Dienstag, 11. Juli 2017

Sommerloch

„Seid überzeugt, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist.“ (Perikles)
Liebe Einbrecher!
Ich bin die nächsten fünf Wochen nicht zu Hause. Ich werde die Zeit in Berlin verbringen, wo ich mit meiner neuen Band „Empty Teens“ in einigen Clubs spielen werde (Käse & Zweifel-Tour 2017). Nehmt bitte nur mit, was Ihr wirklich braucht. Lasst mir die alten MAD-Hefte und meine Matchbox-Autos, v.a. den Lamborghini Miura.

Ich empfehle allen Leserinnen und Lesern, während meiner Abwesenheit die knapp zweitausend Blogposts noch einmal zu lesen. Glutenfreier Spaß für die ganze Familie. Vergessen Sie nicht die Worte unseres großen Meisters:
„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Monsignore Stracciatella, äh … nein, es ist natürlich Andy Bonetti, von dem hier die Rede ist)
P.S.: Für die Kiezschreiber-Sommerpause hat Ackerboy eine großartige Geschäftsidee: http://ackerbaupankow.blogspot.de/2017/07/geschaftsidee.html
Der Sommerohrwurm: https://www.youtube.com/watch?v=kYO6gUlzhqE

Montag, 10. Juli 2017

Schach mit lebenden Figuren – Hamburg revisited

„Civil disobedience is not our problem. Our problem is civil obedience.” (Howard Zinn)
Wann hat dieses Schachspiel mit lebenden Figuren begonnen? Lange vor unserer Geburt, so viel ist gewiss. Ich beschränke mich in der Analyse also auf die letzte Partie, die in Hamburg gespielt wurde.
Wie nennen wir die Spieler? „Das System“ vs. „Die Revolution“? „Oben“ gegen „Unten“? Weißes Haus meets schwarzen Block? Der Staat trifft auf seine Kritiker? Suchen Sie sich was aus. Da der Staat die Partie begonnen hat, hat er die weißen Figuren, passenderweise haben seine Gegner die schwarzen Figuren.
Weiß, Zug 1
Das große Jahrestreffen der mächtigsten Politiker der Welt findet in Hamburg statt. Bekanntlich sind Hamburg und Berlin die Heimat der Autonomen und aktionsorientierten Linken. In Hamburg wiederum ist St. Pauli der konkrete Ort der „Szene“ – dort sind auch die Messehallen, die für den G20-Gipfel genutzt werden sollen. Begründung: Man wolle näher am Volk sein. Gleichzeitig wird bekannt, dass man sich von einer Armee von 20.000 Polizisten – das Militär wartet im Hintergrund - vor diesem Volk zu schützen gedenkt. Eine Kontaktaufnahme mit gezogenem Revolver.
Schwarz, Zug 2
Es wird eine Demonstration mit dem Titel „Welcome to hell“ angemeldet. Auf der Homepage heißt es ganz klar „BLOCKIEREN – SABOTIEREN – DEMONTIEREN“. Demo heißt nicht nur Demonstration, sondern auch Demontage. Ganz offen wird ein „Aktionsbild“ publiziert, in dem es heißt: „sehen wir die internationale antikapitalistische Demonstration als Auftakt zur ‚heißen Phase‘ der direkten Aktionen und Blockaden gegen den G20-Gipfel.“
Weiß, Zug 3
Trotz dieser offenen Ankündigung der nächsten Züge reagiert Weiß nicht defensiv, sondern genehmigt die Demo. Als die Demo stattfindet, wird sie sofort und massiv von der Polizei angegriffen, obwohl sich der Demonstrationszug noch gar nicht in Bewegung gesetzt hat. Später heißt es, ein Betrunkener hätte eine leere Flasche geworfen. Nennen wir ihn Horst Gleiwitz.
Schwarz, Zug 4
Schwarz baut Barrikaden im eigenen Revier, dem Schanzenviertel, schmeißt Scheiben ein, legt Brände, zündet Autos an, plündert Geschäfte.
Weiß, Zug 5
Weiß reagiert über viele Stunden nicht auf die Straftaten, die unmittelbar vor ihm begangen werden. Erst als die Teilnehmer des G20-Gipfels sicher in ihren Hotelbetten sind, beginnt die Polizei, sich dem Schanzenviertel zuzuwenden.
Schwarz, Zug 6
Schwarz bereitet sich auf die Erstürmung des Schanzenviertels vor. Die Situation soll weiter eskalieren. Molotow-Cocktails und Gehwegplatten sollen von den Dächern auf die Polizisten regnen.
Weiß, Zug 7
Weiß nimmt das Angebot einer Eskalation an und schickt Spezialeinheiten mit automatischen Waffen zur Räumung des Viertels. Beide Seiten sind nun an einem Punkt angelangt, an dem man Tote in Kauf nimmt. Schwarz könnte von einem zweiten Benno Ohnesorg strategisch profitieren, Weiß könnte von einem toten Polizisten strategisch profitieren.
Schwarz, Zug 8
Schwarz gibt auf. Weiß wird den Sieg in den kommenden Tagen medial nutzen. Sozialdemokratische, grüne und linke Politiker und linke Aktivisten – vom Hamburger Bürgermeister bis zur Antifa – werden öffentlich angegriffen. Es werden „schärfere“ Gesetze und „härtere“ Urteile der Justiz gefordert. Der Bevölkerung wird klar gemacht, wer die Beschützer und wer die Feinde der Gesellschaft, des Eigentums und der Freiheit sind.
Fazit: Der Staat braucht die Gewalttäter und Hooligans ebenso wie den Terrorismus, um sich zu legitimieren. Welcome to paradise.
Procol Harum - A Whiter Shade Of Pale. https://www.youtube.com/watch?v=Mb3iPP-tHdA

Sonntag, 9. Juli 2017

„Du Nazisau“ - Populärkulturelle Invektiven als Form ritualisierter Kommunikation im Kontext sozialer Medien


Blogstuff 142
„Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Straße wie Popcorn in einer heißen Pfanne.“ (Andreas Glumm)
Fünfzehn Minuten Nachrichten genügen, um den Zorn-Akku wieder aufzuladen.
So viele Menschen haben den Tod verdient – aber dann sterben Gunter Gabriel und Chris Roberts. Deutschlands Antwort auf den Tod von David Bowie und Prince.
Ladenschild der Woche: „Ankauf von Trödel – Verkauf von Antiquitäten.“
Worte reduzieren die Welt auf das menschliche Niveau.
Farben: Die graue Maus mit dem Silberblick sah goldig aus, nachdem sie etwas Rouge aufgetragen hatte. Der Typ im Blaumann trinkt eine Berliner Weiße und hat seinen schwarzen Humor nicht verloren, obwohl er tief in den roten Zahlen steckt.
Die ultimative Mutprobe: Ich mache direkt gegenüber von Erdogans Palast eine Imbissbude auf und verkaufe Schweinefleisch-Döner.
„Plötzlich ergab alles einen Sinn.“ Einer meiner Lieblingssätze in Romanen.
Nerdic Walking: Mit riesigen Kopfhörern und den Blick aufs Display des Smartphones gesenkt durch den Wald laufen.
Nehmen wir mal an, ein Delta-Tier des hiesigen Politikbetriebs gibt in der Sommerpause einen Kommentar auf Twitter ab. Der Kommentar wird hundertfach im Netz kommentiert, worauf die Kommentare zu diesem Kommentar kommentiert werden. Kaskadenförmige Zeitverschwendung. Es wird auf diese Weise auch keine Öffentlichkeit hergestellt, denn es entstehen keine echten Kontakte zwischen den Kommentatoren, die politisch wirksam werden könnten. Soziale Medien als Politiksurrogat – demnächst noch kontrolliert und zensiert von den Konzernen und vom Staat.
Würde es helfen, wenn der Computer laut lachen würde, wenn jemand einen schwachsinnigen Kommentar oder eine dämliche Frage eingibt?
Hätten Sie’s gewusst? Es gab nur zwei Attentate von Frauen auf einen US-Präsidenten. Beide Male war Gerald Ford das Ziel. Lynette Fromme, Mitglied der Manson-Familie, versuchte es am 5.9.1975, Sara Jane Moore, Mitglied einer maoistischen Guerillatruppe, am 22.9.1975. Ford blieb unverletzt, beide Frauen bekamen lebenslange Haftstrafen und sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.
Idee für ein Denkmal: Ein übergewichtiger Mann mittleren Alters in Unterwäsche und Hausschuhen, der ein Dosenbier in der Rechten hält und sich mit der Linken am Hintern kratzt. Widmung: „Dem unbekannten Konsumenten.“ (Notizbuch, 23.1.2000)
Der Verkaufstresen am Rande der Unendlichkeit: Raumausstatter Orion. „Die oberste Raumbehörde gibt Alpha-Order.“ Was wollt Ihr: ein galaktisches Deutschland oder eine deutsche Galaxis?
Erfolg ist nur der Beifall von Fremden.
Es gibt übrigens längst die klassenlose Gesellschaft. Wir finden sie auf unseren Friedhöfen. Keiner ist toter als der andere. Zum Tod gibt es weder einen Komparativ noch einen Superlativ. Der Sensenmann ist der große Gleichmacher. Unsere lebenslange Reise in den Tod hat für alle dasselbe Ziel.
28 Länder dieser Erde habe ich mir auf meinen Reisen angeschaut. Das größte Land war die Sowjetunion, das kleinste die Vatikanstadt. Meine Favoriten: Brasilien (Menschen), Japan (Kultur), Italien (Städte) und die Schweiz (Landschaft).
Vorsicht! Literatur gefährdet Ihre fortschreitende Verblödung.
Bonetti will nichts von dir. Er nimmt dich auf, wenn du kommst, und er entlässt dich wenn du gehst. So wie Kafkas Gericht, Kubricks Hotel oder das Leben selbst.
Hätten Sie’s gewusst? In seinem autobiographischen Roman „Durst und andere Männergefühle“ bezeichnet Bonetti sein Haus in den Weinbergen als „Overlook Ranch“. Sein Arbeitszimmer heißt „Room 237“ – seine Toilette jedoch „Ground Zero“.
Blondie - Hanging On The Telephone. https://www.youtube.com/watch?v=E0U_dzYtWyE

Stanley Kubrick – Selfie von 1949.

Samstag, 8. Juli 2017

Hamburg

So werden Jugenderinnerungen geschaffen. Eine Nacht an den brennenden Barrikaden von Hamburg ist das unvergessliche Kleinod, von dem man noch bis ins hohe Alter an den Theken dieser Welt erzählen kann. Was ist dagegen ein Parteitag der Jungen Union? Der G 20-Gipfel als romantischer Sommertraum.
Derweil bot sich ein bizarres Bild: die mächtigsten Politiker der Welt sitzen gemeinsam in der Oper und lauschen Beethoven, bewacht von Sicherheitskräften in Divisionsstärke, während draußen vor der Tür die Stadt brennt. Nero hätte ein Gedicht geschrieben.
Immerhin hat die Polizei nach Mitternacht die Plünderungen beendet und die Brände gelöscht, nachdem die Machtelite das Kulturprogramm und das Galadinner absolviert hatte und alle Gipfelteilnehmer wieder sicher in ihren Hotels waren. So konnten endlich auch die jungen Demonstranten und die Beamten ins Bett.
Waren es Linke, die in Hamburg revoltiert haben? Warum haben sie dann Fahrradläden angegriffen und die Autos der Normalos abgefackelt? Warum haben sie ihren eigenen Szenebezirk, das Schanzenviertel, in Schutt und Asche gelegt? Sie hatten die Mächtigen dieser Erde einmal im Leben komplett wenige hundert Meter vor der Nase – und klauen Wodka??? Das ist so erbärmlich, dass ich gar nicht glauben kann, dass es Linke sind. Da fehlen mir die Worte. Der Schnaps in der Hand ist besser als die Merkel auf dem Dach, oder was? Eine Blamage …
P.S.: Quo vadis, Ulm?
"Gestern, am 07.07. um 18 Uhr fanden sich am Einsteindenkmal in Ulm ca. 30 Leute zusammen, um spontan gegen die massive Polizeigewalt in Hamburg zu protestieren." (Indiamedium)
Widerstand & schönes Wetter - you can't beat the feeling.
Cocteau Twins - Aikea-Guinea. https://www.youtube.com/watch?v=cl3lrcLzbGw
P.P.S.: "Wenig später stürmten die ersten Vermummten den Laden, klauten vor allem Alkohol, aber auch gängige Lebensmittel wie Toast, Schokoriegel, Gemüse." (faz.net)
Alkohol und Schokolade: völlig klar. Toast => brennende Barrikade. Gut. Aber Gemüse???
"Ist Weibsvolk anwesend?"

Die Nacht hat Augen

„Sie steigern den Verkaufserfolg ihres Buches, wenn Sie behaupten, Sie hätten mit diesem Werk den Tod Ihres besten Freundes oder Ihres krebskranken Shetlandponys verarbeitet.” (Andy Bonetti: 99 Tipps für den erfolgreichen Autor)
Es war weit nach Mitternacht, als mein Meister endlich an das Tor klopfte. Die Kerzen auf dem Kandelaber waren schon heruntergebrannt, als ich ihm öffnete. Er sah erschöpft aus, zugleich flackerten seine Augen wild im Licht der Kerzen.
„Du musst mir einen jungen Mann besorgen“, sagte er und ging an mir vorüber ins Wohnzimmer.
„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn besorgt.
„Schweig!“ rief er. Dann starrte er lange in die vergehende Glut des Kaminfeuers.
***
In den nächsten Tagen trieb ich mich in den einschlägigen Studentenkneipen herum. Ich versuchte es mit Schmeicheleien und Verlockungen. Aber für einen kleinen buckeligen Mann, der kaum auf einen Barhocker kommt, ist es schwer, selbst wenn er sexuelle Ausschweifungen, kostenlose Drogen oder Eintrittskarten für Borussia Dortmund anzubieten hat.
Der Meister wurde ungeduldig und so änderte ich meine Taktik. Ich wartete am Bahnhof, bis ein unschuldiger Jüngling mit einem großen Koffer ausstieg. Er wirkte so verloren – er musste der Richtige sein. Ich folgte ihm in den Stadtpark, wo er sich auf einer Bank ein wenig ausruhte.
Ich setzte mich neben ihn und begann eine belanglose Plauderei. Er sei zum Studium der Sozialpädagogik in die Stadt gekommen. Dann hätte er ja nichts dagegen, mit einem Behinderten einen Schluck zu trinken, sagte ich lachend. Während ich von meiner schweren Zeit im Waisenhaus erzählte, holte ich eine Flasche Wein hervor und tat so, als ob ich tränke.
Der junge Mann, der aus einem Weindorf in der Pfalz stammte, setzte die ihm angebotene Flasche beherzt an und war alsbald sanft entschlummert. Die KO-Tropfen hatten gewirkt. Ich rief telepathisch den Meister, der uns mit einem gestohlenen Krankenwagen unauffällig aus dem Park abholte.
***
Nachts im Laboratorium. Ein schwindelerregend hoher Tesla-Transformator und viele Maschinen mit blinkenden Lichtern beherrschten den Raum und warfen riesige Schatten an die Wände.
Der Meister hatte mich sorgfältig instruiert. Er lag auf einem Operationstisch, neben ihm der betäubte junge Mann. Für diese Nacht war ein schweres Gewitter angekündigt. Sobald ein Blitz in den Transformator einschlug, sollte ich mit der Operation beginnen.
Mir lief der Angstschweiß über die Stirn und den Rücken hinunter bis in meine Gummistiefel. Das Skalpell zitterte in meinen Händen, der Whisky beruhigte erst allmählich meine Nerven. Nach Stunden des Wartens donnerte es. Dann schlug ein mächtiger Blitz mit lautem Krachen ein. Es konnte beginnen.
***
Am nächsten Morgen konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Der junge Mann weckte mich und sagte mit sanfter Stimme: „Gut gemacht, Igor.“
Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich hatte die beiden Gehirne vertauscht.
***
Der Meister wurde inzwischen von der Polizei wegen vielfachen Mordes gesucht. Wir ließen den Studenten, dessen Gehirn jetzt im Körper meines Meisters war, genesen und brachten ihn in die Stadt. Dann riefen wir die Polizei.
Der Rest ist schnell erzählt. Während mein Meister im Körper eines anderen Menschen unbehelligt weiterlebte, wurde der Student vor Gericht gestellt. Augenzeugenberichte, Fingerabdrücke, Tatmotive. Der Richter hatte es nicht schwer.
Noch auf dem Weg zum Schafott beteuerte er seine Unschuld.
Brian Hyland - Sealed with a kiss. https://www.youtube.com/watch?v=xIkUiD8N81k

Foto: Danke, Ackerboy!

Freitag, 7. Juli 2017

Das dunkle Haus

Anfang der achtziger Jahre hielt Arthur F. Burns, der damalige US-Botschafter in Bonn, eine Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Darin fiel folgender Satz: „Die Ziegel des atlantischen Gebäudes waren Geld, Technologie und Waffen; der Mörtel aber, der sie zusammenhielt, waren das gemeinsame Erbe und die gemeinsamen Werte der abendländischen Kultur.“
Das Haus ist ziemlich runtergerockt. 2017 spricht Angela Merkel nur noch von einem Wertefundament. Von Fenstern, durch die man in die Welt schaut, oder von Türen, durch die man andere Kulturen hereinbittet, war ohnehin noch nie die Rede, wenn die Metapher vom Haus bemüht wird. Da geht es um betonharte Fakten, um die Steine, aus denen dieser Wehrturm namens „Westen“ geschaffen wurde.
So wirkt auch das aktuelle G 20-Treffen der selbsternannten Weltregierung. Man kann keinen Blick hinter die Fassade werfen. Das Haus ist von hohen Mauern umgeben, die von einer Armee bewacht werden. Steht das Haus in einer Stadt oder kann man die Nachbarhäuser von dort aus gar nicht sehen? Brennt überhaupt noch Licht? Ohne Fenster ist es schwer zu sagen. Vielleicht ist es auch ein Hochbunker oder eine Festung?
Warten wir die Reden der beteiligten Politiker ab. Wir dürfen uns auf „zentrale Bausteine“ freuen, auf „Säulen“ und „Eckpfeiler“ sowie diverse „Ebenen“. Schließlich muss das Haus ja vor dem Einsturz bewahrt werden – falls es nicht ohnehin auf Sand gebaut wurde. „Baumeister“ werden sie sich nennen und von einer „neuen Architektur“ sprechen, als wäre es das Jahrestreffen der Freimaurer. Jedes Gebäude teilt die Welt in ein Innen und ein Außen. Aber um das zu erkennen, braucht man Licht.

Stanleys Mondfahrt

“Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?” (T.S. Eliot)
Es ist unter Freunden der gepflegten Verschwörungstheorie ein Dauerbrenner: War die Mondlandung ein Fake? Weisen die Aufnahmen nicht eklatante Fehler auf? The Great Space Swindle als Teil des Kalten Krieges um propagandistische Erfolge gegenüber dem Systemgegner? Ich vermute, beide Seiten haben in diesem Streit recht.
Ja, es gab die Mondlandung wirklich. Mit unseren Teleskopen können wir die Hinterlassenschaften der Apollo-Missionen erkennen, auf der Erde haben wir kiloweise Gesteinsproben von unserer Totgeburt. Und für eine Fake-Landung hätte man nicht weitere fünf Crews bis zur Einstellung des Programms 1972 auf den Mond schicken müssen.
Ja, Aufnahmen, die eine Mondlandung zeigen sollen, sind auf der Erde in Filmstudios entstanden. Die entscheidende Frage ist doch: Ist es legitim, ein tatsächliches Ereignis mit gefälschtem Material zu dokumentieren?
In den Wochenschauen des Kinos und später im Fernsehen wird bis heute nach diesem Prinzip gearbeitet. Das Problem ist ganz einfach und tritt regelmäßig dann auf, wenn es für Kameraleute und Fotografen zu gefährlich ist oder es aus technischen Gründen nicht möglich ist, Ausrüstung zu transportieren und bereitzustellen: Es gibt von entscheidenden Ereignissen keine Bilder.
Im 19. Jahrhundert reichte es den Menschen, von einem Ereignis in der Zeitung zu lesen. Ein Korrespondent berichtete z.B. von einem Krieg, in dem er Augenzeugen und Pressesprecher interviewte. Vielleicht hat er auch nach einer Schlacht den Schauplatz besichtigt, aber er war nicht bei den ersten Männern, die eine Festung eroberten. In jedem Krieg stehen Soldaten an vorderster Front, keine Kameraleute und Fotografen.
Im 20. Jahrhundert begann das Zeitalter des Bilds. Die Menschen wollten ein Ereignis nicht nur erzählt bekommen wie in den Jahrtausenden zuvor, sie wollten es sehen. Wie macht man aber z.B. die Landung der Alliierten in der Normandie sichtbar? Man kann nicht erst ein Kamerateam an den Omaha Beach bringen, das die Soldaten zeigt, die aus den Booten springen. Es gibt also keine Nahaufnahmen von der Invasion. Sie wurden später für die Wochenschau nachgespielt.
Was sehen wir wirklich, wenn wir Bildaufnahmen vom Krieg sehen? Männer an Kanonen, rollende Panzer, startende Flugzeuge. Es kracht und blitzt, zu sehen ist nischt. All diese Aufnahmen sind nur gestellt, weil sich die Produktion echter Bilder in der Praxis nicht durchführen lässt.
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, ein Ereignis sichtbar zu machen: das Symbolbild. Sie kennen sicher die berühmte Fotografie, auf der ein paar Amerikaner eine Flagge auf Iwo Jima aufrichten. Das war nicht am Tag der Schlacht, sondern Tage später. Eine Inszenierung. Und im Prinzip hätte man die Flagge auch in Iowa in die Erde stecken können. Wer von uns kann mit Sicherheit sagen, dass es auf der Insel Iwo Jima war?
Auch das Bild, auf dem der Rotarmist eine sowjetische Flagge auf dem Reichstag hisst, ist erst Tage später noch einmal nachgestellt worden. Ansonsten hätte ein Fotograf während der Kampfhandlungen dem Soldaten aufs Dach des Reichstags folgen müssen. Für die Presse ist aber bekanntlich der Zutritt zum Kriegsschauplatz verboten. Er wäre als Zivilist nur im Wege und ohnehin gesundheitlich stark gefährdet.
Wichtig ist nicht die Authentizität des Bildes, sondern die Tatsache, dass ein Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Die Eroberung von Berlin, die Schlacht um Iwo Jima, die Invasion der Alliierten – all das ist real. Wie die Mondlandung. Aber es war vermutlich nicht möglich, auf die Reise von Apollo 11, wo jedes Kilogramm Gewicht berechnet werden muss und jede zusätzliche Last zusätzlichen Treibstoffverbrauch bedeutet, eine Kameraausrüstung mitzunehmen, die für die nötige Qualität der Bilder gesorgt hätte.
Eine These, die schon häufiger geäußert wurde, besagt, Stanley Kubrick habe die Bilder für die NASA produziert. 1969 hat er an „2001“ gearbeitet und hatte also das Knowhow. Außerdem gibt es in „Shining“ einige Anspielungen von ihm auf dieses Thema. Warum nicht? Neil Armstrongs berühmter Satz bei der Landung soll ja auch angeblich vom Schriftsteller Arthur Miller im Auftrag der NASA geschrieben worden sein und ist ihm nicht spontan beim Betreten der Mondoberfläche eingefallen. Diese Rätsel werden uns sicher noch lange erhalten bleiben.
Duran Duran - New Moon on Monday. https://www.youtube.com/watch?v=h7n6Lgh4SZs

Donnerstag, 6. Juli 2017

Netzbeschmutzer mit vier Buchstaben

„Und vier Monate später stand in
Springers heißem Blatt,
dass das Georg-von-Rauch-Haus
eine Bombenwerkstatt hat.
Und die deutlichen Beweise
warn zehn leere Flaschen Wein.
Und zehn leere Flaschen können schnell
zehn Mollis sein.“
(Ton Steine Scherben: Rauch-Haus-Song)
Was habe ich gelacht. Boulevardpresse. Logo. So läuft das Geschäft, seit ich denken kann. Dann habe ich an das Lied von den Scherben denken müssen. Aber der Reihe nach.
Wie die Phrasenmäher heute auf ihrer Internetseite berichten, fahndet man nach zwei Berliner „Linksextremisten“, die „untergetaucht“ sein sollen. Übersetzt heißt das: unsere lieben Feinde von der Polizei sind mal wieder zu blöd, jemanden zu finden. Eigentlich haben sie gar nichts verbrochen, aber nun „hat das Landgericht die Ingewahrsamnahmen der zwischenzeitlich festgenommenen Männer bis zum 9. Juli angeordnet“, wird ein Gerichtssprecher zitiert. Dabei sei auch die „zeitliche Nähe zum Gipfel ausschlaggebend“. Man vermutet, dass die beiden Burschen in Hamburg sind.
Was war geschehen? In ihrem Auto waren eine Liste mit Polizeifahrzeugen, Einweghandschuhe und „eine große Kiste mit Streusand“ gefunden worden. „Die polizeibekannten Angehörigen der linksradikalen gewaltorientierten Berliner Szene wollten Zivilstreifen angreifen und in der Kiste mutmaßlich Waffendepots in der City anlegen.“
Na klar! Eine leere Kiste ist ein potentielles Waffendepot. Meine Küche ist ein Waffenlager und die Werkzeugkiste macht meine Werkstatt im Keller zu einer Folterkammer. Ich muss noch heute die leeren Weinflaschen zum Glascontainer bringen, bevor die Polizei diesen Text liest.
Ton Steine Scherben - Rauch-Haus-Song. https://www.youtube.com/watch?v=TYSFGT7UGS8

Andy Bonettis Vermächtnis


Blogstuff 141
„Bloß die Großen schreiben wie die Alten, ohne Brotgier, ohne Rücksicht auf Leser, bloß in den Gegenstand versenkt.“ (Jean Paul)
Ich habe einen Schlüsselbund wie ein Hausmeister, aber bei den meisten Schlüsseln weiß ich nicht mehr, für welche Tür sie sind. Mein Leben ist teilweise hochallegorisch.
Herostratos setzte den Tempel der Artemis in Ephesos, eines der sieben Weltwunder, in Brand, um berühmt zu werden. Sein Name sollte niemals vergessen werden – womit auf diesem Wege gesorgt ist. #Mark David Chapman
Erinnert sich noch jemand an die Verhandlungen zum Vollzug der Wiedervereinigung zwischen Schäuble (West) und Krause (Ost)? Schäuble sitzt als Minister auch 27 Jahre später noch fest im Rollstuhl, Krause hat längst seine politischen Ämter verloren, Insolvenz angemeldet und ist vorbestraft. An solchen Geschichten sieht man exemplarisch, wer die Gewinner und wer die Verlierer der "Einheit" sind.
Warum gibt es in Berlin Restaurants, in denen man Sardinenkonserven nach Herstellern und Jahrgängen sortiert bestellen kann, die der Kellner dann gekonnt öffnet? Warum laufen heute Frauen in meinem Alter mit absichtlich zerrissenen Jeans durch die Gegend? Wir sollten nicht nach dem Sinn fragen. Diese Welt hat weniger Sinn, als selbst das dümmste Rübenschwein vermutet.
Als der eiserne Vorhang 1989 gehoben wurde, zerfiel alles, was der Kommunismus bisher zusammengehalten hatte: der Warschauer Pakt, die Sowjetunion, Jugoslawien und die Tschechoslowakei. Zerfällt - mit dem Brexit als Startschuss – jetzt alles, was der Kapitalismus bisher zusammengehalten hat?
Der Herbst des Lebens wird immer mit dem Alter gleichgesetzt. Nehmen wir doch mal die Analogie von Lebensalter und Jahreszeiten ernst und gehen wir von einem Durchschnittsalter von achtzig Jahren aus. Die ersten zwanzig Jahre sind der Frühling, die zweiten zwanzig Jahre sind der Sommer. Dann beginnt der Herbst des Lebens schon an unserem vierzigsten Geburtstag. Bei mir geht es gerade auf Herbstende zu, die Blätter fallen – und über den Winter will ich gar nicht nachdenken.
Wäre die SPD ein Fußballer, würde man sagen: Sie kommt über links und hat einen starken rechten Fuß.
Trampen ist ja längst aus der Mode gekommen, aber mit einem leeren Benzinkanister funktioniert es immer noch ganz gut.
Nur mal so zwischendurch: https://www.youtube.com/watch?v=W42x6-Wf3Cs
Als Zivildienstleistender habe ich während der Konfirmandenfreizeit auf der Burg in Bacharach zwei Nächte mit einem Pfarrer in einem Zimmer geschlafen. Passiert ist nichts. Das lag vermutlich daran, dass er mit einer gutaussehenden Französin verheiratet war und ich eine scharfe Ingelheimerin am Start hatte. # Zölibat
Mein erster Kontakt mit anderen Kindern in Schweppenhausen fand 1975 im Niemandsland der Wiesen am Dorfrand statt. Ich traf auf eine Gruppe gleichaltriger Jungs und habe als Stadtkind vorsichtshalber erst mal einen Stein geworfen. Damals war ich noch im Handballverein, der Wurf war weit und präzise, wenn er auch keinen direkt traf. Dann lief ich zurück auf unser Grundstück, wo ich mich ins Gartenhäuschen verkroch. Das Haus stand damals noch nicht. Zu meiner Verwunderung kamen keine Schmährufe wie „Feigling“. Die Jungs spielten in der Nähe des Gartenzauns, während mein Vater im Garten vor sich hin wurschtelte. So begann ich, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen, die heute noch meine Freunde und Bekannten sind.
Die Methode der subversiven Integration führte Johnny Malta in die Verlagsszene, in der er letztlich versumpft ist. Geändert hat er gar nix.
Zwei Männer stehen schweigend und verlegen im Park, während ihre Hunde kopulieren.
Berlin - No More Words. https://www.youtube.com/watch?v=YVlrhahj8G4

Mittwoch, 5. Juli 2017

Panda & Schlagstock

So mag ich meine Heimat: Wir sehen unsere Staatschefin mit einem zuckersüßen Panda, der gerade von einem befreundeten Diktator angeliefert wurde, und gleichzeitig bekommen die Gegner ihrer Politik in Hamburg von ihrer Knüppelgarde die Fresse poliert.
Kann mir jemand nochmal ganz kurz den Unterschied zwischen BRD und DDR erklären? Wir haben das Beste aus beiden Systemen: Wirtschaft West und totalitärer Staat Ost.

Das Internet darf nicht demokratisch werden

„Wahres Können braucht keine Anstrengung.” (Tiger & Dragon)

Sie kennen den Tor-Browser, den Anonymisierungsdienst, der Ihre Spuren im Netz verwischt, so dass Sie mühelos Kalaschnikows und Teddybären mit dickem Stofflümmel kaufen können? Vergessen Sie’s.
Kennen Sie den „Platinum Browser“? Es gibt längst ein Netz für reiche Menschen, in denen die echten Nachrichten kommen, die für relevante Kaufentscheidungen am Aktienmarkt wichtig sind. Hier bekommen Sie die News, lange bevor die Nachrichtenagenturen sie an die Medien und damit an das Fußvolk durchreichen.
Wo sind die angesagten Partys, wo treffen sich die wichtigen Leute, was muss man anziehen, was muss man kaufen, um weiterhin zum inneren Tempelbezirk zu gehören?
Wo gibt es garantiert keine Überwachung, wo darf ich noch „Neger“ und „frigide Emanze“ schreiben?
Wo muss ein asthmatischer Zwergpinscher wie Heiko Maas draußen bleiben?
Vergessen Sie das Darknet! Kommen Sie an einen Ort, den nur die Auserwählten kennen!
Lieferservice für Hummer und Langusten, Kaviar und eisgekühlten Champagner. 24 Stunden. Auf Kredit.
Lassen Sie sich beliebig viele Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente ausdrucken.
Direkter Kontakt zu Entscheidungsträgern in Wirtschaft, Sport und Politik.
Investieren Sie in die Zukunft, von der im Losernet noch keiner etwas weiß.
Der „Platinum Browser“ ist nur wenigen vorbehalten.
Sie gehören nicht dazu.
R.E.M. - The Great Beyond. https://www.youtube.com/watch?v=k_JnCWT-_O8

Dienstag, 4. Juli 2017

Fachfrage für Nerds

Wie nimmt die Besatzung des Raumschiffs Orion ihre Mahlzeiten zu sich?
a) mit Messer und Gabel
b) mit Stäbchen
c) mit den Händen
d) mit einem neuartigen Gerät
e) lustige Alternative für echte Nerds: mit einem Bügeleisen

Werden Sie unglücklich – in sieben einfachen Schritten

"Der Genuss einer guten Zigarre lässt uns an Zeiten zurückerinnern, die es gar nicht gegeben hat." (Oscar Wilde)
Sie kennen das: Man hat sie auf eine Party eingeladen und nun sitzen sie einsam in der Ecke, während ein Partylöwe gerade einer begeisterten Menge sein Unglück schildert. Scheidung, Entlassung und eine schwere Krankheit. Der Typ fesselt seine Zuhörer mit einem Berg von Problemen, während bei einem Langweiler wie Ihnen alles in bester Ordnung ist.
Schritt 1
Lösen Sie Probleme nicht. Geben Sie ihnen Zeit zu wachsen. Das Auto macht ein verdächtiges Geräusch? Na und?! Bloß nicht zu Ihrer Werkstatt fahren. Der Leberfleck wächst von Tag zu Tag? Gehen Sie nicht zum Arzt, bis er nicht wenigstens die Größe eines Bierdeckels erreicht hat.
Schritt 2
Machen Sie die Probleme anderer Leute zu Ihren Problemen. Die Amerikaner wählen die größte Arschkrampe des Jahrhunderts zu ihrem Präsidenten? Regen Sie sich auf! Wir werden alle sterben, weil in Washington zum ersten Mal ein Vollidiot im Weißen Haus sitzt.
Schritt 3
Übertreiben Sie maßlos. Sie haben nach einer durchzechten Nacht keinen Kater. Nein. Sie haben einen Gehirntumor. Ihr Chef ist der unfähigste Versager aller Zeiten und viel schlimmer als die Chefs aller anderen Leute, die sie kennen.
Schritt 4
Setzen Sie sich Ziele, die Sie nicht erreichen können. Sie arbeiten Vollzeit, haben drei Kinder und renovieren nebenbei gerade Ihre Wohnung? Dann fangen Sie ein Medizinstudium an und nehmen Sie sich vor, es in Rekordzeit und mit Bestnote abzuschließen.
Schritt 5
Denken Sie immer negativ. Das Leben ist nicht nur schlimm – es wird auch immer schlimmer. Der Wolkenbruch gestern war ein Menetekel, ein klares Anzeichen des Klimawandels. Warnen Sie alle vor dem drohenden Weltuntergang. Oder wenigstens vor dem jederzeit möglichen „Sekundentod“.
Schritt 6
Hassen Sie sich selbst. Halten Sie sich für wertlos und suchen Sie nach Fehlern. Sie werden immer Fehler finden, wenn Sie nach ihnen suchen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass niemand Sie mag? Das hat seine Gründe.
Schritt 7
Fangen Sie Streit an, wo immer Sie können. Widersprechen Sie nach dem Prinzip der „Contrary Opinion“. Alle finden Erdogan doof? Sie mögen ihn. RTL ist der mieseste Sender von allen? Sie sind ein großer Fan. Streiten Sie mit der Kassiererin im Supermarkt. Sprechen Sie als Fußgänger grundsätzlich jeden Falschparker an.
Wenn Sie diese sieben Regeln befolgen, steht Ihnen auf dem Weg ins Unglück nichts mehr im Wege.
Cigarettes After Sex - Keep On Loving You. https://www.youtube.com/watch?v=PDJPpG8e4n4

Montag, 3. Juli 2017

Scheitern – Aufgeben – Lachen, wenn es nichts zu lachen gibt


Blogstuff 140
„Die Hälfte aller gedruckten Bücher wird nicht verkauft, die Hälfte aller verkauften Bücher wird nicht gelesen, die Hälfte der gelesenen Bücher wird nicht verstanden, die Hälfte der verstandenen Bücher wird falsch verstanden.“ (Giovanni Papini)
An Geld, das man vernünftig ausgegeben hat, erinnert man sich nie.
Wenn man es in einem guten Augenblick schafft, die ganze Menschheit und ihr Treiben aus der Distanz zu betrachten, dann sind wir nicht die Krone der Schöpfung, auch nicht die Dornenkrone, sondern der größte Witz der Evolution – Sie und mich eingeschlossen.
1853 war George Crum Koch im Hotel Moon Lake Lodge in Saratoga Springs. Ein Gast beschwerte sich, dass die Bratkartoffeln zu dick, zu wenig gewürzt und nicht knusprig genug wären. Also schnitt er eine Kartoffel in hauchdünne Scheiben, würzte sie stark und briet sie anschließend besonders knusprig. Crum eröffnete bald darauf ein eigenes Restaurant in der Stadt und auf jedem Tisch stand ein Körbchen mit seinen speziellen Bratkartoffeln. Weil sie sich großer Beliebtheit erfreuten, verkaufte er sie auch in kleinen Schachteln außer Haus. Bis um das Jahr 1900 hießen sie Saratogachips, heute nennt man sie Kartoffelchips.
Vier Jahre später erfand Joseph Gayetty das Toilettenpapier, das zunächst als „Gayetty’s medizinisches Papier“ verkauft wurde. Es war aus ungebleichtem Manilahanf und 500 Blatt kosteten 50 Cent – was damals viel Geld war.
Anton Feuchtwanger verkaufte in St. Louis heiße Würstchen, denen er Handschuhe beilegte, damit man die heißen Dinger anfassen konnte. Allzu oft wurden die Handschuhe geklaut und er kam schließlich auf die Idee, sie in ein längliches Brötchen zu stecken, in das man praktischerweise auch direkt Senf oder Ketchup tun konnte. Der Hot Dog war geboren.
Vor achtzig Jahren, 1937, erfand Sylvan Nathan Goldman den Einkaufswagen. Der Supermarktbesitzer hatte sich geärgert, dass seine Kunden immer zu Kasse gingen, wenn ihr Einkaufskorb voll war. Wir sollten bei Neubenennungen von Straßen an diese Menschen und ihre nützlichen Erfindungen denken – aber bitte nicht an Helmut Kohl.
Ich würde ja Tiefkühlpizza – auch eine wichtige Erfindung - von einer kommunistischen Kolchose kaufen, wenn ich auf diese Weise den Klassenkampf unterstützen könnte, aber in meinem Supermarkt habe ich nur die Wahl zwischen Wagner und Dr. Oetker.
Wenn man auf der Straße von einem Verkäufer angequatscht und vollgelabert wird, heißt das übrigens „Dialogmarketing“. Die meisten dieser Leute werden von der „Agentur Provocateur“ (Spin-off der Bonetti Media AG) ausgebildet.
Das Flüchtlingsdrama, das sich in diesem Jahrzehnt auf dem Mittelmeer abspielt, gab es schon einmal in meiner Kindheit. Als die US-Armee nach dem verlorenen Vietnamkrieg 1975 das Land verließ, fürchteten viele Vietnamesen die Rache der Sieger. Die kommunistischen Sieger richteten 200.000 Südvietnamesen hin, ebenso viele starben in Umerziehungslagern und als Zwangsarbeiter. 1,6 Millionen flüchteten über das Meer, eine Viertelmillion Menschen starben bei der Flucht. Erst Ende der achtziger Jahre endete dieses traurige Kapitel. Den Begriff „Boat People“ kennen ältere Leser sicher auch heute noch. Etwa 10.000 von ihnen kamen nach Deutschland, dann wurde ein Aufnahmestopp verhängt.
Eines Tages hatte der Busfahrer keine Lust, an der Endstation anzuhalten, und fuhr einfach weiter.
Was soll ich von einem veganen Restaurant halten, dass „Emilia Carotti“ heißt und von den Yakitori-Brüdern eröffnet wurde?
Wie stelle ich fest, ob die Hausbesitzer gerade im Urlaub sind? Richtig. Der Briefkasten wird nicht geleert. Wie kontrolliere ich die Briefkästen? Indem ich so tue, als hätte ich in der Straße etwas zu tun. Merke: Alle Zeugen Jehovas und Werbeblättchenverteiler arbeiten als Spione für Einbrecherbanden.
Er behauptete steif und fest, sich nicht für Pornos zu interessieren.
The Smiths - Shoplifters of the World. https://www.youtube.com/watch?v=lJRN76hxFz0

Copyright: Harri, der sich langsam aber sicher ein Meet & Greet mit Andy Bonetti erarbeitet.

Sonntag, 2. Juli 2017

Herzdame mit Streuselkuchen

Manchmal frage ich mich, warum so viele völlig unbedeutende und unbekannte Leute mit ihrer Biographie bei Wikipedia landen. Es gibt andererseits Menschen, deren Biographie im diesem krebsartig wuchernden Lexikon fehlen. Nehmen wir Wilhelmine „Minna“ Eberling als Beispiel.
Als sie geboren wurde, herrschte noch ein Kaiser über das Reich, wie im Märchen. Ein Kaiser, den man nur vom Hörensagen kannte, denn Zeitungen las man in ihrer Familie nicht, Fernsehen und Radio waren noch nicht erfunden. Selbst von den großen Tragödien wie dem Untergang der Titanic erfuhr man damals erst nach Wochen etwas am Gartenzaun oder im Gasthaus.
Ihr Vater arbeitete bei der Reichsbahn und starb an Blinddarmentzündung, als sie vier Jahre alt war. Ihre Mutter starb an der Spanischen Grippe, als sie vierzehn war. Damals war der Weltkrieg gerade vorüber und sie musste sich als Waise Arbeit auf einem der umliegenden Bauernhöfe suchen.
Als sie siebzehn war, stieß ihr eine Kuh das linke Auge aus. Sie musste in eine Augenklinik, wo sie nach ihrer Genesung als Hilfskrankenschwester blieb. Sie heiratete in der Weltwirtschaftskrise einen Arbeiter, der sein Geld im Steinbruch verdiente. Sie war eine Fremde im Dorf ihres Mannes.
Ihr erster Sohn kam 1934 auf die Welt. Ein zweiter Sohn folgte einige Jahre später, doch sie musste ihn noch vor seinem dritten Geburtstag begraben. Wieder Blinddarmentzündung.
Dann kam der nächste Weltkrieg. Ihr Mann wurde 1945 noch zum „Volkssturm“ einberufen und musste fünfzehn Monate in französischer Kriegsgefangenschaft verbringen. Sie verbrachte diese Zeit mit ihrem Kind in einem Zimmer bei den Schwiegereltern und durfte nicht am Familienessen teilnehmen.
Im Wirtschaftswunder baute die Familie mit bloßen Händen ein Haus. 3000 DM Kredit von der Sparkasse und gelegentlich zwei Gehilfen für die Arbeit. Ein Stockwerk wurde an eine alleinstehende Lehrerin vermietet, eines bewohnte man selbst. Der Garten war komplett für Kartoffeln und Gemüse bestimmt, einige Hühner lieferten die Eier. Fleisch gab es nur sonntags.
Es gab kein Auto und sie ist niemals in ihrem Leben verreist. Sie hat den ganzen Tag Wasser aus der Leitung getrunken und war niemals im Ausland. Im Winter wurde nur die Küche geheizt und alle gingen vor acht Uhr abends ins Bett.
Sie wurde taub und hörte Volksmusik in ohrenbetäubender Lautstärke. Ihr Mann wurde ein schweigsamer, mürrischer Trinker. Beide bekamen etwa fünfhundert DM Rente.
Ich erinnere mich an das gute Essen. Pellkartoffeln mit Quark. Rohe Erbsen. Selbstgebackener Streuselkuchen. Einmal habe ich nur die Streusel gegessen, nicht den Boden. Mein Opa wurde fuchsteufelswild und erzählte wieder die Geschichten über die klägliche Ernährung in der Kriegsgefangenschaft. Meine Oma lächelte und ließ es mir durchgehen.
Den Tod ihres Mannes hat sie nicht verstanden. Ab diesem Tag war mein Vater ihr Mann. Obwohl sie erst 1991 starb, hat sie nie etwas von der deutschen Einheit erfahren. Als sie – wahnsinnig geworden – in einer geschlossenen Anstalt starb, war niemand von uns bei ihr.
Heartless Bastards - Only For You. https://www.youtube.com/watch?v=F8wqmh3KybI

Samstag, 1. Juli 2017

Die letzte Reise

Der Tag von Helmut Kohls Beerdigung ist typisch für einen Politiker. Er ist mit dem Auto, dem Schiff und dem Hubschrauber unterwegs – und in verschiedenen Ländern. Als wäre es die Leiche von James Bond oder Phileas Fogg. Angela Merkels Sarg geht vermutlich mal auf Welttournee. #Kanzlerin der Bankenrettung

Der große Kalenderschwindel

„Wenn die Polkappen schmelzen, steigt der Meeresspiegel und Städte wie New York, Tokio oder Hamburg verschwinden. Berlin wird zum neuen Venedig und ich kaufe mir ein Schlauchboot, das von dressierten Delphinen gezogen wird.“ (Andy Bonetti: Gute neue Zeit)
Der Bundestag kann noch nicht in die Sommerferien abhauen. Mir ist da noch was eingefallen. Es ist total ungerecht, dass der Februar nur 28 Tage hat, alle anderen Monate aber 30 oder 31 Tage. Ich spreche hier von einer massiven Diskriminierung, an der die alten Römer Schuld sind.
Das römische Jahr begann nämlich ursprünglich am 1. März und endete im Februar. Am Jahresende waren dann einfach nicht mehr genug Tage für den Februar übrig. 45 v.Chr. hat Julius Cäsar (genau, der Typ aus Asterix mit der großen Nase) zwar eine Kalenderreform gemacht (genau, „Reform“ – kann ja nix gutes bei rauskommen), bei der das Jahr endlich von 355 auf 365 Tage verlängert wurde, der Februar aber bei der Verteilung der zusätzlichen Tage wieder in die Röhre guckte.
Ich finde, alle Monate sollten 30 Tage haben. 31 Tage bekommen folgende Monate:
Februar – als Ausgleich für Jahrtausende der Diskriminierung
Mai – weil er so schön ist
August – weil ich da Geburtstag habe
Oktober – weil er manchmal auch schön ist
Dezember – damit die Zeit „zwischen den Jahren“ nicht kürzer wird
Der Schalttag alle vier Jahre wird per Volksabstimmung vergeben. Oder wir heben ihn für bessere Zeiten auf.
Herwig Mitteregger – Rudi. https://www.youtube.com/watch?v=VbxGz_r2JfU

Die Veganer-Mafia

Alle nannten ihn Joe Bananas. Sein richtiger Name war Giovanni Bonnano. Er war über einsneunzig groß, hatte breite Schultern und Oberarme, die aus seinem Nadelstreifenjackett zu springen schienen.
Bisher hatte er sein Geld mit illegalem Glücksspiel, Fußballwetten und Krediten zu Wucherzinsen verdient, bis er das Geschäft mit den Bio-Märkten entdeckte. Dort wurde ein Mörderumsatz gemacht und kein Schutzgeld bezahlt. Das wollte er ändern.
Als erstes nahm er sich einen Bio-Markt im Wrangelkiez vor. Falckensteinstraße. Er postierte zwei Männer im Eingangsbereich, die jeden neuen Kunden finster anblickten. Zwei weitere Schlägertypen schüchterten die Kunden ein. Schließlich kam der Marktleiter, ein blasser kleiner Mann namens Kai Nickel, und drohte, die Polizei zu alarmieren. Zwei von Joe Bananas‘ Leuten schleppten ihn ins Lager und erklärten ihm, das er ab jetzt zehn Prozent vom Umsatz abzugeben habe. Der Marktleiter schüttelte tapfer den Kopf. Die Salatgurke musste ihm chirurgisch aus dem Rektum entfernt werden.
Sie nahmen sich die nächsten Bio-Märkte vor. Scheiben wurden eingeschmissen und die Fahrradreifen der Marktleiter aufgeschlitzt. Schließlich hatte Joe die gesamten Biomärkte in Kreuzberg unter Kontrolle. Aber das reichte ihm nicht. Die nördliche Seite der Spree gehörte dem Genovese-Clan, also musste er sich etwas Neues ausdenken. Die Gewinnspanne dieser ganzen Bio-Scheiße war schließlich unglaublich verlockend. Also machte er seinen ersten eigenen Bio-Markt auf. Ganz prominent an der Bergmannstraße, wo jeden Tag zehntausende Vegetarier, Flexitarier und Veganer unterwegs waren.
Die Sache mit dem Gemüse und dem Obst war nicht schwer. Er kaufte einfach die billigsten Lieferungen aus Rumänien und anderen Ländern auf dem Großmarkt auf und verpasste ihnen ein Bio-Label. Er ließ sich polnisches Bier liefern und klebte ein zusätzliches Etikett „Veganer Bölkstoff“ auf die Flaschen. Bald stellte er fest, dass Fleisch billiger war als Gemüse. Also verkaufte er echte Buletten aus billigen Fleischresten als Grünkernbratlinge. Die Kunden rissen ihm die Ware aus den Händen. Endlich schmeckte dieses Bio-Zeug!
Wir kamen Joe Bananas auf die Schliche, als er eine Ladung Weißwürste aus Bayern geliefert bekam, die er als Tofu verkaufen wollte. Detective Kowalke und ich saßen in einem unauffälligen 1972er Pontiac Shadowland auf der anderen Straßenseite, als der Lieferwagen in die Hofeinfahrt einbog.

Eingangsbereich von „FrischeParadies - Joe Banana’s Super-Bio-Markt.“
Fortsetzung folgt
Billy Idol – Eyes Without A Face. https://www.youtube.com/watch?v=9OFpfTd0EIs

Freitag, 30. Juni 2017

Die Flut

Das folgende Video zeigt die Ecke Trautenaustraße und Bundesallee in Berlin. Ich wohne um die Ecke - zum Glück im dritten Stock und ohne Keller. U 3 und U 9 fielen gestern in meinem Kiez aus. 150 Liter pro Quadratmeter. Schön, dass ich gerade in Schweppenhausen bin.

https://www.youtube.com/watch?v=AJx1x3t4Ar0

Auf dem Einrad nach Acapulco


Blogstuff 139
„Es gibt eine Stunde der Nacht – die Stunde der Wölfe, wie Ingmar Bergman sie nannte -, in der man der Wahrheit nicht ausweichen kann. Sie schlägt um vier Uhr morgens, wenn man aufwacht und allein ist mit sich – mit seinen guten und schlechten Seiten, mit dem, was man getan, und mit dem, was man zu tun hat.“ (Sandro Pertini)
Hätten Sie’s gewusst? Papier ist in der Lage, sich selbst zu bewegen. Nachts bildet es auf Schreibtischen und in offenen Regalen gerne wirre Haufen. Als Fallen aufgestellte Papierkörbe funktionieren leider nicht.
Jedes neugeborene Kind müsste uns eigentlich mit tiefer Hoffnungslosigkeit erfüllen. Es kommt vollkommen erkenntnis- und erfahrungsfrei auf die Welt und soll dennoch in begrenzter Zeit seine Bestimmung erkennen. Betrachten wir sie einige Jahrzehnte später, hat der erste Eindruck nicht getrogen: Fast alle verbringen ihr Dasein mit dem würdelosen Gleichmut von Mastschweinen, ihr größtes Ziel ist die nächste Fuhre Abfall, in der sie wühlen können.
Auf meiner Geburtsurkunde steht glücklicherweise auch die Uhrzeit: 14.8.1966, 5 Uhr 10. Ein sonniger Sonntagmorgen. Am 25.6.2017, um 10 Uhr, habe ich also exakt eine Milliarde, 605 Millionen und 156.600 Sekunden gelebt. Oder 26.752.610 Minuten, 445.876 Stunden (abgerundet),18.578 Tage (abgerundet). Am 17. Mai 2021 wird der 20.000ste Tag in meinem Leben sein. Am 14. Dezember 2049 mache ich die tausend Monate voll! Dann werde ich 83 Jahre und vier Monate alt sein – übrigens exakt so alt wie mein Vater in diesem Monat.
Ein kleines Nickerchen am Nachmittag hat den Vorteil, dass man sich nicht so weit wegträumt wie in der Nacht. Ich träumte also, nachdem ich im Fernsehen etwas von einem nahenden Unwetter mit Hagelschauer und Sturm gehört hatte, von diesem Wetterumsturz, der die brütende Hitze beenden sollte. Es war dunkel und es schneite in meinem Traum. Ich ging zum Fenster und sah, wie die Nachbarkinder einen Schneemann bauten! Dann wachte ich auf. Fünfzehn Minuten später donnerte es, ein heftiger Regen setzte ein und große Hagelkörner schlugen auf dem Dach und in den Garten vor mir ein.
Warum ist Merkel die ideale Kanzlerin und warum gewinnt sie die Wahlen im September? Weil sie keine Ziele hat, weil sie den Status Quo repräsentiert. Sie ist perfekt für eine der ältesten Bevölkerungen der Erde, Durchschnittsalter: 46. Das heißt: Die Hälfte der Deutschen ist älter als 46. Da will man nur noch, dass alles so bleibt wie es ist. Bloß keine Veränderungen oder gar Experimente. So, wie es ist, ist es gut. Nicht weil es wirklich gut wäre, sondern weil man sich daran gewöhnt hat. Die Zeit der Träume und Pläne ist längst vorbei. Sie ist vielleicht die erste Regierungschefin, von der wir erst durch ihren Tod erlöst werden.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti hat auf seinem linken Unterarm eine Uhr mit Armband eintätowiert. Die Uhrzeit: 5 Uhr 10.
Demosthenes stand einst am Meer und redete mit einem Kieselstein im Mund gegen die Brandung an, um seine Redekunst zu üben. Bonetti schreibt zu Trainingszwecken oft unter widrigsten Umständen, in einer voll besetzten U-Bahn zum Beispiel oder an der Theke einer Diskothek am Samstagabend. Seine Erzählungen konzipiert er gerne beim Wasserskifahren oder beim Fallschirmspringen.
Zum zweiten Mal bekomme ich 24 Stunden lang den Blutdruck mit einer Manschette gemessen, die sich regelmäßig automatisch zusammenzieht (vgl. „Cyborg“ vom 30. Mai in diesem Blog). Beim ersten Mal lag der Durchschnittswert bei 170 / 110 – schlaganfallgefährdet. Seitdem nehme ich jeden Morgen eine Tablette. Jetzt sind die Werte wieder halbwegs okay, bei 130 / 80. Nur nachts seien sie überdurchschnittlich. Der Arzt fragt mich, was ich denn in der vergangenen Nacht gemacht hätte? Da bin ich alle fünfzehn Minuten durch das Zusammenquetschen meines Oberarms geweckt worden, antworte ich. Natürlich, er nickt bedächtig, das erklärt einiges.
Hätten Sie’s gewusst? Popcorn sieht aus wie ein Haufen Totenschädel.
Urban Knowledge: Die Smartphones sind deswegen glatt wie Spiegel, weil sich die Leute heutzutage ihr Koks auf dem Telefon einpfeifen.
Blackstreet - No Diggity ft. Dr. Dre, Queen Pen. https://www.youtube.com/watch?v=3KL9mRus19o

Copyright: Harri, der bei Bonetti Media ein unbezahltes Praktikum absolviert (fünf Jahre - mit der Chance auf Verlängerung)

Donnerstag, 29. Juni 2017

Es ist erst vorbei, wenn der dicke Mann auf die Toilette geht

Der Biergarten in Schweppenhausen, wenige Tage nach Bonettis Ankündigung, kein Bier mehr zu trinken.
Der Dank geht an Leser-Reporter Harri.

Eine deutsche demokratische Republik

Jetzt tragen sie also den „Kanzler der Einheit“ zu Grabe.
Was wäre eigentlich passiert, wenn es nicht zur Wiedervereinigung gekommen wäre?
Wenn die Menschen aus der DDR nicht auf das Lockvogelangebot einer schnellen Heim-ins-Reich-Politik hereingefallen wären?
Wenn sie den Propagandalügen der Westmedien – die Bundesrepublik als eine Art Traumschiff mit Sascha Hehn als Staatsoberhaupt – nicht geglaubt hätten?
Sie hätten vielleicht einen neuen Staat aufgebaut. Sie hätten den Begriff „Deutsche Demokratische Republik“ mit Leben erfüllt.
Sie hätten neue Parteien gegründet, anstatt den verfilzten Parteiapparat der BRD zu übernehmen. Sie hätten ihr eigenes Land regiert, anstatt von anderen regiert zu werden.
Sie hätten den sozialen Fortschritt der DDR in Sachen Gleichberechtigung, in Sachen Kinderbetreuung, in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht über Bord geworfen.
Sie hätten womöglich in einer Gesellschaft gelebt, die nicht durch die krassen Unterschiede zwischen den Reichen und den Armen, durch Obdachlosigkeit und Zwangsarbeit („Hartz IV“) geprägt gewesen wäre.
Sie hätten Altersarmut und das Ende der Solidarität nicht akzeptiert.
Sie hätten aufgrund ihrer Erfahrung mit der Stasi den heutigen Überwachungsstaat nicht zugelassen.
Sie wären nicht in fernen Ländern in den Krieg gezogen und hätten damit auch nicht den Zorn von Terrororganisationen erregt.
Ihre Wirtschaft wäre nicht zerschlagen worden, sondern reformiert wie in Polen, Ungarn oder Tschechien. Dann hätte es auch keine Massenarbeitslosigkeit gegeben.
Sie wären nicht zu Bittstellern und Almosenempfängern in Bonn und später in Berlin geworden. Sie wären in die EU eingetreten und hätten Hilfe erhalten wie alle anderen Staaten auch.
Es würde nicht jeden Montag in Dresden eine Demonstration von frustrierten Faschisten geben. Es würden keine Flüchtlingsheime brennen.
Es hätte weiterhin zwei deutsche Staaten gegeben. Vielleicht wäre die DDR, von der ich hier spreche, aufgrund ihrer sozialen Errungenschaften sogar eine echte Alternative gewesen? Menschen wären von der BRD in die DDR ausgewandert, weil es dort einen funktionierenden Sozialstaat gegeben hätte. Diese DDR wäre attraktiv für Einwanderer gewesen.
Die BRD wäre aufgrund der Konkurrenzsituation nicht in diesen Abgrund an Ausbeutung und schamloser Selbstbereicherung abgedriftet. Das gesellschaftliche Abbruchprojekt namens Neoliberalismus hätte vielleicht gar nicht stattgefunden.
Da man die Wirtschaft und den Staat der DDR nicht zerschlagen hätte, wären auch die Kosten der Einheit, die auf 1,3 bis 2 Billionen Euro taxiert werden, nicht angefallen. Das Geld hätte man für Bildung, Infrastruktur, Rente und Sozialleistungen ausgeben können.
Leider haben sich die Menschen damals anders entschieden. Hat ihnen der Mut gefehlt, einen Neuanfang zu wagen? Hatten sie keine Geduld oder waren sie einfach nur naiv? Haben sie sich damals für den leichteren Weg entschieden, der am Ende doch sehr steinig war?
Helmut Kohl durfte jedenfalls „den Mantel der Geschichte“ packen und als zweiter Bismarck in die Geschichtsbücher eingehen. Schade. Wenn man es mal zu Ende denkt, ist das alles sehr bedauerlich. Aber leider nicht mehr zu ändern. Ohne die deutsche Einheit hätte man dieser Tage einen mittelmäßigen Politiker beerdigt, zu dem uns nur Titanic-Titelbilder eingefallen wären.
John Foxx – Underpass. https://www.youtube.com/watch?v=dgaLF2F5LWg

Mittwoch, 28. Juni 2017

Waldgeist gesichtet!

Achtung! Im Hunsrück wurde ein Waldgeist gesichtet.

Nehmen Sie die Kinder von der Leine und holen Sie Ihre Wäsche von der Straße.

Gicht heißt Verzicht

Gicht heißt Verzicht. Das weiß nicht der doofe Volksmund, sondern die erkrankte Edelfeder. Im Herbst 2001 wurde die Krankheit bei mir diagnostiziert. Ich stellte meine Ernährung um und verzichtete sogar sechs Monate komplett auf Alkohol. Ein Ereignis, von dem in diesem Landkreis noch heute des Abends beim Kaminfeuer berichtet wird.
Ein Jahr später sah ich so aus:

Zu sexy für den Hörsaal – Deutschlands heißester Wissenschaftler.
Dann habe ich es etwas schleifen lassen. Gelegentlich zwickte der große Zeh nach lukullischen Übertreibungen, aber ich wähnte mich auf der richtigen Seite. Im vergangenen Jahr hatte ich zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass ich etwas ändern musste, denn nun sah ich so aus:

Das Bildnis des Dorian Gray.
Ich habe den Warnschuss vor den Bug praktisch erbettelt. Der zweite Gichtanfall war ungleich heftiger, langwieriger und schmerzhafter. Jetzt heißt es wieder, bestimmten Dingen aus dem Weg zu gehen. Ich beginne mit den einfachen Übungen und steigere mich allmählich.
Worauf ein Gichtkranker verzichten muss:
Erbsen, Bohnen und Rhabarber. Kein Problem. Mag ich sowieso nicht. Nur der Verzicht auf Chili con Carne ist in diesem Zusammenhang bedauerlich.
Fette Fische wie Forelle, Hering, Lachs und Aal. Gähn! Empfohlen wird glücklicherweise mein Lieblingsfisch: Kabeljau.
Linsen, Kohl, Spinat und Spargel. Spargel wird traditionell in meiner Heimat Rheinhessen etwa zweimal pro Jahr im Frühling gegessen, wenn die Preise endlich gefallen sind. Auf diese zwei Mahlzeiten kann ich verzichten. Blumenkohl und Rosenkohl sind schon sehr lecker, aber den Gemüseverzicht werde ich heldenhaft überstehen. Nur die gute alte Linsensuppe wird mir fehlen. Sie gehört, neben Nudeln mit Fleischsoße, zu den wenigen Wunschgerichten, die ich bei Familienessen in Auftrag gebe. Eine hausgemachte Linsensuppe mit einem fetten Schuss Maggi – vorbei …
Gänsefleisch und die Haut von Geflügel. Das traditionelle Gänseessen im November fällt aus. Und die Haut eines Hähnchens ist eigentlich der leckerste Teil. Aber immerhin kann ich Geflügelfleisch essen, so dass meinen heißgeliebten Besuchen in indischen, thailändischen oder chinesischen Restaurants nichts im Weg steht.
Jetzt muss ich mich zusammenreißen. Kein Schweinefleisch. Das heißt konkret: Abschied vom Jägerschnitzel mit Pommes frites und von allen anderen Schnitzeln. Von Bratwurst und Currywurst. Von Frikadellen und Hot Dogs. Vom fränkischen Schäufele, von der bayrischen Schweinshaxe, vom Schweinebraten. Glücklicherweise bleiben mir die mageren Stücke vom Rind. Es heißt, den Fleischkonsum zu reduzieren und auf wenige delikate Mahlzeiten zu reduzieren. Qualität & Festmahl – das sind die neuen Stichworte. Kein Schinken und keine Bierwurst mehr zum Abendbrot, kein Würstchen zwischendurch.
Kommen wir zum deprimierenden Ende der Liste: Bier. Bier ist gestrichen. Es bricht mir das Herz. Jahrelang war ich in Franken unterwegs, um bis zu zehn Bier am Tag zu trinken und Schweinefleisch bis zum Abwinken zu futtern. Vorbei. Aus, aus, aus, aus. Das Spiel ist aus. Mein Arzt hat mir dringend von Bier abgeraten. Gelegentlich ein Fläschchen Wein. Anders könnte ein Arzt in dieser Gegend auch gar nicht argumentieren.
Fassen wir zusammen: Alkohol und fettreiche Speisen sind meine Gegner. Was hilft? Tomaten, Erdbeeren, Sellerie, Pflaumen, Cranberries, Karotten und Zwiebeln. Und viel Wasser. Werden wir jemals Freunde werden?
P.S.: Glücklicherweise sagen die neuen Spielregeln nichts über meine geheimen Obsessionen wie Popcorn und Pfirsicheis.
Pat Metheny - Last Train Home. https://www.youtube.com/watch?v=V9vQ_y9JJ1E

Dienstag, 27. Juni 2017

Das kleine Tier

Ich beobachte schon eine ganze Weile ein winziges Insekt auf meinem Schreibtisch. Wo will es hin? Was hat es vor? Das finde ich ja immer spannender, als dem Primateninstinkt zu folgen, und das Tierchen zu jagen oder in seinem Weg zu beeinflussen.
Die meisten Tiere sind den ganzen Tag unterwegs, schauen sich um und freuen sich, wenn sie etwas zu futtern finden. Unser Leben ist dagegen langweilig. Wenn wir Hunger haben, gehen wir zum Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer ist, gehen wir zum Supermarkt.
Dieses kleine Tier läuft morgens los und mitten hinein ins Abenteuer. Es hat keine Ahnung, was den ganzen Tag über passieren wird. Keine Termine, keine Uhr, kein Kalender. Es folgt einfach der Lust zu essen und der Lust sich auszuruhen. Wer weiß? Vielleicht trifft es auch ein anderes kleines Tier und die beiden mögen sich?

Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus

„Die Kapitaleigentümer verfügen kollektiv über die Investitions- und Beschäftigungshoheit und über den Staatshaushalt.“ (Claus Offe, Taz-Interview vom 20.5.2005)
Zwei Ereignisse aus dem Jahr 1973 haben mich nachhaltig geprägt. Zum einen das 2:1 von Günter Netzer im DFB-Pokalendspiel meiner Fohlen gegen den 1. FC Köln. „Ich spiel dann jetzt“, sagte Netzer der Legende nach zu seinem Trainer und wechselte sich selbst in der Verlängerung ein. Niemals zu vor hatte es einen solchen Bruch mit den militärischen Regeln des deutschen Sports gegeben. Der Rebell nimmt Berti Vogts den Ball vom Fuß, rast auf das Kölner Tor zu, spielt einen Doppelpass mit Rainer Bonhof – und fertig ist die Laube. Sein letztes Spiel für Borussia Mönchengladbach, danach spielte er für Real Madrid. Als ich selbst 1995 live im Berliner Olympiastadion einen weiteren Pokalsieg meiner Mannschaft erleben durfte, gab es ein schönes Plakat in unserem Fanblock: „Günter Netzer 1973“. Mehr muss man nicht sagen.
Das zweite Ereignis war ein schmales Bändchen von Jürgen Habermas: „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“. Seine These war, kurz gefasst, dass der Kapitalismus immer wieder Krisen erlebt, ungelöste Steuerungsprobleme, die er mit eigenen Mitteln nicht mehr bekämpfen kann. Darum könne der Staat den Kapitalismus nur in Form massiver Interventionen retten. Der Spätkapitalismus sei geprägt von Konzentrationsprozessen der Unternehmen und von einem hohen Organisationsgrad der Güter- und Arbeitsmärkte, die mit der Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft und deren Requisiten, insbesondere dem „freien Markt“, in dem quasi naturwüchsig ein „gerechter Tausch“ stattfindet und auf dem „Leistung sich lohnt“, nichts mehr zu tun habe.
Der demokratische Staat verliere damit seine Legitimation, da die soziale Integration der gesamten Bevölkerung nicht im Vordergrund stehe und nicht mehr zu leisten sei. Daher wären erstens andere Formen der Legitimation, allen voran Religion und Nation, notwendig, um den bürgerlichen Staat und damit den Kapitalismus zu erhalten. Zweitens müsse der Staat mit verbesserten Steuerungstechniken Krisen des Kapitalismus vermeiden, die das System zwangsläufig erodieren lassen - man danke aus heutiger Sicht an die Finanzkrise 2008, die schnell zu einer Vertrauenskrise wurde, die bis heute anhält. Dafür müsse sich das politische System von der demokratischen Willensbildung der Bevölkerung abkoppeln, um unabhängig von den Bürgern Entscheidungen treffen zu können. Politische Partizipation ist in diesem Modell ein Störfaktor, denn nur ein autoritärer Staat könne den Kapitalismus erhalten.
Mit anderen Worten: Die Demokratie muss notfalls dem kapitalistischen System geopfert werden. Erst das Fressen, dann die Moral. Wohlstand ist wichtiger als Freiheit – vor allem für diejenigen, die in Sachen Wohlstand viel zu verlieren haben. Ich finde, diese Analyse von Habermas ist bis heute aktuell geblieben. Günter Netzer ist übrigens Unternehmer geworden und trägt die Haare inzwischen kurz.
Wild Cherry - Play That Funky Music. https://www.youtube.com/watch?v=MDZsNksbw2Q

Montag, 26. Juni 2017

Blogstuff 138

„Das Einzige, was es möglich macht, diese Welt ohne Abscheu zu betrachten, ist die Schönheit, die Menschen hier und da aus dem Chaos erschaffen: die Bilder, die sie malen, die Musik, die sie komponieren, die Bücher, die sie schreiben, und das Leben, das sie führen.“ (Somerset Maugham)
Gute Vorsätze sind ein Verrat an den eigenen Schwächen.
Spaß mit Zahlen, Folgen 21: 986 ist das letzte Jahr gewesen, dessen Ziffernfolge man um 180 Grad drehen kann und trotzdem zum gleichen Ergebnis kommt. Legt man die angelsächsische Schreibweise der Zahlen (1 als glatter Strich) zu Grunde, war es das Jahr 1961. Erst 6009 wird es wieder so weit sein.
In Frankreich werden wir erleben, wie eine der letzten Bastionen der Arbeitnehmerrechte von Macron geschleift wird. Ich hoffe auf einen heißen Herbst des Protests gegen seine Agenda 2010-Variante. Anführer von Bewegungen machen mich immer misstrauisch - und er darf sogar unter Kriegsrecht regieren, dessen Bestimmungen er sicher gegen das rebellierende Volk einsetzen wird.
Protestiert gegen das System! Kauft Farbe und Stoff für eure Transparente! Kauft Buttons und Aufkleber! Umsturz-Müller in der Helmut-Kohl-Straße hat wieder seine Rabattwochen.
Es war die Sensation 1986: Die Brother AX-30. Die elektrische Schreibmaschine der Zukunft. Für schlanke 999 DM. Sie hatte ein 20-Zeichen-Display zur Kontrolle des eingegebenen Textes und einen 6500-Zeichen-Speicher – das sind etwa drei Seiten Text, den „Sie immer wieder ausdrucken lassen können, wann und wie oft Sie es wünschen“, wie es im Werbetext der japanischen Wundermaschine heißt. Außerdem: „das angenehm leise Arbeitsgeräusch“.

Copyright: Harri.
Im Zivildienst habe ich einen Maurermeister betreut, dem es eine Freude war, in seinen alten Tagen durch Ingelheim zu spazieren und sich die Häuser anzuschauen, die er gebaut hatte. Den gleichen Stolz haben Tischler, die Möbel bauen, die ein Leben lang halten. Früher waren vermutlich auch Facharbeiter stolz, die Kühlschränke oder Autos bauten, die einfach nicht kaputt gingen. Vielleicht ist vielen Leuten in der heutigen Zeit ihre Arbeit so verhasst, weil sie wissen, dass sie billigen Schrott herstellen, und alles, was sie organisiert haben, im nächsten Jahr schon wieder umgekrempelt wird? Es bleibt nichts, weil alles permanent verändert werden muss.
Woran erkennt man, dass eine neue Partei in der Bundesrepublik „angekommen“ ist, d.h. erfolgreich gebrainwasht wurde und damit satisfaktionsfähig ist? Schritt 1: Sie darf als kleiner Koalitionspartei bei den schwarz-rot-gelben Kernparteien in die Lehre gehen. Schritt 2: Man bekommt ein eigenes Bundesland. Und so darf seit 2011 ein alter weißer Mann, der gerne dunkle Anzüge trägt, mit einem Mercedes der S-Klasse durch Baden-Württemberg fahren und der erste grüne Ministerpräsident sein. Einige Jahre später hat man einem Linken ein ostdeutsches Bundesland anvertraut, in dem selbstverständlich nicht der Sozialismus ausgebrochen ist.
Wir kennen das Gefühl von Beerdigungen und kirchlichen Trauungen: Man sitzt in unbequemer Kleidung viel zu eng mit Menschen zusammen, die man entweder gar nicht kennt oder nicht mag, und wäre in diesem Augenblick eigentlich gerne woanders. Später hat man dieses Gefühl jeden Tag, man nennt es „Meeting“. Noch schlimmer ist der Büroalltag nur für Leute, die gerade nicht im Meeting sind – denn die müssen arbeiten.
P.S.: Sollte ein Kollege im Meeting eingeschlafen sein, verlassen Sie bitte alle ganz leise den Raum und löschen Sie das Licht. Variante für Fortgeschrittene: eine Gruppe anderer Kollegen nimmt Ihre Plätze ein und Sie stupsen den Kollegen behutsam an. Wenn er wach ist, erklären Sie ihm, das Unternehmen würde ihn nur für die wirklich wichtigen Meetings wecken.
Sir Mix-A-Lot - Baby Got Back. https://www.youtube.com/watch?v=reTx5sqvVJ4

Sonntag, 25. Juni 2017

V 3

Am nächsten Morgen kam ich mit fünfhundert Euro, einem veritablen Kater und einer mehrfach verlorenen Unschuld ins Antiquariat. V lächelte unverschämt, als er mich sah, unterließ aber jede Form von Kommentar.
Er war mit den Geschäften zufrieden, die komplette Fachliteratur, etwa viertausend Bücher, hatte er an einen Händler für die Pauschalsumme von viertausend Euro verkauft. Zusammen mit den Einnahmen vom Vortag waren neunzig Prozent seiner Kosten gedeckt, er konnte Aufsesser das Geld überweisen und es blieben ihm noch 1800 Romane, Anthologien und Lyrikbändchen für den weiteren Verkauf.
Es kehrte wieder Ruhe ein und ich konnte es kaum erwarten, nach Geschäftsschluss mit meinen Bonettis nach Hause zu gehen, um sie in Ruhe zu studieren. „Meer ohne Salz“ und „Wüste ohne Sand“, ohne die das Œuvre des Meisters nicht zu denken wäre. Es handelt sich dabei um fiktive Fortsetzungen von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“. Angeblich gab es noch „Frikadelle ohne Fleisch“ und „CDU ohne Programm“, aber das waren nur satirische Fake News irgendeines Online-Magazins.
Endlich war es soweit. Ich trug meinen Schatz in mein Arbeitszimmer und machte mir eine große Tasse Irish Coffee mit ganz wenig Kaffee. Dann begann ich, im ersten Band zu blättern. „Meer ohne Salz“. Der Schnitt des Buches hatte die Patina von altem Elfenbein angenommen, aber die Seiten hafteten noch leicht aneinander. Ein Zeichen, das Professor Aufsesser es nicht gelesen hatte. Auf dem Vorblatt stand eine Widmung, die mit dunkelblauer Tinte geschrieben war: „Viel Vergnügen bei der Lektüre, F. S.“.
Genüsslich schlürfte ich die Tasse leer und vertiefte mich in die erste Kurzgeschichte. Es ging um eine Bande von Grabräubern, die in Bad Nauheim ihr Unwesen trieb. Dann blätterte ich nach hinten, wo das Inhaltsverzeichnis war. Da entdeckte ich eine Zahlenfolge, die auf der Innenseite des Einbands stand: 210341365. Sie war mit Bleistift geschrieben.
Was hatte das zu bedeuten? War ich auf ein Geheimnis gestoßen? War es ein Code? Eine Schließfachnummer? Eine Telefonnummer? Ich nahm mein Handy und tippte die Nummer ein. Ich hörte nur eine Bandansage: „Willkommen bei den Mystery Men. Sie versuchen, uns zu kontaktieren? Wir werden Sie finden. Wir werden alles über sie erfahren.“ Dann war ein Wolfsheulen zu hören. Warum hört man eigentlich nie ein Besetztzeichen, wenn man wildfremde Leute anruft?
Es könnte natürlich auch eine Nummer aus dem Bestandsverzeichnis einer Bibliothek sein. Ich tippte auf die Stabi an der Potsdamer Straße. Erstens hatte sie bis 21 Uhr auf und zweitens war ich nach dem Whiskey einfach abenteuerlustig. Ich fuhr also mit dem Bus in die Potsdamer Straße. Es dauerte eine Weile, bis ich das richtige Regal gefunden hatte. Aber es gab keine Nummer 210341365. Die -64 und die -66 standen an ihrem Platz, aber ausgerechnet mein Buch fehlte. Rätselhaft, oder?
Ich wollte schon gehen, als mir einfiel, einen Blick hinter die Bücher zu werfen. Vielleicht war es ja verrutscht? Tatsächlich fand ich einen Zettel mit der Aufschrift „Suche den Elefanten und befrage ihn mit der Hand“. Was sollte das bedeuten? War vielleicht vom Elefantentor am Zoologischen Garten die Rede? Der junge Aufsesser hatte erzählt, dass der Zoo die Leidenschaft seines Vaters gewesen sei.
Ich fuhr zum Zoo und kletterte einen der der steinernen Elefanten empor. Befrage ihn mit der Hand? War eine Botschaft in seinem Maul versteckt? Tatsächlich! Ich fand einen winzigen Lederbeutel. Ich kletterte wieder hinunter. Auf dem Bürgersteig waren einige Menschen stehengeblieben, die mich neugierig beobachteten. Ich spielte den Betrunkenen und torkelte davon.
Zu Hause öffnete ich den Beutel und fand eine zweite Botschaft. „Eiffels Frau hält es in der Faust. Öffne Sie!“ Eiffels Frau? Ich dachte fieberhaft nach. Sollte ich ein Grab öffnen? Oder handelte es sich um ein Bauwerk? Er hatte Türme und Brücken gebaut, aber keine Skulpturen. Ich stöberte ein wenig im Netz. Die Freiheitsstatue in New York. Eiffel hatte die Stahlkonstruktion entworfen, die mit Kupferplatten verkleidet worden war.
Am nächsten Morgen nahm ich das erste Flugzeug vom BER nach New York. Mit dem Taxi fuhr ich zur Südspitze Manhattans und nahm von dort die Fähre nach Liberty Island. An Bord fielen mir zum ersten Mal die beiden Männer in den dunklen Mänteln auf. Einer von ihnen sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis der Tempelritter“, der andere sah aus wie Nicolas Cage in „Das Vermächtnis des geheimen Buches“.
Ich bestieg die Statue und kletterte auf den Arm, der die Fackel hielt. Es wehte ein kräftiger Wind und es war sehr gefährlich. Tatsächlich war in der Faust eine kleine Nische, in der ich ein Pergament fand. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, blickte ich in die Mündung von vier Revolvern.
„Ich nehme an, Sie sind die Mystery Men“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.
Fortsetzung folgt – im Dezember in einem Kino Ihrer Wahl. Vermutlich wird dieses bleigesättigte Rachefinale mit Nicolas Cage in der Hauptrolle verfilmt. Weitere Orte der Schnitzeljagd: Golden Gate Bridge, Tadsch Mahal, Topkapi-Palast und Bad Nauheim.
Montell Jordan - This Is How We Do It. https://www.youtube.com/watch?v=0hiUuL5uTKc

Samstag, 24. Juni 2017

V 2

Am Montagmorgen kam ich ins Antiquariat und sah V, der vor zwei großen Kisten stand. Er lächelte mich an. Dann begann er, mit Sammlern und bibliophilen Freunden zu telefonieren.
Fünfzehn Minuten später stand ein Mann im Geschäft, der große Ähnlichkeit mit Pavarotti hatte.
„Wo ist es?“ rief er, während er schnaufend nach Atem rang. Er musste gerannt sein.
V zog ein schmales Bändchen aus der Kiste.
„Bei dieser kostbaren Rarität habe ich sofort an dich gedacht, Egon.“
Freudestrahlend nahm der schwarzhaarige Riese das Buch in die Hand. „Diesmal hat das Schwein ein Bolzenschussgerät“ las ich auf dem Einband.
„Wer ist denn Lupo Laminetti?“ fragte ich die beiden Herren und erntete nur ein mitleidiges Lächeln.
„Laminetti ist ein hessisches Kryptoanarchist. Dieses Buch ist sein surrealistisches Frühwerk, das er im Eigenverlag herausgegeben hat. Es gibt nur hundert Exemplare“, antwortete V.
„Was möchtest du für dieses Juwel?“ fragte Egon.
„Für dich kostet es nur fünfzig Euro.“
„Das kannst du unmöglich machen“, rief der Riese. „Das ist ja geschenkt.“
V lächelte versonnen und blickte auf die beiden Schatztruhen aus Pappe hinunter.
Jetzt war ich selbst neugierig geworden und begann, in den Kisten zu stöbern. Und tatsächlich: „Meer ohne Salz“, sowie die Fortsetzung „Wüste ohne Sand“. Von Andy Bonetti. Meinem großen Vorbild. Dem Meister aller Klassen.
Strahlend vor Glück hob ich die beiden Bände V entgegen. Er schüttelte nur bedauernd den Kopf.
„Gleich kommt die Herzogin, Sie hat das Vorkaufsrecht.“
Tatsächlich rauschte wenig später eine stark geschminkte und geradezu fontanehaft kostümierte Dame ins Antiquariat.
„Gretel, meine Liebe“, flötete V. Bussi links, Bussi rechts.
Konzentriert nahm sie einige Bücher in die Hand, murmelte Unverständliches und bildete zwei Stapel, die im Laufe der Zeit immer höher wurden und bedrohlich zu schwanken begannen.
Sie deutete mit dem Zeigefinger auf den linken Stapel. „Geh, Spatzerl, die lässt du mir schön einpacken und von deinem Ladenschwengel heute Abend in meine Residenz bringen.“
„Selbstverständlich. Soll ich die Rechnung schon fertig machen?“
„Gerne. Was macht es denn?“
V begann mit Bleistift und Zettel zu rechnen. „560 Euro. Für dich fünfhundert glatt.“
„Du bist ein Schatz. Baba.“ Dann rauschte sie wieder hinaus.
Die beiden Bonetti-Bände waren noch da, aber es kamen weitere Kunden in den Laden. Ein dürrer kleiner Mann ohne Kinn, der mit einem hellgrauen Dreiteiler und einer dunkelroten Hakennase ausgestattet war: Doktor Wiesengrund, ein Privatgelehrter. Die Cortez-Zwillinge, die sich gegenseitig die Bücher zeigten. Langsam leerten sich die Kisten, während V sicher an die fünftausend Euro eingenommen hatte.
Gegen Abend war der Laden endlich leer und V ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.
Wieder nahm ich die beiden Bonetti-Bände, die in herrliches weiches Kalbsleder gebunden waren. „Wieviel?“ fragte ich.
V warf einen Blick auf die Bücher und lächelte müde. „Wenn du nachher noch die Bücher zur Herzogin bringst und abkassiert hast, schenke ich dir die Bücher.“
„Vielen Dank!“
„Weißt du, solche Tage sind der wahre Ertrag meiner Tätigkeit. Wenn du die Schätze und die Schatzsucher zusammenbringst, wenn du den Büchern neues Leben einhauchen kannst.“
Es war schon dunkel, als ich vor dem Haus in Friedenau ankam. Ich stieg die Treppe des Mietshauses aus der Gründerzeit empor. An der Wohnungstür erwartete mich schon die Herzogin – in einem Negligé.
Sie warf mir einen hauchdünnen Seidenschal um den Hals und zog mich ins Wohnzimmer. „Geh, Burli. Magst einen Marillenschnaps?“
Ich nickte und legte das Paket und die Rechnung auf den Tisch.
Fortsetzung folgt
Ini Kamoze - Here Comes The Hotstepper. https://www.youtube.com/watch?v=w0N4twV28Mw

Freitag, 23. Juni 2017

V

Auf Anraten meines Therapeuten sollte ich mich Situationen aussetzen, denen ich normalerweise aus dem Weg gehe. Außerdem sollte ich den Kontakt mit anderen Menschen suchen, da ich als alleinstehender Schriftsteller ein sehr einsames Leben führe und einer quasi autistischen Tätigkeit nachgehe. Also hatte ich mich entschlossen, ein vierwöchiges Praktikum bei Amadeus Vogelkopf zu absolvieren. Arbeit! Fremde Menschen!!
Herr Vogelkopf war ein netter älterer Herr, der seit zwanzig Jahren als Geschäftsführer und einziger Mitarbeiter von „Andy Quariat“ in der Winterfeldstraße in Berlin-Schöneberg seinen Lebensunterhalt bestritt. Ich hielt es für eine gute Idee, der Welt der Bücher weiterhin verbunden zu sein und gleichzeitig Material für meine Veröffentlichungen zu sammeln. V, wie ich ihn insgeheim liebevoll nannte, enttäuschte mich nicht. Ich kannte ihn von gelegentlichen Besuchen seines Antiquariats.
Während der langen Stunden, in denen niemand die Geschäftsräume betrat, die bis unter die Decke mit tausenden von Büchern angefüllt waren, die nach der unergründlichen Ordnung ihres Besitzers aneinandergereiht auf weiß gestrichenen Regalbrettern standen, erzählte mir V aus seinem Berufsleben. Er hatte Myriaden von Studenten überstanden, die ewig suchten und nichts kauften. Penner, die sich aufwärmten, und Rentnerinnen, die ihn aus Langeweile in ein Gespräch verwickelten, ohne dass ihn ein zweiter Kunde retten konnte. Leute, die feilschten. Leute, die ein gelesenes Buch gegen ein neues tauschen wollten. Leute, die versuchten, ihm die Konsalik-Sammlung ihrer Oma anzudrehen.
Niemand käme je auf die Idee, ein Antiquariat zu eröffnen, um reich zu werden. Eigentlich habe ich mich immer gefragt, wovon Antiquare überhaupt leben. Alles in der ersten Woche meines Praktikums hat mich in dieser Einstellung bestätigt. Diese Beschäftigung ist auf eine so unkomische Art traurig, isn’t it? Bis Martin Aufsesser das Geschäft betrat.
Es hatte geregnet und es dauerte eine ganze Weile, bis der Mann auf seine seltsam unbeholfene und umständliche Art den Regenschirm geschlossen hatte, seine Brille mit einem Tuch getrocknet und wieder aufgesetzt hatte, um an den Verkaufstresen zu treten, hinter dem V und ich die Szene beobachtet hatten.
„Guten Tag“, sagte er. „Darf ich erfahren, wer von Ihnen Herr Vogelkopf ist?“
„Das bin ich“, sagte V. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es geht um einen Nachlass. Mein Vater ist gestorben. Professor Aufsesser. Vielleicht haben Sie den Namen schon einmal gehört?“
„Germanistik. Freie Universität. Ich habe eine Vorlesung von ihm besucht.“
Auch ich kannte Aufsesser. Er schrieb nach seiner Emeritierung vor zwanzig Jahren regelmäßig Rezensionen für den „Tagesspiegel“.
„Mein Vater hat eine umfangreiche Bibliothek hinterlassen. Meine Mutter möchte gerne in eine kleinere Wohnung in der Innenstadt ziehen, wir werden das Haus verkaufen und seine Bibliothek können wir weder bei mir noch bei meiner Mutter unterbringen.“
„Um wie viele Bücher handelt es sich denn?“
„Es dürften über sechstausend sein.“
V blickte Aufsesser ungerührt an, während ich leise durch die Zähne pfiff.
„An welche Summe hatten Sie gedacht.“
„Wir wären mit zehntausend Euro zufrieden. Gerade die Fachliteratur aus seiner Zeit als Professor ist vermutlich selbst für einen erfahrenen Antiquar wie Sie nicht zu verkaufen. Aber die Romane werden sicher ihre Leser finden.“
„Gut, Herr Aufsesser. Kann ich mir die Bücher am Samstagnachmittag nach Geschäftsschluss anschauen?“
„Sehr gerne. Ich gebe Ihnen die Adresse.“
Eine Villa in Dahlem. Ich hatte es nicht anders erwartet.
So fing es an.
Fortsetzung folgt
Sergio Mendes feat. Black Eyed Peas - Mas Que Nada. https://www.youtube.com/watch?v=Tfa6fRjPlUE

Donnerstag, 22. Juni 2017

Gespräch über Gott

„Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Atheist den Gläubigen.
„Wenn es keinen Gott gibt, warum lässt du dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Gläubige den Atheisten.
(Es sind exakt drei Buchstaben, die den Unterschied zwischen beiden Fragen ausmachen)

Medien meiden

„Die Zeit schien aufgehoben zu sein – sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging -, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. (…) Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete.“ (Erich Maria Remarque: Drei Kameraden)
In meiner Jugend war es ein Traum, als Journalist zu arbeiten. Irgendwo auf dem Balkan oder im Kongo gab es einen Putsch oder einen Krieg und der Herausgeber schrie: „Bringt mir meinen besten Mann!“ Der verwegene Held der Informationsgewinnung fuhr am nächsten Tag mit dem Orientexpress oder dem Postdampfer ins Krisengebiet. Er hatte nichts im Gepäck als seinen gesunden Menschenverstand, den Mut, jederzeit die Konkurrenz und den eigenen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, einen Tropenhelm, eine Flasche Whisky und sein Notizbuch nebst allwettertauglichem Schreibwerkzeug.
Ausgestattet mit einem Spesenkonto, das für monatelange Recherchen inklusive satter Bestechungsgelder und römischer Bacchanalien ausreichend gefüllt war, begab er sich in fremde Länder und verschaffte sich durch zahlreiche Gespräche, ausgehend vom Botschafter seines Landes über Hotelmitarbeiter, Zufallsbekanntschaften in Kneipen und Prostituierte, exklusive Informationen, die er nachts mit einer Zigarette im Mundwinkel auf seiner Reiseschreibmaschine abtippte und am nächsten Tag per Telegramm an seine Redaktion weitergab.
Die Konkurrenz von anderen Zeitungen kannte unser Journalist natürlich, denn es gab in den Krisengebieten meistens nur ein oder zwei Hotels, in denen sämtliche Vertreter der Weltpresse logierten und sich abends an der Bar gegenseitig aushorchten. Gab es tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zu vermelden, stellte man die Plünderung des Spesenkontos zurück und rannte zum Telegraphenamt, wo man den zuständigen Beamten bestach, die eigene Meldung zuerst zu senden, damit die eigene Redaktion mit der Meldung schon in der Abendzeitung glänzen konnte, während die konkurrierenden Blätter erst mit der Morgenausgabe nachziehen konnten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Edelfedern mit üppigen Spesen auf Reisen geschickt, von denen sie – oft erst nach einigen Monaten mit Kaviar, Champagner und Kokain – mit exklusiven Reportagen zurückkehrten, die sie in keiner anderen Zeitschrift lesen konnten. Das alles ist vorbei. Wie ist es heute? Heute ist der Journalismus längst vor die Hunde gegangen.
Die Nachrichtenagenturen liefern an alle Redaktionen weltweit denselben Stoff, der in allen Sendungen und Zeitungen gleich klingt. Wie berichtet eine ehemals renommierte Nachrichtensendung über ein Ereignis? Nehmen wir Kairo als Beispiel. Der Auslandskorrespondent wird in die ägyptische Hauptstadt geschickt. Sein Flugzeug landet eine dreiviertel Stunde, bevor er live in der Sendung über ein Ereignis berichten soll. Nennen wir den Moderator dieser Sendung Pattex-Claus. Der Journalist hat natürlich keine Möglichkeit, in dieser kurzen Zeit irgendwas vor Ort zu recherchieren. Also ruft er in der Redaktion an und lässt sich erzählen, was in Kairo los ist und was er sagen soll. Warum lässt man den Mann nicht gleich zu Hause und bringt den aufgesagten Text vor einer Fototapete mit den Pyramiden?
Alles hängt heute an den Augen und Ohren einer Handvoll Agenturen, die mit Informationen handeln. Die Medien selbst sind taub und blind, aber leider nicht stumm. Alle erzählen die gleichen Geschichten und versuchen nur noch, sich durch Lautstärke und Verbreitungsgeschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Wir haben keine Meinungsvielfalt mehr, nur noch Medienvielfalt. Wo sind die Experten, die als Korrespondent lange Jahre in einem Land leben, dessen Sprache sie verstehen, die Stimmungen und Meinungen an Originalschauplätzen wahrnehmen können, die in Hintergrundgesprächen oder meinetwegen auch in Kaffeehausbesuchen den Rohstoff Information an seiner Quelle ernten und ihn in gut geschriebenen Reportagen vermitteln? Die Redakteure der heutigen Zeit wissen nichts mehr über die Welt außerhalb ihres HighTech-Bunkers. Und wir auch nicht.
The Psychedelic Furs – Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=4G_CAYf-itw