee. Vor mir sitzt ein alter Mann in einem roten Adidas-Shirt, unter dem sich deutlich seine Hosenträger abzeichnen.

Berlin hat 3,7 Millionen Einwohner, derzeit sind 370.000 Flüchtlinge aus der Ukraine in der Stadt. Zum ersten Mal seit den 1930ern leben wieder über vier Millionen Menschen in der Hauptstadt.

Das Domestos-Schwert eines Kriegswinters hängt über uns.

Vor dem Aquarium. Fische können nicht sprechen, aber ich höre ihre Stimmen. In meinem Kopf. Das muss Telepathie sein. Der erste Goldfisch kommt vorbei und sagt „Blub“. Dann kommt der zweite Goldfisch.

Heißt SS eigentlich Scholz-Staffel?

Isopropanol ist ein Lösungsmittel. Das Christentum ist ein Erlösungsmittel.

The Platters - Smoke Gets In Your Eyes - YouTube

Freitag, 26. August 2022

Hauptstadthorror

 

Es klingelt an meiner Wohnungstür. Dann wird geklopft. Wieder Klingeln. So geht es minutenlang. Entweder brennt das Haus oder ein Amokläufer steht vor der Tür. Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Soll ich zur Tür gehen? Im Eingangsbereich habe ich immer ein Jagdmesser der finnischen Firma Marttiini in Griffweite. Da fällt jedem Türkenproll das Schnappmesser aus der Hand. Das Teil ist die ultimative Nahkampfwaffe.

Klingeln. Klopfen. Vor meiner Tür steht die Orkarmee. Ich stelle mich der Herausforderung. Vor meiner Tür steht im echten Leben meine Nachbarin. Ein Hobbit in Hausschuhen. So gefährlich wie ein Restaurant-Flyer. Mein Neffe sei zu einem Überraschungsbesuch nach Berlin gekommen, erzählt sie, habe mich in meiner Wohnung nicht angetroffen und hernach bei ihr geklingelt. Er hätte ihr erzählt, die ganze Familie würde sich Sorgen machen, vor allem mein Vater. Seit Monaten hätte ich mich nicht mehr bei meinen Verwandten gemeldet, möglicherweise sei mir etwas passiert, vielleicht läge ich auch tot in der Wohnung. Ich treffe meinen Vater zweimal die Woche, im Urlaub telefonieren wir zweimal die Woche.

Dieser Besuch meines Neffen fand um die Mittagszeit statt, ich war also gerade in einem Restaurant. Als ich am Abend nach Hause kam, war meine Nachbarin, die ich seit dreißig Jahren kenne, natürlich in heller Aufregung. Bin ich tot oder was? Ich erklärte ihr die Lage: Neffe ADHS, viel Ritalin, viel Sonderschule, jetzt auf dem zweifelhaften Weg zum BWLer. Meine Schwester Querdenkerin, seit einem Jahr ohne Kontakt zur Familie. Ich kann nur jedem Leser gratulieren, der ein normales Umfeld hat.

Dienstag, 2. August 2022

Tschö mit Ö

 

Salve auditorium!

Wir Bonetti, von Gottes Gnaden deutscher Dichterfürst, geruhen huldreich zu verkünden, dass Ihro Gnaden in den nächsten Wochen offline sein werden. Der Meister wird sich seinen beiden Herzensprojekten Kernfusion und Warp-Antrieb widmen. Alle Texte werden zukünftig ausschließlich in Khmer veröffentlicht.

Li hai


Senat: Berliner Weiße mit Schuss.


Es wird ein kulinarisches Fest. Ungeahnte Genüsse aus aller Herren Länder erwarten mich.

Montag, 1. August 2022

Ein kurzer Dialog

 

Sie: Findest du, ich bin zu dick?

Er: Im Vergleich zu wem?

Sie: An dieser Stelle hättest du mir ein Kompliment machen sollen.

Er: Verdammt! Deswegen bin ich immer noch Single … Du siehst heute ganz besonders gut aus.

Sie: Das war schlecht gelogen.

Er: Aber gut gemeint.

Wichtelbach im Spiegel der Literatur


„Wichtelbachs Rolle ist es nicht, der Streber der Bundesrepublik zu sein. Das können andere besser. Wichtelbacher ist, wer im Bus auf der Klassenreise die Rückbank sucht, wer den Joint weitergibt, wer die Musik lauter dreht, wer das Scheitern nicht scheut.“ (Peter Handke)

„Alles wird mehr, das Dorf wächst in allen Bereichen: Menschen, Bauvolumen, Dreck.“ (Oliver Kahn)


„Wenn man niemanden hat, der aufpasst, und keine Struktur hat, dann kann man hier durchaus kaputtgehen. Man kann aber auch völlig eingesogen werden.“ (Orson Wells)

„Wichtelbach ist eine Brücke ohne Geländer. Runterfallen ist erlaubt, im Gegensatz zum restlichen Deutschland.“ (Richard David Precht)

„Härte wird auch Direktheit genannt. Und die ist auch sehr humorvoll. Der Wichtelbacher ist schlecht gelaunt. Wenn du ihm die schlechte Laune zurückgibst, kriegst du Liebe!“ (Paul Auster)