Donnerstag, 12. Oktober 2017

Ein Blick auf unser Haus

„Es gibt nichts Schöneres als das Mysteriöse. Aus ihm entspringt alle wahre Kunst und Wissenschaft.“ (Albert Einstein)
Als es begann, kannte ich Guy Fawkes noch gar nicht. Ich war zwölf Jahre alt und wir hatten eines Tages die Idee, unser Taschengeld aufzubessern. Wir, das waren ein Freund und ich. Sein Name ist nicht mehr wichtig.
Das britische Parlament war ein Kaugummiautomat in der Altegasse in Ingelheim. Das Dynamit war eine gewaltige Ladung Silvesterkracher. Es waren die späten Siebziger. Vielleicht hat uns auch die RAF inspiriert, deren Poster an der gläsernen Eingangstür des örtlichen Postamts hing.
Es ging nicht um die Revolution, aber es ging um einige Mark in Groschen. Wir platzierten also unsere Sprengladung und brachten uns in Sicherheit. Eine gewaltige Explosion. Während mir mein Freund mit einer Steinschleuder Feuerschutz gab, stürmte ich zum qualmenden Kaugummiautomat.

Aber das Innere des Automaten war durch die Hitze geschmolzen und deformiert. Wir gingen mit leeren Händen in den Untergrund. Noch nicht einmal Kaugummis waren unser Lohn.
Später verkaufte ich gestohlene Schallplatten und Playboys auf dem Schulhof. Dann kam der erste Zigarettenautomat. Ich begann Drogen zu nehmen und Drogen zu verkaufen. Erste Vorstrafe wegen illegaler Hahnenkämpfe. Die alte Geschichte.
Als ich älter wurde, liefen die Dinge irgendwann aus dem Ruder. Die Geschäfte wurden größer. Wir importierten den Stoff kiloweise aus Holland. Fette Partys, fette Autos, fette Lines. Ich ließ mir Visitenkarten von einem Forschungsinstitut drucken, an dem ich angeblich arbeitete. So fiel es niemandem auf, dass ich ständig Flüge buchte und in wechselnden Hotels wohnte.
Später deckte ich meine Internetrecherchen über Waffen, Sprengstoff, Drogen und Fahndungsmethoden durch ein paar fadenscheinige Krimis, die unter meinem Namen veröffentlicht wurden. Dann kam der Deal mit den Chinesen. Irgendwann kam der Deal mit den Mexikanern.
Jetzt liege ich hier mit einem McMillan-TAC-50 im Wald von Schweppenhausen und sehe durch das Zielfernrohr auf meinem Gewehr auf unser Haus hinab. Fünfhundert Meter Luftlinie trennen mich von der Eingangstür.
Sie werden bald hier sein. Ich werde das Feuer auf sie eröffnen. Das Haus ist mit Sprengstoff präpariert. Mehr kann ich nicht mehr machen.
Möglicherweise werde ich in den nächsten Tagen keine neuen Blogposts online stellen können. Haben Sie bitte Verständnis.
P.S.: Der nächste Text wird den Titel tragen: „Eines Tages beschloss der Taucher, unten zu bleiben“. Von wegen Untertauchen, wir verstehen uns? Kleiner Tipp für echte Fans: Ich bin unter dem Pseudonym Andy Bionetti am Institut für Zollforschung in Berlin-Niederschweineöde zu finden.


Vom Einsatzhubschrauber aus betrachtet: Casa Bonetti. Quelle: BKA.

The Psychedelic Furs – Love My Way. https://www.youtube.com/watch?v=LGD9i718kBU


Mittwoch, 11. Oktober 2017

Vermischtes


„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass er nicht mehr linksliberal war. Und das war in dieser Gesellschaft schlimmer, als sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt zu haben.“ (Oskar Roehler: Selbstverfickung)
Ich war heute im Friseursalon und habe das deutsche Jobwunder persönlich kennengelernt. Die Frau, die meine wolfsgraue Mähne stutzte, hat drei Jobs: Kindergärtnerin, Lagerarbeiterin bei Staples und Friseurin. Sie ist in meinem Alter und freut sich auf den Feierabend. Sie möchte sich mit ihrer Freundin eine Lieferpizza gönnen. #Volksverblödungsweltmeister (Import / Export)
Der Schüler, der hier im Dorf die Werbeblättchen austrägt, bekommt 6,60 € die Stunde. Zum Glück muss sein Boss für ihn keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen – wir könnten uns ansonsten die Reklame gar nicht mehr leisten.
Aus der „Tina“, die ich beim Warten auf den Haarschnitt lese, erfahre ich, dass es inzwischen Digitalradioprogramme für Hunde gibt und 73 Prozent aller Frauen schon einmal homöopathische Mittel gekauft haben.
Die USA haben durch eine 1:2-Niederlage gegen Trinidad und Tobago die Fußball-WM-Qualifikation verpasst, ebenso wie die Niederlande und die Türkei, die wiederum gegen Island zu Hause 0:3 verloren.
And now for something completely different:
Die Bayerische Volkspartei (BVP) war bei allen fünf Landtagswahlen in der Weimarer Republik die stärkste Partei. Sie stand für Katholizismus, Konservativismus und bayrische Leitkultur. Die Vorläuferorganisation der CSU hatte auf Reichsebene eine Fraktionsgemeinschaft mit dem Zentrum, der Vorläuferorganisation der CDU. Beide Schwesterparteien stritten jedoch gelegentlich in Sachfragen. Der militärische Arm der BVP war die Bayernwacht, die 1933 von den Nazis aufgelöst wurde. Im Juli 1933 stellte die BVP ihre Arbeit ein.

Copyright: Harri.

Weißes Gold

„Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“ (Groucho Marx)
„Menschenskinder, darauf müssen wir einen trinken“, rief Erna Schmeisser und holte den Kornbrand.
„Das wird gefeiert“, sagte ihr Bruder Horst und lachte. Gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager Fritz stießen sie an. Es versprachen glänzende Geschäfte zu werden.
Erfurt 1970. Eine neue Zeit hatte begonnen. Horst Schumann gehörte zur Delegation von Willy Brandt und hatte den Nachmittag genutzt, um seine Schwester zu besuchen. Und so war er mit Fritz, von dem er wusste, dass er als Kaufmann bei der HO arbeitete, ins Gespräch gekommen. Während Horst eine Marlboro nach der anderen rauchte, qualmte Fritz seine F6. Irgendwann waren sie dann auf das Thema Bananen gekommen.
***
Gegen drei Uhr morgens hielt eine völlig leere S-Bahn im Bahnhof Humboldthain im Wedding. Hastig wurden die Kisten aus den Lastwagen in die Bahn geladen. Horst stand auf dem Bahnsteig, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, im Mundwinkel eine Marlboro.
Fritz kam mit zwei riesigen Koffern und stellte sie wortlos neben ihm ab. Und so wechselten hundert Tonnen Bananen, die am Tag zuvor mit dem Frachtschiff aus Hamburg im Westhafen angekommen waren, den Besitzer. Zwei Stationen weiter, im Geisterbahnhof Oranienburger Straße, wurden die Kisten wieder ausgeladen. Heißbegehrte Südfrüchte für die DDR. Im Gegenzug erhielt Schumann fünfzig Kilogramm unverschnittenes Heroin.
Was Horst Schuman nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für die Stasi. Mit den Bananen wurde ein dringendes Bedürfnis der eigenen Bevölkerung befriedigt, mit dem Heroin destabilisierte man den Klassenfeind in West-Berlin und in West-Deutschland.
Was Fritz Schmeisser nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für den BND. Mit dem Heroin machte man aus den „Haschrebellen“ der sechziger Jahre willenlose Junkies. Die APO wurde im Wortsinne ruhiggestellt. Aus 1968 wurde in wenigen Jahren das 1979 der Christiane F. Das Heroin wurde vor allem in den Hochburgen des linken Widerstands, in West-Berlin und Frankfurt, verkauft. Den drogenfreien Rest des Widerstands, die RAF und die Bewegung 2. Juni, konnte man getrost der Polizei überlassen.
Der BND hatte ein Problem gelöst, ohne dass es der Öffentlichkeit jemals aufgefallen wäre. Und er verdiente an den Drogen, die Schmeisser zunächst über eine KGB-Connection im Iran (der Schah hatte nach seinem Berlin-Besuch 1967 noch eine Rechnung mit der APO offen), später in Afghanistan besorgte, einen Haufen Geld für operative Zwecke in Osteuropa.
***
Zwanzig Jahre lang liefen die Geschäfte glänzend. Weißes Gold für den Osten, weißes Gold für den Westen. Immer mehr Bananen wurden in die DDR geliefert, immer mehr Heroin in die Bundesrepublik.
Schmeisser, der glaubte, das Geschäft seines Lebens zu machen, begriff erst 1990, als ihm sein inzwischen pensionierter Schwager die ganze Story erzählte, wie die Stasi hereingelegt worden war.
Die Bananen waren eine besondere Züchtung, die abhängig machte. Wer diese Bananen aß, wollte noch mehr Bananen. Mit jeder Lieferung, die in einer S-Bahn der DDR-Reichsbahn über die Grenze in Berlin geschmuggelt wurde, wurden die Menschen in Ostdeutschland also immer unzufriedener. Der Westen wurde heroinsüchtig, der Osten wurde bananensüchtig.
Mit den Millionen, die der BND im Drogenhandel verdiente, konnte ein Netz von Aktivisten in vielen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aufgebaut werden: sogenannte Friedensgruppen in der DDR, aber auch eine unabhängige Gewerkschaft in der alten deutschen Hansestadt Danzig, wo ein junger Mann namens Lech Walesa angeworben werden konnte. Als man mit Gorbatschow sogar einen Mann aus dem Politbüro der UdSSR gekauft hatte, war der Clou perfekt.
Mit jeder Banane kam der Kommunismus seinem Untergang wieder einen Schritt näher. Die exklusiven Unterlagen zu diesem historischen Deal der Geheimdienste in Ost und West liegen dem Betreiber dieses Blogs vor.
R.E.M. – Perfect Circle. https://www.youtube.com/watch?v=EXxprhjaot4

Einen hamwa noch:

Dienstag, 10. Oktober 2017

Den Helden unsterblicher Ruhm

„Ein Vakuum, geschaffen durch fehlende Kommunikation, füllt sich in kürzester Zeit mit falscher Darstellung, Gerüchten, Geschwätz und Gift.“ (Cyril Northcote Parkinson)
Es ist immer wieder ein erhebender Anblick, wenn ein stolzes Volk nach langen Jahren der grausamen Unterdrückung die Fesseln der Knechtschaft sprengt. Es lebe die katalanische Republik. Freiheit oder Tod. Zu den Waffen, Bürger! Auf die Barrikaden!
So wie der Wind das Feuer in alle Himmelsrichtungen trägt, entfacht diese Revolution selbst hier im Hunsrück den Zorn der einfachen Bauern. Sie wollen die Unabhängigkeit von Mainz und Berlin. Sie haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Rache für Schinderhannes!
Zum hundertsten Jahrestag der russischen Revolution rumort es selbst im Sauerland und in Mittelfranken. Basken, Korsen, Schotten, Kurden - es ist die Zeit für neue Nationen gekommen, für neue Grenzen, neue Minderheiten, neue Geldscheine und neue Uniformen. Aus Provinzclowns werden Staatspräsidenten.
Für jede Generation kommt einmal die Stunde der Rebellion. Kommunismus, Nationalismus, Faschismus – der Anlass ist eigentlich zweitrangig. Nur heraus, ihr Rebellen! Die Krim den Tartaren, das Schanzenviertel dem schwarzen Block, Großbrexitannien den Cricketfans und Mailand den Lombarden.
Für den Hunsrücker Bauern werden Fackeln und Mistgabeln reichen. Die Katalanen brauchen eine eigene Luftwaffe, ein eigenes Heer und eine eigene Marine. Dazu benötigt man Jagdbomber, Panzer und Kriegsschiffe. Der neue Nationalismus verspricht, für die Kaufleute des Todes ein glänzendes Geschäft zu werden.
P.S.: Es gehört zu den ewigen Gesetzen des Comedy Business und der Bloggergilde, dass man keine Witze über Namen machen sollte. Aber der Duodezfürst von Katalonien, die Maus, die gerade brüllt, heißt Putsch-Dämon, oder? Hallo?! Noch Fragen?
P.P.S.: Nördlich der Pyrenäen, in Frankreich, geht Katalonien ja noch weiter. Das ist quasi das Sudetenland der Katalanen. Wo knallt es zuerst? In Perpignan oder in Pjöngjang? Meanwhile in Schilda: Crazy Horst bekommt eine Opagrenze mit beweglichem Deckel, darf sie aber nicht so nennen (grob zusammengefasst).
U2 - With Or Without You. https://www.youtube.com/watch?v=XmSdTa9kaiQ

Dancefloor-Dada

Enjoy this trip (x2)
And it is a trip
S'Express (x3)
Countdown is progressing
Uno dos
Uno dos tres quatro
I got the hots for you
Boop
REPEAT
I got the hots for you
Boop boop b-boop bep b-bep ah ah
I got the hots for you
Boop boop b-bep boop boop b-bep bep
I got the hots for you
Boop boop b-boop bep b-bep ah ah
I got the hots for you
Boop boop b-bep boop boop b-bep bep
S'Express (x4)
Come on and listen to me baby now (x4)

https://www.youtube.com/watch?v=IpeRShWMdYM

Meine Lieblingsschublade

Ich habe drei Schreibtische. Zwei in Schweppenhausen und einen in Berlin. An zwei dieser Tische schreibe ich tatsächlich, sie haben keine Schubladen. Das Notebook steht in der Mitte, hufeneisenförmig hat sich Plunder und Gelumpe um das Gerät angesammelt.
Der dritte Schreibtisch steht in meinem Schlafzimmer. Dort sitze ich am Fenster, schaue hinaus und überlege. Diesen Schreibtisch habe ich seit über dreißig Jahren, er ist der älteste der drei. Er hat Schubladen, die ganz klassisch mit Büromaterial gefüllt sind.
Die oberste Schublade ist meine Lieblingsschublade. Sie ist flach und hat folgenden, nicht arrangierten Inhalt:
Münzen von Reisen nach Italien, Holland und Frankreich
Meinen Glückskronkorken mit der Deutschlandflagge, den ich bei der WM 2014 immer in der Tasche hatte
Ein Stück Seife aus den sechziger Jahren, das meine Eltern aus Italien mitgebracht haben
Anstecknadeln von Johnny Walker, der DDR und einem Kinderbuch (dem Autor habe ich als Vorbild für das Wiesel, dem Bösewicht im Märchen, gedient)
Das Glöckchen von einem Lindt-Osterhasen
Ein Flaschenöffner
Ein Pflaster
Ikea-Bleistifte und ein Buntstift
Schlüsselanhänger aus dem Gartencenter
Die Blechkappe einer Champagnerflasche und ein Kronkorken von Schlappeseppel
Eine uralte chinesische Münze mit Loch
Ein Lederdingsbums von Gusti, bei denen ich mir im Frühling eine Umhängetasche für mein Notebook gekauft habe
Ein Vierkantschlüssel, Rundkopf-Klammern, eine Miniwäscheklammer und ein winziges Schräubchen

U.S.A.

Texas
Wüste
Vor mir
Das rostige Gerippe
Einer Startrampe
Von der
Ein Nazi
Die fette Rakete
Auf den Mond
Ejakuliert hat

Montag, 9. Oktober 2017

Die Blauen

Während SPON und andere Boulevardmedien noch über die neue Partei rechts der AfD spekulieren, die Frauke Petry gründen will, machen "Die Blauen" auf Facebook schon Werbung, dass die Führerbüste wackelt.






Le Blog en Marche


Blogstuff 165
„Ich bin dafür, das Recht des Menschen auf Stille, auf saubere Luft und reines Wasser, auf Wiesen und Wälder und auf nicht verunreinigte Lebensmittel in den Verfassungen der Staaten zu verankern.“ (Yehudi Menuhim)
Heute würde Luke Skywalker sein Laserschwert kostenlos an der Tankstelle aufladen. (btw: Warum heißt es eigentlich „Krieg der Sterne“? Die Sterne führen doch gar keinen Krieg)
SO SIEHT ES AUS, wenn Andy Bonetti seine Majuskeln spielen lässt.
Sie fürchten Nazi-Befall in Ihrem Haus? Dagegen hilft sicherlich auch manches Präparat aus der Apotheke. Aber ich empfehle Ihnen ein altes Hausmittel: Holen Sie sich einen Türken. Niemand hält Nazis besser von Ihrer Familie fern als ein Türke. Jetzt bestellen! Versandkostenfrei!
Seit wann machen Menschen eigentlich diese unsäglichen „To-do-Listen“? War das vor oder nach der Erfindung des To-go-Kaffees? Listen machen, Punkte abhaken. Die pure Angestelltenmentalität. Ein Leben voller Pflichterfüllung.
Alles lief sahnemäßig. Die junge Studentin der Literaturwissenschaft an meiner Seite, der Chefredakteur des FAZ-Feuilletons an meiner anderen Seite – und dann ruft dieser Prolet „Eine Pizza Speciale für Andy Bonetti“ durch den Theatersaal! Ich hatte mir eine diskrete Lieferung erbeten.
Und dann gibt es noch die Leute, die sich abhetzen, um rechtzeitig zum Yoga-Kurs bei Swami Kowalski zu kommen.
Wenn ich an die netten Rehe und Gänse denke. Ich verstehe mich selbst nicht. Ich könnte sie noch nicht einmal treten, geschweige denn töten. Aber ich esse sie. Bisher hat mir das noch niemand erklären können. Ist es eine Art von Schizophrenie? Wie kriegen wir das hin? Wir streicheln die Kälber, aus denen Wiener Schnitzel gemacht werden. Ist eine Gehirnhälfte für die Tierliebe zuständig und eine für die Ernährung? Eine Gehirnhälfte für die Empathie und eine für die Versorgung? Ich habe schon mit vielen Menschen über diese merkwürdige Anomalie in der menschlichen Vernunft gesprochen, aber nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten.
Wieso heißt es im Fußball „in Führung gehen“ und in „Rückstand liegen“? Man ist entweder aktiv, wenn es gut „läuft“, oder passiv.
Input. Putin. Gibt es da einen Zusammenhang?
Im Sommer 1976 wurde ich am Blinddarm operiert. An meinem ersten Schultag nach dem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt wurde ich von der Lehrerin nach vorne gerufen und durfte der ganzen Klasse meine ultracoole Narbe zeigen. Macht man das heute auch noch?
Warum werden die Beamten, die als Wirtschaftsprofessoren an den Hochschulen beschäftigt sind, in Sachen Wirtschaft überhaupt ernst genommen? Sie haben doch von der Praxis der Ökonomie überhaupt keine Ahnung. Wenn ich einen Fachkommentar zur Fußballbundesliga hören will, frage ich ja auch keinen Professor der Sportwissenschaft.
Im Regionalexpress nach Mainz sitzt ein stark geschminktes Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Ständig fährt sie sich durch die Haare und wirft ihre blonde Mähne nach links und rechts. Sie ist offenbar ganz damit beschäftigt, schön zu sein.
Es gibt jetzt einen Mindestlohn, aber immer noch kein Mindesthonorar. Ich würde gerne 8,84 € pro Pointe bekommen. Im Augenblick ist das unfair gehandelter Humor.
Schlagzeile von morgen: „Aufstand der Ausgefragten: Allensbach-Institut brennt.“
Laut Google gibt es gar keine Algenrhythmen. Aber die Polizei benutzt diese Dinger, um mich abzuhören, abzusehen und vielleicht sogar eines Tages, um mich abzutasten. Dann haben sich die Behörden allerdings eine ungesättigte Fettsäule angelacht, die 5 x am Tag Schokolade braucht!
Wissen Sie, wann mir klar wurde, dass ich als Schriftsteller den Durchbruch geschafft hatte? Als ich mit meinem Einkaufswagen an einer Supermarktkasse ankam und alle Kunden spontan applaudierten. Dann hat mir die Kassiererin ein riesiges Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt und eine Palette Überraschungseier in den Wagen gelegt. Auf dem Weg zum Parkplatz schwebten Luftballons von der Decke.
Die Türkei hat die WM-Qualifikation nicht geschafft. Total desaster! Wir sind mit unseren Gedanken und Gebeten bei den türkischen Fans und ihren Familien.
Hätten Sie’s gewusst? Die Formulierung „Sie Topflappen“ gilt nicht als Beleidigung, „Sie Waschlappen“ aber schon.
Atlanta Rhythm Section – Spooky. https://www.youtube.com/watch?v=cMAo0m4E4Lc&feature=youtu.be


Sonntag, 8. Oktober 2017

Schubladen II – Jetzt mit noch mehr Inhalt

Bericht aus dem Kriegsgebiet

„Ich werde den geistig umnachteten senilen Amerikaner endgültig mit Feuer bändigen.“ (Kim Kong, Mordkorea)
Ich bin jetzt vierzig Tage hier. Ursprünglich bin ich mit einigen Freunden zu einem Kurzurlaub in dieses Land gekommen. Dann begannen die Kämpfe und wir wurden in diesem Gebiet eingeschlossen. Es umfasst im Wesentlichen das Bahnhofsgelände und einige angrenzende Straßen. Seit dem Beginn der Kämpfe verlässt kein Zug mehr diesen Bahnhof, wir kommen hier nicht raus. Ich selbst habe an den Kämpfen nicht teilgenommen, ich habe auch keine Waffe. Die meisten hier warten einfach, dass es aufhört. In den letzten Wochen sind aber auch Leute in dieses Gebiet gekommen, die kämpfen wollen, die nur zum Kämpfen angereist sind. Anfangs hätte eine der Kriegsparteien das Gebiet sicher problemlos einnehmen können. Ich weiß nicht, warum das nicht passiert ist. Wir saßen einfach hier fest, Leute aus vielen verschiedenen Ländern. Es passierte nicht viel. In den ersten Tagen konnte ich noch nach Hause telefonieren, jetzt ist mein Akku leer. Strom gibt es hier keinen. Mein Handy habe ich verkauft. Der Schwarzmarkt ist an den Gleisen des Güterbahnhofs, ganz am Rand dieses Gebiets, da wo die Zone beginnt, die niemand betreten möchte, denn dort wird gelegentlich geschossen. Anfangs haben wir von den Lebensmitteln gelebt, die es auf dem Bahnhofsgelände gab, in Geschäften und Güterzügen. Jetzt kaufe ich sie auf dem Schwarzmarkt. Ein Schokoriegel kostet einen Euro, ein Päckchen Taschentücher auch. Man benutzt Taschentücher als Toilettenpapier, die Toiletten sind allerdings in einem erbärmlichen Zustand, viele benutzen die Gebüsche. Sie können alles kaufen, wenn sie Geld haben. Der Wein ist aber erbärmlich. Rosinen sind sehr günstig, die können sie hier massenhaft kaufen, keine Ahnung, warum das so ist. Gestern habe ich eine junge Frau gesprochen, die sich sogar einen Passierschein gekauft hat. Sie ist auf eine Party gegangen und kam trotzdem zurück, weil ihr Freund hier ist. Ich habe keine Ahnung, wann wir hier rauskommen. Es gibt natürlich viele Gerüchte. Angeblich verhandeln die Regierungen vieler Staaten, deren Bürger hier festsitzen, mit den Kriegsparteien. Es soll Demonstrationen für unsere Freilassung geben. Es ist von Lösegeldzahlungen die Rede, vielleicht darf auch das Rote Kreuz kommen. Aber es sind eigentlich hauptsächlich jüngere Menschen hier, wir haben keine Probleme mit Krankheiten und Verletzten. Es wird zwar gelegentlich geschossen, aber ich habe noch keinen Toten gesehen, niemand mit Schussverletzungen. Ich frage mich, wie die jungen Männer mit den Waffen überhaupt in unser Gebiet gekommen sind. Vielleicht haben sie auch Passierscheine gekauft, hier wird ja mit allem gehandelt. Solange man Geld hat, kann man leben. Ich möchte natürlich so schnell wie möglich hier raus, man kann in diesem Kriegsgebiet nichts tun, außer rumsitzen und warten. Ich will gar nicht wissen, wie es wird, wenn ich kein Geld mehr habe.
Prince – Bob George. https://www.youtube.com/watch?v=RTt4h8HVhx4

Samstag, 7. Oktober 2017

Danke für das Scheißwetter, Petrus!

"Unsere ganze Bewaffnung ist eine Schönwetterbewaffung (...). Am 10. Mai war der erste schöne Tag und am 10. Mai habe ich sofort angegriffen." (Adolf Hitler zum Frankreichfeldzug 1940)
https://www.youtube.com/watch?v=XNRTWLXdX3o
P.S.: Was mir am heutigen Tage fehlt: "Darin liegt der humanistische Sinn des Soldatseins im Sozialismus".
https://www.youtube.com/watch?v=RPN8uv7w9j8
Stattdessen gab es diese Woche bei uns in Mainz diese doofe Einheitsfeier. Früher war mehr Lametta.

Häuptling Seehofer

Im Film "Dead Man" von Jim Jarmusch gibt es einen hünenhaften Indianer, dem seine Stammesgenossen den Namen He-who-talks-loud-and-says-nothing gegeben haben. Irgendwie erinnert er mich an den Löwen, der in München brüllt, von dem man aber in Berlin nur ein leises Miau hört.
https://www.youtube.com/watch?v=plZtlAMgRSA
Aus dem Zehn-Punkte-Plan der CSU:
"Grenzenlose Freiheit macht Angst."
"Konservativ ist wieder sexy."
Außerdem will man sich jetzt ganz doll um die "kleinen Leute" kümmern. Ein schönes Bild der Konservativen: die Armen sind klein, die Reichen sind groß. Passt schon.

Schubladen - Muschelschalen der Belanglosigkeit





Rot

„Obwohl Boulatruelle ein Trinker war, hatte er ein helles und scharfes Gedächtnis, das ja für einen Mann, der den Kampf mit der öffentlichen Ordnung aufnimmt, eine unentbehrliche Waffe ist.“ (Victor Hugo: Die Elenden)
Rot ist die Fahne der Revolutionäre, die auf den Barrikaden im Paris der 1830er Jahre kämpfen. Rührend der Tod des kleinen Gavroche. Victor Hugos Roman kann ich, auch wenn das Ende so pathetisch und viel zu schön ist, nur jedem ans Herz legen.
Im Kalten Krieg gab es mal den Witz: Die Sowjets fliegen zum Mond und malen ihn rot an. Die Amis fliegen hinterher und schreiben mit weißer Farbe „Coca-Cola“ drauf.
Leider ist es so gekommen. Was ist heutzutage rot? Amerikanische Limonade, eine deutsche Unternehmerpartei mit zwanzig Prozent, McDonald’s und Marlboro.
Ein Elend. Was habe ich in letzter Zeit noch gelesen und kann es, neben Hugo, empfehlen?
Tama Janowitz: Slaves of New York.
Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story.
James Purdy: Die Preisgabe.
Die Kurzgeschichten von Raymond Carver.
Gerade lese ich Viktor Pelewin: Generation P.
In der Herbstpipeline: Hanns-Josef Ortheils „Die Erfindung des Lebens.“
Quelle: Bonetti Images.

Liebes kleines a

„Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker.“ (Philip Roth: Jedermann)
Jetzt bist Du also auch fünfzig Jahre alt geworden. Dein langes blondes Haar ist an den Schläfen grau geworden und Du betrachtest jeden Morgen verwundert Deinen Ehemann, der vor dem Bett seine Morgengymnastik macht, weil die Altersgebrechen ihre ersten Schatten auf ihn werfen.
Du hast in deinem Kreuzberger Kiez einen ganzen Biergarten angemietet und es wird sicher bis tief in die Nacht hoch hergehen. Ich erinnere mich an andere Feste mit Dir. Deine Hochzeit zum Beispiel, als Du ganz souverän eine halbe Stunde zu spät mit Deiner klapprigen Ente an der Kirche in Petzow vorgefahren bist.
Ich schaue noch ein wenig weiter zurück und denke an unsere Schulzeit, als wir mit meinem Alfa Romeo durch die rheinhessische Nacht gefahren sind und Musik gehört haben. Als wir Partys gefeiert haben oder mit Freunden nach Prag gefahren sind, bevor sich der eiserne Vorhang hob und der Kafka-Themenpark hip wurde.
Als Studenten haben wir in Kreuzberg nächtelang diskutiert und haben in obskuren Kneipen den Sonnenaufgang erlebt. Wir konnten nicht genug von Theater, Kino und Ausstellungen bekommen. Berlin hat uns unaufhörlich den Stoff für neue Gespräche geliefert. Die große Stadt hat uns beide bis zum heutigen Tage nicht mehr losgelassen.
Jetzt hat der Herbst angefangen. Wir sind nicht mehr jung, obwohl wir es gar nicht fassen können. Fünfzig. Aber es ist nicht zu leugnen. Zum Glück dürfen wir nicht klagen. Es geht uns gut, es ist uns immer gut gegangen (über Details gehen wir in gewohnter Großzügigkeit hinweg) und mit ein wenig Glück wird es uns noch eine ganze Weile gut gehen.
Unser Leben, das wir in diesen Tagen führen, könnte nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite der Schriftsteller, der weder Beruf noch Familie hat, weder Termine noch Verpflichtungen. Dessen Wecker nicht klingelt, der niemanden zur Schule bringen muss, der nicht ins Büro oder auf Dienstreise muss. Der morgens einfach aufwacht, wann immer es ihm beliebt, und danach macht, wonach ihm gerade ist. Ich lebe wie ein Dieb und fühle mich wie ein Baron.
Auf der anderen Seite die Kulturredakteurin mit vier Kindern, Haus und Garten, Hund – Katze – Mann. Die nebenbei noch Klavier, Cello und Tennis spielt. Die auf Konzerte und in Museen geht, die lange Dienstreisen unternimmt. Die selbst in den zehn Minuten zwischen Zähneputzen und der Abreise ins Schlummerland noch ein paar Seiten in einem aktuellen Roman liest, um auf dem Laufenden zu bleiben. Deren Handy hundertmal am Tag klingelt und die mit tausend Terminen jonglieren muss.
Ständig will jemand etwas von Dir und Du gibst es ihnen. Als wärst Du ein Uhrwerk, das niemals stillstehen darf. Du schaffst das alles mit verblüffender Leichtigkeit und Eleganz. Nie merkt man Dir die Anstrengung an, die dieses Leben kosten muss. Respekt! Ich würde das nicht schaffen.
Ich wünsche Dir das Allerbeste und davon sehr viel. Möge Dein Glas nie leer sein,
Dein E
Dr.Feelgood - She Does It Right. https://www.youtube.com/watch?v=iHm7uIC84YM

Freitag, 6. Oktober 2017

Strafanzeige

„I’m sentimental, if you know, what I mean;
I love the country but I can’t stand the scene,
And I’m neither left or right.
I’m just staying home tonight,
Getting lost in that hopeless little screen.”
(Leonard Cohen)
Hiermit erstatte ich Strafanzeige gegen Bacardi.
Seit vierzig Jahren suggeriert mir diese Firma im Kino und im Fernsehen, dass ich mit dem Konsum hochprozentiger Alkoholika den Kontakt zu schönen Frauen herstellen kann, dass mir ferner der Kauf teurer Sportwagen und ein sorgloses Leben am Strand ermöglicht wird.
Ich bin jetzt 51. Ich trinke das Zeug jeden verdammten Tag, den Gott werden lässt, und bin diesem Ziel nicht einen Schritt näher gekommen.
In den USA würde ich eine Entschädigung von 5,4 Millionen Dollar bekommen. Grob geschätzt.

Das alte Haus

„Auch fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen, ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.“ (Franz Kafka: Elf Söhne)
„Kommen Sie herein“, sagte der junge Mann. „Haben Sie es gleich gefunden?“
„Ja, danke“, antwortete ich, während ich die ausgetretenen, steinernen Stufen hinaufstieg. „Aber ohne ihre Beschreibung wäre es schwer geworden. Die Dorfstraße ist ziemlich lang und die Häuser haben keine Nummern.“
„Nur an den Briefkästen. Hier kennt der Briefträger noch alle Familien.“
Wir schüttelten uns die Hände und gingen durch den Flur ins Wohnzimmer.
„Die Möbel lassen wir entsorgen. Das dürfte kein Problem sein“, sagte er und deutete auf eine riesige Schrankwand aus dunklem Holz. Die Polstermöbel waren zerschlissen und verblasst.
„Gleich hier ist die Küche.“
Ich folgte ihm in einen schmalen Raum mit einer alten Edelstahlspüle, einem Kühlschrank und einem Schrank, dessen Türen Glaseinsätze hatten, in denen Ansichtskarten steckten. Hellblauer Himmel, dunkelblaues Meer, Hotels, Strände. Sie sahen alle gleich aus.
„Meine Großmutter hat bis vor kurzem noch hier gelebt. Mein Großvater ist schon vor über zehn Jahren gestorben.“
„Was war er von Beruf?“ fragte ich.
„Er war Schreinermeister“, antwortete der junge Mann, als wir die Treppe hinabstiegen.
Wir standen in einer Werkstatt. Überall dicke, schwere Werkbänke. Werkzeuge hingen an den Wänden. Holzreste und Bauteile stapelten sich in den Ecken. Durch das Fenster konnte man auf den Garten sehen. Auf der anderen Seite des großen Raums waren zwei hölzerne Flügeltüren, die auf die Straße führten.
„Hier könnten sie sich einen Hobbyraum einrichten oder ihren Wagen parken. Platz genug haben sie jedenfalls.“ Er lächelte mich erwartungsvoll an.
„Kann ich die Heizanlage sehen?“
„Natürlich, kommen Sie!“ Wir stiegen in einen muffigen, dunklen Keller herab, dessen Wände aus unverputzten Backsteinen bestanden. Er drehte an einem schwarzen Bakelitschalter und eine nackte Glühbirne warf ein trübes Licht auf einen alten Kessel.
„Ist nicht mehr die Neueste“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
„Sie wollen fünfzigtausend für das Haus?“ fragte ich.
„Ja, aber der Preis ist verhandelbar.“
Natürlich ist er das. Ich würde es auch für dreißigtausend bekommen. Aber ich wollte es eigentlich gar nicht. Ich mochte einfach alte Häuser und ihre Geschichten, also trieb ich mich häufig bei Hausbesichtigungen im Hunsrück und in der Eifel herum.
Wir waren beide froh, als wir im Garten standen und frische Luft atmen konnten. Die Beete waren gepflegt. Kohlköpfe wuchsen in Reih und Glied, Bohnenstangen bildeten in einer Ecke des Grundstücks ein Spalier. Links und rechts sah man die hellbraunen Ruckwände der Nachbarhäuser, aber geradeaus blickte man über den Gartenzaun auf eine Wiese, auf der Apfelbäume standen.
Wir standen in der Sonne und plauderten, bis ich mich von dem jungen Mann verabschiedete und wieder nach Hause fuhr.
Ich werde dieses Haus nicht kaufen. Vermutlich wird es niemand kaufen. Wer will schon in so einem alten Haus wohnen? In diesem alten Dorf, in dem es weder einen Bäcker noch eine Kneipe gibt? Es stirbt langsam und lautlos, so wie uralte Bäume sterben. Sie haben viele Jahrhunderte gelebt und selbst ihr Tod dauert noch Jahrzehnte. So viel Vergangenheit und so wenig Zukunft.
Welcome Back Kotter - Theme Song. https://www.youtube.com/watch?v=xZzEzDkeHzI

Edward Hopper: Sunday 1926. Das Gemälde habe ich neulich im Museum Barberini in Potsdam gesehen. Ein Großmeister der Melancholie.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Literaturskandal

Zum wiederholten Mal ist Andy Bonetti der Literaturnobelpreis verweigert worden.

Hier sehen Sie den Gewinner Takeshi Sayonara, der seinen Sieg mit einer obszönen Geste über seine Penislänge feiert.

Andy Bonetti - das verkannte Genie. Ist er das Opfer einer Intrige?

Bruchstücke meiner Hirntätigkeit


Blogstuff 164
„Da die Hurrapatrioten viel mehr Lärm schlagen als die Friedfertigen und Gemäßigten, hält man sie für weit zahlreicher und mächtiger, als sie tatsächlich sind, und sucht sie zu beschwichtigen.“ (John Kenneth Galbraith)
Ich verfasse meine Texte auf einer Tastatur von Manufactum, die von einhundertjährigen Indios aus dem Holz von zweihundertjährigen Mooreichen geschnitzt wurde. Beim Schreiben trage ich einen Country-Blazer von Harris Tweed. Zur Inspiration benetze ich meinen Gaumen mit einem Moet & Chandon Brut Impérial. Mit derlei dezenten Verbraucherinformationen verdiene ich als Blogger mein Geld, ohne dass es groß auffallen würde.
Hanns Johst gehörte zu den „Gottbegnadeten“, die 1944 von den Nazis zu einer Art schützenswertem Reichskulturerbe erklärt wurden und als „überragendes nationales Kapital“ von allen Verpflichtungen befreit waren. Er war einer der sechs wichtigsten Schriftsteller und hatte das Hitler gewidmete Erfolgsstück „Schlageter“ bereits vor dessen Machtergreifung geschrieben (Uraufführung: 20. April 1933), dessen berühmtes Zitat „Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning“ (1. Akt, 1. Szene) bis heute bekannt ist. Von 1935 bis 1945 war er Präsident der Reichsschrifttumskammer. Nach dem Krieg schrieb er unter Pseudonym für die Edeka-Kundenzeitschrift „Die kluge Hausfrau“, 1978 starb er als unbescholtener Bürger der Bundesrepublik in einem oberbayrischen Altersheim.
Früher war nicht alles besser, eine Sache aber schon: in Rheinland-Pfalz gab es Sportveranstaltungen der Spitzenklasse. Der FCK wurde in den neunziger Jahren zweimal deutscher Meister und spielte in der Champions League. Auf dem Nürburgring gab es Formel 1-Rennen. Hier hat Niki Lauda sein rechtes Ohr verloren! Genau hier! Und heute? Keine Rennen mehr und der FCK ist Tabellenletzter der zweiten Liga. Wir sind der neue Osten – und die Drecksmedien schweigen es tot.
Hätten Sie’s gewusst? 1899 kaufte das Deutsche Reich Spanien ein paar Südseeinseln (Karolinen, nördliche Marianen, Palau) für 16,6 Millionen Mark ab. Damals verdiente ein Hafenarbeiter in Hamburg noch 61 Mark im Monat. Ein Kilogramm Roggenbrot kostete 23 Pfennige, ein Liter Bier 24 Pfennige und das Kilo Kartoffeln zehn Pfennige. Nach der heutigen Kaufkraft entspricht dieser Preis 215 Millionen Euro (Brot) oder 332 Millionen Euro (Bier, Kartoffeln) – und man hat uns die schönen Inseln nach dem Ersten Weltkrieg einfach weggenommen!
Wir haben Big Business. Von Big Labour ist nichts zu sehen.
Hätten Sie’s gewusst? Im archaischen Griechenland gab es nach dem Begräbnis eines Adligen in dessen Haus sogenannte „Leichenspiele“, sportliche oder musische Wettkämpfe der Gäste zu Ehren des Toten.
Jede faschistische Bewegung – und sei sie auch noch so klein – erhebt den Anspruch, die wahren Interessen des Volks zu vertreten, und leitet aus diesem Repräsentationsanspruch einen Gestaltungsanspruch ab, der jedoch niemals vom ganzen Volk legitimiert worden ist, sondern allenfalls von Mehrheiten, wie sie jede Demokratie aus dem parlamentarischen Alltag kennt.
Das letzte Konzentrationslager in Europa wurde erst 1962 geschlossen – im Spanien der Franco Diktatur (Quelle: Carme Molinero, Margarida Sala, Jaume Sobrequés (Hrsg.): Una inmensa prisión. Los campos de concentración y las prisiones durante la guerra civil y el franquismo. Crítica, Barcelona 2003). Erst 1975 endete die letzte faschistische Diktatur in Europa.
Das selbstfahrende Auto wird ein ungeheurer Fortschritt für Behinderte sein, denn selbst Blinde werden ohne fremde Hilfe fahren können. Aber für die Fahrschulen wird es eine Katastrophe sein, weil niemand mehr einen Führerschein braucht.
Sehr lustig war der Bericht über den ersten Verkehrsunfall eines selbstfahrenden Wagens (in der lateinischen Übersetzung: Automobil) – am selben Tag gab es weltweit tausende Unfälle mit Fahrzeugen, die von Menschen gesteuert wurden.
Manche glauben, sie sitzen auf einem Thron, aber sie sitzen nur auf ihrem Hintern.
Das Wetter war irgendwo zwischen Autowaschanlage und Weltuntergang.
Immer dieses materialistische Lamento von der Altersarmut. Wir werden später immer noch unsere Würde, unsere Erfahrung und unsere innere Schönheit besitzen.
Auf Wunsch der 4x100m-Staffel des Seniorenzentrums Unkenpfuhl spielen wir:
The Beach Boys - California Girls. https://www.youtube.com/watch?v=KcrbDYe4qL4

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Frauenherbst

„Das Leben ist eine Komödie für den Reichen, ein Spiel für den Narren, ein Traum für den Weisen, ein Trauerspiel für den Armen.“ (Scholem Alejchem)
Ich möchte heute von zwei Frauen berichten, die im nächsten Jahr vierzig Jahre alt werden. Ich kenne sie persönlich und ich weiß schon bei diesen ersten Sätzen, dass ich ihren Zorn erwecken werde. Möglicherweise auch den Zorn anderer Frauen und das Desinteresse meiner männlichen Leserschaft. Ich werde sie so zeichnen, dass sie nur sich selbst erkennen, aber nicht von anderen erkannt werden. Genug.
Beide Frauen sind schön und klug. Das verbindet sie. Gleichzeitig könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Die eine ist ruhig, um nicht zu sagen: brav und aus gutem Hause. Hellblondes Haar und blaue Augen. Ihr Herbstanfang ist sanft und still. Die andere ist wild und voller Energie. Schwarze Haare, schwarze Augen, ein Piratenlachen. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie. Im Gegensatz zur anderen Frau spürt sie, dass nun die ersten Tage im Herbst ihres Lebens anbrechen. Sie wehrt sich, sie kämpft.
Nadine kommt nach Hause. Sie hat pünktlich Feierabend gemacht und ist mit der Straßenbahn in ihren Vorort gefahren, wo sie eine hübsche kleine Mietwohnung in einem gepflegten Mehrfamilienhaus bewohnt. An der Tür empfängt sie ungeduldig ihr Hund. Er ist aus dem Tierheim, sehr lebhaft, fast ein bisschen frech, aber sie freut sich jeden Abend auf diesen Empfang. Sie ist seit einigen Jahren Single. Hochzeit, Familie? Davon hat sie mit fünfzehn oder zwanzig geträumt, aber sie hat die Hoffnung aufgegeben. Sie ist das einzige Kind eines Rechtsanwalts und einer Studienrätin, die immer noch nicht begreifen können, warum sie nie ein Enkelkind auf dem Schoß haben werden.
Nadine war immer ein aufgewecktes Kind gewesen. Keine Probleme in der Schule, keine Drogen, keine Eskapaden. Das Studium hatte sie mit Bravour bewältigt, ihre Eltern hatten ihr sogar ein Jahr an einer amerikanischen Universität finanziert. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über einen deutschen Dichter aus dem 18. Jahrhundert. Bis Anfang dreißig hatte sie eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni, dann hangelte sie sich ein paar Jahre mit Hospitanzen (von lateinisch hospitari: ‚zu Gast sein') und Praktika durch Verlage, Redaktionen und Kulturprojekte. Oft waren es mehrere Jobs gleichzeitig. Jetzt hat sie ihre erste Festanstellung als Pressesprecherin einer Berufsgenossenschaft. Sie verfasst zwei Pressemitteilungen im Monat über Gesellenprüfungen im Handwerk oder eine Fachmesse, zu denen es nie Rückfragen von der Presse gibt. Das war’s. Mehr wird es vermutlich auch nicht mehr werden.
Sie hat die unbequemen hochhackigen Schuhe ausgezogen und das Businesskostüm über einen Bügel gehängt. Sie setzt sich auf das schneeweiße Ledersofa, das sie als Geburtstagsgeschenk von ihren Eltern bekommen hat. Ihr Hund kuschelt sich an sie, während sie die drei Anfragen auf Tinder liest, die sie nicht beantworten wird. Dann geht sie in die Küche und isst ein Brot mit veganem Aufstrich und eine Nektarine. Im Winter möchte sie mit einer Studienfreundin, die ebenfalls Single ist, eine Woche zum Skilaufen nach Österreich fahren. Sie ist zufrieden und würde man sie fragen, ob sie glücklich ist, würde sie ohne zu zögern mit Ja antworten.
Laura war ein Jahr arbeitslos. Jetzt hat sie einen Zeitvertrag in einer Redaktion in Aussicht. Sie wird umziehen müssen, aber es wäre nicht ihr erster Umzug. Sie hat eine kleine und äußerst günstige Wohnung in einer Mietskaserne in Bahnhofsnähe. Ihren letzten Freund hat sie schon im vergangenen Jahr aus der Wohnung geschmissen. Sie ist nach ihrem Realschulabschluss aufs Gymnasium gewechselt und hat 18 Semester Sozialwissenschaften studiert. Sie hat als Kellnerin und als Call-Center-Agent gearbeitet, Artikel für ein lokales Szene-Magazin und Texte für ihr Blog geschrieben. Die Frage nach einer eigenen Familie hat sie dem Schicksal überlassen. Karma nennt sie das. Sie geht einmal in der Woche zum Yoga.
In diesem Jahr der Arbeitslosigkeit hat sie vieles ausprobiert. Sie hat sich ein Longboard gekauft und ein vierzehnjähriger Junge aus der Nachbarschaft hat ihr auf dem Parkplatz des nahen Supermarkts gezeigt, wie man es fährt bzw. „skatet“. Sie hat sich eine Nähmaschine gekauft und einen Kursus bei „Moni’s Nähtreff“ belegt. Sie hat an der Volkshochschule zwei Kurse belegt: Spanisch und Roman-Schreiben. Sie träumt von einer Reise nach Buenos Aires und hat keinen Roman geschrieben. Sie hat in Portugal einen Surfkurs gemacht und war kurzzeitig einem von Tschibo ausgelösten Deko- und Schmuck-Bastelwahn verfallen.
Sie hat in einem Buch gelesen, dass man sich von überflüssigen Dingen trennen sollte. Also hat sie jeden Gegenstand in ihrem Haushalt in die Hand genommen und sich laut gefragt „Macht mich das glücklich?“ Danach war ihre Wohnung relativ leer und sie hat begonnen, Sperrmüll mit nach Hause zu bringen, denn die Leute werfen schließlich viel zu viel weg, ihrer Meinung nach. Auf Fragen zu ihrem Leben reagiert sie gereizt oder sie wechselt das Thema.
So kommt der Herbst. Ganz unaufdringlich und unbemerkt. Ohne Spektakel, ohne Skandal, ohne Schlagzeilen. Die Tage gehen dahin, die Blätter verfärben sich. Und eines Tages ist es vorbei. Ebenso wie diese kurze Beschreibung endet, zu der ich mir kein abschließendes Urteil erlauben möchte.
John Coltrane – Equinox. https://www.youtube.com/watch?v=5m2HN2y0yV8

Dienstag, 3. Oktober 2017

Verdammter alter Mann

„Ich frage dich zum letzten Mal: Wo ist unser Geld?“
Ich hatte es aufgegeben, ihn anzuschauen. Ich war müde und selbst die Schmerzen waren mir inzwischen egal.
„Ich bin nicht Ralf Hönisch. Ich weiß nicht, was Sie wollen.“
„Das weißt du ganz genau. Du schuldest uns 50.000 Euro für die letzte Lieferung. Crystal Meth. Schon vergessen?“
Ich war auf einem Stuhl gefesselt und saß mitten in einer Lagerhalle. Ich war so ein Idiot. So sah doch niemals eine Lottoannahmestelle aus.
„Ich heiße Timo Hurrwitz“, antwortete ich mechanisch. „Herr Hönisch hat mich zu Ihnen geschickt.“
Der Mann lachte und schlug mir wieder ins Gesicht. „Du hast mir deine Krankenkassenkarte unter die Nase gehalten und behauptet, du wärst Hönisch. Was soll das?“
„Das habe ich Ihnen doch schon einmal erklärt. Ich arbeite in einem Kiosk. Ich kenne den alten Hönisch schon viele Jahre. Er hat mich gebeten, hier einen Lotteriegewinn abzuholen, weil er selbst Angst hat, ans andere Ende der Stadt zu fahren. Dann hat er mir den Lottoschein und als Beweis seiner Identität seine Krankenkassenkarte mitgegeben.“
Er schlug wieder zu. „Sieht das hier aus wie eine Lottoannahmestelle? Du spazierst hier einfach rein und willst Geld von mir? Du schuldest mir Geld. Hönisch hat das Meth immer von einem Kurier abholen lassen.“
„Ich weiß, das haben Sie mir schon erzählt.“
Diesmal war es ein Schlag in die Magengrube. „Langweile ich dich etwa? Ich will mein Geld. Oder du bringst mich zu Hönisch.“
Ich wusste nicht, wo der alte Mann wohnte. Verdammt! Alles für zehn Prozent von seinem angeblichen Gewinn von 900 Euro.
The Age Of Love (Jam & Spoon mix). https://www.youtube.com/watch?v=MT9pH9C7Oew

Das rote Sofa riecht nach Hund

„Auf dem Katzenfutter – ein fest geronnener Sumpf, den selbst die Katze zu berühren sich weigerte – weideten die Schaben furchtlos wie eine Herde Ziegen.“ (Tama Janowitz: Slaves of New York)
Es wird nicht ihr Leben verändern. Aber es ist ein kleiner Lichtblick in der bemitleidenswerten Trostlosigkeit ihres Daseins. Also fährt die Familie – es sind Herbstferien und Vati hat einen Brückentag – ins Möbelhaus, um sich nach einem neuen Sofa umzuschauen. Das alte Sofa ist fleckig, längst aus der Mode und riecht nach Hund.
Der Kauf wird Andrea, die Mutter und Ehefrau, nicht ändern. Sie bleibt dick, hässlich und vulgär. Vater Martin, ein glatzköpfiger Ex-Alkoholiker, wird nie im Leben befördert und bekommt auch keine Gehaltserhöhung. Die Kinder bleiben doof und haben keine Zukunft in der digitalen Weltgesellschaft. Aber immerhin können sie bald auf einem neuen Sofa herumspringen. Ratenzahlung und null Prozent Zinsen machen das winzige Bröckchen Konsumglück perfekt.
Vielleicht gewinnt die SPD die Niedersachsenwahl. Bei der Bundestagswahl waren es zwar nur 27 Prozent, aber in der letzten Umfrage 34. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU, die bei 35 Prozent steht. Dann hätte man das Wahljahr nur 1:4 verloren und nicht 0:5. Ein Hoffnungsschimmer. Wird man stärkste Fraktion, könnte man eine GroKo ansteuern und den Ministerpräsidenten stellen. Die Hoffnung ist natürlich nicht groß, aber sie hält die Partei bis Ende nächster Woche noch am Leben.
Johnny and the Hurricanes – Red River Rock. https://www.youtube.com/watch?v=76OSOg5E_HE

Montag, 2. Oktober 2017

Las Vegas

Der Typ, der in Las Vegas 58 Leute umgelegt hat, war kein Terrorist.
Da haben wir ja nochmal Glück gehabt.
P.S.: Der IS behauptet, der Schütze gehöre zu ihnen. Aber der IS behauptet auch, letzte Woche 3:0 gegen Bayern München gewonnen zu haben.

Entdecke Dein wahres Ich


Blogstuff 163
„Ein Maler, der nie an den eigenen Fähigkeiten zweifelt, wird sehr wenig erreichen. Nichts lernt der Künstler, wenn seine Urteilskraft hinter seinem Schaffen zurückbleibt. Aber wenn seine Urteilskraft seinem Schaffen überlegen ist, wird er immer besser werden, solange nicht Liebe zum Geld sein Fortschreiten beeinträchtigt oder verzögert.“ (Leonardo da Vinci)
„Der Hund wird von seiner Nase gegangen.“ – „Ich wollte geliebt werden. Ich wollte als Burger auf die Welt kommen.“ Beide Sätze habe ich geträumt. Ich sah in diesem Traum wie Matt Lucas von „Little Britain“ aus und hatte auf einer winzigen Bühne einen Auftritt als Stand-Up-Komiker. Kein Witz.
Tagträumer haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich an alles erinnern können.
Es ist die Lebenslüge dieser Republik: die Kanzlerin habe uns eingelullt, die CDU würde die Wähler demobilisieren. Wir haben uns selbst eingelullt und demobilisiert. Unsere Bequemlichkeit und der falsche Wohlstand, mit dem wir uns umgeben, sind die Ursachen für die Bewegungslosigkeit dieser Gesellschaft. Es sind nur wenige, die Interesse an der Gestaltung des gemeinsamen Lebens haben, das 1945 aus der Asche unseres Hochmuts entstanden ist. Aber für das neue iPhone steht man tagelang Schlange.
Kann sich noch jemand an den Motorroller C1 von BMW erinnern? Das Ding mit dem Dach? Es verband die Langweiligkeit und den hohen Preis eines Neuwagens mit dem mangelnden Komfort eines Motorrads. Es wurde von 2000 bis 2003 hergestellt. Nur 33.714 Exemplare konnten verkauft werden.
Hätten Sie’s gewusst? Old Shatterhand kam eigentlich als Landvermesser in den Wilden Westen.
Ein paar Halbstarke haben mich in einem Supermarkt gezwungen, an einer Kartoffel zu lecken. Ich will weg von hier.
Newton hatte seinen besten Einfall, als er unter einem Apfelbaum saß. Wann haben Sie zuletzt unter einem Baum gesessen?
Ist es Ihnen aufgefallen? Jeder in meiner Blogroll erfüllt eine Quote. Es gibt z.B. eine Frauenquote von exakt 50 Prozent. NRW, Sachsen, Baden-Württemberg, Hessen, Bayern, Berlin und Rheinland-Pfalz sind vertreten - alle Himmelsrichtungen aus meiner dörflichen Perspektive im Hunsrück. Es gibt Vollzeit- und Teilzeitangestellte, Freiberufler und Hartz IV-Empfänger. Singles, wilde Ehe, Ehe - mit und ohne Kinder. Konservative und Marxisten, sogar einen Wähler der Grünen. Zwei Personen haben einen Migrationshintergrund (1x Allgäu, 1x Istanbul)! Auf diese Weise verliert der Dichterfürst Bonetti nicht den Kontakt zur den werktätigen Massen.
Er kam so schnell und heftig wie ein Feuerlöscher.
Wenn man im Kino einen Film sieht, „geht man in einen Film“. Wann das tatsächlich möglich wäre, würde ich in einen alten Enterprise-Film gehen, um mit Kirk und Spock neue Welten zu erkunden.
Der Mann auf der Parkbank sprach leise murmelnd mit seinem Hund, der neben ihm saß. Immer wieder fiepte der Hund und fuhr dem Mann mit der Zunge übers Gesicht, als wolle er seine Worte auflecken.
Hätten Sie’s gewusst? Urinsteine kommen aus dem Urinsteinbruch.
Als Kind habe ich mal im Mainzer Bahnhof einen Mann ohne Nase gesehen. Er hatte nur zwei kleine schwarze Löcher im Gesicht, darüber ein rotes Narbengeflecht. Heutzutage gibt es sicher Nasenprothesen. Ob es viele Menschen mit Nasenprothesen gibt?
Wer interessiert sich noch für die deutsche Unterschicht? Das Heer der Kapitalfraktion zieht gen Osten, gefolgt von den Marketenderinnen der Medien und der Parteien. In China gibt es eine Mittelschicht von 300 Millionen Menschen, die sich deutsche Autos und Schweizer Schokolade leisten können. Bald sollen es 500 Millionen sein. In Indien steht gerade ein ganzes Volk auf, um endlich die oberen Reihen im Regal erreichen zu können. Die Armen in Deutschland bekommen die Joghurts und Wurstwaren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum bei den Tafeln vor die Füße gekippt und das war's. Das Proletariat verspricht kein gutes Geschäft.
Schöne alte Musik, die auch vom Bandnamen gut zu mir passt: Fat – Die LP von 1970 heißt auch einfach Fat. https://www.youtube.com/watch?v=OdtMwXgqXXc

Sonntag, 1. Oktober 2017

Kupfer ist Gold

"Mein rechter rechter Platz ist frei" - Überschrift Spiegel Online (1.10.2017)
"Mein rechter rechter Platz ist frei" - Überschrift Kiezschreiber (19.9.2017)
So schreiben die Kleinen von den Großen ab.
Alcazar - Crying At The Discoteque. https://www.youtube.com/watch?v=7CiOWcUVGJM

Das Ende

„Wattamwa? Wattamwa? Wattamwa? Oktoba hamwa.“ (völlig unbekannt)
Jetzt ist es also passiert.
Das Ende der Zivilisation.
Samstagnachmittag.
Hätte ich mir ja denken können.
Stromausfall. Nicht die Lämmer schweigen, aber der Wäschetrockner und der Geschirrspülheimer.
Vati liegt auf der Couch, liest die „Elenden“ von Victor Hugo und freut sich, dass heute nicht mehr alles so megascheiße ist wie vor zweihundert Jahren. Dann bemerkt er die Stille. Der Champagner moussiert lautlos im Glas, aber die Maschinen arbeiten nicht.
Mit einer Taschenlampe bewaffnet geht es in den Maschinenraum, der im Regelfall nur dem Dienstpersonal vorbehalten ist. Alles OK. Auch in den anderen Stockwerken, die über ein separates System verfügen, nix Ungewöhnliches.
Ist es das Ende? Ich setze mich ans Notebook, denn dieses Gerät verfügt wunderbarerweise über einen Akku. Aber leider bekomme ich auch hier keine Informationen, denn das Drecksnetz ist ebenfalls strombetrieben. Was ist passiert?
Der Wein wird warm, die Steaks tauen auf. Soll ich im offenen Kamin grillen? Ich habe exzellentes Buchenholz für einen ganzen Winter. Jahrzehnte gelagert, es wird mir eine Freude sein. Aber wird der Rauch nicht die Elenden anlocken?
Ich gehe zu meinem Winzer. Es ist Erntezeit. Die Maschinen haben stillgestanden. Das ist noch viel schlimmer. Ich treffe Tino, einen Freund aus Kindheitstagen. Sein Haus war dunkel, automatisch erzählt er vom Einbruch im vergangenen Jahr.
Bei Stromausfall gibt es auch kein Wasser mehr. Wir lachen, als wir uns vorstellen, eine Woche nur von Wein zu leben, Wein gibt es im Dorf genug. Warum nicht mit Wein die Zähne putzen? Der Winzer erzählt von einer Indienreise vor Jahrzehnten, wo man nach dem Zähneputzen mit Whisky gegurgelt hat.
Wir leben. Das ist die Hauptsache. Machen Sie sich um unser Dorf keine Sorgen. Wir leben. Scheiß doch die Wand an!
P.S.: Jetzt muss ich meinem Winzer „Blackout“ leihen. Kein Witz!
P.P.S.: Auf den Schreck trinke ich gerade einen 40 Jahre alten Tawny Port aus dem Hause Ferreira.

Welcome Back Kotter - Theme Song. https://www.youtube.com/watch?v=xZzEzDkeHzI

Wer bist du?

„Irgendwie redete ich andauernd mit mir. Was eigentlich? Da wollte ich nur noch meinen Kopf kennenlernen.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Es gibt nur drei Phänomene, aus denen sich die Welt zusammensetzt: Bewegung, bewegen und bewegt werden.
Das steht auf einem Zettel. Laura schreibt eine Menge Zettel. Jeden einzelnen dieser Zettel faltet sie zusammen und bindet ihn an einen Luftballon. Ihr Arbeitszimmer ist voller Luftballons.
Ist es wirklich so gewesen? Ein sehr poetisches Bild. „Wer bist du?“ ist ein Film, den ich neulich im Kino gesehen habe. Es geht um eine junge Amerikanerin namens Laura, die für ein Jahr zum Studium nach Berlin geht. Aber eigentlich will sie einen Roman schreiben. Irgendwann fängt sie an, die Zettel mit ihren Notizen zu sortieren. Sie diskutiert mit ihrem Freund. Wer sind wir überhaupt? Wann hat das Denken angefangen? Seit wann denken wir über uns selbst nach? Wir schauen auf uns und definieren uns. Wir verändern die Welt. Wir bewegen und wir werden bewegt.
Mitten im Film wird die Leinwand für einige Minuten dunkel. Nichts. Kein Ton. Dieser dramaturgische Effekt soll vermutlich bewirken, dass wir über uns selbst nachdenken. Das überwiegend jugendliche Publikum fängt an zu schnattern und zu plappern. Oberflächliche und dumme Bemerkungen. Wir sind, was wir uns einreden und was wir uns einreden lassen. Die kleinen Gespensterlichter der Smartphones gehen an.
Die Frau, mit der ich ins Kino gegangen bin, ist verschwunden. Ich bemerke es erst jetzt. Der Platz rechts neben mir ist leer. Ich schweige. Links neben mir tuschelt und kichert ein Pärchen. Der Film geht weiter. Laura in Berlin. In Cafés, in der U-Bahn, an der Uni. Laura am Schreibtisch.
Dann wache ich auf. Ich habe alles nur geträumt. Kein Witz. Es ist Sonntagmorgen in Berlin. Kein Luftballon zu sehen. Wer bist du?
Queen - Friends Will Be Friends. https://www.youtube.com/watch?v=0AIlz08fZos

Lovis Corinth: Prechtal.

Zitat des Monats

"Ich bin tief beeindruckt und auch im Namen Deutschlands mit tiefer Scham erfüllt."
Angela Märklin zum Einmarsch der Gaulandser in den Bundestag.
Nur Spaß. Den Spruch hat sie 2006 in Yad Vashem gebracht.
Möge auch diese Schande niemals aus unserem Gedächtnis getilgt werden.
Vera Lynn - We'll Meet Again. https://www.youtube.com/watch?v=cHcunREYzNY

Wissen und Nicht-Wissen

„Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, umso unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.“ (Isaac Newton)
In der guten alten Zeit hatten die Menschen auf alles eine einfache, wenn auch falsche Antwort: die Götter (später durch einen einzigen Chef-Gott abgelöst). René Descartes machte im 17. Jahrhundert den radikalen Zweifel zu seiner Philosophie. Ich kann mir nur selbst trauen, mich gibt es wirklich, alles andere ist ungewiss. Cogito ergo sum – das Individuum als Nullmeridian, von dem aus jeder von uns ins Unbekannte hinaus segelt. Sigmund Freud erschütterte diese Idee, indem er den Blick auf das tiefe Meer unter der Oberfläche unseres Bewusstseins richtete. Philip K. Dick setzte noch einen drauf, indem er in seinen Romanen mit der Existenz seiner Protagonisten spielte. Vielleicht sind wir in Wirklichkeit jemand ganz anderes? Das ist der intellektuelle Fortschritt der Menschheit: von der totalen Gewissheit zur totalen Ungewissheit.
Der einzige Besitz des griechischen Philosophen Diogenes war eine Schale, mit der er Wasser schöpfte. Als er sah, dass die Hunde auch ohne Schale Wasser tranken, warf er seine Schale weg. Ich habe gelernt, nicht nur Wasser und Bier, sondern auch Wein und Sekt aus der Flasche zu trinken. Wer braucht denn Gläser? So sollten wir uns von dem ganzen nutzlosen Wissen trennen, das wir in unserem Leben angehäuft haben. Die zweite Hälfte des Lebens, wenn wir vom Berg wieder hinabsteigen und das Tal schon sehen können, sollten wir dem Vergessen widmen. In der Sonne sitzen, schweigen und den Kopf leeren. Am Ende wird nicht der Zweifel eines Descartes bleiben, sondern die heitere Gelassenheit eines Epikur.
Pink Floyd – On the Turning Away. https://www.youtube.com/watch?v=ojf18wT_Xtk

Samstag, 30. September 2017

Jamaika – eine Liebeserklärung

Worauf ich mich bei den Grünen in der neuen Regierung jetzt schon freue:
Anton Hofreiter rechtfertigt den Diesel: Grobstaub ist schlimmer als Feinstaub.
Cem Özdemir erklärt uns, warum wir mehr Ausländer „abschieben müssen“ (herrlicher Begriff – wann kommt die PC-Variante? „Mobilisieren“?!).
Katrin Göring-Eckardt weiß, warum eine Frauenquote im Vorstand der Unternehmen, wo die echten Entscheidungen getroffen werden, „nicht zielführend“ ist.
Claudia Roth erläutert vor einer Afrikakarte den nächsten Auslandseinsatz der Bundeswehr.
Jürgen Trittin schwärmt von der Notwendigkeit der Braunkohle und gibt uns wertvolle Tipps für die private Altersvorsorge mit Aktien und Immobilien.
Für die Bionade-Spießer ist die Jamaika-Koalition Tod auf Verlangen. Danach ist Schluss. Und mit dem neuen Videobeweis werden wir es amtlich bestätigt bekommen, wie die grünen Minister Angela Merkel das Rektum pudern.
Abba - One Of Us. https://www.youtube.com/watch?v=IIKAe8Wi0S0

Deutscher Herbst 1977 – aus der Perspektive eines Elfjährigen

Wie weit weg man als Kind doch von politischen Ereignissen war. Ist das heute noch so? Herbst 1977. Ich bin elf Jahre alt. Der sogenannte „Deutsche Herbst“, in dem die Rote Armee Fraktion und ihre palästinensischen Verbündeten die Nachrichten bestimmten, begann am 5. September mit der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Schleyer.
Meinem Tagebuch entnehme ich, dass ich an diesem Tag verschlafen hatte und zu spät zur Schule kam. „Zum Mittagessen gab es Nudeln mit Gulasch. Dann spielte ich mit den Spielzeugautos und mit meinem Lego. Ich baute eine Rennbahn, einen Tunnel, eine Box und spielte Rennen. Von 17 Uhr bis 18 Uhr Fernsehen gesehen. Dann mit Papi ins Schwimmbad. Es war schön. Um 20:20 Uhr zu Hause. Bis um 21:30 Uhr Fernsehen gesehen und dann ins Bett.“ Nichts zu den dramatischen Ereignissen. Es ist wie bei Kafka 1914 zum Kriegsbeginn: „Nachmittag Schwimmschule.“
Der Oktober ist von anderen Ereignissen geprägt: Herbstferien bei meiner Oma in Diez und am 14. Oktober der verwegene Plan: „Auch will ich ein Buch schreiben. Über die Träume, die ich hatte.“ Tatsächlich habe ich heute noch die Aufzeichnungen von einem halben Dutzend Träumen aus diesem Jahr in handschriftlicher Form. Ein Buch wurde es zwar nicht – aber die Ambition, endlich mal ein gutes Buch zu machen, hat mich seit vierzig Jahren nicht verlassen.
Dann treten die historischen Momente am 18. Oktober doch noch in mein Leben. Morgens hatte ich mit meiner Großmutter einen Nusskuchen gebacken und ein Puzzle gemacht. Es gibt Buletten und Kartoffelbrei zum Mittagessen, zum Nachtisch Vanillepudding. Am Nachmittag gehe ich mit meiner Oma in die Stadt, abends sehen wir fern. Ganz unten auf der Seite noch der Eintrag: „P.S.: Die von Terroristen entführte Boeing 737 von deutschen Soldaten erstürmt. Geiseln frei (nur nicht H.-M. Schleyer), 3 Terroristen begangen Selbstmord. Schleyer seit 6 Wochen entführt.“
Am nächsten Tag, es gab Schnitzel mit Kartoffeln zum Mittagessen und meine Oma kaufte mir ein 500-Teile-Puzzle mit dem Motiv „Schloss Neuschwanstein“, heißt es ganz am Ende nur lapidar: „P.S.: Schleyer doch von Terroristen ermordet.“ Mehr finde ich zum Thema Politik nicht in diesem Tagebuch, das ich akribisch geführt habe und mit dem unsterblichen Fazit endet: „In diesem Jahr gab es 46 mal Spaghetti mit Fleischsoße.“ Mein Lieblingsessen. Eine schöne Kindheit.
P.S.: Ich habe gerade die „Berlinreise“ von Hanns-Josef Ortheil gelesen. 280 Seiten über eine Woche in Berlin 1964 – damals war Ortheil dreizehn Jahre alt. Und für die Veröffentlichung des Manuskripts eines Kindes wurde nur die Rechtschreibung überarbeitet. Da sieht man schon in jungen Jahren den Unterschied zwischen einem gefeierten Schriftsteller und einem späteren Blogger.

Die Morgenfröhlichkeit der Mongolen


Blogstuff 162

„Schriftsteller bauen Luftschlösser, Leser wohnen darin und Verleger ziehen die Miete ein.“ (Maxim Gorki)
1861 begann der amerikanische Bürgerkrieg. Aldi Nord hat gewonnen.
„Du mieses, kleines Pfeifton, Pfeifton einer Pfeifton! Mögest du Pfeifton Pfeifton Pfeifton.“ (aus „Ghetto Talk“, der amerikanischen Ausgabe von „Kiezschreiber“)
Das Bild vom Stammbaum, den jeder von uns hat, ist eigentlich falsch. Denn unsere Vorfahren – sofern sich nicht ständig Cousins und Cousinen geheiratet haben, was ich nicht hoffe – haben ja immer wieder Menschen mit einem anderen Stammbaum geheiratet und mit ihnen Kindern gehabt. Die Äste meines Stammbaums sind also mit den Ästen anderer Stammbäume verbunden. Genetisch betrachtet sind die Menschen ein riesiges Netzwerk und kein Wald von Stammbäumen. Wir sollten uns auf unsere Herkunft also nichts einbilden.
1978 kam in Großbritannien das erste „Retortenbaby“ auf die Welt. „Louise Brown meidet die Öffentlichkeit. Sie ‚fühle sich nicht als etwas Besonderes‘, sei ‚einfach ganz normal‘, gebe nicht gern Interviews und habe auch nichts Aufregendes zu erzählen“, heißt es bei Wikipedia. Sie ist inzwischen selbst Mutter. Der Fortschritt von gestern ist heute keine Nachricht mehr.
Die gute Nachricht: ein Glas Rotwein am Tag verringert das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Die schlechte Nachricht: ein Glas roter Traubensaft hat den gleichen Effekt.
Hätten Sie’s gewusst? Elisabeth II. ist immer noch die Königin von Kanada.
„Ich sehe Schlangen aus Eisen und Flüsse aus Stein, über die Wigwams auf Rädern rollen. Mit Donner und Getöse fährt der weiße Mann über den Himmel und alle Pfälzer werden verdammt sein, den ganzen Tag in ein Viereck aus Licht zu starren.“ (Prophezeiung von Häuptling Leichter Schatten aus Kaiserslautern, 1788)
Niemand interessiert sich für deine Sorgen, wenn du kein Star bist. Erst wenn die versammelte Weltpresse gemeinsam mit dir über einen abgebrochenen Fingernagel trauert, hast du es geschafft.
Können die Menschen in Nordkorea den Namen ihres Landes eigentlich korrekt aussprechen oder sagen sie Noldkolea?
Seit wann dürfen sich Börsenastrologen eigentlich Wirtschafts“wissenschaftler“ nennen?
Es ist die Zeit der Pilzsammler und damit auch Zeit für die berühmten Tagliatelle Bonetti. Steinpilze und Garnelen in Knoblauchöl braten und mit Bandnudeln servieren – ganz einfach.
Achtung, an alle Österreicher oder Reichsbesucher! Ab morgen, 1.10.2017, tritt das „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz“ bei unseren Nachbarn im Süden in Kraft. Nicht nur die Burka, sondern auch anderen Formen der Gesichtsbedeckung sind verboten. „Ausgenommen vom Verbot sind Verhüllungen, die im Rahmen künstlerischer, kultureller oder traditioneller Veranstaltungen oder im Rahmen der Sportausübung“, wie es bei Wikipedia heißt. Masken also nur zum Maskenball oder im Karneval, Eishockeytorhüter dürfen ihren Gesichtsschutz nur beim Sport tragen, Clowns ihre Verkleidung nur im Zirkus oder auf der Bühne, Chirurgen ihren Mundschutz nur im OP, Geishas ihren Fächer nur in japanischen Restaurants. Die Verhüllung des Gesichts mit einem Schal ist nur ausnahmsweise bei großer Kälte erlaubt. Wenn ich also in meinem Darth Vader-Outfit ein Wiener Beisl betrete, gibt es keinen spontanen Applaus mehr, sondern eine Anzeige.
P.S.: Freuen Sie sich auf ein Blogstuff Spezial im Oktober. Unter dem Titel „Der Siegeszug der Kartoffel“ werde ich ausführlich über diesen Leitstern der Nutzpflanzenwelt berichten.
Rufus Thomas - Do the funky chicken. https://www.youtube.com/watch?v=j2ArZ67Bk5g

Copyright: Frank Schönhals.

Freitag, 29. September 2017

Unter Indianern

„Woher weißt du meinen Namen?“
Ich deutete mit dem Kopf auf eine Frau mit langen schwarzen Zöpfen, die gerade zwei Teller mit Kuchen an einen der Tische des kleinen Ausflugslokals brachte.
„Das ist nicht gut“, sagte er und blickte mich scharf an.
„Warum?“ fragte ich.
„Fremde sagen meinen Namen. Das ist nicht gut. Wir sagen unseren Namen. Oder wir sagen unseren Namen nicht.“
Ich verstand kein Wort. Mein erster Tag in den Rocky Mountains.
„Wieso heißen Sie eigentlich Qualmende Socke?“
„Vor vielen Monden bin ich über die Berge gekommen. Ich habe die Berge bestiegen und schlief unter den Sternen. Als ich hier ankam, hat man mir diesen Namen gegeben.“
„Sie könnten doch einfach wieder zurückgehen.“
Er sah mich lange an und schwieg.
„Ich hätte gerne diese Schneekugel“, sagte ich schließlich und deutete auf eine kleine Glaskuppel, unter der man Berge und ein paar Wigwams sah.
Er drehte sich um, holte die Schneekugel aus dem Regal und stellte sie auf den Verkaufstresen. „Macht siebenfünfundneunzig.“
Komische Leute, diese Indianer.
Copyright: David Zinn.

Das süße Lotterleben ist vorbei, ihr Schmarotzer!

„Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.“ (Friedrich Schiller: Wallenstein)
Wir alle wissen: Nach der Wahl werden nicht nur die Wahlversprechen einkassiert, sondern es ist auch die Zeit für jene Grausamkeiten, die in vier Jahren wieder vergessen sein sollen.
Sicher ist: die Rente mit siebzig kommt. Wer noch jung ist, darf sich auf die Rente mit fünfundsiebzig freuen. Das Berufsleben als Todesmarsch, den nur wenige schaffen werden. So hat es Bismarck bei der Einführung der Rentenversicherung auch vorgesehen. 1891 wurde das Renteneintrittsalter auf siebzig Jahre festgelegt. Übrigens erreichten damals nur fünf Prozent der Bevölkerung dieses Alter.
Aber es gibt, neben den Rentnern, noch eine zweite Bevölkerungsgruppe, die nicht produktiv ist und keiner geregelten Tätigkeit nachgeht: die Arbeitslosen.
Die Agenda 2010 reicht nicht mehr, die Motivationsschraube wird endlich wieder weitergedreht. Folgende Maßnahmen gelten ab 2018: Jeder Arbeitslose hat seine Bewerbungsunterlagen mit vollem Namen und Bild ins Internet (Homepage des zuständigen Job-Centers) zu stellen, damit endlich Transparenz hergestellt wird.
Nach einem Umzug müssen sich Arbeitslose bei ihren neuen Nachbarn persönlich vorstellen und auf ihre Arbeitslosigkeit hinweisen. In den USA wird das mit ehemaligen Strafgefangenen so gemacht. Das dient dem Schutz der Bevölkerung, denn Arbeitslose sind überdurchschnittlich kriminell.
Außerdem werden ausgewählte Arbeitslose einmal pro Woche auf dem Marktplatz potentiellen Arbeitgebern präsentiert. Wer also eine Haushaltshilfe braucht, kann ihre Muskeln betasten und das Gebiss überprüfen.
Es gilt eine Arbeitspflicht. Arbeitslose werden als Erntehelfer auf dem Land oder in der städtischen Straßenreinigung eingesetzt. Neue Medikamente werden an Arbeitslosen getestet. Möglich sind auch Einsätze als Minensucher bei Auslandsmissionen der Bundeswehr.
Sanktionen: Es gibt Lebensmittelkarten statt Geld. Damit kann man nur Brot und andere Grundnahrungsmittel kaufen. Diese Maßnahme richtet sich gegen den Missbrauch der Gelder für Alkohol, Tabak, Drogen usw. Jeder weiß, dass Arbeitslose ihr Geld verschwenden.
Es geht aber bekanntlich nicht nur ums Foltern, äh: Fordern, sondern auch ums Fördern. Die Gesundheit der Arbeitslosen zum Beispiel. Strecken unter fünf Kilometer dürfen bei Strafe einer harten Sanktion nicht mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Laufen ist gesund und macht diese Menschen fit für den nächsten Job.
Für Arbeitslose gibt es außerdem spezielle Angebote im Supermarkt (MHD abgelaufen usw.), damit das Gejammer über die angebliche Armut mit Hartz IV aufhört.
P.S.: Den Vorschlag der AfD, jeder Arbeitslose solle das A-Zeichen auf der Brust tragen, halte ich für unmenschlich. Das geht zu weit!
Swing Out Sister - Breakout. https://www.youtube.com/watch?v=-P67b07z7Qw

Donnerstag, 28. September 2017

Bei den Schneckenjägern von Bornholm


Das ist ein Cord 810 Phaeton von 1936, aber darum geht es heute nicht.

Blogstuff 161
„Eine Inflation, von der niemand spricht, untergräbt unser Denken: die Informationsflut. Täglich und stündlich entwertet sie unsere geistige Währung, verstopft uns das Hirn und lenkt vom klaren Denken ab.“ (Daniel J. Boorstin 1982)
Ich werde oft gefragt, wie es mich aus der „pulsierenden Spree-Metropole“ (diverse Quellen) nach Schweppenhausen verschlagen hat. Haben Sie schon einmal vom Zeugenschutzprogramm des BKA gehört?
Bonetti Media präsentiert exklusiv zur Frankfurter Buchmesse: „538 Tage als Geisel in den Händen von sächsischen Fundamentalisten – ein Tatsachenbericht“.
‚Mein Gott‘, dachte er, als er sie nach zwanzig Jahren zum ersten Mal wiedersah. ‚Selbst ihre Nase ist fett geworden‘.
Mieten Sie Andy „Funkiest Man Alive“ Bonetti! Für nur fünfhundert Euro kommt er „zufällig“ in eine Bar oder ein Restaurant, freut sich unbändig, Sie zu sehen und begrüßt Sie als alten Freund. Es setzt sich zu Ihnen an den Tisch und erzählt Ihren Geschäftspartnern, Freunden oder Schwiegereltern, was für ein toller Typ Sie sind und welch steter Quell der Inspiration für einen Schriftsteller.
Die kommunistische Partei der USA hat 2500 Mitglieder. Zuletzt hat sie 1984 einen Präsidentschaftskandidaten aufgestellt, der 0,04 Prozent der Stimmen erhielt. 1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, erzielte die Partei ihr bestes Ergebnis: 0,2 Prozent.
Hätten Sie’s gewusst? Alle Schriftsteller rasieren sich die Handrücken, um interlektuell zu wirken.
Die Europäer haben zahllose Menschen in Amerika ermordet. Die Ureinwohner rächten sich, indem sie die Europäer mit der Tabakpflanze bekannt machten.
Die Redakteure rätseln noch: Ist es Nostalgie oder Geldgier? Aber Meister Bonetti hat über Nacht einen Kaugummiautomaten im Redaktionsbüro anbringen lassen.
„Herr Oberst, da ist ein Flieger in meiner Suppe – Humor unterm Hakenkreuz“. Jetzt bei Ihrer AfD-Geschäftsstelle.
Es ist – ohne übertreiben zu wollen – eine Theatersensation: Kobalt 17. Das neue Werk von Andy Bonetti. Das Ein-Personen-Stück kommt ohne Text aus und ist nur spärlich beleuchtet. Es spielt in einem Ashram in Hackensack, New Jersey, drei Jahre nach der Apokalypse.
Was ein einzelner Quadratmeter Berliner Natur alles zu leisten vermag, wenn er sich in einem Innenstadtbezirk um einen Baumstamm windet: Hundetoilette, Aschenbecher, Sperrmüllfriedhof und optionales Reich der Gartenguerilla.
Hätten Sie’s gewusst? 1892 erfand Erwin Malotzke den Klingelstreich.
Die Regierung plant, nach der Wahl das Flaschenpfand zu erhöhen, um die Lage der Armen in Deutschland zu verbessern.
Kuscheln mit den Großen: Am 11.11. wird Andy Bonetti bei Goldman Sachs in Frankfurt eine humoristische Lesung zur Erhöhung der Arbeitsmoral veranstalten. Dabei kommen auch Handpuppen, Bengalos und Magic Mushrooms zum Einsatz.
Ich habe jetzt den perfekten Kompromiss zwischen Süßigkeiten und Abnehmen gefunden: Ritter Sport.
Er konnte ruhig und geduldig seinen Standpunkt vertreten und war dabei auf eine Weise beharrlich, die weder aufdringlich noch aggressiv wirkte. Und so schickte man ihn aus seinem Bergdorf in die Hauptstadt, um die Interessen des Jodelverbands zu vertreten.
„Wo ein Denkmal steht, da gibt es auch Tauben“, pflegt Meister Bonetti – Weltklassepoet und Influencer der ersten Stunde - zu sagen, wenn er sich über einen Leserkommentar ärgert.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? In unseren Träumen gibt es keine Reklametafeln, keine Werbepausen oder Product Placement.
Dave Brubeck - Take Five. https://www.youtube.com/watch?v=vmDDOFXSgAs