Freitag, 9. Januar 2026

Ein verhängnisvolles Gespräch

 

Ich saß wie jeden Tag, wenn es nicht gerade regnete, schneite oder stürmte, auf meiner Lieblingsparkbank und betrachtete den kleinen Weiher, auf dem die Enten, in sicherer Erwartung von Rentnerbrot, kreuzten wie Segelboote. Manchmal saß ich allein, manchmal saß jemand schweigend neben mir, manchmal kam man mit Fremden ins Gespräch.

An diesem Tag setzte sich eine alte Dame zu mir, deren Hut, von künstlichem Obst gekrönt, eines Auftritts im Café Kranzler würdig gewesen wäre, zu mir und begann zu häkeln. Ich holte nach einer Weile ein altes gelbes Reclam-Heft hervor und begann zu lesen.

„Was lesen Sie da?“ fragte sich mich.

„King Lear“, antwortete ich.

„Shakespeare“, sagte sie mit einem Lächeln. „Sie sind ein gebildeter junger Mann.“

„Ich ziehe die Lektüre der Zeitverschwendung mit dem Handy vor.“

„Es geht mir genauso. Ich habe keine Familie, keine Kinder oder Enkel. Die Bücher geben uns so viel und sie verlangen nichts. Ruhig, geduldig und bescheiden warten sie in meiner Bibliothek auf mich.“

„Sie haben eine Bibliothek?“

„Ja“, sagte sie und häkelte weiter. „In unserer Villa am Halensee haben wir tausende Bücher.“

„Ihre Erben dürfen sich glücklich schätzen.“

„Es gibt keine“. Ihre Stimme klang traurig.

Wir schwiegen eine Weile.

„Ich habe nicht mehr lange zu leben und ich möchte nicht, dass mein Besitz an den Staat fällt. Kommen Sie doch morgen zu Notar Berthold, wenn Sie möchten.“

Sie gab mir seine Adresse und ging fort.

Damals hatte ich Geldprobleme, eine vornehme Umschreibung für totale Ebbe in der Kasse. Ich ging zum Notar. Ich wurde von der Sekretärin sofort in sein Arbeitszimmer geschickt, es war nicht sonderlich groß und durch das Fenster sah man nur einen düsteren Hinterhof.

„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagte er. „Gräfin von Storz hat Sie mir angekündigt.“

Dann erzählte er mir vom umfangreichen Erbe, von Immobilien, Wertpapieren und Goldschmuck. Ich konnte es gar nicht fassen. Gab es solche Wunder wirklich? Ich unterschrieb ein Formular, in dem ich bestätigte, nach dem Ableben der Gräfin ihr Erbe anzutreten.

Bereits zwei Tage später hatte ich die Rechnung des Notars in meinem Briefkasten. Zweitausend Euro. Gut angelegtes Geld, wie ich fand – auch wenn ich danach knietief im Dispo stand.

Ich hörte nie wieder was von der alten Dame und dem Notar. Wie viele Menschen sind bis heute auf den Rentner-Trick reingefallen?

 

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