Freitag, 31. Oktober 2014

Bonetti im Weltraum

„ … 7 … 6 … 5 … 4 … 3 … 2 … 1 … Ignition … Lift off.“
Mit einer gewaltigen Explosion hob die Raumfähre vom Boden ab und ließ das Weltraumzentrum Bad Nauheim hinter sich. Andy Bonetti nickte seinem Piloten anerkennend zu. Heinz Äugelein, sein treuer Chauffeur, hob den Daumen und lächelte. Er trug eine braune Lederhaube, deren Kinnriemen er nicht geschlossen hatte. In wenigen Stunden würden sie an der Raumstation „Nova Hassia“ (Neuhessen) andocken. Die beiden Antriebsraketen vom Typ Roland wurden abgeworfen, ihre ausgebrannten Hüllen verglühten hinter ihnen, als sie den Orbit erreichten.
Bonetti stand am Fenster seiner Kabine und sah auf den zarten Flaum der Atmosphäre hinab, die den wolkenverschleierten Erdball umgab. Ein paar kleine Schwäne, die er aus Papier gefaltet hatte, schwebten um seinen Kopf. Immer, wenn Bonetti lange nachdenken musste, beschäftigte er sich mit Origami. Der Fall war schwieriger, als er angenommen hatte. Aber wenn es einfach gewesen wäre, hätte man ihn nicht auf die Station hinaufgeschickt. Commander Friedemann Luft war zu diesem Zeitpunkt schon vierundzwanzig Stunden tot.
Äugelein brachte den ersten Astronauten zum Verhör in Bonettis Kabine. Alois Breitkopf war ein kleiner breitschultriger Mann mit Stirnglatze und dunklen Augen, die tief in seinem fleischigen Gesicht saßen. Äugelein gab ihm einen kleinen Schubs, so dass er näher zu Bonetti schwebte, und verließ die Kabine.
„Was wissen Sie über den Mord an Commander Luft?“ begann Bonetti.
„Der Commander war draußen, um eins der Sonnensegel neu zu justieren, das sich verklemmt hatte. Er war nur mit einem Schlauch mit der Station verbunden. Irgendjemand muss ihm den Sauerstoff abgedreht haben. Ich habe den Commander sofort an Bord geholt, aber er war schon tot. Dann habe ich die Erdleitstelle informiert.“
Breitkopf erschien Bonetti übertrieben diensteifrig. Aus den Akten, die er über Breitkopf studiert hatte, wusste er, dass der Astronaut sehr ehrgeizig war und sich Hoffnung auf die Leitung der Mission gemacht hatte. „Sie sind der neue Commander?“ fragte er.
Breitkopf konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und nickte.
„Bitte halten Sie sich zu meiner weiteren Verfügung bereit. Außerdem möchte ich mit Ihrer Erlaubnis nach den Verhören die gesamte Raumstation und alle Mannschaftskabinen inspizieren.“
„Selbstverständlich, Mister Bonetti.“
Das zweite Gespräch führte Bonetti mit Tommy Hopperflap, einem kanadischen Austauschwissenschaftler, der die Auswirkungen der kosmischen Strahlung auf das Wachstum von Braugerste untersuchte. Zur Vorbereitung seines Aufenthalts auf der Raumstation hatte er den hessischen Dialekt erlernt. Er war fast zwei Meter groß und hatte weizenblonde Haare.
„Isch konn Ihne aach ned weidähelfe, Härr Bonetti“, sagte er in breitestem Hessisch mit englischem Akzent. „Als däs bassierd is, hunn isch miä grad in de Kisch wos zu esse gemachd.“ Dann überlegte er einen Augenblick. „Awwä die Fraa, die wo hiä schaffe duud, die hod gesdän Ohmd Schdraid midm Gommandä gehabd. Unn isch sachs Ihne gons ehrlisch: Isch glaab, die hodde was middenanäh.“
Bonetti erging sich in ausschweifenden Züchtigungsphantasien, während er Hopperflap zuhörte. Aus seinen Unterlagen wusste er, dass die Wissenschaftlerin an Bord früher ein Verhältnis mit Commander Luft gehabt hatte. Im vergangenen Jahr hatte er sie verlassen, um eine Beziehung mit ihrer Schwester anzufangen.
Als nächstes wurde Monika Hufnagel-Schreckenberger in Bonettis Kabine gebracht, die für die wissenschaftlichen Versuche an Weinreben unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit zuständig war. Sie hatte kurze dunkelrote Haare, war muskulös und ihre schwarzen Brauen bildeten einen durchgehenden Strich über ihren herausfordernd blickenden Augen. Auch sie hatte nichts bemerkt und war erst von Alois Breitkopf auf das Unglück aufmerksam gemacht worden.
„Ich werde Ihnen natürlich jede erdenkliche Hilfe geben, um diesen schrecklichen Mord aufzuklären“, sagte sie mit kaum verhohlenem Sarkasmus.
Auch dieses Gespräch brachte Bonetti keine neuen Erkenntnisse. Als er wieder alleine war, sog er nachdenklich an einer Plastikröhre und war enttäuscht. Auf einer Raumstation hatte er leider keine Möglichkeit, den hochdekorierten Spätburgunder atmen zu lassen. Er holte eine Tube aus seinem Gepäck und drückte mit geschlossenen Augen die Paste in seinen Mund. Jägerschnitzel mit Pommes frites. Sein Kammerdiener Johann war auf der Erde zurück geblieben, aber er hatte Bonettis Leibspeisen in Tubenform gebracht und seinem Herrn mit auf die Reise gegeben. Bonetti war bereit, vieles im Namen der Gerechtigkeit hinzunehmen, aber das ging zu weit. Jägerschnitzel aus der Tube. Er musste diesen Fall schleunigst abschließen, um dessen Klärung ihn die hessische Weltraumbehörde gebeten hatte.
Er untersuchte zunächst die Kabine von Frau Hufnagel-Schreckenberger. Er fand in ihrem Spind diverse Peitschen und eine Ledermaske mit Augenlöchern und Reißverschluss. Interessant, dachte er. Aber wie funktionierte Flagellantismus in der Schwerelosigkeit? In der Kabine von Herrn Breitkopf fand er unter der Matratze ein Dutzend Urkunden von Bundesjugendspielen, bei denen Breitkopf immer den zweiten Platz belegt hatte. Außerdem ein Notizbuch voller Zeichnungen, auf denen zu sehen war, wie Commander Luft auf unterschiedliche Weisen umgebracht wurde. Bonetti nahm das Buch an sich. Dann begab er sich in die Kabine des kanadischen Wissenschaftlers.
Bonetti sah sich genau um, aber er konnte nichts Verdächtiges finden. Plötzlich drang ein schwacher Geruch in seine feine Nase. War das Käse? Konnte das sein? Vor ihm war nur das Gitter eines Lüftungsschachts. Er suchte weiter, aber er fand die Quelle des Geruchs nicht. Er schwebte zurück zum Lüftungsschacht und ließ sich von Äugelein einen Schraubenzieher geben. Er entfernte das Gitter und fand einen kreisrunden gelben Gegenstand.
„Äugelein. Bringen Sie mir bitte etwas Kümmel und Äppelwoi aus der Bordküche.“
Äugelein schwebte davon. Handkäs mit Musik, dachte Bonetti. Auch wenn es strenggenommen ein Handkäs ohne Musik war, da die Zwiebeln fehlten. Obwohl es der strengen kulinarischen Tradition seiner hessischen Heimat widersprach – er musste einfach hineinbeißen. Selbst wenn Kümmel und Zwiebeln fehlten und der Apfelwein noch nicht bereitstand. Er näherte den kleinen Käselaib langsam seinen vor freudiger Erwartung feuchten Lippen, da wurde er hart an der Schulter gepackt.
„Des konnsde abhage unnä U wie Uffschnid“, sagte eine Stimme hinter ihm. „Loss des Ding in Ruh!“
Bonetti wirbelte mit einem Purzelbaum herum und stieß Hopperflap mit beiden Beinen davon. Der Kanadier schwebte zur gegenüberliegenden Wand. Bonetti drückte geistesgegenwärtig den Alarmknopf an seinem Raumanzug, während sein Angreifer ein Messer zog.
„Des daff niemand gabuddmache. Des habbe mir von de Außerirdische.“
„Den Käse?“ fragte Bonetti.
„Des is kahn Käs, des is’n Geräd. Des hod de Gommander vunn drauße midgebrung. Dodemit kammä Gondagt mid onnere Zivilisatzione uffnehme. Des könne mir in Kanada gud gebrauche“, rief Hopperflap und stieß sich von der Wand ab. Mit einem irrsinnigen Funkeln in den Augen schwebte er auf Bonetti zu.
Bonetti stieß sich ebenfalls von der Wand ab und schwebte zur Decke. Der Angriff ging ins Leere. Dann kamen Breitkopf und Äugelein herein und entwaffneten Hopperflap. Es war vorbei. Offensichtlich hatte der irrsinnige Kanadier den Commander ermordet, weil er dessen Käsespezialität für ein extraterrestrisches Artefakt gehalten hatte.
Bonetti und Äugelein schwebten im Shuttle „Manfred Kanther“ zur Erde zurück. Unter ihnen war schon die hessische Weltraumbehörde in Wiesbaden zu erkennen, die in einem monströsen Betonfurunkel am Rande der Stadt untergebracht war. Das letzte Abendrot verglomm unter einer Ascheschicht von flachen Wolken.
„Ist es nicht verrückt, mein lieber Äugelein“, sagte Bonetti. „Nur der Wahnsinnige ist in unserer heutigen Zeit wirklich frei. Hopperflap hat einen Mord begangen, aber niemand kann ihn zur Verantwortung ziehen. Er ist nicht schuldfähig, das Gericht wird ihn freisprechen.“ Er lächelte. „Ein unschuldiger Mörder. Welche Ironie. Schade, dass wir keinen Champagner an Bord haben. Man müsste auf den Irrsinn dieser Welt anstoßen.“
David Bowie – Life On Mars? http://www.youtube.com/watch?v=ueUOTImKp0k
P.S.: Heute Nacht habe ich geträumt, ich sei Redakteur eines Wein-Magazins. Die Texte mussten Buchstabe für Buchstabe in weiße Autoreifen geschnitzt werden. Die von mir verfasste kritische Würdigung des jüngsten Jahrgangs wurde abgelehnt, da sie nicht die erforderliche Mindestprofiltiefe von zehn Millimetern aufwies. Es fehlte ein Millimeter.

Hinrichtung à l’americaine

Vor zwei Jahren wurde der Obdachlose Milton Hall in Saginaw, Michigan, von acht Polizisten niedergeschossen. 46 Kugeln auf einen unbewaffneten Mann. Dem Sterbenden wurden Handschellen angelegt und ein Polizist stellte seinen Fuß auf dessen Rücken. Gegen die Mörder wurde keine Anklage erhoben.
http://www.youtube.com/watch?v=2Iigvm5iPkU
http://www.newsweek.com/two-years-later-no-charges-after-police-kill-homeless-man-barrage-46-shots-280609

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wahre Größe

Ich bin selbst 1,89 m groß und stelle nach meinen heutigen Recherchen verblüfft fest, dass wir unter der Fuchtel von Zwergen leben. Ich dachte immer, nur Napoleon sei klein gewesen. Aber er war mit seinen 1,67 m durchaus auf der Höhe seiner Zeit. Nach einer Studie von Quetelet aus dem Jahre 1835 (nach Andreas Diekmann: Empirische Sozialforschung, rororo 2007) waren von 100.000 französischen Rekruten 28.260 kleiner als 1,57 m, 39.980 zwischen 1,57 und 1,65 m, 20.550 zwischen 1,65 und 1,70 m - und nur 11.210 waren größer als 1,70 m.
Unglaublich sind die Körpergrößen der „großen“ Männer des Zweiten Weltkriegs. Auf Seite der Achsenmächte kämpften Hitler (1,72 – sein PR-Adjutant Goebbels maß 1,65), Kaiser Hirohito (1,65) und Mussolini (1,52), auf der Seite der Alliierten Stalin (1,65), Churchill (1,67) und Roosevelt. Letzter war immerhin 1,88 m groß, saß aber im Rollstuhl.
Und von wem sind wir in den letzten vierzig Jahren in Deutschland regiert worden? Helmut Schmidt (1,70) , Helmut Kohl (1,93) Gerhard Schröder (1,72) und Angela Merkel (1,65). Den Dicken aus der Pfalz werte ich mal als statistischen Ausreißer.
Randy Newman - Short People. http://www.youtube.com/watch?v=sX6I2NrguAs

Das Ende der Ideologie

Demnächst feiern wir nicht nur das fünfundzwanzigjährige Jubiläum des Mauerfalls, sondern auch den fünfundzwanzigsten Todestag der Ideologien. Sozialismus und Kommunismus wurden gemeinsam mit einigen Staaten beerdigt, die sich diesen Ideologien verschrieben hatten: UdSSR, DDR, Jugoslawien, Tschechoslowakei. Viele halten den Kapitalismus ebenfalls für eine Ideologie, aber gerade das ist er nicht. Er ist keine theoretisch begründete Weltanschauung, sondern eine völlig theoriefreie Veranstaltung, die an den Urinstinkt jedes Lebewesens appelliert: Denk zuerst an dich und deine Sippe. Mach Geld, bevor es andere machen. Nimm dir, soviel du kriegen kannst. Und erst, wenn du satt bist, überlass die Reste den anderen.
Was machen Unternehmer? Profit, wenn alles gut läuft. Pleite, wenn es schief geht. Wie machen sie das? Indem sie den Leuten das verkaufen, was sie haben wollen. Wollen sie Fleisch? Gib es ihnen. Wollen sie Gemüse? Gib es ihnen. Wollen sie rot-blau-kariertes Klopapier? Gib es ihnen. Dieses einfache Prinzip haben viele Menschen noch nicht verstanden. Sie halten den Kapitalismus für eine Ideologie und wollen ihn verändern. Aber mit Argumenten und Petitionen, mit Demonstrationen und Plakaten verändert man ihn nicht. Weil er eben nicht theoretisch begründet und damit auch nicht theoretisch veränderbar ist. Es ist ganz einfach: Wir alle sind der Kapitalismus, so wie wir alle der Staat sind. Wir ändern den Kapitalismus nur, wenn wir uns selbst ändern.
Sie möchten nicht, dass die Online-Konzerne von Amazon bis Zalando den Einzelhandel in den Innenstädten kaputt machen? Bestellen Sie nichts im Internet, sondern bewegen Sie ihren selbstgefälligen Arsch in die Stadt. Sie finden es blöd, dass Apple keine Steuern zahlt und in China Arbeiter ausbeutet? Kaufen Sie ein anderes Produkt. Ihnen passt es nicht, dass McDonald's und Starbucks eine Schneise der Vernichtung in die örtliche Gastronomie schlagen? Essen und trinken Sie woanders. Sie halten die Gehälter der Automanager für eine Unverschämtheit? Fahren Sie mit dem Fahrrad und mit dem Bus. Und wussten Sie, dass es in Deutschland Apfelbäume gibt und freundliche Bauern, die Ihnen das Obst auch verkaufen? Ersparen Sie sich und uns allen den Wahnsinn mit neuseeländischen Äpfeln und kalifornischem Wein. Diskutieren und lamentieren Sie nicht, handeln Sie. Der Kapitalismus findet in Ihrem Kopf und in Ihrer Brieftasche statt.
P.S.: Warum nimmt man Autoren wie mich im Kapitalismus eigentlich nicht ernst? Weil ich meine Texte verschenke. Kein Profit, keine Anerkennung. Wie wäre es, wenn Sie dem nächsten Obdachlosen (die sind übrigens gerade in der Innenstadt und warten auf Sie) im Namen des Kiezschreibers und der Menschlichkeit einen Euro schenken? Ich bin sicher, dass dieser ritterliche Gedanke in diesem Augenblick Ihr Herz erwärmt. Aber wissen Sie, wie die Geschichte in der Fußgängerzone Ihrer Wahl weitergehen wird? Sie sehen diesen versoffenen, hässlichen, ungewaschenen, alten Schmierlappen von Penner und denken sich: Fünfzig Cent tun es auch. Oder Sie denken sich: Ich zahle wahnsinnig viel Steuern, da sind das Obdachlosenasyl und die Armenküche mit drin, und mein Sohn braucht ein neues Smartphone. Und was man für einen Euro nicht alles im Ein-Euro-Shop bekommt! Hat man diesen Euro nicht gerade durch Preisvergleich und Schnäppchenjagd, bei einer Ebay-Auktion oder durch den Verzicht auf ein Markenprodukt mühsam eingespart? Vom Elend der Erwerbstätigkeit und den Entbehrungen eines Erziehungsberechtigten gar nicht zu reden, die dem Obdachlosen natürlich fremd sind … Sehen Sie, so funktioniert Kapitalismus. Und den wohlfeilen Ablasshandel einer geheuchelten Kapitalismuskritik können wir vollgefressenen Wohlstandsdeutschen uns gepflegt in die geföhnten Haare schmieren. Wer unter Euch ohne Egoismus und Gier ist, der werfe den ersten Stein.
P.P.S.: China, Laos und Vietnam mögen formal noch kommunistische Staaten sein, aber das Leben ihrer Bürger ist stärker vom Kapitalismus geprägt als es in Deutschland je der Fall war. Kuba und Nordkorea sind die letzten Bastionen dieser Ideologie. Die letzten faschistischen Diktaturen gab es bis in 1970er Jahre in Spanien und Portugal. Die Diktaturen der Gegenwart sind entweder religiös begründet oder sie verzichten auf ein theoretisches Fundament.
Ultravox – Artificial Life. http://www.youtube.com/watch?v=R6wnM6XbAYc

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Mein erster Fall

Sie war alt. Ihr Kopf war mit Erinnerungen vollgestopft wie ein Haus, in dem man sich wegen der vielen sperrigen Möbel kaum noch bewegen konnte. In ihrer Jugend hatte man den Kinofilm noch als Lichtspiel bezeichnet. Der Fotograf war ein Lichtkünstler, der in seinem Laboratorium zwischen brodelnden Kolben und zischenden Schläuchen sein Wunderwerk vollbrachte. Auch das Nordic Walking war noch nicht erfunden, am Sonntag lustwandelte man durch den lindenblütendurchdufteten Park und statt dem Smartphone hatte man einen Sonnenschirm dabei. Ihre zarten feingliedrigen Hände hätten einer Pianistin oder einer Taschendiebin gehören können.
Ihr Name war Pauline Kratz und sie war die Witwe eines Sprengmeisters, der trauriger Weise in Ausübung seines Berufes vor vielen Jahren ums Leben gekommen war. Sie lebte in einem winzigen Fachwerkhaus am Rande des Dorfes und ich besuchte sie regelmäßig. Sie hatte allerlei Geschichten zu erzählen und so saßen wir des Abends gelegentlich zusammen in ihrer Wohnstube vor dem prasselnden und knackenden Kaminfeuer, tranken das selbstgebrannte Kirschwasser von Bauer Menke, während ich eifrig in mein ledergebundenes Notizbuch schrieb, um ihren Erzählungen ein neues Haus zu geben, falls sie dereinst einmal nicht mehr unter uns weilen würde.
Eines Tages, es war im Spätherbst, war sie jedoch sehr betrübt. Ich fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit und mit schwermütiger Stimme klagte sie mir ihr Leid. Seit einigen Tagen habe sie bemerkt, dass ihr Brennholz gestohlen werde. Immer, wenn sie mit ihrem Weidenkorb in den Hof zu den gestapelten Holzscheiten hinausging, die an der Seitenwand einer Scheune feinsäuberlich aufgeschichtet waren, hätte etwas gefehlt. Sie habe sich auch schon an ihrem Küchenfenster auf die Lauer gelegt, aber sie hätte niemanden gesehen. Sie schüttelte den Kopf und sagte, da könne man wohl nichts machen. Das sah ich anders. Meinem im Leichtsinn der Jugend vorgetragenen kühnen Vorschlag, den Fall zu lösen, stimmte sie nach einem verwunderten Kopfschütteln schließlich zu. Ich ließ mir aus dem Nachlass ihres Mannes einige Stangen Dynamit geben und begann mit meiner Arbeit. Ich höhlte einige Holzscheite aus, steckte jeweils eine Stange Dynamit hinein und verschloss den Hohlraum mit einem Holzpfropfen, den ich mit etwas Leim fixierte. Dann trug ich die präparierten Holzscheite hinaus zum Brennholzstapel und legte sie obendrauf.
Am folgenden Abend saß ich mit der alten Dame am Kamin und sie erzählte gerade die Geschichte, wie das erste Automobil rauchend und schnaufend im Dorf erschienen war, wobei ihr Pferd durchgegangen war und erst im Nachbarort wieder zum Halten gebracht werden konnte, da hörten wir eine fürchterliche Explosion. Ich lief hinaus und rannte zur Unglücksstelle. Das Haus von Bauer Schubert brannte lichterloh, mit rußgeschwärztem Gesicht stand er am Rand seines Hofes und starrte fassungslos in die Flammen. Die Freiwillige Feuerwehr war auch schon da und hantierte geschäftig mit ihren Gerätschaften. Hinter dem Feuerwehrauto stand, murmelnd und flüsternd, das halbe Dorf. Ich ging zu Frau Kratz zurück und erstattete ihr Bericht. „Der Schubert also“, sagte sie mit einem zarten Lächeln. „Das hätte ich mir ja denken können … der alte Drecksack.“
Temptations – My Girl (Cover). http://www.youtube.com/watch?v=WCqByREDfyA

Dienstag, 28. Oktober 2014

Wunderwelt Deutsche Bahn

Am nächsten Montag werde ich mich, wenn Gott und der Arbeiterführer Weselsky es zulassen, mit der Bahn von Bingen nach Berlin begeben, um einige Wochen in der Stadt zu verbringen, die zwanzig Jahre meine Heimat gewesen ist. Um den benötigten Fahrschein zu erwerben, klicke ich die entsprechende Internetseite des mächtigen Konzerns mit seinen etwa dreihunderttausend Mitarbeitern an.
http://reiseauskunft.bahn.de/bin/query2.exe/dn?ld=9647&seqnr=1&ident=l3.0696647.1414493439&rt=1&newrequest=yes&HWAI=~QUERY;~JS;~CONNECTION;~GLOBALAPPLICATION;&HWAI=JS!ajax=yes!&
Ich gebe Start- und Zielort ein und wähle zusätzlich die Option „Sehenswürdigkeiten“. In Bingen am Rhein weist man mir den Weg zum Friedhof und zur Fachhochschule, immerhin auch noch zum Chinarestaurant Lotus. Na gut, denke ich mir, mehr ist in dieser zweitausend Jahre alten Stadt Hildegards von Bingen wirklich nicht zu sehen. In Berlin allerdings, wo ich als Zielbahnhof das Südkreuz angegeben habe, darf ich zwischen „Sehenswürdigkeiten“ wie der Freien Waldorfschule Kreuzberg, einer Bowlinghalle, der Botschaft Südkoreas und dem Hallen- und Sommerbad in Spandau auswählen. Dunkel erinnere ich mich an das Brandenburger Tor, den Fernsehturm oder die Gedächtniskirche. Vorbei … - die Bahn weist mir den Weg zu den Orten, die nicht so sehr von Touristen überlaufen sind, beispielsweise der Squash-Insel Süd oder der Jugendherberge Berlin am Ostkreuz. Einen herzlichen Dank meinerseits an das legendäre Transportunternehmen für diesen innovativen und vorzüglichen Service.
P.S.: Link der Woche, bereits von Heinz Strunk durch öffentliche Lesungen geadelt: http://de.wikipedia.org/wiki/Penisverletzungen_bei_Masturbation_mit_Staubsaugern

Trinker

Er schämte sich für andere Trinker mehr als für sich selbst. Da waren die Eckensteher, an Kiosken und Würstchenbuden beheimatet, oft gute und aufrechte Männer, aber ohne Halt. Wenn sie anderen Eckenstehern ihre Geschichten erzählten, etwa beim zweiten oder dritten Bier, war immer etwas weg gebrochen, die Familie, die Arbeit oder etwas anderes. Erst von nahem roch man ihr Trinkerdasein, viele erkannte man auch einfach nur wieder, wenn man täglich die gleichen Wege ging. Von ihnen unterschieden sich die Pegel- oder Gewohnheitstrinker, die stets ihren Alkoholspiegel mit Hochprozentigem stabilisierten und entsetzliche Ausdünstungen verbreiteten. Hatte man im Hochsommer einen solchen Menschen vor sich in der Schlange bei Aldi, konnte man danach für Stunden nichts mehr essen. Am schlimmsten waren natürlich die Obdachlosen, die keinen privaten Ort hatten, an den sie sich zurückziehen konnten. Sie mussten in aller Öffentlichkeit trinken, zum Beispiel im Kreise nüchterner Passagiere in einem Bahnhof trunken werden, ohne Schutz, ohne den Trost der Einsamkeit. Trinken ist ein intimer Akt und wahre Trinker sind äußerst schüchterne Menschen, die sich zum Zwecke der Erheiterung oder der Betäubung ganz in sich selbst zurückziehen müssen. Es ist schrecklich, keine Heimat zu haben und trotzdem zu trinken. An einem Ort zu sein, an dem jeder einem Ziel entgegen zu eilen schien, nur man selbst nicht. Er spürte, dass es vielen dieser Männer – und es waren fast nur Männer, erwachsene Männer mittleren Alters – peinlich war, gerade hier zu sein. Ihre Show war eine leicht zu erkennende Farce: Wenn sie gelegentlich herum liefen, waren sie zu langsam und ziellos. Und mit jedem Schluck verrieten sie sich mehr. Alles veränderte sich an diesem Ort, nur für sie selbst änderte sich nichts. Sie waren die Traurigsten unter den Trinkern. Ihr Trinken war ohne Freude, ohne Hoffnung. Ihr Leben änderte sich nicht im Rausch, aber ihnen fehlte die Kraft oder der Mut, auch dieses letzte Stück Leben noch aufzugeben.
(aus „Die singende Fleischwurst“ von Rondo Delaforce)
The Pogues - Dirty Old Town. http://www.youtube.com/watch?v=GF9dHxbDa5w

Keine Zeit

Warum kommen die Menschen zu nichts? Weil sie zu tun haben. Sie sind fleißig, sie sind tüchtig. Ihre Tätigkeit ist nützlich, sie erfüllt einen Zweck. Und in manchen Augenblicken verlieren sie sich in diesen Tätigkeiten wie Kinder im Spiel. Für die kleinsten Ziele entwickeln sie den größten Ehrgeiz: eine saubere Küche, ein korrekt formulierter Geschäftsbrief, das pünktliche Erscheinen zu einem Termin. Besprechung, Zahnarzt, Hochzeit. Der Anblick eines Bildes befriedigt sie erst, wenn dessen Standort die Prüfung durch eine Wasserwaage bestanden hat. Und sie erwarten so wenig für die insektenhafte Rastlosigkeit ihres Daseins: bunt verpackte Nahrung, bunt verpackte Banalitäten im Fernsehen, bunte Verpackungen für ihren Körper. Ganz versunken in die Wichtigkeit ihres kindlichen Spiels merken sie nicht, dass man über sie lacht.
The Chordettes – Mr. Sandman. http://www.youtube.com/watch?v=oNuX7bs2qAM

2001

Auszüge aus dem Notizbuch:
12. Januar, Berlin. Was ist zu tun? Das Wesen des Trinkens erkunden?
13. Januar. Mein Hirn zersetzt sich, ich verliere mein Gedächtnis, alles Rinderwahnsinn. Ein Glück, dass es in dieser Stadt nicht weiter auffällt.
20. Januar. Erwachsen wird man nur in den Augen anderer.
31. März. Deutschland: Ein Staat, der durch ein Übermaß an fettreichen Speisen, billigem Alkohol und Fernsehprogrammen befriedet wurde.
28. Juni. Tu das Unerwartete zuerst.
2. Juli. Es kommt ein Mann. Und er wird gehen, ohne gesprochen zu haben.
12. Juli. Ein Koalabär frisst sechs Stunden am Tag, achtzehn Stunden schläft er. Warum eigentlich die ganze Anstrengung der menschlichen Zivilisation?
29. August. Jeder von uns sucht seinen beschissenen kleinen Gral. So much for pathos!
11. September. Nachdem ich über Internet von den Terroranschlägen in den USA erfahren habe, stürze ich sofort aus dem Büro nach Hause. 16 Uhr, CNN: „America under attack“. Bilder, die ich nur aus Filmen kenne, auf allen Kanälen. Heute ist der erste Tag im 21. Jahrhundert, dessen Datum in die Geschichtsbücher eingehen wird. Für was wird dieser 11. September stehen? Sicher für eine tragische Katastrophe wie der Untergang der Titanic, aber auch für eine neue Art des ubiquitären Kriegs. Das Welthandelszentrum in New York und das Pentagon in Washington sind Symbole der Weltmacht USA und der Globalisierung, ihre Zerstörung ist eine umfassende Kriegserklärung.
14. September. Die CNN-Überschrift zur permanenten Berichterstattung zu den Anschlägen hat gewechselt. Nun heißt es: „America’s new war“. In Berlin hat es einige Bombenalarme gegeben. Mein Büro im Wissenschaftszentrum Berlin liegt in der Nähe des Potsdamer Platzes, nicht weit vom Regierungsviertel entfernt. Dieser Ort ist ein „soft target“, wie ich gelernt habe. Und so bleibe ich zu Hause, hypnotisiert durch die immer gleichen Bilder der Zerstörung.
16. September. Morgen öffnet die New Yorker Börse wieder. Auch wenn das Zentrum der globalen Finanzwirtschaft Fachleute und Gebäude verloren hat, geht es weiter, die „defekte Stelle“ des Systems wird überbrückt. Die Wirtschaft ist heute so unsichtbar, so wenig an Orte gebunden und in Netzwerken aktiv – wie der Terrorismus. So ist die ganze Gesellschaft zugleich verwundbar und unverwundbar. In den nächsten Tagen wird vielleicht Afghanistan von den Amerikanern angegriffen, da dort die verantwortliche Terrororganisation vermutet wird.
26. Oktober. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und heute hat der Arzt nach einer Blutuntersuchung festgestellt, dass ich Gicht habe. Die Gicht! Konsequenz: Bierkonsum drastisch einschränken, mehr Bewegung und Gewicht reduzieren. Das kann ja heiter werden …
Outkast – Hey Ya. https://www.youtube.com/watch?v=16N-BhHfdc8

Montag, 27. Oktober 2014

Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in der arabischen Welt, hauptsächlich im Irak, in Syrien und Libyen, erinnert an den Dreißigjährigen Krieg, in dem sich Deutschland – unter tätiger Mithilfe anderer Staaten – im siebzehnten Jahrhundert selbst zerlegt hat. Damals schlachteten sich Protestanten und Katholiken gegenseitig ab und das Morden endete erst, als es nichts mehr zu zerstören und nichts mehr zu essen gab. Die Mordlust und die Gier hatten sich erst dreißig Jahre nach Kriegsbeginn erschöpft. Ein Drittel aller Deutschen war tot und der Rest lebte wie Vieh, die Bauern hatten kein Getreide mehr zur Aussaat. Es gab nichts mehr zu gewinnen und die Überlebenden waren des Tötens müde. Selbst die beiden Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert haben Deutschland nicht so zerstört wie der Bürgerkrieg dreihundert Jahre zuvor.
Die Selbstzerstörung der arabischen Länder wird vermutlich noch länger andauern, als wir glauben. Es gibt Sunniten und Schiiten, unterschiedliche ethnische und ideologische Gruppen, die sich erbittert bekämpfen. Aus anderen Staaten kommen täglich Waffen und neue Krieger, die das Feuer der Vernichtung am Leben erhalten. Millionen von jungen Männern, die von der westlichen Zivilisation enttäuscht sind oder keinen Platz in ihr gefunden haben, ziehen in den Krieg, um sich und anderen ihren Mut und ihre Fähigkeit zum Mord zu beweisen. Wann wird sich ihre rasende Mordlust erschöpft haben? Jedes Kriegsopfer hat eine Familie, die nach Rache schreit. Der Hass wird zum Flächenbrand. Deutschland hat sich von 1618 bis 1648 in die Steinzeit zurück katapultiert. Erst wenn alles restlos zerstört ist, wenn kein Bauer mehr Getreide anbaut oder Vieh hütet, wenn niemand mehr arbeitet oder zur Schule geht, wird eine Friedhofsruhe einkehren, die man euphemistisch als Frieden bezeichnen wird.
Die einzige deutschsprachige Gegend, die im Dreißigjährigen Krieg verschont geblieben ist, war die Schweiz (mit Ausnahme Graubündens). Die Schweiz der arabischen Welt heißt Saudi-Arabien nebst den vielen Scheichtümern am Persischen Golf. Werden die reichen Araber ihren geschundenen Brüdern und Schwestern helfen? Ihre Grenzen bleiben für die Flüchtlinge geschlossen. Und noch eine Gegend bleibt verschont. In Syrien durfte man den Namen nie aussprechen, die Menschen nannten es „Disneyland“, wenn sie es erwähnen mussten. Wir nennen es Israel. Die Bewohner von Disneyland können sich von ihrem Tribünenplatz in aller Ruhe anschauen, wie sich ihre Feinde gegenseitig abschlachten. Sie werden keinen einzigen Flüchtling aufnehmen.
Maurice Ravel - Pavane pour une infante défunte. http://www.youtube.com/watch?v=GKkeDqJBlK8

Sonntag, 26. Oktober 2014

Durstige Männer

Wenn man endlich beschlossen hat – einen Grund für diesen Beschluss gab es übrigens nie -, sich schon mittags zu betrinken, braucht man dazu einen Ort, wo dieses Ansinnen nicht von missbilligendem Staunen seitens des Wirts oder der Gäste begleitet wird. Niemand braucht Aufregung und Widerspruch bei diesem Vorhaben, Ruhe und ein Minimum an Entschlossenheit sind notwendig, um sich endlich auf den Weg machen zu können. Also gingen wir in die heruntergekommenste, hässlichste und versiffteste Kneipe der Stadt: die „Super-Maggy“. Es war der trostloseste Ort auf diesem Planeten, den ich je betreten habe. Hier hätte selbst Dante geschwiegen. Keine Ahnung, warum der Laden so hieß. Eine Hommage an eine Frau? Dann strotzte der Namen nur so vor Fehlern. Irgendwie dachte man an Maggi oder Magie. Sei’s drum. Hinein in die modrige Höhle, in der trotz vorgerückter Stunde noch die Rollläden unten waren. Wir bestellten die erste Runde Weizenbier und Obstler.
Der Wirt machte einen schmierigen, kaputten Eindruck, in der Tat gab es schon zwei Jahre später weder diesen Wirt noch die „Super-Maggy“. Er trug die Gläser, noch traumblöde vom Restalkohol des Vortags, einzeln und mit beiden Händen an unseren Tisch. Er musste tatsächlich beide Hände nehmen, um das bockige Weizenbierglas in seinen zitternden Griffeln zu bändigen. Aus der Jukebox tönten Lieder, die niemals in irgendwelchen Charts auftauchen werden und nur für solche Kneipen wie diese unsere gegenwärtige geschrieben worden sind, weil sie hier einfach am besten hinpassen. „Einer ist immer der Loser“, lautete der trostlose Refrain, „einer muss immer verlieren“. Tja, und die Zielgruppe dieser Zeilen war augenscheinlich hier versammelt: hinter und vor dem Tresen (dort lungerten die üblichen Alkoholiker unbestimmten Alters herum, fettige wie angeklebt oder aufgemalt wirkende Haare, grobporige fleckige Haut, von rotem Geäder ziseliert, speckiges braunes Cord-Jackett, den Kopf stumm gesenkt und ins Glas starrend) sowie an unserem Tisch. Im Hintergrund zwitscherten die einsamen Daddelautomaten ihre sinnlose Melodie, Lockrufe im elektronischen Urwald. Noch blieb ihre Balz ohne Erfolg.
Ich ging hinaus, um dem durch das erste Bier motivierten Morgenurin freien Lauf zu lassen. Die Toilette war eine Kloake, knöcheltief watete man in einer halbschleimigen Mischung aus Urin, Kotze und Dreck. Von Ferne hörte ich immer noch das deprimierende Lied aus der Musikmaschine. So beginnt immer alles: Ich sitze mit ein paar Freunden in der „Super-Maggy“ und sie spielen das Lied. Natürlich bin ich ein Loser. Wem wollte ich in dieser Frage ernsthaft widersprechen? Aber hier kann ich Loser sein. Denn ein Loser mit ein paar Geldscheinen in der Tasche ist in den Augen der anderen Loser natürlich ein Alphatier, Gott über die nächsten Thekenrunden Ouzo oder was auch immer. Selig sind die Trinker, denn ihnen wird das Erdreich sein.
Als ich zurück kam, begrüßte mich Duffy, einer der traurigen Todeskandidaten an der Theke – die ersten Aktivitätsflecken hatte das Bier schon an Hals und im Gesicht entflammt – mit dem Spruch: „Bist gerne mit deinem Schwanz alleine oder was?!“ Was ich lässig mit einem „Gehänge wie ein Shetland-Pony. Will hier niemanden deprimieren“ konterte. „Himmelarschsackzement“, so der unentschiedene Kommentar von einem weiteren Thekenbewohner, halb ironisch, halb den Wortwitz des Dialogs anerkennend. Schließlich wollte hier keiner was auf die Schnauze zu dieser frühen Stunde. Aber es geht uns gut. Wir sind alle eine große Familie. Und deswegen konnte ich es wagen, mit ein paar Münzen einen neuen musikalischen Weg an der Jukebox einzuschlagen: „Blue Monday“ von New Order.
Gibt es eigentlich irgendjemand, der noch hier sitzen würde, wenn es einen anderen Platz gäbe? Hätte ich 5000 Euro auf dem Konto, würde ich doch nicht in der „Super-Maggy“ sitzen, sondern in einer Bar in Rio. Eine nubische Göttin würde mir einen blasen, während ich mir armlange Lines Koks vom Tresen in die Birne zöge. Dieser von mir geäußerte Gedanke wurde von meinen Begleitern, Django und Dirk, mit anerkennendem Lächeln bedacht. Während Django zu einer Antwort anhob, winkte ich dem Wirt mit meinem leeren Bierglas zu und machte mit der anderen Hand eine kreisförmige Bewegung, die andeuten sollte, es handele sich hier um eine ganze Runde Bier, die zu bestellen sei. Um uns das immer gleiche trübe Licht und die Rauchschwaden – ein Wort, das man in diesem Loch nur noch als „Rauschwahn“ lallen konnte.
„Wenn ich Geld hätte, würde ich ein fettes Haus mieten und jeden Tag eine abgefahrene Party machen“, erklärte Django, der seinen bescheuerten Spitznamen seinem pubertären Leichtsinn, namentlich seiner damaligen Vorliebe für Italo-Western, zu verdanken hatte. Er hatte ähnlich schmierige schwarze Haare wie der Wirt, trug sommers wie winters ausnehmend hässliche kurze Jacken in allen Variationen von Grau (oder heißt es: des Grauens?) und hatte eine nervenzerfetzend quäkende Stimme. Schon näherten sich die nächsten Biere, wiewohl der Wirt durch das Lokal wie durch schwere See schlingerte. Immerhin schon zwei Gläser auf einmal. Offenbar hatte sich der berufsmäßige Gastgeber selbst bereits etwas gestärkt. Aufgrund seines gefassten und ruhigen Eindrucks konnte ich es wagen, noch eine weitere Bestellung aufzugeben und alsbald wurden noch ein paar Obstbrände gereicht.
„Dann reicht es ja, wenn du Geld hast“, nahm Dirk den Gesprächsfaden wieder auf. „Und ich komme dann eben einfach jeden Tag bei dir vorbei“. Dirk hatte sich bereits in jungen Jahren den Spitznamen „Die Trinkmaschine“ erworben, zog es aber vor, mit seinem kurzen Taufnamen gerufen zu werden. Er war für die gewaltigen Mengen Bier und Schnaps, die er zu verzehren bereit und in der Lage war, erstaunlich schlank, ja geradezu drahtig. Er führte dies, wenn er auf diesen Umstand angesprochen wurde, auf den Unterschied zwischen Magen- und Lebertrinkern zurück. Die zukünftig durch Leberzirrhose vernichteten Existenzen wirkten immer dünn und gelblich-fahl, die dem Magendurchbruch zum Opfer fallenden Kollegen seien hingegen aufgedunsen und rotbäckig-verschwitzt. Er selbst sei eben ein Lebertrinker und daher gehe das dann auch so wie es sei „in Ordnung“. Und schon hing sein strohblonder Schnurrbart wieder im Weizenbierglas, aus dem er mit geschlossenen Augen große Schlucke in sich hineinsog.
Kurze Zeit später kam Diego hinein, sein Jogging-Anzug leuchtete weiß und war vergleichsweise sauber. Ouzo-Trinker sehen einfach immer gut aus. Wir nannten ihn Diego, weil er so schlecht Fußball spielen konnte. Er lebte allein in einem winzigen Häuschen am Bahndamm, das ihm seine verstorbenen Eltern hinterlassen hatten. Und in der Tat setzte er sich zu uns an den Tisch und machte eine kurze Handbewegung, die den Wunsch nach einem Ouzo und einem Bier signalisieren sollte. Schweigend und mit gesenktem Haupt wartete er auf seine Bestellung. Diego redete erfahrungsgemäß erst nach einigen Runden und dann meist kryptisches Zeug. So erklärte er einmal, keine Litauer zu mögen. Keiner von uns war je in Litauen gewesen noch würde er je hinkommen, keiner kannte Litauer, die sich einfach nicht in unsere Kleinstadt verirren wollten. Dennoch war es Diego immer ein Bedürfnis, die Quintessenz irgendwelcher hirnschwurbeligen Überlegungen zum Besten zu geben. Wie er darauf kam, hatte er vergessen und wir wollten es auch nicht wissen. Die Höflichkeit gebietet es mir, den Ausdruck nicht zu verwenden, aber Django bezeichnete Diego in dessen Abwesenheit gerne als „asoziales Stück Rattenscheiße aus der Gosse“.
Nun betrat Eberhard das Etablissement. Obwohl wir selbst nur Sozialhilfeempfänger sind, ist dieser kleine, langhaarige, in erdfarbenes Zeug wie etwa den obligatorischen Bundeswehrparka gehüllte Mann mindestens eine Stufe unter uns. Denn er hatte bereits jegliches Gefühl für Anstand und Würde verloren und schnorrte hemmungslos all die anderen Loser an, die er im Laufe des Tages in der Stadt traf. Ich scheue mich nicht, von Anstand oder Würde zu sprechen, auch wenn ich mich damit in den Augen mancher Zeitgenossen bereits gefährlich dem finsteren Reich der bürgerlichen Reaktion nähere. Im Prinzip war die gesamte weitläufige Umgebung unseres netten Kurstädtchens ein Minenfeld zorniger Gläubiger, denen Eberhard aus dem Weg gehen musste. Dennoch trieb es ihn jeden Tag wieder hinaus, neue Gläubiger zu gewinnen und alte zu beruhigen, ja gelegentlich auch Teilsummen zur Auszahlung zu bringen, um hier bereits die Basis für neuerliche Bettelattacken zu legen. Zwanzig Euro zurück zahlen, zechen und sich zur Begleichung der Rechnung eine Stunde später zehn Euro leihen – das war Eberhard. „So lend me ten pounds and I buy you a drink“, wie es bei den Pogues heißt. Und wie immer hatte dieser gefährliche Geselle natürlich seinen schwarzen Köter dabei, dieses wandelnde Milbennest.
Man kann auch mit Stil Sozialhilfeempfänger sein. Im Winter lasse ich es mir beispielsweise nicht nehmen, auf den dreißig Metern von meiner Wohnung zum Einkaufszentrum Handschuhe anzuziehen, nur um sie sogleich mit einer manierierten Geste, die meine gelangweilte blasierte Selbstzufriedenheit dokumentieren soll und die vermutlich selbst Oscar Wilde ein anerkennendes Zucken der Augenbraue abgerungen hätte, im Aldi wieder auszuziehen. Wir beschlossen, durch diverse Biere und Schnäpse mutig geworden, eine Expedition zur Bahnhofskneipe zu wagen, die auf den schönen und rätselhaften Namen „Distant Smile“ getauft worden war. Eine tiefergehende Begründung für diesen Ortswechsel gab es nicht. Er war auch nicht nötig. Wir hatten einfach das Gefühl, es müsse jetzt weiter bzw. woanders hin gehen. Im Hinausgehen schmetterte ich Eberhards offensichtliches Ansinnen mit einer souveränen Geste ab, bevor er noch das Plärrloch öffnen konnte.
Ich wollte selbst mal eine Gaststätte mit dem Namen „Die einzige Kneipe, die man vom Weltraum aus sehen kann“ eröffnen. Am Tresen brummen die zehn stadtbekannten Profi-Alkoholiker, von denen ich mich leidlich ernähren würde, wie tibetanische Mönche bei ihren gemeinsamen Zeremonien. Ommm ... nur gelegentlich unterbrochen von wichtigen Sportübertragungen im Fernsehen. Könnte ich vom Alkoholismus meines Freundeskreises leben? Quasi als ewiger Mittelpunkt einer endlosen Party? Wie lange würde das gut gehen? In der Gastronomie finden Kapitalismus und Entropieprinzip zueinander: Alles muss schnell genossen werden, weil es dem Gleichgewichtszustand der aktuellen Raumbedingungen zustrebt. Kohlensäure verfliegt, Eiswürfel schmelzen, Bier wird schal, Suppen, Schnitzel oder Kaffee werden kalt. Langwierige Rituale des Genusses widersprechen eigentlich der Schankordnung und überhaupt der Ordnung unserer Gesellschaft. „Trink, sonst sind die Blubberbläschen gleich weg!“ So sprachen unsere Eltern zu uns. Meine Kneipe wäre ein Ort des langsamen Genusses. Viele kleine Biergläser, immer neue Eiswürfel, eine Mikrowelle im Gastraum zur erneuten Erwärmung der Speisen, Briefkästen für Stammgäste – da könnte man sich einiges einfallen lassen.
(aus „Die singende Fleischwurst“ von Rondo Delaforce)
Manfred Mann’s Earth Band – Tribal Statistics. http://www.youtube.com/watch?v=7Tmfvhx31U4

Samstag, 25. Oktober 2014

Bonetti als Wirtschaftsfaktor

Es ist bisher weder im Feuilleton noch in der Ökonomie genügend gewürdigt worden, welchen Einfluss das künstlerische Schaffen von Andy Bonetti auf die Region, auf die Stadt Bad Nauheim und den Wetterau-Kreis, aber auch auf das gesamte Bundesland Hessen hat. Nehmen wir den winzigen Ort Grafenfels als Beispiel. Hier wohnen tapfere kleine Angestellte, oft nur mit befristeten Arbeitsverträgen und sehr kleinen Kindern, in die sie ihre ganze Hoffnung gesteckt haben. Viele von ihnen arbeiten am nahe gelegenen Flughafen und ihre flachen, breiten Schädel mit den verzerrten Gesichtszügen erwecken den Eindruck, als hätten sie sich im Schmerz des Fluglärms gebildet. Aber Grafenfels ist der Ort, in dem „Die Legende von Yak und Yakeline“ spielt, jene zauberhafte Liebesgeschichte zweier Menschen, die jahrelang in verschiedenen Schichten im Duty-Free-Shop des Flughafens arbeiten und erst in einer stürmischen, aber dennoch äußerst romantischen Novembernacht unter der Dorflinde zueinander finden. Ganze Busladungen literaturbegeisterter Menschen aus aller Welt kommen nach Grafenfels, um die Linde zu fotografieren, die eigentlich nur eine Erfindung Bonettis ist und nach dem Siegeszug dieses herzzerreißenden Beziehungsromans, der in einundvierzig Sprachen übersetzt wurde, erst eilig gepflanzt werden musste. Es gibt einen Souvenirshop und mehrere Landgasthöfe, die von diesem Buch leben.
Bad Nauheim selbst ist zu einer Pilgerstätte der Weltliteratur geworden wie Prag mit Franz Kafka oder Dublin mit James Joyce. Jedes Jahr am 14. August wird der Heinz-Pralinski-Tag feierlich begangen, die einzig und allein dieser wichtigsten Romanfigur im Werk Bonettis gewidmet ist. Die Stadt ist dann voller Fans, die man an ihren hellbraunen Cordhosen, dem Seitenscheitel drei Finger über dem Ohr und einem Regenschirm mit Schottenmuster erkennen kann (Pralinski ist in der Kleinstadt Schotten am Westhang des Vogelsbergs, etwa dreißig Kilometer von Bad Nauheim entfernt, zur Welt gekommen). Das Bonettimuseum auf dem Rathausplatz, in dem nicht nur die Kopien des Literaturnobelpreises und anderer Preise ausgestellt sind, die Bonetti gewonnen hat, sondern auch sein Lieblingsteddy, der Zollstock, mit dem er sein erstes Bier aufgemacht hat, die Originaleinrichtung seiner Studentenbude in Kassel, diverse von ihm benutzte Schreibmaschinen, Computer und Kugelschreiber sowie einige von ihm selbst gemachte Zeichnungen auf Bierdeckeln, besuchen jährlich mehr als zwei Millionen Menschen. Auch hier profitieren Handel und Gastronomie in hohem Maße. Kein Restaurant kann es sich leisten, das Lieblingsessen von Andy Bonetti, Jägerschnitzel mit Pommes frites, Kaiserschmarrn und Lasagne, von seiner Speisenkarte zu streichen. Selbst ortsansässige Chinesen und Türken bieten diese Gerichte an. In Anspielung auf die weltberühmte Erzählung „Bonetti auf der Buchmesse“ gibt es in der Innenstadt Hot-Dog-Stände, wo man drei Hot-Dogs für den Preis von zwei bekommt.
Und ähnlich ist es auch in Kelsterbach, Schwalmstadt, Butzbach und den anderen Orten, die Bonetti in seinem Werk verewigt hat. Bonetti selbst schweigt zu diesem Sachverhalt und nimmt die Huldigungen der Gesandtschaften aus allen Teilen Hessens nur an ausgewählten Tagen entgegen. Dann tragen kleine Mädchen mit Schleifen im Haar Gedichte vor, die das lobende Andenken Bonettis zum Inhalt haben, Schulchöre singen und menschliche Pyramiden werden zu seinen Ehren gebildet. Bürgermeister und Germanistikprofessoren überreichen kostbare Füllfederhalter, goldene Korkenzieher, ganze Kisten voll edelstem Champagner und feinster Schokolade, Torten in B-Form und Schweinehälften. Es wird gemunkelt, dass Städte wie Gießen oder Marburg hohe Summen geboten haben, um endlich auch einen Platz in Bonettis literarischem Universum zu finden, bevor dessen Schaffenskraft und Sprachgewalt eines fernen Tages endgültig versiegen werden.
P.S.: Im Kometenschweif von Bonettis Berühmtheit hat es auch das naturtrübe Kellerbier der Bad Nauheimer Brauerei „Emil Kesselhemd und Söhne“, die in siebter Generation von Rita Reuschlein, geb. Kesselhemd, geführt wird, zu einer bundesweit stark nachgefragten Marke gebracht. Das Werbemaskottchen „Halbstrack der Schwere“ geht auf eine Bierdeckelkritzelei von Andy Bonetti zurück.
The Chameleons – View from a hill. http://www.youtube.com/watch?v=IN-uChxDFrs

Freitag, 24. Oktober 2014

Memory Lane 2

Hier eine Passage aus meinem Roman „Rheinkind“, in dem dieser alte Freund verewigt ist:
Er verließ den Schulhof und ging zu seinem Rad. Mit dem Ranzen auf dem Gepäckträger fuhr er zum nahen Bahnhof. Links vor dem Säulenportal des Gebäudes stand eine Imbissbude in Form eines Fliegenpilzes. Hier belohnte sich der Junge für sein Zeugnis mit Pommes frites, die er mit einem gelben Plastikgäbelchen aus einer spitzen Papiertüte herausfischte. Oben hatte man immer ganz viel Mayo und unten ganz viel Salz. Seine Mutter hatte ihm extra drei Mark zum Essen mitgegeben, die Mark für die Cola sparte er sich. Er würde zu Hause Wasser trinken und sich nächste Woche lieber das neue MAD-Heft im Laden der Benders kaufen.
Als er vor der Bude stand und gerade versuchte, die harten braunen Brösel aus der letzten Ecke der Tüte zu bekommen, stand plötzlich Jan vor ihm. Jan, ein alter Freund aus seiner Grundschulzeit. Er erinnerte sich an frühere Zeiten, in denen er mit seinen alten Freunden durch die Felder gestreift, heimlich Feuer gelegt und Fußball gespielt hatte.
„Der Zirkus ist da“, rief ihm Jan freudestrahlend zu.
„Echt?“ fragte der Junge überflüssigerweise. Er warf die Papiertüte in den Mülleimer und stieg auf sein Rad.
Sie fuhren, so schnell sie konnten, an den Gleisen entlang, durch die Unterführung und durch das Werksgelände der Firma. In Ingelheim-West gab es an der Veit-Stoss-Straße ein großes Mietshaus mit fünf Stockwerken, das jeder nur „das blaue Haus“ nannte. In diesem Haus wohnte Jan mit seiner Familie. Der Vater war schrecklich, er schrie seine Kinder oft an und schlug sie. Nördlich der großen Wohnanlage waren Wiesen und Felder bis zur Autobahn. Und genau hier, an der Matthias-Grünewald-Straße, war jeden Sommer ein Wanderzirkus.
Als sie endlich ankamen, waren schon einige andere Kinder da. Sie standen neugierig um die drei Holzwagen herum, die einen Kreis um ein Stück Wiese bildeten. Der Zirkus war nicht groß. Eigentlich war es nur eine einzige Familie, wie es schien. Die Erwachsenen saßen auf Holzkisten an der Feuerstelle und sprachen in einer unbekannten Sprache miteinander. Ein Mädchen balancierte mit einer Stange auf einem Seil, dass nur eine Handbreit über dem Boden zwischen zwei Pfosten aufgespannt war. Ein anderes Mädchen saß auf einem großen weißen Pferd, das von einem Jungen in zu kurzen Hosen im Kreis geführt wurde. In einem der Wagen waren ein paar Rhesusaffen mit Halsbändern angekettet. Ein barfüßiges Kind fütterte sie gerade mit Obst und Brot.
Der Junge und sein alter Freund traten näher. Hier fühlte er sich immer wohl. Nur schade, dass er morgen schon wieder zu seinen Großeltern fahren musste. Aber seine Mutter konnte nicht für die ganzen Sommerferien Urlaub beantragen, er wusste es und widersprach auch nicht. Früher hatte er sich jeden Nachmittag beim Zirkus herumgetrieben, wenn er in der Stadt war. Und er war immer traurig, wenn der Wanderzirkus eines Tages verschwunden war. Affen, Pferde und ein paar Kunststücke – die Aufführungen waren langweilig, aber die vertrödelte Zeit nach der Schule war herrlich gewesen. Und die Erwachsenen waren auf unerklärliche Weise freundlich zu den Kindern und nahmen sich für alles Zeit, so als ob sie Millionäre wären.
Einmal hatte eine alte Frau dem Jungen sogar aus der Hand gelesen. Sie hatte ihn angelächelt, ein Gesicht voller Falten und Zahnlücken, und dann gesagt, seine Lebenslinie sei sehr lang und stark, er hätte eine starke Gesundheit und einen festen Willen. Die Kopflinie weise auf Klugheit und Phantasie hin. Allerdings sei die Herzlinie unterbrochen und die Schicksalslinie nur kurz, was auf wenig Erfolg in Liebe und Beruf hindeute. Aber am Ende seines Lebens würde sich alles zum Guten gewendet haben. Der Junge hatte es nicht vergessen.
Als er den Zirkuskindern zusah, die sich die Affen auf die Schultern setzten, erinnerte er sich auch an das angeblich zahme Kaninchen, das er auf dieser Wiese vor ein paar Jahren gefangen und mit nach Hause gebracht hatte. Man konnte diese wilden Tiere streicheln und in den Arm nehmen. Es schien wie im Paradies, aber in Wahrheit sind sie blind und hilflos gewesen, todgeweihte Kuscheltiere. Seine Mutter hatte nur entsetzt den Kopf geschüttelt, als er es damals in die Wohnung trug. Das Kaninchen hatte eine Krankheit namens Myxomatose gehabt und war kurz darauf verstorben. Er hatte lange getrauert, war aber auch für einen kurzen Augenblick glücklich gewesen, so tiefe Trauer empfinden zu können.
Van Halen- Runnin' with the devil. http://www.youtube.com/watch?v=Bl4dEAtxo0M

Leitgedanken

„Müßiggang ist allen Geistes Anfang.“ (Franz Werfel)
„Um die moderne Welt zum Leben wachzurütteln, muss das Lob der Faulheit angestimmt werden.“ (E. M. Cioran)
„Was man nicht im Bett tun kann, ist nicht wert getan zu werden.“ (Groucho Marx)
„Wer fähig ist, in Muße zu leben, der kann nicht anders als in Muße sein; wer nicht fähig ist, in Muße zu leben, der vermag die Muße nicht zu ertragen.“ (Dschuang Dsi)
„Die Muße ist die Schwester der Freiheit.“ (Aristoteles)
„Christus hat nicht gearbeitet.“ (Leo Tolstoi)
„Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klasse.“ (Oscar Wilde)
„Übe die Reglosigkeit, beschäftige dich mit Untätigkeit, finde im Verzicht Genuss – und du siehst das Große im Kleinen, das Viele im Wenigen.“ (Laozi)
„Einsamkeit und Faulheit liebkosen die Phantasie.“ (Fjodor Dostojewski)
„Ich glaube, dass auf der Welt viel zu viel gearbeitet wird und dass unermesslicher Schaden hervorgerufen wird durch die Überzeugung, Arbeit sei etwas Heiliges und Tugendhaftes.“ (Bertrand Russell)
„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maß zu verstärken... Wenn Müßiggang wirklich der Anfang aller Laster ist, so befindet er sich also wenigstens in der Nähe aller Tugenden; der müßige Mensch ist immer noch ein besserer Mensch als der Tätige.“ „Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen. (...) Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch - und selbst zur Faulheit nicht!“ (Friedrich Nietzsche)
„ ... denn der Fleiß und der Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, welche den Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehren.“ (Friedrich Schlegel)
„Nur ein ruhendes Gewässer wird wieder klar.“ (Tibetanisches Sprichwort)
The Stranglers – La Folie. http://www.youtube.com/watch?v=yNB5FMQqpwQ

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Film und Wirklichkeit

Die Parallelen zwischen der Star Wars-Filmreihe und den Ereignissen der letzten Jahre sind verblüffend. Im ersten Film „Star Wars“ (Episode IV nach neutestamentarischer Zählung) zerstören die Rebellen den Todesstern, eine Analogie zu den Türmen des World Trade Centers in New York. George W. Bush ist der Imperator, Rumsfeld ist Darth Vader (dessen schwarze SS-Uniform inklusive lackiertem Wehrmachtshelm zu Rumsfelds deutschen Vorfahren und seinen Weltherrschaftsplänen passt). Im zweiten Film "The Empire Strikes Back" werden dann im Gegenzug die Basislager der Rebellen zerstört, so wie Afghanistan 2001 und Irak 2003 - bis zu den heutigen Militäreinsätzen. Aber wo und in welcher Form kehren die Jedi-Ritter des dritten Films zurück? Kann das amerikanische Imperium zu unseren Lebzeiten gestoppt werden? Und wie finde ich Meister Yoda, wenn ich da mitmachen möchte?
„Der hilflose Zorn des Taxi Driver, die liebenswerte Melancholie von American Graffiti. Monthy Python’s Flying Circus beweist, wie richtig wir mit unserem Sarkasmus liegen. Woody Allen hilft uns, mit den unfassbaren Dramen der Geburt, des Lebens und des Todes fertig zu werden. Hat uns der Humor nicht allen das Leben gerettet? Hitchcock führt uns zu unseren geheimsten Ängsten zurück. Gemeinsam mit James Dean fühlen wir uns unverstanden und einsam. Mit geballten Fäusten hören wir das Lied vom Tod. Wir wollen Darth Vaders Imperium ebenso zerstören wie Saurons Reich im Herr der Ringe. Und wir wissen, dass die Liebe Das fünfte Element ist, das alle anderen Elemente zusammen hält. Mit dem Blade Runner fliegen wir ins düstere nächste Kapitel unserer Weltgeschichte. In Kubricks 2001 geraten wir ans Ende unseres kleinen Verstandes. Alle unsere Leidenschaften können durch das bloße Sehen erregt werden. Nicht zu vergessen die Klassiker wie Metropolis oder Chaplins Moderne Zeiten, die uns die Machtmechanismen dieser Gesellschaft in ihrer nacktesten, schamlosesten Form zeigen, bevor diese Mechanismen auf subtilste Weise verfeinert wurden und sich in den unüberschaubaren Apparat der globalen Ursache-Wirkungs-Ketten verflüchtigt haben.“ (aus „Die singende Fleischwurst“ von Rondo Delaforce)

A walk down memory lane

Gestern war ich mit meinem alten Kumpel, der aus Amerika zu Besuch gekommen ist, in unserem alten Viertel: Ingelheim-West.
„Bis 1963 gab es diesen Stadtteil noch gar nicht. Er wurde für die wachsende Belegschaft der Firma, aber auch für Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten und Mitarbeiter des neugegründeten Fernsehsenders ZDF gebaut, dessen Anstaltsgebäude nur wenige Kilometer entfernt auf dem Lerchenberg lag. Hier gab es zuvor nur die Rheinstraße als Verbindung zwischen Ingelheim und Frei-Weinheim am Flussufer. Die Straße führte durch eine sandige Gegend, sie war von Kiefern und Robinien gesäumt. Die Straße vor seinem Haus führte also ursprünglich durch den Wald. Ein Paradies für Kaninchen, Mäuse und Füchse. Die Rheinstraße traf am „Roten Türmchen“ auf die Straße zwischen Bingen im Westen und Ingelheim im Osten. Hier war früher eine Hinrichtungsstätte auf dem weithin sichtbaren „Galgenbuckel“, nur wenige Hundert Meter von seinem Kinderzimmer entfernt. 1778 wurde hier zuletzt eine Frau hingerichtet, eine 18jährige aus dem Nachbardorf Wackernheim, die ihr Neugeborenes getötet hatte. Sein Vater hatte erzählt, dass man an dieser Stelle siebzig Jahre zuvor bei Vermessungsarbeiten ein Skelett gefunden hatte, an dessen Knochen noch eiserne Ketten gehangen hatten.
1903 wurde auf dem Gebiet des heutigen Ingelheim-West eine Chemische Fabrik gebaut. Gelegentlich gab es Brände, 1906 sogar eine große Explosion. Mitte der fünfziger Jahre schloss die Fabrik, in der Teerdachpappe hergestellt wurde, für immer. Die Villa der Bankrott gegangenen Fabrikbesitzerfamilie, die der Legende nach bereits in den goldenen Zwanzigern ihr Vermögen in Spielcasinos und diversen anderen Etablissements in Paris verschleudert hatte, stand immer noch. Sie war völlig zu gewuchert und für die Kinder Gegenstand der wildesten Fantasien. Angeblich war schon einmal ein Junge auf dem Grundstück gewesen, es gäbe ein Loch im Zaun, eine alte Hexe oder wahlweise ein böser Mann wohnten dort, jedenfalls alles höchstgefährlich und verwunschen.“ (Aus „Rheinkind“, einem autobiographischen Roman, den ich 2013 veröffentlicht habe)
Wir gehen durch die alte Wohnanlage, in der wir unsere Kindheit verbracht haben. Die Häuser sind frisch gestrichen und die Vorgärten sind neu angelegt worden. Der Sandkasten, die Wippe und die Schaukel sind verschwunden, neue Bäume sind gepflanzt. Als Kinder haben wir hier immer gespielt, an diesem Nachmittag spazieren wir allein zwischen den Sechs-Familien-Häusern umher. Auf dieser Wiese zwischen den vier Häusern haben wir uns nachmittgas getroffen. Meistens haben wir Fußball gespielt, manchmal auch Räuber und Gendarm oder Verstecken. Um 18 Uhr gab es in jeder Familie Abendbrot, da musste man zu Hause sein. Einige Kinder wurden vor dem Haus mit einem Gartenschlauch vom gröbsten Dreck befreit, bevor sie die Wohnung betreten durften. Bei Regenwetter oder im Winter trafen wir uns in irgendeinem Kinderzimmer und haben mit unseren Action-Figuren gespielt („Big Jim“ war der Berühmteste, ich hatte „Hard Rock“), mit den Plastiksoldaten, die schachtelweise verkauft wurden, oder wir haben Brettspiele wie „Risiko“ gespielt, oft auch Quartett (Autos, Kriegs- oder Handelsschiffe, Militär- oder Zivilflugzeuge, Panzer).
http://www.action-team.at/hardrock.htm
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41558579.html
Alle, die wir kannten, sind fortgezogen, J. entdeckt nur den Namen eines früheren Nachbarn auf dem Klingelbrett. Schräg gegenüber ist das Tengelmann-Haus. Tengelmann hat längst geschlossen und musste einer trostlosen Glücksspielhalle weichen. Auch den Kiosk gibt es nicht mehr, in dem wir Comic-Heftchen, Süßigkeiten ab zwei Pfennig aufwärts, kleine Cowboys und Soldaten aus Plastik, Revolver und Zündplättchen, Verkleidungen für Fastnacht und Wassereis in Plastikschläuchen gekauft haben. Die „Dalmatinerstuben“, das jugoslawische Restaurant der Eltern eines Freundes, sind ebenfalls verschwunden. Das völlig verwilderte und verwunschene Villengrundstück, auf dem wir als Kinder einen geheimnisvollen Zauberer vermutet haben, ist gerodet, das alte Haus hat einen modernen gläsernen Anbau, dessen Anblick schmerzhaft ernüchert.
An unserer alten Grundschule, die damals nach Kurt Schumacher benannt war, versperrt ein hoher Gitterzaun den Zugang zum Schulhof. Wir schauen durch die hohe Glaswand in die Turnhalle und auf der anderen Seite des Geländes durch ein Fenster in unser altes Klassenzimmer, wo für uns 1972 die Schulzeit begann. Hinter der Schule war damals nur Feld und Wald, heute ist hier ein Gewerbegebiet inklusive einem McDonald’s. Wir schlendern hinüber zum Gebäude, wo wir in der zweiten bis vierten Klasse unterrichtet wurden. Ich erinnere mich, dass ich hier auf der Treppe zum Klassenzimmer im ersten Stock meinen allerersten Kuss bekommen habe. Oder zum allerersten Mal geküsst habe. War ich aktiv oder passiv? Habe ich alles nur geträumt? Nein. Sie hieß Susanne und hatte eine blonde Kurzhaarfrisur wie Jean Seberg in „Außer Atem“. Und es war ohne Zunge. Muss mir ja keiner glauben. Ist mir egal.
Wo früher der Wanderzirkus im Sommer seine Zelte aufschlug, sind jetzt Einfamilienhäuser. An den alten Wohnblocks gegenüber der Schule fahren wir langsam vorüber, fast überall kannten wir damals Leute. Inzwischen sind sie in München und Mainz, in Münster und Malmö. Sie wurden Rechtsanwalt oder Journalistin, Wissenschaftler oder schwuler Visagist, Ärztin oder alleinerziehende Mutter. In unserer Erinnerung sind sie Kinder geblieben. Das Haus eines anderen Freundes ist abgerissen. Dort, wo wir im Keller wilde Partys gefeiert haben, ist jetzt eine verwilderte Brache, auf der sicher demnächst hochprofitable Eigentumswohnungen entstehen. Unser alter Kindergarten ist noch da und heißt jetzt „Kita Abenteuerland“.
In einem türkischen Imbiss lassen wir bei einer Tasse Tee die Erinnerungen und Menschen Revue passieren. Dann erzählt J. noch ein bisschen über seine Zeit in Kalifornien. Los Angeles ist nicht nur das Mekka des Films, sondern auch der Musik. Überall trifft man gute Musiker. Die Frauen sind alle Schauspielerinnen, Models, Sängerinnen oder Modedesignerinnen – die augenblicklich aber gerade als Kellnerin etwas Geld verdienen müssen. Das erinnert mich an Berlin. Als Gitarrist bekam er manchmal abends einen Anruf, er solle am nächsten Morgen zu einem Casting erscheinen. Man schickte ihm ein paar Stücke, die er bitte über Nacht einstudieren solle. Ein hartes Geschäft, aber er hat in den letzten Jahrzehnten Leute wie Eddie Van Halen, David Gilmour, Ry Cooder oder Sting persönlich kennengelernt. Und etliche andere Stars von Metallica, Black Sabbath, Whitesnake und und und.
Ey, ich kenne jemanden, der Eddie Van Halen kennt! Eigentlich sollte ich für das Lesen meines Blogs Gebühren erheben. Seien Sie froh, dass Sie diese Seite überhaupt anklicken durften!!! Neulich trifft er Eddie, dann trifft er den Kiezschreiber und diese Woche trifft er übrigens noch seinen alten Schulfreund Sven Hieronymus, eine rheinhessische Comedy- und Rocklegende …
P.S.: Seine Tante wohnt in Bad Nauheim und hat Elvis Presley persönlich getroffen. Kein Witz! Und die Vorfahren von Elvis stammen aus Rheinland-Pfalz.
http://www.memphisflash.de/2014/05/alwin-bressler-oder-elvis-presleys-deutsche-vorfahren/
P.P.S.: Remember Cordhosen? Grün oder Braun. Unsere Eltern haben noch in Tarnfarben gedacht.
Van Halen – Eruption. http://www.youtube.com/watch?v=Fi15pZWvww4

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Hilfe (1987)

Die Dämmerung liegt schon dunkelblau über allem, als ich aus schwerem Schlaf erwache. Es ist seltsam still und die Möbel meines Zimmers verbergen sich in konturlosen Schatten, während ich mit größter Mühe den Kopf vom Kissen hebe und mich im Bett aufrichte. Kaum habe ich meine Sinne gesammelt, bemerke ich den unangenehmen Geruch. ‚Mein Gott, es brennt‘, denke ich und springe auf. Beim Blick aus dem Fenster ist nichts zu erkennen, leblos liegt der dunkle Hinterhof unter mir. Unruhige Schritte zur Tür, das zaghafte Öffnen eines Spalts, Leere. Ich gehe auf den Flur hinaus und schaue über das Treppengeländer hinab. Aus der Tiefe dringt der ferne Lärm hastiger Schritte herauf, ein Geräusch, das in seiner Regelmäßigkeit Teil der häuslichen Ausstattung zu sein scheint. Der Brandgeruch verstärkt sich, einer unbedachten Eingebung folgend laufe ich die zahllosen Stufen hinab und lasse meine Wohnung für immer hinter mir.
Als ich endlich am Haustor ankomme, sehe ich es auch: Über allen Dächern, in der ganzen Stadt, wie ich angesichts des mächtigen Widerscheins am Himmel annehme, brennt ein gewaltiges Feuer. Durch Fensteröffnungen flackern gespenstische Flammenarme, die ein ständig wechselndes Licht auf die Menschen werfen, die sich hier zu stummen Haufen zusammen gedrängt haben. Wohin können sie gehen? Überall brennt es. Sie werden hier sicher so lange warten, bis jemand vorbei kommt und ihnen die Rettung erklärt. Die ungeheure Hitze prasselt, die Luft ist kaum atembar, ächzend brechen die Stockwerke des Hauses ineinander.
Da tritt ein älterer Herr in einem eleganten Anzug und eisengrauem Haar neben mich. „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich mich jetzt verabschieden muss.“
„Ja, kennen wir uns denn überhaupt?“ frage ich und fahre mir nervös durchs Haar.
„Haben Sie mich denn all die Jahre nie bemerkt? Aber lassen wir das, Sie werden alleine zurechtkommen müssen.“
Noch bevor ich meine Gedanken sortieren und meine Voreiligkeit bedauern kann, dreht sich der Mann um und geht über den Platz davon. Mit ängstlicher Neugier sehen ihn die Menschen an. Wird er sie aus dieser Hölle hinaus führen? Einige springen schon auf. Doch nein, er ist es nicht, ihnen kann er nicht helfen. Enttäuscht setzen sie sich wieder. Nur ich nehme ihn noch wahr, als er zwischen zwei brennenden Häusern für immer verschwindet.
Paul van Dyk – Emergency 911. http://www.youtube.com/watch?v=HpPVy8bh4Ek

2000

Auszüge aus dem Notizbuch:
3. Januar, Schweppenhausen. Scheiß Millennium! Mindestens ein Jahr hat man uns die Außergewöhnlichkeit dieses Umspringens des Geschichts-Tachos von 1999 auf 2000 einzureden versucht. Und diese aufgeregte Medienkinderkacke wird weitergehen. Aber das 21. Jahrhundert liegt nicht wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns, Akteure und Handlungsschemata sind schließlich bekannt. Zum Glück war es ein ganz normales Silvester, die vorhergesagten Computerprobleme blieben aus. Je näher das Ereignis rückte, desto nüchterner wurde es von den Menschen betrachtet. Wer kann schließlich ernsthaft etwas mit dem Begriff „Jahrtausend“ anfangen? So wenig wie mit „Milliarde“ oder „Lichtjahr“. Ich habe ganz gemütlich mit meinen Freunden gefeiert und mir das Dorffeuerwerk angeschaut.
4. Januar. Diese Botschaft fand ich in einer „Zeitkapsel“, einer versiegelten Pappröhre mit der Aufschrift „Diese Urne darf erst im Jahr 2000 geöffnet werden!!!“, die ich als zwölfjähriger Junge am 1. Juni 1979 versiegelt habe: „Wer dieses später einmal liest, der wird in einer Welt wohnen, die anders ist als meine. Wir in meiner Zeit glauben, dass man im Jahr 2000 Dienstroboter haben wird, die einem alles machen, und dass man zu fernen Planeten fliegen kann. Wir glauben auch, dass man Kontakt zu außerirdischen Wesen aufnehmen wird. Manche Menschen sahen schon am Himmel unbekannte Flugobjekte mit menschenähnlichen intelligenten Wesen an Bord. Ich hoffe, dass der Mensch sich nicht zu sehr von der Technik abhängig macht. Vielleicht sind Roboter, Computer und Atomwaffen unser Ende. Viel Glück in deiner Welt.“
9. Januar, Berlin. Er steht morgens überhaupt nur auf, weil man im Sitzen besser trinken kann als im Liegen. Es ist der Bierdurst, der ihn am Nachmittag aus dem Bett treibt.
23. Januar. Idee für ein Denkmal: Ein übergewichtiger Mann mittleren Alters in Unterwäsche und Hausschuhen, der ein Dosenbier in der Rechten hält und sich mit der Linken am Hintern kratzt. Widmung: „Dem unbekannten Konsumenten.“
6. Februar. Wie kommt es eigentlich, dass ich über hundert Kilogramm wiege? Rekapitulieren wir mal, was ich gestern gegessen habe: Es begann mit einem Stück Käsekuchen am späten Vormittag. Gegen Mittag eine Portion Fleischsalat mit Brötchen. Dann Krupuk, diese Vorspeise blieb gestern Abend bei meinem mehrgängigen Menü vom chinesischen Lieferservice übrig. Gegen Abend dann eine Pizza, gefolgt von einer Tafel Schokolade. Nachts dann noch zwei Cheeseburger von einem anderen Lieferdienst, das ganze herunter gespült mit einem halben Kasten Bier. Also: wie kommt es eigentlich ...
16. März. Ich sitze in einem Tagungshotel, um mich herum viele Menschen, und betrachte mein Wasserglas. Die Oberfläche wirkt wie Quecksilber. Endlos scheinende Schnüre von Gasbläschen perlen nach oben. Nur sehr wenige zerplatzen und erzeugen winzigste Schwingungen auf dem glatten glänzenden Plateau. Aus dem Mund des Referenten perlen Worte, die mich nicht erreichen, während ich müde und traumblöde auf dieses Glas starre.
11. April. Die vierte Brasilienreise. Lencois in der Chapada Diamantina, ein liebenswertes Aussteigernest. Tagsüber Wanderungen, eine Höhle hinter einem Wasserfall, abends die Stille des Ortes, die Menschen sitzen auf Stühlen vor ihren kleinen Häusern. Die Weiterfahrt mit dem Linienbus verzögert sich um 16 Stunden. N. und ich tauchen endgültig in die Gemächlichkeit der Einwohnerschaft ein, stehen auf der Brücke, die den Ort und die Landstraße miteinander verbinden, und beobachten eine Weile einen blauen Luftballon, der auf dem Flüsschen vorübertreibt. Wir sitzen in Cafés und auf Bordsteinen, Zeit spielt keine Rolle mehr und wir finden den Brasilien-Drive. Salvador de Bahia, Belo Horizonte, Ouro Preto, Rio und schließlich Sao Paulo, wo wir in eine Teenager-Stampede geraten. Nichtsahnend gehen wir die Avenida Paulista entlang, als wir eine lange Menschenschlange sehen. Aus Muße – an den Tagen, an denen man nichts zu tun hat, kann man ja oft das meiste erleben – folgen wir der Schlange, die um zwei weitere Ecken bog. Am Anfang dieser Schlange wollen wir nach ihrem Grund fragen (da am Ende nicht immer alles zu erfahren ist), aber da kommt er schon: Ein Fahrzeugkonvoi mit pickligen Teenie-Stars aus den USA („Hanson“), abgeschirmt von muskulösen Security-Typen. Alle Mädchen (kein Junge, niemand über fünfzehn) rannten kreischend los. Wir konnten uns zum Glück hinter eine Straßensperre retten, einem schmalen Bock aus Holz mit Warnschild, so dass die Herde links und rechts von uns vorbei lief.
8. Mai. Ich glaube, ab Dreißig wird man gar nicht mehr klüger, nur noch gelassener und gerissener.
31. Mai. Zurück aus Wien. Ein Vortrag, ein Interview, einige Besprechungen und viel Zeit für Erkundungen. Lange Straßenbahnfahrten. Die Stadt ist Berlin ähnlich, aber stilistisch geschlossener, eigentlich schöner, auf schöne Art alt. Prag und vielleicht Budapest kommen mir in den Sinn. Spaziergang auf dem Zentralfriedhof, Mozart und Beethoven. Ottakring mit meinem Lieblingsetablissement „Wurscht & Durscht“, Favoriten, wo in einem Heurigen beim „Preisschnapsen“ ein halbes Schwein als Siegprämie ausgelobt wird. Selige Stunden im sonnigen Prater, Schweizerhaus, bei frisch gezapftem Budweiser. Kellner wuchten gigantische Tabletts mit Bierkrügen an die Tische, halten sie mit einer Hand und schreiben mit der anderen Rechnungen. Simmering: eine Zeitreise ins Industriezeitalter, offen zur Schau gestellte Unterschichtzugehörigkeit (Goldketten, Dosenbier) und verbissene Kleinbürgerlichkeit mit Hund. Trostlose Läden, karg möblierte Kneipen, alles frühe Siebziger. Ich stelle mir vor, ich sei nach langjährigem Gefängnisaufenthalt in meine alte Heimat zurückgekehrt und würde mich nun erneut hier umschauen.
15. Juli. Lohn des Wandels: Wir gingen nicht mehr, wir schlenderten, wir machten lange und angenehme Pausen beim Sprechen, wir setzten uns, obwohl wir nicht müde waren, wir betrachteten die Dinge mehrfach, wir hielten an. Dann, erst dann, sahen wir einen blauen Luftballon, der langsam den kleinen Fluss hinab trieb. Jeder Lektor hätte ihn gestrichen, aber er war da. Sicher eine Belohnung.
20. August. Kurische Nehrung in Litauen. Ich wohne mit D. in einem kleinen Holzhäuschen direkt am Haff in Nida. Teilweise fühlt man sich nach Skandinavien versetzt, dunkelrot gestrichene Häuser, Kiefern- und Birkenwäldchen. Dazwischen immer wieder architektonische Ungeschicklichkeiten aus sozialistischer Zeit. Früher machte hier das deutsche Bürgertum Urlaub (Thomas Mann zum Beispiel), dann die russische Nomenklatura, heute wieder Deutsche meist älteren Datums und russische Familien. Letztere baden bei derzeit 17 Grad Wassertemperatur, wenn die Sonne scheint. Auch ältere Frauen machen FKK, ich sehe feiste Weiber mit Bäuchen, die wie Miniröcke oder Fettschürzen den Unterleib verdecken. Wanderungen auf den hohen Dünen und in den Wäldern, ein Lokal lockt den teutonischen Gast mit einer „Kartoffelwurst Helmut Kohl“.
Die verfallene alte Pracht von Klaipeda, vormals Memel. Von dort aus wagen wir uns mit einem Taxi in ein winziges Dorf, wo D. Verwandtschaft hat. Der Besuch auf dem Bauernhof ist wie eine Reise ins 19. Jahrhundert: ein niedriger Bau mit einigen Zimmern nebst außerhäusigem Plumpsklo, ein schnatterndes und gackerndes Sammelsurium von Hühnern, Enten, Gänsen und Truthähnen auf dem Hof, Hund, Katze, Pferd und ein Schweinestall, aus dem unvorstellbare Gerüche dringen, den ich aber aus Höflichkeit gegenüber dem Landwirt besichtige. Wir werden mit Kaffee und Likör, Backwerk, geräuchertem Fisch und Wurst bewirtet. Der alte Bauer spricht noch deutsch, wir übergeben das Geldgeschenk der Familie und unterhalten uns über die Familie und den allgemeinen Gang der Geschichte. Er fragt tatsächlich – und da verschlägt es mir für einen Augenblick die Sprache -, wie der Prozess gegen Marschall Pétain ausgegangen ist (der 1945 auf eine Insel verbannt wurde). Später kutschiert uns seine Adoptivtochter, die nur Russisch kann, in ihrem Opel Kadett-Kombi durch die Gegend. Kugelrund, mit grimmiger Preisboxervisage, Kinder schon in der Pubertät, aber zwei Jahre jünger als ich. Hinter einem Bauernhof, vor dessen Haupthaus ein greises Bauernpärchen wie gemalt mit Kappe und Kopftuch sitzt, ist der kleine Dorffriedhof, von Bäumen umstanden. Wir finden allerdings die Gräber von D.s Großeltern nicht. Was für ein archaisches Leben – und das in Europa. Natürlich kennt man es von Bildern aus Rumänien oder Russland. Wenn man aber für einige Stunden tatsächlich in dieses Leben abtaucht, begreift man erst, wie gewaltig der Sprung in die moderne Gesellschaft, ins Informationszeitalter eigentlich ist. Doch schon die Enkel haben einen Computer …
2. September. Die Verhandlungen mit der Spiegel-Online-Redaktion habe ich erfolglos abgebrochen. Sie suchen einen Wirtschaftsredakteur, aber eher einen Journalisten, der Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen aufbereitet.
Tone Loc – Funky Called Medina. http://www.youtube.com/watch?v=63ZIf2H9S0E

Dienstag, 21. Oktober 2014

Krokodile und Kunstleder

Heute Nacht habe ich geträumt, ich würde in einem Forschungsinstitut am Schreibtisch sitzen und an einem Aufsatz über das Thema Einzelhandel schreiben. Den Beschäftigten würde es immer schlechter gehen, schrieb ich, sie würden weniger verdienen, ihre Arbeitsplätze wären nicht mehr sicher, aus festen Vollzeitstellen würden prekäre Mini-Jobs und der Online-Handel wäre eine ernste Bedrohung für die Geschäfte. Ich schreibe mit einem Stift in ein Notizbuch, dazu fertige ich kleine Zeichnungen an, beispielsweise von einem Lastwagen oder das Porträt eines Einzelhändlers in einem weißen Kittel. Ich erinnere mich an den Vergleich, den ich für die Verschlechterung der Situation heranziehe. Wer glaube, die Entwicklung sei harmlos, der glaube auch, Krokodile und Kunstleder seien gleich harmlos, weil man aus beiden Handtaschen herstellen könne. Der Abteilungsleiter kommt herein, um meine Arbeitsfortschritte am Text zu kontrollieren, und ich sage ihm, dass ich den Institutsleiter sprechen möchte. Mein Vater sei im Krankenhaus und ich solle seine Abwesenheit entschuldigen. Er arbeitet auch an diesem Institut und wird nächste Woche wieder kommen. Der Institutsleiter sei in einer Besprechung, sagt mir der Abteilungsleiter, ich solle es später versuchen. Ich arbeite weiter und bald darauf kommt der Institutsleiter in unser Büro. Ich komme nicht dazu, ihm die Botschaft meines Vaters zu überbringen, denn die Kollegen schleimen sich mit Belanglosigkeiten beim Chef ein, und ich bin zu höflich, um die vorlaute Bande zu unterbrechen.
Tatsächlich habe ich gestern Nachmittag meinen achtzigjährigen Vater in der Mainzer Uni-Klinik besucht. Er hat eine Infektion am rechten Ohr und bekommt mehrmals am Tag Infusionen mit Antibiotika. Er ist seit drei Tagen hier und muss vermutlich noch bis Morgen bleiben. Wir unterhalten uns lange, er sitzt am Tisch auf einem Stuhl, neben ihm ein Ständer mit dem Infusionsbeutel, dessen Schlauch in seinen linken Unterarm führt. Er nimmt die ganze Angelegenheit mit einem Humor, den man früher als unverwüstlich bezeichnet hat. Sein rechtes Ohr war noch vor einigen Tagen angeschwollen und dunkelrot, „da hätte ich mich im Frankfurter Zoo als Elefant melden können“. Die Krankenschwester kommt herein und bemerkt, dass sich die Nadel gelöst hat und die Infusionsflüssigkeit auf dem Boden schon eine kleine Pfütze gebildet hat. Sie fragt ihn in diesem halb militärischen, halb freundlichen Tonfall des Krankenhauspersonals, ob er nichts gemerkt habe, und er antwortet lachend, er merke schon lange nichts mehr. Eine junge blonde Ärztin kommt und soll eine neue Nadel in den Unterarm stechen. Sie ist nervös und Blut läuft auf die Hose meines Vaters, es tropft auf den Boden. Sie entschuldigt sich mindestens ein Dutzend Mal und mein Vater sagt nur: „Da sehen Sie wenigstens, dass noch was drin ist.“ Obwohl ich keine Nadeln sehen kann, drehe ich mich doch um und sehe die Blutlache auf dem Boden. Die Ärztin wirft ein Handtuch auf den Boden und wischt den dunkelroten Fleck mit dem Fuß auf. Als sie gegangen ist, erzählen mein Vater und sein etwa gleichalter Zimmergenosse, dass die Uni-Klinik eben ein Krankenhaus sei, in der junge Mediziner üben können, und garnieren die Erzählung mit Anekdoten voller Schmerz und Blut. Die Ärztin habe zum Beispiel keine Handschuhe getragen und sei mit seinem Blut in Berührung gekommen, stellt mein Vater sachlich fest.
Der Zimmergenosse sitzt die ganze Zeit in einem OP-Kittel am Tisch. Er wartet seit dem Morgen darauf, abgeholt zu werden. Er röchelt entsetzlich und redet nur flüsternd, um nach jedem Satz mit einem schrecklichen Fauchen tief Luft zu holen. Er soll am Kehlkopf operiert werden. Nach einem Schlaganfall ist er halbseitig gelähmt und kann sich kaum bewegen. Dann kommt endlich eine Krankenschwester zu ihm. Sie sagt ihm, seine Operation sei auf den nächsten Tag verschoben worden, weil noch ein Notfall dazwischen gekommen sei. Da er nicht mehr nüchtern bleiben müsse, bringe sie jetzt sein Mittagessen, das man für ihn aufgehoben habe. Er hat acht Stunden umsonst gewartet und bekommt einen ganzen Tag neuer Angst geschenkt. Unendlich langsam schleicht er ins Badezimmer, um sein Gebiss einzusetzen. Dann setzt er sich wieder auf seinen Platz, auf dem inzwischen das Tablett mit Hackbraten und Reis steht. Tief über den Teller gebeugt, isst er mit seiner gesunden rechten Hand.
Ich bin über zwei Stunden in diesem Krankenzimmer, obwohl ich mich nicht wohl fühle. Krankenhäuser sind schreckliche Orte. Die Räume und Möbel sind so unpersönlich, als wäre man in einer Fabrikhalle. Es riecht entweder nach Sauberkeit oder nach Krankheit, aber niemals wie Zuhause. Aber ich weiß, wie sehr man sich über Besuch freut. Ich selbst war im vergangenen Jahr sechs Wochen in drei verschiedenen Kliniken, davon drei Tage auf einer Intensivstation. Mein Vater bringt mich noch bis zur automatischen Tür am Klinikausgang. Auf die Straße würde er mit seinen Hausschuhen nie gehen. Wir geben uns feierlich die Hand, was wir sonst nie machen, da wir uns ja mehrmals in der Woche sehen. Es ist eine merkwürdig melancholische Situation, so als würden wir uns für eine lange Zeit voneinander verabschieden.
Talk Talk – Happiness Is Easy. http://www.youtube.com/watch?v=LyvKDDfTvks

Montag, 20. Oktober 2014

Im Namen des Herrn

Nach einem Jahr auf der Pflegestation des Altenzentrums Ingelheim war mir die Lust am Zivildienst vergangen. Am Ende hatte ich so häufig das Pech, eine Tür zu öffnen und eine Leiche zu finden, dass eine Krankenschwester mir den Spitznamen „Todesengel“ verpasst hatte. Man gewöhnt sich nicht wirklich an tote Menschen, also beschloss ich, die Zivildienststelle zu wechseln. Beim Zivildienstlehrgang Anfang 1986 hatten mir die anderen Teilnehmer noch den Spitznamen „Angel“ gegeben, jetzt war ich also in einem Jahr zum Todesengel geworden.
Ich bewarb mich auf die Stelle des stellvertretenden Küsters der Christuskirche in Mainz und bekam den Job. Die Christuskirche ist so groß wie der Dom und steht auf einer Verkehrsinsel der Kaiserstraße, einer mehrspurigen Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Rheinhafen, was ja durchaus zur protestantischen Ethik passt. Zu meinen Aufgaben gehörten Besorgungen in diversen Geschäften, kleinere Reparaturarbeiten, Rasenmähen und das Fegen des Kirchenvorplatzes. Sonntags musste ich – wie Quasimodo, mein Bruder im Geiste – die Glocken läuten, die Kirche aufschließen und die Liedtafeln anschlagen, damit die Besucher des Gottesdienstes auch wussten, welche Seite des Gesangbuchs sie aufzuschlagen hatten. Ich habe den Messweinkelch poliert und in der Sakristei gewartet, bis der Pfarrer seinen Job erledigt hatte.
Ich leitete eine Kinderbastelgruppe, wo ich einmal in der Woche darauf zu achten hatte, dass sich die Kids mit diversen Bohrmaschinen und der elektrischen Kreissäge nicht gegenseitig massakriert haben. Dabei hatte ich immer denselben kleinen Jungen im Arm, die nie basteln, aber dafür auf dem Arm getragen werden wollte. Die Mainzer Neustadt war damals noch eine Gegend mit dem herben Charme des Proletariats, inzwischen hat auch hier die Gentrifizierung zugeschlagen. Außerdem hatte ich einen Jugendkreis zu leiten, bei dem ich die größeren Kinder an einem Nachmittag in der Woche mit Gesprächen, Musik, Brettspielen und Tischtennis von Drogen und ungewollten Schwangerschaften abgehalten habe. Ich war auch als Betreuer auf der Konfirmandenfreizeit und habe mit den Leuten so beschissenes Brot gebacken, dass selbst dem gutmütigsten Christen beim Abendmahl die Tränen gekommen sind. Damals gab es in der Nähe der Kirche noch eine JVA, wo ein Kumpel von mir wegen Drogenhandels einsaß. Dort habe ich jeden Monat einen Stapel Gemeindebriefe an der Pforte abgeliefert.
In der Gartenfeldstraße hatte ich im Gemeindehaus ein WG-Zimmer, in dem ich nachmittags, wenn nichts zu tun war, Musik gehört und gekifft habe. Um 16 Uhr musste ich immer in der benachbarten Kita die Zimmer auskehren, wo zwischen diesen unglaublich kleinen Stühlen jede Menge Papierschnipsel herumlagen. Freitags habe ich auch immer den Innenhof des Gemeindehauses gefegt. Wenn man den Rhythmus raushat, ist Fegen eine sehr kontemplative Angelegenheit. Zum Abschied habe ich einen Gummibaum geschenkt bekommen, der wider Erwarten lange überlebt hat und den ich bei meinem Umzug nach Berlin weiterverschenkt habe. Das verdammte Ding ist nicht totzukriegen und lebt noch heute bei einem Freund in Schweppenhausen. Meinen Segen hat es.
Van McCoy – The Hustle. http://www.youtube.com/watch?v=qeUfDTn5huM

Sonntag, 19. Oktober 2014

Kleine Unverschämtheiten

Nach einer Wanderung durch den sonnendurchfluteten, herbstfarbenen Soonwald kehren wir zum ersten Mal in einem Gasthaus in Münchwald ein. Hätte ich es nicht vorher recherchiert, wir wären einfach an diesem kleinen Wohnhaus, nein: wir wären gleich an dem winzigen Hunsrückdorf mit 296 Einwohnern vorbei gefahren.
Im Landhaus Münchheide wird so exzellent gekocht, dass wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ich delektiere mich an einer Ente in einer Holunder-Ingwer-Pfeffer-Soße mit Kartoffelgratin und Rucola (das zusätzlich gereichte Rotkraut hätte ich entbehren können), während meine vegetarisch gepolte Reisebegleitung Lobeshymnen über die Spaghetti mit Pesto anstimmt. Wir haben – vielleicht ein letztes Mal in diesem Jahr – im Freien gegessen und es war einfach großartig, inmitten von Bäumen und Sträuchern, gackernden Hühnern auf dem Nachbargrundstück und souverän herumtigerndem Katzenvolk zu speisen. Der Katzennachwuchs scheut sich nicht, auf unseren Tisch zu klettern und frech aus der Kakaotasse zu naschen. Aber sehen Sie selbst:
http://www.landhausmuenchheide.de/
Tom Waits - Downtown Train. http://www.youtube.com/watch?v=ls0xUy3Pils

1999

Auszüge aus dem Notizbuch:
11. Januar. Dialog im Kiosk, U-Bahnhof Spichernstraße.
Ich: Sechs Dosen Bier, bitte.
Verkäufer: Na, da hat aber einer Durst.
Ich (nach kurzem Zögern): Ich bekomme Besuch.
Verkäufer (lacht): Das hätte ich an Ihrer Stelle auch gesagt.
Wir brechen beide in das heisere Lachen der Raucher und Trinker aus. Ich zahle und gehe.
„Heiterkeit oder Freudigkeit sind der Himmel unter dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.“ (Jean Paul)
25. März. Seit 24 Stunden ist die Republik im Krieg. Der Lifestyle-Kanzler hält staatstragende Ansprachen, nicht weit von mir im Interconti an der Budapester Straße, wo der EU-Gipfel stattfindet. Alles so nah – und doch merke ich im wirklichen Leben nichts davon.
31. März. Es war weniger die Erfahrung, sondern das Quecksilber in seinen Zahnfüllungen, das ihn mit den Jahren ruhiger werden ließ.
12. Mai. 1999 – die Jahreszahl klingt wie der Preis eines Supermarktartikels. „19,99 DM. Jetzt im Angebot, nur für kurze Zeit.“
1. Juli. Fortschritt: Was durch die Technik zerstört wird, soll durch die Technik erlöst werden.
2. Juli. Neben der obligatorischen Gesundheit kann man eigentlich nur Phantasie, Humor und Langmut wünschen.
3. Juli. Der Elfenbeinsarg der Wissenschaft. Fünf Monate bin ich offiziell arbeitslos gewesen und habe Arbeitslosengeld bezogen. Trotzdem bin ich jeden Tag ins Büro gegangen und habe am Difu weitergearbeitet. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, die meine Forschung größtenteils finanziert, weiß das auch – das ist die Realität im Forschungsbetrieb. Und auch der jetzige Teilzeitarbeitsvertrag bedeutet selbstverständlich Vollzeit plus unbezahlte Überstunden. Bis zum Vertragsende 2001. Dann geht das Spiel wieder von vorne los.
5. August. Die neunziger Jahre: „Ich will nicht die Welt retten, ich will meinen Arsch retten.“
11. August, „Totalitätszone“. Sonnenfinsternis auf E im Cabrio mit Blick auf den Rhein. Es ist eine Stimmung wie an Silvester, man ist mit der Familie oder Freunden zusammen, niemand arbeitet, alle sind gelassen. Auf Feldern und an Straßenrändern, auf Balkonen und Terrassen stehen Menschen und starren mit ihren Spezialbrillen in den Himmel. Als die Sonne wieder scheint und die Vögel wieder zu singen beginnen, streben alle in die umliegenden Restaurants, als gäbe es Neujahr oder etwas ähnliches zu feiern. Könnte ruhig öfter sein.
7. September. Kapitalismus ist die Kunst, jedem Menschen gerade so wenig zu gewähren, dass er diesem Leben nicht entfliehen kann, und gerade so viel, dass er nicht völlig resigniert. Niemand will wirklich arbeiten, aber alle brauchen Geld zum Leben. Also belügen und betrügen wir uns alle gegenseitig, wenn wir für ein paar Münzen unseren Mund oder unsere Arme bewegen. „Was darf ich für Sie tun?“ Einen Scheiß, wenn die Gehaltsabrechnung nicht stimmt!
27. September. Anagramme: Eberling => Gin Rebel, Bin leger, Nebliger. Matthias Eberling => Shit banal gereimt, Shit magna Bit leer, Gala erbt mein Shit.
16. November. Solange ich am Leben bin, wird Slapstick nicht sterben. Diese Szene ist Jerry Lewis gewidmet: Auf einem Empfang der Bonner Oberbürgermeisterin tönt plötzlich ein elektronisches Wimmern aus meiner Jackentasche. Die Umstehenden erwarten ein Handy, doch ich ziehe meinen kleinen Plastikreisewecker hervor. Im Gelächter halte ich ihn an mein Ohr und imitiere ein Gespräch.
6. Dezember. Eine kleine Weihnachtsgeschichte:
Ich will eine Geschichte erzählen, die sich wirklich zugetragen hat. Es handelt sich hierbei um die wohl grässlichste Flatulenz der Historie. Von allen üblen Leibeswinden, die es je gegeben hat (und es waren derer nicht wenige), nimmt diese Blähung den allerersten Platz ein und verdient daher auch einen eigenen Namen: der Natalinho.
Atze und ich saßen im Busbahnhof von Natal an der brasilianischen Küste fest. Wir hatten zwei „Hamburger“ in einem zweifelhaften Imbiss zu uns genommen und es ging uns wirklich schlecht. Wir hockten auf einer Betonbank in der Wartehalle, elend und schweigend. Da passierte es. Wie immer in diesen Fällen lautlos. Unbemerkt. Verheerend. Eine junge Frau, die etwa einen Meter von uns entfernt stand, merkte es als erstes. Ich sehe die Szene wie in Zeitlupe vor mir: Sie erhascht einen Anflug dieser olfaktorischen Splittergranate und wendet sich augenblicklich mit verzerrtem Gesicht ab, läuft instinktiv ein paar Schritte und dreht sich dann fassungslos und entsetzt zu uns um. Andere erreichte die Welle kurze Zeit später – lautlos, unsichtbar, brechreizerregend – und in wenigen Sekunden hatte sich ein großer menschenleerer Kreis um uns gebildet.
Ich blieb sitzen, trotz des Geruchs und der Schmach, für den Urheber gehalten werden zu können. Heute überwiegt jedoch die sportliche Anerkennung und auch ein wenig der Stolz, von dieser großen Tat Kunde geben zu können.
T. Rex – 20th Century Boy. http://www.youtube.com/watch?v=_RPqY3CurSQ

Bonus-Material

In meiner Grundschule gab es einen Jungen, der schon mehrfach sitzengeblieben war. Er überragte die anderen Kinder um einen Kopf und musste schon zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein. Jedenfalls war er der Einzige, der auf dem Pausenhof Zigaretten rauchte. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass er uns immer davon erzählte, später einmal Frauenarzt werden zu wollen, damit er den ganzen Tag Frauen „zwischen die Beine gucken“ kann. Dann lachte er immer und wir Kinder wussten gar nicht, was gemeint war. Ich glaube, er ist dann später am Numerus clausus gescheitert.
Letzten Freitag in einer Kneipe in Lalo (Langenlonsheim):
Klugscheißer (aufgeregt) zu einem Hünen: „Du kriegst gleich was auf die Fresse.“
Hüne (ruhig) zum Klugscheißer: „Dauert es eigentlich lange, bis so ’ne Brille aus dem Kopf geeitert ist?“
Bee Gees - You Should Be Dancing. http://www.youtube.com/watch?v=_JoZS6LgqYI
Vor Jahren hatte ich mal mit einem Freund die Idee, Hamburger in Tuben zu entwickeln. Ich gebe zu: Wir waren bereits leicht angeheitert, als wir in der Küche die Hamburger zubereitet und dann püriert haben. Es schmeckte grauenhaft. Kulinarisch betrachtet fiel es schon in den Bereich des Flagellantismus (wie zum Beispiel Chicken Nuggets von McMordor). Wir haben diese Geschäftsidee schnell begraben. Gestern Abend haben wir Hamburger gemacht, da fiel uns die Geschichte wieder ein. Eigentlich wollten wir ja grillen, uns wurden schließlich 25 Grad Celsius und strahlender Sonnenschein versprochen. Blöde Regierung.
Es ist geschafft und fühlt sich so gut an wie eine Messingplatte mit meinem Namen an meinem Geburtshaus: Sie haben einen Burger nach mir benannt! Bei „Shiso Burger“ in der Berliner Auguststraße gibt es den „Ebi Burger“. Esst ihn und denkt an mich.
Hier noch ein Tipp für scharfes Essen, den ich von der chilenischen Freundin eines WG-Genossen habe, mit der wir früher öfter Rezepte aus ihrer Heimat in schöne Abende verwandelt haben. Ich hatte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn beim Schnippeln eine harmlos aussehende kleine rote Chilischote komplett in den Mund gesteckt und draufgebissen. Sie hat sich gleich sehr kompetent um mich gekümmert und mir ein Zitronenbonbon gegeben. Das hilft gegen das Höllenfeuer im Mund. Wasser oder Bier verbreiten die Schärfe nur waldbrandartig. Wer in Berlin mal so richtig scharf essen will, dem empfehle ich das „Hot Spot“ in der Eisenzahnstraße. Bei meinem Lieblingschinesen gibt es Gerichte, die „mala-scharf“ sind und sogar ein leichtes Taubheitsgefühl im Mund erzeugen. Außerdem ist die Weinkarte der Familie Wu ein Traum.
Berufe mit Zukunft: Insolvenzbegleiter, Entspannungscoach, Glücksforscher.
Neulich gehört: „X. ist ein Veganer fünften Grades. Er isst nichts, das einen Schatten wirft“. Erst gab es die religiösen Fanatiker, dann die ideologischen Fanatiker – und heute leben wir im Zeitalter der fanatischen Radfahrer und Grasfresser.
KC & The Sunshine Band - Get Down Tonight. http://www.youtube.com/watch?v=LHEsE9yN2CY

Samstag, 18. Oktober 2014

Zusätzliche Informationen

Laut „ancestry.de“ wurde 1817 ein Matthias Eberling in Brasilien geboren, die Eltern hießen Peter Eberling und Anna Loch.
Mister Bonettis voller Taufname lautet: Andreas Tiberius Bonetti.
Ein „Johnny Malta“ wurde 2011/2012 bei Windhundrennen in Australien eingesetzt und hat über dreitausend Dollar Preisgeld gemacht. Sein Trainer hieß Jason Formosa.
https://fasttrack.grv.org.au/Dog/Form/-300490
Hinweis für die Damen: Falls Sie einen kulinarisch versierten Mann kennenlernen möchten, empfehle ich Ihnen das unten abgebildete Kleid.

Reisevorbereitungen auf dem Lande

Im Sommer 1989 beschloss ich, eine Reise nach Albanien zu planen, einem bizarren stalinistischen Kleinstaat an der Adria. Ich hatte im Laufe der letzten Jahre bereits die DDR, die UdSSR, die Tschechoslowakei und Ungarn (1987 zum zweiten Formel 1-Grand Prix im Ostblock) besucht, Albanien sollte der Höhepunkt meiner Reisen durch die seltsame Welt des Sozialismus werden. Wer fährt schon nach Albanien? Und zu dieser Zeit war es wirklich ein exotisches Reiseziel. Damals kamen nur etwa 20.000 Touristen ins Land, überwiegend Griechen. Die staatliche albanische Tourismusorganisation Albturist, die das Monopol für den Transport und die Unterbringung der Gäste hatte, war eine Unterabteilung des Transportministeriums und unterhielt keine Auslandsbüros. Die Einreise erforderte ein Visum, das in der albanischen Botschaft zu beantragen war. Dabei ließ man sich am besten von der „Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft“ helfen, denn Individualtourismus war in Albanien verboten und es empfahl sich daher, sich einer der wenigen Reisegruppen anzuschließen (die in Deutschland nur ein einziges Reisebüro organisierte, das in Duisburg war).
Die Einreise mit dem eigenen Pkw war nicht möglich, da Albanien keine Privatautos kannte. Dennoch war das Reich des 1985 verstorbenen großen Führers Enver Hoxha kein autofreies Land, in der Hauptstadt Tirana „sind Verkehrsampeln neuerdings nichts Ungewöhnliches“, wie es im Reiseführer heißt, auf den ich mich im Folgenden beziehe (Ralph-Raymond Braun: Albanien, Unterwegsverlag 1988). Aufgrund der Straßenbeschaffenheit – hier sind schon die Karawanen des Sultans entlanggezogen – betrug die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit 40 km/h. Da Albanien keine eigene Fluggesellschaft unterhielt, flog man mit Swissair in einer 33sitzigen Saab-Turbopropmaschine, die jeden Montag und Donnerstag in Zürich abhob, oder mit der DDR-Fluggesellschaft Interflug, die an jedem zweiten Montag mit Zwischenlandung in Budapest Tirana anflog, dieses letzte Widerstandsnest des Stalinismus.
Nach Stalins Tod hatte man sich von der Sowjetunion abgewandt und das China Maos als neuen Partner erkoren. Nachdem man sich auch mit den Chinesen zerstritten hatte, ging Albanien eigene Wege. Hoxha ging bei der Entwicklung seines Landes streng nach dem Spätwerk Stalins „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der Sowjetunion“ vor und forcierte die Schwerindustrie in diesem von Landwirtschaft geprägten Fleckchen Orient an der Mittelmeerküste. Außerdem ließ er für die knapp 3 Millionen Einwohner 700.000 kleine Bunker bauen. Die sozialistischen Kader, „Intellektuelle, Beamte oder sonstige Schreibtischtäter“ mussten „einen Monat jedes Jahres mit körperlicher Arbeit in Industrie oder Landwirtschaft verbringen“, wie der enthusiasmierte Autor schreibt, der Spitzenlohn war auf das Doppelte des bescheidenen albanischen Durchschnittslohns begrenzt. Den Reformen anderer sozialistischer Staaten in Richtung einer „Dezentralisierung und Aufwertung des Marktes“ stand Albanien ablehnend gegenüber. 1967 erklärte sich das Land zum ersten atheistischen Staat der Erde und schloss alle Kirchen und Moscheen. Erst 1987 richtete die Bundesrepublik in einer Hotelsuite in Tirana eine Botschaft ein, kein geringerer als Hans-Dietrich Genscher hielt sich im Oktober dieses Jahres für sechs Stunden in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien auf.
Der albanische Botschafter (2. von links) im Kreise seiner Mitarbeiter vor dem Botschaftsgebäude in Berlin-Dahlem
Zu den Zollmodalitäten heißt es: „Zeitungen und Zeitschriften werden normalerweise akzeptiert; gelegentlich wird es notwendig sein, barbusige Fotos herauszureißen und dem Zöllner zur Vernichtung zu übereignen.“ Das wird er ganz sicher gemacht haben, der alte Schlawiner. „Eigentumsdelikte sind in Albanien zwar selten, doch“ im Paradies der Werktätigen „noch nicht ausgerottet“. Vor allem auf westliche „Statussymbole wie Sonnenbrillen, T-Shirts, Schuhe usw.“ hatten es die Diebe abgesehen. Kaffee und Brot waren zum Frühstück kaum zu bekommen, der Albaner begann den Tag mit Reis oder Suppe. Das Staatsfernsehen sendete von 18 bis 22:30 Uhr. Es gab nur fünf arbeitsfreie Feiertage und außer Neujahr hatten alle einen politischen Hintergrund. Telefonische Ferngespräche mussten über „Fernämter und knisternde Seekabel via Italien“ geführt werden, der „Selbstwähltelefondienst zwischen den einzelnen Bezirken Albaniens“ steckte noch in den Anfängen. Ein Päckchen Zigaretten oder ein Kilogramm Brot kosteten umgerechnet 25 Cent, ein Fleischgericht im Restaurant einen Euro, eine Fahrt mit dem Stadtbus 2 Cent, die Wohnungsmiete drei bis fünf Euro im Monat. Herrlicher alter Reiseführer aus meiner Jugend … - dann fiel die Mauer, der Sozialismus erlosch in Europa und ich bin tatsächlich bis heute nie in Albanien gewesen.
Carolin Kebekus – Dunk den Herrn! http://www.youtube.com/watch?v=4Y3IWFLFHbk