Sein
Problem waren weniger die Drogen und der Alkoholismus, sondern seine
Spielsucht. Hier verschwand das Geld, in blinkenden und piepsenden
Daddelautomaten. Einmal hat er sechshundert Euro an einem Nachmittag verspielt.
In Geldfragen war er beratungsresistent. Als er nach seinem gescheiterten
Studium ins Dorf zurückkam, gab ihm sein großer Bruder einen Job in seiner winzigen
Werbeagentur. Er musste ihn – Verwandtschaft hin oder her – nach einem halben
Jahr feuern, weil er sich auch in diesem Bereich als unzuverlässiger
Taugenichts erwiesen hatte. Dann übernahm er am Fußballplatz das Sportheim und
schaffte es, die kleine Kneipe an die Wand zu setzen. Viertausend Euro Schulden
beim Finanzamt blieben, die er nicht zahlen konnte. Es folgten regelmäßige
Besuche des Gerichtsvollziehers. Geschäftlich war er zeit seines Lebens
eigentlich unmündig. Er wartete mit der Zahlung der Rundfunkgebühren immer bis
zur dritten Mahnung und blechte dann natürlich ein Heidengeld. Auch für die
Stromrechnung hatte er keinen Dauerauftrag eingerichtet, so dass ihm
gelegentlich der Strom abgestellt wurde. Die glorreiche Idee, bei seiner Bank
einen Kredit über dreitausend Euro aufzunehmen und nicht zurückzuzahlen, endete
in hohen Kosten und einem Schufa-Eintrag, so dass er seither einen Dispo von
null Euro hatte. Irgendwann arbeitete er im Kühlhaus einer Supermarktkette in
der Nachtschicht, vier Grad, ein Leben zwischen Butter und Joghurt. Morgens
nach Schichtende besoff er sich, selbst am Wochenende ließ er sich immer
seltener blicken. Ein Leben als Geist. Suff, Glücksspiel und schwarzgebrannte
Filme auf DVD, am liebsten drittklassige Horrorfilme mit Hektolitern Blut und
Bergen von menschlichen Innereien.
Nach
der Realschule hatte er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann absolviert. Wie
wäre sein Leben verlaufen, wenn er einfach in diesem Beruf geblieben wäre? Aber
er wollte es der Mehrzahl seiner Freunde nachmachen und studieren. Er holte auf
der Handelsschule das Fachabitur nach, ich half ihm bei der abschließenden
Hausarbeit, die ihn mit Mühe und Not über die Ziellinie brachte. War das ein
Fehler? Damals hatten wir ein Jahr zusammen in einer WG in Bad Kreuznach
gelebt. Ich ging anschließend nach Berlin, er nach Duisburg an die
Gesamthochschule. Er bekam Bafög, hatte ein Zimmer im Studentenwohnheim, war
kostenlos krankenversichert und machte es sich in einem Leben zwischen
Computerspielen, Kneipen, Dope und Daddelautomaten bequem. Nach achtzehn Semestern,
ohne einen einzigen Schein gemacht zu haben, endete das Experiment. Als er das
Wohnheim verlassen musste, lebte er mit seiner sizilianischen Freundin in einer
kleinen Wohnung. In der Küche gab es noch nicht einmal eine Spüle, das Geschirr
stand in der Badewanne. Damals arbeitete ich schon als promovierter
Wissenschaftler in einem Forschungsinstitut und staunte, wie trost- und
perspektivlos ein Leben mit Anfang dreißig sein konnte. Alle Menschen, die er
kannte, waren längst links und rechts an ihm vorbeigezogen. Seine Freundin
hatte einen Studienabschluss und ging schließlich als Lehrerin an eine Schule
in der Nähe von Turin.
Sein
Vater war ein stets übel gelaunt und jähzornig. Wenn er das Zimmer betrat,
wurde es ungemütlich. Die Musik war immer zu laut und einmal hat er sogar die
Kassette aus dem Tapedeck genommen und in den Ofen geschmissen. Er arbeitete als
Feuerwehrmann in einer Bundeswehrkaserne und starb mit etwa sechzig an Krebs. Sein
Heimatdorf im Hunsrück hatte man eingeebnet, weil es den amerikanischen
Jagdbombern bei den Starts und Landungen auf dem nahen Fliegerhorst im Weg
gestanden hatte. Wir sind ein einziges Mal dagewesen, die Straßen und die
Grundrisse der Häuser, deren Keller man mit Bauschutt aufgefüllt hatte, waren
noch zu sehen. Damals fuhr er den lindgrünen VW Käfer, den sein Vater ihm
vermacht hatte. Ein halbes Jahr später hatte er im Suff einen Totalschaden und
lag einige Wochen im Krankenhaus. Er hatte den Baum schön mittig getroffen, wie
er mir bei meinem Besuch erzählte, die Frontscheinwerfer lagen sich nun direkt
gegenüber. Seine beiden Brüder waren beruflich erfolgreich, heirateten und
gründeten Familien, bauten Häuser und kamen zu bescheidenem Wohlstand. Er
selbst blieb immer das schwarze Schaf der Familie.