Es ist der neueste Trend in der
Berliner Sterne-Gastronomie und Tim Raue hat es als Erster umgesetzt: „Trash
Adventure“. Die Berliner High Society liebt es, man muss vier Wochen auf einen
Tisch warten. Das „Renate“ liegt in einem Hinterhof der Turmstraße in Moabit,
in den sich nach Einbruch der Dunkelheit nur hartgesottene Berufsverbrecher und
lebensmüde Fentanyl-Junkies trauen würden.
Ich betrete das Restaurant mit
einer Gefühlsmischung aus Angst, Neugier und Wagemut. Der Lärm einer
italienischen Fußballübertragung im Fernseher in der Ecke empfängt mich. Ich
sehe mich im Raum um und sehe an verschiedenen Tischen einen
Grimme-Preisträger, einen ehemaligen Hertha-Profi und den bayrischen Ministerpräsidenten
in seiner üblichen Eingeborenenjacke.
Der Oberkellner sieht mich und
ruft einem jungen Mann in kurzen Hosen und Metallica-Shirt zu: „Luigi, isse
neue Gaste anne die Türe.“
Der Kellner kommt und deutet auf
den Tisch neben dem Eingang, der sich als Alptraum erweist. Jedes Mal, wenn an
diesem Abend die Tür geöffnet wird, trifft mich ein Schwall eiskalter Luft.
Zehn Minuten später kommt Luigi
mit einem Blechbesteck und einer Rolle Küchenpapier zurück, die er auf den
Tisch stellt. Servietten scheint es keine zu geben. Er wirft eine laminierte
Speisekarte auf die rot-weiß-karierte Plastiktischdecke und geht wieder.
Als er wiederkommt, frage ich
nach der Weinkarte.
„Habe
Vino di casa bianco und rosso. Wasse du wolle
habe?”
„Dann nehme ich den Weißwein. Um
welche Rebsorte handelt es sich?“
„Stehte nicht aufe die Packung.“
Zehn Minuten später kommt er mit
einem Ikea-Wasserglas und einem Tetrapak Wein zurück. „Wolle riesche anne die
Schraubverschluss?“
„Nein, danke. Ich habe mir die Abendkarte
angeschaut. Schön, dass auch Bilder neben den Speisen sind. Was ist denn die
Spezialität des Hauses?“
„Isse alles sehr speziell.“
„Und was empfiehlt der
Küchenchef?“
„Nix. Der gehe woanders esse.“
„Dann nehme ich die Tagliatellis
Renate. Wird das nicht ‚Tagliatelle‘ geschrieben?“
„Biste due die Italiener oder
isch?“
Er öffnet die Schwingtür zur
Küche und ruft: „Einmal Pasta mit alles füre die dicke Mann anne die Türe.“
Dreißig Minuten später stellt er
mir ein Körbchen mit einer durchgeschnittenen Scheibe Aldi-Graubrot und einen
Teller Nudeln auf den Tisch. Es schmeckt wie zuhause – wenn ich ein
Fertiggericht in der Mikrowelle aufwärme.
Zum Nachtisch esse ich noch ein
Orangeneis am Stiel. Ich finde, 120 Euro sind für diesen schönen Abend nicht zu
viel verlangt.
Der bayrische MP in der " üblichen Eingeborenjacke "! Boah, dat musse ich mich merke, verstähste? Vor einigen Tagen habe ich in den HN bei der " tagesschau " einen Bericht zu den aktuellen Lohnstreiks im ÖD oder so gesehen. Da forderte eine der tätowierten 100 Kilo - Kampfgewichtigen " Fehrer Lohn für gute Arbeit! " Na, bitte, der Bildungsnotstand schlägt nicht nur bei den Pasta - Macher längst voll durch. Schönen Fußballabend noch!
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