Montag, 18. Dezember 2017

Superwastl

Beim neuen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz muss ich immer an eine Comicfigur aus meiner Kindheit denken: „Wastl, der Superkraftlackl mit dem goldenen Herzen“. Wastl ist in Bayern und Österreich die Kurzform für Sebastian. Auch werden Dackel gerne Wastl genannt – das passt ja wegen der großen Ohren.
Gleich zu Beginn seiner Amtszeit will Superwastl den Flüchtlingen ihr Geld und ihre Handys wegnehmen. Muhaha! Gefällt mir. Erst von den Schlepperbanden abgezockt und gerade aus dem Schlauchboot gestiegen – ZACK! Schon ist der Superwastl da und nimmt ihnen den letzten Groschen ab.
Im Comic gibt es noch „Ricki, Lausebengel und Helfer von Wastl“. Das ist natürlich der Strache. Ein rechter Lausbub ist er, der „Ricki“ Strache und immer zu Streichen aufgelegt. Ricki will die „Zuwanderung von Asylschwindlern in unsere Sozialsysteme stoppen“. Ui, das wird lustig, Kinder.
Superwastl und Ricki Strache haben auch schon viele neue Freunde gefunden. Den Herrn Orban in Ungarn (geht da noch was in Sachen K.u.K.?) und Frau Le Pen in Frankreich. In Deutschland freut sich die AfD auf das neue österreichische Superheldenteam. Von dort ist unser Land schon einmal gerettet worden.
Fortsetzung folgt

Verdächtiges Pulver gefunden - Bürgersteig muss geräumt werden



Die Polizei fahndet nach einem gewissen Petrus. Der IS hat sich bereits zur Tat bekannt.

Nachts auf dem Fahrrad

„Ohne Wein und ohne Weiber / Hol der Teufel unsre Leiber“ (Konrad Stanko)
Ich war eigentlich schon achtzehn, aber ich hatte immer noch keinen Führerschein. Also fuhr ich mit dem Klapprad zu ihr, das mir meine Mutter gekauft hatte, als ich noch in die Grundschule ging. Für mich war es Understatement, mit meinen einsneunzig, dem Stone-Washed-Jeansanzug und der Verbrechervisage auf so einer Affenschaukel unterwegs zu sein, während die anderen Jungs schon mit ihrem ersten Auto angaben. Na und?
Ich klingelte. Der seriöse Big-Ben-mäßige Klingelton passte zur Villa. Ein Mercedes parkte vor der Garage. Der Rest der Straße sah auch nach Geld aus. Zum Glück machte sie gleich auf, bevor ich es mir nochmal anders überlegen konnte. Wenn ihre Mutter oder ihr Vater aufgemacht hätten – ich weiß nicht. Ich folgte ihr ins Haus und merkte zu spät, dass ich mir die Füße nicht abgetreten hatte und auch nicht gefragt hatte, ob ich die Schuhe ausziehen soll.
Von links kam ihre Mutter dazwischen gegrätscht wie ein Verteidiger. Ich spielte zu dieser Zeit Linksaußen, ich kannte die Tricks. Dieses Scheißlächeln werde ich nie vergessen. Und dann kamen die Fragen. Während ich routinemäßig antwortete, was ich denn eigentlich sei – Herkunft, Hobbies, Lebensplanung bis 65 -, fragte ich mich, was mir bevorstehen würde, wenn ich dieses Level endlich geknackt hätte.
Es war der Konzertflügel im Wohnzimmer, der extra für das verwöhnte Einzelkind mit den langen blonden Haaren, Prinzessin Lillifee auf ihrem rosaroten Einhorn, angeschafft worden war. Was sollte ich dazu sagen? Ich konnte noch nicht mal Noten lesen und das einzige Instrument in unserer Mietwohnung war die Blockflöte von meiner Schwester. Mit meinem Plädoyer für Punk und Heavy Metal – ein BASF-Chromdioxid-Band mit entsprechendem Material lauerte in der Innentasche meiner Jeansjacke – erntete ich nur ein fassungsloses Kopfschütteln der Mutter und klammheimlich zugeblinzeltes Einverständnis der Tochter.
Wir verzogen uns in ihr Zimmer ein Stockwerk tiefer und ich legte meine Musik auf. Erst tranken wir Wein, dann kamen Spirituosen ins Spiel. Diese Familie, Vater Zahnarzt, Mutter Studienrätin, war mindestens so gut sortiert wie meine Stammkneipe am Ingelheimer Bahnhof. Davon konnte ich nur träumen. Bei mir zu Hause musste ich aufpassen, dass meine Mutter, eine Putzfrau mit einem Faible für eine Flasche Billigsekt schon in der Mittagspause, mir nicht den Bierkasten leertrank, wenn ich abends um die Häuser zog.
Alsbald knutschten wir hemmungslos und meine Hand wanderte ungehindert unter ihr T-Shirt, wo ich zu meiner Überraschung eine knappe Handvoll warmes Glück zu fassen bekam, das nicht durch einen BH blockiert war. Es war ein schönes Besäufnis bei guter Musik, aber ich habe sie nach diesem Abend nie mehr wiedergesehen.
Es heißt, sie hätte einen Akademiker aus gutem Hause geheiratet, Karriere gemacht, ein Reihenhaus gekauft, Kinder bekommen und überhaupt den ganzen bürgerlichen Kanon abgearbeitet. Und ich? Ich habe noch nicht einmal ein Klapprad. In meiner Hosentasche klimpern ein paar Münzen und ich habe keine Ahnung, was morgen sein wird.
Depeche Mode – Blue Dress. https://www.youtube.com/watch?v=vamnlQ45P7E

Sonntag, 17. Dezember 2017

Ich habe einen Traum

„(Er) war so unbedeutend, dass man sich förmlich in seiner Gegenwart allein fühlte.“ (Franz Kafka: Elf Söhne)
Der Markt regelt alles gleichsam naturwüchsig. Ohne Eingriffe von außen kann sich die Marktwirtschaft am besten entwickeln. Also stelle ich, Christian Lindner, mir die folgenden Fragen: Wozu brauchen wir eigentlich noch Staaten? Warum zahlen wir Milliarden an Steuern und Abgaben? Reichen nicht Angebot und Nachfrage, reichen nicht die Unternehmen, die beides in Einklang bringen? Stellen Sie sich eine Welt vor, in der es keine Staaten, keine Kriege und keine Religionen mehr gäbe! Nur noch das Streben nach Glück – in Frieden und Freiheit. Ich stelle es mir so vor:
In der Zukunft haben Konzerne eigene Territorien, für die sie verantwortlich sind. Auf diesem Gebiet stehen ihre Produktionsanlagen, die Wohnhäuser ihrer Angestellten und sämtliche Infrastruktureinrichtungen, die benötigt werden: Schulen, Krankenhäuser, Einkaufszentren, Freizeiteinrichtungen usw. Jeder Mitarbeiter hat eine firmeneigene Kreditkarte, seine Familienmitglieder haben Familienkarten. Mit diesen Karten kann man sich alles kaufen, was man braucht. Die Verrechnungseinheiten werden automatisch vom Konto abgebucht. Hat man sein Konto überzogen, wird man zum Gespräch mit einem Konsumberater gebeten. Es gehört zur Philosophie der Beschäftigten, wirklich nur das zu kaufen, was man braucht. Wer plötzlich drei Waschmaschinen bestellt, bekommt Besuch von Mitarbeitern des Konzerns, die einen höflichen Blick in die Wohnung werfen. Wer zu viel Lebensmittel oder Alkohol kauft, darf sich mit einem Gesundheitsberater treffen. Ohnehin werden alle Bewohner der Konzernwelten regelmäßig auf ihre Gesundheit untersucht.
Die Konzernwelten tragen den Namen ihres Konzerns. In Bayern gibt es „BMW“ und „Siemens“, am Niederrhein gibt es „Bayer“ und in Frankfurt „Deutsche Bank“. Das frühere Südkorea wird in großen Teilen von „Samsung“ eingenommen, in Kalifornien gibt es „Facebook“ und „Microsoft“. In „Samsung“ und vielen anderen Welten macht der Konzern alles, bei „Facebook“ dürfen Leute auch kleine Geschäfte, Bars und Fitnessstudios auf eigene Rechnung eröffnen. Die Konzerne haben sich von Staaten entkoppelt, da sie mit Geld viel effektiver umgehen. Schon 2017 verfolgten die Staaten „Steuerhinterziehung“ der Konzerne gar nicht mehr, weil sie es im Grunde selbst wussten.
Zwischen den Welten, die gut bewacht sind, liegen die Badlands, die offiziell Free Territories heißen. Hier leben die Arbeitslosen, Kriminellen, Behinderten und Alten, die keinen Platz mehr in den Konzernwelten haben. Wer sich in den Konzernwelten nicht regelkonform verhält, muss damit rechnen, in die Badlands gebracht zu werden. Der Güterverkehr zwischen den Welten läuft über gut bewachte Straßen, auf denen automatisierte Trucks unterwegs sind. Reisen zwischen den Welten werden per Flugzeug gemacht. Urlaubsreisen führen in spezielle Welten, z.B. TUI-Land, zu dem die Balearen und die Kanarischen Inseln gehören.
Polizei und Militär wurden von den Konzernen abgeworben und arbeiten jetzt in den jeweiligen Sicherheitsdiensten. Waffen werden bei den Rüstungskonzernen bestellt, die ebenfalls eigene Welten haben. Wichtige Absprachen werden in der UWE (United Worlds of the Earth) in „Trumpland“, vormals New York City, getroffen.
Aus den siamesischen Zwillingen Staat und Ökonomie ist eine vollkommene Einheit geworden. Die Menschen bekommen endlich Bevormundung und Ausbeutung, äh … Entschuldigung: Sicherheit und Versorgung aus einer Hand. Eine Welt ohne Verbrechen und Arbeitslosigkeit, ohne Hunger und ohne Sorgen.
Richard Wagner - Tannhäuser Ouvertüre. https://www.youtube.com/watch?v=SRmCEGHt-Qk

Samstag, 16. Dezember 2017

Mein Kampfer

Sie sind eine Deutsche oder ein Deutscher? Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Überschrift gelesen haben?
Schöne Grüße von Iwan Petrowitsch Pawlow.

Digitalisierung Rulez II

„Was ist die Welt und ihr berühmtes gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Gräntzen
Ein schneller Blitz bey schwartzgewölckter Nacht.
Ein bundtes Feld da Kummerdisteln grünen;
Ein schön Spital so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauß da alle Menschen dienen.“
(Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Die Welt)
Im Sommer machte der FDP-Politiker Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff (so viel Zeit muss sein) den grandiosen Vorschlag, alleinerziehende Mütter sollten doch in Immobilien investieren. Sehr gut, man spart die Miete und hat auch etwas für seine Altersvorsorge getan. Aber denken wir doch mal weiter: Wie wäre es, wenn man zwei oder drei Wohnungen kauft? Dann könnte man von der Vermietung der anderen Wohnungen leben. Oder gleich ein ganzes Mietshaus? Dann wäre es ein Leben in Saus und Braus. Die alleinerziehende Mutter könnte die Geschäfte von der Finca auf La Gomera leiten und ein Kindermädchen würde sich um den Nachwuchs kümmern, während der Nagellack trocknet. Muss man den Frauen eigentlich alles erklären?
Aber jetzt kommt’s. Im Zuge der Digitalisierung und der sogenannten Künstlerischen Intelligenz (oder so ähnlich) machen bald Roboter unsere Arbeit. Warum kaufen Sie sich nicht einen Roboter, der für Sie arbeitet? Er geht morgens aus dem Haus, ach was, er kommt erst gar nicht nach Hause, weil er nicht schlafen oder fernsehen muss. Er kann drei Schichten pro Tag arbeiten und für Sie drei Gehälter erwirtschaften, während Sie in Unterhosen vor dem Computer sitzen und diesen Text lesen. Und jetzt denken Sie mal weiter: zwei Roboter. Können Sie mir folgen? Diese Zeilen hat übrigens der neue Apple Spartacus geschrieben. Ich rufe ihm nur noch vom Sofa die Themen zu. Menschen ohne Geld sind so blöd, ich fasse es manchmal gar nicht.
Tres – Operator. https://www.youtube.com/watch?v=sgjZzK7c0Sc

Der hundertste Geburtstag von Arthur C. Clarke

Dieser Mann war eine Inspiration. Danke. Andere haben Lobeshymnen geschrieben, die ich nicht übertreffen kann.

https://www.derstandard.de/story/2000070275689/der-star-und-die-sterne-100-geburtstag-von-arthur-c

Freitag, 15. Dezember 2017

+++ breaking news +++ Dschungel-Koalition steht

Martin Schulz verkündet die Mitglieder für das Dschungelcamp 2018:
Tina York - Kultur
Sydney Youngblood - Integration
Natascha Ochsenknecht - Frauen & Familie
Ansgar Brinkmann - Sport
Tatjana Gsell - Sex, Crime & Punishment
Sensation! Nicht dabei: Angela Merkel, Flinten-Uschi und Grummel-Gabriel.

Ein Teelöffel Hoffnung in einem Universum voller Scheiße


Blogstuff 179
„Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert.“ (Thomas Ebeling, Chef von Pro7Sat1)
Alle Jahre wieder: Rassisten fordern „weiße Weihnachten“.
Wir schütteln den Kopf über die vollautomatisierte Schweinemastanlage und gehen anschließend in die Fabrik oder ins Büro.
„Malta macht mit Pralinski einen Doppelspass, ehe der Joker ins Zentrum zum freien Bonetti lupft. Der Ehrenbrasilianer macht einen schnellen Schritt Richtung Tor und vollendet frei vor Keeper Laminetti eiskalt ins linke Eck.“ Bundesliga ist Poesie, Literatur ist Leistungssport.
Affirmation oder Aggression – damit sind schon 99 Prozent aller Kommentare bei Facebook, Twitter, in Blogs usw. abgedeckt. Ein Gespräch im eigentlichen Sinne kommt online offenbar nur im Ausnahmefall zustande.
Wir wollten autonome Gruppen, wir bekommen autonome Fahrzeuge. Der technische Fortschritt ist mal wieder schneller als der gesellschaftliche Fortschritt.
2018 können wir ein Jubiläum feiern: fünfzig Jahre Berliner Bauskandale. 1968 wurde mit dem Bau des Steglitzer Kreisels begonnen. Nach der Pleite des beauftragten Bauunternehmens kostete dieses Hochhaus bei seiner Fertigstellung den Steuerzahler schließlich 323 Millionen DM. Es folgte der Skandal um den Architekten Garski, der den Steuerzahler 112 Millionen kostete – für ein Bauvorhaben in Saudi-Arabien. Garski wurde in der Karibik verhaftet und ging für einige Jahre in den Knast. Fünf Jahre ging der Charlottenburger Baustadtrat Antes in den Bau, er hatte sich für Baugenehmigungen und Pachtverträge schmieren lassen. Der Flughafen BER zeigt uns, dass die alte West-Berliner Filzokratie immer noch lebt. Mein Tipp: der endgültige Termin ist 2022 – für den Abriss.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti ist jetzt auch PC. Das ist die Abkürzung für den Titel eines britischen Kronrats („Her Majesty’s Most Honourable Privy Council“, kurz: Privy Council, noch kürzer: PC). Er berät die Königin persönlich in Fragen der Lektüre und der Auswahl von Dessertweinen. Zeitweise durfte er auch die Namen ihrer Hunde bestimmen, nach der Taufe von Wotan und Hermann wurde er aber von dieser Aufgabe entbunden.
Amazon Key – ich liebe es. Die Versandkrake aus Trumpland bietet jetzt ein digitales Türschloss an, dass der Paketbote mit einem Code öffnen kann, um mir das Paket in die Wohnung zu legen, wenn ich mal nicht da bin. Finde ich gut! In meiner Abwesenheit darf gerne auch AirBnB in meine Bude spazieren und mein Bett vergeben. Oder RWE bringt ein paar Tonnen Atommüll im Keller unter. Ist doch sowieso schon alles scheißegal, Leute! NSA und heimlich war gestern.
Manchmal liest Bonetti einen Text, den er gerade geschrieben hat, noch einmal laut vor. Im Sommer, wenn das Fenster seines Arbeitszimmers offen steht, brandet häufig spontaner Applaus der Zuhörer von der Straße hinauf. Nur so kann geschrieben werden, denkt er dann. Das ist Literatur.
P.S.: Sie können mich auch als Pennywise für Kindergeburtstage buchen.
Sex Pistols - Pretty Vacant. https://www.youtube.com/watch?v=VcauCclfytI

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Vorsicht! Verdächtiger Rucksack gefunden

Hier ein erstes Foto vom Frankfurter Hauptbahnhof

Auf dem folgenden Bild sehen Sie den Rucksack bei der Verleihung der "Schnarchnase des Monats" durch Heinz Pralinski von Bonetti Media Unlimited
Der Rucksack gilt als große Hoffnung der postmerkelianischen CDU

Kiezneurotiker – Lass mal netzwerken

Nächsten Monat ist es ein Jahr her, dass du dich sang- und klanglos verpisst hast. Hast es noch besser hingekriegt als Sid Vicious oder Bon Scott, denn du kannst dir in deiner Bude im längst verblichenen „Szeneviertel“ Prenzlauer Berg gemütlich an den Eiern rumspielen, während du deinen Nachruhm genießt. Ein Bloggergeist, der im echten Leben nur noch vor gefräßigen Immobilienhaien und der Digitalisierung seines Borg-Drohnen-Jobs Angst haben könnte und vermutlich nicht hat. Schließlich haben Alkoholiker und Väter ein dickes Fell – du bist beides.
(Achtung! Jetzt kommt ein Perspektivwechsel)
Ich habe mir gerade seine Texte vom Dezember 2016 durchgelesen. „Das waren noch Zeiten“ (Wilhelm Kowalski, 87). Gab es in der Bloggerwelt jemals einen Typen, dem ich näher stand als dieser selbstgeschaffenen Romanfigur, die als Dr. Jekyll einer öden Schlipsträgertätigkeit beim Klassenfeind nachgeht, an albernen Viertelmarathons teilnimmt oder mit schwarz-rot-gold-maskierten Fans Fußballsiege feiert und als Mr. Hyde seine Punk-Erinnerungen pflegt, Schnaps auf Parkbänken trinkt und hemmungslos seinen Hass über die Spießerwelt gießen kann?
Ich beschränke mich aus Platzgründen, nein: aus purer Eitelkeit auf die Texte und Textstellen, in denen er sich mit mir, dem Kiezschreiber, befasst hat.
Lass mal netzwerken - Links vom 7. Dezember 2016
Und gegessen habe ich wieder. Dem Kiezschreiber hinterher. Er faselte irgendwann irgendwas über drei Witwen aus Wilmersdorf.
Les 3 veuves de Wilmersdorf. Französisch. Bistro. Französisch mag ich sowieso (findet sich bitte ein Depp, der jetzt diese Kindergartenanspielung auf Oralsex bringt? Gnihihi Französisch mag er. Gnihihi.). Wilmersdorf. Der langweiligste Ortsteil der Welt. Noch schlimmer als Dahlem. The fuck. Für diesen alten verkrachten Schriftsteller aus Schweppenhausen fahr' ich sogar hierher. Ich vertraue dem eben. Das Problem an dem Lokal ist, dass Sie über den Fehrbelliner Platz müssen. Der Fehrbelliner Platz ist eine brachialhässliche 60er-Jahre-Scheißdreck-kombiniert-mit-wuchtigen-Nazibauten-Senatsbeamtenhölle. Bei schlechtem Wetter laufen Sie Gefahr, sich vor einen Laster werfen zu wollen, so hässlich ist das hier. Städtebau als Körperverletzung. Uargh. Ich war mal in einem dieser Bauten bei einem Kundengespräch mit einem dieser hirnlosen Senatsbüttel, die, wenn Sie nicht aufpassen, vor Ihrem Auge mit der grauen Wand hinter sich verschmelzen. Gähnende Leere auf den Fluren. Alle Türen zu. Keiner spricht. Seelenlose Menschen in seelenlosem Beton. Kein Beamtenstand kann es wert sein, hier zu arbeiten. In der Fechnerstraße ist das Bild nur unwesentlich stimmungsvoller. Sie haben hier die Uhr angehalten. 1963. Wenn Sie wie ich aus dem völlig überdrehten Prenzlauer Berg anreisen, können Sie hier fabelhaft entschleunigen. Endzeitfilm. Hier lebt nichts. Es ist Samstag Mittag. Der Einzelhandel hat geschlossen. Westberlin schläft. (…)
Kiezschreiber Eberling empfahl den Widow Burger und schrieb dazu: Zweihundert Gramm saftiges Fleisch – wie ein gutes Steak außen cross gebraten, innen rosa – mit Käse, Zwiebeln, Salat und Avocados. Der Burger wird nach seiner Fertigstellung noch einmal komplett in einen Teigmantel gehüllt und frittiert.
(…) Kiezschreiber: Neulich im Dom
Ich bin eine Muse. Nur bitte: Fotze mit F. Immer mit F. Nie mit V.
Lass mal netzwerken - Links vom 17. Dezember 2016
Der Kiezschreiber hat das Tian Fu als Empfehlung gedroppt, bei mir in die Kommentare gekackt und weil er wohl denkt, dass ich alles vergesse (womit er prinzipiell Recht hat), hat er es kürzlich noch einmal nachgeschissen. Ja, Mann, ja doch, jaaaaaaaa, ich geh' ja schon hin, wieder nach, keine Ahnung, was ist das hier, fucking Wilmersdorf wieder. Weltreise von Prenzlauer Berg, aber wieder erfreulich unaufgeregt, dörflich, sofort einschläfernd, ich entschleunige schon beim Aussteigen aus der U-Bahn.
Swag haben sie, die Monarchieschlümpfe, das muss man ihnen lassen. Sonst gibt die Gegend wenig her, was Touristen, Mitteschnösel und aufgeregte Bamberger Mediendesignstudentinnen glücklich macht: In den 60ern kleben gebliebe Cafés mit angeschlossener Bäckerei, an deren Tischen in den 30ern kleben gebliebe Greisinnen mit knallroten Escortservicelippen kauern, Modelleisenbahnbedarfe, Boutiquen mit 60er-Mode, irgendwer vertickt Hüte, Lampen, Trödel auch, Eisenwaren, hier muss doch noch ein Eisenwarenladen sein, sagt mir bitte, dass es den hier noch gibt. Hier atmet das alte Westberlin und es sieht nicht aus als ob es so schnell stirbt. Nett. Ich meine das ehrlich. 60er-Jahre. (…)
Was die zu essen haben? Scharfes Zeug, fick mich weg, ist das Zeug scharf, aber gut gemacht scharf, rund, aromatisch, die Schärfe noch leicht zitronig, nach dem sie Ihnen die Zunge in Fetzen gebrannt hat. Starker Auftritt. Schönes Lokal. (…)
So ist das. Es lohnt sich, dem Kiezschreiber hinterher zu fressen. Er hat Ahnung. Auch wieder ein sehr gutes Lokal. Bonusinformation, um die keiner gebeten hat: Kein unvaselinierter Arschfick kann so brennen wie die Rosette etwa 6 bis 8 Stunden nach dem Essen im Tian Fu.
Lass mal netzwerken - Links vom 29. Dezember 2016
Hunger? Immer. Ich esse jetzt tatsächlich auch in Zehlendorf. Wegen des alten gammligen Gossenpoeten, der sich Kiezschreiber nennt und auf seinem Blog mindestens fünf verschiedene abgespaltene Persönlichkeiten unterhält, bin ich da hingegurkt. Ins bräsige Eigenheimvillenschnepfenghetto am Stadtrand. Mindestens einer seiner Spaltpilze frisst nämlich gerne und hat vor Jahren mal Berliner Restaurantempfehlungen gedroppt, die ich versprach, hinterher zu fressen. Deswegen bin ich heute in Zehlendoof. Zwei Mal hat er Agitation und Propaganda für einen dort eingerichteten Burgerladen betrieben, einmal als ganze Hymne, dann als Bonmot nebenbei. (…)
Ein fucking Corn Dog. Kiezschreiber Eberling geht dabei folgender ab: Ein Würstchen, das in Maisteig getaucht und dann an einem Holzstäbchen frittiert wird. Man isst es wie Eis am Stiel. Köstlich. Habe ich noch nie gegessen. Wir sind uns einig, dass eine amerikanische Institution wie der Corn Dog in Berlin überfällig war. Ich frage mich, wieso ich fast fünfzig Jahre ohne Corn Dogs leben konnte.
Naja. So weit würde ich nicht gehen, aber das Zeug ist überraschend wenig schlecht und das ist das Positivste, das ich über frittierte Dinge sagen kann (ich lehne Frittiertes, das keine Pommes ist, rundweg ab). Immerhin. (…)
Sehr schön am Lokal ist auch die persönliche Betreuung. Der Cowboy selber kommt aus der Küche und nuschelt ein paar Dinge (die ich nicht verstehe), ein paar biertrinkende Gestalten sitzen herum, die aussehen wie mit den Stühlen verwachsen, Molle vor sich, Schnäppeken dazu, das ist hier ein kleines Wohnzimmer. Ein Zuhause, in dem diese Leute mit Namen begrüßt werden, wenn sie reinkommen. Hey Manfred, wie geht's? Ach, das Kreuz, sagt Manfred, das Kreuz. (…)
Noch ein neuer Start, empfohlen vom Kiezschreiber und der weiß ja bekanntlich was gut ist:
Out of the box: Empanadas
Es geht um einen alten Mann. Und jemanden, der ihn pflegt. Und Kotze. Mit Thunfisch.

Der Kiezneurotiker war der letzte Netzwerker in der Blogosphäre. Alle anderen Blogger beziehen sich entweder auf sich selbst oder auf irgendeinen Mainstreamschwachsinn. Ich bin nicht für fünf Cent besser. Ich habe mir ein Bonettiversum geschaffen, um den ganzen Rotz namens Realität zu ertragen, ohne zum zweiten Mal verrückt zu werden.
Er hat es geschafft, als Blogger einen eigenen Stil, eine eigene Stimme zu entwickeln. Und haargenau dieses blöde Arschloch sitzt vielleicht in diesem Moment vor seinem Drecks-Wichtigtuer-Mac, kratzt sich wohlgefällig den Sack und grinst.
Wir sehen uns in der Hölle wieder, du Vollidiot. Smiley.
DAF - Sato-sato. https://www.youtube.com/watch?v=JXnVodOTPTw

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Vier Jahre

Es ist vier Jahre her, dass ich von den Toten wiederauferstanden bin. Am 28. September 2013 hatte ich mich von meinen Lesern verabschiedet und mein Blog geschlossen. Der einzige Leser, der das damals im Kommentarbereich bedauerte, war übrigens der Kiezneurotiker.
Am 1. Oktober geschah etwas, dass ich selbst aufgrund eines Filmrisses nicht einordnen kann. Die Ärzte auf der Intensivstation, in der ich einen Tag später, an diverse Schläuche angeschlossen, wieder aufwachte, sprachen von einem Selbstmordversuch. Ich neige dazu, von einem Besäufnis zu sprechen. Die Tanknadel zeigte jedenfalls 3,5 Promille. Man beschloss, mich in die geschlossene Anstalt in Simmern zu verfrachten, das übliche Verfahren bei Selbstmördern in unserem Landkreis. Nach fünf Tagen wurde ich auf eigenen Wunsch entlassen und ließ einen Haufen netter Junkies auf Entzug, depressive Zombies (zu denen ich damals auch zählte) und echte Bekloppte zurück.
Am 8. Dezember 2013 wurden meine Leser Zeuge des spektakulärsten Comebacks seit Lazarus. Ich war wieder online! Ich bezeichnete mich in meinem ersten Text als „Dorfschreiber von Schweppenhausen“. Seit einigen Monaten lebte ich wieder in der alten Heimat. Der Lachs hatte den Weg zurück zu seiner Quelle gefunden. Dort ist er auch heute noch. Seit diesem Tag sind 1925 Postings in die Welt hinausgegangen. Und es ist noch nicht das Ende. In meinem zweiten Leben bin ich noch ein kleines Kind. Vier Jahre sind nichts im Vergleich zu den 47 Jahren meiner ersten Karussellfahrt.

Spelunke, Gosse, später Triumph


Blogstuff 178
„Ein Mann mit einer Uhr weiß, wie spät es ist. Ein Mann mit zwei Uhren ist nie ganz sicher.“ (Robert Anton Wilson: Schrödingers Katze)
Ich habe neulich schon vom Duschen Seitenstechen bekommen. Werde ich alt?
Eines haben die Leute begriffen: Wenn sie rechte Protestparteien wählen, bewegt sich das politische Establishment, wenn sie linke Protestparteien wählen, passiert nichts.
Ich bin drüber weg. Ich stehe nur noch gelegentlich nachts vor ihrem Fenster und schieße mit der Pumpgun auf jede Silhouette.
Das Filmprojekt „Trauzeuge vs. Predator“ wird von Bonetti Media voraussichtlich ab 2018 in der Karibik und im Baumarkt Wipperfürth realisiert.
Ich bin immer noch gegen den Vietnamkrieg.
„Die Spezialisierung bei der Herstellung von Lederwaren ging im Mittelalter bei den Zünften so weit, dass man je nach der Feinheit des Leders, aus dem Beutel hergestellt wurden, zwischen dem Beutler (feines Leder) und dem Säckler (grobes Leder) unterschied.“ (Wikipedia: Beutler)
Nachlässig, feige und schwach sind wir gewesen, als die rechte Front in die deutschen Parlamente marschiert ist. Nachlässig, feige und schwach. # Fluch unserer Generation.
Revolution = Bürgerkrieg, der gewonnen wurde. Aufstand = Bürgerkrieg, der verloren wurde.
„Erwarten Sie noch jemanden?“ fragt der Kellner, als ich mich alleine an einen Tisch im Restaurant setze. Ich schüttele nur den Kopf. Ich erwarte nichts mehr.
Ich bin mit drei Freunden beim Griechen. Weil ja generell in Deutschland nicht scharf gewürzt wird, hat einer von den Jungs getrocknete Chilischoten dabei. Ich haue mir drei Stück ins Gyros und finde es geil. Beim Essen reden wir über Chili, über Wurstbuden, an denen man Formulare unterschreiben muss, falls der Krankenwagen kommen muss usw. Schärfe im Essen ist ein Männerthema. Natürlich geht es auch darum, sich nach dem Würzen mit Chilischoten nicht in die Augen zu fassen. Welcher Trottel macht das? Wer? Ich bin jetzt 51 und habe überhaupt nichts gelernt. Außer: sich nix anmerken lassen, wenn einem der Augapfel brennt wie Hölle.
Für die Rubrik „Julius-Streich des Monats“ bin ich auf der Seite der Partnerbörse „Gleichklang.de“ unterwegs. Dort kann man auch Partner nach den Kategorien „Ökologie“ „Pansexuell“ oder „Gerechtigkeit“ (SPD-Wähler?) auswählen. Ich suche einen asexuellen veganen Kirchentagsgrünen mit Interesse an einer Fernbeziehung, den ich auf den Steakabend meiner AfD-Ortsgruppe locken möchte. Diese Seite ist so diskrimierend! Wo sind die Rubriken „Adipös“, „Carnivore“ und „Flatulenzsymphoniker“?
Wieviel Einbildung und Selbsthypnose ist nötig, um ein Arbeitsleben durchzuhalten? Manche reden sich ihre eigene Bedeutung ein. Sie haben „Verantwortung“, sie glauben, andere Menschen könnten ihre paar Handgriffe nicht ebenso routiniert erledigen. Andere reden davon, dass sie die ganze Woche „hart arbeiten“ müssen. Berufstätigkeit wird zum stillen Heldentum und zum Anlass von tröstendem Selbstmitleid. So schmuggelt man sein kümmerliches Rest-Ich durch die langen Jahre des kargen Broterwerbs.
The Human League - Being Boiled. https://www.youtube.com/watch?v=I_NStTkSRQw
Mörder im Partnerlook.

Dienstag, 12. Dezember 2017

Digitalisierung Rulez!

Kennen Sie das European Train Control System (ETCS)? Es wird auf der neuen Bahnstrecke zwischen Berlin und München erstmals eingesetzt und soll bald bundesweit verwendet werden. Dann ist der Zugverkehr endlich komplett automatisiert.
Die Lokführer, die in den vergangenen Jahren immer gestreikt haben, werden alle arbeitslos werden. Ha! Digitalisierung strikes back, elendes Gewerkschaftspack. You're fired, Claus Weselsky!
„Nach der Ausbildung rangiert die tarifliche Bruttogrundvergütung von Lokführern zwischen 2.430 und 2.709 Euro brutto monatlich“ (www.karrieresprung.de). Das sind netto immerhin zwischen 1.593 und 1.737 Euro. Da ist man gleich im ersten Monat der Arbeitslosigkeit auf Hartz IV-Niveau.
So läuft die Arbeitswelt der Zukunft. Nur die Abstimmungsroboter in Menschengestalt, die im Bundestag sitzen, werden bis zum Ende nicht durch Maschinen ersetzt werden.

Was wurde eigentlich aus …?

„Geld verdienen, sagte ich, kann man nur auf einen Haps. Ein Pferd, ein Bankraub, ein Buch; mehr braucht man nicht. Einmal im Leben muss genügen. (…) Darauf diente ich ihm spontan und unaufgefordert mit einer Erklärung, welche mein Werk betraf und Einblick gewährte in seine Ästhetik, seinen Dämon, seine Aussage, seinen Kummer und seine Freude, seine Dunkelheit, seine sonnenfunkelnde Klarheit.“ (Flann O’Brien: In Schwimmen-Zwei-Vögel)
„Nennt mich Ismael“, sagte der alte Mann mit brüchiger Stimme.
Sie saßen zu dritt auf einer Bank vor dem Seniorenzentrum Unkenpfuhl in Wichtelbach. Die Sonne schien auf ihre leberfleckigen, pergamenthäutigen und spindeldürren Finger, die Gehstöcke aus Nussbaum umklammert hielten.
„Einst befuhr ich die sieben Weltmeere auf einem Walfänger unter dem Kommando von Käpt’n Ahab. Aber das Glück war uns nicht lange hold und das Schiff sank. Als Schiffbrüchiger wurde ich vor dem sicheren Tod gerettet.“
„Du bist sicher nie wieder zur See gefahren“, sagte Oliver, der links neben ihm saß.
„Ich war traumatisiert und habe in Boston eine Therapie gemacht. Danach habe ich als Kellner, Automechaniker und Verkäufer gearbeitet. Aber später zog es mich doch wieder zurück aufs Meer. Ich habe eine Umschulung in der Tourismusbranche gemacht und arbeitete auf einem Schiff, das mit Touristen aus aller Welt vor Nantucket rumgeschippert ist. Whale Watching war ein Riesending und ich war jeden Abend wieder zu Hause.“
„Ich habe auch eine Umschulung gemacht“, sagte K, der rechts von Ismael saß. „Ursprünglich war ich Landvermesser. Aber als ich in das Dorf kam, musste ich feststellen, dass gar kein Landvermesser gebraucht wurde.“
„Was hast du dann gemacht?“ fragte Ismael.
„Ich bin natürlich zur Schlossbehörde, um mich zu beschweren. Das war gar nicht so einfach. Ständig kam irgendwas dazwischen. Frauen, Alkohol, merkwürdige Öffnungszeiten. Aber schließlich habe ich es doch noch geschafft. Ich wurde zum Versicherungsangestellten umgeschult und habe den Arbeitern im Dorf Unfallversicherungen verkauft. Das lief ganz gut.“
„Ihr habt ja ganz schön viel gearbeitet“, sagte der alte Oliver Twist und lächelte. „Nach meiner Zeit im Waisenhaus und der Adoption durch Mr. Brownlow habe ich als junger Mann eine schöne Frau kennengelernt. Eine junge Witwe mit Vermögen. Meine Story ist ja damals durch alle Zeitungen gegangen. Da gab es so viele Frauen, die mich trösten wollten, das glaubt ihr gar nicht. Zeitweise war ich mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet.“
„Alter Bigamist“, kicherte K.
„Ach was, ich bin doch gar nichts gegen den Mann da drüben“, sagte Oliver und deutete mit seinem Gehstock auf einen Mann, der über einen Weg im Park spazierte. „Das ist Felix Krull, der größte Betrüger im ganzen Altersheim. Nehmt euch bloß vor dem in Acht.“
„Neulich hat er Hank Chinaski, den alten Säufer, beim Kartenspiel ausgenommen“, pflichtete Ismael ihm bei. „Du kannst heute keinem mehr trauen.“
Die drei Männer nickten und schwiegen.
Martha and The Muffins - Echo Beach. https://www.youtube.com/watch?v=WNy8ePVkPVk

Montag, 11. Dezember 2017

Die sieben Grundsätze des digitalen Taoismus


Blogstuff 177
„Patriotismus, der – Entflammbarer Müll, bereit für die Fackel eines jeden, der ehrgeizig ist und seinen Namen beleuchtet sehen möchte.“
„Politik, die – Vom verkommenen Teil unserer kriminellen Schichten bevorzugter Lebensunterhalt. – Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit. Die Leitung öffentlicher Angelegenheiten zu privatem Vorteil.“
(Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch)
Was wurde eigentlich aus Wahlkampfverweigerer Martin Schulz? Er plant, in diesem Winter einen veganen Schneemann zu bauen. Danach ist er offen für alles.
Moral ist etwas, das nur mit dem ausgestreckten Arm nebst erigiertem Zeigefinger funktioniert. Alle wollen Richter und Opfer sein, Täter sind immer die anderen.
Auftragsarbeit für die Bayer AG: „Gentechnik – wir machen aus dem Gänsebraten wieder eine Gans.“ Werbeslogan, Preis: 1000 €.
„Sex mit der eigenen Frau zählt nicht.“ (Randy Andy Bonetti)
Golden Memories: Ich sitze mit meiner Freundin am Tresen einer Cocktailbar und habe die Hand auf ihrem Hintern. Ein Zeitungsverkäufer kommt vorbei und sagt zu mir: "Da hätte ich meine Hand jetzt auch gerne." Nach dem Gelächter gab's natürlich noch ein schönes Trinkgeld für den Mann vom Tagesspiegel.
Neuwahlen: Ob man jetzt die Pik-Dame oder die Karo-Lusche ausspielt – es ist egal. Alle Karten sind gezinkt.
Shang Tianfang Ist ein Meister des chinesischen Geschichtenerzählens (Pingshu). Zitat: “Wine is the poison that breaks one's gut; lust is the knife that cuts one's flesh; money is the root that invites disasters; anger is the explosive that blows up in your hands.” (酒是穿肠毒药, 色是刮骨钢刀, 钱是惹祸根苗, 气是雷烟火炮). Von ihm hat Meister Bonetti die Grundregeln des literarischen Erfolgs gelernt. Er wird oft mit Wang Tianshang verwechselt, einem üblen Halsabschneider aus Hongkong.
Warum gibt es in der Welt so wenig bezahlte Dichter und so viele bezahlte Telefonverkäufer und Marktforscher?
Ich kenne einen Menschen in der „Stabsstelle Programmplanung“ eines großen Fernsehsenders. Jeden Montag trifft sich seine Abteilung zu einem Meeting über „visuelle Erfahrungen“. Da besprechen sie dann zwei Stunden lang, was sie in der vergangenen Woche im Fernsehen gesehen haben. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: diese Leute haben mit der Entstehung des Programms nichts zu tun, sie sind nicht kreativ. Sie stellen Beiträge zusammen, messen deren Dauer und erstellen dann das Ablaufschema des Tages, der Woche usw. So kann man die Bürozeit auch verdaddeln. Zwanzig Leute x zwei Stunden = eine Arbeitswoche in den Orkus eines sinnlosen Bürolebens.
„Hygge – IKEA für’n Kopp“. Das Buch zum Trend von Bonetti Media.
Auch ich habe einen Rekord vorzuweisen: Mit vierzehn Jahren war ich der jüngste Stammgast im „Gasthaus zur Pfalz“ in Schweppenhausen.
Das Schöne an meiner Gicht ist ja, dass die Krankheit mich zwingt, bestimmte Lebensmittel zu vermeiden bzw. den Konsum zu reduzieren. Schweinefleisch, Bier, Innereien. Was Vernunft, Religion oder Ehefrau nicht schaffen – die Gicht schafft es.
Hätten Sie’s gewusst? Es gibt auch strukturschwache Gebieter.
Ich bin so froh, dass die heutige Jugend so brav ist. Sie werden gute Angestellte abgeben – oder gute Soldaten. Schlimm sind die Rentner. Das sind die neuen Halbstarken. Und von dieser Gruppe sind die pensionierten Lehrerinnen die Schlimmsten – das sind die Hell’s Angels der Rollatorgeneration.
Die Menschen auf den Kriegsbildern wirken erschöpft, aber ihre Augen sind weit aufgerissen, so als hätten sie den Angststaub noch nicht abgeschüttelt.
The Human League – Open Your Heart. https://www.youtube.com/watch?v=KH_tO6rewXU

Ich habe die nächste GroKo gesehen. Ich habe das Shining ...

Sonntag, 10. Dezember 2017

Deutschland 2018

In den frühen Morgenstunden halten drei Jeeps vor dem Reichstag. Junge Frauen und Männer mit schwarzen Flaggen, auf denen ein weißes A in einem Kreis zu sehen ist, betreten das Gebäude. Niemand hält sie auf. Es gibt seit Monaten keine Regierung mehr, keine Sitzungen des Bundestags – und die Polizisten streiken, weil ihre Gehälter nicht mehr reichen, um die Miete zu bezahlen.
Wenig später sind auch die staatstragenden Fernseh- und Radiostationen friedlich besetzt. Die Bevölkerung wird darauf hingewiesen, dass eine Revolutionsregierung die Macht übernommen hat. Erste Beschlüsse der neuen Regierung betreffen die Beschlagnahmung sämtlicher Bankguthaben über fünfzigtausend Euro. Die Bürger dürfen sich bei den Banken tausend Euro in bar als Begrüßungsgeld abholen. Bald bilden sich lange Schlangen von Bedürftigen vor den Filialen.
Das Programm ist einfach: Verstaatlichung von Schlüsselindustrien wie Energie und Immobilienwirtschaft, aber auch von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Erhöhung des Spitzensteuersatzes und der Grundsteuer für Immobilienbesitzer. Ehemalige Milliardäre und Multimillionäre arbeiten zwanzig Stunden pro Woche für das Allgemeinwohl, ob als Straßenkehrer oder Altenpfleger. Angela Merkel wird nach Helgoland ins Exil geschickt, zusammen mit den Spitzenpolitikern aller Parteien, die im Bundestag waren.

Neulich im Traum

„Literatur hat die Bedeutung, die wir in der Wirklichkeit vergeblich suchen.“ (Johnny Malta)
Ich muss eingeschlafen sein. Der Bürobetrieb erwacht gerade und als ich auf den langen Flur trete, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass der Empfang auch schon wieder besetzt ist. Eine junge Frau in einem marineblauen Businesskostüm und weißer Bluse sitzt hinter dem Tresen und blättert in irgendwelchen Unterlagen.
Von einem kleinen Schrank, auf dem Aktenstapel liegen, nehme ich mir einfach eine Akte und will an ihr vorbeigehen. Ein kleines Blatt segelt aus der hellbraunen Aktenmappe auf den Boden. Hoffentlich sieht sie es nicht. Ich darf mir nichts anmerken lassen und gehe einfach weiter.
Zwei Männer in roten Overalls kommen mit Rollcontainern voller Akten an mir vorüber. Ich muss nur den Flur hinunter, dann bin ich draußen. Ich habe den Tresor im Büro von Herrn Winkelmann ausgeräumt. Es war total einfach. Aber dann habe ich in meinem Übermut an seinem PC noch eine Runde GTA gespielt und bin dabei eingeschlafen.
Ich bin fast an der Empfangsdame vorbei, da sieht sie auf und sagt: „Sie sollen sofort zu Herrn Winkelmann ins Büro kommen.“
Ich drehe mich um und gehe zurück. Als ich um eine Ecke gebogen bin, öffne ich die erste Tür. Es ist ein Lagerraum. Ich gehe weiter durch den Raum und komme auf einen kleinen Flur, der zu den Toiletten führt. Hier überlege ich, wie ich aus dem Gebäude kommen kann. Aber ich kenne nur den Haupteingang.
Ich gehe weiter und komme in ein kleines Büro, in dem ein dicker Mann mit Halbglatze sitzt.
„Zu wem wollen Sie?“ fragt er mich.
Ich halte die Akte hoch und sage: „Das muss ich abgeben.“
Ich gehe an ihm vorüber und betrete ein leeres Büro. Dort setze ich mich an den Schreibtisch und fange an, diese Geschichte zu schreiben. Ich muss sie endlich aufschreiben, denke ich, damit ich sie aus dem Kopf bekomme. Damit endet der Traum.
Hawkwind - Space Is Deep. https://www.youtube.com/watch?v=cULwlnEok1c
Andy Bonetti mit der Hauptfigur seines Traums. Mondbasis Alpha 1, 1969.

Samstag, 9. Dezember 2017

Adventszeit, Zeit des Mitgefühls

Ich sitze in einer Kneipe in Stromberg, im „??? Bistro“*, und helfe einem Freund, eine Weihnachtskarte an seinen krebskranken Cousin zu schreiben. Jetzt rächt es sich, dass ich in meiner Kindheit nur Mad und Titanic gelesen habe. Wir lachen uns kaputt, denn uns fallen laufend Formulierungen ein, die man unmöglich bringen kann. „Das Wetter hier ist trübe und ich muss gerade an dich denken“ oder „In meinem Herzen ist November. Wie geht es dir?“ Sollen wir dem bereits halbseitig gelähmten Mann schreiben, dass wir am helllichten Tag beim dritten Schoppen sind? „Wir machen gerade eine mehrstündige Kur im Hunsrück“ oder so? Der Wirt, der seine Stammgäste an der Tür mit dem Spruch „Ach du Scheiße, da kommt die nächste Schwuchtel“ begrüßt, macht es uns auch nicht einfach, in eine vorweihnachtlich-empathische Stimmung zu kommen. Wir brauchen eine halbe Stunde, um einen nichtssagenden und unverfänglichen Text zu produzieren.
„Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen Dir und Deiner Frau ^%§“ (unleserliches Gekrakel, weil der Kollege natürlich den Namen vergessen hat), schreiben wir am Ende. Dann klatschen wir uns ab und stoßen mit einem Ouzo an. Uns werden an Weihnachten böse Dickens-Geister heimsuchen und wir werden in der Hölle brennen, soviel ist schon mal klar.
*Kein Witz, es heißt wirklich so, gegenüber ist die „Sparkasse im deutschen Michel“, weil sich dieses Kaff fälschlicherweise zur Heimat des deutschen Michels erklärt hat – aber das ist eine andere Geschichte. Und warum heißt es nicht „zum deutschen Michel“. Hat er in dem Haus gewohnt? Oder habe ich mich verlesen? Sie merken schon: Dieser Text hat keine Struktur.

Deutsche Literatur – eine Betriebsanleitung

„Niemand wird lesen, was ich hier schreibe, niemand wird kommen, mir zu helfen; wäre als Aufgabe gesetzt mir zu helfen, so blieben alle Türen aller Häuser geschlossen, alle Fenster geschlossen, alle liegen in den Betten, die Decken über den Kopf geschlagen, eine nächtliche Herberge die ganze Erde. (…) Der Gedanke, mir helfen zu wollen, ist eine Krankheit und muss im Bett geheilt werden.“ (Franz Kafka: Der Jäger Gracchus)
Im Grunde genommen ist die Arbeit eines Schriftstellers ganz einfach. Eigentlich muss man nur die Regeln kennen. Nehmen wir also für einen Augenblick an, sie wären als Schriftsteller tätig. Es ist acht Uhr morgens und Sie sitzen in Ihrem Büro. Es geht los.
Sie haben eine Idee für eine Kurzgeschichte. Füllen Sie bitte das Eingangsformular aus. Datum, Uhrzeit, eine kurze Skizze der Idee und einen guten Grund, sie schreiben zu wollen.
Versehen Sie die Idee mit einer Kennziffer, die sie in das Verzeichnis für eingegangene Ideen eintragen.
Füllen Sie nun das Bearbeitungsformular aus. Notwendig sind Angaben über den Umfang der Kurzgeschichte, Ort und Zeitpunkt des Geschehens, handelnde Personen und eine grobe Skizze des Handlungsverlaufs.
Das Bearbeitungsformular heften Sie bitte im blauen Ordner ab.
Schreiben Sie anschließend die Geschichte. Bitte fassen Sie sich kurz, da es sich um eine Kurzgeschichte handelt.
Eine Kopie der Geschichte heften Sie bitte im roten Ordner ab.
Schicken Sie die Geschichte an Ihr Lektorat. Dazu füllen Sie ein Ausgangsformular aus.
Abgelehnte Manuskripte heften Sie bitte im schwarzen Ordner ab, angenommene Manuskripte kommen zur Wiedervorlage in den Eingangskorb rechts auf Ihrem Schreibtisch.
Den rosafarbenen Durchschlag des Kontaktformulars Ihres Verlags heften Sie bitte im braunen Ordner ab.
Im Regelfall bittet Sie das Lektorat, das Manuskript noch einmal zu überarbeiten. Dazu füllen Sie ein Überarbeitungsformular aus.
Wenn Sie das Manuskript überarbeitet haben, schicken Sie es erneut an den Verlag. Vergessen Sie nicht, ein weiteres Ausgangsformular auszufüllen.
Den gelben Durchschlag schicken Sie an das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, den grünen Durchschlag schicken Sie an die VG Wort, die Ihre Rechte als Schriftsteller wahrnimmt.
Veröffentlichte Manuskripte werden kopiert und im weißen Ordner abgeheftet.
Dieses Verfahren wurde vom BAKU (Bundesamt für kategorische Umständlichkeit) entwickelt und hat sich seit vielen Jahren im deutschen Literaturbetrieb bewährt.
Sollten Sie Fragen zur deutschen Literatur haben, benutzen Sie bitte Formular X79. Senden Sie die Durchschläge an Ihre örtliche Kulturverwaltung und an den Bundesverband deutscher Schriftsteller. Heften Sie die Eingangsbestätigungen der zuständigen Behörden bitte im grauen Ordner ab.
Prince – I Wish U Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=nomKVJTla6g

Freitag, 8. Dezember 2017

Pawlows Hund trifft Schrödingers Katze

… oder auch nicht

Blogstuff 176
„Radio sang; ein feines hohes Pfeifen dazwischen, wie aus kühlen traurigen Weltraumtiefen; sie waren geschäftig dort oben in den Gestirnen; Zauberei.“ (Arno Schmidt: Brand’s Haide)
Jetzt ist es offiziell: Putin und Söder treten 2018 zur Präsidentschaftswahl an.
Ob Klimawandel, Kriege oder andere Katastrophen – es gibt einen weitverbreiteten Glauben an den Untergang der Zivilisation. Darin steckt eine tiefe Resignation: Wir selbst haben nicht die Kraft, einen Ausweg zu finden und den Klimawandel oder die Gewalt zu stoppen. Aber wenn das ganze System kollabiert, gibt es trotzdem einen Neuanfang, ohne dass wir ihn aktiv gestaltet haben, sondern nur passiv durch unseren zerstörerischen Lebenswandel herbeigeführt haben. Ironischerweise könnte darin eine Hoffnung liegen: Wir schaffen das verhasste kapitalistische System ab, indem wir absolut systemkonform leben, d.h. Benzinfresser fahren, Unmengen Fleisch essen und jede Menge nutzlosen Industriemüll kaufen.
Woran erkennt man in Berlin, ob in einer Wohnung Bayern leben? Die Satellitenschüssel zeigt in Richtung München.
Kennen Sie Müllrose? Der Ort liegt im Osten Brandenburgs, kurz vor der Grenze zu Polen. Der Schriftsteller Rudolf Kürbis stammt von dort. Er schrieb den vierbändigen Roman „Der Irre von Saalheim“. Das klingt unglaublich, ist aber tatsächlich wahr.
Neben mir in der U-Bahn: eine junge Frau, die sich gerade ihren Arbeitsvertrag durchliest. Ich lese „Deutscher Bundestag“ und GVO, eine Personalvermittlungsagentur. Die neue Legislaturperiode beginnt.
Nur wenige Wochen nach meiner Geburt bringt der SPIEGEL seine erste Titelgeschichte über mich: „Gammler in Deutschland“ (39/1966). „Ernst August Meves, 25, gelernter Bergknappe aus Lüneburg, dreht sich in der Berliner ‚Dicken Wirtin‘ gelangweilt um und erbricht zwei Flaschen Helles über die Stuhllehne. Mit einem 40-Pfennig-Kamm, den er am Nachmittag bei Woolworth mitgehen ließ, fährt er schweigend durch seinen Bart. Das ist seine Arbeit.“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46414560.html
Es heißt jetzt nicht mehr „Wutbürger“, sondern „Menschen mit Frustrationshintergrund“.
Würden Sie es glauben, dass es in Schweppenhausen eine siebzigjährige Amateurprostituierte gibt, die Ihnen für zwei Büchsen Leberwurst einen bläst? Oder dass es hier Badezimmer gibt, wo neben dem Klo ein Aschenbecher in die Wand gedübelt wurde? Manchmal kann ich das alles selbst kaum glauben.
Vorsicht! Im Handel werden jetzt wieder vermehrt braune Hohlkörper angeboten, die angeblich das deutsche Abendland und die christliche Kultur symbolisieren sollen. Schützen Sie Ihre Kinder vor diesem AfD-Propagandamaterial, von dem man Karies und Adipositas bekommen kann.
Frauen stillen ihre Kinder, Männer stillen ihren Durst.
Das einzig Neue an der Debatte über Fake News ist der englische Begriff. Gelogen wurde schon immer. Politiker haben schon immer falsche Versprechungen gemacht, um gewählt zu werden oder sich eine Gefolgschaft zu verschaffen. Alle Ideologien wie der Kommunismus oder der Faschismus sind letztlich Heilslehren, die auf leeren Versprechungen über blühende Landschaften und Freibier für alle in der Zukunft aufgebaut sind. In der Wirtschaft sind es nicht nur die Banker, die uns belügen, sondern auch die Gebrauchtwagenhändler und Flohmarktfritzen. Die Zeitungsente, die Lügenpresse und den Profiteur von selbsterfundenen Meldungen gibt es, seit es Medien gibt. Man denke an die BILD, die Staatsmedien in China oder die türkische Presse. Die Lüge ist so alt wie die Menschheit, aber wir diskutieren das Thema, als wäre mit der semantischen Verpackung „Fake News“ etwas fundamental Neues in die Welt gekommen.
Love Unlimited Orchestra – Love’s Theme. https://www.youtube.com/watch?v=RLTJ95kj9ng

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Gleichheit

Warum ist Gleichheit aus der Mode gekommen? Ich finde die Augenblicke großartig, in denen die Gleichheit zu spüren ist. Als neulich der erste Schnee in unserem Dorf fiel, gingen am nächsten Morgen alle Männer hinaus, um den Gehweg frei zu schaufeln. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft: ein Rechtsanwalt, ein Gebrauchtwagenhändler, ein Polizist, ein Rentner und der größte Schriftsteller der Verbandsgemeinde Stromberg. Es war ein gutes Gefühl, dass alle die gleiche Arbeit machten. Wir hielten ein Schwätzchen, wir waren in diesem Augenblick eine zufriedene Gemeinschaft. Es kann so einfach sein.

Schreiben

Als Schriftsteller werde ich natürlich oft gefragt, wie ich schreibe. Damit meine ich den rein technischen Aspekt, nicht die Inspiration, den Aufbau eines Textes, die Recherche, das Überarbeiten, die Suche nach einem Verlag, den Umgang mit Nobelpreisen usw. Meistens schreibe ich – leider – am Computer. Wir alle tippen mittlerweile auf einer Tastatur herum, sei es auf dem Smartphone, dem Tablet oder dem PC, und fabrizieren fortwährend Druckbuchstaben. Es gibt sogar schon Diskussionen, den Kindern in der Schule nur noch diese Buchstaben beizubringen und die Schreibschrift sterben zu lassen.
Ich finde das schrecklich. Grausam. Ich bin so deprimiert, dass mir die Worte fehlen. Die Schreibschrift. Die schönste Form des Schreibens. Die individuelle Form des Ausdrucks. Jeder hat eine andere Schrift, wenn er auf diese Weise schreibt. Sie gehört zu uns wie der Fingerabdruck, wie das Gesicht oder die Stimme. Die Schreibschrift gehört zu den Dingen, die uns ausmachen. Die uns einzigartig machen und uns von anderen unterscheiden.
Natürlich schreibe ich auch immer noch mit einem Stift auf Papier. In der Schreibschrift bildet ein Wort einen Zusammenhang, es ist keine militärische Kolonne von einzelnen Buchstaben wie die Druckschrift. Ich erkenne am nächsten Tag an meiner Schrift, ob ich übermütig oder kleinlaut war, ob ich betrunken oder nüchtern war. Ob es in reiner Form aus mir geflossen ist oder ob das Schreiben mühsam war. Das sieht man an den durchgestrichenen Worten und Sätzen. Ich sehe Sternchen und die dazugehörenden Ergänzungen am unteren Rand des Blatts. Das alles geht mit dem Computer und der Druckschrift für immer verloren.
Wie schreibe ich? Zunächst ist es wichtig, dass der Stift weich über das Papier gleitet. Die Schrift muss den Gedanken folgen können. Wenn ich fest aufdrücken muss oder die Tinte nicht schnell genug fließt, behindert mich das Schreibwerkzeug. Dann ist es wichtig, dass der Stift gut in der Hand liegt. Er muss passen wie ein alter Schuh. Auch die Farbe der Schrift ist wichtig. Normalerweise schreiben wir mit Dunkelblau oder Schwarz. Ich hatte vor langer Zeit eine hellblaue Phase, das Schriftbild hat mir sehr gut gefallen. Es gab aber auch grüne, rote und lila Epochen in meinem Leben. Schreiben hat nicht nur einen inhaltlichen, sondern auch einen haptischen und einen ästhetischen Aspekt.
Ich hoffe, Sie haben jetzt Lust auf das Schreiben bekommen. Zögern Sie nicht, schreiben Sie!
DAF - Verschwende Deine Jugend. https://www.youtube.com/watch?v=Vwyx8_5Dko0

Job-Center-Satire, Teil 3

Hätten Sie’s gewusst? Das Job-Center Liverpool hat die Beatles zusammengebracht.
Was nur wenige wissen: Auch die beiden weltweit erfolgreichen Aktionen „Gemüse macht blöd“ und „Mein Freund heißt Mailbox“ kamen von der Job-Center-Bewegung.
Neil Armstrong hat seinen Arbeitsplatz als Astronaut über das Job-Center Houston bekommen. Der Versicherungsangestellte Franz Kafka wurde über das Job-Center Prag erfolgreich zum Schriftsteller umgeschult.

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Kein Vergleich!

Nein. Das wird jetzt kein Vergleich zwischen Adolf Hitler und Angela Merkel. Unterschiedlicher können zwei Menschen nicht sein – auch wenn sie nur ein einziges Ei trennt.
Aber eine winzige Gemeinsamkeit haben sie doch: Beide machen bzw. machten sich nichts aus Geld und materiellen Dingen. Hier der Führer, ein Asket, Vegetarier und Abstinenzler, der sich nicht persönlich bereichert hat. Der sich selbstlos in den Dienst des Volkes gestellt hat. Da die Königin der Herzen, die in ihrer Freizeit bescheiden am häuslichen Herd in der Kartoffelsuppe rührt, die Pomp und Pathos scheut, der man ihre Unbestechlichkeit – im Gegensatz zu ihrem Ziehvater Kohl – in jeder Sekunde abnimmt.
So liebt der idealistische und treue Deutsche sein Führungspersonal. Es hat niemals Interesse an materiellen Dingen (wie tief verachten wir darum den „gefallenen Kanzler“ Schröder und seine Rubelmillionen), sondern es versteht sein Amt als Opfergang für die höhere Sache des unsterblichen germanischen Bluts. Folgerichtig kann nur der Untergang - das ewige und heroische Nibelungenschicksal dieses Volkes in der Mitte Europas, das edle Wild, das in seiner Geschichte immer von Hunden umstellt war - unsere Herrscherin von ihrer heiligen Pflicht erlösen, wie weiland den Führer.
Jetzt müssen es nur noch diese bescheuerten Spezialdemokraten einsehen!

Job-Center-Satire - Teil 2

Vorgestern war ein Mitarbeiter von Bonetti Media Unlimited, verkleidet als Wikinger, in meiner alten Heimatstadt Ingelheim unterwegs und drohte, er werde eine Bombe hochgehen lassen. Zeitgleich platzierte ein weiterer Mitarbeiter einen Rucksack im Job-Center. Ergebnis: Räumung des Job-Centers und eine Story, die es garantiert in die Tagesschau geschafft hätte, wenn Berlin der Schauplatz der Handlung gewesen wäre.
2:0 für Bonetti. Fortsetzung folgt.
"Weil er gegen 16 Uhr mit Schottenrock, Wikingerhelm und bemaltem Gesicht in der Stadt unterwegs war, hatte er schon auf den Weg vom Bahnhof zum Jobcenter Mainz-Bingen mit Sitz in der Konrad-Adenauer-Straße in Ingelheim die Aufmerksamkeit einiger Passanten erregt. Zudem soll der Mann noch „wirres Zeug“ gerufen haben, teilt die Polizei mit. Unter anderem hatte er wohl angedroht, dass in Ingelheim eine Bombe hochgehen werde. Gleich mehrere Notrufe wegen eines Mannes, der mit schwarzem Mantel und Helm wie ein Kämpfer aus dem Mittelalter aussehe, gingen daraufhin bei der Dienststelle in Ingelheim ein, die Beamten machten sich sofort auf den Weg in die Innenstadt. Mehrere Männer habe man kontrolliert, so die Polizei-Pressesprecherin, bis man sich sicher war, den Richtigen gefunden zu haben."
http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/ingelheim/ingelheim/wegen-rucksack-in-jobcenter-behoerde-in-ingelheim-geraeumt_18366699.htm

A Stiegelitzer Boffen


Blogstuff 175
„Ob ich zu Hause war oder unterwegs, die Tür meines Schlafzimmers hielt ich immer abgeschlossen. Das machte mein Tun und Lassen zum Gegenstand einigen Geheimnisses und versetzte mich in die Lage, einen unfreundlichen Tag im Bett zu verbringen, ohne die Annahme meines Onkels zu erschüttern, dass ich zur Universität gegangen sei, um meinen Studien nachzugehen. Ein beschauliches Leben hat meiner Wesensart schon immer am besten entsprochen.“ (Flann O’Brien: In Schwimmen-Zwei-Vögel)
Wer glaubt noch an die unsterbliche Seele? Wir wollen einen unsterblichen Körper.
Geld, für das ich gearbeitet habe, hat eine andere Qualität als Geld, das ich auf der Straße gefunden habe. Mit dem Inhalt des Kühlschranks anderer Leute gehe ich sorgloser um als mit dem Inhalt meines eigenen Kühlschranks. Wir dürfen uns also über den Umgang von Politikern mit Steuermitteln nicht wundern.
Wir kennen die Villa Bonetti als wehrhafte Zitadelle der Gottesfurcht, der sittlichen Reinheit und bürgerlichen Erbauung, die dem ruchlosen Zeitgeist des veganen Atheismus und der zügellosen Selbstsucht trotzig die Stirn bietet. Daher ist es mir eine große Freude, Ihnen eine Lesung von Heinz Pralinski, einem unverzagten Streiter für die gute Sache, anzukündigen, der die Kühnheit besitzt, die moralische Größe meiner aktuellen Geschäftstätigkeit zu rühmen. Andere mögen an der wachsenden Gewalt verdienen, indem sie Waffen verkaufen. An solchen unethischen Geschäften würde ich mich nie beteiligen. Ich habe daher ein Stück Land gekauft, einen Friedhof eröffnet und biete Grabstellen an. Mein Bestattungsunternehmen hilft den Menschen in ihrer schwersten Stunde, meine Särge, Kränze und Grabsteine erfreuen sich außerordentlicher Beliebtheit. Nächstenliebe ist für mich kein Fremdwort. Werden auch Sie ein zukünftiger Bürger der Nekropolis Bonetti in Bad Nauheim! Probeliegen kostet nichts.
Wir erwarten von anderen Menschen eine moralische Größe, die wir selbst nicht besitzen. Ich kann nicht erwarten, eine Flasche Whisky unversehrt zurück zu bekommen, wenn ich sie meinem Nachbarn leihe. Also sage ich ihm, ich hätte gar keinen Whisky im Haus. Diese kleine Lüge bewahrt uns beide vor späteren Streitereien und Enttäuschungen.
Wir benutzen Retourkutschen, obwohl längst keine Postkutschen mehr verkehren. Wir sind höflich, obwohl wir nie bei Hofe gewesen sind. Die Sprache ist ein herrliches Sammelsurium aus allen Zeitaltern. Wir werden vermutlich auch noch downloaden, wenn wir technisch längst weiter sind (#rofl).
Die meisten Romane und Sachbücher altern schneller als Gemälde.
Wir schreiten nicht fort, wir werden fortgeschritten. Mit fremden Beinen geht es pausenlos ins Ungewisse.
Politiker formulieren Sätze, von denen sie hoffen, dass sie lange im Gedächtnis bleiben. Zu diesem Zweck halten sie viele Reden. Aber das kollektive Gedächtnis funktioniert wie eine Lotterie. Schröder hätte sicher nie gedacht, von ihm bliebe nur die Formulierung „lupenreiner Demokrat“ im Gedächtnis. Merkel ging es mit dem Spruch aus dem Kinderfernsehen („Wir schaffen das“, Bob der Baumeister) genauso.
Ich wünsche mir ein großes Kohl-Denkmal in Berlin. Die Begründung lieferte Robert Musil schon vor langer Zeit: „Alles, was die Wände unseres Lebens bildet, sozusagen die Kulisse unseres Bewusstseins, verliert die Fähigkeit, in diesem Bewusstsein eine Rolle zu spielen. (…) Bilder, die wir an die Wand hängen, werden binnen wenigen Tagen von der Wand aufgesogen (…). Was aber trotzdem immer unverständlicher wird, je länger man nachdenkt, ist die Frage, weshalb denn, wenn die Dinge so liegen, gerade großen Männern Denkmale gesetzt werden? Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens.“
P.S.: Was ist „a Stiegelitzer Boffen“? Ein Gericht aus der ostpreußischen Küche? Ein spezieller Dachziegel? Kann es etwas auf der Welt geben, das keinerlei Bedeutung hat?
Prince – Glam Slam. https://www.youtube.com/watch?v=78afuFV2xEo

Dienstag, 5. Dezember 2017

Satire - Die Bonetti-Offensive läuft

Seit heute läuft die neue Kampagne von Bonetti Media Unlimited. Wenden Sie sich mit Ihren Fragen an meine Mitarbeiterin Paula Rosenholz. Bitte verbreiten! Hartz 4 - we love it.
http://mein-jobcenter.com/
P.S.: Die Personen, die hinter der Kampagne stehen, sind: Andy Bonetti, Johnny Malta, Heinz Pralinski, Lupo Laminetti, Antonella Freudenschuss, Cheyenne Zwiebelgarten, Zacharias van Gnom, Robert Klumpf, Wanja Nothgroschen, Wilma Wolkenblume, Pandora Fleischmann, Rüdiger Schmorkohl, Mr. Shlingdingaling, Edgar Hufnagel, Elvis Presley und der Dalai Lama.

Begegnung mit einem Weltstar

„Die Fenster sind noch geöffnet, die frühen Aromen des Tages strömen herein, ich nippe an dem leicht cremigen Schaum, der den Caffé beinahe ganz verdeckt, ich nippe ein zweites Mal und nehme durch den porösen, lauwarmen Schnee einen kleinen Schluck des schwarzen Caffés, sofort bin ich hellwach und gespannt wie ein kleines Kind, das sich auf ein lange ersehntes Geschenk freut. Mein Geschenk ist die Schrift, ich setze mich an den Schreibtisch, ich trinke weiter in kleinen Schlucken, ich schreibe.“ (Hanns- Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens)
Es war ein milder Herbstmorgen. Ich saß an der Piazza Nuvolari, nicht weit vom Tiber entfernt. Auf dem Platz standen einige uralte Kastanienbäume, unter denen Rentner, Raucher und andere Müßiggänger im Schatten saßen. Ich genoss die Stille der Piazza bei einem Cappuccino und las den Corriere della Sera. Dieses Viertel wurde glücklicherweise nicht von Romtouristen frequentiert, sodass dem beginnenden Tag die Möglichkeit gegeben war, Kraft für alles weitere zu sammeln.
Ich hätte ihn vermutlich nie kennengelernt, wenn nicht in diesem Augenblick mein Handy geklingelt hätte. Ein Freund aus Wermelskirchen rief an und fragte, wie lange ich noch in Rom bleiben wolle. Es ging um seine Geburtstagsfeier. Wir plauderten eine Weile, dann verabschiedeten wir uns voneinander.
Da sprach er mich an. Er saß am Nachbartisch und lächelte zu mir hinüber. „Offensichtlich sind Sie aus Deutschland“, sagte er auf Deutsch.
„Ja“, antwortete ich. „Ich verbringe nur den November und die Adventszeit in Rom.“
„Daher können Sie so gut Italienisch“, sagte er und deutete auf meine Zeitung.
„Ich komme schon seit zwanzig Jahren hierher. Immer in dasselbe Hotel. Im Laufe der Zeit habe ich mir die Sprache angeeignet. Sind Sie zum ersten Mal hier?“
„Ja, ich habe mir für drei Monate eine kleine Wohnung gemietet. Ich möchte hier in Ruhe an einem Manuskript arbeiten. Leider kann ich nur ein paar Worte Italienisch. Fremdsprachen waren noch nie meine Stärke. Es muss schön sein, sich in anderen Sprachen ausdrücken zu können. Vermutlich gibt es Themen oder Situationen, zu denen die italienische oder eine andere Sprache viel besser passt als die deutsche.“
Ich nickte ihm zu. „Sind Sie Schriftsteller?“
„Ja. Mein Name ist Andy Bonetti. Aber vermutlich haben Sie noch nie von mir gehört“, antwortete er bescheiden.
Ich war wie vom Blitz getroffen. Der berühmte Andy Bonetti. Hier in Rom. Am Nachbartisch. Was für ein Wunder. Das würde mir kein Mensch glauben.
„Doch, doch“, stotterte ich mühsam und spürte, wie die Röte in mein Gesicht stieg.
„Darf ich mich ein Weilchen zu Ihnen setzen?“ fragte er.
Ich stimmte natürlich hocherfreut zu und alsbald plauderten wir angeregt über Literatur und Politik. Bonetti schrieb gerade an einem Roman über den Untergang der Maldini-Dynastie, die im 18. Jahrhundert die Käseherstellung revolutioniert hatte.
Nach einer Stunde verabschiedeten wir uns voneinander.
„Wollen wir uns vielleicht morgen zum Abendessen treffen und ein Glas Wein trinken?“ fragte ich, mutig geworden durch die Freundlichkeit und Bescheidenheit dieses Weltstars aus Bad Nauheim.
„Ich möchte ungern einen Termin machen. Vielleicht habe ich gerade zu diesem Zeitpunkt ein paar gute Einfälle und sitze an meinem Schreibtisch. Daher möchte ich nichts festlegen, um den ganzen Tag offen für meine Arbeit zu sein. Deswegen bin ich auch gerade in Rom. Hier habe ich keine Verpflichtungen, sondern die absolute Ruhe für meine Arbeit. Kein Internet, kein Telefon. Mein Sekretariat ist angewiesen, mich nur in absoluten Notfällen zu kontaktieren.“
„Das verstehe ich, Herr Bonetti“, antwortete ich. „Der Zufall wird uns wieder zusammen führen. Und die Nähe unserer Unterkünfte wird den Zufall begünstigen.“
Tatsächlich trafen wir uns in diesem Herbst noch einige Male an der Piazza Nuvolari. Ein ganz famoser Bursche, dieser Bonetti. Im darauffolgenden Jahr erschien dann sein Roman „Der Käse meiner Großmutter“ und wurde natürlich ein Welterfolg.
Slade - Coz I Luv You. https://www.youtube.com/watch?v=VxFHTxI_dzs

Montag, 4. Dezember 2017

Der jüngste Gerichtsvollzieher


Blogstuff 174
„Kunst überhaupt! – Weißt du, für mich ist das keine Verzierung des Lebens, kein Feierabendschnörkel, den man wohlwollend begrüßt, wenn man von der soliden Tagesarbeit ausruht; ich bin da invertiert: für mich ist das Atemluft, das einzig Nötige, und alles andere Klo und Notdurft.“ (Arno Schmidt: Brand’s Haide)
Wir führen über das Internet die gleiche Debatte, die zu den Zeiten eines Aristoteles über das Theater und später über das Fernsehen und danach über Computerspiele geführt wurde: Reagieren wir im Netz unsere Aggressionen ab oder werden wir durch das Netz erst aggressiv?
Um politisch beweglich zu bleiben, darf man ideologisch nicht mit schwerem Gepäck reisen. Das ist Merkels Kernprinzip.
„Sie haben doch keine Ahnung“, sagt der Blogger zu seinem Kritiker, bevor er sich in seinem Tagtraum dem Mikrofonwald der Weltpresse zuwendet.
„Bonettis Blog ist das literarische Äquivalent einer Amöbenruhr im fortgeschrittenen Stadium.“ (Lupo Laminetti)
Idee für einen Roman: Ein italienischer Klempner kommt von der Arbeit nach Hause und stellt fest, dass seine Verlobte von einem riesigen Monsteraffen in ein Lagerhaus voller Fässer entführt wurde. Er versucht, sie zu befreien, obwohl er außer Hochspringen und „Hoja“ rufen nichts kann.
Säugetiere markieren ihr Revier mit Exkrementen und verteidigen es durch Gebrüll, Drohgebärden und Ausscheidungsprozesse – der Gegner fühlt sich dann „angepisst“ oder „beschissen“. Politiker markieren ihr ideologisches Territorium mit Phrasen („Grundsätze“) und verteidigen es wie alle anderen Säugetiere.
Wenn Politiker ein echtes Territorium verteidigen oder erobern, kommt es im Regelfall zum Massenmord. Kriege waren von der Natur eigentlich nicht vorgesehen.
Der Mensch ist ein juristisch privilegierter Primat.
„Was? WAS ?!“ (Beethoven)
Ich bin in der sechsten von acht Dekaden meines Lebens, wenn man den Statistiken zur Lebenserwartung trauen darf.
Hätten Sie’s gewusst? In den fünfziger Jahren nannte man die Nerds Existenzialisten. Man erkannte sie an ihren schwarzen Rollkragenpullovern, die nach Sartres Tod zu einem modischen Tabu wurden.
Nur eine Handvoll Menschen hat die Macht über die Atomwaffen, die uns alle töten können. Wir sind in der Hand von Geiselnehmern.
In London geht man nach der Arbeit erst mal in die Kneipe, um den Kopf von dem ganzen nutzlosen Ballast der Arbeitswelt frei zu spülen. Dergestalt erleichtert und seelisch befreit geht es dann nach Hause.
Bonetti Media plant einen wöchentlichen anarcho-nihilistischen Rundbrief, der nur an Multiplikatoren versandt werden soll. Und die schicken ihn wieder an andere Multiplikatoren. Das ist praktisch unschlagbar. Viral ist das neue Anal.
Die neue Konzeptshow „Weinanbau & Schweinanbau – Rheinhessen grüßt Niedersachsen“ ist allerdings von der ARD abgelehnt worden.
In meiner Jugend verkehrten in unserem Hause regelmäßig zwei Herren, die eine Ratte auf ihrer Schulter hatten. Wir gaben den Tieren Bier zu trinken und ließen ihnen allerlei andere Aufmerksamkeiten zukommen. Das scheint mir völlig aus der Mode gekommen zu sein.
Der Therapeut konnte mich beruhigen. Die Halluzinationen hatte ich mir nur eingebildet.
P.S.: Zu Weihnachten bekommt jeder fünfzigste Leser von Bonetti Media einen Orgonakkumulator geschenkt.
P.P.S.: Sie sind nicht der fünfzigste Leser.
P.P.P.S.: Wir wollen in der Adventszeit aber auch an die armen Sklaven in den Bonetti-Minen denken. Menschen, die in Bangladesh für zehn Cent am Tag nach Pointen schürfen und mit ihren blutigen Händen so manchen Gag ans Tageslicht gebracht haben, den Sie dann einfach achtlos weggelacht haben.

Ganz hinten können Sie das Orgon sehen. Achtung! Nehmen Sie nicht zu viel Orgon auf, zwei bis drei Bonetti-Sphären pro Tag sollten „reichen“.
George McCrae – Rock Your Baby. https://www.youtube.com/watch?v=Wdo-ZiHqbls

Sonntag, 3. Dezember 2017

Michel’s Leitkultur

Deutsche Lieder, deutscher Reim
Deutsches Bier und deutscher Wein

Deutscher Diener, deutscher Boss
Deutsche Technik, deutsches Ross

Deutsche Frauen, deutsche Männer
Deutsche Bullen, deutsche Penner

Deutsches Schwein und deutscher Fraß
Deutscher Diesel, deutsches Gas

Bambi und der Wolf

„Sie hatte große schwarze Augen – wie das Universum.“ (Johnny Malta)
Ein Bekannter von mir hatte über einige Jahre eine Beziehung mit einer jüngeren alleinerziehenden Mutter, die sich mit einem Halbtagsjob und ohne Unterhaltszahlungen durchs Leben schlug.
Sie träumte von einem gemeinsamen Haus und hoffte, er würde sich um ihre beiden Kinder kümmern. Mir hat sie gesagt, sie würde ihn lieben und wollte mit ihm alt werden.
Er hat mir gegenüber die Beziehung als Fickfreundschaft bezeichnet. Für ihn als VWL-Professor ein gutes Geschäft: eine Einladung zum Abendessen pro Woche, dann eine gemeinsame Nacht. Pizza gegen Sex.
Es hat lange gedauert, bis sie begriffen hat, dass es ihr wie ihren vielen Vorgängerinnen ergangen war – trotz meiner ausdrücklichen Warnung. Der Typ ist schon immer so gewesen, habe ich ihr erklärt. Ich kenne ihn seit der Schule. Er interessiert sich nicht für den Menschen hinter der Möse. Sie ließ es noch eine Weile zu, dass er seine sexuelle Notdurft in ihr verrichtete. Jetzt hat sie ihn endlich verlassen.
Ultra Nate – Free. https://www.youtube.com/watch?v=utddSTvRvrg

Samstag, 2. Dezember 2017

Die drei Phasen des Bloggerzorns


Das gibt’s doch gar nicht. Ein kritischer Kommentar?

Kritik an meinem Text? Und auch noch mit Fakten, Argumenten und in einem sachlichen Tonfall?

Den Typ mache ich fertig! Ach was, den sperre ich, der hat lebenslanges Kommentarverbot in diesem Blog.

Bizarre Raritäten aus der Schatzkammer des Teufels

„Was sollen denn die Nachbarn denken?“ Der Klassiker aller Fragen. Hier ein paar Anregungen:

Blogstuff 173
„Seine Kurzgeschichten waren manieriert und banal, und es war ihm recht, dass sie in obskuren Zeitschriften mit niedriger Auflage erschienen. Seine Gedichte, das schwante ihm, waren einfach grauenhaft, deshalb bot er sie wenig gelesenen Zeitschriften in Praetoria und auf der Insel Wight an, auch englischsprachigen Universitätsblättchen in Beirut, Spanien und Teheran. Er unterhielt sich über seine Gedichte vorsichtshalber nur mit Leuten, die sie nie gelesen hatten. (…) Seinen Roman, mit dem er beinahe drei Jahre hindurch immer wieder gekämpft hatte, gab er endlich nach Seite eins auf.“ (Joseph Heller: Gut wie Gold)
Wenn Nichts-Tun eine olympische Disziplin wäre … Ich bin der Usain Bolt der Untätigkeit.
Jetzt sagen Sie es mir doch mal: Lebensmittelvorräte gibt’s. Aber Biervorräte?
Nur wenige Meter vom Büro des Problempolitikers Andreas Geisel entfernt, in der Dönhoffstraße in Berlin-Karlshorst, liegt das Lokal „Böhmischer Garten“. Eine alte Frau ist hier zugleich Köchin, Kellnerin und Entertainerin. Es gibt tschechisches Bier vom Fass und das Rindsgulasch mit Knedlik ist ausgezeichnet – und endlich auch mal richtig scharf. Am Nachbartisch ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern. Zum etwa vierjährigen Sohn sagt die Wirtin, ganz die Pädagogik meiner Großmutter, er solle das Spielzeug weglegen, jetzt werde gegessen. Als er seinen Teller aufisst, lobt sie ihn und er darf sich aus einer Schale eine Süßigkeit aussuchen. Der jüngere Sohn, etwa ein Jahr alt, steht minutenlang direkt vor mir und sieht mir erstaunt beim Essen und Trinken zu. Ich fühle mich wie eine Jahrmarktsattraktion. Da ich meinen Teller auch aufesse, bekomme ich einen Schnaps aufs Haus. Als ich einen Becherovka in Auftrag gebe, rollt sie nur mit den Augen. Kein Tscheche würde dieses Zeug anrühren. Auf meine Nachfrage sagt sie, die Tschechen würden alles Mögliche trinken, Rum, Wodka oder Whisky, aber nicht diesen angeblich landestypischen Kräuterschnaps.
Ein langgehegter Wunsch: Frank Plasberg oder Maybrit Illner stellen in ihrer Talkshow Fragen, aber keiner der eingeladenen Gäste antwortet. Eine Stunde Schweigen. Darüber würde man am nächsten Tag reden.
Apropos Talkshow: Wird Häuptling Doppelskalp aka Wolfgang Bosbach weitermachen?
Hätten Sie’s gewusst? Das Wort Determinativkompositum ist selbst ein Determinativkompositum. Weitere Beispiele: Rindfleisch, Schweinefleisch, Hühnerfleisch.
Warum beteiligen wir uns so gerne an der aktuellen Sexismus-Debatte? Weil eine einzige Anschuldigung reicht, um kollektiv „Rübe runter“ zu schreien. Wozu warten, bis ein Opfer Strafanzeige gestellt hat, bis Beweismittel und Zeugenaussagen geprüft wurden, bis ein Gericht ein Urteil gefällt hat? Warum werden die mutmaßlichen Straftäter nur öffentlich angeklagt, aber nicht vor Gericht? Weil wir – wie Alice Schwarzer bei der öffentlichen Hinrichtung Jörg Kachelmanns in der BILD-Zeitung – jetzt schon alles besser wissen als jeder Jurist oder Experte. Warum warten? Werfen wir ein Seil über den nächsten Baum! Das ist menschlich im fürchterlichsten Sinne des Wortes. Wir sind erbarmungslos in unserem Hass und zugleich janusköpfig: wir können die Rolle des Gejagten und des Jägers in einem günstigem Moment sofort wechseln.
Der junge Mann ist keine dreißig Jahre alt. Er trägt dunkelblaue Klamotten und einen Rucksack. Er ist obdachlos und ich habe ihn einige Male auf der U9 erlebt. Schon auf dem Bahnsteig ist ein Radius von zwanzig Metern um ihn herum wie leergefegt. Ich weiß nicht, wie lange er sich schon nicht mehr gewaschen und nicht mehr die Kleider gewechselt hat. Es ist ein bestialischer Gestank, wie ich ihn noch nie erlebt habe – und ich habe üble Schweineställe betreten und im Zivildienst Leichen gewaschen. Ein Tier, selbst ein totes Tier, kann nicht so stinken wie dieser Mensch (übrigens kein Migrant). Ich steige in die U-Bahn, er betritt sie einen Wagen weiter. Eine Station später kommen die Menschen aus dem Nachbarwagen in panischer Flucht in meinen Wagen. Sie schütteln den Kopf und reiben sich die Nase, als ob sie auf diese Weise den Pesthauch wieder loswerden könnten. Ich habe ihn einmal aus der Nähe erlebt. Der Gestank legt sich augenblicklich auf die Schleimhäute und alles in mir schreit: Weg von hier!
„Alles, was dir widerfährt, das erleide, und übe Geduld, denn Gold und Silber werden im Feuer erprobt, jene aber, so Gott gefallen, im Schmelzofen der Erniedrigung.“ (Flann O’Brien: In Schwimmen-Zwei-Vögel)
Everlast - What It's Like. https://www.youtube.com/watch?v=VFNkU7UnzTU

Der neue Adventskalender – natürlich vegan  und ohne Advent.

Freitag, 1. Dezember 2017

Kampfbegriff „Weimar“

Mit dem Warnruf „Weimar“ wird auch im 21. Jahrhundert noch die angeblich notorische Unzuverlässigkeit der deutschen Bevölkerung in politischen Fragen erklärt. Dabei haben damals die politischen Institutionen versagt, allen voran das Staatsoberhaupt Hindenburg, aber auch Reichsregierung und Reichstag. Justiz und Polizei sowieso, weil sie dem Treiben der Nazis ab 1933 tatenlos zugeschaut haben.
Es ist natürlich einfacher, für dieses Staatsversagen dem Pöbel die Schuld zu geben. Und so schützt sich auch 2017 noch die Elite – mit Parteienstaat und Massenmedien als Burgwall und Graben – vor dem Volk und verhindert bundesweite Plebiszite, die Direktwahl des Bundespräsidenten usw. Kaum verzögert sich, wie aktuell, die Regierungsbildung um ein paar Wochen, droht der Klassenlehrer den Kindern wieder mit dem Rohrstock: „Weimarer Verhältnisse“. Pfui! Mach das weg! Da gab es Minderheitsregierungen - und keine Betonkanzlerin.
Wo ist fundamentale Kritik am Staat erlaubt? Im Kabarett, denken wir z.B. an Sendungen wie „Die Anstalt“ oder an Menschen wie Pispers und Schramm. Das Publikum applaudiert begeistert – wählt beim nächsten Mal aber doch wieder die staatstragenden Parteien SchwarzRotGelbGrün. Das Kabarett hat daher eine Ventilfunktion, es ist kein Instrument der Aufklärung. Sollte ein Kabarettist wirklich frech werden, geben ihm die Massenmedien keine Plattform mehr. Notfalls jubelt man ihm ein paar Dateien mit Kinderpornographie unter oder macht ihn auf andere Weise öffentlich fertig.
Dann gibt es noch kleinere Publikationen und politische Gruppen, denen eine kritische Auseinandersetzung mit den „herrschenden Verhältnissen“ zugestanden wird. Überschreiten sie eine gewisse Schwelle der Massenwirksamkeit, richten sich die Augen des Verfassungsschutzes und der Justiz auf ihre Aktivitäten. Selbst Abgeordnete der harmlosen „Linken“ im Bundestag wurden schon observiert. Alles natürlich offiziell zum Schutz der Demokratie, in Wirklichkeit zum Schutz der Herrschaft, die mit dem Demos nichts zu tun haben will.
https://www.youtube.com/watch?v=EX2prYi2SQI

Die Macht der Autonomen

„Die Erkenntnis, dass das Ziel emanzipatorischer Gesellschaftsveränderung, von Befreiung und Menschlichkeit verfehlt wird, wenn man dabei auf irgendwelche Formen der ‚Machteroberung‘ im Staatsapparat setzt, bleibt bestehen.“ (Joachim Hirsch: Faszination des Staates, in: „links“, März 1985)
Wer sich in den Herrschaftsapparat des Staates begibt, kommt darin um. Inhaltlich, nicht physisch. Die Teilhabe am System der Herrschaft verändert die Politiker - je stärker, desto länger sie Teil dieses Systems sind und desto tiefer sie in dieses System eindringen.
Das mussten alle linken Bewegungen in Deutschland erfahren. Schon im Kaiserreich gab es eine linke Partei, die das Parlament zur Tribüne des Klassenkampfs machen wollte und als Vertreter der Arbeiterklasse dann doch kleinlaut an eben jenem Ort, wo auch heute noch der Deutsche Bundestag seinen Sitz hat, den Kriegskrediten eines Feudalherren zustimmte, der offensichtlich einem imperialistischen Größenwahn verfallen war. 1918/19 stellte sich dieselbe SPD auf die Seite des Bürgertums und des Militärs und verriet die proletarische Revolution, die zum Sturz des Massenmörders Willem Zwo geführt hatte. 1932 ermöglichte sie aus parteitaktischen Erwägungen die Wahl des erklärten Demokratiefeinds Hindenburg zum Reichskanzler, der wiederum Adolf Hitler den Weg ebnete.
Und so ging es in der Bundesrepublik weiter. Die APO rieb sich beim „Marsch durch die Institutionen“ innerhalb des Apparats auf. Je höher ihre Vertreter in den Institutionen aufstiegen, desto geringer wurde ihr Interesse, diese Institutionen zu verändern. Wie lange bleibt man renitent, wenn man „dazu gehört“, wenn man üppige Abgeordnetendiäten oder ein Professorengehalt kassieren und allerlei Privilegien wie Fahrdienst oder Reisen erster Klassen genießen darf? Da ist der Schritt vom Volksvertreter zum Volksverräter nicht weit. Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche. Früher wurden die Rädelsführer der Opposition erschossen, heute scheißt man sie mit Geld zu. So trug auch die APO-Generation, wie alle Generationen vor und nach ihr, - wenn auch ungewollt – zur Stärkung des politischen Systems bei, indem sie ihre gesamte Energie innerhalb des Apparats verbrauchte.
Als sich die sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre zur Partei der Grünen formierten und den Gang in die Parlamente wagten, gingen sie unter. Anfangs wollten sie noch ein wenig an den Spielregeln herumbasteln (Rotation der Abgeordneten, imperatives Mandat usw.), aber bald hatten sie sich an die formalisierten Abläufe des „Hohen Hauses“ mit präzisen Redezeiten und vorgedruckten Tagesordnungen gewöhnt. Bekanntlich geht es im Bundestag nicht um Meinungsbildung in offenen Diskussionen – das haben die Grünen irgendwann gelernt und damit erlosch zugleich ihr Versuch, eine Alternative zum Establishment der Altparteien zu sein.
„Die Präsenz der Grünen im Parlament wirkt nicht destabilisierend, bringt umgekehrt etliche dissidente Gruppen der Gesellschaft wieder heim ins Verfassungssystem. Wie weiland die Sozialdemokraten (…) betätigen sich die Grünen heute – obzwar ungewollt – als Stützen der sonst kritisierten Ordnung. (…) Die Utopie der ‚Gesellschaft der Freien und Gleichen‘ (Marx) kann nicht als Gesetzesvorlage (…) in den Bundestag eingebracht werden.“ (Johannes Agnoli: Zwanzig Jahre danach – Kommemorativabhandlung zur Transformation der Demokratie, in: Prokla 62, März 1986) Ergänzend muss man konstatieren, dass die Grünen auch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse stabilisiert haben, indem sie auf „umweltfreundliche“ Produkte und Herstellungsverfahren gepocht haben – sonst wären die Industriestaaten längst in ihrem Dreck erstickt.
Später ging es den Linken so und auch den Piraten. Es gilt die alte Regel: Wer tatsächlich Opposition betreiben will, der halte sich von den Institutionen des Staates fern. Wer den Sumpf austrocknen will, darf nicht selbst zum Frosch werden. Das hat in den letzten 150 Jahren keine einzige linke Partei in diesem Land begriffen. So blöd waren die Nazis nicht. Sie haben nicht nur bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Demokratie abgeschafft, sie hatten mit SA und SS auch eine eigene Polizei und ein eigenes Militär, mit deren Hilfe sie ihre Gegner in Konzentrationslager steckten oder gleich ermorden ließen. Sie haben sich an keine einzige Regel gehalten, sondern einfach die Verfassung ignoriert.
Von den Faschisten wollen wir natürlich nichts lernen. Wer war erfolgreich? Da fällt mir als erstes Beispiel die polnische Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ ein. Man begab sich nicht ins Getriebe der Macht und gründete eine Partei oder trat einer Partei bei, sondern entwickelte eine eigene autonome Organisation, die am Ende den Staat besiegt hat. Oder die Hausbesetzer in Berlin und anderswo, zumindest in den Anfängen. Die fragten nicht nach Eigentumsrecht und Mietverträgen, die wohnten einfach, wo sie wollten. Gandhis Aufrufe zum Boykott von Waren und Steuerzahlungen – glatter Rechtsbruch eines gelernten Juristen in den Augen der britischen Kolonialherren. Na und?
Wer sich geistig vom Staat unabhängig macht und sich nicht selbst als Teil des Staates begreift, kann seine Autonomie verwirklichen. Vielleicht geht man sogar den letzten Schritt und verabschiedet sich vom ehernen Gehäuse des Nationalstaats? Der Weg hinaus ist weit, das Labyrinth unserer wachsenden Ansprüche und angeblichen Bedürfnisse ist unüberschaubar geworden. Dieser Weg ist auch auf keiner Karte eingezeichnet, es gibt keinen Fahrplan für ein selbstbestimmtes Leben mit festen Haltepunkten und Terminen.
So wünscht es sich der deutsche Michel, aber so funktioniert es natürlich nicht. Freiheit + Planungssicherheit + Vollkaskomentalität kann es niemals geben. Die meisten Deutschen haben sich ohnehin längst bequem in ihrer Abhängigkeit, in dieser Mischung aus rein materiellem Wohlstand und ständiger Bevormundung, eingerichtet. Schon einige Wochen ohne Regierung empfinden sie als Krise – oder, wie die Boulevardpresse getitelt hat, als „Stunde Null“. Als ob es wirklich eine Zeit ohne Herrschaft wäre und als ob man vor herrschaftsfreien Zeiten Angst haben müsste.
„Aus der Erkenntnis, dass der Kapitalismus das Leben zerstört und sein Staat die Zerstörung institutionalisiert, kann der Schritt ins Emanzipatorische nicht unmittelbar vollzogen (…) werden. (…) Dazu gehört auch Aufklärung, als Teil der Maulwurfs-Arbeit. (…) Denn der alte Weg, von Plato über Fichte bis zu Lenin: man müsse die Massen zu ihrem Glück und zur Freiheit zwingen, ist nicht nur theoretisch brüchig und intellektuell eine Legitimationsideologie der Macht. Viel schlimmer: er lässt alles bei den alten Verhältnissen (mit ausgewechseltem politischen oder gesellschaftlichen Personal).“ (Agnoli, ebenda)