Mittwoch, 30. September 2020

Crocodile Andy und die Wampe des Todes


Wegen Corona habe ich ein paar Pfund zugelegt. Früher nannten mich meine Freunde immer „Hungerkünstler“, weil ich so schmal war. „Da kommt der Hungerkünstler“, schallte es einst am Tresen, wenn ich das Wirtshaus betrat. Das ist vorbei.

Blogstuff 498

„Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ (Max Frisch)

Eigentlich ist die Absage des Oktoberfests eine Katastrophe. Millionen Trinker werden traumatisiert. An ihre Einsamkeit und ihre Depressionen denkt natürlich wieder keiner. Dazu die tragischen Fälle, die auf Intensivstationen künstlich betankt werden müssen. Die bedauernswerten Lieferanten, die auf tausenden Hektoliter Bier und Millionen Hax’n sitzengeblieben sind. Arbeitslose Volksmusikanten, verarmte Kellnerinnen, ungeschwängerte Landfrauen. Die entgangenen Honorare der Zahnärzte und Hausärzte, weil es keine Schlägereien gegeben hat. Die vielen Hotelzimmer, die nicht vollgekotzt wurden. So mancher Gaudibursche stirbt erst ein halbes Jahr später an Leberzirrhose. Die fehlenden Bußgeldeinnahmen der Polizei. Bankrotte Karusselbesitzer. Unüberschaubare Folgen!

Warum haben sich die Sozialisten eigentlich einen „Palast der Republik“ gebaut? Hätte ein „Haus der Republik“ nicht genügt? Warum bauten sie ihren Palast am alten Ort der Macht, wo zuvor das Schloss des Kaisers gestanden hatte? Warum schufen sie sich nicht einen neuen Ort der Macht? Was zog sie auf diese Insel mit ihrem wilhelminischen Ensemble aus Kirche und Museen?

„Was glauben Sie eigentlich, welche Penner jede Woche von der Straße in meinen Kurs hereingeweht werden? Gerade bei schlechtem Wetter und im Winter sitzen sie vor mir und glauben, ich hätte nur auf ihre Geschichte gewartet. Aber noch schlimmer sind die hoffnungslosen Fälle, die seit Jahren zu mir kommen. Die Leute, die denken, nur weil sie einen Haufen Probleme haben, hätten sie Stoff für eine Erzählung. Schreiben ist keine Therapie, predige ich den Tauben und Schwätzern, Schreiben ist Handwerk. In wenigen Augenblicken des Lebens auch Kunst. Diese Hornochsen!“ (Anfang eines langen Monologs von Manfred Stiesel, Volkshochschule Osnabrück, dessen unveröffentlichter Debütroman das Schicksal eines Dozenten in Bielefeld beschreibt)

Die Kernfrage des Kabaretts ist: Worüber darf ich Witze machen? Darf ich Witze über weibliche Besonderheiten oder gar Unzulänglichkeiten machen oder habe ich damit die Grenze zum Sexismus überschritten? Sollten mir Grenzen egal sein? Sollte ich bewusst mit ihnen spielen? Darf ich Witze über Rollschuhfahrer machen? Oder andere Behinderte? Kommt ein Rabbi in eine Bar. Beginnt mit diesem Satz der Antisemitismus oder grenze ich meine jüdischen Mitbürger aus, wenn ich ihnen keine Pointe widme? Warum ist es politisch immer noch korrekt, Witze über Saarländer zu machen? Herrn Müller darf ich gepflegt durch den Kakao ziehen, den Mullah aber nicht? Über Politiker darf ich mich lustig machen, aber nicht über ihre Wähler? Warum stellen wir uns überhaupt die Frage, worüber man Witze machen darf?

Ultravox - I Remember (Death in the Afternoon). https://www.youtube.com/watch?v=fbhMGlHC4uw



Dienstag, 29. September 2020

Bilderwelten, Weltbilder 44

Es hilft nix: Bilder anklicken, dann werden sie größer. 















Schawarma essen nicht vergessen!


Dieses libanesische Schlitzohr! Ich höre, wie er auf dem Treppenabsatz eine Etage unter mir kurz durchatmet wie ein Schauspieler, bevor er die Bühne betritt. Der junge Mann strahlt mich an, als er vor mir steht. Es folgt eine Entschuldigung für seine Verspätung. Er ist eine Viertelstunde zu früh, laut Foodtracker und SMS soll er erst um 18:15 Uhr kommen. Aber ich lächle nur. Kein Problem. Ich kenne die Choreographie.

Die Bestellung kostet 14,50 €, ich gebe ihm einen Zwanziger und sage „Sechzehn Euro“. Er nestelt eine Minute in seinem Portemonnaie herum. Ich sehe, dass er Messingmünzen abzählt. Er weiß: Ich habe Hunger und das Essen wird kalt. Als er einen Haufen Zehn- und Zwanzig-Cent-Münzen noch einmal in seiner Hand abzählen will, sage ich „Wird schon stimmen“ und halte die Hand auf. Er strahlt wieder, mit dem Charme eines Kindes, das einem Erwachsenen einen Streich spielt. Ich strahle zurück. Es sei die erste Bestellung heute, teilt er mir unbefangen mit. Das Lokal hat seit sieben Stunden geöffnet. Wir verabschieden uns in aller Freundschaft.

Es sind drei Euro, wie ich nach dem Essen feststelle, aber ich freue mich trotzdem. Über die hervorragenden Kafta, das frische warme Fladenbrot, den ungeahnten und längst vergessenen Genuss der köstlichen Sesamsoße. Über meinen Lieblingsayran mit Mangogeschmack und eine Pizza mit Schawarma für nur drei Euro. Außerdem unterstütze ich auf diesem Weg den Wiederaufbau Beiruts. Alles richtig gemacht und Allah ist gnädig zu jedem von uns. Ich lasse die Aluminiumschale auf dem Tisch stehen, damit sich am Abend und in der Nacht der Duft des Essens in der ganzen Wohnung verbreiten kann und ich vielleicht sogar davon träume.



Montag, 28. September 2020

Bonetti befreit die Arbeiterklasse

 

Blogstuff 497

„Heute hält uns nicht eine abstrakte Theorie der Geschichte zusammen, sondern der existentielle Ekel vor einer Gesellschaft, die von Freiheit schwätzt und die unmittelbaren Interessen und Bedürfnisse der Individuen und der um ihre sozial-ökonomische Emanzipation kämpfenden Völker subtil und brutal unterdrückt.“ (Rudi Dutschke)

Bonetti hat ein gutes Näschen für Trends und deswegen investiert er in die aktuelle Entwicklung der deutschen Gesellschaft: die Selbstironisierung des Prekariats. Welche Schicht nimmt in den nächsten Jahren angesichts der neuen Wirtschaftskrise zu? Richtig: die Armen. Jogginghose ist nicht mehr zu unterbieten? Aber was ist mit einer im Kniebereich industriell zerstörten Jogginghose mit aufgedruckten Dönersoßenflecken? Arschgeweih ist von gestern? Was ist mit dem Dekolleté-Geweih? Absurd große kreisrunde Ohrringe, in denen Plastikwellensittiche sitzen. Capital Bra interpretiert Howard Carpendale neu. Wir brauchen mehr Trash, mehr Hoffnungslosigkeit – aber lustig!

Ich habe das Restaurant Portofino in der Kantstraße, Charlottenburg, bereits vor einem Jahr in Blogstuff 360 lobend erwähnt. Aber die Pizza Paradiso mit Spanferkel, Salami und Knoblauchpesto war ein kulinarischer Hochgenuss und machte ihrem Namen alle Ehre. Mit 33 cm Durchmesser kommt sie auch für die Gourmand-Fraktion in Frage. Das Tiramisu und der Espresso runden den vorläufigen Höhepunkt des Tages auf perfekte Weise ab.

„Wir heizen mit geschredderten Montessori-Schülern und trinken Schmelzwasser aus der Antarktis. FDP. Immer auf der Höhe. Der Zeit.“

Neil Armstrong war auf dem Mond. Na und? Ich war auf LSD und die meisten Leute würden sich wie ich entscheiden, wenn sie die Wahl hätten.

Der Idealismus der Jugend. Sie wollen etwas Gutes für die Menschheit tun. Wir sollten dieses armselige, trübe Licht in ihrem Inneren nicht mit unserem Zynismus auslöschen. Es geht von selbst aus, wenn sie eines Tages berufstätig werden.

Rätsel KI: Die meisten Menschen sind Vollidioten, trotzdem gelingt es nicht, sie nachzubauen.

„Zur Komplexität kulinarischer Entscheidungsprozesse bei 345 zur Auswahl stehenden Lieferdiensten“ (Hrsg.: Heinz Pralinski). Verlag Knödelmann. Zweihundert Seiten auf Esspapier.

Lesen Sie auch morgen wieder handgemachten Blödsinn aus der Region. Ihre Humormanufaktur Bonetti & Söhn*innen. Qualität seit achtzehnhunderthaumichblau.

Anita & Mike Oldfield – Innocent. https://www.youtube.com/watch?v=AWZoPFzbmi0 

P.S.: Das ist übrigens die Anita, die mit Roy Black „Sagt die Biene zu dem Stachelschwein“ gesungen hat. Die Lesenden Ü50 werden sich erinnern, falls der böse Teufel Demenz noch nicht zugeschlagen hat.




Sonntag, 27. September 2020

Die Nachwuchsverweigerer

 

Wenn ich die Freunde meiner Jugend betrachte, sind die meisten kinderlos geblieben. Wie ich.


Schule

Jan, Frank, Norbert, Jens, Thomas, Peter, Christian I – kinderlos.

Ingo – ein Kind.


Ingelheim und Umgebung

Arno, Christian II, Hanno, Thomas, Elmar, Dirk I, Dirk II – kinderlos.

Georg – drei Kinder, Ralph – ein Kind.


Schweppenhausen

Martin, Christoph, Volker – kinderlos.

Jörg – ein Kind.


Ergebnis

Zwanzig Männer (inklusive mir) haben insgesamt sechs Kinder in die Welt gesetzt. Sechzehn von ihnen sind kinderlos geblieben.

Das Leben


Das Leben ist ’ne Wundertüte


Nur kurz steht es in voller Blüte


Am Abend hast du noch gelacht


Frühmorgens wird der Sarg gebracht



Samstag, 26. September 2020

Mafiaboss flüchtet in Hochsicherheitstrakt

 

Blogstuff 496

„Manchmal glaube ich, dass ich mit Gott rede. Aber dann sind es doch nur Selbstgespräche.“ (Andy Bonetti)

Magic Mushrooms. Ich erinnere mich an den Besuch dreier Freunde in Berlin. Sie hatten Zauberpilze dabei und wir probierten sie. Zu viert saßen wir an meinem Esstisch und warteten auf die Wirkung. Aber sie wollte nicht einsetzen. Den restlichen Pilzvorrat legten wir auf den Tisch und trafen die Abmachung, jeder möge sich noch Pilze nehmen, wen er möge. Eine halbe Minute sahen wir uns gegenseitig an wie Pokerspieler in einem Western-Saloon. Dann griffen wir gleichzeitig zu und stopften uns so viele Pilze in den Mund, wie wir konnten. Der Tisch war augenblicklich leer. Eine Viertelstunde später tanzte einer der Jungs vor der Box, ein anderer machte Kopfstand an der Wand und der dritte war ganz verschwunden. Irgendwann beschlossen wir, auf ein Konzert nach Treptow zu fahren. Wir fuhren mit der U-Bahn hin, das Konzert war ausverkauft und wir fuhren wieder zurück. Es war eine großartige Erfahrung, eine Expedition ins Unbekannte. Eigentlich kann ich mich an nichts mehr erinnern, aber für die anderen Passagiere war es ganz sicher eine großartige Erfahrung.

„Das Auge investiert mit“, das ist ein Leitgedanke der Vermögensverwaltung von Bonetti Media Unlimited. Der Meister persönlich wird zu diesem Thema ein Seminar auf Schloss Bonetti in Bimsburg an der Plautze abhalten und einen Einblick in seine exquisite Sammlung von Oldtimern, Gemälden, Edelsteinen und Goldmünzen geben. Karten für nur 199 € gibt es ab nächster Woche im Vorverkauf.

Mit Musik schafft man, was man mit Meditation oft vergeblich versucht: Man bringt den inneren Monolog zum Schweigen. Es entspannt unglaublich, selbst wenn man Speed Metal hört. Ich kann sogar in völliger Stille an ein Lied denken und der Restverstand schweigt.

Unternehmensinterna aktuell: Der Kundenservice von Bonetti Media wurde jetzt an die Firma No Reply Inc. auf den Osterinseln ausgelagert. Auch bei Kündigungen des Kiezschreiber+-Abos wenden Sie sich bitte an den neuen Ansprechpartner.

Früher waren es die Kirchen, mit denen man die Menschen beeindrucken konnte. Behauene Steine, kostbare Schnitzereien, zahllose Lichter. Skulpturen, Inschriften, Altäre. Du hast die ganze Woche auf deinem Acker oder in deiner Werkstatt verbracht und dann betrittst du eine Kirche, einen Dom. Du bist überwältigt von der Pracht der Bilder, der Botschaften, der Figuren, den Ritualen. Nach dem Gottesdienst hast du keine Zweifel mehr. So ist es auch im 21. Jahrhundert. Aber nun betrittst du die Kathedrale der Information. Du musst stark sein, um dich nicht überwältigen zu lassen.

Bonetti Media. Unser Motto: gesellschaftskritisch, nie selbstkritisch.

Das Wort Jein ist offenbar einzigartig. Bei Übersetzungen heißt es „yes and no“, „qui et non“ oder „Tiim, ügüi“ (mongolisch).

Ultravox – Majestic. https://www.youtube.com/watch?v=paMH9xUSU7A



Freitag, 25. September 2020

This Side of Paradise


„Auf diesem Sofa las er gerne Bonetti, gerührt vergoss er sogar von Zeit zu Zeit über einzelne Verse Tränen, da er machtlos gegenüber so viel Schönheit war.“ (Konstantin Waginow: Auf der Suche nach dem Gesang der Nachtigall)

Ich erwache, aber ich mache nicht den Fehler, den alle Erwachenden machen. Wenn du die Augen öffnest, ist alles vorbei. Der Traum ist verloren, eine Geschichte ist für immer verschwunden. Ich liege mit geschlossenen Augen im Bett und versuche, wieder einzuschlafen, zurück in den Traum zu gelangen. Und wirklich: Nach einigen Augenblicken bin ich wieder eingedöst.

Ich bin in einer fremden Stadt und laufe eine Straße entlang. Vor mir taucht eine Bushaltestelle aus dem Nebel auf. Ich sehe einen Mann, der unter dem Dach der Haltestelle steht. Sonst ist nichts zu erkennen. Ich komme immer näher. Dann sehe ich sein Gesicht. Ich bin es selbst. Wie üblich in meinen Träumen bin ich nur mit einer Unterhose bekleidet. Das kommt in Träumen häufig vor. Allerdings trage ich im echten Leben seit vielen Jahren auch nur Unterhosen, weil ich das Haus nur noch in seltenen Fällen verlasse. In der kühleren Jahreshälfte: T-Shirt und Unterhose. In der wärmeren Jahreshälfte: Unterhose pur. Für Strümpfe, Pullover und Jacken habe ich nur wenige Stunden pro Woche Verwendung. Also ist es kein symbolischer Traum, sondern äußerst realistisch.

Ich erreiche die Bushaltestelle. Es beginnt zu regnen. Die Tropfen sind tintenblau. Jetzt wird es also doch noch symbolisch, denke ich. Fast bin ich erleichtert. Autor – Tinte. Gut, eigentlich müsste es schwarze Tasten regnen. Aber, was soll’s? Für die bisherigen Banalitäten hätte ich schließlich nicht weiterschlafen müssen. Vielleicht ergeben die ersten Tropfen auf dem Asphalt sogar einen Sinn? Leider kann ich keine Blindenschrift. Auch im Traum nicht. Ich sehe mir ins Gesicht und frage mich: „Was mache ich hier?“ Mein anderes Ich antwortet: „Ich warte hier auf meine Hose und auf meine Schuhe. Sie haben eine Reise gemacht und kommen heute mit dem Bus zurück.“ Dann wache ich auf.

Manfred Mann’s Earth Band – This Side of Paradise. https://www.youtube.com/watch?v=wBNfuSAcSvk



Donnerstag, 24. September 2020

Prof. Dr. Sucharit Bonetti: Warum es keine zweite Welle geben wird


Da! Es ist wieder passiert. Der perfide Colonel Clickbait hat zugeschlagen.

 

Blogstuff 495

“The illusion of freedom will continue as long as it's profitable to continue the illusion. At the point where the illusion becomes too expensive to maintain, they will just take down the scenery, they will pull back the curtains, they will move the tables and chairs out of the way and you will see the brick wall at the back of the theater.” (Frank Zappa)

Berlin, Sonntagmorgen, sechs Uhr. Die Stadt ist so still und friedlich. Aber Mussolini sah vermutlich auch friedlich aus, wenn er geschlafen hat.

Wird das revolutionäre Mohnbrötchen besser schmecken als das imperialistische?

FAZ, Süddeutsche. Tageszeitungen ohne Kreuzworträtsel und Horoskop kann ich nicht ernst nehmen.

Ich habe gerade eine Sendung mit Musikvideos aus den siebziger Jahren gesehen. Die Männer waren lauter langhaarige Frauenversteher mit soften Liebesliedern. Ich war ja genauso. Und auf wen sind die Frauen damals geflogen? Auf die primitiven Machos mit einem Gehänge wie ein Shetland-Pony und einem Ford Mustang vor der Haustür. Das hat sich bis heute nicht geändert, egal, wen sie uns in den Medien als Parade-Emanzen präsentieren.

McKinsey warnt: Die Menschen verbringen ein Drittel ihres Lebens mit Schlaf. Das ist nicht effektiv. Zweimal eine Stunde Power-Napping pro Tag müssen genügen.

In Berlin lassen sich Globalisierungsgewinner und –verlierer wie im Brennglas beobachten. Samstags zur Sportschau bestelle ich mir Pizza und Bier. Es sind etwa achtzig Stufen bis zu meiner Wohnung. Ein Italiener in meinem Alter kommt mühsam die Treppe hinauf, bleibt keuchend vor mir stehen und braucht eine Weile, bis er überhaupt wieder bei Atem ist. Er beschwert sich über den fehlenden Fahrstuhl. Sorry, Altbau! Vorwurfsvoll gibt er mir meine Lieferung. Die Pizza mit Salsiccia und Auberginen schmeckt hervorragend, bei sechs 0,5er Bier für sieben Euro kann man auch nicht meckern. Aber kann ich den Mann guten Gewissens noch einmal behelligen? Am Sonntag bestelle ich beim Thailänder Ente mit gebratenen Nudeln. Ein drahtiger junger Asiate fliegt förmlich die Stufen hinauf, er nähert sich mit beängstigender Geschwindigkeit meiner Wohnungstür. Wer wird am Ende des Jahrhunderts den internationalen Konkurrenzkampf gewonnen haben?

Frauen bereiten ein Rendezvous stundenlang vor und sehen perfekt aus, wenn sie dreißig Minuten zu spät erscheinen. Ich habe mir früher vor einem Treffen noch nicht mal die Zähne geputzt. Habe ich genug Zigaretten? Steht der Hosenstall offen? Wer in den Achtzigern eine Flasche Old Spice im Badezimmer stehen hatte, galt als Intellektueller.

Roxy Music – Over You. https://www.youtube.com/watch?v=Lm84LZF66_w


                                                                 Professor Bonetti nach Einnahme von Adrenochrom.

Mittwoch, 23. September 2020

Mein Schatz

 

Zunächst haben wir uns nichts dabei gedacht, als die Firma Seyboldt in der ehemaligen Bäckerei ein Büro aufgemacht hat. Sie bot Tiefbohrungen bis tausend Meter an. Wer braucht schon eine Bohrung? Aber der alte Zink, der es als Zahnarzt zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte, ließ die Seyboldt-Leute tatsächlich in seinem Garten bohren. Wir hielten es zunächst für einen Witz. Aber sie hatten Gold gefunden. In fünfhundert Meter Tiefe. Zahngold, haben wir gesagt und gelacht.

Dann kam der Bauer Schultze. Warum nicht auf seinem Kartoffelacker bohren? Da hat uns ja fast der Schlag getroffen, als er uns am Tresen erzählt hat, bei der Bohrung sei man auf Kobolde gestoßen. Kobalt, haben wir gesagt. Mensch, Schultze, Kobalt! Du bist reich. Er wollte es erst gar nicht glauben. Aber dann hat er doch eine Runde Schnaps nach der anderen ausgegeben. Danach haben wir ihn nie wieder in der Dorfkneipe gesehen.

Dafür machten sich die Arbeiter von Seyboldt in unserer Kneipe breit. Sie waren laut und sie waren viele. Keiner verstand ihre Sprache, aber der Wirt machte den Umsatz seines Lebens. Zum ersten Mal in der Geschichte des Dorfes musste er eine Kellnerin einstellen. Er stellte weitere Tische und Stühle in den Nebenraum, wo früher der Kicker und ein Flipper gestanden hatten. Jeden Abend war die Hütte voll. Montag war kein Ruhetag mehr. Bald munkelte man, ein leerstehendes Haus am Dorfrand sei von Damen des horizontalen Gewerbes angemietet worden.

Als mein Nachbar Harald Steiner auf seinem Grundstück seltene Erden gefunden hat, bin ich aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Amerikanische und chinesische Investoren gaben sich die Klinke in die Hand. Harry musste sich einen Anwalt nehmen, um die Verhandlungen zu führen. Plötzlich war sein Fertighaus mit vierhundert Quadratmeter Grundstück zwanzig Millionen wert. Irgendwann war Harry verschwunden, er hat sich noch nicht mal verabschiedet. Lebt jetzt angeblich in Wiesbaden.

Das Dorf war nicht wiederzuerkennen. Filialen von Armani, Gucci, Saint Laurent, Bulgari und Rolex verwandelten die Hauptstraße in eine glitzernde Einkaufsmeile. Neonreklame von Sony und Coca-Cola erleuchtete das Dorf die ganze Nacht. Ganze Horden von Investmentberatern streiften tagsüber durch die Gassen. Man konnte sich gar nicht mehr aus dem Haus trauen. Irgendwie habe ich in dieser Zeit den Kontakt zu den anderen Einwohnern verloren. Entweder hatten sie die Gegend verlassen oder sie trafen sich im sündhaft teuren Gourmetrestaurant am Golfplatz, der an der Landstraße angelegt worden war.

Schließlich habe ich die Firma Seyboldt beauftragt. Warum sollte ich nicht auch mal mein Glück probieren? Hat mich eine Stange Geld gekostet. Fünftausend Euro. Plus Mehrwertsteuer. Natürlich haben sie bei mir nichts gefunden. War klar gewesen.

Geld im Schlaf anziehen. https://www.youtube.com/watch?v=DXNJxw7cvc4



Dienstag, 22. September 2020

Neues aus dem Lager der Anti-Verschwörungsverschwörer

 

„Publicviewer sagte am Montag, 21. September 2020 um 12:54: (…) Wichtig wäre mal zu bereden was wir nun machen!“

„horst sagte am Montag, 21. September 2020 um 13:46: @Publicviewer. Na, was wohl? Man müsste sich organisieren und Aufklärungsarbeit machen. Die nächsten Schritte sind ziemlich einfach. Einen guten inhaltlich belastbaren Flyer erstellen und den (notfalls in Nachtschichten) an die Haushalte verteilen. Nur, dazu müsste man erstmal Leute herbeibekommen. Für mich gilt in dem Zshg: Alleine werde ich das nicht mehr machen.“

Zwei Wutrentner schreiten mutig zur Tat. Ein Flyer, der an alle Haushalte verteilt wird. Das sind übrigens 41,5 Millionen in Deutschland. Oder ist eine weltweite Aufklärungskampagne mit kleinen Zetteln geplant? Man könnte noch einen Aushang am schwarzen Brett machen. Bloß nix mit „neuen Medien“.

Wir erleben hier den Anfang von etwas ganz Großem. Das System bricht endlich zusammen. Aufgepasst, Leute, jetzt kommt die Revolution! Notfalls in Nachtschichten.

P.S.: Später schreibt Horst noch „Ich will den Adolf wieder haben!!“ Und Publicviewer ergänzt zum Thema Corona-Diktatur: „Sooo schlimm war im Verhältnis der Adolf gar nicht“. Das muss dieses berühmte Hufeisen sein. Links oder rechts – Hauptsache, Italien.

Ewige Quelle der Freude: Epikur.

Montag, 21. September 2020

Worte gegen Waffen

 

Wie viele Rechtsradikale gibt es in Deutschland? Wie tief ist die rechte Gesinnung in dieser Gesellschaft verankert? Welche Gefahr geht von Demokratiefeinden, Rassisten und Nationalchauvinisten aus? Diese Fragen stellen wir uns seit vielen Jahren immer wieder. Dazu gibt es genügend empirisches Material. Aber wie viel rechtes Potential haben Polizei und Bundeswehr? Darüber wissen wir nichts. Darüber wird auch nicht geforscht.

Wir dürfen annehmen, dass es überdurchschnittlich viele Rechte zu den Waffen und zu den autoritär geprägten Organisationen zieht, in denen Befehl und Gehorsam unhinterfragte Werte darstellen. Ich kann mir keinen Polizeibeamten vorstellen, der zugleich in der Antifa aktiv ist. Linke und Linksradikale finden sich vielleicht im Bildungssektor oder den Medien, aber sicher nicht im KSK.

Die Politik ist in einem Dilemma. Schließlich sind es Polizei und Bundeswehr, die als Prätorianergarde im Zweifelsfall zwischen ihnen und der Bevölkerung stehen. Verärgert man nicht die Sicherheitskräfte, wenn man ihre Gesinnung untersucht und die Ergebnisse vielleicht auch noch öffentlich macht? Hieße es nicht, dem zu Soldat und Polizist geronnenen Gewaltmonopol des eigenen Staates zu misstrauen? Obwohl doch alle Angehörigen des Apparats einen Schwur auf die Verfassung geleistet haben?

Also gibt es keine offiziellen Forschungsprojekte. Es gibt nur eine öffentliche Debatte, die hilflos wirkt, denn den Machtlosen bleibt immer nur das Wort, während die Mächtigen Fakten schaffen. Mit Racial Profiling, mit unterschiedlichen Einsatzstrategien bei linken und rechten Demos, mit internem Druck auf Menschen, die gegen den rechten, autoritären Korpsgeist der Truppe verstoßen. An diesem Punkt kann die Politik durch Austausch von Führungspersonal wenig bewirken, denn die Organisation prägt bekanntlich den Einzelnen und nicht umgekehrt.

Wir werden auch weiterhin mit Nazis, Rassisten, Sexisten und Gewalttätern in Polizei und Bundeswehr leben müssen. Die Gesellschaft hat keinerlei Einfluss auf diese Organisationen. Uns bleibt die Hoffnung, dass die militanten Gruppen, die aus dem Sicherheitsapparat heraus einen Staatsstreich vorbereiten, weiterhin so dilettantisch vorgehen. Die Riege der 17 Innenminister, Seehofer und seine 16 Amigos aus den Ländern, alles alte weiße Männer mit lupenreinem arischen Stammbaum, werden uns jedenfalls weiter mit dem Narrativ vom Einzelfall abspeisen.

Sonntag, 20. September 2020

Reiseimpressionen in pandämonischen Zeiten


Auf der Fahrt nach Berlin bin ich der einzige Corona-Rebell. Ich suche mir ein abgelegenes Plätzchen und trage die Maske unterm Kinn. Nur wenn sich die Schaffnerin nähert, ziehe ich sie pflichtgemäß über die Nase. Natürlich reißt der Gummi, aber ich habe ein Päckchen Ersatzmasken am Mann. Alle anderen Passagiere verbringen die vier Stunden im ICE pflichtschuldig mit Maske. Alle Achtung! Es meckert auch niemand über mich.

In der S-Bahn ab Berlin-Südkreuz sehe ich die erste Maskenverweigerin. Sicherheitshalber trägt sie ihr schwarzes Exemplar an der linken Schulter, um bei Kontrolletti-Befall gleich zugreifen zu können. Ein Mann isst ein Gebäckstück aus einer Tüte. Er reißt kleine Stücke ab und schiebt sie sich hastig unter die Maske. Neue Ernährungsformen entstehen in der Krise. Das erste, was ich im U-Bahnhof Bundesplatz sehe, ist eine Werbung für Urlaub in Rheinland-Pfalz. Und ich Idiot fahre in die Hauptstadt.

Bei meinem Dönermann trägt niemand eine Maske. Big Döner + zwei Beck’s – und ab geht’s auf die letzten Meter. Vor meinem Haus findet natürlich eine Demo statt. Dit ist Berlin. Die Kurden und der Jahrestag des Terroranschlags im Mykonos. Ich arbeite mich durch eine Phalanx von Polizisten zur Haustür. Ich bin versucht, den jungen Menschen in Uniform die Nacht vor 28 Jahren zu schildern, aber dann fällt mir siedend heiß ein, dass ich dem Kommissar, der am nächsten Morgen bei mir geklingelt hat, erzählt habe, ich hätte nichts gesehen.

P.S.: Die Corona-Bilanz der ersten 24 Stunden in Berlin: keine Maske im Späti, beim Bäcker, auch das Personal verzichtet; im Restaurant keine Maske und kein Kontrollzettel, aber der Kellner trägt Maske; im Supermarkt tragen alle bis auf einige Ausnahmen Masken, Leute ohne Masken werden nicht behelligt. In der Hauptstadt der „Diktatorin“ Merkel. Wohnt nicht auch der zum Wahnsinn konvertierte Unterhaltungskünstler Attila Hildmann in dieser Gegend und ist regelmäßig in der Berliner Innenstadt, um vor den satanistischen und stalinistischen Umtrieben der regierenden Junta zu warnen?

Wenn das bürgerliche Wilmersdorf schon so locker mit der Pandemie umgeht, möchte ich nicht wissen, was in SO 36 los ist. Gegen was haben die Querdenker hier eigentlich demonstriert? Wozu die ganzen Kiffermonologe über Liebe und Freiheit vor diesem turboradikalisierten Yogagesindel? Ich hoffe, ich erlebe noch einen echten Lockdown, wenn ich einmal im Jahr mein Hunsrückdorf verlasse. Um zehn Uhr abends schlägt ein durchgeknallter rechtsradikaler Polizeibeamter mit dem Gummiknüppel gegen meine Zellentür im dritten Stock und brüllt: „Licht aus, Bonetti! Nachtruhe bis sechs Uhr, dann eine halbe Stunde Hofgang mit Eisenmaske!“

Roxy Music – Same Old Scene. https://www.youtube.com/watch?v=z5YVh7FRp0o



Samstag, 19. September 2020

Monopolkapitalismus und die bajuwarischen Führologen


Im Berliner Tagesspiegel gab es vor dem Eröffnungsspiel einen klugen Artikel zum Thema Bundesliga. Karl Marx hat es schon immer gewusst: Der Kapitalismus zerstört sich am Ende selbst, weil er die Idee des Markts qua innerer Logik aushebelt. Jedes Kind, das einmal „Monopoly“ gespielt hat, kennt die Situation. Ein Kind – ich bin es nie gewesen – hat am Ende so viele Straßen und Mieteinnahmen, dass die anderen Kinder irgendwann aufgeben. Monopoly wird nie zu Ende gespielt, es wird von der Resignation der Verlierer beendet. Es ist ab einem gewissen Punkt einfach sinnlos. Aber die Erfinder haben klugerweise keine Revolution eingebaut. Lesen Sie die Spielanleitung noch einmal in Ruhe durch.

Nicht so die Fußballbundesliga der Herren. Das Triple-Monster Bayern vernichtet Schalke mit 8:0. „Und, sind Sie auch schon so aufgeregt? Übertragen vom ZDF, geht es an diesem Freitagabend in der Bundesliga endlich wieder bei Null los. Die Frage ist nur, ob es ein 4:0, ein 5:0 oder gar ein 10:0 sein wird“, schreibt Hannes Soltau weitsichtig vor dem Spiel und bringt den guten alten Marx ins Spiel: „Mit dem Übergang zum Monopolkapitalismus und der zunehmenden Kapitalkonzentration produziere der Wettbewerbscharakter der bürgerlichen Gesellschaft letztlich seine eigenen Totengräber. Es ist die Irrationalität einer Gesellschaft, in der das Wettbewerbsprinzip angepriesen wird, aber die Marktmacht einzelner Akteure dies ad absurdum führen. Apple, Google, Amazon oder Facebook lassen grüßen.“

https://www.tagesspiegel.de/kultur/weil-geld-tore-schiesst-karl-marx-hat-den-niedergang-der-fussball-bundesliga-vorhergesehen/26196356.html



Donnerstag, 17. September 2020

Bonetti fährt in die Stadt




Heute fahre ich nach Berlin. Erster Klasse, im Smoking und am Bahnsteig spielt das Wichtelbacher Symphonieorchester „Downtown Train“ in D-Moll. Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleibe. Vielleicht melde ich mich von dort, vielleicht mache ich auch mal eine Pause. Es ist schön, keine Pläne zu haben.

Es erwarten mich die erste Currywurst des Jahres, das erste Tandoori-Gericht, der erste Döner Kebap, die ersten Pelmeni und die ersten Dim Sum. Die erste U-Bahn-Fahrt des Jahres, der erste Blick auf die Gedächtniskirche. Der Lärm, die vielen Menschen, die Ungeduld. Bin ich noch Berliner oder längst ein Hunsrücker Rübenbauer?

Ob mein Notebook nach fast einem Jahr Abwesenheit noch funktioniert? Ob ich ins Internet komme? Wie fremd wird mir die Stadt, wie fremd wird mir meine Wohnung vorkommen, die seit 28 Jahren mein offizieller Wohnsitz ist? Ich habe tatsächlich seit einigen Tagen immer wieder ein Kribbeln im Bauch, als stünden mir Abenteuer an unbekannten Gestaden bevor.

 

Heimat

Wennsd niad

fuaddgäisd

halzdas

dahoim

niad lang as

(Eugen Oker)

 

Daft Punk - Random Access Memories. https://www.youtube.com/watch?v=itPtz6Bar_8





 

Mittwoch, 16. September 2020

Das Nicht-Sein des Nicht-Seienden – Hermeneutische Ontologie am Limit

 

Blogstuff 494

„Perpetuum mobile der Wut - Je öfter sie keine Masken tragen, desto länger wird man von Ihnen verlangen Masken zu tragen.“ (Ingmar Stadelmann)

Die Grünen sind wie McDonalds. Die Bulettenmafia hat ja aus Imagegründen von Rot auf Grün gewechselt, was die Hintergrundfarbe für das gelbe M angeht. Kapitalismus hat jetzt die Farbe Grün im Logo. Trink Hafermilch beim Aktienkauf und mach dein Kreuz beim Pferdeflüsterer Habeck. So lässig kann Ausbeutung sein, mit Jeans und Dreitagebart.

Und die Sozialdemokratie? Stirbt so langsam, dass es kaum auffällt. So wie Nescafé oder Nierenschaschlik. Zeitlupe. Schulterzucken. Kevin Kühnert ist ein Solokünstler. Wie ein Hilfsrapper aus Hannover.

Auf der Venus hat man Monophosphan gefunden, das auch im Kot von Pinguinen vorkommt. Wie kommen die Pinguine auf die Venus? Können sie womöglich doch fliegen? Sollten wir die nächste Weltraummission zur Venus starten und nicht zum Mars? OMG. Ist das alles aufregend.

Der Fall der Mauer war nur für die Ostdeutschen eine Zäsur. Die Westdeutschen durften auch vorher jeden Tag auf die andere Seite der Mauer. Wenn wir Lust hatten, uns die andere Hälfte Deutschlands anzuschauen, haben wir es einfach gemacht. Deswegen wird die Deutsche Einheit auch im Osten bis heute höher eingeschätzt als im Westen. Im Westen gab es auch keine Treuhand oder eine Stasi-Debatte.

Ich habe Tattoos, die sind größer als Peter Maffay.

Wenn die Kritik an einer Stoffmaske bei turboradikalisierten Globulifressern zur Fundamentalkritik mutiert - da war ich vor vierzig Jahren an der Startbahn West schon weiter.

Das Internet ist ungerecht. Die Milliarden Menschen, die gerade leben, sind mit ihren ganzen Banalitäten im Netz vertreten, die Milliarden, die vor uns gelebt haben, finden wir nicht – bis auf ein paar Promis.

Romantik: Ich schreibe mit Edding „Arschloch“ auf eine leere Plastiktüte, werfe sie in den Rhein und hoffe, dass sie es bis in den Stillen Ozean schafft.

Was findet die Spurensicherung in Ihrer Wohnung, wenn dort ein Mord passiert? Was findet die Polizei, wenn alle Schubladen gründlich durchsucht werden?

Einfach mal mit dem Baseballschläger in den Blumenladen gehen. Lass es raus!

Machen die Frauen im globalen Kapitalismus den gleichen Profit wie die Männer? Nein. Aber mit gegenderter Sprache und Gleichstellungsbeauftragten lassen sie sich abspeisen. Die Nebenkriegsschauplätze als Häkelkreis des 21. Jahrhunderts.

Pixies - Here Comes Your Man. https://www.youtube.com/watch?v=tPgf_btTFlc


                                                                                 Warschau 1946.

Dienstag, 15. September 2020

Bilderwelten, Weltbilder 43

Wie immer: Durchklicken.












 

Zäsuren und Cäsaren

 

Blogstuff 493

„Dichten heißt, im Scheitern das Sein erfahren.“ (Joseph Conrad)

Je stärker wir uns voneinander abkoppeln, desto dünnhäutiger werden wir. Die Kommunikation wird brüchiger, je seltener wir ein offenes Gespräch wagen.

Nicht Empörung, sondern Gleichgültigkeit ist die Hauptursache des Siechtums der BILD. Junge Menschen haben Besseres zu tun, um es mit Drosten zu sagen. Wir kaufen die BILD aus Überzeugung nicht, die Generation Smartphone kennt den Namen schon gar nicht mehr. Gleiches gilt für anderen Schwachsinn der verblichenen Bonner Republik wie die BRAVO.

Nichts ist älter als der Futurismus.

Meine Jugend verbrachte ich mit Heroinabhängigen, Selbstmördern und Knastbrüdern. Dann zog ich nach Berlin und verbrachte die Zeit mit Hausbesetzern, Künstlern, Drag Queens und Drogenhändlern. Aber ich höre immer wieder gerne die Geschichten von lederhäutigen Zahnarztgattinnen und glatzköpfigen Insolvenzberatern über ihre aufregende Jugend.

Sie berichtete lächelnd von ihren zahllosen Operationen, als wäre sie im Krieg gewesen und müsste nun von gewonnen Schlachten berichten. Ein gut geölter Monolog. Als ich ihr zum Abschied die Hand gebe, erschrecke ich. Sie ist so kalt wie die Hand eines Toten.

Manche Innenstadt wird sich in den nächsten Jahren zu einem Slum entwickeln. Geschäfte und Restaurants verschwinden, Homeoffice leert die Bürotürme und die Unterschicht zieht in die verödeten Straßen, in die sich nach Einbruch der Dunkelheit kein Fremder mehr trauen wird. Erst haben die Reichen den öffentlichen Raum verlassen und sich in Gated Communities und auf Privatgrundstücke zurückgezogen. Jetzt folgt die Mittelschicht. Verwahrloste Stadtzentren, Isolation in den Vororten. Corona ist nur ein Brandbeschleuniger dieser langfristigen Entwicklung. Andere Städte werden wiederum immer attraktiver. In Berlin, Paris oder London gibt es in den Innenstädten eine wachsende Nachfrage nach Wohnraum. Städte wie Kaiserslautern oder Offenbach sterben lautlos von innen.

Bist du wirklich der Mensch geworden, der du damals werden wolltest?

Früher machte man Turnübungen. Das klang irgendwann nicht mehr fein genug, also nannte man es Gymnastik. Das kommt vermutlich aus dem Altgriechischen und klingt irgendwie nach Gymnasium. Heute benutzt man den Ausdruck Yoga. Fernöstliches Denken liegt im Trend, also haben die Turnübungen einen neuen Namen bekommen.

Als Embryo lebte ich in einer Fruchtwasserblase, als Erwachsener lebe ich in einem vollen Weinfass.

Ich fordere einen Paradigmenwechsel. Das hat schon lange keiner mehr gemacht.

Babylon Zoo – Spaceman. https://www.youtube.com/watch?v=XCbAEkfXSDE

 


                                                                   Land der Dichter und Denker.

Montag, 14. September 2020

Bilderwelten, Weltbilder 42

 











Das vorläufige Ende des Provisoriums


Blogstuff 492

„Als Zenon, der Begründer der Stoa, so heißt es, einen seiner Begleiter zaghaft über eine Pfütze schreiten sah, sprach er: ‚Er hat recht, gegen den Kot misstrauisch zu sein, in dem er sich nicht spiegeln kann.‘ Inzwischen ist aus der Selbstbespiegelung in der Scheiße ein Markt geworden.“ (Roger Willemsen: Der Knacks)

Olaf Scholz im Untersuchungsausschuss: „Als bodenständiger Sozialdemokrat fuhr ich mit dem Bus zu diesem Termin mit Herrn Warburg. Von der Bushaltestelle bis zur Villa lief ich einen Kilometer durch den strömenden Regen, aber ich wollte dem Steuerzahler die Taxikosten ersparen. In der Villa des Bankchefs kam ich völlig durchnässt an. Der Butler brachte mir eine heiße Tasse Tee. Da müssen wohl K.o.-Tropfen drin gewesen sein, denn danach kann ich mich an nichts erinnern. Vielleicht habe ich was unterschrieben. Keine Ahnung. Jedenfalls war die Cum-Ex-Kohle danach weg.“

Gemischte Gefühle. Klingt wie gemischt Vorspeisen.

Einem Bundestagsabgeordneten der Linken ist die Lebenswelt seiner türkischen Putzfrau fremder als dem Fabrikbesitzer im 19. Jahrhundert die Lebenswelt seines Kammerdieners.

Einfach mal volle Kanne mit dem kleinen Zeh gegen die Tür semmeln, um sich selbst zu spüren.

Warum gibt es noch keine Schraubenzieherin? Wann kann ich endlich eine Flaschenöffnerin kaufen?

Bonetti, ein Renaissance-Geist in einem Barock-Körper.

Im Nachhinein betrachte ich es als Glücksfall, dass mein Humankapital nicht verwertbar gewesen ist. Ich werde im Wortsinn nicht gebraucht und finde genügend Zeit zum Schreiben.

In der Oberpfalz gibt es ein Vier-Sterne-Hotel namens „Wutzschleife“ inklusive Gourmetrestaurant (5-Gänge-Menü für 148€) und Ayurveda-Gedöns. Offensichtlich ist man sich hier über Jahrhunderte treu geblieben. Einige Kilometer weiter in Oberviechtach ist man den umgekehrten Weg gegangen. Dort gibt es einen Burger-Schuppen namens Hollyfood.

Ein frustrierter Taxifahrer möchte Selbstmord begehen und beschließt, gegen einen Autobahnpfeiler zu rasen. Aber einen Fahrgast möchte er noch einsteigen lassen. Wer begleitet ihn auf seiner letzten Reise?

In Restaurants, die sprachlich auf der Höhe der Zeit sind, heißt es übrigens nicht mehr Jägerschnitzel, sondern „Schnitzel Försterin Art“. Das ist lobenswert.

Voller Mitgefühl betrachten wir die sterbende Welt im Fernsehen und im Internet. Wir sind die Engel der Vernichtung.

Jeff Beck & Beth Hart - Purple Rain. https://www.youtube.com/watch?v=VZJNbVRmI80

 

 

Sonntag, 13. September 2020

Fragen an Kleinbloggersdorf

 

Wer in Kleinbloggersdorf ist nicht erklärter Gegner des aktuellen Wirtschaftssystems und des Parteienstaats, der unseren Staat gekapert hat?

Wer von uns bekämpft nicht mit seinen Worten und an guten Tagen sogar mit seinen Taten die herrschenden Verhältnisse, die unsere Lebensgrundlage unwiederbringlich zerstören?

Warum lassen wir uns bei einer nebensächlichen Frage um das Pro und Contra einer Schutzmaske und anderer Beschränkungen des Alltags (no more Oktoberfest & Weihnachtsmarkt) in zwei verfeindete Gruppen spalten?

Wie blöd sind wir eigentlich?


Bilderwelten, Weltbilder 41

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