Dienstag, 11. April 2023

Die Entscheidung

 

Woher wissen wir, ob eine Entscheidung richtig war? Normalerweise erkennen wir es am Resultat. Ich kaufe mir ein Buch, das mich schon nach wenigen Seiten langweilt. Fehler. Aber manchmal ist es schwieriger, denn für ein endgültiges Urteil fehlen uns viele Informationen. Wir sehen nur einen Ausschnitt. Ein Beispiel:

Ich möchte über Ostern nach Zypern fliegen. Es gibt zwei Möglichkeiten, um zum Flughafen zu kommen. Ich steige in Wichtelbach in den Bus, fahre nach Bad Kreuznach und nehme dort den Zug nach Frankfurt. Oder ich fahre mit dem Wagen und brauche, bei fließendem Verkehr, nicht ganz so lange, habe aber wegen des Langzeitparkens am Flughafen höhere Kosten.

Ich nehme also den Wagen, weil es bequemer ist. Aber es ist Osterreiseverkehr. Als ich vor der Abfahrt den Verkehrsfunk gecheckt habe, war von Stau keine Rede. Aber jetzt hänge ich zehn Kilometer vor dem Flughafen fest. Ein schwerer Unfall oder ein Haufen klebriger Klimakämpfer. Ich verpasse den Flug. Wäre ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen, wäre ich jetzt auf dem Weg in den sonnigen Süden.

Ich nehme also den Zug. Der Nahverkehr ist im Gegensatz zum Fernverkehr meistens pünktlich. Aber vor Mainz bleiben wir wegen eines technischen Defekts liegen. Es dauert über eine Stunde, bis wir am Bahnhof sind. Von dort nehme ich die S-Bahn zum Flughafen, wo ich um Haaresbreite den Flug verpasse. Hätte ich doch nur den Wagen genommen.

Als ich zuhause die Entscheidung getroffen habe, konnte ich vom Stau und von der Zugverspätung nichts wissen. Es gab in beiden Fällen die Möglichkeit, den Flieger zu erreichen. Wenn ich im Flugzeug sitze, habe ich alles richtig gemacht. Dazu gehört auch etwas Glück, denn man hat nie alle Informationen. Man glaubt häufig, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat. Aber niemand kennt die Alternativen.

Neulich habe ich in einem Schuhkarton mit bunt zusammengewürfeltem Geschreibsel, Zeichnungen, Eintrittskarten, Ansichtskarten und anderem Krimskrams gestöbert. Da fiel mir ein Briefentwurf in die Hände. Ein Liebesbrief an eine Kommilitonin an der Mainzer Uni, den ich nie abgeschickt habe. Anhand der Handschrift kann ich erkennen, dass ich angetrunken war. Ich kann mich noch an Daniela erinnern. Klein, schlank, mit einer dunklen ruhigen Stimme, blonde Haare, dunkelbraune Augen, schönes Gesicht. Was wäre passiert, wenn ich ihr den Brief geschickt hätte? Vielleicht wären wir sogar ein Paar geworden und ich hätte nicht im folgenden Jahr die Uni in Richtung Heidelberg verlassen?

1999 hatte ich ein Bewerbungsgespräch bei Spiegel Online. Was wäre passiert, wenn ich den Job bekommen und mich für Hamburg entschieden hätte? Ich hätte nie als Kiezschreiber gearbeitet und es gäbe dieses Blog nicht. Würde ich dann jetzt im Hunsrück leben?

Wo wäre ich heute, wenn in Berlin nicht die Mauer geöffnet worden wäre? Hätte ich mich trotzdem für einen Umzug nach Kreuzberg entschieden? Würde ich, wie der Rest der Familie, heute bei Boehringer Ingelheim arbeiten? Säße ich heute noch am Samstagabend mit denselben Leuten in der Kneipe wie in den Achtzigern, die fast alle noch in Ingelheim leben?

2003 wollte ich zusammen mit einem FAZ-Wirtschaftsredakteur ein Buch über den demographischen Wandel in Deutschland schreiben. Es war in diesem Sommer so heiß, dass wir es verschoben haben. Es wurde nie geschrieben. Ein Jahr später begann ich mit der Arbeit an meinem ersten Kriminalroman. War es die richtige Entscheidung? Wäre ich heute vielleicht ein neoliberaler Hardliner wie jener Redakteur, der ernsthaft die Abschaffung des Kindergelds gefordert hat, weil Familie schließlich Privatsache sei? Würde ich heute in Talkshows Steuersenkungen für Unternehmen fordern und im Maßanzug in der Business-Class auf dem Weg nach Nikosia sitzen?  

Keine Ahnung. Man steht an der Weggabelung und weiß immer zu wenig über die Möglichkeiten, die man hat. Ihre Vor- und Nachteile, die vielen Konsequenzen und Nebenfolgen. Man entscheidet sich und hofft, dass es richtig war, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Es soll Menschen geben, die im Alter behaupten, stets die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie haben das Was-wäre-wenn-Spiel nie kennengelernt.

Montag, 10. April 2023

Manifest zum offenen Brief von Andy Bonetti – oder umgekehrt?


Blogstuff 784

„War es denn möglich, das Schicksal der westlichen Staaten den Arabern anzuvertrauen? Offensichtlich. War es erlaubt, in den Tag hinein Energie zu verbrauchen? Sicher, solange der Vorrat reicht. (…) Wer zweifelt noch, dass irgendein Umweltmangel, etwa der an Wasser, uns eines baldigen Tages so ratlos finden wird wie jetzt das Fehlen benötigter Energien?“ (Rudolf Augstein angesichts der Ölkrise im SPIEGEL 47/1973)

Die Ölkrise von damals erinnert mich an die Klimakrise von heute. Die Appelle zur freiwilligen Selbstbeschränkung vom damaligen FDP-Wirtschaftsminister Friderichs verhallten ungehört, dann kamen vier autofreie Sonntage und ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen.

IKEA 1970. „Der kleine Andy sucht seine Eltern. Holen Sie ihn bitte im Bällebad ab.“ Aber sie kamen nie. Das war Absicht. Ich bin im Waisenhaus aufgewachsen. Köttbullar bringen mich immer noch zum Weinen.

Wen sollte man bei einer offiziellen Ansprache zuerst begrüßen? Den Papst, den Bundespräsidenten oder Andy Bonetti? Aufmerksame Leser dieses Blogs kennen die Antwort.

Für den Wechsel von Günter Netzer von Gladbach zu Real Madrid wurde 1973 die unfassbare Summe von 800.000 DM bezahlt. Netzer verdiente in Spanien pro Jahr 275.000 Mark. Von ihm stammt auch der schöne Satz: „Am Samstag stehen elf Geschäftsleute auf dem Platz, von denen jeder seine eigenen Interessen vertritt.“

Im selben Jahr gab es die erste Trikotwerbung in der Bundesliga. Eintracht Braunschweig warb für Jägermeister.

Als Manfred Burgsmüller 1969 als Bundesligaspieler bei Rot-Weiß-Essen anfing, bekam er 400 Mark im Monat. Heute verdient man in der dritten Liga im Schnitt 10.000 Euro pro Monat.

Hätten Sie’s gewusst? Chaplin und Hitler sind gleich alt. Chaplin kam am 16.4.1889 zur Welt, Hitler vier Tage später.

Die Geschichte vom Werwolf ist eine Metapher. In Wirklichkeit geht es um unsere Verwandlung in der Pubertät. Plötzlich sind wir überall behaart und fangen an zu stinken. Aus der harmlosen Gier nach Spielzeug und Schokolade wird die unkeusche Gier nach anderen Körpern. Unbekannte Flüssigkeiten – Sperma und Blut – schießen aus unseren Leibern.

Als Kennedy starb, stand Amerika unter Schock. Als Lady Di starb, war Großbritannien wie von Trauer betäubt. Was passiert in Deutschland, wenn Olaf Scholz tot ist?

Wenn Inge Meysel noch leben würde, hätte sie bestimmt auch einen Podcast.

 

Sonntag, 9. April 2023

Prisenordnung

 

Für die Bundesmarine gilt nach wie vor die Prisenordnung vom 28.8.1939. Sie wurde nach Gründung der Bundesrepublik ins Bundesgesetzblatt übernommen. Nach dieser Prisenordnung darf jedes deutsche Kriegsschiff alle Seefahrzeuge feindlicher und neutraler Staaten anhalten und ihre Ladung überprüfen. Dies gilt nicht für Kriegsschiffe. Befugt ist nur der Kommandant, es gilt auf hoher See und den Hoheitsgewässern des Reichs (durchstreichen) der Bundesrepublik. Die feindliche oder neutrale Eigenschaft eines Seefahrzeugs wird durch die Flagge bestimmt, bei False Flag ist die Staatsangehörigkeit des Eigentümers und bei Staatenlosigkeit des Eigentümers sein Wohnsitz maßgebend. Das Schiff selbst und seine Ladung dürfen beschlagnahmt werden, wenn es sich um ein feindliches Schiff handelt, gegebenenfalls darf das Schiff versenkt werden.

Hier tun sich für unseren wackeren Verteidigungsminister Pistorius ganz neue Möglichkeiten auf. Warum erklären wir die ganzen arabischen Staaten nicht zu unseren Feinden und beschlagnahmen ihre Öltanker? Flüssiggas aus Norwegen oder anderen Ländern? Wir nehmen uns einfach, was wir brauchen. Frachtschiffe mit russischem Getreide? Können wir gut gebrauchen. Danke, Iwan! Australische Kohle, Bananen aus Mittelamerika, Konsumgüter aus China. Warum haben wir die ganze Zeit für das Zeug bezahlt? Wir haben doch die Prisenordnung. Damit würden wir uns auch endlich wieder Respekt verschaffen.

Prisenordnung – Wikipedia

 

Samstag, 8. April 2023

Wegner-Gruppe erobert Rathaus – Berlin vor dem Fall?

 

Blogstuff 783

„Tiefe und Dunkelheit strömten wohltuend in die Umgebung zurück, aber er hätte nicht zu sagen vermocht, ob das in Tönen oder Farben geschah, es war wie eine Tiefe aller Sinne.“ (Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften)

Zu Lebzeiten von Karl Marx ging es allen Arbeitern schlecht, sie teilten das gleiche Schicksal und bildeten daher eine „Klasse“. Heute gilt das nicht mehr. Es gibt Arbeitnehmer, denen es sehr gut geht. Andere – vor allem in der Dritten Welt – leben immer noch wie unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert. Es ist wie mit den Hunden. Jeder Hund ist seinem Herrn unterworfen, aber manche Hunde führen ein Leben, um das sie viele Menschen beneiden: kein Zwang zum Gelderwerb, keine Lohnarbeit, ein Lotterleben auf Kosten anderer. Andere Hunde leiden und führen buchstäblich ein Hundeleben. Sie können keine „Klasse“ bilden, weil ihnen nichts gemeinsam ist.

Hätten Sie’s gewusst? Die 26 teuersten Trikots im DFB-Fanshop sind alle Frauentrikots (158 €). Teuerstes Männertrikot: 112 €.

Warum heißt es eigentlich Schulklasse und nicht Rudelbildung?

Kaum ist die CDU in Berlin wieder an der Macht, will sie die Olympischen Spiele 1936, pardon: 2036 in die Stadt holen. Kannste dir nicht ausdenken. 2033 kommt die AfD an die Macht und Bernd Höcke eröffnet die Spiele im Berliner Olympiastadion.

Malte-Spekulatius Hirschfackel hat einen Bachelor in non-binärer Hermeneutik und findet trotzdem keinen Arbeitsplatz. Der angebliche Fachkräftemangel ist eine einzige Lüge!

Sagt ein Schönheitschirurg zu seinem Kollegen: „Mensch, Kalle, was machst du denn für ein Gesicht?“

Gibt es eigentlich einen Spieler, der häufiger verletzt ist als Lukas Hernandez vom FC Bayern? Von 128 möglichen Ligaspielen hat er 74 gemacht. Vorher war er fünf Jahre bei Atletico Madrid und hat nur 67 Spiele von 190 möglichen gemacht. Insgesamt also 141 von 318 Spielen, das sind 44 Prozent. Er ist mit 80 Millionen Euro der teuerste Transfer der Bundesligageschichte.

Ehrgeiz ist ein Fluch, er lässt dich nie zur Ruhe kommen, du bist nie zufrieden. Ohne Ehrgeiz hast du beim Aufwachen schon alle Ziele des Tages erreicht.

1891: Konrad Duden erfindet die Buchstabensuppe. Warum gibt es immer noch keine Zahlensuppe?

Die höchste Welle entstand nach dem Erbeben in der Lituya Bay (Alaska) 1958. Sie war 524 Meter hoch. Aber wenn ich im Freibad eine Arschbombe mache, wird es auch gefährlich.

Andy Bonetti hat die Hauptrolle in „Fake Ninja Turtles From Hell“ abgelehnt, da ihm der Film „zu kommerziell“ sei.

Freitag, 7. April 2023

Spider-Zombies from fucking Mars

 

Blogstuff 782

In fünfzig Jahren ist der letzte Gletscher in den Alpen abgetaut und zu Tal geflossen. Ich bin schon gespannt, was man alles finden wird. Ötzi hat man ja auch nur gefunden, weil das nicht ganz so ewige Eis ihn freigegeben hat. Vielleicht kommt das Bernsteinzimmer endlich wieder ans Tageslicht? Hitlers Tagebücher? Das letzte Einhorn?

Es ist traurig, wie wenig Ahnung die Klimabewegung von Politik hat. Man kann mit ein paar Leuten auf der Straße keinen Druck auf eine Regierung ausüben. Das hat noch nie funktioniert. Die einzelnen Aktionen der letzten Monate waren einfach nur peinlich bis lächerlich. Mit Kartoffelbrei auf Bilder werfen. Sich selbst irgendwo hinkleben wie ein Sticker aus einer Kaugummipackung. Ein längst aufgegebenes Dorf viel zu spät besetzen. Der Versuch, zwei Quadratkilometer Wald, den sie in ihrer Kindersprache „Hambi“ nennen (Bambi lässt grüßen – wie alt seit ihr?), durch Baumhäuser aus Totholz zu retten. Politik ist ein Aushandlungsprozess, wie die Wirtschaft, es geht um bargaining. Erst wird verhandelt, danach gehandelt. Für den Hambi kriege ich die zehnfache Fläche irgendwo anders, die ich aufforsten kann. Für Lützerath hundert Windräder. So läuft es, ob man es mag oder nicht.

Manchmal frage ich mich, ob die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ nicht etwas mit unserer christlichen Erziehung zu tun hat. Die Pfaffen haben uns eingeredet, es hätte mal ein Paradies gegeben und nach der Vertreibung von Adam und Eva aus demselben sei es eben abwärts gegangen. Wann war die gute alte Zeit in der Politik, als es keinen Lobbyismus, keine Korruption und keine Vetternwirtschaft gegeben hat? Wann war die gute alte Zeit in der Gesellschaft, als es keine Verbrechen und keine Gewalt gegeben hat? Wann war die gute alte Zeit in der Wirtschaft, als es noch keine Ausbeutung, keine Profitgier, keine Abzocke und keine Kundenverarsche gegeben hat?

Bonetti hat die Schnauze voll und hat eine Gewerkschaft für Millionäre gegründet. Wir sind nicht die Melkkuh der Nation! Runter mit der Erbschaftssteuer, keine Vermögenssteuer, keine Kapitalertragssteuer, keine Spekulationssteuer. Beim Autobahnausbau fordern wir eine eigene Fahrspur für Besserverdienende. Wer schafft denn die ganzen Arbeitsplätze? Wer zahlt den Löwenanteil der Steuern? Das renitente Fußvolk oder die innovative Elite?

Wahrscheinlich haben wir alle als Kind schon mal den Spruch gehört: „Aus dir wird sowieso nix“. Jetzt sind diese Leute tot und ich habe die klammheimliche Freude, dass sie recht gehabt haben und es mir trotzdem gut geht.

 Sie müssen eine Hausarbeit über die Geschichte des Hundesalons im Paris des 19. Jahrhunderts schreiben. Wann fangen Sie an? Am Tag vor der Abgabe. Kohleausstieg bis 2038. Okay. Reden wir 2037 drüber.

Heinz Pralinski ist der einzige Mensch in ganz Wichtelbach, der nicht weiß, wer der Dorftrottel ist.

Donnerstag, 6. April 2023

Die Straße der Erinnerung

 

Als Kind hatte ich bestimmt dreißig Autos. Ich lebte im Luxus. Dazu meine ganzen Armeen: die Deutschen aus dem Ersten Weltkrieg, die Fremdenlegion und die Amerikaner in klein, die Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg, die Russen, die Japaner und die Briten in groß. Dazu Kriegsschiffe, Panzer und Flugzeuge als Modelle. Bei mir war jeden Tag Krieg, ich fand’s toll und keinen hat’s gestört.

Meine Mutter rauchte damals Kim. Die gibt’s heute gar nicht mehr. Die Schachtel hat zwei Mark gekostet. Oft bekam ich von den Erwachsenen Geldmünzen geschenkt. Auf der Zwei-Mark-Münze war Adenauer abgebildet. Sie sagten, ich soll es in mein Sparschwein tun. Habe ich natürlich gemacht. Das Plastikschwein wurde nie voll. Jahre später habe ich gemerkt, dass meine Mutter immer das Geld für ihre Zigaretten aus meinem Sparschwein genommen hat.

Benzin war praktisch umsonst. Wir fuhren manchmal einfach stundenlang durch die Gegend. Damals waren die Windschutzscheibe und der Kühlergrill immer voller Insekten und Singvögel. Im Hochsommer hatte man auch die Scheibenwischer an, wenn es nicht geregnet hat. Aber es hat im Sommer oft geregnet. Nicht nur so’n bisschen. Manchmal regnete es den ganzen Tag.

Das Fernsehprogramm war lustig. In „Väter der Klamotte“ wurden Ausschnitte aus alten Stummfilmen gezeigt. Da haben sich die Leute immer gegenseitig in die Fresse gehauen, und es gab wilde Verfolgungsjagden. Leute wurden aus dem Fenster geschmissen oder fuhren ungebremst gegen eine Häuserwand. Das haben wir dann am nächsten Tag auf dem Schulhof oder auf einer Wiese nachgespielt.

Ich hatte jede Menge Freunde, und den Erwachsenen war es egal, was wir machten. Man musste nur zum Abendbrot wieder zuhause sein. Es gab eigentlich immer dasselbe. Wurstbrot. Käse mochte ich damals nicht, die stinkenden Fischkonserven verursachten bei mir Brechreiz. Vater trank Bier und rauchte anschließend seine Pfeife, Mutter räumte den Tisch ab und spülte das Geschirr.

Spielzeug gab es nur an Weihnachten und zum Geburtstag. Aber in der Zeit dazwischen gab man uns den Müll zum Spielen. Aus einer leeren Packung Erfrischungsstäbchen, drei Zahnstochern vom Käseigel und ein bisschen Zeitungspapier baute ich ein Schiff. Ich erinnere mich auch noch an Toast Hawaii. Der war damals groß in Mode. Das war die große weite Welt. Aber schön mit Dosenananas von Libby’s. Meine erste echte Ananas habe ich erst mit 23 gesehen.

Die Erwachsenen haben oft vom Krieg geredet. Eine Menge Leute waren „gefallen“. Als ich mal meine Mutter gefragt habe, warum sie nicht wieder aufgestanden sind, sah sie mich nur mit eisigem Schweigen an. Ihr Vater war in der Sowjetunion erschossen worden, als sie drei Jahre alt war. Mein lebender Opa war in Kriegsgefangenschaft. Bei Kriegsende wurde er, obwohl Grubenarbeiter in einem „kriegswichtigen Betrieb“, zum Volkssturm eingezogen. Er bekam nur eine Armbinde und eine Panzerfaust. Er hat die Waffe nie benutzt und wurde in einem Weinkeller am Rhein gefangen genommen.

Auf der anderen Straßenseite gab es einen Laden, da konnte man bei einem mürrischen alten Mann mit Zigarrenstummel im Mundwinkel Süßigkeiten ab zwei Pfennig kaufen. Comics, Buntstifte und Stofftiere. Spielfiguren: Cowboys, Indianer, Ritter und Soldaten. Keine Büroangestellten, keine Bauarbeiter, keine Krankenschwester. Gab es überhaupt weibliche Spielfiguren? Die Mädchen hatten ihre Puppen. Aber was haben sie sonst gemacht? Damals hat noch kein Mädchen Fußball gespielt oder ist auf einen Baum geklettert.

Im Nachbarhaus wurde mal das Zimmer eines Freundes neu gestrichen. Er hat alle Kinder aus der Nachbarschaft eingeladen und wir durften einen Nachmittag lang die Wände bemalen, bevor am nächsten Tag die Handwerker kamen. Das war ein Riesenspaß. Mit demselben Freund und seiner Mutter bin ich mal nach der Schule in einer „Ente“ nach Wiesbaden gefahren, wo wir in einem Möbelhaus waren, wo wir Schnitzel gegessen haben. Offenbar hatte ich zuhause nicht Bescheid gesagt, denn mein Vater suchte die ganze Stadt nach mir ab. In einem Sporthaus gab Fritz Walter gerade Autogramme. Er kam ohne mich nach Hause, aber mit einem Autogramm.

Einmal waren wir sogar in Spanien. Die Autofahrt mit dem Opel Kadett hat zwanzig Stunden gedauert. Wir hatten eine Ferienwohnung in Benidorm. Meine Mutter hat jeden Tag für uns gekocht. Wir hatten einen Sack Kartoffeln und eine ganze Palette Gulaschkonserven im Kofferraum. Der Strand war brechend voll. Eis am Stiel. Frauen oben ohne. BILD-Zeitung zwei Tage alt. Kam wohl auch mit einem Opel.

Alles war sagenhaft billig. Die lustigen Geldscheine. Pesetas. Für eine Mark hast du bestimmt tausend Peseten bekommen. Davon konntest du ein Brot und eine Flasche Wein kaufen. Erst viele Jahre später habe ich die Sympathie der Franco-Diktatur für die deutschen Urlauber begriffen. Alles in allem war es schön.   

P.S.: Ich sehe die ARD-Sportschau seit 1973, also seit fünfzig Jahren. In meiner Kindheit waren alle Bundesligaspiele samstags um halb vier, so wie Gott es gewollt hat.

 

Mittwoch, 5. April 2023

Was wurde eigentlich aus Erika Mustermann?

 

Blugstoff 781

„Der Reporter hat keine Tendenz, hat nicht zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern.“ (Egon Erwin Kisch)

Putin hat in seiner Doktorarbeit nachweislich abgeschrieben - ausgerechnet aus US-Quellen. Ich erwarte seinen sofortigen Rücktritt. Lustigerweise geht es in der Dissertation um den Einsatz von Öl- und Gasexporten zur Durchsetzung außenpolitischer Interessen. Der Mann hat seine Hausaufgaben gemacht, äh: machen lassen. Heute ist Russland eine Tankstelle, die bis an die Zähne bewaffnet ist.

Ich war neulich mit einer Aldi-Tüte bei Lidl. Fühlen Sie sich provoziert? Na und? Ich mache, was ich will!!

Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti hat den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie „Extrem unpassende Überschriften“ gewonnen.

„Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, in München ist es umgekehrt.“ Beim Oktoberfest haben sie immer noch die besten Sprüche auf Lager.

Warum gibt es keine Fernsehwerbung für den Typen mit der Maultrommel, der im U-Bahnhof Musik macht?

Mir geht das Gelaber von den aussterbenden „Naturvölkern“ auf den Zeiger, Mensch und Tier würde eine Gemeinschaft bilden. Wer liegt denn im Supermarkt im Regal? Ich oder das Schwein? Die Bienen sterben aus? Ich brauche keinen Honig, ich habe Nutella. Man kann gentechnisch Getreidesorten herstellen, die ohne Bestäubung auskommen.

Wie ich Chris Kurbjuhns hervorragend kuratierten „Splitterbrötchen“ entnehme, hat die Tagesschau den diskriminierenden Ausdruck „Mutter“ durch „entbindende Person“ ersetzt. Endlich überholt der ÖRR die Genderia. „Maximilian-Tacitus Dunstabzugshaube-Zugteilunginhamm, ich habe dir schon hundertmal gesagt, du sollst mich nicht Mutter nennen.“

Warum immer Schnitzel mit Pommes? Probieren Sie doch auch mal eine Dinkelschnitte in einer knusprigen Cornflakes-Quinoa-Panade an einem Dialog aus Avocado-Gröstl und püriertem Wasabi-Schnee.

Die Leute beschweren sich immer, sie würden jeden Tag das gleiche machen. Aber das haben unsere Vorfahren auch in der Steinzeit gemacht. Heute haben wir im Vergleich unglaublich viele Möglichkeiten. Die Erfindung des Computerspiels wäre vor fünftausend Jahren genauso eingeschlagen wie die Erfindung des Rads.

Ich habe zwölf Semester Fernbedienungsdesign in Düsseldorf studiert, jetzt bin ich Außenminister. In Interviews sage ich gerne: „Ich komme ja mehr aus dem Fernbedienungsdesign.“ Später möchte ich mal Bundeskanzler werden.