Samstag, 2. April 2022

Der eiserne Vorhang 2.0


Putin hat mit Russland einen totalitären Gegenentwurf zum liberalen, demokratischen Westen geschaffen. Toleranz gegenüber Homosexuellen und Transpersonen gilt als dekadent, in Putins Reich werden sie verfolgt. Opposition ist verboten, ihre prominentesten Vertreter werden entweder ermordet oder ins Gefängnis gesteckt. Schon das Zeigen eines leeren Plakats führt zur Verhaftung. Putin vergleicht Andersdenkende mit Insekten, die man ausspucken müsse. Dazu eine Orwellsche Zensur, die den Gebrauch des Wortes Krieg verbietet.

Die russische Diktatur sei den verweichlichten westlichen Staaten überlegen, glaubt Putin. Ihre globale Strahlkraft hält sich derweil in Grenzen. Assad, Lukaschenko, Schröder. Schon weil der ökonomische Zwerg nichts zu bieten hat. Welche Geschäfte könnte man mit einem Land machen, dessen Wirtschaftskraft nicht an Südkorea heranreicht, aber immerhin knapp vor Brasilien und Australien liegt? Russland ist nur ein Rohstofflieferant wie Kamerun oder Burkina Faso. Aber ein Zwerg, der bis an die Zähne bewaffnet und aggressiv ist. Das sind die Freunde, von denen wir alle träumen.    

Auf der anderen Seite entwickelt der Westen ebenso wenig Strahlkraft auf die Autokratien und Diktaturen. Seine Werte hat er im eigenen Lager verwirklicht, Frieden und Wohlstand, Toleranz und freie Wahlen, aber sie werden nicht global verbreitet. Mordwaffen sind der Exportschlager der NATO-Staaten, nicht Menschenrechte. Zum demokratischen, liberalen Markenkern gibt es im Ausland nur Lippenbekenntnisse, denen keine Taten folgen. Der Westen macht Geschäfte mir arabischen Gewaltherrschern, der kommunistischen Diktatur in China und selbstverständlich auch mit Russland. Da kann man sich die frommen Sonntagspredigten über Moral & Gedöns auch gleich sparen.

Im neuen Kalten Krieg werden die existenziellen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben. Selbst die Ökopaxe von den Grünen setzen inzwischen auf fossile Brennstoffe und Aufrüstung. Wer noch Hoffnung hatte, der sollte sie endlich begraben.

Sometimes It Snows in April - YouTube

Freitag, 1. April 2022

Hauptsache, der Rubel rollt


Trotz des Krieges laufen die Geschäfte zwischen der EU, der Ukraine und Russland glänzend. Die Erdgaspipeline, die von Russland durch die Ukraine u.a. nach Deutschland führt, wird derzeit maximal ausgelastet. Russland kann mit dem Verkauft von Erdgas weiter seinen Krieg finanzieren, die Ukraine finanziert mit den russischen Transitgebühren ihren Krieg. Keine der Kriegsparteien hat die Pipeline bisher angegriffen. In Moskau und in Kiew sind eben lupenreine Kapitalisten an der Macht. Geld regiert die Welt. Und der Wiederaufbau der ukrainischen Städte verspricht ebenfalls ein gutes Geschäft.

Gas aus Russland: Warum die Ukraine von jeder Lieferung profitiert - manager magazin (manager-magazin.de)

Donnerstag, 31. März 2022

Lastenradfahrer mit Bekenntniszwang

 

Blogstuff 684

„Nichts ist so anstrengend, wie die menschliche Dummheit zu ergründen.“ (Gustave Flaubert)

Die Putinisten beklagen immer die ranzigen alten Feindbilder der Hauptstrommedien – nur um einen Augenblick später aus der NATO eine Versammlung von Sith-Lords zu machen.

Puschkin und Tolstoi sind entlassen worden. Bonetti Media säubert jetzt die Redaktion. „Krieg und Frieden“ heißt ab jetzt nur noch „Krieg“. Das Blog heißt auch nicht mehr KieZschreiber, sondern Kiesschreiber.

Wo bleibt die Offensive der Grünen in Sachen erneuerbare Energien? Stattdessen macht Habeck einen Bückling vor den Scheichs.

Viele "alternative Medien" sind eine einzige Enttäuschung, weil sie ausschließlich auf die Antithese setzen. Sind die etablierten Medien geschlossen für die Corona-Impfung, sind sie dagegen. Schreiben alle von einem russischen Angriffskrieg, machen sie aus Russland ein bemitleidenswertes Opfer finsterer Mächte. Diese Strategie hat übrigens auch die AfD für sich entdeckt.

Nationalistische Russen nennen die Ukrainer Kleinrussen, nationalistische Türken nennen die Kurden Bergtürken. Damit kann man Propaganda machen, aber niemanden im Ausland überzeugen.

Wer der Ukraine mit pseudohistorischen Argumenten ihr Existenzrecht und ihre Souveränität abspricht, möge an Slowenien, Kroatien und die anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens denken, die erst nach der Ukraine unabhängig wurden. Oder an den Südsudan (2011). Wollen wir diesen Staaten auch ihre Selbständigkeit absprechen, weil ihnen irgendeine zweifelhafte Tradition fehlt?

Hier eine schöne Quelle zum Thema „Was hält die Antifa vom angeblichen Antifaschismus Putins“: Wie Russland Neonazis fördert, "Spaziergänger", "Yes we care"-Demo | antenne antifa | NRWision

Ich war neulich zum ersten Mal im Leben mit 200 km/h auf der Autobahn unterwegs. Natürlich als Beifahrer. Der Fahrer muss für das Benzin in seinem Dienstwagen nichts bezahlen. Eine unbeschwerte Spritztour, wie früher.

2017 hat Putin Marine Le Pen im Präsidentschaftswahlkampf unterstützt und empfing sie vier Wochen vor der Wahl im Kreml. Jetzt ist wieder Wahlkampf in Frankreich und Le Pen muss eine Broschüre komplett einstampfen lassen, in der ein Foto zu sehen ist, das sie gemeinsam mit dem Diktator zeigt. Peinlich, wenn der ehemalige Förderer jetzt einen auf Antifa macht. Le Pens Wahlkämpfe werden dennoch von russischen Banken finanziert, da man ihr in Frankreich keine Kredite mehr gibt.

Frankreich: Wahlkampf und Russlands Krieg – Putin-Bewunderer Le Pen und Zemmour in Erklärungsnot (rnd.de)

Cannons - Hurricane (Official Video) - YouTube

 

Samstag, 26. März 2022

Macht und Geld

 

Die Beziehung zwischen den Konzernen und der Politik hat sich im Laufe der letzten hundertfünfzig Jahre in den westlichen Ländern zu einem gut geölten Getriebe entwickelt. Jeder kennt seine Rolle, das System funktioniert geräuschlos. Gelegentlich gibt es Irritationen wie den Flick-Skandal in den achtziger Jahren oder Kohls Parteispendenaffäre, aber dadurch ändert sich nichts. Kapital und Politik sind ein eingespieltes Team. Geld und lukrative Jobs gegen eine unternehmerfreundliche Politik. Gerne mit sozialen Wohltaten garniert, die der Bürger mit seinen Steuerzahlungen ohnehin selbst finanziert. In den USA sind alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und alle Senatoren übrigens selbst Multimillionäre. Sie gehören also zur selben Klasse wie die Milliardäre, die die Wahlkämpfe finanzieren.

In Osteuropa ist der Kapitalismus erst dreißig Jahre alt. Er steckt noch in den Kinderschuhen und ist mit dem westlichen Kapitalismus Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu vergleichen. Es ist kein anonymes System, das geschmeidig funktioniert, sondern wird von einzelnen Personen repräsentiert. Was in Deutschland Krupp und Siemens, in den USA Rockefeller und Carnegie waren, sind im Osten die Oligarchen. Nehmen wir die Ukraine als Beispiel: Der Oligarch Petro Poroschenko war von 2014 bis 2019 selbst Präsident des Landes. Abgelöst wurde er von Wolodymyr Selenskyj, einem Schauspieler des beliebten Fernsehsenders 1+1. Mehrheitseigner ist der Oligarch Ihor Kolomojskyj. Sein Gegenspieler war Poroschenko, der dessen Macht im größten ukrainischen Ölkonzern Ukrnafta beschnitt, woraufhin Kolomojskyj die Konzernzentrale von seiner Privatarmee besetzen ließ und der ukrainischen Regierung unverhohlen mit einem militärischen Angriff drohte. So muss es damals auch in Manchester zugegangen sein. Selenskyj gilt als Marionette des Oligarchen und wird von dessen Leibwächtern seit Amtsantritt beschützt. Aber eine demokratisch gewählte Marionette wie Biden oder Scholz.

In Russland erscheinen die Verhältnisse komplizierter. Mit Putin hat ein Politiker die Macht, nicht die Oligarchen. Was unterscheidet einen Großkapitalisten von einem Diktator? Der Kapitalist will Geld, der Diktator Ansehen, einen Platz in den Geschichtsbüchern. Dem Kapitalisten sind Geschichtsbücher egal, er will teure Yachten, riesige Villen und Privatflugzeuge. Er denkt in anderen Kategorien. Die russischen Oligarchen haben also kein Interesse am Krieg mit der Ukraine. Er stört ihre Geschäfte und ihr Privatleben in London oder auf Ibiza. Ihre Profite beim Export von Rohstoffen stürzen gerade ab, das postsowjetische Geschäftsmodell gerät ins Wanken. Haben sie die Macht, Putin nach einer sich gerade abzeichnenden Niederlage zu stürzen? Der Ausgang des Krieges wird an einem Ort entschieden, den wir nicht im Fernsehen gezeigt bekommen.

P.S.: Kolomojskyj und Selenskyj sind Juden und es wundert mich, dass die AfD noch keine Verschwörung des internationalen Finanzjudentums verkündet hat.    

Freitag, 25. März 2022

Kultur

 

Im 19. Jahrhundert wurde im Hunsrück der Schwenkbraten oder Schwenker erfunden. Es handelt sich dabei um ein mariniertes Schweinenackensteak, das im Freien gegrillt wird. Alle, die in diesem Frühling und Sommer Schweinenackensteaks grillen, machen sich also der kulturellen Aneignung schuldig.

P.S.: Wer hat Tische und Stühle erfunden? Die Deutschen? Woher stammen Jeans und T-Shirts?

Donnerstag, 24. März 2022

Die Ruhe

 

Im Norden der Stadt steht, etwas abgelegen, ein altes unscheinbares Haus. Der Mann ließ sich vom Taxifahrer in einigen hundert Metern Entfernung absetzen und ging den Rest des Weges zu Fuß. Er trug einen dunkelgrauen Dreiteiler und seine schwarzen Lederschuhe glänzten wie frisch lackiert. Das Haus besaß weder ein Klingelbrett noch ein Firmenschild. Nur wenige Menschen wussten, welchem Zweck es diente.

Er klopfte an und wurde eingelassen. Parker, der Chefbutler, brachte ihn in den Lesesaal im ersten Stock.

„Was darf ich Ihnen bringen, Sir?“

„Die Times.“

„Sehr wohl. Was möchten Sie trinken, Sir?“

„Einen Wodka Collins.“

„Kommt sofort, Sir. Eine Kleinigkeit dazu?“

„Bringen Sie mir in einer halben Stunde ein Bookmaker Sandwich.“

Parker verbeugte sich und ging.

Der Mann ließ sich in den Ledersessel sinken und entspannte sich. Der Club war sein zweites Zuhause. Hier gab es neben dem Lesesaal noch einen Spielsaal und einen Speisesaal. In den oberen Etagen konnte man Suiten reservieren, wenn man alleine oder mit ein paar Freunden zusammen sein wollte. In jeder Suite stand ein bequemes Sofa, ein Tisch mit vier Stühlen und ein Schreibtisch. Sie hatten alle ein separates Badezimmer.

Die Mitgliedschaft im Club kostete nur zweitausend Euro im Jahr. Dazu kamen die Kosten für Zeitungen, Essen, Trinken und die Suiten. Bedingung der Mitgliedschaft waren die sichere Erkenntnis, männlichen Geschlechts zu sein, ein untadeliger Ruf und die Vollendung des vierzigsten Lebensjahrs. Keiner der 99 Mitglieder empfand diese Bedingungen als frauenfeindlich, sondern als Voraussetzung für einen Ort voller Ruhe und Freundlichkeit.

Freitag, 18. März 2022

Ist Russland ein totalitärer Staat?

 

Zur Beantwortung der Frage definiere ich zunächst den Begriff Totalitarismus. Ich beziehe mich dabei auf Hannah Arendts Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ aus dem Jahr 1955. Arendt arbeitet sechs Merkmale heraus.

1.     Ideologie: Eine Staatsdoktrin, d.h. ein geschlossenes Weltbild, bietet dem Individuum Orientierung in der Massengesellschaft. In Russland ist es der Nationalismus, die geplante Wiederherstellung des Zarenreichs bzw. der Sowjetunion.

2.     Hierarchie: Es gibt einen Diktator und eine ihm treu ergebene Gefolgschaft. Der Diktator hat das Machtmonopol, die Politik wird zentral gesteuert. Falls es ein Parlament gibt, dient es nur zur Akklamation der Entscheidungen des Diktators. Das alles trifft auf Wladimir Putin zu.

3.     Terrorsystem gegen „innere Feinde“ und Ausschaltung der Opposition. Das lässt sich seit vielen Jahren in Russland beobachten.

4.     Propaganda: Der totalitäre Staat hat ein Nachrichtenmonopol. Es gibt keinen Pluralismus. Beispiel: Das Wort Krieg darf in Russland nicht verwendet werden. Der Angriff auf die Ukraine ist Selbstverteidigung, Krieg ist Frieden.

5.     Zentrale Kontrolle der Wirtschaft. Putin hält, gemeinsam mit einer Clique aus Oligarchen, alle Fäden der russischen Wirtschaft in der Hand. Er entscheidet allein über Handelsbeziehungen zu anderen Staaten. Oligarchen, die diese Hierarchie nicht akzeptieren, landen im Gefängnis (z.B. Michail Chodorkowski und Platon Lebedew).  

6.     Waffenmonopol.

Fazit: Russland ist heute wieder ein totalitärer Staat. Inwiefern eine Appeasement-Politik gegen Putin hilft, wird die Geschichte zeigen.

P.S.: Wir müssen Putin eine Exit-Strategie anbieten. Warum wird er nicht Nachfolger von Pep Guardiola bei ManCity? Dann wäre er der bestbezahlte Trainer der Welt – und hätte endlich mal Erfolg.

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