Freitag, 23. Juni 2017

V

Auf Anraten meines Therapeuten sollte ich mich Situationen aussetzen, denen ich normalerweise aus dem Weg gehe. Außerdem sollte ich den Kontakt mit anderen Menschen suchen, da ich als alleinstehender Schriftsteller ein sehr einsames Leben führe und einer quasi autistischen Tätigkeit nachgehe. Also hatte ich mich entschlossen, ein vierwöchiges Praktikum bei Amadeus Vogelkopf zu absolvieren. Arbeit! Fremde Menschen!!
Herr Vogelkopf war ein netter älterer Herr, der seit zwanzig Jahren als Geschäftsführer und einziger Mitarbeiter von „Andy Quariat“ in der Winterfeldstraße in Berlin-Schöneberg seinen Lebensunterhalt bestritt. Ich hielt es für eine gute Idee, der Welt der Bücher weiterhin verbunden zu sein und gleichzeitig Material für meine Veröffentlichungen zu sammeln. V, wie ich ihn insgeheim liebevoll nannte, enttäuschte mich nicht. Ich kannte ihn von gelegentlichen Besuchen seines Antiquariats.
Während der langen Stunden, in denen niemand die Geschäftsräume betrat, die bis unter die Decke mit tausenden von Büchern angefüllt waren, die nach der unergründlichen Ordnung ihres Besitzers aneinandergereiht auf weiß gestrichenen Regalbrettern standen, erzählte mir V aus seinem Berufsleben. Er hatte Myriaden von Studenten überstanden, die ewig suchten und nichts kauften. Penner, die sich aufwärmten, und Rentnerinnen, die ihn aus Langeweile in ein Gespräch verwickelten, ohne dass ihn ein zweiter Kunde retten konnte. Leute, die feilschten. Leute, die ein gelesenes Buch gegen ein neues tauschen wollten. Leute, die versuchten, ihm die Konsalik-Sammlung ihrer Oma anzudrehen.
Niemand käme je auf die Idee, ein Antiquariat zu eröffnen, um reich zu werden. Eigentlich habe ich mich immer gefragt, wovon Antiquare überhaupt leben. Alles in der ersten Woche meines Praktikums hat mich in dieser Einstellung bestätigt. Diese Beschäftigung ist auf eine so unkomische Art traurig, isn’t it? Bis Martin Aufsesser das Geschäft betrat.
Es hatte geregnet und es dauerte eine ganze Weile, bis der Mann auf seine seltsam unbeholfene und umständliche Art den Regenschirm geschlossen hatte, seine Brille mit einem Tuch getrocknet und wieder aufgesetzt hatte, um an den Verkaufstresen zu treten, hinter dem V und ich die Szene beobachtet hatten.
„Guten Tag“, sagte er. „Darf ich erfahren, wer von Ihnen Herr Vogelkopf ist?“
„Das bin ich“, sagte V. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Es geht um einen Nachlass. Mein Vater ist gestorben. Professor Aufsesser. Vielleicht haben Sie den Namen schon einmal gehört?“
„Germanistik. Freie Universität. Ich habe eine Vorlesung von ihm besucht.“
Auch ich kannte Aufsesser. Er schrieb nach seiner Emeritierung vor zwanzig Jahren regelmäßig Rezensionen für den „Tagesspiegel“.
„Mein Vater hat eine umfangreiche Bibliothek hinterlassen. Meine Mutter möchte gerne in eine kleinere Wohnung in der Innenstadt ziehen, wir werden das Haus verkaufen und seine Bibliothek können wir weder bei mir noch bei meiner Mutter unterbringen.“
„Um wie viele Bücher handelt es sich denn?“
„Es dürften über sechstausend sein.“
V blickte Aufsesser ungerührt an, während ich leise durch die Zähne pfiff.
„An welche Summe hatten Sie gedacht.“
„Wir wären mit zehntausend Euro zufrieden. Gerade die Fachliteratur aus seiner Zeit als Professor ist vermutlich selbst für einen erfahrenen Antiquar wie Sie nicht zu verkaufen. Aber die Romane werden sicher ihre Leser finden.“
„Gut, Herr Aufsesser. Kann ich mir die Bücher am Samstagnachmittag nach Geschäftsschluss anschauen?“
„Sehr gerne. Ich gebe Ihnen die Adresse.“
Eine Villa in Dahlem. Ich hatte es nicht anders erwartet.
So fing es an.
Fortsetzung folgt
Sergio Mendes feat. Black Eyed Peas - Mas Que Nada. https://www.youtube.com/watch?v=Tfa6fRjPlUE

Donnerstag, 22. Juni 2017

Gespräch über Gott

„Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Atheist den Gläubigen.
„Wenn es keinen Gott gibt, warum lässt du dann die Grausamkeiten und das Elend in der Welt zu?“ fragt der Gläubige den Atheisten.
(Es sind exakt drei Buchstaben, die den Unterschied zwischen beiden Fragen ausmachen)

Medien meiden

„Die Zeit schien aufgehoben zu sein – sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging -, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. (…) Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete.“ (Erich Maria Remarque: Drei Kameraden)
In meiner Jugend war es ein Traum, als Journalist zu arbeiten. Irgendwo auf dem Balkan oder im Kongo gab es einen Putsch oder einen Krieg und der Herausgeber schrie: „Bringt mir meinen besten Mann!“ Der verwegene Held der Informationsgewinnung fuhr am nächsten Tag mit dem Orientexpress oder dem Postdampfer ins Krisengebiet. Er hatte nichts im Gepäck als seinen gesunden Menschenverstand, den Mut, jederzeit die Konkurrenz und den eigenen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, einen Tropenhelm, eine Flasche Whisky und sein Notizbuch nebst allwettertauglichem Schreibwerkzeug.
Ausgestattet mit einem Spesenkonto, das für monatelange Recherchen inklusive satter Bestechungsgelder und römischer Bacchanalien ausreichend gefüllt war, begab er sich in fremde Länder und verschaffte sich durch zahlreiche Gespräche, ausgehend vom Botschafter seines Landes über Hotelmitarbeiter, Zufallsbekanntschaften in Kneipen und Prostituierte, exklusive Informationen, die er nachts mit einer Zigarette im Mundwinkel auf seiner Reiseschreibmaschine abtippte und am nächsten Tag per Telegramm an seine Redaktion weitergab.
Die Konkurrenz von anderen Zeitungen kannte unser Journalist natürlich, denn es gab in den Krisengebieten meistens nur ein oder zwei Hotels, in denen sämtliche Vertreter der Weltpresse logierten und sich abends an der Bar gegenseitig aushorchten. Gab es tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zu vermelden, stellte man die Plünderung des Spesenkontos zurück und rannte zum Telegraphenamt, wo man den zuständigen Beamten bestach, die eigene Meldung zuerst zu senden, damit die eigene Redaktion mit der Meldung schon in der Abendzeitung glänzen konnte, während die konkurrierenden Blätter erst mit der Morgenausgabe nachziehen konnten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Edelfedern mit üppigen Spesen auf Reisen geschickt, von denen sie – oft erst nach einigen Monaten mit Kaviar, Champagner und Kokain – mit exklusiven Reportagen zurückkehrten, die sie in keiner anderen Zeitschrift lesen konnten. Das alles ist vorbei. Wie ist es heute? Heute ist der Journalismus längst vor die Hunde gegangen.
Die Nachrichtenagenturen liefern an alle Redaktionen weltweit denselben Stoff, der in allen Sendungen und Zeitungen gleich klingt. Wie berichtet eine ehemals renommierte Nachrichtensendung über ein Ereignis? Nehmen wir Kairo als Beispiel. Der Auslandskorrespondent wird in die ägyptische Hauptstadt geschickt. Sein Flugzeug landet eine dreiviertel Stunde, bevor er live in der Sendung über ein Ereignis berichten soll. Nennen wir den Moderator dieser Sendung Pattex-Claus. Der Journalist hat natürlich keine Möglichkeit, in dieser kurzen Zeit irgendwas vor Ort zu recherchieren. Also ruft er in der Redaktion an und lässt sich erzählen, was in Kairo los ist und was er sagen soll. Warum lässt man den Mann nicht gleich zu Hause und bringt den aufgesagten Text vor einer Fototapete mit den Pyramiden?
Alles hängt heute an den Augen und Ohren einer Handvoll Agenturen, die mit Informationen handeln. Die Medien selbst sind taub und blind, aber leider nicht stumm. Alle erzählen die gleichen Geschichten und versuchen nur noch, sich durch Lautstärke und Verbreitungsgeschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Wir haben keine Meinungsvielfalt mehr, nur noch Medienvielfalt. Wo sind die Experten, die als Korrespondent lange Jahre in einem Land leben, dessen Sprache sie verstehen, die Stimmungen und Meinungen an Originalschauplätzen wahrnehmen können, die in Hintergrundgesprächen oder meinetwegen auch in Kaffeehausbesuchen den Rohstoff Information an seiner Quelle ernten und ihn in gut geschriebenen Reportagen vermitteln? Die Redakteure der heutigen Zeit wissen nichts mehr über die Welt außerhalb ihres HighTech-Bunkers. Und wir auch nicht.
The Psychedelic Furs – Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=4G_CAYf-itw

Mittwoch, 21. Juni 2017

So lasset uns denn eine Pyramide bauen

Friedrich der Große, über den Napoleon nach der Eroberung Berlins sagte „Man würde nicht bis hierher gekommen sein, wenn Friedrich noch lebe“, verfügte testamentarisch, man möge ihn nachts mit kleinstem Gefolge beim Schein einer Laterne beerdigen. Heute ruht er unter einer einfachen Steinplatte im Garten seines Schlosses Sanssouci.
Helmut Schmidt lehnte in alter hanseatischer Tradition den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband ab, weil er nur seine Pflicht erfüllt habe. Er fand 2015 im Familiengrab auf dem Friedhof von Hamburg-Ohlsdorf unter einer schlichten weißen Platte, auf der nur die Namen sowie Geburts- und Todestage vermerkt sind, seine letzte Ruhe.
Helmut Kohl wird, von ihm selbst gewünscht, als erster Politiker mit einem europäischen Staatsakt geehrt. Einen deutschen Staatsakt lehnte seine Witwe ab. Sein Leichnam wird wie bei einer Prozession mit dem Schiff über den Rhein nach Speyer gefahren, obwohl er immer in der Malocherstadt Ludwigshafen gelebt hat. Dort wird er unmittelbar neben dem Dom, in dem die Gebeine einiger deutscher Kaiser liegen, beerdigt werden. Noch im Pomp um seinen Tod ist dieser Mann geistig armselig.

Blogstuff 137

„Ein Blatt schreiben regt den Bildungstrieb lebendiger auf als ein Buch lesen.“ (Jean Paul)
In meinem Alter kann man bei einem Candle-Light-Diner die Speisekarte nicht mehr lesen.
In diesem Alter stell sich mancher ja auch die Frage: Lohnt sich die Anschaffung einer neuen Perspektive noch? Oder mache ich einfach so weiter, bis der Arzt mir den Stecker zieht?
Selbstverständlich ist nicht nur der Krieg eine Ware, sondern auch der Kriegsflüchtling. Es gibt nicht nur eine Waffenindustrie, deren Außendienstmitarbeiter im Ministerrang die Krisengebiete dieser Erde bereisen, sondern auch eine Fluchtindustrie, die an jedem Flüchtling eine schöne Stange Geld verdient. Frage: Wer bringt als Ware mehr Profit, der Kriegstote oder der Kriegsflüchtling?
Laut Newsweek vom 18. August 1986 gab es damals in den USA bereits 25 Millionen PC, während es in der UdSSR nur wenige tausend gab, davon praktisch keinen in Privatbesitz (vielleicht mit Ausnahme hoher Funktionäre der Partei). Der Fünf-Jahres-Plan der sowjetischen Regierung sah die Produktion von 1,1 Millionen PC bis zur Jahrtausendwende vor – für eine Bevölkerung von 280 Millionen Einwohnern.
Hätten Sie’s gewusst? 1863 wurde in der Schweiz der letzte Eisbär in den Alpen geschossen.

Die Grillsaison läuft prächtig.
Die coolste Kellnerin Deutschlands kenne ich persönlich – und zwar amtlich und privat. Als ein Gast am Tresen mal zu ihr sagte, er würde den Rest von seinem Weizenbier gerne mit nach Hause nehmen, schnappte sie sich wortlos das Glas, kippte den Inhalt in eine Plastiktüte und reichte sie ihm über die Theke. Was haben wir gelacht!
„Damit Euer Arsch immer in Bewegung bleibt, wird SELF-SERVICE bei uns groß geschrieben“, heißt es auf der Getränkekarte von „Trude, Ruth und Goldammer“, einer Kneipe in Neukölln. „Rassistisches oder sexistisches Verhalten wird von uns nicht geduldet! Von Euch hoffentlich auch nicht!“ Das nenne ich mal ein Vorwort – Berliner Gastronomie 2017.
Jede Generation denkt, das Ende der Geschichte stünde unmittelbar bevor. Die einen warten auf den Messias, die andere auf den völligen Zusammenbruch. Aber dann kommt jemand in den Saloon gerannt und schreit: "Am Klondike hat man Gold gefunden!" und die ganze Scheiße geht wieder von vorne los ...
Und dann war da noch der Empfang in der spanischen Botschaft, als ich den Minister mit „Buenos Aires“ begrüßte.
Letzte Woche hat mir mein Winzer die letzten vier Flaschen Silvaner des Jahrgangs 2014 zu einem Sonderpreis verkauft. Den Jahrgang hätten wir also geschafft, jetzt müssen wir den 2015er Wein wegschlucken, denn in wenigen Monaten beginnt die Lese des 2017ers. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, dass ich kann ich Ihnen aus berufenem Munde von unserem Dorf berichten. Wer gedenkt all der tapferen Männer und Frauen, die jedes Wochenende in den Straußwirtschaften und auf Weinhöfefesten ihr Bestes geben?
Hätten Sie’s gewusst? Müller-Thurgau nennt man aus Marketinggründen heute auch Rivaner. Klingt einfach besser. Müller-Thurgau klingt so nach Sachbearbeiterin in der Kreisverwaltung. Hermann Müller-Thurgau züchtete die Rebsorte erstmals 1882 in der Forschungsanstalt Geisenheim im Rheingau, in der auch mein Winzer aus Schweppenhausen arbeitet.
Charlie - Spacer Woman. https://www.youtube.com/watch?v=eglu23iGsU0

Dienstag, 20. Juni 2017

Rassistische und sexistische Werbung

Hier ein schönes Beispiel für rassistische und sexistische Werbung: Chiquita von der United Fruit Company, Dezember 1986.

Wo waren Sie am 27. September 1998?

Wo waren Sie, als die bleierne Zeit der Kanzlerschaft Helmut Kohls 1998 zu Ende ging? Ich war gerade in Boston und besuchte mit meiner Freundin eine ihrer Kolleginnen aus Berliner Zeiten. Es war ziemlich schwierig, Informationen zu bekommen, wenn man einen teuren Telefonanruf in der Heimat vermeiden wollte. Die Zeitung „USA Today“ brachte auf Seite 7 eine winzige Meldung, dass die Ära Kohl zu Ende gegangen war. So wird bei uns über einen Auffahrunfall in der Eifel berichtet. Tage später kaufte ich für viel Geld auf dem Campus von Harvard, wo unsere Gastgeberin als Soziologiedozentin arbeitete, eine aktuelle Ausgabe des „Spiegel“, um die genaueren Umstände des historischen Regierungswechsels zu erfahren. Es war vollbracht! Wie lange hatte ich auf das politische Ende von „Birne“ gewartet? Er hat mich nicht enttäuscht – mit der Parteispendenaffäre hat er sogar noch einen draufgesetzt. So einen Abgang wird die Trantüte aus der Uckermark nie schaffen.

Die Corelli-Brüder

Damals hatte ich diesen Job an einer Tankstelle in der Schweiz. Ich durfte ganz unten anfangen, im Service, und dort bin ich auch geblieben. Den Tank vollmachen, Scheiben putzen, die Leute fragen, ob ich mal nach dem Öl schauen soll. Old School – das war das Konzept. Es war weniger die miese Bezahlung, die mich störte, als der Overall, den ich trug. Aus der Ferne sah er aus wie eine Biker-Kluft, auf meinem Rücken stand „Tells Angels“. Ziemlich müde Nummer, wenn Sie mich fragen.
Dann fuhr dieser metallicbraune Wagen vor und zwei Männer stiegen aus. Schwarze Haare, leicht unrasiert, vielleicht so um die vierzig.
„Ein Ford Granada. Wow. Sieht man heute aber selten.“
Der Fahrer grinste und nahm die Sonnenbrille ab. „Ja, ein echtes Schmuckstück. Du kennst dich echt gut aus.“
Wir plauderten ein bisschen über alte Autos. Ich hatte ein Faible für Fahrzeuge, die sich von der gesichtslosen Masse der heutigen Wagen abhoben, die alle aus demselben Windkanal zu kommen schienen.
„Hast du Lust, für uns zu arbeiten? Wir suchen noch einen Mann, der sich mit Autos auskennt. Ist kein schwerer Job. Wirst schon sehen.“
Ich tankte ihren Wagen voll, sie bezahlten im Tankstellenshop und dann tat ich das, wovon mir meine Eltern immer abgeraten haben: Ich stieg zu fremden Männern ins Auto.
Nach einer halben Stunde kamen wir an ein würfelförmiges Gebäude, das im Gewerbegebiet eines Dorfs am Waldrand stand. Die Corelli-Brüder stellten mich dem Abteilungsleiter Filmanalyse vor. Ein älterer Herr mit einem freundlichen Lächeln. Er führte mich in der Abteilung herum und zeigte mir die einzelnen Boxen im Großraumbüro, in denen jeweils ein Mensch vor einem großen Fernseher saß und sich Notizen machte.
Mein Job war es von nun an, mir Verfolgungsjagden in Spielfilmen und Fernsehserien anzuschauen. Ich sollte mir die Marken und Modelle der Autos notieren. Es ging darum, wie ein Fahrzeug im Film abschnitt. War es ein Gewinner oder ein Verlierer? Fährt der Held den Wagen oder der Bösewicht? Wirkt es schnell oder langsam, elegant oder lächerlich? Möchte man dieses Auto gerne selbst haben oder ist es eine Gurke, mit der man nirgendwo gesehen werden möchte? Diese Analysen wurden an große Autokonzerne verkauft.
Und so saß ich jeden Tag in meiner Box, hatte den Kopfhörer auf und sah mir Filme an. Ich schrieb alles auf, was mir auffiel. Manchmal hatte ich auch eine gute Idee für eine kleine Geschichte, während ich einen Krimi sah. Ich schrieb nebenbei Kurzkrimis, ein Hobby von mir. Leider war ich nicht gut genug, deswegen hatte ich den Job an der Tanke angenommen.
Als ich gerade mal wieder ein paar Notizen in mein Buch machte und es wieder in meine Jackentasche zurückgesteckt hatte, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und nahm den Kopfhörer ab.
Es war einer der Corelli-Brüder. „Du klaust doch nicht etwa Büromaterial?“ Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus amüsiertem Grinsen und spöttischen Blick.
„Nein“, antwortete ich. „Das ist mein eigenes Notizbuch. Ich schreibe gelegentlich. Wollen Sie es sehen?“
„Gerne.“
Dann blätterte er eine Weile in den Seiten. Stichwortartige Plots, kleine Dialoge und Zeichnungen wechselten einander ab.
„Willst du für uns Geschichten schreiben?“
„Na klar.“
Noch am gleichen Tag kam ich in eine neue Abteilung. Ich hatte mein eigenes Büro mit Blick auf das Dorf und das Tal. Dort entwickelte ich Figuren und Erzählungen, hauptsächlich Kriminal- und Abenteuergeschichten.
Die Corelli-Brüder hatten eine Maschine erfunden, die diesen Figuren und Erzählungen für einen Tag eine Seele einhauchen konnte. Dann vergingen sie wieder. Die Kunden kamen in unsere Firma, setzten sich einen Datenhelm auf und gingen als eine von uns geschaffene Person durch eine von uns geschaffene Geschichte.
Ich arbeite heute noch für die Corellis und bin sehr zufrieden.
This Mortal Coil - Song To The Siren. https://www.youtube.com/watch?v=HFWKJ2FUiAQ

Montag, 19. Juni 2017

Wie fing es an, wann hört es auf?

Es mag vielleicht zynisch klingen, aber meiner Meinung nach hat der Terrorismus aus dramaturgischer Sicht sehr nachgelassen. Beschleunigung ist das Wasserzeichen unseres Zeitalters, so auch im Bereich Terror und Mord. Es geht offenbar nur noch darum, sehr schnell möglichst viele Menschen zu töten und dabei selbst zu sterben. Oder man schickt eine gesichtslose Drohne, um die Arbeit zu erledigen.
Die Perspektive eines Autors ist naturgemäß eine andere. Personen und Handlungsstränge müssen behutsam entwickelt werden, es geht nicht um hastige Aktionen, die – wie im Falle der Terroranschläge in Europa in den vergangenen Jahren – nur noch eine Sache von Minuten sind. Der Todes-Quikie ist im Grunde genommen so unbefriedigend wie alles andere, das heutzutage viel zu schnell vorbei ist.
Wie es früher war, möchte ich Ihnen im Folgenden schildern. Achtziger-Jahre-Terror – gewissermaßen „old school“. Die Konstellation ist die gleiche wie in unserer spannungsarmen und dennoch hysterischen Gegenwart: arabische Muslime gegen den Westen. Es ist der Fall der „Achille Lauro“, einem italienischen Kreuzfahrtschiff, das in die Hände einer Gruppe gut ausgebildeter Palästinenser gerät. Am Ende wird es nur einen einzigen Toten geben, über die aufregende Begebenheit wird jedoch eine ganze Oper geschrieben und ein Spielfilm gedreht, in dem Burt Lancaster die Rolle des Leon Klinghoffer spielt. Tage voller Dramatik liegen vor uns, als das Schiff Anfang Oktober 1985 in Alexandria in See sticht …
Die vier jungen Männer, die gemeinsam an Bord gehen, wirken nicht wie Touristen. Sie verbringen die meiste Zeit in ihrer Kabine und zeigen sich an Deck nur mit einem Koffer in der Hand. Damals gab es keine Gepäckkontrollen und so war es kein Problem, Kalaschnikows und Handgranaten an Bord zu bringen. Während ein Großteil der Passagiere einen Tagesausflug zu den Pyramiden unternimmt, stürmen die vier Männer den Speisesaal des Schiffs und schießen einige Salven in die Decke. Dann treiben sie die Passagiere im Saal zusammen und stellen ihre Nationalität fest. Zwölf US-Bürger, sechs Briten und ein österreichisches Ehepaar – es sind Juden – werden ausgesondert.
Die Männer geben sich als Angehörige der Palestine Liberation Front (PLF) zu erkennen und forderten die Freilassung von fünfzig Gesinnungsgenossen, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Außerdem fordern sie Asyl in Syrien, ansonsten würde man die Geiseln erschießen – angefangen mit den Amerikanern. Bei einem Angriff von Spezialeinheiten würden sie das Schiff in die Luft sprengen, drohen sie. Die „Achille Lauro“ nimmt auf ihren Befehl hin Kurs auf Syrien.
Exkurs:
Ein einziger Nicht-Palästinenser ist in dieser Gruppe, deren Befreiung erpresst werden soll: Odfried Hepp, ein deutscher Neonazi aus der Wehrsportgruppe Hoffmann, die sich nach ihrem Verbot und dem 1980 von einem ihrer Mitglieder verübten Sprengstoffanschlag auf das Münchner Oktoberfest in den Libanon absetzt, um sich dort dem Kampf der Palästinenser gegen Israel anzuschließen. Hepp kehrt jedoch nach Deutschland zurück, gründet eine neue Gruppe und greift die dort stationierten US-Truppen mit Autobomben an. 1982 wird er IM der Stasi, zwischenzeitlich entzieht er sich der Fahndung in der Bundesrepublik durch Flucht in die DDR, wo er im selben „Gästehaus“ bei Briesen, südöstlich von Berlin malerisch an der Spree gelegen, untergebracht wird wie die RAF-Mitglieder. Er kehrt in den Westen zurück, wird 1985 in Paris verhaftet und zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Danach wird er in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er zu weiteren zehn Jahren Haft verurteilt wird. Er sagt als Kronzeuge aus und wird 1993 entlassen. Anschließend studiert er Sprachen an der Universität Mainz und arbeitet heute als Dolmetscher für Französisch und Arabisch.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, wird Leon Klinghoffer ausgewählt. Er ist Amerikaner, Jude und sitzt im Rollstuhl. Er kann sich nicht wehren. Die Terroristen fahren ihn in seinem Rollstuhl an die Reling, einer von ihnen setzt ihm die Gewehrmündung an den Kopf und drückt ab. Dann befehlen sie zwei Besatzungsmitgliedern, die Leiche mitsamt dem Rollstuhl ins Meer zu werfen. Falls Syrien sie nicht aufnehme, würde die nächste Geisel sterben, lassen sie den Kapitän über Funk durchgeben.
Syrien weigert sich, die Terroristen aufzunehmen. Die Fahrt geht weiter nach Zypern – auch hier werden sie nicht an Land gelassen. Schließlich fahren sie zurück nach Port Said, einem ägyptischen Hafen. Die Regierung in Kairo verspricht ihnen sicheres Geleit, im Gegenzug sollen alle Geiseln freigelassen werden. Die US-Regierung möchte eigentlich eine Militäroperation auf offener See durchführen, die italienische Regierung, unter deren Flagge das Schiff fährt, lehnt jedoch ab. Als die Ägypter die Terroristen mit einer Boeing 737 der EgyptAir entkommen lassen, gibt Ronald Reagan den Befehl, das Flugzeug von Jagdbombern der USS Saratoga abfangen zu lassen.
Südlich von Kreta geht die Maschine in die amerikanische Falle. Der Funk der EgyptAir-Maschine wird gestört, so dass der Pilot keine Anweisungen der ägyptischen Behörden für das weitere Vorgehen bekommen kann. Die Kampfflugzeuge zwingen den Jet zur Landung auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Sigonella am Fuß des Ätna auf Sizilien. Fünfzig Elitesoldaten der amerikanischen Delta Forces umstellen die Maschine – und werden ihrerseits von italienischen Soldaten und Carabinieri umstellt, da sich die Terroristen auf italienischem Staatsgebiet befinden. Fünf Stunden stehen sich die schwer bewaffneten Einheiten gegenüber, während die Maschine der Terroristen auf dem Rollfeld steht.
Die Italiener setzen sich schließlich durch, die Amerikaner ziehen sich zurück und überlassen die Terroristen den heimischen Behörden. In Ägypten hat auch der PLF-Boss Abu Abbas die Maschine bestiegen, wie erst jetzt bekannt wird. Mittlerweile hat Ägypten das italienische Kreuzfahrtschiff festgesetzt und gibt die Weiterfahrt erst frei, wenn man seine EgyptAir-Maschine zurückbekommt. Die Regierung des Sozialisten Craxi entscheidet sich, die Terroristen nicht an die USA auszuliefern, wo sie wegen Mordes an Klinghoffer vor Gericht gestellt werden sollen.
Die Terroristen werden schließlich nach Rom auf den Flughafen Ciampino ausgeflogen, permanent verfolgt von einem US-Kampfflugzeug, dass sogar auf dem Verkehrsflughafen der Hauptstadt eine Notlandung vortäuscht, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Nach der Landung in Rom versuchen die USA, einen internationalen Haftbefehl über Interpol zu erwirken, der in Italien vollstreckt werden soll. Ägyptens Staatschef Mubarak bezeichnet die USA öffentlich als „internationale Piraten“, PLO-Chef Arafat droht den Italienern, er könne für die Besatzung der „Achille Lauro“ nicht garantieren, wenn seine Landsleute ausgeliefert würden.
Italien lässt Abu Abbas nach Belgrad ausreisen, von dort fliegt er weiter über Aden nach Bagdad. Dort wird er 2004 schließlich von US-Spezialeinheiten festgenommen und stirbt kurz darauf in einem amerikanischen Militärgefängnis. Die vier Terroristen werden in Italien zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie eigentlich in einem israelischen Hafen, den die „Achille Lauro“ anlaufen sollte, einen Anschlag verüben wollten. Ihre Waffen seien aber vorher schon zufällig von einem Besatzungsmitglied gefunden worden, weshalb man sich zur Schiffsentführung entschlossen habe.
Was für eine Story! Allein die dreitägige Irrfahrt, in der niemand dieses Schiff ins seinem Hafen haben will. Da gäbe es heute im Stundentakt „Brennpunkte“ in der ARD und „Pizza Speciale“ im ZDF.
P.S.: Achille Lauro, der Namenspatron des Schiffes, war ein italienischer Faschist, der von den Alliierten nach der Kapitulation 1943 für knapp zwei Jahre ins Gefängnis geworfen wurde, bevor er als Bürgermeister von Neapel seine Karriere fortsetzen konnte. Für die Neofaschisten saß er bis 1979 im italienischen Parlament.
Tears for Fears - Pale Shelter. https://www.youtube.com/watch?v=d7UEPxY9_Ek

Sonntag, 18. Juni 2017

Meditationszentrum und Kraftort Schweppenhausen

Ich habe einen Plan: Der Bonettismus soll nicht nur eine politische, sondern eine spirituelle Bewegung werden. Begründung: Das bringt einfach mehr Kohle!
Die Villa Bonetti in Schweppenhausen wird zu einem Meditationszentrum. Hier finden Sie zum einfachen Leben zurück. Schweigen, Nachdenken, Fensterputzen (müsste nämlich dringend mal wieder gemacht werden). Zweimal am Tag Hafergrütze. Das gute Hunsrücker Wasser aus dem freilaufenden Hahn (Flatrate im Preis enthalten). Lauschen Sie stundenlang den Lesungen des Meisters.
Der Hammer, oder? Und das alles für schlappe tausend Euro die Woche. Die ersten zehn Suchenden und Buchenden erhalten einen Bierkrug aus meiner umfangreichen Sammlung (Kirner oder Bitburger). Merke: Bonetti braucht die Welt nicht, aber die Welt braucht Bonetti.

Da lacht die Redaktion

Der Praktikant stürmt völlig außer Atem durch das Vorzimmer, in dem drei Ärzte warten, ins Büro des Chefs.
„Mister Bonetti, ich habe noch eine großartige Idee, wie man mein Manuskript verbessern könnte.“
„Tut mir, leid, junger Mann. Die Papierkörbe sind schon geleert worden.“
Half Pint - Crazy Girl. https://www.youtube.com/watch?v=lZAkwUyn9L8

Selfie Nr. 1 – Der Knüllerkönig

Earth, Wind & Fire - After The Love Has Gone. https://www.youtube.com/watch?v=Ygbne_koLgM

Samstag, 17. Juni 2017

Ein kurzer Blick in den Rückspiegel

Wenn ich auf die Tage zurückblicke, in denen Helmut Kohl, die ewige pfälzische Weinbergschnecke, plötzlich die Chance zur deutschen Einheit ergreift, dann frage ich mich, ob er das Lob wirklich verdient hat. Ja: Er ist „Vater der Einheit“. Aber: Nein, das war keine gute Idee.
Was wäre, wenn ein anderer Mann oder eine andere Frau Kanzler gewesen wäre? Sein damaliger Widersacher Lafontaine oder ein anderer Mensch? Wieso wird die Einheit immer als Glücksfall dargestellt? Die DDR hatte unter der Wiedervereinigung zu leiden, erst viele Jahre später besserten sich die Lebensverhältnisse der Menschen.
Vielleicht wäre ein Zögern, ein Respektieren der Leistung der Bevölkerung, die selbstbewusst „Wir sind das Volk“ rief, besser gewesen? Die demokratische DDR-Regierung hätte einen neuen Staat aufgebaut, so wie es die anderen Ostblockstaaten auch geschafft haben. Der Wahlkampf im Februar und März 1990 wäre nicht vom Westen dominiert worden.
Die Betriebe hätten sich reformieren können, ohne dass es zu Massenentlassungen gekommen wäre. Die Treuhand hätte nicht den Besitz eines ganzen Staatsvolks an einen Haufen von Geldgeiern verhökert. Was wäre denn so schlimm an einem zweiten deutschen Staat innerhalb der NATO und der EU gewesen?

Was von uns bleibt

Er war wie die Ameise unter dem Kühlschrank: Er diente einer höheren Sache, auch wenn es nicht immer danach aussah.” (Johnny Malta: Nächstes Jahr wird alles besser)
Eine einfache Gedächtnisübung: An welche Ereignisse aus dem Jahr 2012 können Sie sich noch erinnern? Mir fällt spontan ein Urlaub in der Schweiz ein und „Berliner Asche“, ein Roman, den ich in diesem Jahr geschrieben habe. Gerade an die einwöchige Reise habe ich noch gute Erinnerungen. Mit dem Flugzeug nach Zürich, ein Spaziergang durch die sündhaft teure Bankenmetropole. Selbst die Bratwurst am Bahnhof war unglaublich teuer, bevor es mit dem Zug nach St. Moritz weiterging. Im „Weißen Kreuz“ in Bergün stehe ich am Fenster meines Zimmers und sehe, wie in einer Stunde der Ort komplett eingeschneit wird. Am nächsten Tag wandere ich mit meinem Reisegenossen durch das Tal zu einem kleinen Dorf, wo wir die einzigen Gäste in einem Lokal sind. Die alte Witwe, die das Lokal betreibt, setzt sich zu uns und wir plaudern eine Weile. Bei einem anderen Spaziergang, den ich alleine unternehme, komme ich an einem Bauernhaus vorbei, vor dem in einer Art Laufstall aus bunten Plastikteilen zwei neugeborene Kälber stehen. Bei meinem Anblick sind sie so erfreut, dass sie kaum zu halten sind. Ich gehe auf das Grundstück und streichle sie ausgiebig und spreche mit ihnen, obwohl es mir peinlich ist. Aber ich kann nicht anders. Zum Glück hat mich niemand gesehen.
Ansonsten erstmal nichts. Und bei Ihnen? Eine zweite Gedächtnisübung: An welche Mahlzeiten des vergangenen Jahres erinnern Sie sich? Vermutlich nur an zwei oder drei. Richtig tolle Abende mit Freunden, wo es etwas Außergewöhnliches zu essen gab. Wir speichern einen großen Teil unserer Vergangenheit nicht ab, die ganze Routine, die Stunden im Büro oder bei der Hausarbeit, im Auto oder im Supermarkt. Noch nicht einmal uns selbst ist es wichtig genug. Unser Bewusstsein löscht es, so wie nach einer Weile unsere Mails automatisch gelöscht werden. Nur das Ungewöhnliche, die Ausnahme, der besondere Augenblick bleiben uns im Gedächtnis. 99 Prozent unseres Lebens sind schon zu unseren Lebzeiten Asche. Vielleicht ist unsere Existenz bedeutungsloser als wir denken?
Animotion – Obsession. https://www.youtube.com/watch?v=ACPXOufElKU

Freitag, 16. Juni 2017

Erinnerungen an Helmut

Wir Rheinland-Pfälzer kennen uns ja. Schließlich gibt es nicht viele von uns – und der Alkoholismus (größtes Drogenanbaugebiet Deutschlands) sowie der Hang zu drittklassiger Küche (Saumagen, Lewwerworscht) verbindet uns.
Ich traf Helmut Kohl zum ersten Mal 1979 beim Rotweinfest in Ingelheim. Damals saß sein Konkurrent Schmidt von der SPD ja fest im Sattel, Kohl war als Oppositionsführer im Bundestag so unsichtbar wie heute die Grünen. Beim Schoppen riet ich ihm, den bajuwarischen Hitzkopf Franz-Josef Strauß die Kanzlerkandidatur zu überlassen. Ich konnte ihn überzeugen – und 1980 scheiterte der Alpenayatollah endgültig mit seinen bundespolitischen Ambitionen.
1985 traf ich Helmut Kohl in einem China-Restaurant in Berlin-Charlottenburg, wo er gerade verzweifelt versuchte, Saumagen süß-sauer zu bestellen. Ich überredete ihn, an meine Stammwürstchenbude (Ku’damm 195) zu gehen. Dort erzählte ich ihm, ich hätte gerade ein Steinchen aus der Berliner Mauer gehauen. „Wenn das jeder machen würde“, sagte er ich kicherte verschmitzt. Damit war der Plan für die deutsche Einheit geboren.
Als die Verhandlungen mit Gorbatschow 1990 ins Stocken gerieten, habe ich ihm den Tipp gegeben, dem Russen Eierlikör einzuflößen. Eierlikör verträgt der Russe nicht, Wodka jedoch in unbegrenzten Mengen. Als es noch saure Gurken und Pelmeni zum Saumagen gab, war die Sache im Prinzip gegessen.
Der Tiefpunkt war natürlich die Parteispendenaffäre. Jetzt kann ich als sein alter Kumpel ja die Spender nennen, deren Namen lange verschwiegen wurden: Ed von Schleck, Graf Zahl, Milli Vanilli und Johannes Heesters. Ruhe sumpf … - äh: Ruhe senf.
P.S.: Donald Trump auf Twitter: “Helmoot Cole is dead. Total disaster. So sad.”
Deep Purple – Highway Star. https://www.youtube.com/watch?v=Wr9ie2J2690

Wie schreibe ich einen guten Roman?

„Um über gewisse Gegenstände mit Dreistigkeit zu schreiben, ist fast notwendig, dass man nicht viel davon versteht.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
Eigentlich hätte ich es mir denken können. Im Nachhinein ist es mir natürlich sonnenklar. Die Kernfrage ist doch: Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Liegt es daran, dass ich diese Tipps nie gebraucht habe, weil ich mit einem unglaublichen Talent als dreister Schwadroneur und leichtfertiger Schaumschläger gesegnet bin?
Wenn ich ein guter Autor werden will – wo schaue ich zuerst nach? Natürlich bei Youtube. Alles andere ist Quatsch. Und so lerne ich aus diversen Videoclips, dass man sich vor dem ersten Roman nicht vorstellen sollte, wie man mit einem Riesenapplaus bei einer Lesung empfangen wird, nachdem man aus seiner Limousine gestiegen ist. Es werden wichtige Fragen diskutiert: „Wie lang ist denn so ein Buch?“ Das folgende Video – pars pro toto ausgewählt – besticht vor allem durch seinen unsterblich witzigen Anfang. So habe ich es mir immer vorgestellt, von einem Erfolgsautor in seine Geheimnisse eingeweiht zu werden:
https://www.youtube.com/watch?v=Yx7XGYGa4Kc
Aber nicht nur der Anfang hat mir Tränen in die Augen getrieben, auch die folgende Formulierungsempfehlung ist einfach unschlagbar. Warum bin ich nicht so wie Christian Kißler? „Der adrette Mann öffnet die verschlossene Tür und betritt den obskuren Raum.“ So schreibe ich einen guten Roman.
P.S.: Es gibt selbstverständlich keine einzige Veröffentlichung von Christian Kißler.
Fatboy Slim – Praise You. https://www.youtube.com/watch?v=Ex1qzIggZnA

Unterwerfungsrituale bei Neuweltaffen

Washington/Nordkorea. Aktiv Schleimende und passiv Angeschleimte treffen sich zu einer „Kabinettssitzung“ am Hofe des amerikanischen Kaisers. Seine Majestät, Donald der Prächtige, die leuchtende Sonne unserer demokratischen Zukunft, der geliebte Führer und ewige Erlöser des Westens, kann jederzeit den Herzstecker seiner Untergebenen ziehen. Merke: Ohne Kotau keine Audienz.

Donnerstag, 15. Juni 2017

One way ticket to the blues


Blogstuff 136
„Da sieht man ältere Knaben,
die schon ihre fünfzig auf dem Buckel haben,
in kurzen Hosen umeinanderlaufen;
wenn sie schnell gehen, kriegen sie das Schnaufen –
aber bloß nicht hinten bleiben!
Modern! modern müssen Sie schreiben!
Nur nicht sein Leben zu Ende leben –
jung! jung musst du dich geben!“
(Kurt Tucholsky: Junge Autoren)
Woran erkennt man einen Menschen, der Glück hat? Er sucht es nicht, er redet nicht darüber und er verschwendet vermutlich keinen Gedanken daran.
Menschen können Menschenleben retten oder Menschenleben vernichten. Maschinen werden es auch bald können – ohne uns zu fragen.
„Was hatte Julian Oberhammer nicht alles versucht. Er hatte als Barpianist und in einer Margarinefabrik gejobbt, hatte sich in Gestalt eines angeblichen argentinischen Adligen als Heiratsschwindler versucht und hatte schließlich diese ABM-Stelle beim „Bundesverband der gemeinnützigen Tierstimmenimitatorinnen und Tierstimmenimitatoren“ bekommen (Geschäftsstelle: Allee der Dilettanten 23, Merlin-Barzahn). Nun wartete er auf den ersten Anruf.“ (Beginn eines geplanten Schelmenromans mit dem Titel „Eine kurze Geschichte der Shorts“)
Sozialmathematische Faustformel: die Zahl der Beobachter steigt proportional zur Peinlichkeit der Situation, in der Sie sich gerade befinden.
Hätten Sie’s gewusst? 1840 erfindet Friedrich Fröbel den Kindergarten. Nach ihm ist der Fröbelplatz im Prenzlauer Berg benannt. Siehe auch: Fröbelpädagogik heute (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Fr%C3%B6bel#Fr.C3.B6belp.C3.A4dagogik_heute).
Wenn ich das schon höre: „artgerechte Haltung“ oder „Fleisch von glücklichen Tieren“. Was soll der Scheiß? Die Tiere werden umgebracht, damit wir sie fressen können. Sie sterben keines natürlichen Todes. Da liegt ein Mordopfer auf dem Teller, zumindest Teile davon. Es steht kein heulender Bauer in der Intensivstation, vor ihm die Sau auf dem Krankenbett, und er sagt: „Na gut, schalten Sie die Maschinen ab.“ Das sind die lauwarmen Halbheiten des typischen Grünwählers, der auch einen Hybrid-SUV fährt und Fernreisen mit Umweltschutzsiegel macht. Noch schlimmer sind nur die Veganer, die ihr moralisch aufgeladenes Konsumverhalten wie eine Monstranz vor sich hertragen. Immer heißt es: „Ich bin Veganer“. Und nie: „Heute habe ich einen leckeren Gemüseeintopf gegessen, den musst du unbedingt mal probieren“.
Wo sind eigentlich die Leute, die mir in meiner Kindheit gesagt haben, es wäre schlecht für meine Augen, wenn ich zu nahe vor dem Fernseher sitze? Entweder sind sie tot oder Veganer. Vielleicht erzählen sie mir demnächst auch, in der Nähe eines neuen Funkmasts wäre ein Kalb mit zwei Köpfen geboren worden.
Hätten Sie’s gewusst? Es gab zwischen 1969 und 1972 insgesamt sechs Mondlandungen. Harrison Schmitt war der zwölfte und bislang letzte Mensch, der den Mond betreten hat.
Durch den Klimawandel brutzelt die Sonne inzwischen so stark auf die kalifornischen Weinberge hinunter, dass die Winzer regelmäßig bis zu 130 Grad Oechsle erzielen, womit man dann alkoholmäßig beim Likör wäre. Daher wird er mit Wasser gestreckt, bevor er in unsere Supermarktregale kommt. Eigentlich müsste man kalifornischen Wein also als „weinhaltiges Getränk“ deklarieren.
Werbung: Sie brauchen eine üble Nachrede oder ein Limerick für die Betriebsfeier – Bonetti Media steht 25 Stunden am Tag für Ihre Wünsche zur Verfügung.
Fluchtursachen bekämpfen: der Kollege Hellenkamp war schon auf dem Weg zum Bahnhof, seine Frau sendete via Heulkrampf die News bei offenem Fenster in die umliegende Gegend, da haben wir ihn mit einer Flasche Bier überredet, die Abreise nach Madagaskar um einen Tag zu verschieben.
Hätten Sie’s gewusst? „Amok“ ist das kambodschanische Nationalgericht. Ein Fischcurry mit Kokoscreme, das in einer halbierten Kokosnuss oder auf Bananenblättern serviert wird.
Peter Alexander - Sag' mir quando, sag' mir wann. https://www.youtube.com/watch?v=PaOUt_vIYsk

Mittwoch, 14. Juni 2017

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Vor 250 Jahren, am 14. Juni 1767, wurde vom französischen Schriftgelehrten Jean de la Copie, der am Hofe des Herzogs von Bordeaux lebte, das Plagiat erfunden. Insbesondere im fränkischen Hochadel und in Politikerkreisen wird dieser Festtag mit feierlichen Lesungen aus diversen Doktorarbeiten, Feuerwerk und Champagner begangen.

Retro-Look ins Zeitschriftenregal

„Schreib alles auf; gerade wenn sich etwas zuträgt, glaubt man, es nie zu vergessen, weil die Gegenwart glänzt; aber die nächste tut‘s auch, und dann vergisst man.“ (Jean Paul)
Es geht doch nichts über leichte Lektüre an heißen Nachmittagen, wenn ich auf der Terrasse sitze, von Ferne ein Rasenmäherbrummeln heranweht und rabenschwarze Sechziger-Jahre-Musik aus den Lautsprechern quillt. Erich Maria Remarque muss wieder einmal dem Besten aus Reader’s Digest weichen.
Mai 1986. Ich bin 19 Jahre alt und mache Zivildienst. Helmut Schmidt erklärt in einem Vorwort: „Wir leben in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeit. Kein Land ist heutzutage in der Lage, seine politischen und wirtschaftlichen Probleme allein zu lösen.“ Könnten Schulz oder Steinmeier heute noch als Satzbaustein verwenden.
Auf Seite 18 erfahre ich: „Die Bundesrepublik Deutschland ist eine der führenden Videonationen der Erde.“ Jeder fünfte Haushalt besitzt einen Videorekorder, so wie in den USA. Es gibt 3500 Videotheken und selbst Buchhandlungen haben Kassetten in ihr Programm aufgenommen. 1987 soll jeder dritte Haushalt Video haben – der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
In der Reportage „Bonn – eine Hauptstadt macht Karriere“ geht es um den Aufstieg der Provinzstadt am Rhein. Ältere Leser erinnern sich womöglich noch an das Palais Schaumburg (bis 1976 Kanzleramt), den Langen Eugen (Abgeordnetenhochhaus) und die Villa Hammerschmidt, Dienstsitz des Bundespräsidenten. 70.000 Politiker, Diplomaten, Lobbyisten und Journalisten bevölkern das „Raumschiff Bonn“, viele von ihnen hätten noch nie die Innenstadt oder Beethovens Geburtshaus gesehen.
Ein anderer Artikel befasst sich mit altehrwürdigen Kaffeehäusern in Italien, die man eigentlich gerne sofort besuchen möchte. Das Caffè Tommaseo in Triest, in dem schon Stendhal, James Joyce und Italo Svevo saßen und schrieben. Oder das Caffè Florian auf dem Markusplatz in Venedig, 1720 eröffnet. Giacomo Casanova, Goethe, Marcel Proust, Thomas Mann, Salvador Dali und Ernest Hemingway verbrachten in den edlen Salons ihre Zeit, bevor die Generation Lonely Planet einzog. Natürlich darf das Caffè Greco in Rom nicht fehlen, wo Schopenhauer grübelte und Nikolai Gogol letzte Hand an seine „toten Seelen“ legte.
Es geht weiter mit Kindern und ihren Vorstellungen über das Jahr 2000. Da soll es Roboter geben, die einem morgens die Zähne putzen und die Hosen anziehen. Oder eine Hausaufgabenmaschine. Sebastian (11) will als König Freikarten fürs Kino und Süßigkeiten verteilen, Schule und Zahnärzte werden abgeschafft. Ilka (12) schreibt lapidar: „Ich will Ballerina werden, und wenn mein Mann das Essen fertig hat, komme ich nach Hause.“ Das ist jedenfalls amüsanter als die Visionen auf der EXPO 1986 in Vancouver, wo im deutschen Pavillon eine Zukunftstechnologie namens „Transrapid“ vorgestellt wurde …
Zwischendurch erfahre ich, dass Niesen für Waliser Unglück bedeutet, während es in „östlichen Ländern“ heißt, Niesen vor dem Frühstück bedeute ein Geschenk noch vor dem Wochenende. Japaner glauben, jemand sagt gerade etwas Gutes über sie, wenn sie niesen, für Juden ist das Niesen während des Gebets eine von Gott gesandte Wohltat.
Dann wird es ernst: „Zwischen Mullahs und Moderne – die Araber“. Der schnelle Wohlstand durch die Ölmilliarden hätte die Menschen materialistisch gemacht, sie hätten durch die Technik und die Waren des Westens ihre Tradition und ihre Kultur verloren, analysiert ein Autor der Los Angeles Times. „Viele wurden fast über Nacht zu Millionären, und die Künstler, die das sahen, fragten sich, warum sie ein Buch schreiben sollten, wo sie als Vertreter oder Geschäftsführer ganz andere Summen verdienen konnten“, sagt Bahrains Erziehungsminister Ali Fakhro. Und weil die Araber ihre Ziele – einheitliche arabische Nation, Befreiung Pälastinas und Zerschlagung des Zionismus – nicht erreichten, „machen nur noch die religiösen Fanatiker Schlagzeilen“. Da war Mister David Lamb seiner Zeit weit voraus.
Der letzte Artikel trägt den Titel „Wohin steuert Jugoslawien?“ Heute, über dreißig Jahre später, wissen wir es längst.
Joe Jackson - You Can't Get What You Want ('Til You Know What You Want). https://www.youtube.com/watch?v=G3ZZN6ybwHg

Dienstag, 13. Juni 2017

Fragen an die Zukunft

Wie oft wachen die Menschen der nachfolgenden Generation neben einer geheimnisvollen Schönheit auf?
Wie oft nehmen sie an einer aufregenden Expedition teil?
Welches Wissen erwerben sie, um die Wunder der Welt zu begreifen?
Es wird nicht einfacher, wenn die Kuppel endgültig geschlossen ist.
Talk Talk - Talk Talk. https://www.youtube.com/watch?v=6hHnOBlwU3A

Wenn du in Rheinhessen nicht in deiner Stammkneipe erscheinst

… informiert der Wirt die Behörden und sie treten dir die Tür ein. Recht so!
https://merkurist.de/mainz/blaulicht/mainzer-gastwirt-rettet-stammgast_Zt1
„Rheinland-Pfalz, das sind fünf Hügel und dazwischen Flüsse. Hübsch da. Aber uninteressant. So ziemlich alles in dieser Resteverwertung aus Pfalz, Rheinprovinz und ein paar versprengten Exherzogtümern ist – na ja, so mittel: Mittelgebirge, Mittelrhein, mittelgut in Bildung, mittleres Bruttoinlandsprodukt“, hieß es neulich in der Taz.
Sie erinnern sich an die Taz? Ein ehemals linkes Blatt, das sich verzweifelt um Leser und Aufmerksamkeit bemüht.
http://www.taz.de/!5404844/
Woher kommt der Hass?
Ein Angestellter der Taz mit einer Vollzeitstelle verdient 2000 Euro brutto, das sind bei Steuerklasse 1 1366 Euro netto. Geht man von 160 Arbeitsstunden im Monat aus (4 x 40), kommt man auf 8,53 Euro Stundenlohn. Der Journalist, der den Text über Rheinland-Pfalz geschrieben hat, arbeitet in Berlin also für den Mindestlohn. Das ist traurig genug. Deprimierend. Kein Wunder, dass er sich über andere Menschen lustig macht. Das ist einfach nur Frustabbau. 50.000 Exemplare verkauft die Taz noch – genauso viel wie die Mainzer Allgemeine Zeitung. Nur ist in Mainz das Gehalt doppelt so hoch.

Montag, 12. Juni 2017

Andy und die Schokoladenfabrik

Der folgende Text ist ein lange verschollenes Juwel des Neorealismus und zeigt uns das harte und entbehrungsreiche Leben eines jungen Nachwuchsautors.
6 Uhr morgens: aufstehen. Das Substantiv zu diesem Vorgang ist der Aufstand. Entfällt wie immer. Der Wecker klingelt in einer Lautstärke, dass ich für einen Augenblick glaube, im Glockenturm von Notre-Dame aufzuwachen.
Anschließend konjugiere ich dreißig Minuten unregelmäßige Verben, während ich Sit-ups mache.
Kalte Dusche. Frühstück: eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Apfel.
7:30 Uhr. Auftragsarbeit für die „Brigitte“. Ein Text über peruanische Küche. Zweitausend Worte. Ich habe keine Ahnung. Ich improvisiere und beginne mit einem Rezept: Meerschweinchen im Schlafrock. Mit Blätterteig und Scheiblettenkäse. Meine Vorstellung von peruanischer Küche ist so unklar und verwaschen wie die buddhistische Vorstellung vom Jenseits. Warum ist das Internet noch nicht erfunden?
9 bis 10 Uhr. Wortschatzerweiterung. Damoklesschwert. Augiasstall. Ariadnefaden. Kreative Übung: Ich stelle mir das Schwert an einem Faden über dem Stall vor. Danach: Damoklesstall, Ariadneschwert, Augiasfaden.
10 bis 12 Uhr. Auftragsarbeit für die „Bravo“. Übersetzung des SPD-Wahlprogramms in straßentaugliches Alltagsdeutsch. Die Überschrift „Turbokapitalismus statt Turbanfanatismus“ verwerfe ich wieder, denn die „Bravo“ mag keine langen Wörter. Den Slogan „Sicher. Gerecht. Weltoffen.“ übersetze ich mit „Mehr Polizei, mehr Wahlversprechen, Pizza und Burger stehen nicht unter Terrorismusverdacht.“
In der Mittagspause: Einkaufen, Döner, Dosenbier, Wäsche bei Mutti vorbeibringen.
14 bis 16 Uhr. Nachhilfeunterricht für den extrem untalentierten und verwöhnten Sohn von Bankdirektor Horst Schöbel. Es ist zum Mäusemelken! Ich versuche, ihm zu erklären, dass ein fiktionaler Text nicht notwendigerweise mit „Es war einmal“ beginnen muss. Der Brustumfang seiner Protagonistin ist irrelevant, es sei denn, diese Information transportiert die Handlung. Nie mehr als drei Adjektive hintereinander!
16 bis 19 Uhr. Ich schreibe eine Kurzgeschichte für den Literaturwettbewerb einer Bausparkasse. Abgabeschluss ist übermorgen. Thema des Wettbewerbs: Frauen im Baugewerbe. Ich habe weder von Frauen noch vom Baugewerbe die geringste Ahnung.
Abendessen: Graubrot mit Margarine und Bierschinken von Aldi.
Danach: Fernsehen und Weißwein. Suche nach neuen Themen und Ideen.
Fazit: Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Das sollten Sie nie vergessen, wenn Sie Andy Bonetti folgen möchten.
Extrabreit - Glück und Geld. https://www.youtube.com/watch?v=VLkviaaX7_w

Sonntag, 11. Juni 2017

Der Tiefpunkt

„Ich bin Politologe, also ein Mann, der nachher erklärt, warum man etwas hätte voraussehen müssen.“ (Alfred Grosser)
Inzwischen bin ich Trump dankbar für jeden Tag, an dem er Präsident ist. Ein Unternehmer ist der mächtigste Politiker der Welt, der Neoliberalismus hat seinen Höhe- oder Tiefpunkt erreicht. Die politische Welt der Kooperation – wie verlogen und von Eigeninteressen gesteuert sie auch gewesen sein mag – geht unter, das Zeitalter der totalen Konkurrenz hat begonnen. Trump denkt kurzfristig in Umsätzen, in Quartalsberichten, in Marktanteilen, langfristige Ziele und Werte gibt es in seinem Universum nicht. Bei Begriffen wie Ethik oder Menschenrechte bricht er in das gleiche zynische Gelächter aus, das ich von Volkswirten gehört habe, die ich kennenlernen durfte.

Ich will hier nicht den Godwin des Monats bekommen, aber wir haben in Deutschland natürlich auch unsere Erfahrungen mit dem „gesunden Menschenverstand“ und der angeblichen „Stimme des Volkes“, die man in hohe Ämter und vorbei am Establishment wählt. Da kann man nur auf die Schecks und Bilanzen im US-System hoffen, die das Schlimmste verhindern mögen.

Eines Tages wird man sich die Frage stellen, warum die Wahlvölker ihr Heil in Faschisten und Erzkapitalisten gesucht haben. Warum sie ihre Zukunft in die Hände ihrer größten Feinde gelegt haben. Warum ein so politisches und eher links tickendes Volk wie die Franzosen bei der Präsidentschaftswahl so abgestimmt hat, das am Ende nur die Wahl zwischen einer Faschistin und einem Investmentbanker blieb. Die Antwort ist einfach:

Nehmen Sie noch die Linken und Grünen dazu, um das Bild abzurunden.
Star Wars- The Imperial March (Darth Vader's Theme). https://www.youtube.com/watch?v=-bzWSJG93P8

Samstag, 10. Juni 2017

Rebecca

„Alles, was man anfassen kann, ist nicht von Dauer.“ (Tiger & Dragon)
Vor einigen Wochen war ich auf der Jahreshauptversammlung der Eigentümer unseres Hauses. Sie findet traditionell in einem Landgasthof im Schwarzwald statt, weil die Mehrheit der Eigentümer aus Baden-Württemberg ist. Wir treffen uns zur Sitzung um 18 Uhr, arbeiten die Tagesordnung ab und sitzen dann beim Abendessen zusammen. Nach dem Essen machen wir jedes Mal, auf Anregung einer Psychoanalytikerin, die zwei Wohnungen im ersten Stock besitzt, ein Spiel. Wir sollen reihum erzählen, welche Person wir gerne aus der Eigentümergemeinschaft bzw. aus dem Haus entfernen möchten. Wer soll gehen, warum und vor allem wie? Zu vorgerückter Stunde und nach ein paar Gläsern badischem Wein neigen einige der Anwesenden zu drastischen Scherzen und empfehlen nicht nur Umzüge, sondern schildern tödliche Unfälle. Es ist natürlich alles nur ein Spaß.
Ich habe mir bei dieser Gelegenheit erlaubt, die Ermordung von Otto Laienbäcker zu beschreiben, der als Staatssekretär im Innenministerium arbeitet und mein Nachbar im dritten Stock ist. Er muss sterben, weil er aufgrund seiner Kontakte zu den Nachrichtendiensten zu viel weiß. Wir haben sehr gelacht, Herr Laienbäcker kennt meine Arbeit als Schriftsteller und meine Phantasie als Autor zahlreicher Kriminalromane und Kurzgeschichten.
Am nächsten Morgen fuhren wir alle wieder nach Hause. Die Berliner Fraktion, darunter auch der Staatssekretär und ich, fuhr in die Hauptstadt zurück. Am gleichen Tag habe ich meine mündliche Erzählung vom Vorabend notiert und kurz darauf in meinem Blog veröffentlicht.
Ich schicke diese kurze Erzählung vorweg, um die nachfolgende Szene zu erklären. Denn offensichtlich hatte mein alter Freund T. von diesem Ritual erfahren und meine Geschichte gelesen. Da er beruflich eine sehr delikate Position bekleidet, die äußerste Diskretion erfordert, war sein Anruf kurz und kryptisch.
„Rebecca“, sagte er nur und legte wieder auf.
Das Spiel kannte ich. Ich sah mir das Kinoprogramm an und tatsächlich lief am Abend im Moviemento in Kreuzberg der Hitchcock-Film von 1940 in der Spätvorstellung.
Mit der U7 fuhr ich bis zum Hermannplatz und lief an diesem milden Juniabend die letzten Meter bis zum Kino auf dem Kotti. Laut Eigenwerbung ist es das älteste Kino Deutschlands, die rüstige Dame sollte man also mit allen gebotenen Mitteln unterstützen. Ich kaufte zwei Beck’s.
Wie erwartet war das Kino fast leer. Ein Dreiergrüppchen saß in der Mitte, etwas abseits zwei monolithische Cineasten. Ich setzte mich in die letzte Reihe. So hatte ich alles im Blick und noch nicht einmal der Filmvorführer konnte mich sehen.
Das Licht ging aus, die Werbung begann. Gelangweilt leerte ich mein erstes Bier.
Als das Orchester die Eröffnungsmelodie schmetterte, kam T. In dem schwarzen AC/DC-Shirt und den zerrissenen Jeans hätte ich ihn fast nicht erkannt. In seiner Gehaltsstufe legt man hohen Wert auf Maßanzüge und italienische Lederschuhe.
Er setzte sich neben mich und wir nickten uns kurz zu.
„Guter Text“, flüsterte er und beugte sich leicht zu mir hinüber.
Das Weiß seiner Augen hatte die Farbe von altem Elfenbein und war mit winzigen roten Schlangen durchzogen.
„Über Otto?“ flüsterte ich zurück.
„Ja. Ich brauche einen Text über unseren Innenminister.“
„Mitten im Wahlkampf?“
„Das ist doch nur Schattenboxen für die nächste KroKo“, sagte er leise und kicherte.
„Inhalt, Länge und Ziel?“
„Zwei Seiten Nachruf. Großer Verlust, unvergessener Kämpfer für die Sicherheit und so weiter.“ Sein Flüstern war kaum hörbar, niemand drehte sich nach uns um.
„Aber er ist doch noch gar nicht gestorben.“
„Das ist unwichtig. Wir treffen uns übermorgen Abend wieder hier. Du schreibst per Hand. Keine Spuren, keine Dateien. Verstanden?“
„Okay.“
Dann sahen wir uns in Ruhe den Film an. T. verließ vor mir den Kinosaal, ich wartete das Ende des Abspanns ab.
Drei Tage später war der Minister tot. Angeblich Herzinfarkt. Mein Nachruf wurde am selben Tag veröffentlicht.
Kurz darauf fand ich einen unbeschrifteten weißen Umschlag mit zweitausend Euro in meinem Briefkasten.
Visage – Look What They’ve Done. https://www.youtube.com/watch?v=hFc-gDjZGmY

Freitag, 9. Juni 2017

Neun Ringe aus schwarzem Sand

http://www.strassenschilder.de/zusatzzeichen/anfang/
Blogstuff 135
Dummheit ist ein natürlich nachwachsender Rohstoff, der mit gewaltigem Druck aus den Fördertürmen der Medien, Parteien und Konzerne schießt.
Wenn Zeit Geld ist, dann schrumpft dieses Vermögen jeden Tag. In unserer Jugend sind wir Zeitmillionäre, aber wir sterben als Bettler. Trotzdem werfen die meisten Leute mit ihren Zeitschätzen um sich wie ein betrunkener Zocker in Las Vegas. Sie verschwenden ihre Zeit mit öden Jobs, unnötigen Sorgen, sinnlosem Zorn und endlosen Planungen für ihre ständig abnehmende Zukunft.
Biolumineszenz = alle vier Jahre leuchten und lächeln unsere Politiker.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti spielt in dem neuen Baywatch-Film mit. Jetzt dürfen Sie raten: a) als Seelöwe, b) als Wasserleiche, c) als Frauenbetreuer John Bosley oder d) einfach als Andy Bonetti in einem Cameo-Auftritt?
Auf Anraten meines Arztes esse ich jetzt mehr Nüsse. Bin von Duplo auf Snickers umgestiegen.
Ich habe statt „Startups“ gerade „Strapse“ gelesen. Bin ich schon zu lange allein?
„Der Scherz sei nicht sehr glücklich gewesen, hieß es dem Sender RTL zufolge aus dem Umfeld von Präsident Bonetti.“
Meine Ex hat mich jahrelang mit einem Feinkosthändler betrogen – und ich habe noch nicht mal den Käsegeruch an ihr bemerkt.
Auf vielfachen Wunsch hier das Lieblingsessen von Meister Bonetti: confiertes Schweinekinn an frittierten Kapern und gebeiztem Lauchknödel. Aber auch die explodierte Gänsekeule (mit Darm) an Sardellen-Nougat-Creme und blau lackiertem Allerlei von der Karotte verschmäht er nicht. Dazu wird ein Zottelbacher Krötentunnel Cuvée Jahrgang 2015 gereicht.
So lobe ich mir mein Berlin. Bei „Bier’s“, Ku’damm 195, der Würstchenbude der Schönen und Reichen, bestellt sich Bonetti zur Currywurst immer den Dom Perignon Rosé für schlappe 540 € die Flasche.
Werbung: Andy Bonetti – kleiner als ein gewöhnlicher Tornado, aber doppelt so wild.
Aus der Perspektive des Kapitalismus ist ein Künstler, der kein Geld verdient und damit auch keinen Wert produziert, ein Feind. Falls er auch noch so verrückt ist, das System zu kritisieren oder gar zu bekämpfen, muss er beseitigt werden.
Wir kommen schreiend und heulend auf die Welt, das Lachen lernen wir erst nach einigen Monaten.
Fakten, die uns noch gefehlt haben. Heute: Wie lachen eigentlich Diktatoren? Aus einem Buch des Ex-Soldaten Will Bardenwerper über die letzten Tage von Saddam Hussein: „Er lachte wie Graf Zahl aus der Sesamstraße“ (zitiert nach BILD).
Wer erinnert sich noch an die Tiefflieger, die in Zeiten des Kalten Kriegs über unsere Häuser donnerten? Bis zu 130 Dezibel laut – das Achtfache eines Presslufthammers – und überfallartig. Gerade in Rheinland-Pfalz wurde jeden Tag Krieg gespielt, lange Kolonnen von US-Panzern und Lkws verstopften regelmäßig die Autobahn. Den Job hat heute die Wirtschaft mit ihren Trucks übernommen.
In den achtziger Jahren war das „Waldsterben“ ein riesiges Problem. Es folgten Katalysatoren an Autos, Filter an Industrieschornsteinen, Abschaltung von Braunkohlekraftwerken und die Verlagerung der umweltschädlichsten Produktionen nach China, Taiwan, Südkorea usw. Der Schwefeldioxidausstoß fiel in Deutschland von 7,5 Millionen Tonnen auf 0,5 Millionen Tonnen. 2003 erklärte die damalige Landwirtschaftsministerin Künast von den Grünen das Waldsterben für beendet. Mit dem „Ozonloch“ in den neunziger Jahren lief es ähnlich. Hoffen wir mal, dass der „Klimawandel“ auch bewältigt wird.
1966 waren die „Sechziger“ aus Minga deutscher Fußballmeister – in diesem Jahr wurde ich geboren. 2017 ist der Verein in den Amateurbereich durchgewunken worden. Die einen steigen ab, die anderen steigen auf.
Booker T & The MG's - Born Under A Bad Sign. https://www.youtube.com/watch?v=APn3NBgAPa8

Copyright: Harri. Danke!

Donnerstag, 8. Juni 2017

Warum ich im ICE immer am Tisch sitze

Eine Frau setzt sich mir gegenüber an den Tisch im ICE-Großraumwagen und fängt an, in ihrer Handtasche herumzukramen.
Nach einer Weile sieht sie mich fassungslos an. „Ich habe meine Bahncard vergessen. Ist das schlimm?“
„Ich fürchte, das ist ein unverzeihlicher Fehler“, antworte ich ruhig.
„Was passiert denn jetzt?“
„Das ist einer von diesen neuen ICE. Die haben Schleudersitze eingebaut.“
„Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“ Ihre Stimme klingt sehr besorgt.
„Ich habe es auch nicht geglaubt, bis ich den ersten Fahrgast gesehen habe, der abgeflogen ist.“ In solchen Situationen ist es wichtig, nicht zu lachen.
„Was mache ich denn jetzt?“
„Wissen Sie denn, wo sich Ihre Bahncard im Augenblick befindet?“
„Ja, zu Hause auf meinem Schreibtisch.“
„Ist Ihr Mann zufällig gerade in der Wohnung?“
„Keine Ahnung. Aber was nutzt mir jetzt mein Mann? Er kann ja nicht so schnell mit dem Wagen an den nächsten Bahnhof fahren.“
„Aber er könnte Ihre Bahncard fotografieren und Ihnen das Bild aufs Handy schicken.“
„Das ist eine gute Idee. Aber wird der Schaffner mir die Geschichte abkaufen?“
„Er müsste schon ein Herz aus Stein haben, wenn er Ihnen nicht glaubt.“
„Danke, das mache ich.“ Sie telefoniert mit ihrem Mann und bald darauf ist das Foto von ihrer Bahncard auf dem Handy.
„Vielen Dank. Das war sehr nett. Sind Sie Pfarrer oder Lehrer?“
„Nein. Ich habe früher mal als Berater gearbeitet. Probleme lösen ist mein Job gewesen.“
„Da haben Sie sicher viel Geld verdient.“
„Wir haben auch noch nicht über mein Honorar gesprochen.“
Sie lacht nervös. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht viel anbieten.“
Ich deute auf ihre Handtasche. „Haben Sie Süßigkeiten?“
„Ja, ich habe ein Twix dabei.“
„Ich bin mit der Hälfte zufrieden.“
Sie holt das Twix aus der Handtasche und wir teilen es uns.
„Sie sind ein knallharter Geschäftsmann“, sagt sie gutgelaunt.
„Was meinen Sie, warum ich so aussehe?“ frage ich sie und deute auf meinen umfangreichen Bauch.
Der Schaffner kommt, sieht das Foto der Bahncard und betätigt den Knopf für den Schleudersitz. Nein, kleiner Scherz. Aber am Tisch im ICE lernt man immer nette Leute kennen.
The Psychedelic Furs - Until She Comes. https://www.youtube.com/watch?v=dNEDY9I_wOk

Mittwoch, 7. Juni 2017

Wenn ich noch einmal jung wäre

Wenn ich – mit meinem heutigen Wissen und meinen Erfahrungen – noch einmal meine Jugend wiederholen könnte, dann …
wäre ich abends früher nach Hause gekommen.
hätte ich mich nicht in ein Mädchen verliebt, mit dem ich nur drei Sätze gesprochen habe.
hätte ich mein Geld in Aktien investiert und nicht in Schallplatten.
hätte ich nicht so viel getrunken und meine Finger von Drogen gelassen.
hätte ich meine Hausaufgaben gemacht und jeden Tag gelernt, um in der Schule bessere Noten zu haben, womit ich meine Berufsaussichten verbessert hätte.
hätte ich nicht diesen schrottreifen Alfa Romeo gekauft, mit dem ich nur Ärger hatte.
wäre ich nicht mit Freunden Samstagnacht nach der Disco nach St. Pauli gefahren, um einen Kumpel zu besuchen.
hätte ich nicht mein ganzes Taschengeld ausgegeben, sondern einen Teil gespart.
hätte ich nicht so viel Zeit mit Romanen und Musik verbracht, sondern einen Computerkurs belegt.
hätte ich nicht so viele Hamburger und Pommes gegessen, sondern auch mal Obst und Gemüse.
hätte ich auf den Rat meiner Eltern und Großeltern gehört.
wäre ich nicht in diese Kiffer-WG gezogen, die mich ein Jahr lang vom Studium abgehalten hat.
hätte ich BWL oder Jura studiert und nicht Sozialwissenschaften.
hätte ich die Tochter eines Vorstandsvorsitzenden geheiratet, die sich in mich verliebt hat.
wäre ich nicht so oft nach Holland, sondern in die Schweiz gefahren, weil es meinen Lungen besser bekommen wäre.
hätte ich nicht mit überhöhter Geschwindigkeit einen Unfall mit Totalschaden gebaut, weil ich mit einem Bier in der Hand gerade an meiner Stereoanlage rumgefummelt habe, um den Equalizer anders einzustellen.
hätte ich nicht auf irgendwelchen Rockfestivals campiert, sondern hätte Wochenendseminare gebucht, um mich weiterzubilden.
hätte ich Buchführung gelernt, anstatt Notizbücher mit sinnlosem Quatsch vollzuschreiben, den niemand jemals lesen wird.
hätte ich mir anständige Freunde gesucht, nicht diesen Haufen Säufer, Penner und Junkies, damit ich später mal mit ihnen Geschäftskontakte aufbauen kann.
hätte ich einen Bausparvertrag abgeschlossen und später ein Haus gebaut.
hätte ich mein Geld in schicke Möbel investiert und nicht in monatelange Weltreisen.

Klingt gut, oder? Aber dann hätte ich heute auch nichts zu erzählen.
Götz Widmann - Chronik meines Alkoholismus. https://www.youtube.com/watch?v=EHYY6sysmko

Dienstag, 6. Juni 2017

Frage zu Mahatma Gandhi

Man sollte ja aus Mails nicht zitieren, aber hier kann ich nicht widerstehen. Eine TV-Produktion schickte mir unter der Überschrift "Frage zu Mahatma Gandhi" folgende Anfrage - die ich als international renommierter Experte natürlich gerne beantwortet habe.
Sehr geehrter Herr Eberling,
Ich arbeite als Produzentin für XYZ und recherchiere zurzeit zum Thema «Mahatma Gandhi» Gerne würde ich die folgende Quiz-Frage generieren:
Was hat Mahatma Gandhi studiert?
a) Medizin
b) Theologie
c) Rechtswissenschaft (richtige Antwort?)
Ist die Frage unmissverständlich formuliert und ausschließlich die Antwort C korrekt? Das heißt: Können Sie bestätigen, dass Gandhi zu keinem Zeitpunkt Theologie oder Medizin, aber sehr wohl Recht studiert hat?
Zudem haben wir bei dieser Frage folgende Zusatzinformationen vermerkt:
- Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 geboren. Lebte von 1869-1948.
- Der 2. Oktober ist in Indien ein gesetzlicher Feiertag.
- Studierte von 1888–1891 in London Recht und praktizierte später als Anwalt
Können Sie uns die Korrektheit dieser Infos bestätigen?
Ich habe auf dem Internet bereits einige Informationen gefunden. Wir sind beim Generieren unserer Quiz-Fragen aber stets darauf bedacht, wenn immer möglich Expertenmeinungen und offizielle Quellen mit einzubeziehen. Daher erlaube ich mir, Sie anzuschreiben.
Für eine Antwort wäre ich Ihnen daher sehr verbunden und danke vielmals im Voraus.

Heimweh nach Helsinki

An der Bonetti University™ können Sie Creative Writing lernen. Hören wir dem Meister für einen Augenblick zu, der gerade vor einer Gruppe Erstsemester doziert.
„Literatur ist ein knallhartes Geschäft. Sie müssen ein guter Verkäufer sein, sonst verdienen Sie keinen Cent in dieser Branche. Dieses Geschäft ist dreckig und es ist brutal. Ich habe vorher im Gebrauchtwagenhandel und im Offshore-Heizdeckenvertrieb gearbeitet. Ich weiß, wovon ich rede. Sehen Sie nach links und sehen Sie nach rechts.“
Die Studenten wenden brav den Kopf nach beiden Seiten.
„Das sind die Konkurrenten, gegen die Sie auf dem Buchmarkt antreten. Neun von zehn Autoren scheitern in den ersten zwei Jahren. An dieser Universität lernen Sie, zu den Überlebenden zu gehören. Soll ich Ihnen jetzt verraten, wie Sie eine gute Story schreiben?“
„Ja“, rufen die Studenten im Chor.
„Ich kann Sie nicht hören.“
„Ja“, brüllen alle, so laut sie können.
„Entscheidend an einem Text ist die Überschrift. Nur eine fesselnde, eine packende Überschrift bewegt den Leser dazu, Ihren Text zu lesen. Dazu brauchen Sie Catchwords, die den Leser emotional bewegen oder ihn neugierig machen. Fangen wir mit einem emotionalen Begriff an. Liebe und Tod gehen immer. Was sollen wir nehmen?“
„Heimweh“, sagt ein Student.
„Sehr gut. Heimweh. Und jetzt ein Ort. Er sollte bekannt sein, aber eigentlich darf keiner Ihrer Leser dort gewesen sein, sonst wird die Recherche zu aufwändig. Haben Sie eine Idee?“
„Helsinki“, schlägt eine Studentin vor.
„Ausgezeichnet. ‚Heimweh nach Helsinki‘. Jetzt haben wir einen Titel, das ist die halbe Miete. Und wir haben die ersten Handlungsfäden. Wer hat Heimweh nach Helsinki? Natürlich ein Finne. Was ist seine Handlungsmotivation? Er will nach Hause. Was heißt das? Er ist gerade nicht in Helsinki. Warum will er ausgerechnet jetzt nach Helsinki? Weil etwas passiert ist, weswegen er zurück in seine Heimat muss. Damit haben Sie den Plot bereits skizziert. Verstanden?“
„Ja, Herr Bonetti“, rufen die Studenten, die eifrig mitschreiben.
„Jetzt brauchen wir einen Namen. Kennen Sie einen Finnen?“
„Aki Kaurismäki.“
„Sehr gut. Wir brauchen einen Namen, der ähnlich klingt. Richtig finnisch, nach Ansicht des Lesers, der auch nicht mehr weiß als Sie. Zu diesem Zweck geht man bei Wikipedia auf die Seite der Fußballmannschaft des betreffenden Landes und sucht sich einen Namen. Wichtig ist, dass Sie Vor- und Nachnamen von verschiedenen Spielern nehmen, damit Ihnen kein findiger Leser auf die Schliche kommt. Haben Sie einen Namen? Und bitte nichts Kompliziertes. Denken Sie daran, dass Sie den Text vielleicht einmal während einer Lesung vortragen müssen.““
Die Studenten befummeln eifrig ihre Smartphones.
„Jarko Hämäläinen.“
„Gut. Unser Finne in der Fremde heißt Jarko Hämäläinen. Was ist das Motiv für sein Heimweh? Denken Sie daran, dass der Leser emotional bewegt werden will.“
„Seine Mutter ist plötzlich krank geworden“, schlägt eine Studentin vor.
„Perfekt. Welche Krankheit hat Sie? Es muss unserem Helden genug Zeit geben, die Heimreise anzutreten, aber ihn gleichzeitig auch unter Zeitdruck setzen, damit wir die Handlung vorantreiben können.“
„Krebs im Endstadium.“
„Nehmen wir. Warum hat er überhaupt das Land verlassen? Suchen Sie einen Grund, den der Leser innerlich ablehnt, damit er sich mit dem Protagonisten und seiner Handlungsmotivation identifiziert.“
„Geld.“
„Genau. Er hat einen Job angenommen, der ihn zwar wohlhabend gemacht hat, ihm aber keine persönliche Befriedigung verschafft hat. Er kann frohen Mutes zurück nach Helsinki. Er hinterlässt nichts, was ihn emotional bindet. Ein Golden Retriever, der gerade zehn Welpen bekommen hat, würde Ihnen die Story kaputt machen, verstehen Sie?“
Die Studenten lachen.
„Gut. Kommen wir zum Anfang der Geschichte. Die ersten Sätze sind immer sehr wichtig. Steigen Sie in eine dramatische Szene ein. Und fangen Sie mitten in der Szene an, quasi auf ihrem Höhepunkt. Den Rest erklären Sie im Anschluss. Der Leser muss von der ersten Zeile an gefesselt werden. Er darf nicht mehr aussteigen. Die erste Szene könnte also das Telefonat sein, bei dem der Protagonist von der Erkrankung seiner Mutter erfährt“, erklärt Bonetti und fährt mit verstellter Stimme fort: „Oh nein, nicht mein Mutter. Warum ausgerechnet sie?“
Die Studenten lachen erneut.
„Jetzt habe ich Ihnen den Plot skizziert und eine Idee für den Anfang geliefert, der immer etwas schwierig ist. Bis nächste Woche schreibt jeder von Ihnen eine Kurzgeschichte von mindestens zehn Seiten.“
The Electronic Circus - Direct Lines. https://www.youtube.com/watch?v=suN-TBGCHDY

Montag, 5. Juni 2017

#Lightkultur


Blogstuff 134
„Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut.“ (Peter Ustinov)
Was lesen meine müden Augen auf der Verpackung des „Budapestersalat“ von Rewe? „Mit Fleischsalatgrundlage“. Ich finde, eine Kultur, die das Wort Fleischsalatgrundlage hervorbringt, kann keine schlechte sein.
Es gibt siebzigjährige Headbanger, die bei AC/DC ausrasten. Ich will gar nicht wissen, wie die Revolution der Jugend einmal aussehen wird.
Eigenschöpfung der Wortmanufaktur Bonetti: Moribanatisch – dem Tode nahe und dennoch ekstatisch.
Wenn Sie via Suchtmaschine herausfinden wollen, ob es Violinsolo oder Violinensolo heißt, aber stattdessen „Violinsenolo“ schreiben, dann wird es offensichtlich Zeit für eine kleine Zwischenmahlzeit. (btw: Nennen die jungen Leute die Internetsuche eigentlich „gurgeln“ oder „kugeln“?
Wissen Sie, was einen Trinker deprimiert, wenn er alt wird? Anfangs hat er noch Brüste wie eine Fünfzehnjährige. Das ist komisch. Aber im Alter hat er Brüste wie eine Achtzigjährige. Darüber kann niemand mehr lachen.
Meine Mutter hatte nach der Scheidung kurzzeitig den Plan, in ihre alte Heimat zurückzukehren und ihren Mädchennamen wieder anzunehmen. Dann wäre ich in Diez aufgewachsen und würde heute Matthias Meckel heißen. Ob mein Leben anders verlaufen wäre?
Geplante Inschrift auf der Pyramide über Bonettis Gruft: „Möge die Würde und die Schönheit seiner Sprache für alle Zeiten in den Herzen seiner großartigen Verehrer bewahrt werden, auf das seine Dichtkunst nicht vergeblich gewesen ist.“
Bonetti Beauty & Lifestyle bietet jetzt auch spezielle Survivalkurse für Frauen an. Wie finde ich im Wald die natürlichen Rohstoffe für ein Make-Up oder eine Haartönung?
Selbst wenn Bonetti am späten Abend allein in seiner Küche steht, sagt er Sachen wie: „Regie?! Können wir das mal zeigen? Keine kalten Getränke mehr im Kühlschrank. Saturday night live im Biosphärenreservat Bonetti, meine Damen und Herren. So muss der Homo erectus gelebt haben.“ Dieses Verhalten ist bei Prominenten übrigens ganz normal.
Eine Silberkugel oder ein Holzpflock werden nicht reichen. Wir müssen über Napalm oder Atomwaffen reden.
Melanome – das schwarze Konfetti des Teufels.
Jung sterben, aber erst in hohem Alter. Das ist das ganze Geheimnis.
Im Traum fahre ich alleine mit einem Wagen, den ich mir geliehen habe, durch eine ländliche Gegend mit wenigen, ärmlichen Bauernhäusern. Dann komme ich in eine Stadt, in deren Mitte eine mächtige Burg steht. Ich stelle den Wagen im Parkhaus ab, weil ich die fremde Stadt besichtigen möchte. Im Parkhaus stehen einige Leute um einen Wagen herum, der keine Lackierung, sondern einen braunen Lederüberzug hat. Der Besitzer macht Werbung für seine Firma, die jedes Auto in Leder verpacken kann. Ich nehme an einer Führung durch die Burg teil und mache mir Notizen in ein kleines Buch. Nur einen Satz habe ich mir nach dem Aufwachen behalten. Wie immer war er im Traum wichtiger als im Leben: „Die elfenbeinfarbene Haut der Burg, vergilbt wie alte Erinnerungen, die wir nicht mehr entziffern können.“
Hätten Sie’s gewusst? Dieter Bohlen hat sein Honorar für die neue Bonetti-Firmenhymne komplett dem Projekt „DSDS-Teilnehmer in Not“ gespendet.
Die Schreibmaschine habe ich von Anfang an geliebt. Alles, was man auf ihr schreibt, sieht sofort wichtig aus – ich Gegensatz zu meiner krakeligen Schrift. Wenn man keine Tippfehler macht, sieht ein Blatt mit Maschinenschrift aus wie eine Buchseite. Noch besser war die ausrangierte elektrische Schreibmaschine aus der Firma, in der meine Eltern arbeiteten. Ein klobiges und unglaublich schweres Gerät. Wenn man sie einschaltete, hörte man ein leises Summen. Wenn man die Hand auf sie legte, vibrierte sie ganz leicht. Nach einer Weile wurde sie handwarm. Der Strom machte sie ein klein wenig lebendig. Ob sie nachts von elektrischen Schafen träumte? Es war immer ein Blatt Papier eingespannt, damit ich sofort mit dem Schreiben anfangen konnte, wenn mir etwas einfiel. Wenn Freunde kamen, setzten sie sich an den Schreibtisch und schrieben einen Satz. Meistens natürlich Quatsch. Und doch ging von der Maschine eine gewisse Anziehungskraft aus. Das gesprochene Wort verflog, das geschriebene Wort blieb.
Trisomie 21 - The Last Song. https://www.youtube.com/watch?v=A3ZVZVMIG7g
Die CDU-Kamapgne zur Bundestagswahl: Merkel wird die Roten filetieren.

Sonntag, 4. Juni 2017

Speisekarte 1963

Damals hat der halbe Liter Schultheiss Hell vom Fass noch eine Mark gekostet, das Pilsner 1,10 DM und das Schultheiss Juwel (Starkbier) 1,44 DM.

Fundstücke

„Er tauchte tief hinab auf den Meeresgrund, wo die Wrackteile seiner Jugenderinnerungen verstreut waren.“ (Johnny Malta: Fragmente)
Der berühmte Käsemarkt von Alkmaar. Das Bild hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Ich bin nie in Alkmaar gewesen. Aber ich hatte das Bild als Puzzle. Mein Großvater war der Ansicht, ein Puzzle würde genügen. Wenn ich also die Ferien bei meinen Großeltern auf dem Land verbrachte, konnte ich den Käsemarkt von Alkmaar zusammenpuzzeln – oder es bleiben lassen. Wenn ich am Abend fertig war, packte mein Opa die Puzzleteile wieder in den Pappkarton.

Später bekam ich doch noch ein zweites Puzzle. Pierre Brice als Winnetou. Der bunte Anzug war ganz einfach. Aber der Hintergrund bestand praktisch nur aus blauem Himmel. Da musste man erst mal die Randstücke als Rahmen legen und sich dann mühsam zum Ende vortasten.
In der Küche meiner Großeltern hing eine Mittelgebirgslandschaft mit Hirsch. Genauso sah es rund um das Dorf aus, nur der Hirsch fehlte. Im Schlafzimmer hing ein Jesus über dem Bett, der von Schafen umgeben war und ein Lamm auf dem Schoß hielt. Eine schöne Vorstellung für das Landvolk: Jesus als einer von ihnen. Dabei hat der Mann nie gearbeitet. Im Wohnzimmer über dem Sofa, auf dem Prachtplatz der guten Stube, hing der Meisterbrief meines Vaters. Der höchste Bildungsabschluss, den ein Mitglied meiner Familie je erreicht hatte.
Neben dem Sofa war ein winziger Beistelltisch, auf dem an Weihnachten ein etwa fünfzig Zentimeter hoher Plastikbaum mit blinkenden Lichtern aufgestellt wurde, dessen Äste man ausklappen konnte. Das war selbst für unsere Verhältnisse eine ziemlich müde Nummer. Kein Ritual des Baumholens oder des Baumschmückens. Er wurde vom Speicher geholt, aufgestellt und eingestöpselt. Weihnachtsmannfrei Zone. Niemand hat sich je für mich verkleidet.
In der Küche hing das ganze Jahr über der langweiligste Kalender der Welt. Jeden Tag rupfte mein Opa ein kleines Blatt mit einer schwarzen Nummer ab, alle sieben Tage war es eine rote Nummer. Sonst war nichts auf dem Zettel. Wozu braucht man sowas?
In der Nähe des Hauses gab es einen winzigen Bach, an dessen Ufer man kleine Kreidestücke aus der Böschung brechen konnte. Damit haben wir uns immer die Felder für unsere Hüpfspiele auf die Straße gemalt. Autos kamen fast nie vorbei, nur wenige Leute im Dorf hatten einen Wagen. Mein Opa hatte nur ein Fahrrad – aber eine, allerdings heillos zugerümpelte, Garage.
Wieso fühlten wir uns eigentlich immer so unglaublich großartig, wenn wir in einem Baum saßen? Oder wenn wir uns erfolgreich in einem düsteren Keller versteckt hatten, in dem die Unterwäsche meiner Großeltern von der Leine hing? Ich sehe die ganzen Bruchstücke vor meinen Augen, aber sie ergeben keinen Sinn. Es sind nur Erinnerungen.
Marillion - Misplaced Childhood Pt. 6 / 6. https://www.youtube.com/watch?v=awB4e7sEZHM

Samstag, 3. Juni 2017

Schwarzer Humor


Wir gratulieren Samuel L. Jackson zum 80. Geburtstag.

Proseminar Trumpismus

Nach der Logik des Trumpismus ist die zunehmende Armut ein Problem. Daher brauchen wir weniger Arme. Wie schaffen wir das? Indem die Zahl der Armen durch Krieg, Hunger und Krankheit reduziert wird. Also wird der Umweltschutz abgeschafft, die Militärausgaben werden erhöht, die Bildungsausgaben reduziert. Außerdem werden Einkommen ab einer Million Dollar jährlich massiv entlastet. Dieser Mann ist nicht verrückt – er folgt einem Plan.

Ein Jahr später

Ein Jahr, nachdem sie einen Irren zum Präsidenten gewählt hatten, waren sie selbst verrückt geworden. Es begann am frühen Morgen, als die Müllmänner in seine Straße kamen und dort kübelweise Abfall auf die Bürgersteige kippten. Alte Autoreifen und kaputte Sofas landeten in den Vorgärten. Er beobachtete es von seinem Fenster aus und machte das Radio an. Die Musik klang, als würde sie rückwärts laufen – und das in wechselnden Geschwindigkeiten.
Vom chinesischen Restaurant gegenüber kamen der Koch und der Kellner herüber und wollten bei ihm zu Mittag essen. Er bat sie in seine Küche und machte ihnen Wiener Würstchen heiß. Sie lachten, aber sie beschwerten sich nicht. Im Fernsehen lief nur die Daueraufnahme einer Waldlichtung, auf die man offensichtlich eine Kamera gestellt hatte. Auf allen Sendern das gleiche Bild ohne Ton. Im Internet sah man nur ein Aquarium, nirgends war etwas anzuklicken oder zu kaufen.
Am Nachmittag ging er auf die Straße. Schwarzer Schnee fiel vom Himmel und die Amseln begannen zu bellen. Vor dem Supermarkt verschenkten die Kassiererinnen Sekt und Süßigkeiten. Ein Banker sprach ihn an und fragte ihn, was er jetzt machen solle. Er riet ihm, niemals Geld über Nacht zu behalten und alles vor dem Abend zu verschenken.
Auf dem Marktplatz brannte am Abend ein Feuer, um das die Menschen saßen. Es wirkte ganz friedlich. Er setzte sich dazu und bekam sofort ein Bier angeboten. So begann die neue Zeit.
Turquoise Days - Grey Skies. https://www.youtube.com/watch?v=GqpL5iNa4rA