Freitag, 22. Dezember 2017

Weihnachten – Guter Bulle, Schlechter Bulle

Ich erinnere mich noch an die Weihnachtsfeiern der Vereine, in denen meine Familie aktiv war. Damals gab es nicht den netten Coca-Cola-Weihnachtsmann, sondern die knallharte Konfrontation mit dem eigenen Schicksal und der eigenen Seele. Die Eltern hatten uns darauf vorbereitet, dass wir auf dieser Feier mit dem Nikolaus und seinem Gehilfen, dem Knecht Ruprecht, zusammentreffen würden. Wir sollten, so drohte man uns mehrfach, in uns gehen und uns fragen, ob wir das Jahr über „brav“ gewesen seien. Nun ist es als Kind schwierig, ein ganzes Jahr zu überblicken. Es moralisch zu überblicken, ist völlig unmöglich. Es selbstkritisch zu bewerten im Hinblick auf eine Weihnachtsfeier bzw. Bestrafungsorgie – absurd.
Also stand ich, als es endlich soweit war, mit klopfendem Herzen vor dem Tribunal der Erwachsenen. Bin ich „brav“ gewesen? Dann gab es Geschenke vom Nikolaus. Wenn ich nicht „brav“ gewesen bin, würde Knecht Ruprecht mich mit seiner Rute verhauen. Es wurde also offen mit Gewalt gedroht. Jedes Kind wurde einzeln aufgerufen. Vor allen Erwachsenen musste man den endlosen Weg zum Nikolaus und seinem Henker gehen. So müssen sich die letzten Meter vor dem Schafott angefühlt haben.
„Bist du denn auch brav gewesen?“ rollt es donnernd aus dem Mund vom Nikolaus. Habe ich überhaupt geantwortet? Wie durch ein Wunder ging es dennoch gut. Ich bekam eine bunte Tüte mit Walnüssen, Mandarinen und Plätzchen in die Hand gedrückt und war für dieses eine Mal von der Schuld eines Jahres voller Ungehorsam und alberner Streiche befreit. Dazu gab es eine Ermahnung für das weitere Leben, die – wie ich erst als Erwachsener erfuhr – von den Eltern in Auftrag gegeben worden war.