Mittwoch, 28. Januar 2026

Der Holginator

 

Superman hat sich immer in einer Telefonzelle umgezogen. Das hat er nie verstanden. In einer Telefonzelle sieht einen doch jeder. Aber es gibt ja sowieso keine Telefonzellen mehr. Holgi macht es wie jeder andere große Held. Er geht in die Herrenumkleidekabine von C&A.

Dann kommt er heraus. Das Haar zu einem stahlharten Dutt gebunden, in seinem blau-weiß-gestreiften Shirt mit einem großen roten H darauf, schwarzer Umhang, entschlossener Blick, Umhängetasche aus Jute, Oberarme wie Birkenzweige: DER HOLGINATOR.

Alle Verkaufsgespräche verstummen schlagartig, alte Frauen lassen ihre Handtaschen fallen, die ersten Akkorde von „Eye of the tiger“ kommen aus den Lautsprechern. Er ist da. Berlins Superheld ist wieder im Einsatz.

Was ist passiert?

Vor zwei Stunden wurde das Fernwärmesystem der Stadt lahmgelegt. Darunter auch das Regierungsviertel. Schlagartig wird es in hunderttausenden Haushalten eiskalt. Kanzler Merz sitzt im Zobelmantel und mit Fellmütze im Kanzleramt und bläst vor Wut weiße Wölkchen in die Luft.

Ein Bekennerschreiben wird auf indymedia veröffentlicht. Eine Terrorgruppe namens ICE behauptet, sie sei für den feigen Anschlag verantwortlich. Sofort wird der Fernverkehr auf allen Berliner Bahnhöfen eingestellt und die Polizei umstellt die Verwaltungszentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz.

Wo ist der Bürgermeister? Schwerer Nebel liegt über der Villa Wegner, kurz VW genannt. Berlins Spitzenpolitiker der Herzen managt die Katastrophe gewohnt routiniert vom Homeoffice aus. Kein Grund, bei diesem Sauwetter das Haus zu verlassen. Außerdem ist Wochenende, ich sage nur Work-Life-Balance. In seinem Büro brummt der Heizlüfter. Seine beiden Hunde Fiffi und Lumpi liegen zu seinen Füßen und sehen ihm bei der Arbeit zu. Er bestellt, nach Rücksprache mit seinem Parteifreund Spahn, zehn Millionen Wolldecken bei Amazon. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Dann geht er Tennis spielen, verstaucht sich bei einem Rückhand-Slice den Knöchel und muss ins Krankenhaus.

Jetzt kommt die Stunde des Holginators. Er weiß natürlich, dass Trumps Privatmiliz hinter dem Anschlag steckt. Erst hat er seine innenpolitischen Feinde terrorisiert, jetzt kommen die außenpolitischen Feinde an die Reihe. Wo sind die ICE-Schurken jetzt? Er fährt mit der U-Bahn zum Pariser Platz und betritt die amerikanische Botschaft. Da sitzen sie und spielen Poker, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Der Holginator holt einen Batzen selbstgemachten Tofu aus seiner Umhängetasche und stopft sie dem verblüfften Anführer in den Mund. Dann presst er ihm die Lippen zusammen und hält ihm die Nase zu. Winselnd vor Reue gibt der Attentäter auf, nachdem er alles geschluckt hat.

Zwei Stunden später haben die Trump-Terroristen das Fernwärmenetz wieder repariert. Der Holginator sagt ihnen, sie dürften Berlin nie wieder betreten. Für mindestens drei Monate.



Holgis Freunde

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen